Montag, 30. Januar 2023

Die aufstrebenden Schwellenländer in der multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts

Auf der „Achse des Guten“ ist soeben (28.01.2023) meine Rezension des Buches von Christian Hiller von Gaertringen: Die Neuordnung der Welt. Der Aufstieg der Schwellenländer und die Arroganz des Westens (München; FinanzBuchBuchVerlag, 2022) erschienen: https://www.achgut.com/artikel/die_aufstrebenden_schwellenlaender_und_die_multipolare_welt Ich stelle nachfolgend die Besprechung auch auf meinem Blog vor.

Vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs und dem – von Trump eröffneten, unter Biden fortgesetzten - „neuen Kalten Krieg“ zwischen den USA und China (https://herbert-ammon.blogspot.com/2022/01/der-neue-kalte-krieg.html) seien noch ein paar Informationen hinzugefügt. China ist längst über die ihm – nach wie vor ausgeübte - Rolle als Kopierer oder Imitator westlicher Technologie hinausgewachsen. Anno 2020 meldete China internationale 68.703 Patente auf verschiedenen Gebieten moderner Hochtechnologie (Halbleiter, Elektromobilität, Internet of things (IoT), Künstliche Intelligenz, Robotik) an, mehr als die USA und mehr als Europa. (63.)

Das von der an „einem China“ festhaltenden Volksrepublik mit Drohungen, von den USA mit Sicherheitsgarantien bedachte Taiwan (Republik China) ist der weltweit größte Hersteller von Computerchips. Im MSCI Emerging Market Index liegt Taiwan Semiconductor mit einem Unternehmenswert von 500 Milliarden Dollar an der Spitze, gefolgt von den chnesischen Internetgiganten Tencent mit 450 Millarden und Alibaba mit 400 Milliarden. Dagegen beträgt der Börsenwert des größten deutschen Unternehmens Vokswagen laut Dax nicht mehr als 140 Millarden Euro. (ibid.)

Soweit Militärausgaben Rückschlüsse auf – noch (!) – bestehende globale Machtverhältnisse zulassen, sind noch folgende Daten relevant: Der Militärhaushalt der USA lag (2021 ?) mit mehr als 800 Dollar noch weit vor China mit knapp 300 Millarden. Mit großem Abstand folgten Indien mit rund 77 Millarden und Russland mit rund 66 Millarden Dollar. Leider fehlt dazu im Buch, wo der Autor auf die den schwindenden militärischen Einfluss der USA verweist (197f.), die Quellenangabe.

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Durch den Ukraine-Krieg, dessen Ende und Folgen nicht abzusehen sind, sowie die spektakulären Klimaproteste hat sich unser Blick auf das Weltgeschehen erneut „eurozentristisch“ verengt. Mit dem programmatisch klingenden Titel seines Buches lenkt der Wirtschaftsjournalist Christian Hiller von Gaertringen die Blickrichtung auf die Prozesse, die im globalen Maßstab im Gange sind und im Zuge der – im Gefolge von Covid schmerzhaft bewusst gewordenen - „Entglobalisierung“ die Zukunft des Globus bestimmen.

Nicht zufällig nimmt der Autor als Ausgangspunkt seiner Kritik an westlicher Selbstgefälligkeit die 1989/1991 von Francis Fukuyama proklamierte These vom „Ende der Geschichte“ im Zeichen siegreicher liberaler Demokratie und kapitalistischer Marktwirtschaft. Fukuyamas Zukunftsvision einer global fortdauernden Pax Americana wurde alsbald widerlegt durch den Aufstieg Chinas - unter ungebrochen kommunistischer Diktatur - zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht sowie durch das aus dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums hervorgegangene autoritäre Regime Putins. Als politisch aktuelle Pointe wirkt die Hypothese, Putin hätte die Ukraine nicht angegriffen, wenn er nicht die USA – nach ihrem Debakel im Irak und in Afghanistan - als geschwächte Weltmacht wahrgenommen hätte.

Hillers These, die Zukunft liege in einer multipolaren Welt, mag nicht sehr originell wirken. Nichtsdestoweniger belegt er sie mit Fakten der Wirtschafts- und Kulturgeschichte sowie anhand von Daten, die über unser conventional wisdom hinausreichen. Eine 2022 veröffentlichte Studie des Internationalen Währungsfonds (IMF) diagnostizierte eine Schrumpfung der Wirtschaftsleistung in den entwickelten Ländern von 5,2 Prozent im Jahr 2021 auf 1,4 Prozent im Jahr 2023. Dagegen würden die Schwellenländer 2023 mit 3,8 Prozent fast dreifache Wachstumsraten erzielen.

Die welthistorische Tendenz von der westlich dominierten Welt zum Aufstieg der Schwellenländer (emerging nations) stellt Hiller in Relation zu den vier Phasen der Industriellen Revolution. Nach der ersten Phase der Industrialisierung, geprägt von Dampfmaschine, Eisen- und Textilindustrie, sowie im Zeichen des Freihandels steht das 19. Jahrhundert (1815-1880) unter der Vormacht Großbritanniens und seines Empire. In der zweiten Phase (1880-1945), geprägt von Chemie, Elektrizität und Verbrennungsmotor als führenden Sektoren, war die industrielle Welt multipolar unter den europäischen Mächten (England, Deutschland, Frankreich) sowie den USA aufgeteilt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sicherten die USA im Zeichen der von ihnen geschaffenen Institutionen (UNO, GATT/WTO, IMF, Weltbank etc.) samt liberalem Werteystem die Dominanz des Westens. Dank der - von rapiden Entwicklungen im Computersektor seit den 1970er Jahren geprägten - Dritten Industriellen Revolution habe die USA ihre Vormacht noch über einige Jahrzehnte behaupten können. Mit der fortschreitenden, nahezu alle Lebensbereiche durchdringenden Digitalisierung sei die Vierte Industrielle Revolution (Stichwort: Künstliche Intelligenz) angebrochen. Diese begünstige den Aufstieg der Schwellenländer, verlagere die Wirtschaftsgewichte und bilde die ökonomisch-technische Grundlage der multipolaren Weltordnung des 21. Jahrhunderts.

Den Ausführungen über die Wachstumsdynamik der Schwellenländer vorangestellt ist ein Kapitel mit dem Titel „Die goldenen Zeiten des Westens - und eine Moral mit zweierlei Maß“ sowe ein weiteres über Aspekte der Abkehr vom Westen. Der Autor verweist auf die Diskrepanz zwischen den Proklamationen der Menschenrechte in der Amerikanischen und der Französischen Revolution und deren fragwürdiger Praxis. Dazu gehörten nicht nur Sklaverei und Rassentrennung, sondern auch der 1875 von der Dritten Republik beschlossene „Code de l´ Indigénat“, der in Algerien - sowie später in allen Kolonien - der einheimischen Bevölkerung staatsbürgerliche Rechte vorenthielt.

Derlei Fakten nährten ehedem die Sympathien der westlichen Linken für die militanten Emanzipationsbestrebungen in der sogenannten „Dritten Welt“. Heutige Linksgrüne – sofern nicht naive Verfechter von „diversity“ - sowie Liberale müssen zur Kenntnis nehmen, dass ihre Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit im „globalen Süden“ nicht nur auf kulturelles Unverständnis – begründet in alten Kulturtraditionen wie des Buddhismus oder des Konfuzianismus –, sondern als Ausdruck westlicher Überheblichkeit auf Ablehnung stoßen. Der an der Lee Kuan Yew School of Public Policy der Nationalen Universität von Singapur lehrende frühere Diplomat Kishore Makhabani erklärt, die Menschen in den Schwellenländern hätten viel zu lange in einer „angelsächsischen Blase“ gelebt. „Unser Verstand war kolonisiert .“ Mehr noch, er zweifelt am Charakter der westlichen Demokratie: „In Wahrheit bekamen die Amerikaner und Europäer die Plutokratie.“ (72, 97)

Als Doppelmoral, Bevormundung und/oder Egoismus werden in den aufstrebenden Ländern nicht nur die menschenrechtlichen Ermahnungen, sondern auch – beispielsweise in einem „grünen“ EU-Aktionsplan für „mehr Wohlstand, Frieden und Nachhaltigkeit“ (2020) verpackte - Forderungen nach umweltschonender Produktion wahrgenommen. Im Zuge der Globalisierung wurden – aus Kosten- wie aus Umweltgründen - schmutzige Schlüsselindustrien wie Stahl- und Aluminiumproduktion nach Indien, China und Südkorea verlagert. Die Folgen werden derzeit angesichts der unterbrochenen Lieferketten spürbar.

Umgekehrt können Umweltdiktate nichtwestlichen Unternehmen Nutzen bringen. Als anno 2020 Siemens Energy aus einem der weltweit größten Kohlekraftwerke in Australien aussteigen musste, baute die Adani Group aus Indien die Bahnstrecke zur Verschiffung der Kohle ohne die deutsche Signaltechnik. Vor dem Hintergrund deutscher Umwelt- und Energiedebatten ist festzuhalten, dass laut Global Coal Exit in 60 Ländern der Welt Kohlekraftwerke geplant oder im Bau sind, die zusammen 579 Gigawatt Strom liefern sollen. Die Leistung eines Atomkraftwerks beträgt ein Gigawatt. (85f.)

Das Buch fasst die Gesamtheit der Schwellenländer in Asien, Afrika und Lateinamerika ins Auge. Naturgemäß gilt der Großteil der Ausführungen dem in kaum einer Generation zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht aufgestiegenen China (das sich noch immer als Schwellenland versteht). Seine – unter dem Signum „Neue Seidenstraße“ (BRI) bekundete - wirtschaftliche Führungsrolle in der Welt verdankt China seinem – nur selten angezweifelten – Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes. Seit langem ist China wirtschaftlich führend in Afrika beim Ausbau der Infrastruktur sowie als Exporteur. Von – auch in Afrika von nüchternen Köpfen kritisierter - „Entwicklungshilfe“ halten die Chinesen nichts. Die Chinesen investieren, bemerkt ein kenianischer Ökonom. aber sie „sagen den Afrikanern: Das gibt es nicht umsonst. Wir wollen, dass ihr zurückzahlt.“ (95) Geraten die rohstoffärmeren unter den Ländern Afrikas danach nicht in eine chinesische Schuldenfalle?

Umfassendere Ausführungen zur Zukunft des Kontinents im Süden Europas wären an manchen Stellen wünschenswert. Der Afrika-Experte Hiller beschränkt sich im wesentlichen auf das Erfolgsland Kenia, wo mit dem digitalen Zahlungsinstrument M-Pesa ein bedeutender Wachstumsfaktor die Wirtschaft vorantreibt. Es muss offenbleiben, inwieweit der Autor des Buches „Afrika ist das neue Asien“ (2014) im Hinblick auf das BRICS-Land Südafrika, auf Ägypten oder auf die von Konflikten zerrissenen Regionen der Sahelzone etwas zu optimistisch in die Zukunft blickt. Fraglich bleibt auch, ob der Einwanderungsdruck – nicht nur aus den Krisenstaaten Afrikas - im Gefolge des erwarteten Aufstiegs des Kontinents abflacht.

Von derlei Kritikpunkten sowie dem fehlenden Register abgesehen, ist das gut lesbare Buch als Informationsquelle zu den ökonomischen und weltpolitischen Tendenzen im 21. Jahrhundert zu empfehlen.

Christian Hiller von Gaertringen: Die Neuordnung der Welt. Der Aufstieg der Schwellenländer un die Arroganz des Westens, München (FinanzBuchBuchVerlag) 2022, 251 Seiten



Mittwoch, 11. Januar 2023

Vor und nach der Berliner Wahl: Leerlauf als Bewegungsprinzip

Die Wahlunterlagen sind eingetroffen, an den Bäumen und Laternen hängen die Wahlplakate, auf denen  sich die Parteien im Wettbewerb um das beim Wahlvolk vermutete niedrigste Niveau geistig übertreffen. Zum 12. Februar 2023 sind wir Bürger (sc. -innen, m/w/d) des Landes Berlin, Hauptstadt der Bundesrepublik, aufgerufen zu wählen. Wir dürfen oder sollen wieder wählen, nachdem  das Verfassungsgericht des Landes nahezu einstimmig das Prozedere der zurückliegenden Wahl am Tag des weltpolitisch bedeutsamen Berlin-Marathons am 26. September 2021 sowie den Modus der Stimmenauszählung als gravierende Verletzung demokratischer Prinzipien befand.

Das war einigermaßen peinlich für den regierenden Senat, will aber nicht viel heißen. Denn nüchtern betrachtet, sind Wahlen im Bundesland Berlin von minderer Bedeutung. Eine Umfrage vom 9. Januar besagt zwar, dass die "konservative" CDU mit 22,5 Prozent rechnen darf und 2,5 Prozent vor den Grünen liegt, gar 3 Prozent vor der SPD. Das Ergebnis der Wahl  ist gleichwohl - wenn  nicht noch ein Wunder geschehen sollte - locker vorherzusagen: Es wird sich in der Hauptstadt nichts ändern, selbst wenn sich die Komponenten der Formel R2G leicht ändern sollten.

Das gänzlich auszuschließende Wunder bestünde darin, dass der CDU-Chef Kai Wegner als Regierender Bürgermeister mit der bisher regierenden SPD und der FDP eine "Deutschland-Koalition" eingeht. An eine wundersame, politisch wirksame Rochade – von R2G hin zu CDU-SPD-FDP ist indes aus zweierlei Gründen nicht zu denken.  Zum einen fiele die FDP - laut genannter Umfrage bei 4 Prozent - als Koalitionspartner aus, zum anderen stieße eine "rechte" Koalition in der SPD an der "Basis"  auf vehementen Widerspruch. Das mindere, von der CDU erhoffte Wunder einer schwarz-grünen  Koalition - mit oder ohne SPD-Annex - wird von den Grünen ausgeschlossen, nachdem die CDU eine Vornamensforschung zur Aufklärung des Neuköllner Silvervesterfeuerwerks ins Spiel gebracht hat. Derlei Statistik verstößt gegen die Skala grüner Grundwerte. Dass die AfD dank der Silvesternacht ein paar Prozent hinzugewinnen wird, verschafft umgekehrt dem Kampf gegen rechts  noch mehr Überzeugungskraft.

Neue Wahlen hin oder her - Berlin bleibt Berlin. Etwas ändern will Bettina Jarasch, Senatorin für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz des Landes Berlin, Spitzenkandidatin der Grünen und Konkurrentin von Franziska Giffey für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin.  Ihrer Vorstellung nach soll durch Zentralisierung auf Senatsebene die kostenaufwändige Bürokratie in den Bezirken abgebaut und Ausgaben eingespart werden. Man muss nicht mit Weissagung begabt sein, um vorherzusagen: daraus wird nichts. In allen Bezirken hängen die nach Parteiproporz berufenen Stadträte an ihren Ämtern, nicht nur die „Linken“ auf ihren Erbhöfen in Lichtenberg und Pankow, sondern auch all die anderen Vertreter der politischen Farbenlehre. Und wie die Bürokratie in den Bezirksämtern, wo Anträge auf Ausweis und/oder Reisepass, Baugenehmigung etc. oft monatelanger Bearbeitung bedürfen, zu höherer Leistungsfähigkeit zu motivieren sei, wissen nicht einmal ihre Kritiker. 

Natürlich wird sich auch am Zustand der Straßen in der Stadt wenig ändern, außer dass noch mehr Verkehrswege - nach dem pilot project der ökologisch verödeten Friedrichstraße - radler(-innen)gerecht umgemodelt und/oder Straßenschilder dekolonial umbenannt werden. Vergeblich sperrt sich dagegen die CDU mit dem als anspruchsvoll alternatives Verkehrskonzept gedachten Wahlappell "Berlin Wir lassen uns das Auto nicht  nehmen". Noch weniger ändern wird sich am Leistungsniveau zahlreicher  Berliner Schulen sowie insbesondere an den Zuständen in den Schulen der „Problembezirke“. Daran wird sich kaum etwas ändern, auch wenn der Senat seit kurzem mit der Verbeamtung der Grundschullehrer/innen samt Besoldung nach A 13 hinreichend nervenstarke Pädagogen gewinnen will.

Wahlen sind die Stunde des Souveräns, so einer der Kernsätze demokratischer Theorie. Durch Wahlen werde ermitttelt, ob die Regierung ihren auf Zeit vergebenen Herrschaftsauftrag zum Nutzen aller gut oder zumindest hinreichend erfüllt hat. Der Souverän hat die Chance - oder Pflicht - die bessere Alternative zu wählen. Soweit die Theorie. Die Theorie der Praxis hat Gaetano Mosca schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf den Begriff gebracht: Es herrscht – ungeachtet aller demokratischen Proklamationen - die classe politica, welche die Macht ausübt und gemäß nüchternem Kalkül hungrige Aspiranten oder fügsame Diener der bestehenden Machtverhältnise kooptiert.

Im Bundesland Berlin handelt es sich  - historisch bedingt und öffentlich bedienstet - um eine politische Klasse sui generis. Wir können daher jetzt schon prognostizieren: Auch nach dem 12. Februar regiert die etablierte classe politica nach dem Bewegungsprinzip des politischen Leerlaufs. Angetrieben von edlen Motiven und geölt mit Ideologie.  - P.S. Die - im Hinblick auf die Rolle der Partei "Die Linke" im Bundestag politisch bedeutsamere Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu den Modalitäten der gleichfalls zu wiederholenden Bundestagswahl steht noch aus.

 

Sonntag, 25. Dezember 2022

Noch eine Weihnachtsbotschaft 2022

I.

Beim obligaten - erstmals wieder Coronafreien - Gottesdienst an Heiligabend, war an der Gestaltung - bis auf ein mir in Text und Melodie unbekanntes Lied erkennbar jüngeren Datums - wenig auszusetzen. Allerdings war die Darbietung der Weihnachtsgeschichte nach Lukas 2 nicht so recht nach meinem Geschmack. Der Text wurde - im Wechsel von zwei Gemeindegliedern - stückchenweise in kurzen Verszeilen rezitiert, worauf jeweils die knappe Exegese der nichtgrünen Pfarrerin folgte.

Da ging es naturgemäß um den im Römischen Reich zur Steuerzahlung verpflichteten Josef aus Nazareth, der sich - ohne Seitenhieb aufs Patriarchat - mit der schwangeren Maria nach Bethlehem in die Stadt Davids aufmachen muss. Immerhin diente der Steuereinzug - ohne relativierenden Bezug auf die Pax Augusta - der Finanzierung und Bereitstellung von Soldaten zur Aufrechterhaltung unterdrückerischer Ordnung im riesigen Imperium Romanum. Dass die Heilige Familie nur notdürftige Unterkunft in einem Stall fand und dass Maria ihr neugeborenes Kind, den Gottessohn, in eine Krippe legen musste, gehört zum wunderbaren Drama der Menschwerdung Gottes, ebenso wie die sozial randständigen Hirten auf dem Felde. 

Mit dankbarer Erleichterung vernahm der Gottesdienstbesucher die Friedensbotschaft der Himmlischen Heerscharen. Denn Klage und Gebet über weltweite Not, Elend und Krieg in der Ukraine mündeten nicht  etwa in christlich eingefärbte Parolen zur Wiederherstellung des Friedens gegen den Aggressor Putin, sondern in kritische Fragen und Zweifel bezüglich der nunmehr allerorts betriebenen  Rehabilitierung von Waffen für Zwecke des Friedens, für den Sieg des unzweifelhaften Guten. Verhaltene Zweifel an grüner Kriegsbereitschaft zu vernehmen,  ist mehr, als was man in der Zeit der deutschen "Zeitenwende" erwarten kann. 

II.

Auf die Weihnachtszeit 2022 fiel - in den Medien nicht zufällig nahezu unerwähnt - das Gedenken an die Schlacht von Stalingrad vor achtzig Jahren. Durch Zufall stieß ich im Internet auf ein Interview, das - ausgehend von einem als Spiegel-Bestseller virgestellten Buch von Tim Pröse "...und nie kann ich vergessen" (2022) - der österreichische Autor Markus Leyacker-Schatzl mit Hans-Erdmann Schönbeck, im Alter von hundert Jahren einer der letzten Überlebenden der Schlacht, führen konnte. (https://www.youtube.com/watch?v=z5aR91jyTlk). 

Das Interview ist im besten Sinne ein Zeitzeugen-Dokument. Es besticht zum einen durch die Sensibilität des Fragestellers, zum anderen durch die geistige Präsenz und sprachliche Präzision des von Altersgebrechen gezeichneten, im Rollstuhl sitzenden Mannes. Es vermittelt ein Bild von der Realität  des -  von dem Kriegsüberlebenden Schönbeck als verbrecherisch charakterisierten - Krieges anno 1942/43. Als zwanzigjähriger Panzersoldat nahm der antinazistisch erzogene Schönbeck  - voll Mitgefühl für das schlimme Schicksal Abertausender von sowjetischen Gefangenenen - noch mit einer gewissen Euphorie am großen Vormarsch auf die Wolga teil. Das Elend des Krieges, nicht zuletzt die entsetzlichen Leiden der Zivilbevölkerung, erfuhr er in Stalingrad. Mit einer schweren Rückenverletzung gehörte er zu den letzten, die im Januar 1943 aus dem Kessel ausgeflogen wurden. 

Zu den ihn bis heute  quälenden Erinnerungen gehörte eine Szene, in der er inmitten einer Sommerschlacht (mutmaßlich 1942) - zum einzigen Mal unmittelbar, bewusst und "alternativlos" angesichts der Schlacht -  einen aus einer Getreidehocke brenned hervorstürzenden russischen Soldaten durch Befehl zu einem MG-Feuerstoß  töten ließ. 

Im Interview bleibt offen, ab wann der Leutnant Schönbeck Überlegungen zum Widerstand anstellte. Als sich ihm anläßlich einer großen Vereidigungsinszenierung in der Jahrhunderthalle zu Breslau die Chance zu einem Attentat auf Hitler bot, brachte er es, umringt von SS-Leuten, im entscheidenden Moment nicht fertig, die insgeheim mitgeführte Pistole zu ziehen. Es sind derlei biographische Fakten, die -  das Gesamtbild in keiner Weise "revisionistisch" tangierend - zur Wirklichkeit des Zweiten Weltkriegs gehören. 

III.

Zu den Lesefrüchten der Weinachtstage gehört das Interview mit dem Historiker Thomas Weber, Autor einer Biographie über Hitler im Ersten Weltkrieg, mit dem FAZ-Redakteur Reinhard Müller unter dem Titel "Weihnachten als Waffe" (FAZ v. 24.12.2022, S.8). Dass an Weihnachten 1914 deutsche und britische Soldaten aus den Schützengräben hervorkrochen und sich verbrüderten, ist - auch dank einschlägiger  Fotoaufnahmen - bekannt. Weber berichtet von weniger geläufigen Verbrüderungsszenen im weiteren Verlauf des Krieges, so an Weihnachten 1915 in den Vogesen zwischen Deutschen und Franzosen - eine Erfahrung, die Riachard Schirrmann, den "Vater" der Jugendherbergsbewegung, zu seinem friedensstiftenden Werk inspirierte. 

Zu Recht erklärt Weber derlei pazifistische - die militärischen Führung alarmierenden - Szenen mit der Tatsache, dass ungeachtet aller Propaganda der Erste Weltkrieg "in den Augen gewöhnlicher Soldaten  kein Krieg der Ideologien..., sondern ein christlicher Bruderkrieg war." Anderer Natur war der nationalsozialistische Vernichtungskrieg, nicht zuletzt aufgrund seiner NS-spezifischen religiösen Momente.

Weber äußert sich sodann zu den  ideologischen, orthodox-christlich verbrämten Aspekten von Putins Krieg in der Ukraine. Dass innerhalb der Ukraine, gerade auch im gespaltenen Rahmen der ukrainischen Orthodoxie,  massive, politisch relevante Konflikte im Gange sind, ist hierzulande wenig bekannt. Einen Hinweis enthält darauf der auf derselben Seite 8 nebenstehend plazierte Artikel über Metropolit Onufrij, Oberhaupt der seit 1990 bestehenden Ukrainische-Orthokoxen Kirche (OUK). In den uns präsentierten Medienberichten ist von den religiösen Verwerfungen innerhalb der Orthodoxie kaum je die Rede. Tatsächlich werden die Spannungen von beiden Seiten  unter anderem durchsuchte Selenskijs Geheimdienst unlängst das historische Höhlenkloster über Kiew - forciert. 

An der Ostfront kam es im Ersten Weltkrieg zu Verbrüderungen zur Zeit des orthodoxen Osterfestes. Von Hoffnung auf Verbrüderung der verfeindeten russischen und ukrainischen orthodoxen Gläubigen sind wir an diesem Weihnachtsfest 2022 (oder zum alten orthodoxen Fest am 7. Januar 2023) weit entfernt. Frieden auf Erden? Frieden in Europa?




 

 




Donnerstag, 22. Dezember 2022

Von der Weihnachts- zur Neujahrsansprache 2022/2023

I.

Wir – wir, ein exkludierender, ethno- und/oder egozentrischer Begriff, sofern nicht von Annalena und Claudia in ein deutsch-dekolonialistisches Schuldnarrativ verpackt – wir wissen was uns (!) am ersten Feiertag erwartet: die Weihnachtsansprache unseres Bundespräsidenten Steinmeier. Was ihm der/die/das Redenschreiber (m/w/d) aufgeschrieben hat und was er dem Volk zu verkünden hat, ist leicht zu antizipieren: Unser Entsetzen über den Krieg in der Ukraine, unsere Unterstützung für das leidende Volk (!) der Ukrainer inklusive effektiver Waffenhilfe zur Abwehr des Aggressors Putin. Inwieweit der Redenschreiber (sc. die -in) uns an den historischen Schuldanteil der Deutschen in den bloodlands (Timothy Snyder) erinnert, muss noch offen bleiben.

Danach folgt der Appell zur Vernunft, zum verständnisvoll sparsamen Umgang mit – kriegsbedingt - knapp gewordener Energie. In die grüne Ermahnung passt keine Bemerkung zu den am 26. September 2022 von unbekannter Hand gesprengten Pipelines Nord Stream I und II. Auch Überlegungen zum Nutzen des Weiterbetriebs oder gar der Wiederinbetriebnahme von abgeschalteten Atomkraftwerken wird man aus dem Munde des Bundespräsidenten kaum hören.

Als pastorale Ergänzung zu den bikonfessionellen Friedens- und Flüchtlingsbotschaften in den zusehends schwächer besuchten Kirchen selbst an Heiligabend werden wir Bundesbürger (m/w/d), jung und alt, sodann zu mehr Menschlichkeit und zum vorurteilsfreien Umgang mit den erneut - in höheren Zahlen als zu Merkels Zeiten – hereinströmenden Geflüchteten ermahnt. Ja, wir wissen: Niemand verlässt sein geliebtes Heimatland und oder/seine innig geliebte Familie (our family is our village) ohne Grund. Statistiken über proportional nicht-indigene Gewalttaten sind für eine Sonntagspredigt zu trocken und gehören – ins Ressort „Kampf gegen rechts“ von Innenministerin Nancy Faeser. Vermutlich erinnert Steinmeier auch an  die permanente Bedrohung unserer Demokratie und Werteordnung, wie sie am 8. Dezember im gerade noch verhinderten Sturm der Reichsbürger auf den Reichstag manifest wurde.

II.

Die Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten (ÖRR) bilden – als zur Kritik berufene Beobachter des Weltgeschehens für Gesellschaft und Staat unverzichtbar - eine aus Pflichtbeiträgen und staatlichen Budgets reichlich ausgestattete Institution unserer Demokratie. Vor dem Hintergrund des politischen Bildungsauftrags sowie des alles andere beherrschenden Datums des 24. Februar 2022 ist nicht anzunehmen, dass ein Scherzbold aus den unteren Rängen des Rundfunks des Kanzlers Neujahrsrede vom Vorjahr 2022 aus der Konserve holt und dem Publikum darbietet. Derlei Scherze – wie noch in den längst vergessenen 1980er Jahren – verbieten sich in so ernsten Tagen des Kriegsjahrs 2022/2023. Im übrigen ist Scholz nicht Kohl. Die Kennzeichnung „Scholzomat“ ist für heutige Spiegel-Journalisten/innen auch nicht mehr so witzig wie ehedem die „Birne“.

Was uns aus dem Munde Scholz´erwartet, ist schwer zu sagen. Obenan geht es um den Ukrainekrieg, der für Scholz eine „Zeitenwende“ einläutete. Ich gestehe, dass ich bis zu Putins Auftritt vor den Chargen seines Machtapparats – immerhin riskierte sein Sicherheitschef einen Augenblick lang Bedenken zu äußern – auch zu denen gehörte, die an eine Wiederkehr eines großen Krieges in (Ost-)Europa nicht glauben wollte. Die Fakten nötigten mich zu besserer Einsicht. Einen Ausweg aus Krieg und Kriegselend vermag ich nicht anzugeben, außer meinen privaten Appell zu entsprechenden Appellen Scholzens, Macrons (und Orbáns) an Putin, in milder Form auch an Joe Biden und Wolodomyr Selenskyi.

Scholz wird in seiner Neujahrsansprache also seine Hoffnung auf Frieden mit uns teilen, der indes – widerwillig - nur mit mehr deutschen Waffenlieferungen erreicht werden kann. Die Zeitenwende, der Realitätsschock, ist bis dato im pazifistisch gestimmten Volk noch nicht angekommen. Das muss sich ändern. Mit einem Riesenrüstungsbudget und Reparaturen an unseren traditionsreichen Panzern allein ist der ersehnte Friede nicht zu gewinnen. Scholz sollte sich – auch in seiner Neujahrsrede - an den kampfbereiten Grünen orientieren. Wenn zudem die Panzer mit Sonnenblumen bestückt werden, freuen sich die Ukrainer, und die Russen („Gruppe Wagner“ und andere) werden friedenswillig gestimmt. 

Jedenfalls wird Scholz am Neujahrstag 2023 dem Volk Verantwortung und Tatkraft der Ampel vor Augen halten und um Vertrauen werben. Regieren  - erst recht in einer Demokratie - ist auf Vertrauen gegründet, heißt es schon bei John Locke (all government is based on trust).  Da die Ampel immer auf grün steht, können wir - trotz allerlei Magengrimmen - voll Vertrauen und Hoffnung ins Jahr 2023 starten.

 

Freitag, 9. Dezember 2022

Der Reußenschlag und ähnliche grundstürzende Ereignisse

Meinem Blog-Publikum darf ich - noch ganz unter dem Schock des nicht stattgefundenen Sturms auf den Reichstag - meine bereits auf Globkult präsentierten Betrachtungen zur deutschen Lage,  geprägt  von  realen, imaginären, und minderen Katastrophen, zur Lektüre empfehlen. Die Lage ist nach wir vor ernst, nicht zuletzt weil der für den 8. Dezember 2022 angesetzte Katastrophenalarm in weiten Teilen des Reiches sowie des www.net ausfiel. Was also tun beim nächsten Anschlag auf unsere Demokratie? 

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Mit Entsetzen und Dankbarkeit verfolgen wir seit den Morgenstunden des 7. Dezember  die Nachrichten über den missglückten Putsch der um Prinz Heinrich XIII. Reuß gescharten Truppe von Reichsbürgern. Laut Innenministerin Nancy Faeser standen wir vor „einem Abgrund terroristischer Bedrohung“. Doch gerade noch rechtzeitig wurde die monarchistische Verschwörung mit einem veritablen Fürsten - aus dem von Kaiser Friedrich I. Barbarossa belehnten und zigmal geteilten thüringischen Herrscherhause Reuß - an der Spitze aufgedeckt und zerschlagen. Als überzeugter Demokrat hat sich der in Niederösterreich auf einem Schloss ansässige Chef des Hauses Reuß Heinrich XIV. von der Aktion seines Nebenlinien-Namensträgers distanziert.

Das Datum des 7. Dezember 2022 könnte - als deutsches Pendant zum Sturm der Trumpisten aufs Capitol am 6. Januar 2021 - in die Annalen der westlichen Demokratie eingehen. Wir sind vor einer weiteren deutschen Geschichtskatastrophe gerade noch einmal davongekommen. Einen Guy-Fawkes-Day als zusätzlichen, arbeitsfreien Feiertag wird es in der Bundesrepublik jedoch nicht geben.

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Angesichts der historischen Schwere der Ereignisse – vergleichbar dem gescheiterten Kapp-Putsch anno 1920 - geraten mindere Katastrophen der letzten Tage schnell aus dem Blick. Wir sprechen von zwei Episoden, die mit dem Namen der EU-Hochkommissarin Ursula von der Leyden verknüpft sind. Über den einen Fall berichtet die FAZ (vom 7. Dezember 2022, noch vor Bekanntwerden des Reußenschlags) unter der Überschrift „GW 950m hat das Pony Dolly getötet“. Die kryptische Ziffer bezieht sich auf den Wolf (m.), der bereits Anfang September auf der Koppel in Burgdorf-Beinhorn bei Hannover von der Leyens Lieblingspony riss, sprich: tötete und mindestens teilweise auffraß.

Das Wolfsthema gehört zu den – außer den Corona-Masken und den Gaspreisen - im Volke heiß diskutierten Themen. Laute Klagen über die grüne Wolfspflege kommen seit langem von Bauern mit offenem Weideland, Pferdezüchtern und Schäfern, die über die viel zu niedrigen Entschädigungsgelder für ihre toten, „gerissenen“ Tiere ergrimmt sind. Einige Betriebe mussten wegen hoher Verluste bereits aufgeben. Doch selbst nach der „Beinhorner Tragödie“ wehrt der grüne Umweltminister Christian Meyer Kritik in klassischem Green Speak ab: Nötig sei ein „offener, transparenter und am Ende zielführender Dialog zum Wolfsmanagement, zum Herdenschutz und zur Weidetierhaltung.“

Gleichwohl könnte von der Leyens Privatkatastrophe noch eine Revision der grünen Wolfsschutzpolitik erzwingen und ene Koalitionskrise nach sich ziehen. Denn es ist – bislang nur über die „sozialen Medien“ - zu erfahren, dass die Präsidentin der EU-Kommission dabei ist, auf eine Änderung des bislang gerade auch von Brüssel vertretenen Jagdverbots für die Europas Fauna bereichernden Wölfe zu dringen.

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Von anderer Qualität ist eine – dank umfassenden Stillschweigens in den Medien – gerade noch vermiedene, von Kommissionspräsidentin von der Leyen höchstselbst bzw. von ihrer (mutmaßlich ungegenderten) Redenschreiberin verursachte diplomatische Peinlichkeit. Sie steht in der – in den Geschichtsbüchern meist mit Wilhelminismus assoziierten, den Deutschen allgemein zugeschriebenen Tradition mangelnden diplomatischen Feingefühls. (Adnote: Anders als Wilhelm II. mit seiner „Hunnenrede“ behandeln Historiker seinen Zeitgenossen und vermeintlichen Freund Teddy Roosevelt mit dessen „Big Stick“-Rhetorik meist mit nachsichtigem Lächeln.)

Am 3. Dezember 2022 hielt von der Leyen als EU-Kommissionspräsidentin im irischen Parlament (Dáil und Seanad) zu Dublin eine Rede anlässlich des bevorstehenden 50. Jahrestags des Beitritts der Republik Irland zum damals noch lose geeinten (West-)Europa. (https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/SPEECH_22_7347). In ihrer mit ein paar gälischen Einsprengseln verzierten Rede lobte die Chef-Europäern die enge Verbundenheit der Insel mit Europa, wie sie in dem EWG-Referendum anno 1973 und zuletzt im same-sex-marriage-Referendum zum Ausdruck gekommen sei. Dass die Iren im Juni 2008 den Lissabon-Vertrag der EU bei einem ersten Referendum durchfallen ließen, blieb in der Laudatio unerwähnt.

Umso mehr betonte von der Leyen den irischen Freiheitswillen als nationalspezifischen Beitrag zur europäischen Wertegemeinschaft. Sie rühmte die „heroes of the Easter Rising“ (anno 1915), wobei sie indes den Hinweis unterließ, dass die Freiheitshelden im General Post Office vergeblich auf deutsche Hilfe und Waffen auf dem von der britischen Marine zerstörten Schiff gehofft hatten. Stattdessen schlug sie den Bogen von der tief verwurzelten irischen Freiheitsliebe zum aktuellen Freiheitskampf der Ukraine.

Der Eklat in England über derlei Geschichtsbild erfolgte prompt. Der führende Brexiteer Jacob Rees-Mogg meinte milde: „It is an extraordinary thing for Ursula von der Leyen to say, undiplomatic, unwise and wrong.“ Die „Daily Mail“ benannte den möglichen diplomatischen Schaden der Geschichtslektion der „Top Eurocrat“: „Her comments threatened to sour relations amid talks over renegotiating the post-Brexit Northern Ireland protocol trading arrangements.“ Der „Daily Express“ titelte in offener Empörung: „'How dare she!' Von der Leyen condemned for likening IRA to Ukraine freedom fighters“.

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Für die deutsche Politik, erst recht für die mediale Öffentlichkeit, war von der Leyens Auftritt in Dublin keinen Kommentar wert. Wichtigere Themen waren in den vergangenen Tagen Faesers Binde und künftiges Flüssiggas aus Qatar, seit dem 7. Dezember der gerade noch verhinderte Umsturz. Obenan steht jetzt wieder der „Kampf gegen rechts“.








Mittwoch, 30. November 2022

Ablasshandel zur Weihnachtszeit

Dank Internet und digitalem Schriftverkehr besteht die Briefpost nun schon seit Jahren nur noch aus Reklamesendungen, Rechnungen, amtlichen Schreiben sowie Spendenappellen aller möglichen Organisationen und Institutionen. Datenschutz - ehedem ein grünes Herzensanliegen - ist im digitalen Zeitalter längst kein Thema mehr. Entsprechend häufen sich Briefe mit beiliegenden, antiquiert anmutenden Überweisungsvordrucken samt Spendenquittung. 

Terre des Hommes und/oder des Femmes, Greenpeace, Ärzte/Ärztinnen und/oder Reporter ohne Grenzen, SOS-Kinderdorf usw. decken den säkularen Bereich ab. Diakonisches Werk, Christoffel-Blindenmission und speziell "Brot für die Welt" appellieren an mein christliches Gewissen. Für Bethel empfinde ich, sofern ich die Überweisung (online) nicht vergesse, nach wie vor große Spendenbereitschaft, auch für die Blinden. Bedenken kommen seit längerem bei "Brot für die Welt" auf. Ich beschränke meine entsprechende Spende (unter Verzicht auf Quittung) in der Regel auf den Gottesdienst an Heiligabend, wo in der Kurzpredigt  nach Lukas, 2 die Weihnachtsgeschichte meist (ohne direkten Bezug auf Matthäus, 2) mit dem aktuellen Flüchtlingselend verknüpft wird.

Für den Steuer- und Kirchensteuerzahler wirft das Spendenwesen einige grundsätzliche, zwischen Gewissen und Ratio angelagerte Fragen auf. Natürlich gehöre ich - mit Beamtenpension samt Beihilfe - zu den passabel Situierten in diesem wirtschaftsmächtigen Staat oder - im kirchlichen oder allgemein karitativen Politsprech ausgedrückt - zu den gegenüber dem "globalen Süden" (ehedem "Dritte Welt") Privilegierten in "diesem reichen Land". Ich möchte mich da nicht mit geläufigen, klassenkämpferisch angereicherten Parolen über die Superreichen, beispielsweise über die exorbitanten Einkommen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (ÖRR) oder anderswo, herausreden. Nein, das Wissen um soviel Elend in der Welt nagt zuweilen an meinem Gewissen. Und eben darauf zielen die vielen Spendenappelle.  

Aus einiger Distanz betrachtet, handelt es sich beim kirchlichen und nichtkirchlichen NGO-Spendenwesen um die moderne, säkulare Form des spätmittelalterlichen,  in die Kreuzzüge zurückweisenden Ablasshandels. Zwar plagt uns keine Angst mehr vor der Hölle, schon gar nicht Sorge bezüglich der (nicht nur) von Protestanten ohnehin abgelehnten reinigenden Sündenstrafen im Fegefeuer, aber es tut der Seele gut, ein gutes Werk in Cash, per Überweisung oder per Smartphone zu tätigen.

Das Spenden für gute Zwecke - und für ein gutes Gewissen -  soll nicht gänzlich in Zweifel gezogen  werden. Ich spende selbst seit Jahren steuerabzugsfähig, und das Elend von Pfandflaschensammlern und immer zahlreicheren Obdachlosen in deutschen Städten springt mich an. Gleichwohl bleiben einige Fragen. Sie betreffen allgemein die von Eigennutz geprägte Struktur  von Hilfsorganisationen. Welcher Anteil des Spendenflusses landet im von Selbstzweck gesteuerten Apparat, und wieviel kommt in den Hilfsprojekten (wiederum abgesehen von deren nicht immer unzweideutigen Zielsetzungen) an?  

In concreto,  hinsichtlich der kirchlichen Spendenaktionen (beispielsweise "Brot für die Welt"), geht es um deren Funktion im Zusammenhang der kirchlichen Großorganisation EKD und ihrer Landeskirchen. Sie werden maßgeblich getragen von der Kirchensteuer. Auf deren budgetäre Zuweisungen hat das zahlende Kirchenmitglied, sofern nicht delegiert und engagiert in den Synoden, keinerlei Einfluß. Das akute Beispiel ist die direkte oder indirekte Zuweisung von Hilfsgeldern an die im Mittelmeer operierenden Rettungsschiffe für Migranten und/oder reale Flüchtlinge ("Geflüchtete" statt, semantisch richtiger, "Flüchtende"). Die Problematik von derlei Rettungsaktionen - de facto Unterstützung der hochkriminellen Schlepperbanden  - ist unübersehbar. Rettungsschiffe wie Seawatch verdienten Unterstützung, wenn sie allein auf reale Rettung aus Seenot zielten - und nicht (unter der Parole "Open Borders") auf die Förderung illegaler Einwanderung in die "reichen" Länder. Im übrigen geht es - angesichts der Vielzahl von Krisen-, Kriegs- und Armutsregionen - stets um selektive Hilfsaktionen, die am globalen Elend und dessen komplexen Ursachen vorbeizielen.

Inwieweit die Spenden für "Brot für die Welt" und ähnliche Organisationen sinnvolle Verwendung finden oder - als eine Art Nebenquelle - fragwürdige Unternehmungen der politisierten EKD indirekt mitfinanzieren, ist eine unbequeme, aber berechtigte Frage. Wer mit schlechtem Wohlstandsgewissen eine Spende aus dem Gehaltszettel abzweigt, bewegt sich im psychologischen Bereich des ehedem vom Reformator Luther dekonstruierten Ablasshandels. Und dies nicht nur zur Weihnachtszeit.

 


 

 

Donnerstag, 24. November 2022

Gedenktage, Narrative und inkongruente Details

I.

Der traurige Monat November, durchzogen von säkularen (id est zivilreligiösen) und religiösen Gedenktagen, inspiriert zu Reflexionen über Sinn, Ästhetik und Begründungen des Gedenkkalenders. Auf der abstrakten Ebene geht es um die politisch-soziale Funktion von dies festae und den entsprechenden Riten in Gesellschaften. Im konkreten politischen Kontext der Gegenwart richtet sich der Blick auf die Fest- und Gedenktage in den - ungeachtet aller universalistischen Deklarationen (Weltfrauentag, Weltkindertag, Tag der Menschenrechte usw.) - unterschiedlich fortbestehenden, historisch begründeten nationalen (und/oder nationalstaatlichen) Gedenktage. 

Die historisch-politisch relevanten Unterschiede sind an beliebigen Daten zu erkennen, nicht zuletzt am Weltgedenktag des 27. Januar, zum Gedenken der Befreiung von Auschwitz durch sowjetische Truppen an besagtem Januartag 1945. Solange die universalistisch gemeinte Intention, das von deutschen Nationalsozialisten verübte Massenverbrechen für alle Zeit als Mahnung an alle Menschheit zu begreifen, am Selbstverständnis der in diesen Tagen auf acht Milliarden angewachsenen Menschheit vorbeizielt, dürfte der - 1996 von Bundespräsident Roman Herzog in Deutschland proklamierte, anno 2005 von der UNO etablierte -  Gedenktag selbst innerhalb des Westens sehr unterschiedliche Empfindungen und Assoziationen wecken. Vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges tritt die bittere Ironie kollektiven - realiter selektiven - Gedenkens hervor: Im historischen Selbstbewusstsein der ihre Unabhängigkeit gegen den imperial-russischen Aggressor Putin verteidigenden Ukrainer dominiert das Gedenken des "Holodomor", des von Stalin exerzierten, millionenfachen Hungertodes in der Ukraine (und in Südrussland).

II.

Die Symbolik des zivilreligiösen Gedenkens korreliert mit der modischen Begrifflichkeit des "Narrativs" oder der "Erzählung". Diese wiederum erfährt - in reduktionistischer Gestalt - als "Geschichtspolitik" ihre ideologische Zwecknutzung. Hinter derlei akademisch aufgeladenen Begriffen steckt nichts anderes als die alte Erkenntnis, dass die Geisteswissenschaften - ein immer weniger geläufiger Begriff - dem jeweiligen Zeitgeist verpflichtet sind, und dass Erkentnisinteresse nicht selten mit Machtverhältnissen verquickt ist. Nicht zuletzt gilt diese Erkenntnis der auf "Narrative" abhebenden Modeströmung des Dekonstruktivismus. Auch die "große Erzählung" des westlichen Universalismus bleibt von der Dekonstruktion nicht verschont, mit der Konsequenz, dass nunmehr im Zeichen der "wokeness" partikulare Narrative universelle Gültigkeit beanspruchen. Als Quintessenz der Debatte ist festzuhalten, dass in Tradition und Wissenschaft inkongruente Fakten, erst recht mindere historische Details zugunsten der dominanten "Erzählung" geglättet oder ausgelassen werden.

Weitab von akademischen Diskursen, auf der Ebene politischer Realität, erleben wir den Widerspruch zwischen universalistischen Proklamationen und divergierenden Bewusstseinsinhalten im Alltag der zusehends multiethnischen - und/oder multikulturellen - westlichen Gesellschaften. Ein eklatantes Beispiel für ideologische Ungereimtheiten liefert wiederum der Ukrainekrieg: Das - historisch-kulturell begründete - Selbstverständnis der Ukraine als eigenständige, freiheitsliebende Nation wird von deutschen - ansonsten allen nationalhistorischen "Erzählungen", sprich: Traditionen abgeneigten - Linksliberalen und Grünen als unzweifelhaftes Bekenntnis zur liberalen Demokratie akzeptiert und aufgewertet. Bei einem - von der Kulturstaatssekretärin Claudia Roth persönlich beehrten - Solidaritätskonzert in der Berliner Philharmonie erhob sich bei  Intonation der ukrainischen Nationalhymne andächtig das postnationale, postheroische deutsche Publikum. 

Die aktuelle Debatte um fehlgeleiteten Pazifismus und notwendiger Parteinahme in einem "gerechten" Verteidigungskrieg offenbart das spezifisch deutsche Dilemma: Mit gutem und - unter Verweis auf den Zweiten Weltkrieg - schlechtem Gewissen sollen "wir Deutsche"  uns moralisch erweisen, indem wir der Ukraine hinreichend schlagkräftige Waffen liefern. 

III.

Krieg heißt Bereitschaft zu töten, zu verletzen und verletzt oder getötet zu werden. Kriegshandeln ist bereits seit dem Kosovo-Krieg 1999 auch für Deutsche wieder erlaubt, ja - gemäß der damaligen Auschwitz-Rhetorik des Außenministers Fischer und des Verteidigungsministers Scharping - historisch und politisch-moralisch geboten. Seit dem fehlgeschlagenen - politisch sinnlosen - NATO-Einsatz in Afghanistan sind auch wieder deutsche Soldaten als opferbereite Gefallene zu beklagen.

Und auch zu ehren. Am 14. November 2022, dem diesjährigen - terminologisch noch fortbestehenden - Volkstrauertag ehrte die Verteidungsministerin Christine Lambrecht an einer Gedenkstätte, gelegen in Schwielowsee bei Potsdam (!), mit Kränzen die neunundfünfzig in Afghanistan zu Tode gekommenen Bundeswehrsoldaten. Die Gedenkstätte besteht aus einem von einer mit Namen der Toten versehenen Gedenkmauer, davor ein großer Felsblock mit einer Plakette. Die mit Blütenzweigen versehene Tafel trägt diverse Aufschriften. Sie ist dem Gedenken "an unsere toten Kameraden" gewidmet, das von einer eindeutig christlich-religiösen Formel ("In Deine Hände befehle ich meinen Geist") unterlegt ist. Darunter heißt es in bündnistreuer NATO-Sprache: "Lest we forget". Ganz unten befinden sich - etwa als Zeichen der Solidarität für die ungezählten afghanischen Opfer der gescheiterten, im Gefolge von  Präsident Joe Biden abgebrochenen demokratischen Befriedungsaktion ? - zwei Zeilen in arabischen Schriftzeichen. 

Die Symbolik nötigt zum Nachdenken über deutsches Gedenken bezüglich der jüngsten Vergangenheit und der von multiethnischer Vielfalt geprägten Zukunft: Wie passt derlei zeitgenössisches Gedenken mit der "uns Deutsche" - nicht etwa alle Bundesbürger -  bedrückenden Geschichte im 20. Jahrhundert zusammen? Lest we forget.

IV. 

Der zentrale Gedenktag im deutschen Geschichtskalender ist der 9. November. Der Vorschlag, den Tag zum Nationalfeiertag zu erheben, wurde zugunsten des 3. Oktober, dem Tag der staatlichen Wiedervereinigung 1990, ad acta gelegt. Als Nationalfeiertag hätte sich das betreffende Datum - ungeachtet des deutschen Glückstags anno 1989 - als wenig geeignet erwiesen. Das Gedenken an die  Novemberpogrome im Jahre 1938 überlagert längst wieder die Erinnerung an den Mauerfall. Kein Grund zum Feiern.

Es ist hier nicht der Ort, das Geschichtsnarrativ bezüglich der in ganz Deutschland (samt "angeschlossenem" Österreich) allgemein verbreiteten Pogromstimmung in jenen Novembertagen 1938 genauer zu beleuchten. Die Quellen und die Bilder dokumentieren die zahllosen Szenen mörderischer Gewalt, von Teilnahmslosigkeit angesichts der vor aller Augen stattfindenden Verbrechen, aber auch von erkennbarer Ablehnung bis hin zu stummem Entsetzen. 

V.

Ich habe lange gezögert, die nachfolgene Episode aus dem Leben meiner Eltern öffentlich zu machen. Ich tue dies im Gedenken an meine Eltern sowie aus einer gewissen Verantwortung heraus, ein historisches Detail nicht im Orkus des Vergessens verschwinden zu lassen. Meine Mutter (gest.1992),  erinnerte sich genau an jenen Tag in Duisburg, als mein Vater Dr. Christian Ammon, spätabends von der Arbeit (als Chemiker in einem Industriebetrieb) nach Hause kam und berichtete, in der Stadt und in der weiteren Umgebung des Ruhrgebiets seien die Synagogen in Brand gesetzt worden. Bald werde dies auch "mit unseren Kirchen" geschehen. Am nächsten Tag, dem 10. November 1938, erlebte er, wie sich der Mob auf den Straßen austobte. Dabei erblickte er eine Bande von Männern, die eine Frau an den Haaren über den Rinnstein zerrte. Er ging auf die Gruppe zu und herrschte sie "als deutscher Offizier des Weltkriegs" an, von der Frau abzulassen. Von derlei Intervention überrascht, machten sich die Pogromhelden davon, während er der Frau aufhalf. 

Mein Vater, ehedem Anhänger der linksliberalen Deutschen Staatspartei, hatte sich nie Illusionen über Hitler und den Nazismus gemacht. In den dreißiger Jahren ventilierte er die Chancen einer Emigration. Er gehörte keiner aktiven Widerstandsgruppe an, bewegte sich indes im Umfeld des Goerdeler-Kreises.  Nach einer Anzeige wegen defätistischer und "wehrkraftzersetzender" Bemerkungen landete er anno 1943 (?) vor dem Sondergericht Bayreuth, wo er dank Geschick seines Verteidigers mit einem Freispruch davonkam. Zum "Volkssturm" einberufen, stand er Ende Januar/Anfang Februar 1945 in meiner Geburtsstadt Brieg (Niederschlesien) Posten gegen die anrückende Rote Armee unter General Konjew. Er galt seither als "vermisst". Nach Rücksprache mit mir verfasste die Mutter in meinem Abiturjahr 1962 die Todeserklärung.



 


 

 


 


Montag, 31. Oktober 2022

Gedanken zum Reformationstag

Im Berliner Hauptstadtkalender ist – anders als im umliegenden, kaum weniger atheistischen Bundesland Brandenburg - der 31.Oktober, der Reformationstag, als gesetzlicher und arbeitsfreier Feiertag nicht mehr enthalten. Er wurde – nach demokratischer Abstimmung im Abgeordnetenhaus - irgendwann gestrichen. Immerhin wird das Reformationsgedenken in der öffentlich-rechtlichen Moralanstalt RBB, wo unlängst einige Aufregung über Traumgehälter, ehelich und materiell segensreiche Beziehungen u.ä. herrschte und die Ehesegen spendende Pröpstin Friederike von Kirbach, ehedem Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentages, vom Vorsitz im Rundfunkrat zurücktrat, im Vormittagsprogramm sowie mutmaßlich auch in den Abendnachrichten noch gepflegt.

Ich bekenne – Protestanten sind die geborenen Bekenner -, dass mich, aufgewachsen und „sozialisiert“ in der ehedem noch stockkonservativen evangelisch-lutherischen Landeskirche Bayerns, der dort in Kirche und Schule gepflegte Lutherkult nie sonderlich beeindruckt hat. Dazu mag die preußisch-distanzierte Grundhaltung meiner Mutter, ehedem Mitglied der Bekennenden Kirche in der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union, beigetragen haben. Luther spielte in ihrem Glaubenshaushalt keine hervorragende Rolle. Auch hielt sie nicht viel von dem von Lutheranern demonstrierten Hochmut gegenüber Katholiken. Darüberhinaus setzte sie sogar einmal bei dem erzlutherischen Ortspfarrer durch, dass dieser einen Jungen aus einer Baptistenfamilie zum Konfirmandenunterricht zuließ.

Die Suche nach einem gnädigen Gott – die den jungen Augustinermönch Luther, einst ein allzu „fröhlicher Gesell“, bedrängende Frage – war trotz intensiver Unterrichtung in der Biographie des Reformators für uns evangelische Jugendliche kein vorrangiges Thema. Die Sünde überließ man mit Spott den Katholiken im Beichtstuhl, wo sie hingehörte. Sodann stieß ich – parallel zur Wahrnehmung der alsbald alles überschattenden Naziverbrechen – bereits in der Gymnasialzeit darauf, dass der vielgerühmte Reformator in späteren Lebensjahren wütende Schriften wie die „Wider die Jüden und ihre Lügen“ verfasst hatte.

Die Problematik des deutschen Nationalprotestantismus und des Lutherkultes im 19. und 20. Jahrhundert - bis hin zur Perversion der Deutschen Christen – rückte erst nach und nach ins Bewusstsein. Dazu gehört die bittere Ironie in der an Widersprüchen reichen protestantischen Ideengeschichte: Ausgehend von der lutherischen Gnadenlehre, verläuft sie in sich oft überschneidenden Linien über Pietismus, Aufklärung, Romantik, Idealismus, Neupietismus, liberale Theologie – mit der Seitenlinie der Bayreuther Ideologie – und Neoorthodoxie in die geistig-geistliche Ratlosigkeit der Gegenwart. Auf dem Hintergrund der Nazi-Katastrophe durchwirkt der säkularisierte Protestantismus - in maßgeblich grüner - Einfärbung die politische Landschaft der Gegenwart.

Der Komplexität des Politischen – in all seinen materiellen, machtpolitischen, kulturellen und ideologischen Aspekten – kann die skizzierte Tradition schwerlich gerecht werden. Für katholische Traditionalisten, die sich seit der Französischen Revolution der Komplexität des Geschichtsprozesses verschließen, gilt die Reformation als die satanische Ursünde der Revolution. Derlei Idee entspricht der Flucht aus der Realität. Umgekehrt birgt die einst so stolze protestantische Tradition immer weniger Hoffnung auf befreiende „Gnade“, in christlichem Glauben begründeten Lebenssinn. Es ist dies die Frage, die in Deutschland, wo die Austrittszahlen aus beiden Kirchen alljährlich neue Höchstzahlen erreichen, wo die Indifferenz gegenüber christlicher Glaubenstradition einhergeht mit einem Amalgam aus  Hedonismus, „Selbstverwirklichung“, Schuldpsychologie, Aktivismus und Apokalypse, nicht nur am Reformationstag zu stellen ist.



Samstag, 22. Oktober 2022

Leseempfehlung zum deutschen Doppelwumms

Die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine sind allenthalben spürbar, in concreto ablesbar an den Gaspreisen. Laut Annalena Baerbock befinden auch "wir" uns bereits - offenbar kein Versprecher - im Krieg. In seiner blutigen Realität spielt sich dieser noch ca.1200 km entfernt und  weiter östlich ab. Gleichwohl befinden wir uns in der ungewissen Zone des politisch-militärischen Geschehens, insofern die Bundesregierung nicht nur - wenngleich etwas zögerlich oder indirekt über Tschechien  -  die von Selenskyi geforderten Waffen (Waffensysteme) liefert, sondern demnächst auch ukrainische Soldaten in deutscher Kriegskunst unterweisen wird. So entsetzlich die Bilder, die uns tagtäglich erreichen - ein Waffenstillstand, geschweige denn ein Frieden, ist nicht abzusehen. Beide Seiten steigern den Einsatz und spielen auf Sieg. Was daraus in den kommenden Wintermonaten noch erwachsen kann, ist eine spekulative Frage.

Die Sache selbst ist - jenseits der berechtigten Entrüstung über Putin und der geforderten Parteinahme für Selenskyi - hoch komplex. Eine tiefergehende, über die Evidenz eines Stellvertreterkrieges hinausweisende Analyse - aus der wiederum kein realisierbares Konzept für eine Beendigung des Krieges abzuleiten wäre - ist hier nicht zu leisten. Überdies wäre es vermessen, der deutschen classe politica (grün rot-schwarz-gelb) ein Konzept zur Herbeiführung eines "Friedens" anzuempfehlen. Ein solches gibt es nicht, schon gar nicht als deutsche Blaupause. 

Anstelle eines eigenen Kommentars beschränke ich mich auf eine Leseempfehlung zu einem Globkult-Aufsatz, der sich mit den Aspekten der unsere Gaspreissorgen verschärfenden - unvollständigen - Zerstörung von Nord Stream I und II beschäftigt. Dieser Lesehinweis ist keineswegs als Verharmlosung des mörderischen Geschehens zwischen Don und Dnipro/Dnjepr gedacht, sondern - als bitter-ironische - Anleitung zum besseren Verstehen des Kriegsensembles. Auch diejenigen Leser (sc. -innen), welche die hier präsentierte Analyse des mit Scholzens "Doppelwumms" - eine volksnahe (id est populistische) Formel für 200 Milliarden Schuldenaufnahme -  zu deckelnden Gaspreises aus ästhetisch-moralischen Gründen abweisen, sollten den Text im Hinblick auf den vor uns liegenden Krisenwinter zur Kenntnis nehmen:
https://globkult.de/politik/welt/2246-viel-feind-viel-ehr-einige-bemerkungen-zu-deutschlands-zweifronten-wirtschaftskrieg-gegen-russland-und-china

Freitag, 16. September 2022

Wahl-O-Mat: Guter Rat für Männer mit schlechtem Bildungsgrad

Das politische Ideal der Demokratie ist der citoyen (sc. m/w/d citoyenne), der/die/das mündige Bürger, der am Leben seines Gemeinwesens, der res publica, aktiv Anteil nimmt. In der Schweiz, wo über alle möglichen Gesetze auf Kantons- und Bundesebene direkt abgestimmt wird, ist das Prinzip seit langem verwirklicht. Hierzulande steht das Konzept der plebiszitären Demokratie, immerhin in Art. 20,2 GG als Element der Staatsgewalt festgehalten, unter Populismusverdacht, weshalb es nur äußerst sparsam – bei Radwegen in den Innenstädten, aber nicht bei Windkraftparks in der freien Natur - zur Anwendung kommt.

Aktivbürgertum – oder partizipatives Demokratieverhalten - kommt im bundesrepublikanischen Parteienstaat am besten durch Mitgliedschaft in einer der Parteien - natürlich nicht in allen ! - zur Geltung. Falls als demokratisch ausgewiesen, ermöglichen sie dem Mitglied zuweilen auch eine politische Karriere, zumindest einen besseren Zugang zu den gehobenen Stellen im öffentlichen Dienst oder in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Die große Mehrzahl der Bürger, sofern nicht in einer oder mehreren - parteinahen, meist grünen - NGOs, sprich: in der Zivilgesellschaft, verankert, nehmen am politischen Leben als Konsumenten der Talkshows sowie an den Wahlen teil, wozu sie als der originäre Souverän periodisch aufgerufen sind.

Wer die Wahl hat, hat die Qual, lautet das Sprichwort. Die Zeiten, da es – geprägt durch Herkunft, Klasse, Konfession und Einkommen – relativ feste Parteibindungen gab und das Wählen leichter fiel, sind im Zuge der Individualisierungstendenzen der postmodernen Gesellschaft vorbei. Wer also angesichts der bedrohten Umwelt und der Energiekrise nicht zu den zehn bis fünfzehn Prozent Stammwählern (sc. -innen) der Grünen gehört, tut sich bei der richtigen Stimmabgabe schwer. Als Ratgeber bieten sich die von der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) sowie von den entsprechenden Landeszentralen angebotenen Wahl-O-Maten an. Aus der Addition der Antworten auf bewusstseinsschärfende Fragen – e.g. Cannabisfreigabe: ja/nein/neutral/überspringen – resultieren, am Ende durch einen Klick des Users zu ermitteln, skalierte Parteipräferenzen. Wer bei den Fragen (verh+llt in statements) nicht aufgepasst hat, läuft Gefahr, bei den Extremen und/oder Spinnern zu landen. Er hat sich aus der guten Gesellschaft der demokratischen Parteien selbst ausgeschlossen.

Die demokratische Hilfstechnik (politenglischer Terminus "Tool") ist inzwischen nicht nur „in fast allen europäischen Demokratien“ verbreitet – so die FAZ v. 16.9.2022, S.8 -, sondern wird neuerdings von den o.g. Bildungszentralen auch bei Direktwahlen zum Amt des/der Oberbürgermeister/ in deutschen Städten zur Verfügung gestellt. Das Tool heißt Kandidat-O-Mat. Eben dies hat bei den in Baden-Württemberg anstehenden OB-Wahlen Unmut hervorgerufen. In Tübingen beschwert sich der – auf eigenem Ticket kandidierende, da als Grüner „umstrittene“ - Amtsinhaber Boris Palmer über die Aufladung der Fragen, die zugunsten seines grünen Konkurrenten präpariert seien. Der frühere grüne Freiburger OB Dieter Salomon macht den neugrün geeichten Wahl-O-Mat für seine Niederlage 2018 mitverantwortlich. Auch der seine Wiederwahl anstrebende CDU-nahe Heidelberger OB Eckart Würzner stößt sich am Thesen-Katalog und kritisiert, dass die - angeblich komplexitätsreduzierenden - Fangfragen der Landeszentrale von - naturgemäß grünlinken - Studenten und Jugendlichen formuliert worden seien.

Derlei Kritik an den „Voting Advice Applications“ (VAA) ruft die demokratiebewussten Politikwissenschaftler Thomas Waldvogel und Michael Wehner auf den Plan. Sie befürworten den Wahl-O-Mat nicht nur als spielerisches Tool zur Wahlinformation, sondern empfehlen ihn insbesondere für Männer  mit niedrigem Bildungsgrad und geringen „politischen Effektivitätsüberzeugungen“. Bei allen anderen sitzen die Überzeugungen fester.