Montag, 18. Januar 2021

Gedanken zum Gedenktag des 18.1.2021

Der 18. Januar 1871, Tag der Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles,  zählt nur noch im Ausnahmefall, wie zum diesjährigen 150. Jahrestag der Reichsgründung,  zu den deutschen Gedenktagen. Die Erinnerung an das einst so glanzvolle "zweite" Kaiserreich schwindet in dem Land, wo politisch-moralische Didaktik (begrifflich überhöht als "Geschichtspolitik") historische Grundkenntnisse, erst recht historische Reflexion, überlagert. Ist es Zufall, dass die Deutsche Post AG - anders als noch vor 50 Jahren im geteilten Land die Deutsche Bundespost  - im Jahr 2021 auf eine Gedenkmarke verzichtet hat? Auch im DHM gibt´s keine - und sei es virtuelle - Sonderausstellung zum geschichtsträchtigen Datum. Corona, die Wahl Armin Laschets auf dem digitalen CDU-Parteitag, das Klima und der Kampf gegen die AfD gehen vor. 

Immerhin hat das Jubiläum einige neue Bücher sowie Aufsätze und Kommentare in den Medien hervorgebracht. In ihnen scheiden sich  an Bismarcks Reichsgründung die Geister. Unter den Kritikern findet man zwar kaum noch einen, der mit Bedauern an den "deutschen Bruderkrieg" und die am 3. Juli 1866 bei Königgrätz erzwungene Hinausdrängung Österreichs aus dem deutschen Geschichtsterritorium erinnert. Seit den 1960er Jahren - im Gefolge der Thesen Fritz Fischers zur deutschen Kriegsschuld 1914 - zielt die Kritik linksliberaler Historiker und Publizisten  ins Prinzipielle, in die Reichsgündung als solche. Die drei Einigungskriege - dazu zählt  der von Preußen und Österreich notabene noch gemeinsam geführte deutsch-dänische Krieg 1864 -  seien Ausdruck einer Machtpolitik, die nach der Errichtung des "unruhigen" Deutschen Reiches als nach "Weltmacht" strebenden Machtgebildes in Europas Mitte nur ins Verhängnis münden konnte. Zu den Negativmerkmalen des preußisch-deutschen Reiches gehörte demnach seine Entstehung als Fürstenbund unter preußischer Dominanz, das Fehlen einer parlamentarischen Regierung in der Verfassung des Reiches, der Ausschluss der Sozialdemokratie, die Kolonialpolitik, der Flottenbau, last but not least die Persönlichkeit des vermeintlich kriegslüsternen Kaisers Wilhelm II.

Aus dieser Sicht führte der Weg von 1871 über 1914/18 geradezu zwangsläufig zu 1933, und von dort nach Auschwitz. In Wirklichkeit ignoriert ein derart nicht erst seit "1968" ideologisch aufgeladener Kurzlehrgang durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts vielerlei Fakten, die einer linearen Deutung des Wegs in die deutsche - und europäische - Katastrophe entgegenstehen. Zur Klarstellung: Es geht  nicht darum, eine Apologetik zugunsten des in geschichtlichem Glanz erscheinenden Reiches und dessen schmählichen Endes im November 1918 zu entfalten, und schon gar nicht um "revisionistische" Fußnoten zum Verbrechensregime des "Dritten Reiches". 

Reflexionen über die Reichsgründung 1870/71, über die Julikrise und den August 1914 (samt den "Ideen von 1914"), über den "Tag von Potsdam" (21. März 1933), über den 20. Juli 1944 sowie über das zum Weltgedenktag erhobene Datum des 27. Januar 1945 sind für einen geschichtsbewussten Deutschen selbstverständlich. In dem zu unser aller Glück nach dem Mauerfall vereinten - wenngleich von Dissonanzen (auch jenseits des Brexit) gekennzeichneten  - Europa gehört zur Betrachtung der Geschichte des 20. Jahrhunderts die viel beschworene europäische Perspektive. Sie weist zurück auf die Dialektik der Französischen Revolution, die mit der Idee der Menschenrechte, der Freiheit, Gleichheit und Volkssouveränität auch die des modernen Nationalismus hervorbrachte, auf die Heraufkunft der Massengesellschaft im Gefolge der Industriellen Revolution sowie auf die den Totalitarismus und Terror inspirierenden Ideologien.

Nicht zu lösen von der Erinnerung an die - in der ahistorischen deutschen Gegenwart halb vergessene - Reichsgründung 1871 sind schmerzliche Empfindungen bezüglich der eigenen Lebensgeschichte. Sie vermengen sich - im Rückblick auf 1914 sowie auf die multipolare Welt der Gegenwart  - mit Überlegungen zu Begriff und Realität von Macht samt deren Veredelung mit Menschheitsideen. Über die Zukunft Europas, nach dem II. Weltkrieg teils aus Überzeugung, teils aus Kalkül, durch Einsicht und historisch-politisches Glück vereint, nachzudenken, ist nicht nur für Deutsche in der Bundesrepublik Deutschland, in der historischen Kontinuität von 1871 erneut als Nationalstaat entstanden anno 1990, alles andere als eine müßige Beschäftigung. 


 

 

Donnerstag, 7. Januar 2021

Vaccinatio populi - Massenimpfung gegen Populismus

I.

Den Vorsatz, als virologischer Laie und Angehöriger der Risikogruppe II, III oder IV zum Thema Corona Sars II Covid 19 lieber zu schweigen,  muss ich bereits zu Jahresbeginn aufgeben. Das liegt nicht zuletzt an den Mutationen des Virus und dessen pandemischer Unkalkulierbarkeit, was wiederum im terminlich dicht gedrängten Wahljahr 2021 die Gefahren des Populismus hervortreten lässt. Was passieren kann, wenn das Volk auf der Bühne erscheint und die Demokratie in eigene Hände nimmt, konnten wir am 6. Januar, am Tag der Epiphanie, bis spät in die Nacht auf  Phoenix, ZDF und viel direkter, spannender noch auf CNN erleben. Das Volk trat in buntem Gewand auf. Zu sehen waren   bemerkenswert vele Frauen, Trump-Kappenträger beiderlei Geschlechts, fast alle ohne Coronamaske,  jede Menge Fahnenschwinger, bärtige frontiersmen, einige Helden der Kälte trotzend mit Dreispitz, Wams und Beinkleid der Amerikanischen Revolution. Ins Bild kam auch ein mutmaßlicher Latino, der sich - immerhin teilmaskiert - nach Erstürmung des Kapitols auf den Sitz des Speakers hinflegelte.

Für gefährliche Spannung sorgte die Nachricht von der Schussverletzung einer Frau, sodann von deren Tod. (Dass es sich bei der Toten um eine Trump-Anhängerin - und als frühere Luftwaffensoldatin gleichsam um ein progressives role model - handelt, war noch nicht zu erfahren.) Das Entsetzen der drei  - von den "Massen" offenbar unbehelligten - Reporter sowie der rechts auf dem Bildschirm zugeschalteten Kommentatoren über den Mob in den Hallen des Capitols, über die "Insurrektion" der Trumpisten - nur auf ihn und seinen Anhang zielte der Begriff "double standard" - war groß. Am überzeugendsten wirkte ein schwarzer Kommentator, der erklärte, der Protest des Trump-Lagers, so unerträglich und verdammenswert in seinen Erscheinungsformen, müsse ernst genommen werden. Die Zukunft Amerikas stehe auf dem Spiel, wenn es nicht gelinge, die tief gespaltene Nation wieder zusammenzuführen. 

 II.

Ein im Internet kursierender  Cartoon traf meine Stimmungslage am 6.Januar 2021: Ein Paar (m/w, unbestimmtes Alter) verfolgt vor dem Fernseher die Szenen aus Washington. Kommentar: "Endlich mal was anderes als jeden Tag nichts als Corona". 

Am Tag danach, bei der Frühstückslektüre, holt mich die deutsche Wirklichkeit, Corona, wieder ein. Die schlichte Wahrheit ist, dass unsere classe politica, egal welcher Fraktion, bezüglich der Pandemie ratlos ist. Die Ratlosigkeit liegt in der Natur der Sache und ist ihren Vertretern auf Bundes- und Länderebene nicht übelzunehmen, wohl aber, dass diese ihre Ratlosigkeit mit Rhetorik, besorgten Minen, Appellen ans Volk, zunehmenden Einschränkungen des elementaren Alltags sowie changierenden, zuweilen der Logik entbehrenden Vorschriften überspielen. Beispiel: Die noch existierenden Großeltern (m/w) dürfen ihr (einziges) Enkelkind besuchen, nicht aber der/die/das Kleine Oma und Opa in ihrer Rentnerwohnung, geschweige denn im Altersheim. In Hessen dürfen die Kinder in die Schule, wenn sie oder ihre Eltern dies wollen, in Sachsen auf keinen Fall.

Spahn, Merkel, Scholz, Söder, Bouffier etc. wissen,  was für das Volk richtig ist. Es muss ihnen vertrauen, sich gegen die Suggestionen dissidierender Virologen, erst recht gegen die Demagogie von "rechts" immunisieren. Schon im Oktober warnte Bundespräsident Steinmeier vor "Impfstoff-Nationalismus". Jetzt, da der "deutsche" Impfstoff da ist - und ein Staat wie Israel seine Bevölkerung im Schnellverfahren bereits weithin "durchgeimpft" hat -, gilt es in diesem unserem Lande, sowohl vor Corona mutata als auch vor nationalem Egoismus auf der Hut zu sein. Wir müssen "europäisch" vorgehen. Alles andere, so erklärt Kanzlerkandidat Scholz, sei "Impfnationalismus".

Von "Impfnationalismus" spricht auch ein anderer, geschichtsbewusster Genosse (dessen Name  mir entfallen ist.) Er lässt das Corona-geplagte, unter permanentem Nationalismus-Verdacht stehende Volk wissen, die SPD sei immer stolz auf ihren "Internationalismus" gewesen. Es gelte, den Impfstoff im Geiste europäischer Solidarität zu injezieren. Der Genosse meint, nicht anders als seine Kanzlerin, die EU, nicht etwa auch die Moldavische Republik, Belarus oder Serbien, vielleicht aber das unter Kuratel stehenden Kosovo.

Der Kampf  des besagten Genossen gegen den "Impfnationalismus" der Deutschen, sein "Impfinternationalismus", endet an den EU-Außengrenzen. Natürlich besitzt der "europäische" Impfegoismus eine andere Qualität als der antivirale Affekt der Deutschen. Derlei Impfegoismus ist der Nährboden des Populismus - in den USA der Trumpismus, in Deutschland die AfD. Gegen derlei Gefahren ist eine nationale Massenimpfung nicht nur zulässig, sondern geboten. P.S. Es besteht keine Gefahr, dass "Impfnationalismus" zum "Unwort des Jahres" erhoben werden könnte.

Montag, 30. November 2020

Gemäßigter Ausnahmezustand


I.

Um jeglichem Verdacht zuvorzukommen: Ich verfüge über eine preiswerte Packung von hellblauen  Anti-Corona-Masken ich trage meine Auswahl von Masken außer Hauses bei jeder gebotenen Gelegenheit. Auch habe ich mich bisher jeglichen Kommentars zu Corona, genauer: zu den wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Aspekten der Covid-19-Pandemie enthalten. Wenn ich mich der Parteinahme im Streit der medizinischen Experten entziehe, heißt das nicht, dass ich zu den "Corona-Leugnern" gehöre, im  Gegenteil: Das Virus könnte ja auch mich erwischen, und wer garantiert mir dann einen milden Krankheitsverlauf, was bewahrt mich vor künstlichem Koma samt Intubation? Nein, ich hoffe zusammen mit allen Mitmenschen (m/w/d: Politiker, Mediziner, freiberufliche Künstler/innen, Gastronomen und Kneipenpächter, Inhaber von Spätis, Pastorinnen,  Pflegekräfte usw.) auf den möglichst schnellen - und sozial gerechten: the elderly first  - Einsatz des in Mainz von deutschen (deutsch-türkischen) Wissenschaftlern (m/w) erfundenen Impstoffes.

In meiner weiteren Verwandtschaft steht eine ganze Familie unter Qurantäne, seit ein Kind das Virus aus der Schule importierte. Der übel infizierte Vater (sc.  parent I ou parent II ?), seit langem im home office, hat die Sache inzwischen anscheinend überstanden,  klagte aber über länger anhaltende Beschwerden. Ärger dringt aus anderen Teilen der Familenbande: Die Kita ist geschlossen, seit ein kid als infiziert identifiziert wurde, in der Schule gibt´s keinen klaren Unterrichtsplan, der eine Lehrer macht sich´s mit Internet-Materialien bequem, die andere Lehrerin (oder gendergerecht v.v.) übermittelt präzise Unterlagen und Arbeitsanweisungen. Immerhin sind verminderte Sozialkontakte zu Zwecken von Sport und Spiel für die Kleinen noch erlaubt, für die Eltern und die Alten dagegen gar nicht. 

In Berlin dürfen sich nur noch zwei Haushalte, in toto fünf Personen, privat treffen. Ansonsten herrscht - Problembezirke ausgenommen - der totale Lockdown/Shutdown. Das konviviale Adventssingen im Zehlendorfer "Kohlenkeller", bei dem man alljährlich alte Freunde und Bekannte wiedersah (oder vermisste), fällt dieses Jahr aus. Weihnachten, das in der Postmoderne ohnehin zweifelhafte Fest der Familie, findet anno 2020, d.h. ca. 2024 p.Ch.n., nur noch in der reaktionären Kleinfamilie oder bei den Alleinerziehern statt. Den adventlichen  Segen dazu gibt die Ex-Bischöfin und einstige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann, die den Christinnen und Christen erklärt hat, dass in Bethlehems Stall ja auch kein Festessen mit Gänsebraten und Kindertrubel um den deutschen (pardon: elsässischen) Weihnachtsbaum stattfand. Die deutsche Corona-Einschränkung entspricht demnach den Maßgaben ("framing") der westlichen Kulturwissenschaften, wo jegliche, irgendwann erfundene Tradition sowie das binäre Geschlecht (Maria und Josef) nachhaltig dekonstruiert werden.

II.

Die Regierung beruhigt uns, der Einbruch der Wirtschaft sei auch während der derzeitigen zweiten Virus-Welle und des zweiten Lockdowns nicht so schlimm wie weithin befürchtet. Das Volk soll sich nicht ängstigen. Richtig. Die Regierung verfügt über hinreichend digital erzeugte Riesensummen, um die Verluste des Mittelstands, der privaten Dienstleistungsunternehmen und der Freiberufler abzumildern. Die Beglückung wird  nicht von Dauer sein. Und leider gibt es auch schon ein paar Selbstmorde von pleitegegangenen Selbständigen. Dennoch: Es heißt durchhalten.

Zu unser aller Glück kommen gute Nachrichten aus den USA. Corona hat den Rüpel, Reaktionär und Twitter-Helden Donald Trump die Wiederwahl gekostet. Der zieht zwar noch immer wegen der "gestohlenen Wahl"  vor Gericht, ist aber mittlerweile bereit, das Weiße Haus für Joe Biden zu räumen. Mehr noch: die amerikanische Wirtschaft wächst trotz Lockdown, der Dow-Jones-Index erreicht unerhörte Höhen, ohne dass Trump davon noch hätte profitieren können.

Ganz Deutschland freut sich auf die Rückkehr der liberalen Internationalisten. Gut, man wird sehen, wie lange die Freude anhält, sobald auch Bidens angekündigter multilateraler Ansatz in der Außenpolitik gewisse politisch-wirtschaftliche Einseitigkeiten erkennen lässt. Wie geht die Geschichte weiter in Asien, wie  die Rivalität der USA mit der neuen Weltmacht China? Wie gedenken die Protagonisten des liberal establishment den Krieg in und um Syrien zu beenden, wie wollen sie zu einem neuen Nuklear-Abkommen mit den Mullahs im Iran kommen? Wie stellen sie sich ihr Verhältnis zu Putin vor, wie zur Ukraine, zu Georgien, zu Armenien, und wie zu Erdogan? Wie zu Deutschland, zu Europa? Mit welchem Nachdruck wird man die Bundesrepublik  - wie schon unter Trump - drängen, höhere Militär- und Rüstungskosten zu übernehmen und auf die Vollendung von Nordstream II zu verzichten?

III.

Derlei unbequeme Fragen kann die politische Klasse in Berlin erstmal ausblenden. Dank Corona. Denn noch hat Covid-19 das Land im Griff, womöglich bis ins kommende Frühjahr. Zudem hat die Pandemie etwas hervorgebracht, was im Sinne der demokratischen Gesundheit als Seuche zu behandeln ist: die rechte Gefahr. Latent im Untergrund, will heißen "in der Mitte der Gesellschaft", stets vorhanden, wurde sie anno 2020 im Internet, auf den Straßen und auf den Stufen des Reichstags wieder mal manifest. Angeführt von selbstberufenen "Querdenkern", versammelte sich auf den Demonstrationen buntes Volk: brave Bürger, denen die Einschränkungen im Alltag auf die Nerven gehen, andere, die um ihre wirtschaftliche und berufliche Existenz fürchten, viele Naive, dazu eine Menge Partysüchtiger und eine beachtliche Anzahl von Spinnern, Impfgegnern, Friedensfreunden, Reichsbürgern und "Rechten" aller Art. 

Die Demokratinnen und Demokraten in diesem Lande können zufrieden sein: Auf die "Rechten" ist Verlass. Sie verstehen, ihre Präsenz stets wirkungsvoll zu inszenieren, hauptsächlich durch das Schwenken schwarz-weiß-roter Reichsfahnen. Einige bevorzugen allerdings Schwarz-Rot-Gold. Zur Erläuterung: Es handelt sich dabei nicht um den demokratischen Dreifarb von1848, sondern um die von Antifa und anderen engagierten DemokratInnen verpönte Deutschlandfahne. Mehr noch: Der Ober-Querdenker aus Stuttgart hat inzwischen einen Kontakt mit einem Vertreter der entsprechenden Szene eingeräumt. 

Es bleibt somit abzuwarten, ob derlei ideologisch infektiöse Berührungen das Protestvolk bis ins Frühjahr von weiteren Aktionen abschrecken. Damit hätte die größtkoalitionär gestützte Regierung im Kampf gegen Corona ihr wichtigstes Ziel  erreicht:  Im Land herrschte wieder Ruhe, der Kampf gegen den Rechtsextremismus hätte wieder höchste Priorität. Zur Verhinderung der Machtergreifung hat man noch vor Advent schon mal mehr als eine Milliarde flüssig gemacht. 

Die Maßnahmen zum Sieg über die Pandemie wurden vom Bundestag mit großer Mehrheit beschlossen. Man könnte -  im Vergleich zum état d´urgence in Camus´ Roman "Die Pest"  - die intensivierte und terminlich unbefristete Erneuerung des Corona-Lockdown als eine Art gemäßigten Ausnahmezustands bezeichnen. Dass "Die Linke" und die FDP dagegen stimmten, tut nichts zur Sache. Der Ernst der Lage in Zeiten Coronas wird daran ersichtlich,  dass die AfD mit Klamauk ihre Gegnerschaft zur Gesundheit der Bundesrepublik bekundete.





 


 


 

 


Dienstag, 24. November 2020

Direkte Mediendemokratie weist den Weg: Exitus

Freund Hein, auch bekannt als Sensenmann oder Gevatter Tod, ist eine Figur, der man in unserer bunten, munteren Gesellschaft, am besten nicht begegnen möchte. Indes drängt sich der Kerl nicht nur in Corona-Zeiten immer wieder ins Bewusstsein. In den endlosen Krimiserien und Horrorfilmen auf TV oder Tablet sorgt der Tod bei den Konsumenten für Spannung und Gruseln, im wirklichen Leben treffen unheilbare Krankheit, langes grauenvolles Leiden, Alzheimer und anderes jeweils den anderen, bis man eben selbst dran ist - oder auch nicht, wenn man etwa - wie erhofft - sanft im  Lehnstuhl entschläft. Letzteres ist leider eher selten und stellt - gesamtgesellschaftlich, auch theologisch betrachtet - eine Gerechtigkeitslücke dar, die bislang noch in keinem Parteiprogramm Beachtung gefunden hat. 

In der dem Volk als Unterhaltung verkauften, meist mit Moral angereicherten Langeweile gibt es Ausnahmen, selbst in den Talkshows, in der sich Moderator oder -in, Politiker/innen und Promis gewöhnlich über Trump, die AfD, Klimaleugner und Reichsbürger entrüsten. Eine solche Ausnahme war die gestrige Talkshow "Hart, aber fair" mit Frank Plasberg zum Thema "Sterbehilfe", das im Februar d.J.  durch ein - nur "kommerzielle" Praktiken ausschließendes -  Urteil des Bundesverfassungsgerichts erhöhte Aktualität erlangte. Die vier Gäste - ein Krankenpfleger, der seiner gelähmten Mutter auf deren seit langem feststehenden Entschluss hin die entsprechenden Chemikalien beschafft hatte, die Vorsitzende des Marburger Bundes Susanne Johna, die Medizinethikerin Schöne-Seifert sowie der neue Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz Georg Bätzing - trugen in klaren Worten ihre unterschiedliche Position zu dem Thema vor. Der Diskussion vorhergegangen war eine Art "Kammerspiel" (Bätzing) nach dem Drehbuch von Ferdinand von Schirach mit dem Titel "GOTT". In eindrucksvoller Besetzung wurde eine Sitzung des Ethikrates aufgeführt, in der es um das Verlangen eines alten, aber gesunden Mannes ging, seiner geliebten Frau in den Tod folgen zu dürfen. 

Das Thema ist bitter und bedrückend. Bezüglich der im Grundgesetz verankerten Grundwerte Menschenwürde und freie Selbstbestimmung tun sich Fragen auf, die in früheren Debatten mit Hinweis auf die "Euthanasie"-Praxis der NS-Medizin abgewehrt werden konnten. Die gesellschaftliche Realität und die juristische Neudefinition des Freiheitsbegriffs haben die "assistierte Sterbehilfe" aus dem Schatten menschlichen Daseins ins Licht gerückt. Mit der neuen Rechtmäßigkeit der - in der Schweiz, Belgien, Holland, Oregon und anderswo - geübten Praxis gesellen sich für die Alten zum Lebensende  den alten Wahrnehmungen, Empfindungen und Schmerzen neue psychische Faktoren wie Unsicherheit, Misstrauen, realer oder imaginärer Druck hinzu.

Von Vorbildern wie Sokrates oder Seneca abgesehen, geschieht ein Freitod selten aus freien Stücken. Eine schlichte Antwort pro oder contra ist dem Thema unangemessen. Nichtsdestoweniger wurden bei Plasberg die Zuschauer wie üblich aufgefordert, ihre Meinung - heute weithin identisch mit "Haltung" - zum Recht auf assistierten Exitus kundzutun. Dass die Abstimmung mit mehr als 70 Prozent Zustimmung ziemlich hoch ausfiel, schien Moderator und Gäste zu überraschen.  

In den Augen des - gewöhnlich TV- und Talkshow-abstinenten - Bloggers geriet die Sendung durch derlei direkte Mediendemokratie an den Rand eines peinlichen Spektakels. Wer beteiligt sich per Maus-Klick an solchen Abstimmungen, wer hält sich mit seinem Urteil zurück, wer ist - wenn auch anonym bleibend - frei von Zweifeln gewiss genug, den besten Weg ins Jenseits der Welt zu empfehlen? Die Zuschauerquote lag an jenem Montagabend vermutlich in Millionenhöhe. Wie hoch war die Zahl derer, die sich der Mediendemokratie denn doch lieber enthielten? 

 

 


Freitag, 20. November 2020

Vernehmliches Schweigen

Wenn in diversen Regionen des Globus Kriege oder als "Bürgerkrieg" klassifizierte, blutige Konflikte eklatieren, kommt es hinsichtlich deren weiteren Verlaufs nicht unwesentlich darauf an, wie die Regierungen, Medien und NGOs im Westen darauf reagieren. Ein jüngstes Beispiel ist der Krieg im Kaukasus, der im September 2020 mit dem Angriff Aserbaidschans auf die - nach einem zwei Jahre währenden Krieg und Vertreibung von 600 000 "Aseris" 1994 von Armenien de facto angegliederte  - Region Berg-Karabach begann. Ausgestattet mit modernstem Kriegsgerät - Drohnen aus der Türkei und Israel - wählte der aserbaidschanische Präsident Ilhan Alijew den politisch günstigsten Moment für den Revanchekrieg. Dieser endete nach sechs Wochen mit einer vollständigen Niederlage der militärtechnisch unterlegenen Armenier und mit einem am 10. November von Russland als "Vermittler" durchgesetzten Waffenstillstand. 

Dessen Vereinbarungen besiegeln die Gebietsgewinne Aserbaidschans, festigen die Position Russlands im Kaukasus und öffnen der Türkei einen Korridor durch Armenien zur turksprachigen "Brudernation" am Kaspischen Meer. Verfügt Russland bereits seit 1992 in Armenien wieder über Militärbasen, so haben sich nach dem jüngsten Krieg, dem Putin über Wochen hin ungerührt zusah, die geopolitischen Gewichte im Kaukasus erneut zu seinen Gunsten verschoben. Angesichts der so geschaffenen Fakten befürchtet man nun auch in Georgien, wo anno 2009 der "westlich" orientierte Präsident Micheil Saakaschwili fahrlässig einen Krieg mit Putin riskierte, den Verlust der prekären Unabhängigkeit und die erzwungene Rückkehr ins russische Imperium.

Unzählige Opfer, gefallene Soldaten und getötete Zivilisten, haben dieses Mal die Armenier zu beklagen. Brennende Häuser, die Flüchtlinge ohne Hoffnung auf Rückkehr selbst angesteckt haben, illustrieren den Fortgang der kaukasischen Tragödie. 

Angesichts dieser Szenen stellt sich die Frage, warum während der vergangenen Wochen in Europa, insbesondere in Deutschland - außer eines schwachen Appells des Bundestags - von allgemeiner Entrüstung über Krieg und unschuldiges Leiden wenig zu spüren war. In den Medien okkupierte der amerikanische Wahlkampf und die Entrüstung über Donald Trump, der seine Niederlage nicht eingestehen will, die Seenotrettung im Mittelmeer sowie der islamistische Terror die Berichterstattung. Darüber geriet der Krieg im Kaukasus offenbar in eine Randlage.  Dass in der Rede zum "Volkstrauertag", in der Bundespräsident Steinmeier das Totengedenken über den nationalen Rahmen an alle Opfer von Hass, Gewalt und Krieg auszuweiten bestrebt war, jegliche Konkretion fehlte, mag in dem nunmehr universalen Anspruch des deutschen Trauerns begründet sein. 

Zwar brachte Außenminister  Heiko Maas Besorgnis zum Ausdruck und mahnte die Kriegsparteien zum Frieden. Davon abgesehen übte sich die Bundesregierung in Zurückhaltung. Es wird vermutet, dass Merkel ihr wackeliges "Flüchtlingsabkommen" mit Erdogan  nicht weiter gefährden will. Es mag offen bleiben, ob sich Merkel auch an Macron orientierte, der in all den Wochen nicht einziges Mal Frankreichs historische Rolle als westliche Schutzmacht der Armenier in Spiel brachte. Immerhin verhängte Macron ein Verbot der "Grauen Wölfe", die im Lande Hass auf Armenier verbreiteten. Ansonsten allgemeines Schweigen im Westen. Die Erklärung ist leicht zu finden: Man will nicht riskieren, Erdogan - ungeachtet seines Zusammenspiels mit Putin - zu verärgern und die Militärmacht Türkei, noch immer Eckpfeiler der NATO im östlichen Mittelmeer, als Bündnispartner zu verlieren. Diskret übergeht man die Kooperation Israels mit Aserbaidschan, während Armenien aufgrund seiner geographischen und politischen Nähe zum Mullah-Regime im Iran nicht auf Sympathien rechnen darf.

An den realpolitischen Fakten kommt die Analyse des traurigen Geschehens nicht vorbei. Das Nichthandeln des Westens wird dadurch verständlich. Unverständlich bleibt das Schweigen all derer, die in jedem anderen Fall kriegerischer Gewalt als Mahner zum Frieden die Stimme erheben. Wo bleiben die Kirchen? Warum hüten sie sich vor Worten, die als Parteinahme verstanden werden könnte?  


P.S. 1.12.2020

Offenbar gibt es jetzt - nach Befestigung der durch Krieg geschaffenen Tatsachen - eine Protestaktion des Weltkirchenrats (ÖRK). Dank an Eva Quistorp für Übermittlung des folgenden Link: http://www.kath.net/news/73589?fbclid=IwAR1GMcLl5HZmGbfUyOLVSYw8wXlei83I2ZPHJ6Qr0MXR3UNU4lFYY1d7DJU



 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




Samstag, 3. Oktober 2020

Zum 3. Oktober 2020

I. 
Zum 30. Jahrestag der deutschen Wieder-Vereinigung sendete RBB (Radio Berlin-Brandenburg) ein Feature, in dem Mitglieder der zwei deutschen  - damals räumlich und politisch von einander weit entfernt gelegenen -  Forschungsstationen in der Antarktis über ihre Erinnerungen an das Jahr vom 9. November 1989 bis zum 3. Oktober 1990 sprachen. Nach dem für die Wissenschaftler aus der DDR völlig unfassbaren Nachricht vom Mauerfall kamen sowjetische Kollegen von der benachbarten Station und klopften ihnen freudig auf die Schulter. Ein paar Tage später kam es zur Begegnung mit der - wesentlich komfortabler ausgestatteten - westdeutschen Forschungsgruppe, die ausschließlich aus Frauen bestand. Die Nachrichten über die sich überstürzenden Ereignisse berührten die "Ostdeutschen" ohne Frage noch stärker, da es im Zuge des ökonomischen Zusammenbruchs der DDR zusehends auch um ihre berufliche Existenz ging. 
 
Nichtsdestoweniger feierten die Kollegen und Kolleginnen aus Ost und West am 3. Oktober im kalten, aber sonnenbeschienenen antarktischen Polarfrühling 1990 den Tag der wiedergewonnen deutschen staatlichen Einheit gemeinsam. Zum denkwürdigen Tag kamen auch die Kollegen von der sowjetischen sowie von der indischen Station, um  den Deutschen zu gratulieren und mit ihnen zu feiern. Man spielte noch einmal die - von dem Bayern Johannes R. Becher einst "gesamtdeutsch" gedichtete - DDR-Hymne ("Auferstanden aus Ruinen"), sodann - nach einer Pause (Silentium!) "Einigkeit und Recht und Freiheit". 
 
Die Absurdität - und Inhumanität - der deutschen Teilung war seinerzeit  - außer den Machthabern, den Zynikern und Ideologen - aller Welt bewusst. Zu den Ausnahmen gehörte die dank Aktivismus und medialer Präsenz tonangebende Minderheit derer, die sich als Protagonisten der westdeutschen "Linken" verstanden. Jürgen Habermas, der ewige Praeceptor der Bundesrepublik (ante ac post 1990) degoutierte sich am "DM-Nationalismus", "linke" Protestanten invozierten die "deutsche Schuld", Joschka Fischer warnte vor der "deutschen Gefahr", Koryphäen wie Jutta Ditfurth und Claudia Roth marschierten hinter Transparenten mit Fäkalparolen her. Dass die westdeutschen Grünen wegen ihres Umgangs mit der deutschen Einheit nur dank einer - wenn auch vom Bundesverfassungsgericht sanktionierten - Wahlrechtsänderung im Dezember 1990 wieder im Bundestag vertreten waren, gehört zu den Fakten, die nicht nur von den Grünen, der die deutsche Politik und Gesellschaft anno 2020 dominierenden Kraft, vergessen sind und/oder aus postnationaler Gesinnung "verdrängt".
 
II.
Von den glücklichen Erinnerungen an Jahr 1989/90, von dem in der Nationalhymne beschworenen Glück des "Vaterlands", ist in den öffentlichen  Inszenierungen zum dreißigjährigen Jubiläum nur noch wenig übrig. Der Satz, den der Regierende Bürgermeister Walter Momper, angetan mit rotem Schal nach dem Mauerfall aussprach: "Wir Deutsche sind heute das glücklichste Volk der Welt", scheint heute undenkbar. Gemäß dem Konzept von "Weltoffenheit" und "Vielfalt", dem ideologischen Gewand der zur gesellschaftlichen Realität gewordenen, unvermindert anhaltenden Einwanderung aus aller Welt fällt ein  derartiger Satz in die Kategorie "völkisches Denken" oder "rechts", somit unter das Verdikt "Nazi", die populäre Variante des ideologisch gehobenen Faschismusverdachts.
 
Im Widerspruch zu der vor allem im westlichen Teil des Landes fortschreitenden Faktizität eines multiethnischen, postnationalen Deutschland steht das offiziöse Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland als historische Antithese zum nazistischen Gewaltregime. Die Beschwörung der deutschen Vergangenheit, die Rede von der deutschen Geschichtsverantwortung, der Bezug auf die Verbrechen des Nationalsozialismus - unübersehbar symbolisiert durch das Berliner Mahnmal zum Gedenken der ermordeten Juden Europas - steht im Zentrum historisch-politischer Bildung, id est der Fundierung der "kollektiven Erinnerung" des Landes zwischen Rhein und Oder. Wenngleich unausgesprochen, ist damit das real existierende, auch für eine demokratische, pluralistische Gesellschaft unabweisbare Problem republikanischer Identität aufgeworfen. Es ist angesichts der demographischen Entwicklung kaum vorstellbar, dass auch in  Zukunft - bereits in der Generationenfolge innerhalb der kommenden dreißig Jahre - die bedrückende, in der Erinnerung an den 3. Oktober 1990 eben auch beglückende deutsche Nationalgechichte noch tragende Bedeutung für die politische Kultur des Landes in der Mitte Europas haben kann.
 
Mit derlei Überlegungen zum 3. Oktober 2020 wagt sich der Verfasser  dieses Textes in die deutsche Tabuzone. Wer die schrecklichen, "neonazistisch" oder "islamistisch" motivierten Verbrechen der letzten Jahre vor Augen hat, wer die sich radikalisierende Szene an den politischen Rändern beobachtet, wer die allgemeine Vulgarisierung sowie die - gesamtgesellschaftlich noch minder bedeutsame - Polarisierung von "Antifa" und "Neonazis" registriert, dem ist nicht zum Feiern zumute. Ihm kommen am 3. Oktober 2020 die schmerzlichen, vormärzlichen Gedanken des deutschen Dichters Heinrich Heines in den Sinn.

III.
Was das auf fehlender Selbstachtung, auf dem Verzicht auf eine deutsche - und naturgemäß europäische - Leitkultur ausgerichtete, auf fragwürdiger, so unreflektierter wie unaufrichtiger Hypermoral basierende heutige Deutschland betrifft, so sei zur Corona-bedingt reduzierten Jubelfeier 2020 aus einem Text des libanesisch-deutscher Regisseurs und Autors Imad Karim zitiert. Er kommentiert zwei von ihm "zufällig entdeckte" Videos, "die (beide)zeigen, wie diesem Land seine Kultur entzogen wird, ohne dass die Mehrheit diesen Verlust bemerkt. 

Für mich steht fest: Dieses Land wird jeden Tag brutal vernahöstlicht, orientalisiert, arabisiert, ixlamisiert (bewusst falsch geschrieben) und (es wird) seine(r) eigene(n) über Jahrhunderte gewachsene(n) Identität brutal beraubt."Beim Betrachten des einen Videos (https://youtu.be/-fjAYYGoK1o?) habe es sich für ihn "noch einmal bestätigt, dass wir, vor allem unsere Kinder und deren Kinder dabei sind, dieses wertvolle Deutschland, vielleicht für Jahrhunderte zu verlieren. 
 
Was heute in Kreuzberg (und auch an vielen Orten in NRW, Hessen und fast überall) stattfindet, wird morgen (spätestens in 20-30 Jahren) das gesamte Land erfassen. Vielleicht schaffen die Sachsen den Absprung und schließen sich den Visegrád-Staaten (wenn diese nicht vorher zusammenbrechen) an. Ich weiß für viele ist das heute (noch) unvorstellbar, doch nicht für mich. Es sieht - meiner Einschätzung nach - nicht gut aus für dieses Land."

Imad Karim steigert seine Elegie über das von ihm geliebte Land,das  "in den letzten Dekaden, insbesondere in der Ära Merkel" eine verhängnisvolle Entwicklung genommen habe, zur Anklage: "Während die schweigende Mehrheit schläft und schweigt, haben wenige machtbesessene Utopisten, für die die Demokratie und der Volkswille nur noch hohle Fassaden sind, geschafft, diesen gesamten Staat in Geiselhaft der ´Guten´ zu nehmen."

Samstag, 19. September 2020

Klima und Tesla

Von Politikern (hier: genderneutraler Begriff pars pro toto) zu verlangen, alle Weltprobleme zu analysieren, zu verstehen und sodann zu "lösen", ist zuviel verlangt. Sie sind auf Expertisen aus der Wissenschaft angewiesen. Nun gehen auch in der Wissenschaft  - nicht nur in der dismal science der Wirtschaftswissenschaft - Theorien, Thesen und Meinungen oft auseinander, bisweilen streitet man sich wie die Fischweiber. Gemäßigte Zeitgenossen unterscheiden zwischen Mehrheits- und Minderheitsmeinungen, radikalere operieren mit den Begriffen Wahrheit und Lüge. In einer hochmoralischen Gesellschaft wie der deutschen laden sich Kontroversen mit der apokalyptischen Unterscheidung von Gut und Böse auf. Entsprechend geht es im Zeichen der Klima-, Corona- und Flüchtlingskrisen in politicis zu. Mit der Sorge um Toleranz und die Bewahrung "demokratischer Werte" gut kaschiert, unterliegt das Spiel um letzte Wahrheiten in Krisenzeiten dem Freund-Feind-Schema.

Zur Corona-Krise - derzeit laut Statistik und besorgter Proklamationen in einer zweiten Welle über uns gekommen - werde ich mich nicht äußern, außer dass ich nicht zu den "Corona-Leugnern" gehöre und auch nicht an dem Auftrieb der Massen an der Siegessäule oder gar auf den Reichtstagsstufen beteiligt war. Es heißt abwarten, bis entweder ein Impfstoff gefunden ist oder a) dank verschärftem Lockdown oder b) langsamer Durchseuchung und fortschreitender Resistenz die Krise bewältigt ist. Im übrigen schützt man sich als Angehöriger der Risikogruppe vor dem Schlimmsten durch Zweckoptimismus.

Meine Meinung ("Haltung") zur permanenten Flüchtlingskrise ist bekannt. Solange die Pull-Faktoren ("Willkommenskultur" und Milliardenprogramme für Diversität oder wahlweise Integration) das politische Klima in diesem unserem Lande bestimmen, braucht man sich um eine Minderung der Push-Faktoren (Bürgerkriege, Unterdrückung, reales Elend oder relative Armut, last but not least enormes Bevölkerungswachstum samt Umweltzerstörung) nur wenig Gedanken zu machen. In der Bundesrepublik Deutschland erschöpft sich der diesbezügliche öffentliche Disput in einem Wettstreit von realer oder gespielter politischer Naivität, überhöht von Moral (im buchstäblichen Sinne von Hyper-Moral) . 

Der Klimawandel ist seit etwa dreißig oder schon vierzig Jahren erkennbar. In diesem Punkt erscheint die deutsche Verachtung für den "Klimaleugner" Donald Trump als empirisch-wissenschaftlich fundiert und moralisch berechtigt. Wenn es sich indes um die menschengemachten Ursachen der globalen Erwärmung handelt, kommt man an dem heiklen Thema Bevölkerungswachstum und Umweltzerstörung - nicht nur in Brasilien unter Jair Bolsonaro, sondern vor allem in Afrika - nicht vorbei.

Schuld am Klimawandel ist nach weitgehender Mehrheitsmeinung die CO2-Emission aufgrund des mit der Industriellen Revolution einsetzenden, im 20. Jahrhundert ins Zigfache gesteigerten Verbrauchs fossiler Energien, obenan Kohle und Erdöl. Es war die Katastrophenprophetin Greta Thunberg, die in einem unbedachten Moment den Gedanken äußerte, den Ausweg aus der globalen Klimakrise eröffne die Rückkehr zur Atomenergie. Angesichts allgemeiner Empörung hat sie ihre Position diesbezüglich offenbar revidiert. Inzwischen äußert immerhin auch der eine oder andere grüne Protagonist diesen ketzerischen Gedanken. Zugegeben: Selbst die vom deutschen Atomausstieg vernachlässigte Entwicklung von "modernen" Reaktormodellen bergen - erheblich verminderte - Risiken bei der Endlagerung. Nichtsdestoweniger denkt man in den östlichen Nachbarländern, selbst nicht in Schweden, nicht im mindesten an einen Ausstieg aus der nuklearen Engergiegewinnung. Unbeeindruckt von westlichen Ängsten, basiert der ökonomisch-technische Aufstieg Chinas zur (derzeit noch) zweiten Weltmacht auf Energiegewinnung aus Kohle- und Atomkraftwerken. 

Wir im Westen hingegen wollen der globalen Selbstzerstörung durch erneuerbare Energien entgegenwirken, insbesondere in Deutschland: Wir schaffen das! Ganz "problemlos" , etwa ohne Widerstände auf dem reaktionären platten Land - lässt sich der grüne Umstieg biogenährter Menschen aufs Fahrrad - und von Senioren/innen tunlichst zu meidende Radschnellwege in Berlin und anderswo - zwar politisch nicht schaffen. Den rettenden Ausweg aus der Klimakrise sollen jedoch die wiederum kräftig subventionierten Elektroautos bieten. (Siehe etwa "Elektroauto Spezial", 12-seitige Beilage zur FAZ v. 19/20.09.2020.) Nicht nur halb Brandenburg - außer den vergeblich protestierenden Waldschützern -, sondern das ganze grüne Deutschland freut sich über die Bau der riesigen Produktionsstätte des Tesla-Tycoons Elon Musk bei Grünheide im Südosten der Hauptstadt.

Wer sich seit langem angesichts der Landschaftszerstörung durch immer zahlreichere, immer höhere Windräder romantisch-sentimentale Gedanken macht, wer - im Hinblick auf die umweltzerstörerische Extraktion von Mineralien in der einstigen "Dritten Welt", auf die Produktionsabläufe sowie den akkumulativen Input von Energie - als "Laie" Zweifel an dem umweltrettenden Umstieg aufs Elektromobil und auf "saubere" Energiequellen, obenan die nur zwanzig Jahre tauglichen Windräder in schönster Landschaft hegt, sieht sich durch wissenschaftliche Studien bestätigt. Ich verweise auf eine detaillierte Kritik des herrschenden EEG-Positivismus in einem online-Aufsatz von Mark P. Wills: "Mines, Minerals and ´Green´ Ernergy: A Reality Check", https://www.manhattan-institute.org/mines-minerals-and-green-energy-reality-check

 

P.S.:

Eine Art Kommentar zu meiner Kolumne "Klima und Tesla" (auf Globkult sowie auf The European):
welt.de
Energie: Niederlande planen Rückkehr zur Atomkraft - Deutschland unter Druck - WELT




Montag, 14. September 2020

Betrübliche Realität und gründeutsche Moral

Während Corona vorübergehend (?) an politischer Akutalität eingebüßt hat, ist die permanente  "Flüchtlingskrise" (a.k.a. globale Migration/Immigration ins grüne Willkommensland) erneut ins mediale Interesse gerückt. Dass Hilfe geboten ist, steht nicht zur Debatte, wohl aber wie und  mit welcher rationalen Maßgabe. In diesem unserem gründeutschen Lande wird nicht nach verantwortungsethischen Prinzipien geurteilt, entschieden und gehandelt, sondern in von interessierter Seite emotional aufgeladener Atmosphäre mal so oder mal so. 

Noch einmal: Die Zustände in den Flüchtlings- und/oder Migrantenlagern auf Lesbos oder anderswo verlangen nach humaner Abhilfe.  Diese setzt jedoch nüchterne, ideologiefreie Analyse der wenn  nicht schon seit den 1980er Jahren anhaltenden globalen Flucht- und Migationsbewegungen (push and pull) sowie der politischen Handlungmöglichkeiten voraus. 

Ich darf die Leser/innen meines Blogs auf meinen von "Moria" angestoßenen Kommentar auf Globkult verweisen: https://www.globkult.de/politik/welt/1940-9-11-moria-und-moral

Nachtrag 16.09.2020: Ein weiterer erhellender Lagebericht über die Zustände auf Lesbos von Rebecca Sommer: https://www.reitschuster.de/post/moria-einheimische-bedroht-von-marodierenden-migranten/?fbclid=IwAR3Z8IWR-Bk2vzuZssU-4QGhGjCYA1dsmkW2Soe5phzaaabIqs4nXOWSRzo 

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Montag, 31. August 2020

Die tusk-Biographie von Eckard Holler

Der auch als Globkult-Autor hervorgetretene Eckard Holler hat eine Biographie von tusk, dem ehedem in jugendbewegten Kreisen berühmten Eberhard Koebel, verfasst. Das Buch ist aus vielerlei Gründen empfehlenswert. In der Biographie Koebels tritt die deutsche Jugendbewegung in all ihren Phasen exemplarisch hervor. Sie erinnert an die Entstehung der "Wandervögel" um 1900, an das von jugendbewegt romantischer Unschuld getragene Bekenntnis zu freiem, selbstbestimmtem Leben auf dem Hohen Meißner 1913 und an den Umschwung von antiwilhelminischem Friedensbekenntnis zu Kriegsbegeisterung im Ersten Weltkrieg. 

Eberhard Koebels jugendbewegtes Lebens setzt in der nationalistisch erregten Nachkriegszeit ein. Es ist die Zeit der vielfältigen Jugendbünde, die von einem neuen "Reich" träumen. In der Endphase Weimars treffen wir auf die nationalrevolutionären Strömungen, in denen tusk - vor und nach seiner Konversion zur KPD und seiner strategisch-taktischen (?) Kehrtwendung 1933 - eine herausragende Rolle spielte. 

In der Nachkriegszeit, als sich die Jugendbewegung nach den Verheerungen durch Nazismus, HJ und Kriegskatastrophe in den diversen Pfadfinderbünden, in sozialistischen Jugendgruppen sowie in der "linken" Deutschen Jungenschaft regenerierte, waren die Namen tusk und seiner dj.1.11 noch vielen  Jungen ein Begriff. Indes hatte tusks Ruhm - als gequälter Widerständler und Emigrant - dank seines wenig heldenhaften Auftretens in der DDR unter westdeutschen "Bündischen" einigen Schaden genommen. Heute ist sein Name vergessen.

Eberhard Koebel starb mit nur 48 Jahren am 31. August 1955.

Nachfolgend der Link zu meinem Rezensionsessay: https://globkult.de/geschichte/rezensionen/1932-eckard-holler-auf-der-suche-nach-der-blauen-blume-die-gro%C3%9Fen-umwege-des-legendaeren-jugendfuehrers-eberhard-koebel


Freitag, 14. August 2020

Vorgesehener Titel: Alma mater benigna dolorosa

Ich darf die geneigten Leserinnen (sc. auch die ohne weibl. Suffix) und die diversen weniger Geneigten, auf meine Glosse zu dem unerwarteten Wiederauftauchen der  Plagiate in Doctor Franciska Giffeys Dissertation an einem exzellent europäisch forschenden Institut am OSI der FU hinweisen. Der Text erschien soeben auf der "Achse des Guten" unter einem treffenden Titel. Als Titel für den Text - ich bitte um Nachsicht für einen nicht von mir, sondern offenbar von einem Algorithmus veursachtern Syntax -Schnitzer ("kam...ins Gerede kam") sowie einen Tipp-Fehler (muss unten heißen "wird´s") um Nachsicht - war die obige Überschift vorgesehen. Die "Achsen-Redaktion" hat die Reprise der Berliner Farce mit dem alljährlichen Wiederauftauchen des Ungeheuers in Schottland in Verbindung gebracht: Siehe https://www.achgut.com/artikel/franciska_giffey_und_ihre_doktorarbeit_als_ungeheuer_von_loch_ness