Montag, 23. Dezember 2013

Die Armenier zur politischen Sicht der Dinge vor Gericht

Selbst von höchster Instanz, vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, ist in menschen- und völkerrechtlichen Kontroversen kein eindeutiges Urteil zu erlangen, wenn es um politisch heikle Fragen geht. Vom Zentralrat der Armenier in Deutschland (ZAD) erhielt ich soeben per e-mail eine Stellungnahme zum jüngsten Urteil des Gerichts bezüglich der armenischen Leidensgeschichte. Anläßlich des im Kirchenkalender der lateinischen Christenheit anstehenden Weihnachtsfestes 2013 und der allfälligen Friedensbotschaften stelle ich für die Leser der Unz(w)eitgemäßen Betrachtungen die Erklärung des ZAD ins Netz:

Genozid-Leugnung

Ein verheerendes Signal für die europäische Werteordnung“, so kommentiert der Zentralrat der Armenier in Deutschland (ZAD) das jüngste Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, mit dem die Leugnung des türkischen Völkermords an den Armeniern im Jahre 1915 dem Recht auf freie Meinungsäußerung untergeordnet wird.
Der zentrale Kern der Menschenrechte, so der ZAD, werde verletzt, wenn die Würde des Menschen nicht mehr als unantastbar geschützt, sondern der Beliebigkeit politischer Populismen ausgeliefert werde. „Wenn die Opfer eines Völkermords unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung verleumdet und verleugnet werden dürfen, müssen wir tiefgreifende Zweifel an der Gültigkeit eines europäischen Wertekanons anmelden“, so der Vorstand des ZAD.
Den Holocaust an den Armeniern und anderen ethnischen und religiösen Minderheiten im osmanischen Reich zu leugnen, bedeute, die Würde von über drei Millionen Ermordeten und von Hunderttausenden Flüchtlingen und Vertriebenen zu leugnen. Und bedeute zudem eine tiefe Verletzung der Würde der nachfolgenden Generationen, die dem Genozid entkommen und in die Diaspora  geflohen sind – in die europäische Diaspora, deren Rechtsprechung nun offenbar dem verbreiteten politischen Opportunismus nachgebe, mit dem die Europäische Union der Türkei im Rahmen der Beitrittsverhandlungen eine hinterhältige historische Lüge zuzugestehen bereit scheint. Indirekt, so interpretiert der ZAD das Urteil, spricht das Gericht damit die Anerkennung und Legitimation von Völkermord als zulässiges Mittel der Politik aus.
Nun rächt sich, zieht der ZAD ein Fazit, dass das deutsche Parlament vor acht Jahren zwar den Genozid an den Armeniern inhaltlich anerkannt, dabei aber mit Rücksicht auf die Türkei den einzig juristisch korrekten Begriff – „Völkermord“ – peinlichst vermieden habe. „Inzwischen“, so der ZAD, „ist auch die deutsche Politik wieder weit hinter die Beschlüsse des Bundestags von 2005 zurück gefallen.“
Der ZAD fordert seit vielen Jahren die förmliche Anerkennung des Völkermords an den Armeniern durch den deutschen Gesetzgeber, die Aufnahme des Themas Völkermord in den europäischen Wertekanon und damit in die Bildungsinhalte deutscher Schul- und Lehrbücher.
Vorstand des Zentralrats der Armenier in Deutschland

Frankfurt am Main, 23.12.2013

Dienstag, 17. Dezember 2013

Revisionismus: Chr. Clark, Fritz Fischer, Egmont Zechlin

Nachdem zur (post-)christlichen Weihnachtszeit das ewige Gedenkjahr 2013 endlich abgefeiert ist, steht das 100jährige Gedenken der europäischen "primordial catastrophe" (G.F. Kennan) bevor. Die Debatte steht  schon jetzt im Zeichen von Christopher Clarks Bestseller "Die Schlafwandler"  (The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914, erstmals 2012). Das Buch des in Cambridge lehrenden australischen Historikers  über den Ausbruch des 1. Weltkriegs und dessen komplexes Ursachengeflecht, in welchem dem Deutschen Reich kein anderer Anteil als der der anderen Beteiligten am Kriegsausbruch zugeschrieben wird, hat die geschichtsideologischen Grundfesten der bundesrepublikanischen classe discutante erschüttert.

Natürlich hat der ZEIT-Redakteur  Volker Ullrich ("Zündschnur und Pulverfass", in: Die Zeit, 17.09.2013) in seiner Rezension derlei Revision(ismus) bereits für unzulässig erklärt und den Schwarzen Peter wieder  an die Deutschen zurückgeschoben. Die  "Akteure in Berlin" in Berlin hätten allein Österreich-Ungarn "von der militärischen Aktion gegen Serbien zurückhalten [können], die nach Lage der Dinge den großen Krieg nach sich ziehen musste." Damit fällt die  Hauptverantwortung in der Sicht des Redakteurs wie gehabt auf das Deutsche Reich zurück. Für Ullrich besteht auch nach dem Buch von Christopher Clark kein Anlass, "diese Erkenntnis" zu revidieren. Wenngleich er  - gleichsam zur Kaschierung seiner eigenen Überzeugung - einleitend behauptet, die Kriegsschuldthesen Fritz Fischers hätten sich keineswegs allgemein durchgesetzt, geht es Ullrich  in seiner Kritik an Christopher Clark um nichts anderes als um die Behauptung eben dieser Position. Er ficht gegen die "Revision der Revision" und glaubt anscheinend noch immer an den historischen Endsieg in der Schlacht um die deutsche Haupt-, wenn nicht Alleinschuld. Emphatisch  hatte Ullrich zwei Jahren zuvor geschrieben: "Noch heute empfinde ich uneingeschränkte Bewunderung für die Courage, mit der Fischer der historischen Wahrheit eine Gasse gebahnt hat." (http://www.zeit.de/2011/44/Fischer-Kontroverse). Die für die Historiographie grundlegende Pilatus-Frage scheint für Historiker wie Ullrich keine Frage zu sein. 

Fritz Fischers "Griff nach der Weltmacht" (1961/1967) bestimmte - nach   ersten Aufsätzen  zur deutschen Kriegszielpolitik 1914-1918 (HZ 188/1959) und zur "Kontinuität des Irrtums" (HZ 191/1960) - seit Beginn der 1960er Jahre das westdeutsche Geschichtsbild. (Für die DDR war ohnehin schön abstrakt - und dessen ungeachtet nicht gar so fern der historischen Wirklichkeit - "der Imperialismus" an allem schuld.) Fischers ausschließlich aus deutschen Akten abgeleiteten Thesen hinderten mehrere Generationen - vor und nach "1968" -an nüchterner, vorurteilsfreier  Betrachtung des Weges in den "Selbstmord Europas" (Paul Ricoeur). Angemerkt sei, dass selbst Fischers Schüler Imanuel Geiss schon vor dem Epochenjahr 1989 zu einer etwas anderen Sicht der Dinge gelangte.

Inzwischen gelten Fischers Thesen - von den naturgemäß ausufernden, von Siegesaussichten inspirierten Kriegszielen in Bethmann-Hollwegs Septemberprogramm von 1914 schlossen Fischer und seine Adepten rückwirkend (post hoc ergo propter hoc) auf zielgerichtete deutsche Kriegstreiberei während der Julikrise - unter jüngeren in- und ausländischen Historikern als kaum noch diskutabel. In einer Diskussion mit dem Journalisten Peter Voß (in 3Sat am 16.12.2013) attestierte Herfried Münkler, der seinerseits soeben ein Buch über den 1. Weltkrieg ("Der Große Krieg. Die Welt 1914-1918", 2013) geschrieben hat, den Arbeiten Fischers  Niveau und Qualität von "Proseminararbeiten".

Ob sich im Gefolge der "revisionistischen" Werke über den mit der " Kriegsschuld" (von John Foster Dulles, dem jungen New Yorker Rechtsanwalt in Woodrow Wilsons  Friedensdelegation, formulierten Art. 231 des Versailler Vertrages) verwobenen Ursachenkomplex auch das  deutsche zivilreligiöse Dogma der zwiefachen Schuld aufgehoben wird, bleibt abzuwarten. Insofern wir es  mit einem hochpolitischen Credo einer vom säkularisierten Protestantismus imprägnierten Nation - oder im Blick auf Ideologie und Demographie Post-Nation - zu tun  haben, der infolge der Weltkriege, insbesondere durch die Nazi-Katastrophe, politische Urteilskraft und/oder geistige Selbstbestimmung  abhanden gekommen ist, verdient ein Aspekt der Jahrzehnte zurückliegenden Fischer-Kontroverse Beachtung: Zu den Hauptgegnern der "Kriegsschuldthese" zählte neben Gerhard Ritter,  dem  Goerdeler-Widerstandskreis zugehörigen konservativ-protestantischen Historiker, Fischers Hamburger Kollege Egmont Zechlin.

Wie Ritter war Zechlin ein Repräsentant des Widerstandes. Wenngleich seit 1933 NSDAP-Mitglied, gehörte er zu den Freunden Arvid Harnacks (1901-1942), des vom religiösen Sozialismus geprägten Protagonisten der "Roten Kapelle". Unmittelbar bevor  die Gestapo Anfang September 1942 gegen die Gruppe um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack zuschlug, verbrachte er noch Urlaubstage mit Arvid und Mildred Harnack in Ostpreußen.

Umgekehrt trug der aus dem fränkischen Protestantismus stammende Kriegsschuldforscher Fischer (1908-1999) eine sehr spezifische persönliche Schuldbelastung mit sich herum. Von Haus aus Theologe, gehörte er in  jungen Jahren im Umfeld des Nationalsozialismus dem "Bund Oberland" an. Um 1933 zählte er zu den Anhängern der "Deutschen Christen". Seine Karriere als Historiker begann er 1939 an dem außerhalb der Universität angesiedelten "Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschland" in Braunschweig unter der Leitung von Walter Frank (1905-1945). Dieser Mann brachte sich NS-politisch korrekt beim Finale des Hitler-Reiches um. Zur Ironie der deutschen Nachkriegsgeschichte gehört das Faktum, dass aus diesem Nazi-Institut das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung hervorgehen sollte.

Dass die Fischer-Thesen das bundesrepublikanische Bewußtsein über Jahrzehnte hin prägen konnten und noch heute in der politischen Liturgie (und in den Predigten) des " progressiven" Protestantismus zu vernehmen sind, war kein Zufall, sondern Teil der deutschen Geschichtsmisere. Die aus dem Mauerfall 1989 erwachsene Hoffnung auf Regeneration erlebte in der Ära Schröder eine kurze Renaissance, hat sich seither wieder verflüchtigt. Vielleicht erleben wir im Gedenkjahr 2014 eine wundersame Wende zum Besseren, zur ideologiefreien Betrachtung und Analyse der historisch-politischen Wirklichkeit.

P.S. 27.12.2013
Die heutige FAZ  (v. 27.12.2013, S. 31) widmet die ganze erste Seite des Feuilletons dem bevorstehenden Gedenken an 1914. In seinem kurzen Beitrag preist der deutsch-englische Historiker John C.G. Röhl (geb. 1938 in London als Sohn eines deutschen Vaters), Autor einer  dreibändigen Biographie über Wilhelm II. (worin der Kaiser mit  allen nur denkbaren negativen Zügen ausgestattet erscheint) Fritz Fischer erneut als denjenigen, der in seinem "bahnbrechenden Werk"   die entscheidende Antwort auf die Frage gebracht habe, warum sich "mein Mutterland genötigt [fühlte], meinem Vaterlande gleich zwei Mal den Krieg zu erklären". Fischer habe anhand der  Kriegsziel-Denkschrift Bethmann-Hollwegs vom 9. September 1914 die lange verhüllte Ursache ans Licht gebracht. Das auf kontinentale Expansion und Suprematie gerichtete deutsche Kriegszielprogramm sei für "die ozeanische Supermacht Großbritannien" unerträglich gewesen. "Eine derartige gewaltsame Revolutionierung des europäischen Staatssystems (sic!, womöglich Übersetzungsfehler für "system of states") war 1914 für Großbritannien ebenso unerträglich wie 1940."

Immerhin argumentiert Röhl hier real-, id est machtpolitisch, nicht moralpolitisch. Doch  ignoriert er die Chronologie: Die englische Kriegserklärung an das Deutsche Reich erfolgte am 4. August 1914.


Zur Illustration der "Kriegsschuld" und ihrer Zwecknutzung nachfolgend ein (minimal redigierter) online-Kommentar zur Behandlung der Thematik im Zentralorgan der Bundesrepublik:
  1. Kommentar zu Volker Ullrichs [ ZEIT- Rezension vom 17.09.2013] von Ch. Clark

    Während deutsche Historiker immer entsprechend dem Zeitgeist gearbeitet haben ( im Kaiserreich deutschnational, im 3.Reich nationalsozialistisch, in der Bundesrepublik entsprechend den Vorgaben der Sieger) muss man auf einen Australier warten, der neutral an die Geschichte herangeht. Deutsche Historiker sind dazu nicht fähig.
    Die "Zeit" beginnt das Gespräch mit [dem polnischen Publizisten Adam] Krzeminski über die Aussagen von Clark mit dem Satz, wen interessiert diese altmodische Frage über den Beginn des 1.Weltkrieges überhaupt noch?
    Diese Frage ist aber im Ausland noch von Bedeutung. In der "Zeit" vom 15.3.2012 hat Eugenio Scalfari ("Repubblica" in Italien) die Aussage gemacht, wenn Deutschland nicht die italienischen Schulden übernimmt, dann lädt Deutschland sich die vierte Schuld auf. Die vierte Schuld nach den letzten drei wie da sind : 1.Weltkrieg, 2.Weltkrieg und der Holocaust.
    Sollte es also gelingen, die Alleinschuld am 1.Weltkrieg in Frage zu stellen, dann hat es für uns heute Bedeutung, wir haben möglicherweise wieder eine Schuld gut. Und möglicherweise Bürgschaften vermieden.
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Montag, 9. Dezember 2013

Ein Widerspruch gegen die ahistorische Hypermoral

Ein Symptom der von historischem Grundwissen, geschweige denn geschichtlicher Empathie gänzlich befreiten, bundesrepublikanisch staatstragenden  Hypermoral war die Verhüllungsaktion zweier Grüner (w/m) vermittels eines Kartoffelsacks - was wissen die an Sushi, Carpaccio und vegetarisch-arische Tofu-Steaks (aus biologisch-dynamisch sowie klimaverbesssernd gerodeten Anbauflächen des Gran Chaco) gewohnten ZeitgenießerInnen noch von der mühseligen Nachlese auf einem herbstlichen Kartoffelacker? - eines  in München für die "Trümmerfrauen" errichteten Gedenksteins. Klaro, die "Trümmerfrauen" waren allesamt Nazis, Männer obendrein... Dass nicht wenige, erst von den Amerikanern, danach von den "Spruchkammern", in der Regel zu Recht, zum "Schippen"  verdonnerte "kleine Nazis" - deren gefährliche Naivität als Stütze des braunen Regimes nicht zu unterschätzen ist -  an der Trümmerbeseitigung beteiligt waren, tut hier nichts zur Sache. Das Problem liegt in der  vorherrschenden   Ignoranz, die  vereinfacht als Folge geschichtschirurgischer Lobektomie zu diagnostizieren ist.

Gegen derlei moralisierende (Selbst-)Verblödung erhob eine Zuschrift bei der Münchner "abendzeitung"-  die Boulevardzeitung hat ihrerseits einen klugen Kommentar zu  der  "Aktion"  ins Netz gestellt - Einspruch. Der Verfasser antwortete mit einem bewegenden Kommentar auf eine verständnislose Kritik. Nachfolgend die  Texte aus der Kommentarspalte der Zeitung:

Willeno• vor 3 Tagen
Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals ein GRÜN orientierter Mensch respektierend das unvorstellbare Leid der deutschen zivilen Bevölkerung des letzten Weltkrieges anerkannt hat! Nie habe ich eine mitfühlende Reaktion dieser GRÜNEN vernommen über das unvorstellbare Leid der Menschen in den bombardierten Städten wie Königsberg - Dresden - Hamburg deren Menschen in genau berechneten Phosphor-Feuerstürmen verkochten und verschmorten! Oder ein Erschrecken über die Tatsache, dass der größte Teil der Deutschen, wie auch die heimkehrenden Soldaten schwer traumatisiert waren! Keine Anerkennen, dass die Trümmermütter, denn sie waren es, trotz allem Deutschland aufgebaut haben - bis die Männer die den Krieg überlebten wieder heimkehrten. Die für ihre Kinder ohne Kitas oder anderen Schnickschnack ihre Kinder versorgten, sie am Leben hielten ohne unter einem *Burnout* zusammen zu brechen! Nie eine Anmerkung, dass die deutsche Kriegs- und Nachkriegsbevölkerung enorme Wiedergutmachungsleistungen bis heute geleistet hat, um wenigstens ein kl. Gegengewicht zu schaffen zu den unsäglichen Verbrechen der Nazihorden Hitlers! Nie einen DANK dieser GRÜNEN, dass sie aufgrund der Leistung meiner überlebenden Elterngeneration – die inzwischen fast ausgestorben ist - und meiner Kriegskindergeneration – die in spätestens 20 Jahren ausgestorben sein wird, in einem von uns geschaffenen Frieden und Wohlstand leben können, zu dem sie selbst noch nichts fundamentales beigetragen haben! Deutschland lebt im längsten Frieden aller Zeiten, den ausschließlich wir geschaffen haben! Es würde mich überhaupt nicht wundern eine „Grün-rhetorisch-formulierte“ Antwort zu lesen: schließlich hätten WIR den Krieg angefangen und so auch die Folgen zu tragen. Aber wer bitte ist WIR?


fragenderWilleno• vor 3 Tagen
Haben denn Sie schon mal das durch die Deutschen verursachte Leid der Zivilisten in Auschwitz, Warschau, Rotterdam, St. Petersburg und an vielen anderen Orten anerkannt? Nachdem Sie in Ihrem sonst sehr umfangreichen Kommentar keinen einziges Wort darüber verlieren, wohl nicht. Wieso fordern von anderen Menschen etwas, was Sie selber nicht leisten wollen?
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Willenofragender• vor 2 Tagen
Ja, Fragender, auch das ist mir mehr als bekannt. Es ist mir auch bekannt, dass nicht nur mein Vater die KZ Inhaftierung ertragen musste. Es ist mir auch bekannt, dass vor allem im ehemaligen Ostpreußen die Russen noch jahrelang NACH dem Krieg, Frauen und Mädchen vergewaltigt, erschlagen, erschossen und unbändig gequält haben. Es ist mir bekannt, dass die sogenannten "Wolfskinder" alles kleine Kinder, Kriegswaisen in Ostpreußen, von den Russen gejagt und erschlagen wurden! Auch das jahrelang nach dem Krieg! Es ist mir ebenso mehr als bekannt was die SS was die Sa und viele andere überzeugte Nazis oder die Mitläufer angerichtet haben! Wir Kriegskinder haben alles erleben dürfen, auch unsere schwer traumatisierten Eltern und Angehörigen, aber auch die tiefe Demütigungen als Flüchtlingspack im Westen beschimpft und gedemütigt zu werden, um ein Stückchen Brot betteln zu müssen! Uns hat niemand geholfen und wir waren Kinder! Auch wir haben zum Aufbau beitragen müssen, haben gehungert und keine Kleidung gegen die furchtbare Kälte gehabt.... Wir Kinder haben u.a. in Königsberg "im Spiel" den jüdischen Kindern z.B. Lebensmittelkarten zugeschoben, was streng verboten war. Können Sie sich vorstellen wie es war nicht nur bei Fliegeralarm nachts aus dem Schlaf gerissen zu werden, sondern auch von "Kontrollbeamten" der Nazis, die uns nachts in Königsberg "besuchten" um eventuell versteckte Juden, Kommunisten u.a. bei uns zu finden? Ja, ich habe nichts vergessen, es ist alles da und wird mich bis zum Ende begleiten!


P.S. Bezüglich des grün-deutschen Kartoffelsacks bedarf mein obiger Kommentar einer Korrektur. Für die mittlerweile  allenthalben on-line dokumentierte Aktion verwendeten die beiden tapferen Kämpfer (w. 28 , m. 60 J.) für ihre  politisch-korrekte Version der Enttrümmerung Münchens zu Zeiten des OB Thomas Wimmer (SPD; Motto: "ramma damma" ) keinen Kartoffelsack, sondern ein Tuch aus braunem Gewebe.  Ich bedauere den Irrtum zutiefst. Um so mehr bedrückt mich die Frage: Handelte es sich beim braunen Aufklärungssack  der Grünen um ein Gewebe aus  Öko-Jute oder um ein indisches Billigtextil oder gar um ein Kunstoffprodukt?

Refugium des Geistes: der Zirkus

Liebe Freunde und Mitbetrachter der Zeit,

heute fand ich beim "Browsen", einem gemeinhin wenig fruchtbringenden Unterfangen,  ein Interview mit dem Chef des "Circus Roncalli". Als Repräsentant  dieser wunderbar zeitlosen, den Zeiten und dem Zeitgeist hoffentlich noch lange entrückten Kunst äußert sich der Roncalli-Chef Bernhard Paul  über seine trotz zunehmender Ruppigkeit noch ungebrochene Liebe zu Berlin, über  das als Zirkusdomizil  nicht anerkannte Betonzelt "Tempodrom"   sowie über die fortschreitende Primitivierung im Zeichen von "Comedy".

Wer inmitten des enervierenden Politzirkus für ein paar Minuten Zeit findet und Erholung sucht, wird in den Worten des Wiener Zirkusmannes Trost finden.
http://www.tagesspiegel.de/berlin/interview-mit-roncalli-chef-bernhard-paul-ich-bin-kein-fan-von-comedy-/9188972-2.html

Dienstag, 26. November 2013

Von der Permanenz des teutonischen Übels

In Thomas Körners  "Fragmentroman" Das Land aller Übel (dem nicht nur digitalen Geist der Zeit geschuldet allein als Internetveröffentlichung zugänglich) stoße ich auf den Text "Robustes Mandat für den Leser I (IV). Was bezeugt Literatur?".  Mit ungetrübter Schärfe der Wahrnehmung  definiert  Körner die vor nunmehr 24 Jahren zufällig-zwangsweise um die DDR erweiterte bundesrepublikanische Geistesverfassung und das daraus resultierende defizitäre deutsche Bewusstsein:

"Wenn zur Zeit die historische Thematik wie folgt verkürzt wird:

                        Drittes Reich                        Juden und deutsche Verfolgte
                        Bundesrepublik                    Die Achtundsechziger
                        DDR                                    Mauerbau und Mauerbruch

müßte Literatur, die diesen Namen verdient,  das bezeugen, was sonst noch wahr war."


Aus dem von Körner benannten Rahmen teutonischer Selbstbeschränkung (oder -beschränktheit), überstrahlt vom Heiligenschein moralisierender Selbsterhöhung, fällt der jüngst preisgekrönte Roman von        Jürgen Hultenreich: Die Schillergruft,Verlag A.B. Fischer, Berlin 2013.

Er sei  dem Publikum voradventlich/vorweihnachtlich zur Lektüre empfohlen.





Freitag, 22. November 2013

Lesefrüchte: post mortem Dieter Hildebrandt

Beim "Browsen" stieß ich in "Spiegel-online" auf  Jan Fleischhauers Nachruf auf Dieter Hildebrandt. Der konservative ("rechte") Solitär  beim "Spiegel"  Fleischhauer befand Hildebrandts sozialdemokratische  Perspektive,  über Jahrzehnte durchgehalten, für etwas ermüdend - er hätte sich auch mehr Spott über  "linke" Gemeinplätze, über Progressivdogmen und Öko-Kitsch leisten sollen. Satire müsse  auf  alles zielen, was Satire verdient.

Zugleich würdigte Fleischhauer in seinem post mortem  für den mit 86 Jahren Verstorbenen die dichterische Sprachsensibilität Hildebrandts, die er in heutigen TV-Kabarett-Sendungen vermisse. Als Negativbeipiel für das Absondern von Sprachmüll ("Blähsprahe") und "Klischees aus dem linken Satrire-Setzkasten"  nannte er den Kabarettisten Urban Priol.

Unter den  Leser-Kommentaren ist folgende Verteidigung Priols zu finden:
"ich danke Herrn Priol und freunde das es sie gibt, sonst bliebe mario Barth [?] und consorten und die würde ich als Vertreter von Sprachmüll und trash leider nicht vom feinsten bezeichnen."

http://www.spiegel.de/deutschland/fleischhauer-kolumne-zum-tod-von-dieter-hildebrandt-a-9358-57.html






Mittwoch, 20. November 2013

Caritas oder junk-mail?

Im elektronischen Zeitalter ist  Briefpost alten Stils zur Rarität geworden. Selbst Ansichtskarten von Freunden und Verwandten von  ihren Treckingtouren oder von  global und ganzjährig verfügbaren Badestränden (Cancún, Da Nang, Bali, Philippinen etc.)  erreichen uns nur noch selten, selbst zu Weihnachten und zum Geburtstag kommen die Grüße gewöhnlich per e-mail. Was bleibt, ist junk-mail jeder Art, Werbeprospekte,  Rechnungen, Bußbescheide, Wahlunterlagen und  der Steuerbescheid vom Finanzamt.

Um menschliche Zuwendung bemühen sich brieflich fast  allein noch karitative  Organisationen, nicht allein die kirchlichen, sondern auch die ins Kraut schießenden säkularen. Spätestens zur Adventszeit häufen sich die Briefe mit um materielle Anteilnahme ersuchenden Texten und bedrückenden Katastrophenbildern. Mit einem Seufzer entscheidet man sich für einen der Überweisungsvordrucke (samt steuerabzugsfähiger Spendenbescheinigung) und stiftet je nach Gewissenslage und Spenderlaune zwischen 20 € bis 50 € (ehedem denselben Betrag in DM).  Nach dem Gang zum Bankautomaten fühlt sich die Seele erleichtert, ohne im Vorgriff  die allfällige Spende (in den Korb, nicht erst  in die abzugsfähig zu beschriftende Tüte)  für "Brot für die Welt"  beim Weihnachtsgottesdienst zu berücksichtigen.

Vor ein paar Tagen, noch vor der üblichen Adventspost, steckten gleich drei Bittbriefe im Briefschlitz: Caritas, Diakonisches Werk, Kindernothilfe. Allen dreien ging´s um Soforthilfe für die Opfer des Taifuns auf den Philippinen.

Die gleich dreifach vorgetragene Bitte  hat  das Herz des Bloggers bislang nicht bewegen können. Seine derzeitige  Spendenresistenz speist sich aus folgenden Überlegungen: a) Bundesregierung, EU, UNHR wollen nicht knausrig sein und stellen aus Steuermitteln (abgezweigt vom Bruttosalär des Bloggers) Mittel zur Verfügung. Ob sie ausreichen oder nicht, ob sie, ungemindert durch Bürokratie und Korruption, im Katastrophengebiet in vollem Umfang ankommen, steht hier nicht zur Debatte.

Es geht, nüchtern betrachtet, um den Umgang mit Steuermitteln und um deren Begründung im öffentlichen und halböffentlichen (=kirchlichen)  Umverteilungssystem. Die zivilreligiöse Begründung, der Taifun sei eine weitere Folge des Klimawandels, Indiz der für gegen Ende des 21. Jahrhunderts aufgrund  der extrapolierten Globalerwärmung um 2° C angekündigten Apokalypse, mag  aus Steuermitteln alimentierte Funktionäre der Grünen  zum Spenden (genauer: zu medial wirksamem Spendenaufrufen) animieren, überzeugt  indes wenig, da die hurricane season in der Karibik und an den US-Küsten zumindest in diesem Jahr glimpflich ausfiel. Und falls doch was dran sein sollte: Über die EEG-induzierten  Strompreise und das hoch subventionierte Landschaftsverschönerungsprogramm büßen wir Grün-Deutsche bereits erheblich.

Allgemein - und konkret etwa  im  Umgang mit den Flüchtlingsströmen aus aller Welt - geht es um die die moralische Verantwortung in einer krisenhaften, vom Nord-Süd-Gegensatz geprägten Welt. Alle "Schuld" im "reichen" Norden zu suchen,  darauf moralische Appelle zu gründen  und/oder ideologische Konzepte durchzusetzen, zielt an der globalen komplexen Wirklichkeit vorbei. Im Hinblick auf den vorherrschenden Politikbetrieb, die vielfach ideologisch grundierte Allokation bzw. den Missbrauch (hübsches Beispiel auf "Tagesspiegel-online": http://www.tagesspiegel.de/berlin/fluechtlinge-in-kreuzberg-monika-herrmann-refugee-schule-in-kreuzberg-gescheitert/9093834.html.) von Steuermitteln (und/oder Staatsschulden) für die Sozialindustrie geht es für den Bürger/Blogger um Fragen der Chancen und Möglichkeiten verantwortungsvoller Anteilnahme am Weltgeschehen, sei es  sektoral in berlinisch-lokalpolitischem, im bundespolitischen oder auch nur  im kirchlichen Bereich. Komme mir niemand mit der dummdeutschen Parole, man müsse sich "eben einbringen". Überall sitzen bereits stets dieselben moralisch unübertrefflichen,  analytisch oft eher bescheidenen, dafür umso wohlmeinenderen  und politisch ambitionierten Figuren!

Verantwortungsethische Fragen sind mit kirchlich-karitativen Mitleidsappellen allein nicht zu beantworten. Nahezu jeder Kirchenbesuch - zuletzt anlässlich der Aufführung einer Messe in der mit zwei neuen, aus Spenden finanzierten Orgeln ausgestatteten Zehlendorfer Paulskirche - wird zu einer milden masochistischen Übung. Da wird der Besucher im Foyer mit allerlei Auslagen zum Fair-Kaufen animiert, beispielsweise von nutzlosem Glaszeug aus Guatemala, von "echtem Rum" aus   Castros Kuba (zu einem nicht nur für jeden alkoholbedürftigen Penner zu hoch bemessenen fairen  Preis) oder Ohrenstecker (echt Silber), wahlweise aus Indien oder Peru. Das passt fraglos gut zu den in "Chrismon" - es brauchte einige Zeit zur Entschlüsselung des frommen Akronyms der protestantischen Käßmann-Monatsbeilage zu den  gedruckten "Leitmedien" - fürs kirchliche  Seniorenpublikum angepriesenen Erlebnisreisen nach Cuba, nach Vietnam, nach Angkor Vat, ins Heilige Land, in die Welt der Fjorde oder in die Volksrepublik  China.

Im Fortgang des von der lateinischen Messe eines französischen Komponisten des 19. Jahrhunderts bestimmten Gottesdienstes wird der Besucher zu Spenden  für die Flüchtlingshilfe aufgefordert. Eine Aktivistin tritt auf und erklärt apodiktisch: "Kein Mensch verlässt seine Heimat freiwillig!" - selbst im Hinblick auf viele, vor Lampedusa  oder anderswo elend gescheiterte, ersoffene  "Migranten"  ein disputabler Satz (von den das Großstadtleben bereichernden arabischen und sonstigen "Großfamilien" ganz zu schweigen). Aber ach, wer möchte da kalt und hartherzig sein? Ein soeben fälschungssicher neu kreierter 5-Euro-Schein wandert als Ablasszettel in den offenen, einsehbaren Spendenkorb. Am Ausgang wird für die Erneuerung der Heizung gesammelt - angekündigt als "Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung". Kein frommer Witz. Der simple Grund liegt  in den  gestiegenen Heizkosten und/oder in der per Gesetz (nach EU-Richtlinie)  verfügten Ausmusterung der alten Anlage!

Nach derlei Überlegungen legt der Blogger seine drei Spendenaufforderungen beiseite, Endziel Papierkorb. Zugegeben, er behandelt die gutgemeinten Briefe etwas despektierlich,  als junk-mail. Immerhin: Bis Weihnachten hat sich sein Gewissen mutmaßlich wieder karitativ sensibilisiert. Kyrie (nicht kyria) eleison!



Sonntag, 17. November 2013

Unerwartetes Heldengedenken mit Dame, ohne Tante Antifa

Der Sonntagsspaziergang am grauen Novembertag führte auf die so genannte - von einem bezuschussten Verein getragene - "Domäne Dahlem", wo den Stadtbewohner eine  pastorales Bild aus vergangenen, brandenburg-preußischen Zeiten erwartet: offene abgeerntete Felder, Gemüsefelder, Wiesen mit Rindern, Pferden Schafen, dazwischen ein paar Ziegen, dazu Schweinekoben auf offenem, aufgewühlten Feld, mit glücklichen deutschen (?) Hausschweinen, alles ökologisch, versteht sich. Das  Betriebsgelände der einstigen   Staatsdomäne vor dem bescheidenen barocken Herrenhaus der zu Zeiten des Großen Kurfürsten vermählten Familien derer von Wilmersdorf und Haackes ist im Geviert angelegt, zur Rechten ein großes Ziegelgebäude mit Pferdestall sowie -  publikumsgerecht für Familien (?) mit kulturhistorisch-nostalgischen Empfindungen - Schmiede, Töpferei und Hühnerstall, am nördlichen Ende, dem Schloss gegenüberliegend der Kuhstall, zur Linken noch ein  Ziegenstall, dazu der Ausschank   und der Ökoladen. Für die auf diesem Terrain gewöhnlich reichlich vorhandenen Kinder dreht selbst ein Karrussell seine Runden, laut und unübersichtlich wird´s zu den häufig stattfindenden Festen und Märkten, spätestens auf dem voradventlich einsetzenden Weihnachtsmarkt.

Der Blogger schlenderte über den Hof, als die Kirmesmusik des vorübergehend mangels Besetzung arretierten Kinderkarrusells aussetzte und er von fern Trompetenklänge vernahm. Nanu, sind etwa fröhlich trompetende Roma jetzt auch  in Dahlem - in unmittelbarer Nähe zum protestantischen Nationalheiligtum, der Dahlemer Dorfkirche St. Anna, unterwegs?  Der Irrtum -  gleichsam ein interkultureller faux-pas - klärte sich bei näherem Zuhören auf: Eine einsame Trompete blies die Hymne vom "Guten Kameraden", und das in unmittelbarer Nähe zum gewöhnlich als Zentrum pazifistischen Aktivismus´ bekannten Niemöller-Hauses. Das bedurfte  der Aufklärung.

Dem Betrachter bot sich eine gänzlich ungewohnte Szene: Auf dem kleinen Hügel über der von einer Gabelung der Königin-Luise-Straße umsäumten Anlage, vor dem Gefallenendenkmal, fand eine Gedenkfeier statt: Auf der einen Seite, mit dem Rücken zum Betrachter, salutierten Vertreter der Bundeswehr in Uniform, ihnen gegenüber aufgereiht stand eine Gruppe junger Männer mit gelben "Deckeln" einer Studentenverbindung. Einer der in Zivil Gekleideten (ohne Verbindungsmütze) intonierte gerade die dritte Strophe des "Guten Kameraden". Endlich  wurde dem Spaziergänger klar: Hier wird der Volkstrauertag begangen, und das ziemlich militärisch, und zwar,  angesichts der Teilnehmer,  offenbar ohne obligate Selbstanklage. Sodann, ein gänzlich unerwarteter Anblick: Zur Linken, am Kopf zwischen den beiden Reihen, stand eine Pastorin in schwarzem Talar. Zweifel ausgeschlossen: Die Zeremonie fand mit geistlichen Weihen statt!

Was vor Jahren, in pazifistischen Hochzeiten, selbst noch 1993, während des ersten Irakkriegs, undenkbar schien, als die Parole "Nie wieder Krieg" das mit Stahlhelm gekrönte Gefallenendenkmal zierte,  gehört anno 2013 anscheinend wieder zum (post-)nationalen protestantischen Bekenntnis. Dem Wandel der Zeiten hält  offenbar kein Dogma stand: Deutsche Soldaten (und - innen) müssen wieder in den Krieg (und sei es ein "asymmetrischer", wie in Afghanistan , von wo sie gerade - "democratic mission unaccomplished" - wieder abziehen), Soldaten kommen zu Tode, sie können "fallen", also nicht nur so einfach friedlich sterben, und - wenn schon nicht bereits wieder "Helden" -  so erweist ihnen die Berliner Republik und in deren Diensten die Kirche - ehrendes Gedenken.

Inwieweit das Gedenken künftighin historisch zurückreichen soll und darf, wäre ein geeignetes Thema für die unendlichen Koalitionsverhandlungen. Dem Blogger ist  auch nicht klar, ob  das "Volk" -  genauer: die Bevölkerung der "bunten Republik" - wieder stärker für die  zivilreligiöse Feier am "Volkstrauertag" mobilisiert werden soll. Er fragt sich zudem, ob derlei Veranstaltungen demnächst an zentralerem Ort, etwa vor dem neuen Denkmal für die Bundeswehr, und ohne hinreichende Sicherheitsvorkehrungen stattfinden sollen. Bei der Gedenkfeier auf dem Dahlemer Hügel war von Tante Antifa und ihren kampfbereiten Kohorten nichts zu sehen. Diese warteten mutmaßlich auf ihren Kampfeinsatz bei der großen Kurden-Demo der PKK vom Alex bis zum "Rufer" vor dem Brandenburger Tor. Immerhin sollten sich Bundeswehr, Staat, Kirche und Verbindungsleute für  den nächsten Volkstrauertag vorsehen.

P.S. Der Tageszeitung (der FAZ, nicht der taz)  war  heute (8.11.2013) zu entnehmen, dass Bundespräsident Gauck, bis zum 9.November 1989 - und noch ein paar Tage länger - Pastor in Rostock, an der Schinkelschen Hauptwache Unter den Linden, in Begleitung von Verteidigungsminster Lothar de Maizère und Verfassungsgerichtspräsident Andreas Vosskuhle, an der "Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft" am  gestrigen Sonntag einen Kranz niedergelegt hat. Eine Chronologie des Gestalt- und Funktionswandels der Schinkelschen Hauptwache in den Jahrzehnten ab anno 1924 bis heute fiele außerhalb des Rahmens des gestrigen Blogs.




Montag, 11. November 2013

Historisch notwendige Anmerkung zum 9. November 1938

Anno 2009 erschien in der online-Ausgabe der linksgrünen taz ("Die Tageszeitung") ein Interview mit einer Autorin - ihr Name ist mir  entfallen -, die sich zu den Nazi-Schandtaten am  9. November 1938 äußerte. Der suggestive Titel des Interviews lautete: "Fast alle haben zugeschaut".  Aus meinem  e-mail-Briefkasten fischte ich aus der Übermittlung des Textes, genauer: meiner Leserzuschrift, folgenden Link:
http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/die-meisten-haben-zugeschaut/.

Leider ist  dieser Eintrag per Mausclick nicht mehr  abrufbar ("Error" etc.), vielleicht ist er im taz-Archiv noch zu finden. (Ich selbst verzichte darauf: 5 € zur Überprüfung sind mir schlicht zu teuer.)

An diese Zuschrift, die ich weiter unten sinngemäß wiedergebe, erinnerte ich mich gestern abend, als ich  kurz vor  22.00 h das Bayerische Fernsehen einschaltete ("zappte"), um mir den anno 1963 (!) entstandenen Film "Die Akte Odessa" (nach dem Roman von Frederick Forsyth) anzusehen. Der Politthriller, dargestellt von teils bereits verstorbenen, teils vergessenen Stars (Jon Voight, Hannes Messemer, Peter Lowitsch, Maximilian Schell, Maria Schell etc.), handelt vom tapferen Einzelkampf eines Journalisten, Sohn eines von einem  SS-Chargen (gespielt von Maximilian Schell) Ende 1944 ermordeten Offiziers (Ritterkreuzträger), gegen eben jenen einst in Riga agierenden Killer, der, 1947 den Engländern in Österreich entwischt und untergetaucht, im Wirtschaftswunderland  als angesehener Unternehmer - und als Führungsfigur im braunen Spinnennetz der "Odessa" (=Akronym für die von Forsyth nicht nur erfundene geheime "Organisation ehemaliger SS-Angehöriger") sein Unwesen treibt. Der Sohn des - in Schwarz-Weiß-Rückblende erschossen im Schnee liegenden - Ritterkreuzträgers spürt mit Unterstützung von Simon Wiesenthal in Wien sowie - halb genötigt -  in  Kooperation mit israelischen Geheimagenten unter ständiger Todesgefahr den  Mörder auf und bringt ihn schließlich in dessen Prachtschloß zur Strecke.  Keine Frage:  Ein unbefleckter deutscher Ritterkreuzträger, sein Sohn  ohne Furcht und Tadel -  im Jahre 2013 schlicht unvorstellbar. 1963 ging sowas noch.


In heutigem Blog-Eintrag geht es indes nicht um Filmkritik, sondern um die schändliche  Realität der Tage um den  9. November 1938 sowie ihres Gedenkens. Es geht um ein Datum, für das man in den USA und anderswo den Namen "Kristallnacht" verwendet, während sich  hierzulande  der historisch fragwürdige  Terminus "Reichspogromnacht" - eine generalisierende Umkehrung des ehedem vom Berliner Volksmund in bitterer Ironie kreierten Begriffs "Reichskristallnacht" - etabliert hat. Zum Gedenken an diesen Tag fand im Neuen Rathaus zu München, an dem Ort, wo Progagandaminister Goebbels vor 75 Jahren die mörderische Hetzkampagne eröffnete,  eine Veranstaltung statt. In seiner Gedenkrede sprach Oberbürgermeister Christian Ude von der Duldung, ja Hinnahme der Synagogenbrände, Plünderungen und Morde seitens der unbeteiligten Zeugen des Geschehens, implizit von deren faktischen Komplizenschaft. Er beschwor eine Zukunft, in der sich derartiges sich nie mehr wiederhole.

Die Rede entspricht dem geschichtspolitischen Duktus der Gegenwart, steht indes in Widerspruch zu den in zahlreichen Dokumenten bezeugten historischen Fakten: Mit örtlichen Ausnahmen in Nordhessen und Mittelfranken, wo der Nazi-Mob offenbar aus eigenem Instinkt und in größerer Zahl  wütete, stießen die von oben angeordneten, von Nazi-Aktivisten in Uniform oder Zivil exekutierten Synagogenschändungen, Zerstörungen und Gewalttaten auf allgemeine Ablehnung. Das Volk (das deutsche Volk) reagierte mehrheitlich mit  wenngleich hilflosen Manifestationen von Abscheu, Scham und Entsetzen - eine Wahrnehmung, der sich selbst das Regime nicht entziehen konnte.

Dass es an jenen Novembertagen auch Deutsche gab, die gegen den organisierten Mob einschritten, kommt im  heute vermittelten Bild nicht vor. Als historisch notwendige Anmerkung erinnere  ich daher an meine im Netz womöglich/wahrscheinlich  nicht mehr auffindbare Leserzuschrift an die taz. Sie lautete sinngemäß wie folgt:

Ich schulde es dem Andenken meines Vaters, die in dem Interview kolportierte Meinung, die meisten hätten einfach "nur zugeschaut", zu korrigieren Meine Eltern lebten seinerzeit in Duisburg. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 kehrte mein Vater, Dr. Christian Ammon (1898-1945), am späten Abend in die Wohnung zurück. Er klärte meine Mutter, Charlotte Ammon (1905-1993)  über den auch von ihr beobachteten Feuerschein auf: "Die Synagogen brennen. Morgen werden unsere Kirchen brennen." Am nächsten Tag brach er auf, um sich ein genaueres Bild von den Verwüstungen zu machen. Er traf auf eine Gruppe von Männern, die eine alte Frau an den Haaren schleiften und auf den Rinnstein warfen. Er trat auf die Männer zu und herrschte sie als deutscher Offizier des Weltkrieges an, von der Frau auf der Stelle abzulassen. Daraufhin machten sich die Schläger davon. Mein Vater half der Frau auf und geleitete sie schützend ein Stück Wegs.

P.S. Meine Zuschrift an die taz ist mittlerweile (Aufruf am 11.02.2015) im Internet wieder aufgetaucht. Dort ist mein originaltext (mit einigen Tippefehlern) nachzulesen:
http://www.taz.de/!43460/.






Montag, 28. Oktober 2013

Migrationshintergrund: Lotta zieht um

Zu den väterlichen Pflichten zum Zwecke "nachhaltiger" Bildung  und Vorbereitung des Nachwuchses auf die Härten des Lebens (Kursvorschlag für das Bachelor-Studium in Erziehungswissenschaften [Kita-level]: sustainable socialisation for success and empowerment) gehörte dereinst das Vorlesen. Eine der Lieblingsgeschichten  der Kleinen stammte von der ehedem noch unzensierten  Astrid Lindgren und hieß "Lotta zieht um".

Eine Variante dieser Geschichte entdeckte der Blogger im  Feuilleton der FAZ. Das ist heute (28.10.2013)  weitgehend lesenswert, nicht zuletzt wegen der (gekürzten) Dankesrede der  Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff. (Zur Erläuterung: Sie wurde von der  zuständigen "Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung" u.a. wegen ihrer "Beobachtungsenergie" ausgezeichnet. Mit dieser Wortschöpfung ist  m.E. die Akademie ihrerseits in die engere Konkurrenz für die Benennung des alljährlich angeprangerten "Unwortes" gerückt...) Lewitscharoff bedankte sich bei der Jury mit einer  Bemerkung über das  Frauenschicksal  in der deutschen Sprache: "Vergessen wir nicht die Frauen. Die Frauenbewegung in Deutschland und in den Vereinigten Staaten ist ein Trampolin für ausgeschnitzte Verrücktheiten. Eine grauenhafte Grammatikschändung hat hierzulande die gesamte Bürokratie unterwandert und die Universitäten voll im Griff. An der Stelle sei es erlaubt, noch eine Grußadresse an unserem Präsidenten [sc. der Akademie] auszubringen: Professorin Heinrich Detering, willkommen in der weichen Welt des neuen deutschen Frauentums!"

Auf der letzten Feuilletonseite  finden sich die montäglichen Geburtstagswürdigungen von mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten, darunter ein Porträt der Schauspielerin Cornelia Froboess anlässlich ihres  70.  aus der Feder von Gerhard Stadelmeier. In der rechten Spalte  widmet Wiebke Hüster der Choreographin/Regisseurin Reinhild Hoffmann ein Geburtstagsportät, gleichfalls zum bevorstehenden 70. Da erfahren wir folgendes liebevoll gezeichnete Detail: "Als sie geboren wurde, 1943, war das Ende des Zweiten Weltkrieges noch furchtbar weit.  Ihr Geburtsort, Sorau in der Niederlausitz, gehört heute zu Polen. Sie konnte noch nicht sprechen, als ihre Familie mit dem Kleinkind Reinhild nach Süddeutschland umzog."

Genauere Details über den Umzug bleiben dem Leser vorenthalten, womöglich da die mutmaßlich noch jugendfrische Autorin über die historischen Umstände des Migrationsvorgangs anno 1945 nicht mehr im Bilde ist oder diese für biographisch belanglos hält. Vielleicht hatte sie beim Schreiben des betreffenden Satzes auch die fröhlichen Flausen der kleinen Lotta im Kopf. Immerhin kam dem  Blogger beim Lesen des Geburtstagsartikels  der Titel von Astrid Lindgren in den Sinn: "Lotta zieht um". In der Lotta-Geschichte kommt die sowjetische Armee  als Umzugshelferin  allerdings nicht vor.

Post scriptum:  Der Blogger, dem selben Jahrgang  wie die gewürdigte Choreographin angehörig, wurde "in Brzeg in dem von den Nazis besetzten Polen geboren", wie er vor Jahren  aus einem auf ihn gemünzten Flugblatt des AStA der FU Berlin erfahren durfte. Zur Geographie des Geburtsorts des Bloggers: Es handelt sich um die Stadt Brieg, ca. 40 km südöstlich von Breslau an der Oder in Niederschlesien gelegen, ab 1945 polnisch Brzeg. Der Umzugsberechtigungsschein aus der niederschlesischen Mittelstadt, seit 1950 zur Wojewodschaft Opole (Oppeln/OS) gehörig, wurde (vorbehaltlich) am 2. August 1945 in Potsdam-Cecilienhof ausgestellt.

Freitag, 25. Oktober 2013

Unter Freunden geht das gar nicht

Bundeskanzlerin Merkel, in der global media community oft als "die mächtigste Frau der Welt" bezeichnet, zeigt sich über den Zugriff der NSA auf ihr  Kanzlerinnen-Smartphone - oder war´s nur ein obsoletes ("mega-out") "Handy"? - entsetzt: "Unter Freunden geht das gar nicht", ließ sie verlauten. Ähnlich entsetzt zeigen sich die "Qualitätszeitungen" (DIE ZEIT, FAZ etc.) und/oder "Leitmedien". Eine derartige Verletzung der Privatsphäre - als ob es eine solche im Politikbetrieb überhaupt geben könnte -   sei nicht hinnehmbar, ein unerträglicher Affront gegenüber der Bundesrepublik Deutschland, dem so überaus wichtigen Verbündeten der USA. Obama könne womöglich gar nicht gewusst haben, was seine NSA da alles angestellt habe. Geheimdienste entfalteten oft  ein Eigenleben, ohne den obersten Dienstherrn von ihren sinistren Aktivitäten zu informieren etc.

Zu dieser bundesrepublikanisch-medialen Aufregung nur ein Kurzkommentar:

1. Die digitale Technik schreitet unaufhaltsam voran, mit  ihr die Überwachungstechnik. Selbstverständlich bedienen sich die Mächtigen derartiger Instrumente. Das liegt in der Natur der   Sache, ob in der Politik, ob in der Wirtschaft, leider selbst in der Wissenschaft.

2. Obama habe von derlei Machenschaften vielleicht gar nichts gewusst? - Um derartiges zu  vermuten, be-darf es eines Maßes an Naivität, welches der Blogger selbst den einfältigsten  Hofberichterstattern nicht un-terstellen möchte. Derart wohlmeinender Nonsens wurde indes  u.a. von ZEIT-online verbreitet, was immer-hin einen Leser zu einer Reminiszenz an die Nazi-Naivität der  Volksgenossen - und Volksgenossinnen - in-spirierte: "Wenn das der Führer  wüsste!"

3. Die Souveränitätsfrage im Zeitalter digitaler Möglichkeiten zu stellen, ist müßig. Wenn inmitten der künst-lichen Aufregung über den "Lauschangriff" zuweilen von Souveränitätsverletzung gesprochen wird, handelt es sich um journalistische Scheingefechte.Vom technischen Aspekt abgesehen, kann von  Souveränität des Post-Nationalstaats Bundesrepublik ungeachtet des 2+4-Vertrags keine Rede sein. Zu meinen, das - von   Interessenkonflikten sui generis durchzogene - Konstrukt EU  könne in souveräner Gemeinsamkeit den Übergriffen der verbündeten Vormacht trotzen,  ist entweder naiv oder  nicht ernst gemeint.

4. Natürlich war Obama an Merkels Strategie während der Euro-Krise interessiert. Natürlich interessiert er sich für die Rolle der Deutschen am Mittelmeer und in Nahost. Natürlich interessieren ihn die Grenzen deut-schen Wohlverhaltens, etwa im Hinblick auf den von den USA (nicht nur von den USA) seit langem ange-strebten EU-Beitritt der Türkei.

5. Kurz: Merkel irrt, falls ihre Worte ernst gemeint sein sollten: Doch, das geht unter Freunden,  schon im-mer. Nicht erst seit Lord Palmerston wissen wir, dass es in der Politik keine Freunde gibt, sondern nur Inter-essen.

P.S. Dass die Grünen sich am lautesten über die NSA - nicht über Obama - erregen, war zu erwarten. Handelt es sich bei der Abhöraffäre um eine politische Komödie, so passt der Auftritt der Berufsempörten trefflich in die Rollenverteilung.
 

Dienstag, 22. Oktober 2013

Rita Süssmuths "humanitäre Katastrophe". Nachtrag

Leserbriefe sind häufig der lesenswerteste Teil einer Tageszeitung. Zweifellos gehört die betreffende Rubrik in der FAZ nach wie vor zu dem, was die Zeitung  attraktiv macht. In der heutigen  Ausgabe (22.10.2013, S. 24) findet der Blogger zwei aufschlussreiche Zuschriften, die er der Aufmerksamkeit des Publikums empfehlen möchte.

1) Dier erste ergänzt und bestätigt meine Kritik an Inhalt (und Diktion) der naiven (?) Klage der CDU-Politikerin und einstigen Zentralrats-Katholikin Rita Süssmuth über die "humanitäre Katastrophe", die über die iranischen Volksmudschahedin in zwei Lagern im Irak hereingebrochen sei. Der Leserbriefschreiber Manfred Kaschel, Bottrop, ordnet die einst gegen den Schah Reza II. Pahlevi, heute gegen die "Islamische Republik Iran" operierende Gruppe als "die noch recht umfangreichen Reste einer stalinistisch geführten Bürgerkriegstruppe" ein. Gegen das Mullah-Regime gingen die "Volksmudschahedin" auch mit Attentaten vor. Sie standen bis 2009 auf der Terrorismus-Liste der EU (bis 2012 auf der Liste der USA, s. meinen Blog v. 16.10.2013)

Der Autor verwahrt sich gegen Süssmuths Terminus "Dissidenten" und erinnert die Katholikin Süssmuth an das Bibelwort: "Wer Wind sät, wird Sturm ernten." Er fügt hinzu: Für die Folgen dieses Sturmes sollte Frau Süssmuth aber nicht den deutschen Staat und Steuerzahler haften lassen. [...] Ich hoffe, dass Bundesinnenminister Friedrich diese besondere Art der Einwanderung auf Betreiben von Gutmenschen abbricht, nachdem bereits 46 Personen eingereist sind."

Der Blogger teilt die Hoffnung Herrn Kaschels, gibt ihr angesichts der herrschenden, taz-grün eingefärbten Ideologie indes nur geringe Chancen.

2) Der Staatssekretär a. D. Ulrich Thurmann äußert sich nicht nur sprachkritisch zum verpönten Begriff  "entartet", ein Partizipialadjektiv, das grundsätzlich nur noch als  Nazi-Vokabel wahrgenommen wird. Dafür gibt es Gründe, zuvörderst die geschichtsnotorische Ausstellung, die nach Eröffnung  im "Haus der Deutschen  Kunst" zu München  durch  die Städte des (noch nicht Groß-)Deutschen Reiches herumgereicht wurde.

Der Chef der "Alternative für Deutschland" (AfD) Bernd Lucke verwendete die Vokabel in
Zusammenhang mit den Euro-Rettungskünsten (die anscheinend vorerst Erfolge zeitigen, sofern die angeblich geminderten Staatsschulden Griechenlands nicht wieder EU-gerecht getürkt sind).
Herr Thurmann vermittelt Einsicht in die arcana des vom Bundestag trotz des faktischen Verzichts auf originäre, grundlegende Verfassungsrechte im Schnellverfahren gebilligten  - mediendeutsch: "abgesegnet" -  ESM-Vertrag vom 27. Sept. 2012. Demnach sind die geheimzuhaltenden Beschlüsse der für den Europäischen Stabilitätsmechanismus  (ESM) zuständigen Gouverneure jeglicher parlamentarischer Kontrolle entzogen.   Zusätzlich erinnert er an den "rechtswidrigen Verwaltungsakt", mit dem die Bundeskanzlerin anno 2011 die sofortige Einstellung der Kernkraftwerke im hessischen Biblis durchsetzte.

Anhand dieser Beispiele begründet der Staatssekretär a.D. seinen Austritt aus der CDU und rechtfertigt den Sprachgebrauch des Wirtschaftsprofessors Lucke. Überschrift: "Was Lucke meinte".

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Humanitäre Katastrophen allerorten

In der FAZ v. 14.10.2013  bringt die einstige Gesundheits-/Familienministerin, sodann Bundestagspräsidentin (1988-1998) Rita Süssmuth (CDU) unter der Rubrik "Fremde Federn" ihre Empörung über eines der zahllosen, in den Medien derzeit unerwähnten Beispiele von Verfolgung, Terror und Asylsuche zum Ausdruck: "Im Irak eine humanitäre Katastrophe beenden!" Die Überschrift weckt Assoziationen an Flucht und Vertreibung der einst bis zu 1,5 Millionen im Zweistromland lebenden Christen unterschiedlicher Konfession (Aramäer, Armenier, diverse mit Rom  Unierte ), die zu Opfern der seit  dem zweiten Irakkrieg 1992- laut Wolfgang Günter Lerch (FAZ) in dem  wie stets unübertrefflich kenntisreichen Artikel vom 19.10.2013 bereits seit dem ersten Irakkrieg 1991 - herrschenden Zustände geworden sind. Nur ein geringer Teil hat im de facto unabhängigen kurdischen Teilstaat im Norden Sicherheit gefunden, viele andere wurden getötet oder sind geflüchtet - nicht wenige zunächst nach Syrien (unter das Regime Assads) -, eine schwindende Minderheit von Zurückgebliebenen kämpft angesichts des Terrors radikalislamischer Gruppen ums Überleben. Fragen drängen sich auf: Wie, wenn ja, unterscheidet sich deren Lage im sunnitischen Zentrum von denen im schiitischen Süden? Wie verhält sich der starke Mann Maliki (ein Schiit) gegenüber der verbliebenen Minderheit?

Sodann denkt der Leser an aus Syrien in den  Irak Geflüchtete, die teils als Flüchtlinge ihre Existenz fristen müssen, teils sich als "Kämpfer" für die nächsten Aktionen im syrischen Bürgerkrieg rüsten.

Der Text der humanitär besorgten Autorin Süssmuth zielt indes auf eine andere "humanitäre Katastrophe"  - ein in der lingua politica  mittlerweile fest etabliertes Oxymoron - in Nahost: Ihr geht es um die Rettung der in einem "Zwischenlager" mit dem Namen "Camp Liberty" bei Bagdad untergebrachten 3100 iranischen "Dissidenten". Zuvor waren diese "Dissidenten" - anscheinend über Jahre -  in einem anderen, ehedem "sicheren und gut ausgebauten" Camp Ashraf untergebracht.. Die dort Zurückgebliebenen wurden am 1. September von "iranischen und irakischen Todeskommandos" massakriert oder verschleppt.

An einer Stelle nennt Süssmuth - sie  erinnert in schönstem Politchinesisch daran, dass "auf der internationalen Tagesordnung  Attentate, militärische Gewalt, der Einsatz von chemischen Waffen stehen (sic!), ferner Hunderttausende Getötete" sowie die bekannten Flüchtlingsströme - die iranischen "Dissidenten" beim Namen: Es handelt sich um Angehörige der iranischen "Volksmudschahedin", die dereinst mit einer ideologischen Mischung aus Religion und Klassenkampf am Sturz des Schah-Regimes beteiligt waren, aber alsbald mit den durch die "Islamische Revolution" an die Macht gelangten Mullahs zerfielen. Ihren  "bewaffneten Kampf" setzten sie, mit Waffen unterstützt von den USA, an der Seite des Diktators Saddam Hussein - wir erinnern uns: 2003-2006 als einer der multiplen "Wiedergänger Hitlers" von einer "Koalition der Willigen" (Donald Rumsfeld) attackiert, aus Bagdad verjagt,in einem Erdloch aufgespürt  und schließlich zu Tode gebracht - gegen das ihnen aus spezifischen Gründen verhasste Mullah-Regime fort. Nach dem Ende des Diktators Saddam durften die Volksmudschahedin unter Protektion und militärischer Anleitung der Amerikaner ihren Privatkrieg fortsetzen, ungeachtet des Umstands, dass sie bis anno 2012 auf der US-Terrorliste standen (s. Jörg Lau: Wahnsinn mit System, in: DIE ZEIT, 4.10.2012 Nr. 41http://www.zeit.de/2012/41/Volksmudschahedin-Terrorliste-USA) Ihr Hauptquartier unterhalten die Volksmudschahedin unter der Führung von Marjam Rajawi - immerhin eine volksdemokratische  Quotenfrau, wenn schon keine CDU-Feministin wie Süssmuth - in Paris, gesponsert von s.o.

Mit den Volksmudjahedin machte ich vor einigen Jahren um die Weihnachtszeit vor dem Eingang zur Filiale der Deutschen Post-AG Bekanntschaft. Neben einer Plakattafel mit Porträts von Vermissten und Bildern von  fürchterlich zugerichteten Toten stand eine Frau, die meine Unterschrift unter eine Bittschrift sowie eine Spende für die Organisation forderte. Meine zurückhaltende Reaktion bedachte sie  mit lautstarken Schimpfworten, eine etwas unpassende Ouvertüre für den Weihnachtsfrieden.

Nun also fordert Frau Süssmuth: "Der Westen muss mehr tun!"[...] "Angesichts der katastrophalen Bedrohungslage ist es erforderlich, den Ausreiseprozess zu beschleunigen [usw]. Der Irak hüllt sich in Schweigen. Das kann nicht unsere, nicht Deutschlands Antwort sein." Ende.

In der Tat: Angesichts der höchst unfriedlich selbstverschuldeten  Genese dieser  "humanitären Katastrophe" und des  nahöstlichen Katastrophenbündels bleibt dem Blogger kaum mehr als zu schweigen. Wie bei manch ähnlichen Katastrophen denkt er darüber nach, wie  mit seinen Steuergeldern für mancherlei gute Zwecke dem Unheil abzuhelfen sei.




Sonntag, 6. Oktober 2013

Moralische Festung Europa

An die nahezu alltäglichen Meldungen von Flüchtlingen, die beim Versuch, aus unterschiedlichen Gründen - Kriegselend,  reale Armut, Wohlstandsversprechen - durch illegale Einwanderung in Europa zu entgehen,  auf erbärmliche Weise zu Tode kommen, hatte man sich in Europa gewöhnt, ungeachtet eines auf der Flüchtlingsinsel  Lampedusa verkündeten Appells des Papstes Franziskus I. an christliches Erbarmen.

Hingegen hat die jüngste Schiffskatastrophe, die weit über hundert Flüchtlingen - derzeit werden 143 gezählt -  einen schrecklichen Tod brachte, europaweites mediales Entsetzen ausgelöst.Von der diesbezüglich deutschnational einzigartigen Inszenierung der Medienberater und -innen erfuhr der Blogger, seit langem ein gemäßigt radikaler media refusenik,  erst heute nachmittag beim Sonntagskaffee bei Freunden.Die Moderatoren/Nachrichtensprecher (und - innen)  trugen am Tage der Katastrophe schwarz: schwarzer Anzug, schwarzes Kleidchen oder zumindest  schwarze Krawatte. Die Medien-PR-Berater hatten ganze Arbeit geleistet. Während zu Bestattungsfeiern das Tragen von Trauerkleidern zugunsten der Alltagsgarderobe - Pullover,  immerhin noch überwiegend in gedeckten Farben -  erkennbar zurückgeht, bekunden die fürstlich bezahlten TV-anchormen/women  kollektive Trauer über den Tod der Flüchtlinge. Derlei Heuchelei  will erstmal ohne Bühnenprobe gelernt sein...

Bittere Ironie beiseite:  Allenthalben sind Appelle an Mitleid und Mitmenschlichkeit zu vernehmen, erneut aus dem Munde des Papstes, sodann seitens der EU-Kommission, von Präsident Hollande und von Bundespräsident Gauck. Das Staatsoberhaupt, bis zum karriereträchtigen Mauerfall Pastor in Rostock,  rief den Bundesbürgern ihre Verpflichtung auf  "unsere europäischen Werte" ins Gewissen. Das klingt schön pastoral, in amtsgerechter säkularer Sprache. Was sind die "Werte", außer den von den hungrigen Einwanderern vermittels militant migration erstrebten materiellen Gütern? Geht es um die Früchte europäischer Aufklärung und Emanzipation, um republikanische Tugend? Um die deutsche Schuld/Scham als ideellem Werteangebot an Migrantinnen und Migranten? Um (post-)christliche Nächstenliebe? Um die "kulturelle Bereicherung" der an Hypermoral, Medienhype und geistiger Unterernährung leidenden Europäer, insbesondere der in schwindendem Maße wohlstandsgesättigten Deutschen? Um die Sicherung "unserer Renten" durch die Kinder der in die Sozialsysteme Einwandernden? Um mehr Schwarzarbeit im sozial verachteten unteren Dienstleistungsbereich? Um die Förderung einer "Willkommenskultur" zur Aufnahme von Millionen und Abermillionen in die geburtenschwache Moralfestung Europa?

Mitgefühl reiche nicht, die EU müsse schnell "die richtige Antwort finden", befand zu Recht der französische Premier Ayrault.  Unter allen Vorschlägen und "Forderungen" zum Umgang mit den Massen von illegalen Einwanderern (sans-papiers) klingen die vom französischen Außenminister Laurent  Fabius vorgetragenen am  nüchternsten und vernünftigsten. Fabius plädierte für eine Aufstockung der Entwicklungshilfe - Frage: für welcherlei fruchtbringende Projekte? - und ein entschlossenes Vorgehen gegen die Schlepper. Zudem fordert er mehr Geld für die EU-Grenzagentur Frontex (mit einem derzeitigen Jahresbudget von 50-60 Millionen €). Der italienische Ministerpräsident Letta erklärte, das Problem sei Libyen, Italien könne "nicht alles auf seine Schultern nehmen." Er vergaß hinzuzufügen, dass das "Problem" aufgrund des nach Intervention und Krieg,  Sturz und Tod Gaddafis erzeugten Chaos sich verschärft hat. Zudem: Wo liegen die Ursachen für die seit Jahrzehnten andauernden Massaker im tiefsten Afrika? Wie sind die Ethno- und Rohstoffkriege zu beenden?

Das Thema "Flüchtlingselend - illegale Einwanderung", meist subsumiert unter dem Begriff "Migration", wirft eine unendliche Kette von Fragen auf, die selbst mit der für politisches Handeln stets grundlegenden Unterscheidung von gesinnungsethisch spontanem Handeln  aus dem Geist der Bergpredigt  und verantwortungsethischer Distinktion zwischen Handlungszwängen, zwischen großen und kleineren Übeln nicht ad hoc zu beantworten sind. Für hochkomplexe, schmerzliche, schwierige Probleme gibt es keine einfachen Lösungen, womöglich gar keine Lösung. Mit Geld allein, mit dem Ausbau der Sozialindustrie in den wenigen ökonomisch  noch funktionstüchtigen Staaten, geschweige denn  mit  offenen Grenzen, werden die Einwanderungsströme sowenig zu regulieren sein wie mit schönen Worten. Schon vor etwa dreißig Jahren sagte der Sozialist (und Protestant) Michel Rocard, wir (= die Franzosen / die Europäer) könnten nicht das gesamte Elend der Welt bei uns aufnehmen. Die Völkerwanderung, die "Great Migration" des 21. Jahrhunderts,  in die Wohlstandszone Europas wird  anhalten (und Europa kulturell und sozial von Grund auf verändern), solange "die Europäer" - d.h. die Macht- und Funktionseliten  in der EU- keine verantwortungsvollen - und wirkungsvollen - Konzepte zur Minderung des Einwanderungsdrucks vorlegen und durchsetzen.


Mittwoch, 2. Oktober 2013

Ein Dissident im Multikulti-Paradies


  • Das verehrte Publikum wartet seit nahezu zwei Wochen auf einen weiteren (ein weiteres) Post. Ich muss die Leser auf einen  Beitrag aus meiner Tastatur noch etwas vertrösten. Als lesenswerte Alternative verweise ich auf  folgenden Auszug aus einem Buch des ehedem jugendfrischen Sponti Reinhard Mohr. Auf diesen politisch unerwünschten Kommentar  eines in der deutschen medialen Klasse äußerst selten anzutreffenden Dissidenten -  womöglich verdanken ihm die Grünen einen Teil ihrer peinlichem Stimmenverluste am vergangenen Wahltag, den 22. September - stieß ich beim Browsen bei Cicero-online:


EIN EX-SPONTI BEKENNTHurra, ich bin ein Spießer!

VON REINHARD MOHR   22. APRIL 2013

http://www.cicero.de/salon/reinhard-mohr-bin-ich-jetzt-reaktionaer-bekenntnisse-eines-altlinken/54193

Samstag, 21. September 2013

Der gründeutsche Chefmoralist im Spiegel seines Innenlebens

Zur allgemeinen Information eine Nachricht des gewöhnlich grünlich eingefärbten Spiegel-online (vom 20.09.2013) über die Sex-Pol-Vergangenheit (?) des deutschen Chefdenkers und Chefmoralisten Volker Beck, Experte für Menschenrechte bei den Grünen im Bundestag, beim Evang. Kirchentag  sowie in den Talkshows:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/paedophilie-debatte-um-gruene-volker-beck-taeuschte-oeffentlichkeit-a-923357.html.



 Siehe auch den Post vom 07.06. 2013:
Volker Becks Liebe zum  Bundesverfassungsgericht


 :


Donnerstag, 19. September 2013

Vor und nach den Hochrechnungen

Da der Blogger für einige Tage außerhalb der Bundeshauptstadt weilen wird, möchte er nicht versäumen, eine - nicht unanfechtbare  - Prognose zu dem am kommenden Sonntag, den 22. September 2013 uns und ganz Europa in Spannung haltenden Wahlausgang abzugeben.

Die Frage ist nicht, wie hoch der (relative ) Wahlsieg von Merkel und der CDU/CSU ausfällt. Es geht um plus/minus 40 Prozent. Auch die Prozentzahlen für die SPD sind von nachrangiger Bedeutung. Interessant sind drei Fragen:

1) Wie tief fallen die Grünen in der Gunst ihrer bis dato unaufhaltsam wachsenden Anhängerschaft? Reicht es dann noch arithmetisch für Rot-Rot-Grün? Auf Beteuerungen der SPD, derlei Farbenspiel käme nicht in Frage, kann man sich nicht felsenfest verlassen. Die Versuchung, sich von der "Linken" tolerieren zu lassen, könnte bei einigen Genossen Steinbrücks größer sein als die Loyalität zu ihrem gegen Merkel unterlegenen Kanzlerkandidaten. Was wird im Falle einer Wahlpleite aus der  kulturellen Hegemonie der Grünen?

2) Mit wieviel Prozent schafft es diesmal  die FDP ("Mehr Markt ist mehr Freiheit" etc.)? Ein Verschwinden der FDP aus dem  Reichstag - wie aus dem Maximilianeum am vergangenen Sonntagabend  nach den  Bayern-Wahlen -  kann sich der Blogger nicht vorstellen. Aber für Schwarz-Geb dürfte es nach den ersten Hochrechnungen am 22. September kaum noch reichen.

3) Die interessanteste Frage: Kommt die allenthalben unter "Rechts"- und Populismus-Verdacht gestellte AfD (Alternative für Deutschland) über die -  in den letzten Umfragen zumindest von einem Polling Institute bereits konzedierten -  5 Prozent, und wenn ja, mit wieviel Punkten? Sollte der Erfolg der von Finanzminister Schäuble, Hauptakteur der unendlichen Griechenland- und Euro-Rettungsaktionen, als "gefährlich" attackierten real-alternativen "Alternative" höher  ausfällen, käme das gesamte etablierte Parteien- und mediale Meimungsbildungssytem in Bedrängnis. Und selbst ein mühseliger  Sprung der AfD über die Fünf-Prozent-Hürde brächte eine grundsätzliche Veränderung in der politisch-medialen Landschaft: ein ungeliebter, aber dank beachtlichem Führungspersonal unüberhörbare und ernstzunehmende oppositionelle Kraft..

Im übrigen schließt sich der Blogger der communis opinio an: Es wird eine Große Koalition geben: Schwarz-Rot. Das wäre  nichtmal das Schlechteste, vorausgesetzt es gäbe dazu eine echte Opposition...

Mittwoch, 11. September 2013

Ein europäisches Geschichtsdatum: 11. September 1714

Um das Publikum, dessen Interesse - außer in den an des Bloggers Kommentaren zu Krieg oder Frieden in Syrien offenbar äußerst interessierten USA (in der  Rubrik "Publikum" altdeutsch als "Vereinigte Staaten" aufgeführt) - wieder nachgelassen hat, erneut zu mobilisieren, sei nachfolgend eine  Notiz zum 11. September ("nine eleven") digital  kundgetan.

Nach e-mail-Aufruf entnahm ich meiner zur  Infantilisierung von  Internet-Userinnen und -Usern "total" geeigneten Informationsquelle Yahoo! (mit Ausrufezeichen) folgende  von AFP (Agence France Press, immerhin) übermittelte Meldung: Heute, am 11.09.2013,  17.14 h (MEZ oder WEZ?) versammelten sich in 86 Städten im Nordosten Spaniens "mehrere Zehntausende" zu einer Menschenkette.

Den Organisatoren der Demonstration geht es nicht um das Gedenken an  Nine Eleven und der Opfer des Anschlags auf die Twin Towers. Nach dem Vorbild der baltischen Republiken im August 1989 findet  eine  Manifestation des katalanischen Unabhängigkeitsstrebens statt, für die  bis zu  400 000 Teilnehmer auf den Straßen durch das Land an der Costa Brava  mobilisiert werden sollen.

Die Frage ist nicht, ob die Zahl erreicht wird. Interessant sind vielmehr die mit dem Ruf nach Unabhängigkeit Kataloniens (Catalunya = "Gotenland") verbundenen Fragen: Warum besteht anno 2013 im EU-vereinten Europa ein derart  anachronistisch anmutend nationalistisches, auf Eigenstaatlichkeit  gerichtetes Bedürfnis nach  nationaler Selbstbestimmung? Warum geben sich die  Katalanen mit der  in der spanischen Verfassung garantierten Autonomie ihrer Region (samt Zweisprachigkeit)  nicht zufrieden? Geht es nur um banale Steuervorteile und Verteilungsfragen in dem von den bürgerlichen ("rechten"?) und  den explizit linken  (Esquerra republicana de Catalunya) Separatisten/Nationalisten noch immer  als zentralistisch-undemokratisch attackierten spanischen Staat?  Wie ist in der - vom nationalistischen Bazillus vermeintlich geheilten - Gegenwart  die Virulenz des katalanischen (und baskischen) Kultur- und Sprachnationalismus zu erklären? Warum manifestiert sich in evidentem Widerspruch zu  dem von  universalistischen,  individualistischen "Werten" dominierten 21. Jahrhundert ein Verlangen nach Eigenstaatlichkeit, gegründet auf  kollektive Identität? Offenkundig sind derlei Widersprüche in den herrschenden akademischen Diskursen weder  vorgesehen noch deren historische Aufklärung erwünscht.

In der Bundesrepublik Deutschland scheint das offizielle  historische Gedächtnis auf die Jahre 1933 -1945 eingegrenzt. Das einst mit Pathos erinnerte Jahr 1813 ist aus den Schulbüchern - und den Medien - nahezu verschwunden. Iimmerhin ist das Jahr 1914 dank dem jüngsten Geschichtswerk von Christopher Clark The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914 soeben auf deutsch erschienen: "Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog" ) ins Bewusstsein einer postnationalen, schuldsimulatorischen Medienöffentlichkeit gerückt. Aber welcher deutsche Bachelor-Student kann mit dem Datum 1714 - oder mit dem Jahr  1713 - etwas anfangen? Der Begriff  "balance of power" findet  in den jüngeren Curricula deutscher Gymnasien kaum Erwähnung, obgleich er zum Verständnis der deutschen Tragödie unverzichtbar ist.

Anders in Katalonien: Heute, am 11. September 2013, erinnerte man an die machtpolitischen Folgen des Friedens von Utrecht 1713, der Philipp V., den zum Erbfolger der spanischen Krone erhobenen Bourbonen- Enkel des "Sonnenkönigs", die Chance zum Angriff auf das seine ständischen Rechte verteidigende Katalonien bot. Nach vierzehnmonatiger Belagerung kapitulierte Barcelona vor den spanischen und französischen Truppen am  11. September 1714.

Im Jahr  1888 eröffnete man in der  Stadt Barcelona die Gedenkfeiern zum 11. September als Nationalfeiertag Kataloniens. Es ging seither - ähnlich wie in den baskischen Provinzen - um die Wiedergewinnung der ehedem auf  "die alten Rechte" gegründeten Selbstständigkeit  unter den Fahnen des modernen Nationalismus.

Sezessionsbewegungen = Nationalismus = Separatismus: für die aufgeklärte Mehrheit in Europa eine Torheit, für die meisten "Linken" ein  Ärgernis. Immerhin mimen innerhalb der bundesrepublikanischen Linken - in und außerhalb der "Linken" (ehedem "Linkspartei, ehedem...) -  "Solidarität" mit der vermeintlich wesensverwandten Esquerra repubicana de Catalunya...

Letzte Meldung: Die Unabhängigkeitsbewegung brachte an die 350 000 mit Nationalfahnen demonstrierende Bewohner entlang der 400 km langen Strecke auf die Beine. Falsches - politisches - Geschichtsbewusstsein?

P.S. (20.09.2013): Laut letzter, weithin verschwiegener Information beteiligte sich etwa eine Million  Katalanen an der bislang größten Manifestation für die Unabhängigkeit ihres Landes.

Dienstag, 3. September 2013

Unerwartetes Geschenk von Amazon

Die Segnungen von Amazon

Mit bescheidenem Stolz darf der  Blogger die interessierte  community auf seine - leider bereits 20 Jahre zurückliegende - Autorschaft bei Gallimard, Spitzenverlag im EU-Bruderland Frankreich, verweisen. Durch zufälliges  Browsen im Google-Bilderwald  stieß er auf ein nahezu vergessenes Buch, geziert vom Märchenschloss Neuschwanstein. Der Buchdeckel  findet mutmaßlich nicht nur auf der  französischen Ausgabe, sondern auch bei den Japanern, Chinesen usw. Gefallen. Schließlich handelt es sich um das bekannteste  der schönen teuren Schlösser, die sich der bayerische Kini (dialektal für hochdeutsch "König") bauen ließ, nachdem er sich in einer schwachen Stunde vom Preußenkanzler (und Reichsgründer) Otto von Bismarck mit einer - stets unzureichenden - Summe  aus dem Reptilienfonds zu jenem Brief  hatte verleiten lassen, in dem er dem Preußenkönig Wilhelm I.  die Kaiserkrone fürs neu zu gründende Deutsche Reich antrug.

Aus Unglück über diesen historisch irreversiblen faux pas  - entgegen allen  Bestrebungen der real existierenden Bayernpartei gehört der Freistaat Bayern noch heute zum Restbestand des Bismarck-Reiches - versank der Kini in Schwermut, stürzte sich in immer neue Schulden, um Herrenchiemsee sowie das Festspielhaus des unersättlichen Schuldenmachers Richard Wagner zu bauen, bis ihn die mutmaßlich von den Preußen angestiftete Camarilla entmündigen und vom Leibarzt Dr. Gudden im Starnberger See umbringen ließ. Wer glaubt im Bayernland schon an Selbstmord (arch. dt. für "Suizid" oder "Freitod")?

Zurück zum Titelbild "Neuschwanstein": Es handelt sich um ein bei Amazon.com erhältliches Exemplar des Buches: Le Grand Guide de l'Allemagne 1993.

Zur global digitalen Information ist das Datum des Aufrufs 06.08.2013 festzuhalten - man kann ja nie wissen: Am Ende interveniert Tante Antifa, an Hyperventilation und Rechtschreibschwäche leidend, aber jederzeit einsatzbereit, noch bei Amazon und drängt den  globalkapitalistischen Ausbeuter auf Löschung des Eintrags eines "langjährigen Autors der ´Jungen Freiheit´", der, so Tante Antifa,   zusammen "mit seinem Freund  Peter Brandt" ein "nationalrevolutionäres Duo" bildet, mithin einer Mini-Weltverschwörung angehört.

Der Aufruf vom 06.08.2013 ergab für das Hohenschwanstein-Exemplar noch folgende Angaben:

 (French Edition) by Bibliothèque du Voyageur (May 13, 1993) 

Formats

Price

New
Used






Inzwischen scheint die Nachfrage und somit der  Preis  gesunken. Gleichwohl kann sich der Preis gemäß  des nachfolgenden Google-Aufrufs des  Bloggers nach wie vor sehen lassen:


  1. Amazon.com: Herbert Ammon: Books, Biography, Blog, Audiobooks ...

    www.amazon.com/Herbert-Ammon/e/B00DPKAH1O
    Le Grand Guide de l'Allemagne 1993 (French Edition) by Bibliothèque du Voyageur (May 13, 1993). Formats, Price, New, Used. Paperback · $32.99 ...

    (Aufruf 03.09.2013)

    Der Grand Guide d´Allemagne enthält den  vom Blogger verfassten Abriss der deutschen Nachkriegsgeschichte ("Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands "), den er ehedem für die deutsche Originalausgabe des "APA Guide Special: Das neue Deutschland" (Berlin etc. 1991) verfasste. Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt und seinerzeit anscheinend unter den aus aller Welt ins mauer- und grenzenlose Deutschland strebenden Touristen zu einem Bestseller. Leider bekam der Blogger von dem ganzen Segen nur ein bescheidenes Honorar ab (das er überdies  dem Finanzamt anzeigte). Tantiemen waren im Vertrag  nicht vorgesehen. Pech gehabt.

    Leider ist die mit dem Text bestückte Floppy disk und/oder Diskette  (hard disk) irgendwann im Mülleimer gelandet, so dass der auch bereits bei academia.edu angeführte, aber noch unausgeführte Text derzeit schwer zugänglich ist.

    Der Blogger verspricht dem Publikum, den Text bei Gelegenheit aus der deutschen Ausgabe des APA Guide - versehen mit einer strahlend blonden jungen Dame (NSU-verdächtige Originalteutonin oder  Originalbayerin der Grünen?) auf seinem PC jüngeren Datums zu kopieren und im Internet einzustellen. 

Montag, 26. August 2013

Nachtrag zu Walter Laqeur

Ich habe die im Post vom 30.07.2013 veröffentlichte  Notiz zu einem Interview mit Walter Laqeur zu einem Aufsatz erweitert, den ich  unter dem Titel "Nachtrag zu Walter Laqeur: Zweifel an der Zukunft Europas"
in academia.edu eingestellt habe:
http://www.academia.edu/4320496/Nachtrag_zu_Walter_Laqeur_Zweifel_an_der_Zukunft_Europas

Freitag, 23. August 2013

Aktualisierung von "Grundsatzfragen" zu Syrien

Im Hinblick auf die von neuen Schreckensmeldungen aus Syrien erfüllte Debatte habe ich meinen Blog vom 08.08.2013 durch die vollständige Wiedergabe meiner JF-Kolumne vom 08.08.2013 aktualisiert.

Montag, 19. August 2013

Neues vom Blogger in Globkult (Lektüreempfehlung)

Eine Anzahl von Lesern  der Unz(w)eitgemäßen Betrachtungen gehört mutmaßlich auch zu den Teilnehmern des vom Blogger eingerichteten Kurses für politische Elementarbildung in der online-Zeitschrift Globkult (http://www.globkult.de/)

Bei Globkult ist soeben des Bloggers  jüngste Lektion 
"Politische Bildung VII. Digitale Bildungstour zwecks Begriffsklärung blutiger Unordnung"
http://www.globkult.de/politik/welt/893-politische-bildung-vii
erschienen.

Die Lektüreempfehlung verbindet der Blogger mit der Bitte um Nachsicht bezüglich eines nur halb amüsanten Tippfehlers: Der Name des in Nürnberg am 16.10.1946  durch den Strang zu Tode gebrachten Reichsaußenministers Joachim von Ribbentrop, historisch Interessierten  als Unterzeichner des maßgeblich von seinem Staatssekretär Ernst von Weizsäcker (s. weitere von  rechtschaffenen, deutschen und fleißigen "Administratoren" biographisch verwaltete Details in wikipedia)   und dem Moskauer Botschafter Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg (hingerichtet am 10.11.1944 in Berlin-Plötzensee),  - in Parallelaktion zu den über I.M. Majskij  laufenden Verhandlungen des Generalsekretärs J.W. Stalin (s. wikipedia: Denkmalspflege in Gori, Republik Georgien) mit den Westmächten auf den Weg gebrachten -  Ribbentrop-Molotov-Abkommens, gemeinhin als Hitler-Stalin-Pakt bekannt (histor. Merkdatum für den geschichtsdatenreichen Monat August:  23./24.August 1939),  erschien aus Versehen bei Globkult einige Stunden lang unter "Robbentrop". Derlei auf  TV-Mittelschichten-Comedy-Niveau angesiedelter Humor war vom Blogger nicht beabsichtigt.

Der Blogger darf das Publikum noch an seine demokratische Wahlpflicht erinnern. Am eindrucksvollsten findet er ein monströses Plakat der "Piraten" (s. wikipedia) mit einem zu allem entschlossenen Piratenporträt (mit Piratenkopftuch): "Big Brother is watching you". Dem  Blogger ist noch nicht klar, ob es sich um ein Standphoto aus einem älteren Schwarz-Weiß-Piratenfilm handelt oder um den Kandidaten der "Piraten" für das Direktmandat in Berlin-Zehlendorf-Steglitz. Wie immer: Schon beim Anblick des "Piraten"-Plakats sucht die  Wählerschaft  des als "bürgerlich" geltenden Bezirks mit Sicherheit Rettung beim freundlich lächelnden Mandatsinhaber Herrn Wellmann von der CDU.

P.S.
a)  Der  -  unfreiwillige -  politische Mittelschichtenwitz  wurde redaktionell schnell wieder            abgeschaltet..
b) Der Blogger sorgt sich noch um seine im Globkult-Artikel erwähnten dahinschmelzenden (a. R., nicht um die anscheinend nach PC-Rechtschreibprogramm "dahin" - wohin? - schmelzenden) Spargroschen.