Sonntag, 9. Dezember 2018

Kurzkommentar zur Wahl AKKs

Nein, ich habe mir das inszenierte Getöse auf dem CDU-Parteitag in Hamburg - laut Zeitungsbericht wieder mal fast zehn Minuten SED-mäßiger Applaus für Merkel -   nicht  angesehen noch angehört, sondern abgewartet, was dabei herauskommt. Herauskam die knappe Mehrheit für Annegret Kramp-Karrenbauer. Zu deren Kür nun doch noch ein Eingeständnis: am späten Freitagabend - nach einer nicht übermäßig informativen Reportage über das staatlich indirekt  finanzierte Vordringen Chinas durch Investitionen auf dem deutschen Markt - guckte ich mir für ein oder zwei Minuten Kramp-Karrenbauers Auftritt vor den 999 Delegierten an. Inhaltlich nichts Neues - nichts, was auf eine politische Wende zum Besseren schließen lassen könnte -, kaum mehr als die alllseits bekannten polit-rhetorischen Versatzstücke und die entsprechend angestrengte "kämpferische" Gestik.

Dazu  noch ein Zitat von AKK auf dem - "für unser 21. Jahrhundert" - wichtigsten Informations - und Agitationsmedium Twitter: "Wir haben eine Verantwortung! Die Menschen verlassen sich darauf, dass wir unser Land stark machen. Wenn unser Wertesystem Standard überall in der Welt sein soll, geht das nur mit starkem Deutschland und starkem Europa. Das ist die Verantwortung, die über die CDU hinaus reicht." Derlei Worte erquicken das Volk, erwecken allseits Hoffnung, bei den Menschen in Deutschland, bei den gebeutelten Gelbwesten in Frankreich, ja weltweit -, klingen indes  nach Merkel: inhaltslos, immerhin in korrekter Syntax. 

"Unser Wertesystem": Interessanter als das, was sich die Katholikin Kramp-Karrenbauer darunter vorstellt, ist was, bei dem politischen Schaulaufen der Jusos - der Truppe,  aus der die SPD ihre künftigen  leaders rekrutiert - zu hören und zu sehen war. Eine nicht mehr ganz jugendliche Funktionärin ereiferte sich "als Feministin" für das Recht auf Abtreibung bis zum neunten Monat - nicht etwa neunte Woche - der Schwangerschaft. Der Antrag ging durch, Widerspruch regte sich nur bei einer Gruppierung "Pragmatische Mitte" (oder so ähnlich). Mit derlei "radikal emanzipatorischen" Proklamationen empfiehlt sich der Parteinachwuchs im Umfeld von Kevin Kühnert für künftige Führungaufgaben in Deutschland und Europa. 

Der SPD ist aus mancherlei Gründen - Übergang zum postindustriellen Zeitalter, volatiles Wahlvolk (nicht nur im "Osten"), Massenimmigration, dürftige Programmatik,  charismafreies Führungspersonal, Konkurrenz auf der Linken -  das frühere Wählerpotential (Industriearbeiter, untere Mittelschicht, "kleine Leute") - abhanden gekommen. Wenn sie künftighin bei bei Wahlen nicht über die Prozentzahlen der derzeitigen Umfragen hinauskommt,  hat die einstige "Volkspartei" SPD dies auch ihrem "kämpferischen", in Wirklichkeit nur  noch peinlichen Nachwuchs zu verdanken.

Also  doch lieber - faute de mieux  - Kramp-Karrenbauer? Kaum. Was längst not tut, wäre die Abkehr von der "unpolitischen Politik" (Ferdinand Knauss) des Merkelismus. Dessen  verantwortungsfreie Konzeptionslosigkeit ist  parteiübergreifend.


Donnerstag, 6. Dezember 2018

Das Lob des Ex-Generalsekretärs Ban Ki-moon

In einem Interview mit der FAZ ("Der Pakt wird wirken", in: 06.12.2018, S. 2) verteidigt der südkoreanische Diplomat Ban Ki-moon, von 2007 bis  2016 Generalsekretär der Vereinten Nationen, den nächste Woche in Marrakesch zur Unterzeichnung anstehenden UN-Migrationspaktes (Global Compact for Safe, Orderly and Regular Migration [GCM]). Die Wahl der - für Touristen, Filmfestivals sowie betuchte europäische expats attraktiven - Metropole im Süden Marokkos (abzüglich des  "umstrittenen" Territoriums Westsahara) für den Vertrag ist mutmaßlich kein Zufall, aber nicht ohne Ironie: Das von einem Nachfahren des Propheten regierte Königreich im Maghreb - es gilt im arabischen Raum als vergleichsweise "liberal" - steht unter multiplem Migrationsdruck: erstens als Land mit hohem Bevölkerungswachstum und entsprechend anwachsender, auf Einwanderung in Europa sinnender  Jugend (push), zweitens als mal stärker, mal weniger durchlässiges Durchgangsland (semi-attractive pull) für subsaharische "Migranten", drittens als Erzeuger von Kriegsflüchtlingen aufgrund der Annexion der spanischen Ex-Kolonie Rio de Oro ("Republik Westsahara") (collateral push), was den hehren Zielen des Migrationspaktes indes keinen Abbruch tut.

Ban Ki-moon - laut FAZ seinerzeit  mehr Bürokrat als Friedensbringer,  Förderer der Frauenquote in der 40 000 Personen umfassenden Bürokratie - kritisiert die wachsende Zahl der Nichtunterzeichner des Pakts (obenan die USA) als "verantwortungslos". Schuld an dem Widerwillen mancher Staats- und Regierungschefs seien auch die Mechanismen der (national-)staatlich etablierten Demokratie: Auf globalen Foren präsentierten sich viele Politiker von Rang als "Weltpolitiker", zu Hause aber würden sie "zu Geiseln der eigenen Wählerschaft".  Interessant wäre zu wissen, wie Ban Ki-moon die Einstellung der politischen Eliten in der zur Demokratie gereiften Republik Korea (Südkorea), ein nicht als immigrationsfreudig bekannter Staat, zu ändern gedenkt. Die grundsätzliche Frage, in welchem territorialem Rahmen demokratische Verfahrensweisen fürderhin zu praktizieren seien, solange die von "Universalisten" angestrebte, auf expandierende Menschenrechte zu gründende  Globaldemokratie noch in den Sternen steht (und sich das global operierende Reich der Mitte derlei ins Globalistische zielenden Projektionen freundlich lächelnd entzieht).

Ausdrücklich lobt der  Ex-Generalsekretär die deutsche Kanzlerin Angela Merkel "als Mutter der Migranten". Womöglich hatte er die mit einem syrischen Ankömmling für ein "Selfie" ins Smartphone lächelnde "Mutti" vor Augen. Wie wenig moralisch, sondern schlicht opportunistisch, es in der für die "Flüchtlingskrise" entscheidenden Septemberwoche anno 2015 im Kanzleramt tatsächlich zuging, scheint Ban Ki-moon nicht klar zu sein. Jedenfalls hat er das Buch von Robin Alexander "Die Getriebenen" - aus mangelndem Erkenntnisinteresse oder wegen fehlender Übersetzung? - nicht zur Kenntnis genommen.

Ban Ki-moon ist überzeugt, dass der Migrationspakt "moralisches Gewicht" hat und "große Wirkung entfalten" wird. Damit bestätigt er all jene, die ungeachtet der  bei der Abstimmung  im Bundestag hinzugefügten Vorbehaltserklärung sowie allerlei in der Erklärung selbst widersprüchlichen Punkte  den Pakt als Schwächung nationalstaatlicher Souveränität durch soft law, letztlich als Türöffner für weltweite Migration zurückweisen. (Siehe u.a. https://www.tichyseinblick.de/feuilleton/buecher/was-bedeutet-was-bringt-der-un-migrationspakt/?fbclid=IwAR0HVfAp0v6RHtS1u9XgFjU8LwmZq949d5Wx59WMxoEb6KrBgt1xgu0WzD8

Nüchtern betrachtet, geht es bei dem "Pakt für sichere, geordnete und reguläre Migration" - die Unklarheiten beginnnen bereits mit der Übersetzung - um den alten Widerstreit von (Hyper-)Moral und der Kunst, Notwendigkeit und Grenzen des Möglichen. Wer die Weisheit - und die behauptete Moral - des "Paktes" in Zweifel zieht, gehört in diesem Lande, "in dem wir gut und gerne leben" (Angela Merkel), selbstverständlich zu den "Rechten" - unter ihnen der verdiente Berliner SPD-Politiker Heinz Buschkowsky.

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Zum norddeutschen gesetzlichen Feiertag auf Dauer

Die "Zeit" vom letzten Donnerstag beglückte den Leser mit einem beigelegten "Chrismon Spezial", mit einer Erläuterung in rotem Kreis "zum Reformationstag am 31. Oktober 2018". Auf dem Titelblatt begrüßen Iris Berben mit nachdenklichem Gesicht und Martin Schulz mit freundlichem Lächeln den Leser mit der gemeinschaftstiftenden Botschaft "Wir müssen laut werden".

Titel und  Untertitel ("Martin Schulz und Iris Berben übers Hinfallen und Aufstehen und den Aufbruch den wie jetzt brauchen") machen deutlich, was den Leser im Interview erwartet: Selbstverständlich kein Aufruf zur kollektiven Beschleunigung des Abgangs der Kanzlerin Merkel - das Interview wurde vor der Hessenwahl und vor Merkels halbem Rückzug geführt -, sondern die allfällige Ermahnung zur Abwehr der Gefahren von "rechts". Immerhin erfahren wir auch allerhand Lustiges:  Schulz hat unlängst in Sao Paolo "den ehemaligen brasilianischen Staatspräsidenten Lula da Silva" besucht, "der jetzt im Gefängnis sitzt - auch einer, der von ganz oben abgestürzt ist." Außerdem erklärt er - einst Jesuitenschüler, jetzt nicht mehr religiös - auf die Frage nach seiner spirituellen Praxis ("Schon mal in der Kirche eine Kerze angezündet?"), er zünde Kerzen für den Sieg des 1. FC Köln an, beispielsweise vor ein paar Jahren in Paris, "als der FC gegen Bayern München 0:2 zurücklag." Das habe geholfen. Der FC siegte 3:2.

Iris Berben erlaubt sich einen islamkritischen Witz über den Himmel, wo "manche Muslime" auf "72 unbekannte Jungfrauen rechnen" dürfen. Sonst gilt ihr Engagement dem Kampf gegen den Rechtsextremismus. "Ich verstehe nicht, warum die Demonstrationen gegen die Rechten so zaghaft sind. Das macht mich fassungslos." Offenbar sind ihr ihr bei den Demonstrationen bislang jene Aktionen entgangen, die weniger zaghaft sind.

In seinem Editorial freut sich der EKD-Ratsvorsitzende und "Chrismon"-Herausgeber Heinrich Bedford-Strohm darüber, dass in den  norddeutschen Bundesländern - er ignoriert offenbar die Lage in der Bundeshauptstadt - der Reformationstag "als gesetzlicher Feiertag auf Dauer eingeführt" wurde. Ob sich die VW-Bosse in Wolfsburg darüber gefreut haben, scheint fraglich, ebenso, ob die muslimischen Neubürger mit der protestantischen  Reformation viel anfangen können (wohl aber mit dem freien Schul- und Arbeitstag). "Das tut nicht nur der Seele gut. Wir können daraus auch Kraft gewinnen für unser gesellschaftliches Engagement." Nichts anderes ist von jenem halbsäkularisierten Geist des deutschen Protestantismus zu erwarten, der sich ungeachtet der schwindenden Glaubens- und Kirchenbindungen sowie allgemein angesichts der Demographie  in seiner festen Burg sicher wähnt - solange die Kirchensteuer das Wohlbefinden sichert.

Im "Chrismon Spezial" äußern sich "fünf Studierende und Auszubildende" zu Glaubensfragen. In einem Interview erläutert  Lola ("26 Jahre, studiert Germanistik und evangelische Religionslehre in Münster und engagiert sich bei den Grünen") ihren durchs Studium erweiterten evangelischen Glaubenshorizont: "Jesus hatte oft sozialpolitische Ideen, Nächstenliebe zum Beispiel, daraus kann ich ein modernes politisches Programm formen." Die Studentin ist auch mit Bibelkritik vertraut ("Die Evangelien sind nicht von Gott geschrieben..."), was hermeneutische Fragen aufwirft, denn "auch die Übersetzung aus dem Griechischen ist subjektiv geprägt: Übersetze ich das Wort junge Mutter oder Jungfrau?" Gemeint ist wohl die Bezeichnung (und Bedeutung) Mariens als parthenos. Lolas Gottesbegriff ist multikultitauglich: "Auch im Hinduismus, im Buddhismus, im Islam, im Judentum kann ich Gott treffen. Gott ist der Gleiche, auch wenn er anders heißt. Man glaubt an Gott, die religiöse Form ist abhängig von sozialen Gegebenheiten."

Auf den nächsten Seiten geht´s, wie auch anders, um den interreligösen Dialog, vor allem zwischen den "drei abrahamitischen Religionen."  Am Helmut-Schmidt-Gymnasium in  Hamburg gibt es eine von Lehrern und ehemaligen Schülern gebildete Gruppe GIRA ("Gesprächsrunde für interreligiösen Dialog"): "Bei den Gesprächen geht es oft um den Islam und um Erfahrungen mit Diskriminierung, um das Islambild von Donald Trump, aber auch ums Deutschsein, um religiösen Gruppenzwang, den Hitzestau unter dem Kopftuch (sic!), oder ganz praktisch: Wie halal muss das Schulessen sein?"
Den Artikel über religiöse Vielfalt  ("Schön, meine vielen Facetten") und Dialog illustrieren Moschee und Kirche, dazu die  christlichen und jüdischen Symbole. In fröhlicher Eintracht strahlen zwei junge Gesichter, ohne und mit Kopftuch, den Leser an. Es handelt sich um Neta-Paulina Wagner (christlich-jüdisch), die über Landkarten in den Köpfen von Palästinensern an der Universität Nimwegen eine Doktorarbeit schreibt, und um Larissa Zeiger (28 J.). Die ist seit fünf Jahren Muslima. In Kreuzberg geboren, besuchte sie dort eine anthroposophische Schule. Für Religion hat sie sich lange wenig interessiert. Doch bereits mit 21 Jahren führte sie im KZ Ravensbrück Workshops mit Jugendlichen durch, "ließ sie mit Videokameras das Gebäude und Gelände erkunden." Jetzt, fest mit Kopftuch im wahren Glauben stehend, schreibt sie in London "an ihrer Magisterarbeit über den jüdisch-islamischen Dialog."

Der "Chrismon"-Redakteur Burkhard Weiz macht sich Gedanken über die Herkunft der Menschenwürde und der Menschenrechte. Mit einem der Leserschaft inzwischen vertrauten Begriff erläutert er den historischen Hintergrund der UN-Menschenrechtsdeklaration von 1948: "Ein Populist versprach 1933: Deutschland den Deutschen". Des weiteren geht es ihm um die Klärung der Kontroverse über die historische Herkunft der Begriffe: aus dem Gottes- und Menschenbild des Christentums oder aus der antikirchlichen Kritik der Aufklärer? Zum Reformationstag wird auch Luther mit seinem Gewissensbegriff  als Mitschöpfer der transzendenten Menschenwürde zitiert. Zuvor heißt es: "Jede Religion, jede Kultur der Welt kennt Fairness, Gastfreundschaft, Solidarität mit Schwachen, das Ideal der Gleichheit aller, den Schutz vor Folterung und Erniedrigung." Hier irrt der Verfasser gründlich.

In dem erwähnten Interview erklärt Martin Schulz, dank der seit seiner Zeit als Bürgermeister von Würselen hochgeschätzten Rolle der Kirchen für die Erhaltung des Sozialstaats zahle er "seine Kirchensteuer gern." Oft genug, nicht allein nach der Lektüre des "Chrismon-Spezial" zum Reformationstag, fragt sich der Leser, für welch gutgemeinte Zwecke seine Kirchensteuer dient. Unlängst war zu lesen, dass die EKD beabsichtige,  die Zuschüsse für die konservative, zu "evangelikal" eingefärbte Zeitschrift "idea" zu streichen.




Sonntag, 28. Oktober 2018

Kaffeesatzlesen nach der Hessenwahl: Was bringt uns die Jugend?

Vermutlich geht´s in Hessen weiter mit Schwarz-Grün, mit Al-Wazir unter Ministerpräsident Bouffier. Aber das ist nicht die relevante Frage. Auf lange Sicht entscheidend ist auch nicht, wie lange es noch weiter geht mit  Merkel und der großen Koalition (Groko). Bedeutsam ist vielmehr die Frage, wie es politisch weitergeht im deutschen Parteienstaat und kulturell-sozial in der deutschen Gesellschaft.

Die Zeit der "Volksparteien" ist - entgegen allen Beschwörungen seitens der CDU-Spitzen - vorbei. In der SPD setzt sich diese Erkenntnis bereits allmählich durch. Dagegen wollen jetzt die Grünen dank ihrer - westdeutschen - Wahlerfolge und Umfrageergebnisse "Volkspartei" werden. Diese Selbstdarstellung ist nicht völlig falsch, denn das junge Volk wählt grün.

Grün ist schick, da Umweltbewusstsein nichts kostet, da man grüne Landschaften und "Kulturen" dank Billigflügen am besten an noch unbebauten Stränden, auf Skipisten, allgemein im global village genießen kann. Hierzulande kann man guten Gewissens gegen den Landfraß und für die Landschaftsverschönerung durch umweltschonende Windräder sein.  Wer es über entsprechende Studiengänge  in die gehobenen Einkommensgruppen geschafft hat, quartiert sich mit oder ohne Partner/in, mit oder ohne Nachwuchs in innerlichkeitsgeschützten Wohnvierteln (e.g. Prenzlauer Berg) ein.

Eine gewisse Konkurrenz besteht für die Grünen seitens der "Linken", da diese außer der sozialen Gerechtigkeit auch die Umwelt und die "offene Gesellschaft" entdeckt hat und überdies über eine aktivistische ("kämpferische") mit hoher Moral ausgestattete Jungmannschaft verfügt. Katja Kippings Eifer spricht der jugendfrischen Moral aus der Seele, Rietzinger beherrscht noch die Rhetorik des Klassenkampfes fürs linke, mehr männliche Gemüt.

Das Problem für die "Linke" liegt bei Sahra Wagenknecht und ihrer stärker realitätsbezogenen Bewegung "Aufstehen". Sollte sich aus dieser "Bewegung" so etwas herausbilden wie die "Cinque Stelle" - mit einwanderungskritischer Tendenz -, hätte nicht nur die Linke, z.T. auch die AfD im "Osten", nicht zuletzt die SPD ein Problem. Als Partei wäre die stolze, "älteste Partei Deutschlands" dann endgültig am Ende.

Ein nicht minder großes Problem als die SPD hat die CDU, wie an der am hessischen Wahlabend nach Altersgruppen sortierten Statistik der CDU-Wählerschaft abzulesen ist. Die Zukunft, die Jugend, gehört nicht mehr zum Reservoir der einst mächtigen, unter christlichem Signum firmierenden "Volkspartei". Das junge Volk identifiziert sich mit jugendfrischem Grün. Frage:  umfasst der Begriff "Jugend" auch die permanent anwachsende junge Bevölkerung mit "Migrationshintergrund", und welche politischen Präferenzen - außerhalb oder jenseits der grünen oder "linken" Glücksverheißung - bilden sich dort heraus?

Bleibt die ungeliebte, von Bouffier soeben erneut - neben der "Linken" - aus der guten Gesellschaft der Demokraten ausgeschlossenen - Formation der AfD. In den jüngsten Umfragen hat sie die SPD überflügelt und konkurriert um Platz drei mit den erfolgreichen Grünen. Ob sie - nach den jüngsten Worten ihres Spitzenmannes Meuthen - von CDU und FDP  am Ende doch noch als "bürgerlicher"   Bündnispartner akzeptiert wird, steht dahin.

Für die politische Zukunft Deutschlands  und Europas  wird entscheidend sein, wie die Eliten - in Brüssel, in Paris und in Berlin - mit der bereits bestehenden  Problematik der Einwanderungsgesellschaft und dem anhaltenden Einwanderungsdruck umzugehen gedenken. Wie die absehbar wachsenden innergesellschaftlichen - und außenpolitischen -  Spannungen sich parteipolitisch und/oder koalitionär niederschlagen, ist für diese grundlegenden Fragen von geringerem Belang. Letztlich ist es auch nur noch von  minderer Bedeutung, ob und wann  Angela Merkel, die Haupt- , nicht Alleinverantwortliche für die derzeitige Lage, nach der für die beiden "Volksparteien" deprimierende Hessenwahl als Kanzlerin endlich abgelöst wird.

Dienstag, 23. Oktober 2018

Einträge ins Logbuch, 23.Oktober 2018

I.
First things first, das wichtigste (a.R.) vom Tage zuerst: Fällig ist ein Kommentar zum perfekt  mörderischen Dilettantismus der saudischen "Reformer", die den "liberalen" Moslembruder und  Washington-Post-Kommentator Jamal Khashoggi in Istanbul mit Axt und Knochensäge bei einem zufällig ausgebrochenen Handgemenge umbrachten und die Reste im Koffer beseitigten. Unter Demokraten sind derartige Usancen unüblich, sie verletzten die Menschenrechte. Während Kanzlerin Merkel Bedenken hinsichtlich der deutschen Waffenexporte ins orientalische Wunderland äußert, sieht der Siemens-Chef Joe Kaeser (urspr. Josef Käser), sonst sehr um die Menschenrechte und den Ruf Deutschlands besorgt, in derlei kulturspezifischem, d.h. undemokratischen Umgang mit politischen Gegnern keinen Hinderungsgrund für die Fortführung der exzellenten Wirtschaftsbeziehungen seines Konzerns zu den Saudis.

II.
In den social media, wo es oft genug so zugeht, wie es der Volksmund (noch unzensierter Begriff der deutschen Hochsprache) den sog. "Asis" zuschreibt, herrscht große Aufregung: Da geht es um die  Rolex-Uhr der dank  migrationspolitischer Qualifikation übers SPD-Ticket ins Amt einer Berliner Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales (kein Fake! keine Satire!) gelangten Sawsan Chebli. Die Diplom-Politologin ist in ihren Kreisen sowie in den auf hate messages in den "sozialen Medien" spezialisierten "Haters" (O-Ton Chebli) wegen ihres Umgangs mit Logik und Sprache hochgeschätzt. In einem Porträt  der "Zeit" liest man über sie folgendes: "Ja, sie lebt in zwei Welten. Und diese Welten driften immer weiter auseinander. An jedem Übergang von der einen in die andere lauert der Verratsvorwurf. Kein Wunder, dass sie und ihr Mann Nizar Maarouf, Geschäftsführer bei den Vivantes-Kliniken, sich, so oft es geht, in New York aufhalten. Sobald sie am Flughafen ankommen, fühlen sie eine Last von sich abfallen. Dort wird Chebli nicht angestarrt, zum "Alien" gemacht, wie sie das mal genannt hat. Dort sagt man einfach "Darling" zu ihr. Wie zu allen anderen auch." (https://www.zeit.de/2017/05/sawsan-chebli-berlin-senat-islamismus/seite-3)


Dank der Aufregung um  das Statussymbol der Staatssekretärin, die es aus der Moabiter Bedrängnis ihrer Großfamilie dank deutscher Sozialstaatlichkeit sowie Fürsorglichkeit ihres  Vaters -  laut Chebli ist dieser als Analphabet "besser integriert" als biodeutsche AfD-Leute - in den Vorhof der Macht geschafft hat, ist Cheblis Familiensituation einem breiteren Publikum bekannt geworden. Ihr Ehegatte ist "in leitender Funktion für die Berliner "Vivantes International Medicine tätig" (Wikipedia). Die Privatisierung der einst staatlichen Kliniken sorgt bis heute für allerlei Unmut beim überlasteten Personal. Es ist andererseits nicht bekannt, dass die in Berlin mitregierende "Linke" das Thema sonderlich bewegt. Dagegen dürfte die Rolex-Uhr vielleicht noch im nächsten Wahlkampf (2021) für die AfD verwertbar sein.

III.
Des weiteren herrscht Aufregung über einen großkoalitionären Appell von sechs mehrheitlich pensionierten Repräsentanten der deutschen  Wirtschaft, Wissenschaft, Ideologie und Politik. Bert Rürup (SPD), Jürgen Habermas (SPD), Brigitte Zypries (SPD), Friedrich Merz (CDU), Roland Koch (SPD), Hans Eichel (SPD) proklamieren im "Handelsblatt": "Wir sind in tiefer Sorge um die Einigung Europas und die Zukunft Deutschlands". Über die Ursachen ihrer Sorge geben die sechs Personen keine Auskunft. Es ist anzunehmen, dass ihnen das Schreckgespenst AfD, allgemein der Populismus, der nationale Starrsinn der  Polen und Ungarn, die Neuverschuldung der Italiener, nicht aber die unsoliden - kontinuierlich entschuldeten - Staatsfinanzen der Regierung Tsipras Sorge bereiten. Es sei vermerkt, dass Bert Rürup dereinst (1992) zu den Kritikern der Euro-Einheitswährung gehörte, die wesentlich zur ökonomischen Instabilität der "Südstaaten" beigetragen hat.

Als einzigen Ausweg aus der sorgenreichen Gegenwart "fordern" die sechs Besorgten eine vertiefte  Integration Europas, die Auflösung der nationalen Armeen zugunsten einer europäischen Einheitstruppe und - wichtiger noch - eine gemeinsame Haushalts- und Arbeitsmarktpolitik sowie eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung. Es ist ziemlich genau das Programm des in den französischen sondages derzeit abstürzenden Präsidenten Emanuel Macron ("En marche"). Die deutschen Steuerzahler sollten sich auf "die Zukunft  Deutschlands" schon mal einstellen. Immerhin darf sich dabei wiederum die AfD über ein Prozent mehr bei den nächsten Bundestagswahlen freuen.

IV.
Ob sich Merkel am kommenden Sonntag nach den ersten Hochrechnungen nach der Landtagswahl in Hessen noch freut, hängt von den Launen des Souveräns ab. Die Auguren sagen den Absturz der CDU unter Merkels Mitstreiter Volker Bouffier voraus. Merkel hat in letzter Minute die Diesel-Schadstoffgrenze um ein paar Promille/Prozente erhöht. Reicht´s dann trotzdem noch für Rot-Rot-Grün oder gar für Grün-Rot-Rot? Und was taugen die letzten Umfragen - vor allem im Hinblick auf die "Populisten" von rechts, nicht links - nunmehr, da man vorsichtshalber in dieser Woche keine Umfragen mehr starten - oder zulassen - will? - Auf Tichys Einblick kann man Wetten abschließen. Dem Gewinner winkt eine Flasche Schampus.

Donnerstag, 11. Oktober 2018

Gaulands Ghostwriter

I.
In diesem unserem Lande, in dem - aufgrund spezifischer historischer Bedingungen - an Humor bei jener Kaste, die sich Intellektuelle nennt, Mangel herrscht, gibt es ab und zu doch noch etwas zum Lachen. In Erinnerung kommen die von einem sächsischen Schlitzohr anno 1983 kunstvoll in Sütterlin verfassten "Hitler-Tagebücher", die den von permanenten Ansinnungen von Schuld geplagten Geist für einige Zeit mit Heiterkeit erfüllte, bis drei Jahre später der sog. "Historikerstreit" die gelöste Stimmung wieder verdarb.

Auch wer heute meint, er könne - knapp dreißig Jahre nach dem längst verhallten Jubel über den Mauerfall - sich die Freiheit leisten, vom linksliberal und/oder grün-protestantisch humorlos aufgeladenen Zeitgeist abzuweichen, wer etwa Karin Göring-Eckarts Diktum, "wir bekommen Menschen geschenkt", für köstliche (unfreiwillige) Komik hält, hat bald nichts mehr zu lachen. Er wird von den deutschen Tugendwächtern unverzüglich dem Lager der "Neuen Rechten" zugeordnet, wo es aufgrund der Selbstwahrnehmung, "auf verlorenem Posten" (Nicolas Gómez Davila) zu stehen, meist nicht minder humorlos zugeht. Und wer erstmal dort verortet ist, bekommt´s mit Tante Antifa zu tun, der von allen Demokratinnen und Demokraten im "Kampf gegen Rechts" hochgeschätzten Demokratiewächterin.

II.
Und doch: In den letzten Tagen gab´s doch mal wieder was zu lachen. In der FAZ  durfte der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland, ehedem Exponent des liberalen Flügels der hessischen CDU, unter der Rubrik "Fremde Federn" einen Artikel zur Erklärung - und Verteidigung - des "Populismus", der bête noire aller Verteidiger der bestehenden Ordnung, veröffentlichen. ("Warum muss es Populismus sein?", FAZ v. 06.10. 2018, S. 8)

In Gaulands Artikel steht - bezogen auf  die in internationalen Großunternehmen, internationalen Organisationen, Universitäten, Medien, NGOs usw. vernetzte  "globalisierte Klasse" - folgender Passus: "Ihre Mitglieder leben fast ausschließlich in Großstädten, sprechen fließend Englisch, und wenn sie zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur ziehen, finden sie überall ähnliche Appartements, Häuser, Restaurants, Geschäfte und Privatschulen. Dieses Milieu bleibt sozial unter sich, ist aber kulturell ´bunt´."

Es handelt ich um wenig anderes als die Explikation des Begriffes der "anywheres", den der britische Journalist David Goodhart als Gegensatz zu den "konservativ" empfindenden "somewheres" prägte.
Nichtsdestoweniger schrillte bei einem Leser, der im Zuge seiner politischen Bildung Filmdokumente mit Hitler-Reden angesehen hatte, die Alarmglocke. Er schrieb auf Twitter, der Gauland-Artikel sei von einer Propagandarede des Braunauers anno 1931 inspiriert gewesen, ja  nahezu identisch im Wortlaut. Derartiger Quellennachweis inspirierte den Ex-Außenminister Siegmar Gabriel (SPD) zu einem empörten Artikel im Berliner "Tagesspiegel". Gaulands Artikel rief sodann den auf Kirchentagspodien unverzichtbaren Wolfgang Benz - er erkennt in Islamkritik ("Islamophobie") die Neuauflage des Antisemitismus -, aber auch den sonst eher nüchtern urteilenden Michael Wolffsohn auf den Plan: Gaulands Verteidigung des Populismus entstamme directement  dem Nazi-Sumpf.

III.

Die Aufregung über Gauland hielt noch an, als sich herausstellte, dass die inkriminierte Passage nahezu wortwörtlich  einem Artikel entnommen war, den der Kulturwissenschaftler Michael Seemann anno 2016 im "Tagesspiegel"geschrieben hatte. Angesichts dieser erheiternden Sachlage bleiben noch einige Fragen offen: a) Hat Gauland den Beitrag von Seemann selbst abgeschrieben oder b) war es ein für Pressekram zuständiger Referent? c) Wie stark ist im politischen Betrieb der Termindruck, der die Autoren (sc. -innen) von "Grundsatzartikeln"nötigt, anderswo abzuschreiben, ohne dass sogleich als spiritus rector der Bewohner des Führerbunkers erkennbar wird?

Zum letzten Stand der Empörungswelle: Der Kulturwissenschaftler Seemann überlegt  juristische Schritte gegen den Autor des Plagiats.



Mittwoch, 3. Oktober 2018

Anstelle eines Kommentars zum 3.Oktober 2018

I.
Aus nicht nur meteorologischen Gründen verzichtete ich am  "Tag der deutschen Einheit" auf Teilnahme an dem mit viel Gedröhn zelebrierten Festivitäten vor dem Brandenburger Tor. Womöglich trat dort auch die -  von Bundespräsident Steinmeier noch vor ein paar Wochen für Chemnitz empfohlen - akustisch und geistig hervorragende Kampftruppe aus Rostock auf, deren ästhetische Ansprüche meine Sinne überfordern würden. Ich hätte als Demokrat auch Mühe gehabt, inmitten der Massen und ihres mutmaßlich mediengerecht aufgezogenen bunten Regenbogenfahnen- und Ideologiegewirrs die Orientierung zu behalten.

Mir genügte um die Mittagszeit ein TV-Schnipsel aus der Festrede des Bundestagspräsidenten  Wolfgang Schäuble. Er sprach über den "Gemeinsinn, der in unserer offenen Gesellschaft" den Zusammenhalt gewährleisten müsse. Wie der Zusammenhalt in Zukunft zusammengehalten werden soll, wissen - im Nachklang des eindrucksvollen Deutschland-Besuchs des Präsidenten Recep Erdogan -  am  besten jene Migrantenverbände, die am heutigen "Tag der offenen Moschee" die demokratisch innovative - und integrative - Forderung nach Umbenennung des nationalen Feiertags zum "Tag der deutschen Vielfalt" präsentierten. Merkel und die Große Koalition tun dafür seit Jahren ihr Bestes, politisch-praktisch assistiert von den tätowierten Neonazis, die dem "System" den neuen Faschistengruß mit blankem Hintern entbieten.

II.
Was diejenigen, denen wir den Mauerfall und die Wiedergewinnung der deutschen Einheit zu verdanken haben, in der Zeit der friedlichen deutschen demokratischen Revolution bewegte, welcher Mut und welche Hoffnungen sie inspirierten, ist einem vor drei Jahren erschienenen Buch zu entnehmen, das mir am Vorabend des diesjährigen 3. Oktobers mein Freund Christian Dietrich - derzeit noch Landesbeauftragter des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur -  schenkte:

Jens Kristen -  Christoph Schmitz-Scholemann (Hg.): Vom Geist der Stunde. Vordenker und Wegbereiter. Die Revolution in Deutschlands Mitte 1989, Weimarer Verlagsgesellschaft 2015.

Der Herausgeber Jens Kirsten hat seinem Vorwort als selbstironische Pointe einen Satz des polnischen Aphoristikers Wieslaw Brudzínski vorangestellt: "Mit der Zeit vollbringen unsere Vorfahren immer ruhmreichere Taten." Dass dieser Aphorismus hinsichtlich der DDR-Bürgerrechtsbewegung - und ihrer bescheidenen Zahl von Unterstützern in der alten Bundesrepublik - seine Umkehrung erfahren könnte, lehren die letzten Jahre und Monate.

Im Zuge einer "neuen Gedenkkultur" werden die "ruhmreichen Taten" der Oppositionellen minimiert bzw. ins rechte Licht von anno 2018 gesetzt.Zwar will niemand - weder die Gegner der Einheit von gestern noch die post- oder antinationalen Protagonisten von heute - die Vorzüge der Einheit (Ferienwohnung auf Usedom, Lehrstühle in Jena, Frankfurt/Oder etc., Segelurlaub auf der Müritz, Besuch der Semperoper samt Wanderung im Elbsandsteingebirge) missen, doch kultiviert man in West und Ost das Misstrauen gegen all jene, die mit ihrem Verlangen nach Freiheit und Einheit - und historisch-politisch logisch vice versa - letztendlich den Aufstieg der AfD bewirkt hätten. Die Vorstellung mag noch so absurd sein, so ist sie kennzeichnend für das geistige Klima "in diesem Lande", dem die deutsche Geschichte nur noch als Negativfolie dient. Von derlei Insinuationen ausgenommen bleibt indes unsere Kanzlerin Merkel. Nicht von ungefähr: Vor - und noch lange nach - dem Mauerfall war sie persona ignota.

Das bereits vor drei Jahren erschienene Buch  versammelt Texte, die ein Bild von der geistigen Landschaft Thüringens vermitteln, in der die Opposition gegen das SED-Regime und das Verlangen nach Überwindung der deutschen Teilung hervorwuchs. In seinem Nachwort erläutert  Christoph Schmitz-Scholemann das Konzept des Buches: "Es ging darum, das Zittern des Augenblicks einzufangen und es ging darum, das Rollen der Zeit abzubilden oder besser gesagt: das allmähliche Anlaufen der Zentrifuge, die Steigerung auf den Kulminationspunkt und das Nachlassen bis zum Wiedereintritt in eine gleichmäßige Bewegung." (S. 238). Es ist ein Satz, der als Beschreibung  eines Revolutionsverlaufs klassische Geltung beanspruchen kann.

Der Band versammelt über dreißig Autoren, von denen die große Mehrheit nur im engeren mitteldeutschen bzw. ostdeutschen Raum Bedeutung erlangten, wie der 2013 verstorbene Pfarrer Walter Schilling,  andere wie Christine Lieberknecht und Wolfgang Thierse nach der zur "Wende" abgewerteten friedlichen Revolution die politische Bühne betraten. Wenn ich an dieser Stelle insbesondere auf die Texte von  Edelbert Richter ("Abgrenzung und nationale Identität", 1988; "Demokratischer Aufbruch, sozial und ökologisch", 1991) und Christian Dietrich ("Mitteleuropa in uns", November 1989) verweise, so liegt dies in deren spezifischer Betonung der "nationalen Frage" innerhalb der Opposition. Eine ironisch erleichterte Stimmungslage eröffnet sich in der mit "Altenburger Wochenblatt" betitelten Notiz des Schriftstellers Ingo Schulze, der am 23.3.1990 die Wahlen zur ersten freien und letzten Volkskammer (am 18.März 1990) wie folgt kommentierte: "Wann hatte es das für uns je gegeben? Jeder durfte sagen, welche Regierung er/sie wünscht. Waren Sie stolz darauf, IHRE Kandidaten wählen zu können? Wie erlebten Sie den Abend? Die einzige Überraschung war wohl das schlechte Abschneiden der Biertrinkerunion. Aber deren Mitglieder entschieden sich wohl geschlossen für eine andere Partei. [...]"

Zitationswürdig sind zwei weitere Textpassagen. In der ersten begründet Schmitz-Scholemann, der begründet warum sich die Herausgeber auf das heimatliche Thüringen und Weimar konzentriert haben. Zum einen liege ihnen ihre engere Heimat am Herzen. "Es hat aber noch eine weitere Bewandtnis. Thüringen ist das Land von Walther von der Vogelweide und Martin Luther, das Land von Bach und Cranach, das Land der klassischen deutschen Literatur, mit Wieland in Erfurt und Weimar, mit Goethe, Schiller, Herder, Jean Paul in Weimar, das Land auch des romantischen Denkens, Fichte und Hegel lehrten in Jena, es ist das Land von Liszt und Nietzsche und der Urort der modernen Architektur und es wurde hier die erste deutsche Republik gegründet. Man muss sagen: Thüringen hat als Land des schöpferischen Denkens und der Künste in Deutschland seinesgleichen nicht. Und doch ist es auch das nicht nur geografisch mitten im Zentrum gelegene Land der nationalsozialistischen Schmach und der entsetzlichsten Verirrung des deutschen Geistes. Das und die vier Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft bildet die disparate Folie, vor der die Ereignisse von 1989/90 abspielten. Eben deshalb fanden wir es richtig, den Geist der Stunde genau hier bei seinem revolutionären Treiben zu beobachten: Thüringen als Teil fürs Ganze genommen." (S. 239)

Der Autor lässt diesen Reflexionen einen Passus folgen: "Es gibt keinen für das Geistesleben unseres Landes fruchtbareren Ort als das evangelische Pfarrhaus... Auch wer der christlichen Religion nicht hold ist, muss erkennen, dass der einfachen und tiefen Frömmigkeit, dass dem Glauben an Jesus Christus eine befreiende und angstlösende Kraft innewohnen kann. Wer niemanden zu fürchten hat als Gott, der muss keine weltliche Macht fürchten." (S.240) Solche Sätze mögen anno 2018 in den Ohren mancher Zeitgenossen, ob mehr postnational oder mehr atheistisch gestimmt,  obsolet, wenn nicht ungeheuerlich provokativ klingen.

Das andere Zitat ist einem Interview entnommen, das Willy Brandt am 27.1.1990 dem 1953 in Workuta geborenen Schriftsteller Sergej Lochthofen, seinerzeit Redakteur bei der "Thüringer Allgemeinen" gab. Lochthofen erinnerte an Willy Brandts historischen Besuch als Bundeskanzler in Erfurt zwanzig Jahre zuvor. Auf die Frage nach der Richtigkeit des im Zuge der  damaligen Ostpolitik verfolgten Kurses antwortete Brandt, es sei mit dem angestrebten Grundlagenvertrag um Ziele gegangen, die - etwa beim Reiseverkehr -  "bei weitem nicht befriedigend" erreicht werden konnten, und doch sei ihm die humanitäre Frage auch politisch wichtig gewesen. "Weil ich immer gesagt habe, wenn die Familien einander nicht begegnen können, dann übersteht die Nation eine solche Krise nicht." (S.149)

Den Blick auf die historische Situation - und auf die von einem neuen Ost-West-Konflikt überschattete Gegenwart - öffnen Brandts Worte am Ende des Interviews: "Dafür [für eine Neutralisierung] werden wir, auch wenn wir es selbst für wichtig hielten, nicht die Übereinstimmung erzielen mit unseren Nachbarn. die überwältigende Mehrheit der Menschen in der Bundesrepublik ist sich einig, daß nicht nur die Europäische Gemeinhaft weiterzuentwickeln ist, sondern auch, daß wir Mitglied der NATO bleiben müssen, bis aus den Verhandlungen in Wien und Genf solch ein europäisches Sicherheitssystem entwickelt hat, das zu einem europäischen Sicherheitssystem führt, das die heutigen Bündnisse überflüssig macht. Denn (sic!) ist die Situation da für ein bündnisfreies Deutschland, weil die Bündnisse sich selbst überlebt haben. Daß sie sich überleben, sieht man übrigens ja im Warschauer Pakt noch deutlicher als auf der westlichen Seite." (S.152) - Das war im Januar 1990.






Montag, 3. September 2018

Rock´n Roll in Chemnitz

Die Demokratie im freiesten Staat der deutschen Geschichte steht bekanntlich am Abgrund, wie uns tagtäglich die Bilder aus Chemnitz beweisen: Wir müssen mit ansehen, wie das letzte Aufgebot der Freiheit, todesmutige Töchter und Söhne  von Tante Antifa, mit nichts als politisch aufklärenden Transparenten bewaffnet, an die Front ziehen, zum Kampf gegen die braunen Horden in Sachsen. Adnote: Wer meint, in diesem Text sollten die nackten Hintern und das sonstige Gebaren der jederzeit gewaltbereiten tätowierten Kostümnazis verharmlosend ästhetisiert werden, gehört zu den  politischen Legasthenikern.

Eine Rekonstruktion der von Merkels "Grenzöffnung" ausgelösten politischen Erschütterungen der bundesrepublikanischen Wohlgefälligkeit ist nicht nötig. Stattdessen sei verwiesen auf die Analyse dessen, was derzeit hinter den TV-Spots aus Chemnitz als deutsche historisch-politische Realität hervortritt, die der aus DDR-Opposition stammende  Historiker und Publizist Klaus-Rüdiger Mai heute in der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ) präsentiert  https://www.nzz.ch/feuilleton/alles-beginnt-mit-herkunft-weshalb-ostdeutschland-sich-zur-provokation-entwickelt-ld.1415437).

Mein Thema sind nicht die Hintergründe der abstoßenden - realen  und inszenierten ("gefaketen", siehe https://www.lr-online.de/lausitz/cottbus/polizei-ermittelt-gegen-gruppe-syrischer-maenner_aid-32314203?output=amp&__twitter_impression=true) - Szenen, sondern die der von ganz oben -  von dem dereinst zu Wahlkampfzwecken im Problembezirk Neukölln mit dem sensiblen Dichter-Migranten Bushido rappenden Bundespräsidenten Steinmeier - empfohlenen und öffentlich finanzierten Veranstaltung zur Verteidigung der Demokratie in Chemnitz: Ja doch, wieder mal "Rock gegen Rechts". (Merke: Rechts, großgeschrieben, gilt als bedrohliches Substantiv).

Weder dem Gedröhn der Verstärker noch den ohnehin unverständlichen Texten der auf der Bühne versammelten demokratischen Kampfgruppen,  im Erscheinungsbild kaum zu unterscheiden von den "rechten"  Nazi-Rock-Bands, könnte ich etwas abgewinnen. Die Sinne, die Nerven, sind zu schonen. Den Lesern, die sich aufgerufen fühlen, als TV-Demokraten dem Spektakel beizuwohnen, seien indes ein paar Verse jener schönen Texte vorgestellt, welche die Band "Frische Sahne Fischfilet" -  die aus ein paar Akkorden und viel Lärm bestehende Kunst des Polit-Rock erlernte ihr tätowierter Frontmann dereinst bei der bei Verfassungsschützern beliebten Nazi-Band "Landser" -  zur demokratischen Erbaung ihres Publikums gedichtet haben:

„Leere Gesichter, viele Fragen
Niemand der ihnen Antwort gibt
Was können sie hier noch wagen?
Heute Nacht - schlagen sie zurück
Helme warten auf Kommando
Knüppel schlagen Köpfe ein
Wasser peitscht sie durch die Straßen
Niemand muss Bulle sein!
Und der Hass - Der steigt
Und unsere Wut - Sie treibt
Unsere Herzen brennen..." 


Der demokratisch befreiende Hass gilt den "Bullen", der Polizei. Ähnlich feinsinnige Lyrik erwartet  das aus ganz Deutschland - Ost und West - vielfach in Bussen demokratisch gratis herangekarrte Publikum heute abend in Chemnitz.

Womöglich handelt es sich nur um eine Geschmacksfrage. Zu meinen Zeiten gefielen mir die fröhlichen Verse und die Rhythmen von Chuck Berry:

"Rock`n`roll music just, let me hear some of that rock 'n' roll music
Any old way you choose it
It's got a back beat, you can't lose it
Any old time you use it
It's gotta be rock 'n' roll music
If you wanna dance with me..."


Tempi passati. Insgesamt glücklichere Zeiten, glücklichere Tage,  lange vor dem großen Glück des Mauerfalls, Äonen vor Merkels Okkupation der deutschen Politik. Dafür, dass sich die Dinge -  so oder so, hoffentlich noch zum Guten  - ändern, dass die Ära Merkel zu Ende geht, gibt es hinreichend Anzeichen. Nicht zufällig forderte der tätowierte Millionär Campino, Superstar des Chemnitzer Spektakels, Angela Merkel zum "Durchhalten" auf - eine aus der deutschen Geschichte bekannte Parole.

Samstag, 1. September 2018

Post mortem Giselher Suhr

Jahrelang habe ich mich geweigert, mich den Tentakeln des  Kraken Facebook auszusetzen. Schließlich ließ ich mich von einem Freund überreden, der mir die Chancen auf ein breiteres Publikum für meine Publizistik vor Augen stellte.

Über das - nach wie vor fragwürdige - Medium gewinnt man "friends", teils wird man von anderen, nicht immer ganz vertrauenswürdigen friends angefragt bzw. kooptiert, teils stößt man auf Namen, die man - teilweise von ganz früher her -  kennt, mit denen man gerne wieder in Kontakt treten möchte. Daraus können zuweilen sogar noch reale Freundschaften hervorgehen.

Giselher Suhr, über lange Jahre Redakteur bei "Kennzeichen D" sowie Studioleiter des ZDF in Berlin, gehört zu denjenigen "friends", deren Wiedersehen über Facebook sympathische Erinnerungen erweckte. Es war in den 1980er Jahren im eingemauerten West-Berlin, als ich ihn über eine in der damaligen Friedensbewegung - sofern diese aus ideologisch gefestigten und entsprechend unfriedlich rivalisierenden Friedensfreunden, glaubwürdigen (und weniger glaubwürdigen) Pazifisten sowie gläubigem Fußvolk zusammengesetzte Assoziation die Bezeichnung rechtfertigt - engagierten grünen Freundin kennenlernte. Ich weiß nicht mehr, ob er es oder ein Kollege war, der mich auf einem Ausflugsschiff auf der Havel zu einem Interview zum Thema "Frieden in Europa und deutsche Frage" einlud.

Die  Ironie bei der damaligen Erregung über die im Zeichen der Nato-"Nachrüstung" - oder sowjetischen "Vorrüstung" - als Vorspiel der Apokalypse in Europa wahrgenommenen Neuauflage des Wettrüstens lag darin, dass die Friedensbewegten aller Schattierungen zwar die potenzierte Kriegsgefahr "auf deutschem Boden" beschworen, einige diese Wahrnehmung sogar in patriotischen Reden kundtaten. Die Mehrheit der Protagonisten der "neuen sozialen Bewegung" (in jenen Jahren kreierter terminus sociologicus) aber wollte des Pudels Kern der Friedensfrage - die in den Blockstrukturen konservierte, durch die Mauer anscheinend ad ultimo vertagte Deutsche Frage - nicht erkennen oder auch nur als Frage nicht zulassen. Zwar hatte Ende 1981 der von zahlreichen Promis unterzeichnete Brief des DDR-Regimekritikers Robert Havemann an den sowjetischen Partei- und Staatschef Leonid Breschnew Aufsehen erregt, aber der Impuls eines "neuen Patriotismus", wie ihn damals ein schriller Aufmacher im "Stern" beschwor, erstarb in kurzer Zeit. Der Friede in Europa wurde spätestens nach der "erfolgreichen" Stationierung von Mittelstreckenraketen "auf (west-)deutschem Boden erneut auf der Basis des Status quo definiert. Die wenigen Dissidenten in der DDR, die sich als "unabhängige" Friedensbewegung verstanden und dafür die Repressionen  des SED-Regimes in Kauf nahmen, fanden im Westen - selbst bei den zusehends vom "Realo" Joschka Fischer und seinesgleichen dominierten Grünen -  nur abgeschwächte Sympathien.

Zu den wenigen Ausnahmen gehörte damals - als Mitglied der SPD - der Journalist Giselher Suhr. Er verfügte über allerlei Kontakte zu den Dissidenten und stellte in seinen TV-Beiträgen die deutsche Misere vor Augen. An einem regnerischen Tag Mitte der 1980er Jahre traf ich ihn auf der großen Wiese vor dem verwaisten Reichstagsgebäude. Er hatte sich jenem Häuflein von Friedensbewegten zugesellt, die dank günstigem Westwind Luftballons mit und ohne Friedensbotschaften gen Osten fliegen ließen. Insofern, als womöglich einige Ballons nicht nur bei der Stasi, sondern  auch  bei Bärbel Bohley, Ulrike Poppe und anderen landeten, war die Westaktion vielleicht mehr als nur gut gemeint.

Danach verlor ich Giselher Suhr aus den Augen. Ich begegnete ihm erst wieder digital nach meinem mit Bedenken vollzogenen Beitritt zu den Facebook-"friends" im November 2016. Er schrieb: "Lieber Herbert, hab Dank für Deine FB-Freundschaft. Nun sage ich zu Freunden, auch wenn sie nicht grade meiner Meinung sind, gerne ´du´. Ist das OK? Dann freue ich mich auf Infos, Diskussion und mEHR. Als dein FB-Freund GiselHER."

Zu einem intensiveren Austausch von "Infos" und mehr ist es dann doch nicht gekommen. Ich erfuhr nur, dass Giselher Suhr der AfD beigetreten war. Auf seinem FB-Selbstporträt postete er "Nie wieder SPD".  Außerdem "outete" sich Giselher Suhr, geboren - mutmaßlich als Flüchtlingskind - am 14. August 1945 in Tauberbischofsheim,  als Mitglied der - naturgemäß revanchistisch-faschistischen - Facebook-Gruppe "Schlesier". Außerdem gehörte er einer mit "Freunde Israels" oder so ähnlich betitelten Fb-Gruppe an.

Am 14. August 2018 sandte ich Giselher Suhr einen Fb-Gruß: "Alles Gute zum Geburtstag!.
Und gute Laune trotz allem (und fast aller)!"  Seine Antwort: "Merci! Jetzt erst Recht, Rechtswahl... ´rechts´ statt Rechtswahl.... ( Tippfehler)". Heute stieß ich in der FAZ auf die Todesanzeige. 
Giselher Suhr ist nach langer Krankheit am 22.8.2018 gestorben. 

In der für Demokratinnen und Demokraten für biographische und politikwissenschaftliche Zwecke unentbehrlichen Allwissensquelle "Wikipedia" ist u.a. folgendes zu lesen: "Suhr trat 1965 in die SPD ein, er war Anhänger der Ostpolitik Willy Brandts. Auch die Agenda 2010 befürwortete er, doch wuchs nach Jahrzehnte langer Zugehörigkeit die Distanz zur Partei. Er wurde AfD-Mitglied und stellte Interviews mit und Auftritte von AfD-Politikern auf seinem Youtube-Kanal ein."

Klar doch - all das reicht zur demokratisch korrekten (e.g. "indymedia", "Spiegel", Göring-Eckardt (etc.) Klassifikation als "Nazi". Trotz alledem und trotz allem Irrsinn in diesem unserem Land: R.I.P.
 

Mittwoch, 15. August 2018

Leseempfehlung: Die Zukunft in Syrien

Dass Hintergründe und Verlauf - bis zum endlich absehbaren Ende -  des Bürgerkriegs in Syrien vielschichtiger und widersprüchlicher sind, als in der vorherrschenden Berichterstattung, die über Jahre hin auf Verständnis für die "demokratischen Rebellen" und Verdammnis des Diktators Assad sowie seines Schutzherrn Putin ausgerichtet war, ist einem distanziert kritischen Beobachter der nahöstlichen Szenerie stets klar gewesen. (Siehe meine Kommentare in Globkult, e.g. https://globkult.de/politik/deutschland/864-zum-unfrieden-in-nahost-unbequeme-faktenlagehttps://globkult.de/politik/deutschland/880-politische-bildung-vi-westerwelles-schutzfaehige-opposition-und-obamas-chemielabor-fuer-syrien.) Obgleich sich jetzt der Sieg Assads über über die hierzulande stets mit Sympathie gehandelten Rebellen, nicht zuletzt über die auf vereinzelte Stützpunkte zurückgedrängten Terrorbanden des IS("Islamischer Staat"), immer deutlicher abzeichnet, vermisst man in den Medien  und in den Verlautbarungen unserer classe politica konzeptionelle Überlegungen zur Zukunft des Landes in Nahost. Man spricht allenfalls über die fortschreitende  Integration von Flüchtlingen.

Eine Ausnahme bildet das Interview, das der Redakteur Simon Strauß mit der seit 2009 in Wien lebenden Frauenrechtlerin Rasha Corti führte ("Jetzt kann sich endlich alles ändern", in: FAZ v. 14.08.2018, S. 9). Die aus Raqqa - die Stadt wurde 2013 von  diversen islamistischen Milizen, zuletzt vom  IS überrannt - stammende Dokumentarfilmerin hält Assad keineswegs für unschuldig am Eklat und an den Gräueln des Bürgerkriegs, aber eben auch nicht für den alleinschuldigen.
 
Erhellend - wenngleich  politisch unerwünscht - sind die Kommentare zur Rolle der beiden Großmächte: "Russland hat immer zu uns gestanden, anders als die Amerikaner, die in anderen Ländern Rebellen wie die Taliban unterstützt haben." Auf die Frage, welche Rolle Russland künftig spielen solle: "Ja, Russland ist die einzige Hoffnung. Denn nur Putin kann Syrien vor dem Machthunger Erdogans schützen." Die Syrerin erläutert dessen - auf die Vereinnahmung Aleppos zielenden - Ambitionen anhand von Details der türkischen  Okkupation in den nördlichen Landesteilen.

Was weniger das Kopftuch als den Islam als solchen betrifft, erklärt die Frauenrechtlerin, dass  nach der "unmittelbaren Begegnung mit dem IS vielen Menschen begonnen [haben], den Islam und seine Radikalisierungspotentiale kritisch zu sehen." Hierzulande will man - etwa im "Dialog" von Christen und Muslimen - derlei kritische Fragen an die "dritte abrahamitische Religion" lieber nicht stellen.

Als peinliche Provokation für das gründeutsche Publikum müssen vor allem  Frau Cortis Worte über die Zukunft ihres Landes wirken. Nötig sei eine gemeinsame Syrienpolitik, auf die sich die Europäer und Russland verständigen sollten.  Auch die Zukunft der vor und nach 2015 Geflüchteten sieht sie in ihrem Heimatland. Zwar sei die Integration auf dem hiesigen Arbeitsmarkt die effektivste Integrationsmaßnahme, aber zugleich "halte ich es für die eigentliche Aufgabe einer verantwortungsvollen Integrationspolitik, dass sie ihre Einwanderer auch dazu ermutigt, in absehbarer Zeit in ihre Heimatländer zurückzukehren... Meine große Hoffnung besteht darin, dass diejenigen, die jetzt nach Europa geflüchtet sind, nach Syrien zurückkehren mit all den Fähigkeiten, die sie hier erworben haben."