Mittwoch, 8. April 2026

Protestantisches Prinzip als Antwort auf den „Tod Gottes“?

Die Negativdaten sprechen für sich: leere Kirchen, über vierhunderttausend Kirchenaustritte jährlich, Verkauf oder Abriss von Kirchengebäuden, mehr Bestattungen als Taufen in der alternden Gesellschaft. Und leben wir nicht längst in einer postchristlichen Gesellschaft? „Wo sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht Grüfte und Grabmäler Gottes sind?“ fragte Nietzsche, der Verkünder des Todes Gottes. Eine Antwort findet der als Philosoph promovierte Publizist Alexander Grau in einem dem Nietzsche-Zitat vorangestellten Logion aus dem apokryphen Thomas-Evangelium: „Jesus spricht: ´Werdet Vorübergehende´.“

In dem vorliegenden Essay zur Zukunft des Protestantismus in der „Spätmoderne“ - als Epochenbegriff so fragwürdig wie die „Postmoderne“ - , klingt Grau weniger kulturpessimistisch als sonst. Gewiss, der Transzendenzverlust – nach Max Weber die Entzauberung der Welt - sei in der von Rationalität, Wissenschaft, Technik geprägten Welt irreversibel, aber kein Grund zur Trauer. Denn es war das (paulinische) Christentum, das in der Antike „der Welt den ersten Schub der Entzauberung bescherte,...Gott in die Transzendenz abschob“ und dem Einzelnen den Weg in die Freiheit eröffnete. (16f.) Gegenüber einem allenfalls noch von katholischen Traditionalisten konservierten Antimodernismus – es fehlt der Verweis auf die fundamentalistischen „Evangelikalen“ im protestantischen Lager – argumentiert Grau als Protagonist der Säkularisierungsthese, und dies in radikaler Zuspitzung: „Ohne Christentum kein Humanismus, keine Aufklärung, keine Französische Revolution, kein Liberalismus, kein Sozialismus. Und ohne Christentum keine Säkularisierung und Atheismus.“ (17) Als maßgebliche Autorität für derartige Sätze bezieht er sich nicht auf Ernst Troeltsch, den Hauptvertreter - neben Adolf von Harnack - des liberalen Protestantismus im Kaiserreich, sondern auf den britischen Schriftsteller Tom Holland und dessen Werk Dominion. The Making of the Western Mind (dt. 2021), der die Welt – ungeachtet ihrer bestehenden kulturellen und religiösen Unterschiede – vom Siegeszug westlicher Kultur durchdrungen sieht. (22f.)

Die Auflösung des institutionalisierten Christentums und die „modernen“ Formen von Sinnsuche bedeuten für Grau nicht den „Niedergang christlicher und protestantischer Religiosität, sondern ihr(en) finalen Triumph.“ (18) Immerhin liegt noch ein gewisses Bedauern in der Feststellung, „die nach Orientierung und Sinn suchenden Gesellschaften (sic!) der Moderne sind unempfänglich geworden für die Bilder und Sprache des Christentums.“ (19) Und nicht ganz widerspruchsfrei klingt die These, das Verschwinden des Christentums aus der Alltagskultur sei zu akzeptieren, wenn Grau als „aufgeklärter“ Protestant sich – hier zu Recht - über die auf körperliches Wohlbefinden zielenden „Spiritualitätsmoden“ der Gegenwart, über gefühligen Kirchentagskitsch und die Rolle der EKD als grüner NGO erregt. (12).

In drei Kapiteln (übertitelt mit„Rettungsversuche“, „ Gottes Sterben“, „Gottes Tod“) skizziert Grau die Stufen der Säkularisierung, genauer: die Entmythologisierung christlichen Glaubens im Protestantismus. Die Aufklärung begründete die historische Bibelkritik, Kant reduzierte Gott zum Postulat der Vernunft. Hegel identifizierte Gott teils transzendent, teils weltimmanent als „absoluten Geist“, Feuerbach entdeckte in Gott das im Menschen verborgene Ich-Ideal. Der Hegelianer David Friedrich Strauß eröffnete die Leben-Jesu-Forschung, welche den „historischen Jesus“ ins historische Dunkel entrückte. Albrecht Ritschl, der im Christentum die vollendete geistige und sittliche Religion sah, begründete in der Göttinger Schule ein radikal weltliches – auf Nächstenliebe und Pflichterfüllung gegründetes – Verständnis vom „Reich Gottes“, das bis in die Gegenwart fortwirke. Die vom Linksprotestantismus kultivierte „Anbetung der ´Zivilgesellschaft´“ trage deutliche Züge eines Links-Ritschlianismus. (50)

Im Erste Weltkrieg zerbrachen die vom Kulturprotestantismus vermittelten, christlich eingefärbten Gewissheiten des Bürgertums. Aus der den liberalen Protestantismus erschütternden „Krise des Historismus“ (Troeltsch) gab es zwei Auswege: den eines radikalen Aufgehens in der Kultur oder die von Karl Barth proklamierte Absage an diffuse Religiosität zugunsten „absoluter Weltjenseitigkeit“, d.h. durch radikale Erneuerung des Glaubens an einen „verborgenen Gott“ und dessen Offenbarung. Grau anerkennt Barths Verdienst, das protestantische Christentum gegen „katholischen Zinnober“, gegen äußerlich praktizierte Religion sowie gegen „alle Arten weltlicher Religiosität in Stellung“ gebracht zu haben. (103).Mit Barths revolutionärer Pose, in der sich „kalvinistische Unbedingtkeit mit romantischer Jugendbewegtheit und existenziellem Pathos (mischte)“ (65), kann er sich jedoch nicht anfreunden. Auch Bultmanns Intention, hinter dem entmythologisierten Christentum die „Idee“ des christlichen Mythos zur Geltung zu bringen, stellt er in Frage: „Doch was, wenn diese Idee ein Anachronismus ist?“ (74) Schon bei dem Göttinger Kollegen Rudolf Otto verflüchtigte sich die traditionelle Gottesvorstellung in das „Numinose“.

In seiner Polemik gegen „die Religiösen“ stand Dietrich Bonhoeffer in geistiger Nähe zu Karl Barth, während er sich von dessen „Offenbarungspositivismus“ ironisch distanzierte. Für Grau sind Bonhoeffers Gefängnistexte die wichtigsten Zeugnisse für eine illusionslose Bejahung der Säkularisierung, sprich: des Todes Gottes. Die einschlägigen Begriffe Bonhoeffers sind der „Verzicht auf die Arbeitshypothese Gott“, sowie die Mündigkeit des Menschen in einer völlig religionslosen Zeit. Die Einschränkung, dass Bonhoeffers Reflexionen über Gott changierten, dass er sich in einem Brief an Eberhard Bethge über die Radikalität seines Denkens „erschreckt“ zeigte, fehlt in Graus Essay. Dorothee Sölle, die unter Berufung auf Bonhoeffer proklamierte, „atheistisch an Gott zu glauben“, und den christliche Glauben in Ethik und diese in politischem Aktivismus auflöste, erregte ehedem die Konservativen. Inzwischen sei die von Sölle inaugurierte Polittheologie protestantischer Mainstream, „zumindest im offiziellen Gremienprotestantimus“. „Übrig bleibt politisches Engagement, das von vermeintlich höheren Weihen umwabert wird.“ (95)

Spirituell aufgeladener Aktivismus ignoriere die Konsequenzen der Säkularisierung, d.h. die reale metaphysische Obdachlosigkeit des Menschen. Er bedeute das Gegenteil eines auf „weltlichen Sinnverzicht“ gegründeten „modernen Christentums“ (106). Allen christlich – oder postchristlich – ummäntelten Sinnkonstruktionen hält Grau das „protestantische Prinzip“ entgegen: eine geistige Haltung, die „letztlich im einzelnen und seiner Sehnsucht nach Freiheit, Selbstbestimmung und Individualität wurzelt.“ (10) Für das protestantische Prinzip – sehr viel älter als der Protestantismus selbst – stehe eine lange Reihe von Protagonisten von Epikur über Petrarca, Diderot bis zu Kierkegaard und natürlich Nietzsche. Seine eigene Position – unter dem Symbol des Kreuzes und des von Gott verlassenen Christus – bestimmt Grau mit Schleiermachers „Geschmack fürs Unendliche“, mit Paul Tillichs „unbedingtem Ergriffensein“ sowie mit ins Mystische zielenden Sätzen Ludwig Wittgensteins und Ernst Tugendhats.

Gegen Ende seines Buches zitiert der Autor den emeritierten Theologen Ulrich Barth: „Protestantismus – das ist der Traum einer Religion für freie Geister.“ (140). Es bleibt zu fragen, ob derlei elitäre Attitüde bei schwächeren Gemütern – beim verbliebenen Kirchenvolk – glaubwürdig ankommt. Fragwürdig bleibt auch der von Grau verfochtene - von Luther begründete - protestantische Subjektivismus. Die Abwege, auf die der „moderne“ Protestantismus post mortem Dei geriet - maßgeblich bei dem Göttinger Theologen Emanuel Hirsch als spiritus rector der Deutschen Christen -, bleiben in Graus Essay unerwähnt. Ob der von ihm verfochtene Protestantismus - es handelt sich um eine weitere Ausformung des Kulturprotestantismus – eine Zukunft hat, ist ungewiss. Und die Fragen nach den letzten Dingen bleiben ungelöst.

Alexander Grau: Die Zukunft des Protestantismus. München (Claudius Verlag) 2025,150 Seiten

Meine Besprechung des Essays von Alexander Grau erschien am Ostersonntag unter dem Titel "Der Sieg der Sinnsuche" auf AchGut :https://www.achgut.com/artikel/der_sieg_der_sinnsuche Im dort publizierten Text ist mir ein Lapsus unterlaufen. Ich verwechselte den von Grau erwähnten Göttinger Theologen Rudolf Otto (1969-1937)  mit dem - auch von Bonhoeffer rezipierten - Königsberger Altphilologen und Religionsphilosophen Walter F. Otto (1874-1958). 


Samstag, 21. März 2026

Fragen eines Wahlbürgers im Superwahljahr 2026

Wir befinden uns im Superwahljahr 2026. Ja, wir wissen, in "unserer Demokratie" ist jeder mündige Bürger - genauer: jede/r Bürger:in (mit Click-Hiatus unter Ausschluss von Diversen)  -  verantwortlich für das politische Geschehen in seinem/ihrem Land. Er -  fortan aus Bequemlichkeitsgründen im Text nur noch patriarchalisch ungegendert - ist der Souverän, anders ausgedrückt: Ich bin das Volk. Meine Stimme entscheidet bei Wahlen über die Bestellung der Regierung und damit über die Zukunft unserer Republik. (Näheres zum Thema s. H.A.: Die Entmachtung des Demos in "unserer" Demokratie, https://www.globkult.de/geschichte/rezensionen/2488-die-entmachtung-des-demos-in-%E2%80%9Eunserer%E2%80%9C-demokratie)

Gut, es sei eingeräumt, in derlei Sätzen kommt ein  leicht naives Verständnis der Institutionen und Funktionsmechanismen des demokratischen Verfassungsstaates (nach Art. 2 GG) - oder nicht vielmehr des  Parteienstaates? - zum Ausdruck. Dass Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten, lautet der alte, den Anarchisten zugeschriebene Kalauer. Klar, so einfach sind die Dinge auch wieder nicht. Damit wir unsere selbstverantwortliche Wahlentscheidung treffen können, kommt es vor jeder Wahl zu dem, was in den USA als  "October surprise" bekannt ist: Die Wahlkampfmanager der einen oder anderen Seite bringen in der letzten Phase noch einen Joker ins Spiel, um beim Wahlvolk moralische Empörung über den jeweiligen Gegner auszulösen. Meistens geht es dabei um Sex-Affären, was im Falle Donald Trump jedoch seine "konservativen" Anhänger nicht abschreckte, ihn zu wählen.

Sex oder Sex-Affären spielten in deutschen Wahlkämpfen bis vor kurzem kaum eine Rolle. Das änderte sich erst bei der letzten Landtagswahl in Baden-Württemberg, als die Grünen dem CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel dessen romantische Erinnerungen an die rehbraunen Augen einer Realschülerin als sexistische Verfehlung auslegten. Womöglich brachte die Suggestion - und Hagels zerknirschtes Eingeständnis - dem Grünen Cem Özdemir, genauer: seiner Partei, beim pietistischen Wahlvolk  den entscheidenden Vorsprung von  0,5 Prozent ein. Gibt´s diesbezüglich bereits Umfragen? Und was hätte sich bei einem minimalen Wahlsieg der CDU im Ländle geändert, außer der Rollentausch an der Spitze? Ist die CDU im Südwesten nicht längst so grün wie in NRW oder Schleswig-Holstein? Immerhin, Cem Özdemir bemüht sich um ein ähnlich konservatives Erscheinungsbild wie der bisherige MP Kretschmann. Aus Rücksicht auf die Wählerschaft hat er noch schnell seine Freundin geheiratet.

Am morgigen Sonntag wird in Rheinland-Pfalz gewählt. Die CDU hofft, den noch von seiner Vorgängerin Malu Dreyer ins Amt gebrachten Minsterpräsidenten  Alexander Schweitzer (SPD) ablösen zu können. Laut Umfragen liegen die beiden -  in jenem Bundesland noch als solche existierenden - "Volksparteien" gleichauf. In letzter Minute hat nun die CDU bei dem SPD-Rivalen Schweitzer gewisse - als Begünstigung oder Ämterschacher verdächtige - Techniken der Herrschaftsausübung aufgedeckt. Ob derlei Vorwürfe beim Wähler (m/w/d) das Verhalten in der Wahlkabine noch beeinflussen können?  Wie auch immer:  Diesseits der Brandmauer - der AfD haben ähnlich gelagerte Nepotismus-Vorwürfe in den Umfragen bislang nicht geschadet - blieben dem CDU-Kandidaten Gordon Schnieder wiederum nur die Grünen oder die SPD als Koalitionspartner. Ändern wird sich also wenig. Blickt man im Bundesland an Rhein und Mosel, im Hunsrück und in der Eifel auf die einst schöne Landschaft. so ist sie bereits mit grünen - nachts rot aufleuchtenden - Windkraftwerken übersät. Ändern lässt sich daran selbst unter schwarzer Ägide nichts mehr. Oder was meinen die Pfälzer dazu?  

Am 6. September steht das Schicksal unserer Demokratie auf dem Spiel, denn es droht ein Triumph der AfD in Sachsen-Anhalt. Wird es dort die mehr oder weniger "gesichert rechtsextreme" Partei zu einer absoluten Mehrheit - und damit zum ersten Ministerpräsidenten in einem Bundesland - bringen, wie sich deren Parteigrößen und Stammwähler (m/w/d) erhoffen? Nein, die einst stolze Arbeiterpartei SPD kommt laut Umfragen noch auf acht Prozent. Auch nach Wegfall der paar grünen Stimmen wird es im einstigen Kernland des Reformation zu einer Art Volksfront gegen die AfD noch reichen. Natürlich wird das Entsetzen über die knapp vierzig Prozent für die AfD groß sein. Aber wer  hat sich in "unserer Demokratie" je wirklich für die ehedem in der Zone deutsch-national - mental monoethnisch - zurückgebliebenen Ossis interessiert?

Am 20. September stehen Doppelwahlen in Mecklenburg-Vorpommern - welcher Demokrat besitzt  eigentlich noch keine Ferienwohnung in Meck-Pomm? - und in Berlin an. Gewiss, in beiden Ländern bereitet die erwartbar hohe Stimmenzahl für die AfD allerlei Ärger, aber klar, keine Frage:  In Schwerin wird es qua Addition für Manuela Schwesig zum Weiterregieren reichen, worüber sich die SPD freuen darf.

Zuletzt: Wo soll ich als Berliner Wahlbürger am 20. September mein Kreuz machen? Per Briefwahl oder in der Wahlkabine? Gute Fragen, aber eigentlich überflüssig, denn: Mutmaßlich wird Kai Wegner wegen seines entspannenden Tennisspiels während des linksrevolutionären Stromausfalls im bürgerlichen Südwesten Stimmen verlieren, während die islamophilen Parteien SPD und "Die Linke" sich wegen der Vorfälle im sexuell und rassistisch unterdrückten Neukölln keine Sorgen zu machen brauchen. 

Bis zum 20. September sind die brutalen - brutal unterdrückten - migrantisch-kulturellen Tatsachen schon fast wieder vergessen, wenn nicht, reicht es auch so zu einer demokratischen Mehrheit: Entweder regiert Wegner weiter oder er wird von einem noch glaubensfesteren Demokraten  abgelöst, womöglich gar von einem der - nur in Teilen antisemitischen - Partei "Die Linke". Die Mietpreisbremse bringt der "Linken" Stimmen, die Mißstimmung der AfD. Die SPD sucht derzeit noch nach einem namhaften Kandidaten (m/w/d). Nochmal Giffey? So oder so, an den Zuständen in der Hauptstadt wird sich wenig ändern: Müll, Schmierereien ("Grafitti"), Schlaglöcher, Baustellen (ohne erkennbare Bauarbeiten) und Straßensperren allerorten,  periodisch defektes Verkehrsnetz, Obdachlose, überstrahlt von grün-roter Ideologie.  Was  kann ich mit meiner Stimme daran ändern? 


Sonntag, 8. März 2026

Poem (A.D. 2025)

 

 

Alles was noch der Fall ist

 

Alles, was der Fall ist,

haben weit vor unsrer Zeit

die Denker und Dichter, die Weisen,

kraft hellen Sinnes erfahren,

erfasst, bewegt, erwogen, widerlegt,


gesagt und in Sätze gefasst.

Manche Texte, einst gehütet von Mönchen,

sind in Teilen, gesteh´ ich, noch ungelesen.

Manches verstaubt in den Bücherständen,

doch zuhanden, und in Teilen verstanden.


Und alles, was jetzt über Gut und Böse, Frieden und Krieg,

Mensch und Natur so zu hören man kriegt,

von Virtuosen der Tugend, erregten Actricen,

von Hegemonen und Hypokriten.

Das schlägt aufs Gemüt.


Alles. Mit verschlissenen Dogmen,

und polierten Begriffen, entleert von Ideen,

belehren sie dich, mich und den dêmos,

den sie verachten: Seht nur, seht her, wir stehn

schon wieder vor des Vergangnen Wiederkehr

 

Wir aber, geboren in Bitterkeit

wir wissen, was wirklich war und voll Leid.

Alles, was ist, was wird, was ihr seid,

ist im Fluss. Unlängst entließ man den Lotsen,

der im Strom uns lenkte hin zu den Toten.


Kannte alles im All,

und was sonst noch der Fall ist. 

 

                                       Poem zum Geburtstag eines Freundes (02.02.2025),                                                                                    Herbert Ammon

                                             

Samstag, 31. Januar 2026

Rhetorik der Machtpolitik und machtbasierte Realität

In meinem Globkult-Beitrag (https://www.globkult.de/politik/welt/2486-internationales-recht-und-internationale-anarchie) unter dem Titel "Internationales Recht und Internationale Anarchie" behandelte ich das im Staatenverkehr angelegte Spannungsverhältnis von realpolitisch begründeten Machtverhältnissen und moralpolitischen Bekenntnissen zu "regelbasierter Politik". In seiner jüngsten Regierungserklärung verkündete nun Bundeskanzler Merz, Europa müsse lernen, "die Sprache der Machtpolitik zu sprechen". Dass in derlei Aussagen stets auch moralpolitische Ansprüche - als ideologische Überhöhungen der Machtpolitik -   mitschwingen, blieb in den durchwegs zustimmenden Kommentaren der Medien ungesagt. 

Gegenüber Merz´ Proklamation, in der er das von ihm geschlossene Freihandelsbakommen (samt Fachkräfteanwerbung) mit Indien sowie das - dank Zusammenspiels von Rechten und Linken im EU-Parlament  - vorerst suspendierte EU-Mercosur-Abkommen als Beleg anführte, erheben sich gewisse Fragen. Die wichtigste betrifft das von Merz - hier als Sprachrohr für die politische Klasse der Bundesrepublik - als Handlungseinheit vorgestellte Europa. Tatsächlich bleibt zu fragen, inwieweit die EU (Brüsseler Synonym für Europa) - ungeachtet aller zentralistischen, in Richtung Bundesstaat zielenden Bestrebungen - bereits  einen geschlossenen, politisch einheitlichen  Machtkomplex darstellt.

Zumindest im Militär- und Sicherheitsbereich bestehen politisch wirksame  Divergenzen fort, solange a) die USA mit ihrer atomar gestützten Präsenz - selbstverständlich auch aus fortbestehendem Eigeninteresse -  als der letztlich maßgebliche Sicherheitsgarant fungieren, und b) eine einheitliche europäische Militärstruktur jenseits der NATO, erst recht eine gesamteuropäische force de frappe, nach wie vor in weiter Ferne liegt. Gerade im Hinblick auf den Ukrainekrieg und das Verhältnis zu Russland liegen die unterschiedlichen Interessen der skandinavischen und baltischen Staaten sowie Polens einerseits, von Staaten wie Tschechien, Slowakei und Ungarn andererseits offen zutage.

Bei allen Überlegungen bezüglich machtpolitischer Realitäten kommt die - nicht zuletzt das gesamte politische System tragende - Wirtschaftspotenz in Spiel. Es ist ein banales Faktum, dass die politische, soziale und - im Hinblick auf die angestrebte immense Aufrüstung - militärische Stabilität der EU von der Wirtschaftsmacht Deutschlands abhängt. Am Ende ist und bleibt die Wirtschaft unser Schicksal. Wie Deutschland aus der anhaltenden Rezession - und der zu deren  Bewältigung erhobenen exorbitanten Schuldenlast - herauskommen soll, ist angesichts der krisenhafte Zustände im Mittelstandsbereich, im Bildungssektor sowie in den Sozialsystemen ungewiss. 

Immerhin haben auch deutsche Politiker (m/w/d), die bis dato die Welt allein durch die moralische Brille betrachteten, erkannt, dass Begriffe wie Großmachtpolitik, Geopolitik und Geostrategie - Machtinteressen im allgemeinen - zum Verständnis der internationalen Beziehungen vonnöten sind. Zu dieser Erkenntnis beigetragen haben einerseits der verhasste russische Machthaber Wladimir Putin, andererseits der ob seiner rüpelhaften Manieren und  Sprunghaftigkeit verachtete US-Präsident Donald Trump. Als respektablen Partner in globalen Machtverhältnissen hat Bundeskanzler Merz jetzt auch den indischen Präsidenten Modi umworben, ohne dessen Hindu-Nationalismus anstößig zu finden. Anders verhält es sich mit der Wahrnehmung Chinas unter Xi Jinping, der soeben seine Machtposition durch Ablösung der gesamten Militärführung diktatorisch gefestigt hat. Kann sich die deutsche Wirtschaft von China als wichtigstem Handelspartner und Besitzer kritischer Rohstoffe lösen, und wie? Und kann sich Deutschland - und/oder EU-Europa - einen Dauerkonflikt mit Russland leisten?

Wie sich die internationalen Beziehungen  - sprich: die globalen Machtverhältnisse - in der Zukunft, nach einem ersehnten Ende des Ukrainekriegs, entwickeln, liegt in ungewisser Zukunft. Die damit verbundenen Fragen sind jedoch zu gravierend, als dass sie anno 2026 zu Fensterreden oder billigen Wahlkampfthemen taugen. 

 


Freitag, 16. Januar 2026

Leseempfehlungen statt eines Kommentars zum Berliner Politalltag sowie zur Bundeswehr auf Grönland

An all jene (m/w/d), die sich für meine Blog-Einträge interessieren, ohne zuerst auf das Internet-Portal  Globkult aufzurufen, hier nur eine kurze Glosse sowie drei Lesehinweise:

Berlinisches

 Ein Blick auf den Berliner Politalltag genügt: Blackout in den Vierteln der "Reichen" (aber nicht am Prenzlauer Berg),  Reichinneks "linker" Verdacht, Tennismatch zweier (auch  menschlich liierter) Berliner Politprofis (m/w), neuer Berliner "Gedenktag gegen Moslemfeindlichkeit"  (oder gegen "antimuslimischen Rassismus", was weiß ich) an den Iden des März, ewige Baustellen an diversen U-Bahn-Strecken, durch dauerhafte Absperrungen blockierte Straßen, kaputte Brücken, Verwahrlosung usw. usw. 

Im Herbst sind auch in der Hauptstadt Wahlen. Da weiß der Berliner Bürger schon jetzt: Es wird sich nichts ändern, außer dass unter linksrot-grünrot-rosarot das Farbenspektrum noch berlinischer wird, und dass die AfD - politisch folgenlos - ihre Stimmenzahl mindestens verdoppeln wird. 

...und die globale Unordnung

Die Welt ist  aus den Fugen, nicht zum ersten Mal. Wie wäre sie  - nach Vorstellung unserer moralisch unfehlbaren politischen Klasse - zu kitten? Und was sollen/können "wir Deutschen" noch gegen Trump sagen, was gegen ihn tun? Genügt der Einsatz von dreizehn Bundeswehrsoldaten (ohne -innen) auf  Grönland zur Zurückweisung seiner  Annexionsabsichten oder besser zur Abwehr der Angriffe der wegen der Klimaerwärmung besonders reizbaren Eisbären? Wer rettet die Robben vor den fell- und fleischhungrigen Inuit? Wer die Arktis vor russischen und chinesischen Kriegs- und Handelsschiffen?

Statt einfacher Antworten empfehle ich meinen jüngsten Aufsatz auf Globkult.  Daraus eine Passage, die Ungewissheit der Entwicklung im Iran betreffend:

"Last but not least ein Blick auf die Lage im Iran: Hinsichtlich des möglichen Erfolgs - oder eines opferreichen Misserfolgs - der Aufstände in den iranischen Städten gegen das mörderische Mullah-Regime versagt unser Kategoriensystem. Ist ein - wünschenswerter - regime change in Teheran wahrscheinlich, und wenn ja, wie - mit welchen Mitteln - wäre er von außen - etwa mit amerikanischen und israelischen Militärschlägen - zu bewerkstelligen? Selbst im Falle extremer Unterdrückung und Rechtsverletzungen eines Staates bedeutete die einseitige Intervention einzelner Mächte eine Souveränitätsverletzung und wäre vom internationalen Recht nicht gedeckt. "

https://www.globkult.de/politik/welt/2486-internationales-recht-und-internationale-anarchie 

Zur Ergänzung verweise ich auch meinen Globkult-Aufsatz vom September 2022:      

https://www.globkult.de/politik/welt/2239-zur-aktualitaet-eines-begriffs-geopolitik-in-geschichte-und-gegenwart?start=1

sowie auf den soeben erschienenen Artikel zum Ukrainekrieg von Thorsten Hinz:

https://jungefreiheit.de/politik/ausland/2026/die-ukraine-verschleisst-sich-in-qualvoller-stellvertretung/ 

 

 

 

 

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Mein Jahresrück- und vorblick

Das Jahr begann - es war Wahlkampf - im Januar wie stets vor Wahlen: Kanzlerkandidat Merz machte mit Getöse Ankündigungen zur Eindämmung der Migration, zur Erhellung der Finanzquellen der -  in "unserer Demokratie" als eine Art alternativer Souverän fungierenden NGOs - sowie zur Beibehaltung der Schuldenbremse. Nach den Februarwahlen, die der CDU/CSU magere 28 Prozent Stimmen gebracht hatten, ging es weiter wie erwartet: In einem für ihn peinlichen zweiten Wahlgang zum Kanzler einer kleinen GroKo gewählt, tat Merz das Gegenteil von dem, was er versprochen hatte. 

Die Brandmauer wurde verstärkt abgedichtet, die Schuldenbremse nicht nur - mit Unterstützung  der nach wie vor diskursbeherrschenden Grünen sowie der demokratisch geadelten "Linken" - aus dem Grundgesetz gekippt, sondern mit einer gigantischen Schuldenaufnahme von einer Billion Euro ins Gegenteil verkehrt.  Zum Jahresende kamen noch einmal  90 Milliarden Kriegssoforthilfe für die Ukraine hinzu, die zwar nicht direkt allein dem deutschen Steuerzahler aufgeladen werden, wohl aber die in den EU-Verträgen noch ausgeschlossenen Eurobonds in die Welt setzen, für deren Bonität im Zweifelsfall dann doch wieder hauptsächlich die Deutschen geradestehen müssen.

Der Umgang der  Regierung mit der Migrationsproblematik erinnert an die Echternacher Springprozession: zwei Schritte vor, einer zurück (oder umgekehrt). Zwar agiert Innenminister Dobrindt (CSU) als Protagonist strikter Gesetzesanwendung - und einiger medienwirksamer Abschiebungen - zur Kontrolle der Dauerimmigration (Neologismus "Zuwanderung"), aber  am Gesamtbild hat sich wenig geändert. Weit über 100 000 Migranten gelangten trotz aller ernsthaften oder eben nur halbherzigen Bemühungen zur Kontrolle der "unsere Demokratie" grundlegend verändernden Einwanderung ins gelobte Land, denn Familiennachzug (und sei´s die Zweitfrau) unterliegt nach wie vor den allen juristischen Hürden oder sozialpolitischen  Erwägungen übergeordneten Menschenrechten, selbst wenn in deren Katalog Einwanderung ins Land bester Wahl gar nicht vorgesehen ist. 

Im Zweifelsfall gibt es hinreichend  pressure groups, obenan die EKD, die "unser reiches Land" durch Aufnahme von - aus beliebigen Gründen (Klima, Hunger, Kriege, Queerness, Wehrpflicht etc.) - Geflüchteten (Partizip Perfekt) bereichern wollen. Dass die Kirchen seit Jahren immer leerer werden, so dass man sie jetzt  als event locations, Fitness-Studios oder nach Abriss als Baugrundstücke veräußern muss, stört die Kirchenoberen nur wenig. Entscheidend ist ihre Führungsrolle in Sachen Moralpolitik. Für dieses Ziel hat man im Hinblick auf den Ukrainekrieg die einstige pazifistische Grundlinie (Friedenserziehung) dogmatisch korrigiert. 

Bundeskanzler Merzens Erkenntnis, dass sich das Stadtbild aller Groß- Mittel- und Kleinstädte in den letzten Jahren auf eine Weise verändert hat, dass jetzt die Indigenen als Minderheit auffallen, löste einen Sturm moralischer Entrüstung aus. Im Zweifelsfall präsentieren die Medien stets ein beruflich nützliches und erfolgreiches Beispiel gelungener Integration, was am realen Stadtbild leider nichts ändert. Zum Stadtbild gehören nicht nur bärtige Männer und - in unterschiedlichem Grade - verhüllte Mütter aus dem Morgenland, sondern die zahllosen Obdachlosen unter S-Bahn-Brücken, überdachten Bushaltestellen und Hauseingängen. 

Immerhin,  Berlin, die Hauptstadt der  bunten Republik, will das von migrantischen Fachkräften  und indigenen Konsumenten  verursachte Negativbild des Görliter Parks ("Görli") - pars pro toto im Stadtbild - durch einen ästhetisch überzeugenden Zaun einrahmen. Aber: Gut Ding will Weile haben. Dafür ist die Hauptstadt bekannt. Vollständigkeitshalber seien noch die unaufhaltsam zunehmenden Schmierereien an Häuserfronten, Friedhofsmauern, Brunnen oder Statuen sowie der Müll auf den Straßen und Grünanlagen erwähnt. 

Dass Deutschland, ehedem bewundert ob seines Bildungssystems - insbesondere das duale System im handwerklich-technischen Bereich - im Leistungsvergleich mit anderen Ländern von Jahr zu Jahr zurückfällt, wird "von der Politik" zwar registriert. Aber außer Geld für mehr Fachkräfte (!)  für frühkindliche Sprach- und Intelligenzförderung fällt den Bildungsexperten nicht viel ein. Dass das Zeugnis der Mittleren Reife (nach zehnjährigem Schulbesuch) vielerorts nicht einmal mehr das Papier wert ist, stellt für die Bildungsforscher/innen kein Problem dar. Soziale Kompetenz (!?) steht über Grundrechungsarten, Sprachbeherrschung und Schreibfertigkeit. 

Wenn schon keine Lösung -  nicht zuletzt hinsichtlich der ökonomischen Folgen -  in Sicht ist, dürfen keinesfalls Analysen angestellt werden, die unabweisbar Thilo Sarrazins Diagnose - und Prognose - von 2010 bestätigen. Derlei Erkenntnisse könnten ja Wasser auf die Mühlen der AfD lenken und die Brandmauer unterspülen. Dass deutsche Gymnasien in den MINT-Fächern nur noch hohe Quoten von Studienabbrechern hervorbringen, ist ein statistisch belegtes Faktum. Hingegen expandieren die auf Soziokultur, Gendergerechtigkeit, queerness - und politische Karrieren im Parteienstaat -  ausgelegten Studienfächer (mit Bachelor-Garantie).  

Welche Aussichten eröffnen sich für 2026? Ob sich die Wirtschaft der Exportnation Deutschland von der Rezession in allen Bereichen - mit Ausnahme des Rüstungssektors - erholen kann, ist höchst ungewiss. Experten sprechen vom schlimmsten Einbruch seit 1953. Dass die Energiekosten einen enormen Negativfaktor in der Produktion - von Bäckereien bis hin zur Chemie- und Stahlindustrie - ausmachen, ist allgemein bekannt. Noch mehr deutsche Restlandschaften zerstörende Windmühlen sollen´s richten. 

So sind wir über das Thema Energie bei Nordstream 2 und dem Ukrainekrieg angelangt. Der verd... Krieg wird leider erst zu Ende gehen, wenn es dem russischen Herrscher Putin gefällt. "Die Europäer" - abzüglich der "Putinversteher" - stehen noch -  mit in den Kamin geschriebenen, auf zwei Jahre ausgelegten Krediten -  in Treue  fest zu Selenskyi.  Ob sich Putin ("Putler": ohne Hitler geht in Deutschland kein "Diskurs") mit Trump,  gewiss nicht mit den "Europäern", noch auf einen Deal einlässt, der nicht nur das Sterben beenden, sondern uns allen zugute käme, steht leider auch 2026 in den Sternen.  

 

Samstag, 20. Dezember 2025

Ein Teppich des Lebens, dunkelfarbig. Poem für einen jugendbewegten Freund

Ein Teppich des Lebens, dunkelfarbig 

Das Muster kenn ich seit Knabenzeit. Erfunden

von einem, des Namen beim Shoppen keiner erkennt

samt dem Greifen an dem Gebäude einst stolzer Bürger.

Von dort zogen singend hinaus sie im Frühtau.

In der Dämmrung jetzt führt mein Weg dahin zurück.


Zu wahrem und schöneren Leben

als jener Satten im kleingroßen Reich -

spät in den Sattel gesetzt zu eitlem Wettstreit

mit den andern längst mächtigen Reichen -

brachen sie auf, frisch, frei und liedreich...


O Mensch! Gib acht! Sprach vom Berge der Gott.

Und sie lauschten - im Bannkreis der Flamme - dem Meister,

der besang die Anmut der Städte an Mosel und Rhein

und Maximins Schönheit in München; und kündete

das Neue Reich, Geheimnis der Edlen aus Hellas.


Längst lagen Schatten über Hesperien.

Da zogen sie, suchten sie jenseits des Tales,

unweit der Zelte, im Reiche

tief drinnen auf mondlichter Flur

die nachtblühend blaue Blume.


Ein junges Geschlecht, freien Muts und reinen Gemüts,

sie schworen sich ewige Jugend. Es brauste der Ruf

von Langemarck. Schrill schrien im Frühling

die Zugvögel über der Insel. Feldgrau verwelkte

des Vaterlands Blüte in Flandern. In Flanders fields


the poppies blow // Take up our quarrel with the foe

schrieb ein andrer und starb für Britanniens Ruhm.

Für sich - und die Jungen des Reichs in der Mitte -

schrieb sein Erlebnis der Leutnant pour le mérite.

Bald ging´s hinaus zu gewinnen endlich das Reich.


In neuen Bünden erblühte die Jugend.

Jung wolln wir sein und frei. Befreiung von Knechtschaft

verhieß Licht aus Osten den einen,

einen friedlichen Ritt gen Westen wagten die andern.

Doch alle, ja alle, warn bereit für den Aufbruch ins Reich.


Bewegt von Träumen der Jugend. Sing, sing...Wer will singen

von dem was geschah? Begraben in Asche lag der fromme Wahn.

Von baltischer Küste flohen die Mütter mit Kindern und Greisen,

in die Reste des Reiches. Nahmen Abschied von Jablonec nad Nisou.

Gegen Kopfläuse kämpften die Frauen in Hütten named Nissen.


Auferstanden aus Ruinen lebte vergessend ein satteres Volk.

Und einmal wieder, Kameraden, standen wir auf. Es lockten

Meere und Wogen. Junge Jäger durchstreiften des Pelions Wälder,

Bis plötzlich hervorbrach ihr Zorn aus verletztem Gemüte,

aus Scham verlorener Unschuld. 

 

Alte Lieder noch singen die Alten. Klagen erklingen

von wilden Schwänen und Schwedens Schären.

Du kennst noch Gesänge von Väterchen Franz?

Queer und gehorsam rappen die Jungen und schwören

auf ewige Werte, nicht ewige Jugend.


                                 Für den Freund Eckard Holler, 

                                               zum 84. Geburtstag am 19.12.2025 in Berlin-Mitte

                                                                            Herbert Ammon


Sonntag, 7. Dezember 2025

Ein Dank an Ulrich Schödlbauer. R.I.P.

Ulrich Schödlbauer und seiner  wenige Wochen vor ihm verstorbenenen  Ehefrau Renate Solbach habe ich als Autor  und als Freund viel zu verdanken. Ich werde später versuchen, diesen Dank in einem angemessenen Nachruf auf meinem von Ulrich eingerichteten Blog  zum Ausdruck zu bringen. 

Aus mancherlei Gründen bin ich in diesen Adventstagen noch nicht selbst zur Abfassung eines solchen post mortem gekommen. Stattdessen zitiere ich für die Leser (sc-. -innen meines Blogs) Auszüge  aus dem so tiefgründigen wie einfühlsamen Essay, den Jobst Landgrebe, von Ulrich noch vor seinem leidvollen Ableben in die redaktionelle Arbeit eingewiesen, soeben auf der "Achse des Guten" (https://www.achgut.com/artikel/wer_war_ulrich_schoedlbauer_zum_tod_eines_literaten_und_denkers) veröffentlicht hat:  

"Als Citoyen (ein Bourgeois war er nicht) der alten Bundesrepublik war Schödlbauer ein klassischer Sozialdemokrat, der sich sein Leben lang die Partizipation aller Bürger an der politischen Willensbildung, aber auch am Wirtschaftswachstum und der Kultur wünschte und sich dafür einsetzte... Schödlbauer  [blieb] als Herausgeber, als Autor und als Literat seinen Vorstellungen und Werten immer treu, während sich im Laufe seines Lebens ein Werteverfall vollzog, der in dieser Geschwindigkeit historisch wohl selten so vorgekommen ist. Das schuf einen Graben zu den Zeitgenossen und führte auch zur Entfremdung von einigen seiner langjährigen Lebenswegbegleiter, die sich dem Zeitgeist anpassten. 

[...] [...]

In einer Landschaft der kulturellen Entdifferenzierung konnte einer wie Schödlbauer daher nicht den großen Erfolg genießen. Er gehörte überhaupt zu der eher seltenen Art Mensch, die in keine Vereinigung hineinpassen – wie Groucho Marx einst sagte „In einem Club, der mich aufnehmen würde, möchte ich kein Mitglied sein.” Ulrich Schödlbauer war ein äußerst liebenswerter und großherziger Mensch, ein Philanthrop, dem das Leben in mancher Hinsicht härter zugesetzt hat als vielen andern, die weniger klug, urteilsstark, sensibel und gewissenhaft sind. Er war ein Original und ein wirklich großartiger Denker, Literat und einer der besten Gesprächspartner, die ich je hatte. Wir, seine Freunde, vermissen ihn auf’s äußerste. Möge er in Zukunft viele Leser finden.

P.S. Inzwischen ist auch von mir ein post mortem  für Ulrich Sch. - leider mit ein paar nichtredigierten Ungenauigkeiten, aber mit einem eindrucksvollen Fotoporträt  - auf open source Berliner Zeitung erschienen:

https://www.berliner-zeitung.de/open-source/ulrich-schoedlbauer-er-ist-zu-frueh-gegangen-und-laechelte-li.10009522 

 

Sonntag, 23. November 2025

Ansichten des Krieges und Aussichten auf einen Frieden

I.

In Brüssel, in der CDU, bei den Grünen sowie in den regierungsfrommen Medien des Landes herrscht moralische Entrüstung über den zwischen Trump und Putin, genauer: zwischen Trumps Emissär Steve Witkoff und Putins Beauftragten Kirill Dmitriev, ausgehandelten - und derzeit noch offenen - 28-Punkte-Plan zur Beendigung des Krieges in der Ukraine. Die Rede ist von "Versailles" und "München". Wie immer bei aus dem Fundus der Historie geschöpften Schlagwörtern, zielt die propagandistische Absicht sowohl an der historischen Wirklichkeit als auch der politischen Gegenwart vorbei. 

Ohne Frage war der  Friedensvertrag von Versailles ein Diktat, welches das Deutsche Reich als allseits isolierter Verlierer des Großen Krieges am 28. Juni 1919 - nach vergeblichen  Protesten, zuletzt gegen den Alleinschuld-Artikel 231 - unterzeichnen musste. Er bildete den Rahmen für das System der Pariser Verträge, welches nach Vorstellung Woodrow Wilsons (1916: "He kept us out of war!") auf einen - durch den Völkerbund zu sichernden - Weltfrieden abzielte, aber - nicht nur in Deutschland - die Keime zu Revanche- oder Revisionskriegen in sich trug. Das in Revolution, Niederlage und Bürgerkrieg gefallene Russland gehörte nicht zu den Signatarmächten. Lenin, die Bolschewiki und die deutschen Kommunisten nutzten "Versailles"  für ihre Zwecke, wenn auch - in Konkurrenz mit den Nazis - vergeblich. 

Das Münchner Abkommen vom 20. September 1938 wurde zwar  von Hitler und den Westmächten - unter "Vermittlung" des faschistischen Diktators Mussolini - der Regierung der CSR aufgenötigt. (Dabei ist bezüglich der Vorgeschichte  zu erwähnen, dass die anhaltend  nationalistische Politik  tschechischer Regierungen seit 1919 den Nährboden für die Radikalisierung der "Sudetendeutschen" - und für Sezessionstendenzen bei den Slowaken - bildete. Nach München holte sich auch Polen mit dem Gebiet von Teschen ein Stück vom Kuchen.)  Das populäre, historisch-moralisch abwertende Bild des britischen Premiers Neville Chamberlain als des naiven Appeasers entspricht jedoch nicht den historischen Tatsachen. Chamberlain ging es darum, mit "peace in our time" eine Zeitspanne für den Wiederaufbau der britischen Armee zu gewinnen, was die RAF in der "Battle of Britain" im August 1940 denn auch  unter Beweis stellte. 

II.

Was die Gegenwart betrifft, so passt weder "Versailles" noch "München" zur Erhellung der Genese des  Ukrainekrieges sowie des der Ukraine - im Falle der Durchsetzung eines "faulen Friedens"  in Gestalt des Trumpschen 28-Punkte-Plans - bevorstehenden politischen Schicksals. Anders als - trotz allem -  die CSR 1938, ist die Ukraine alles andere als ein stabiles Staatsgebilde, das den Namen "Demokratie" verdient. 

Anders als 1938, geht es im Falle der Ukraine nicht um ein Machtspiel zwischen drei europäischen Mächten (GB, Frankreich und Hitler-Deutschland), sondern um ein Spiel mit zwei Großmächten und einer Reihe von Mitspielern mit unterschiedlichen Interessen und Ambitionen. Die USA ist seit der ersten Trump-Regierung dabei,  im geopolitischen Dreieck USA-China-Russland ihre Rolle als "einzige Weltmacht" zurückzunehmen und nach langer  Überanspannung ihrer Kräfte diese zu bündeln. Russland ist bestrebt, seine Rolle - als eine sich mehrfach düpiert fühlende - Großmacht wieder einzunehmen. Die "Europäer" verfolgen - entgegen aller Eintracht und Moral reklamierenden EU-Rhetorik - ihre jeweils eigenen Ziele. Die zentrale Mittelmacht Deutschland hat seit dem Abgang Schröders, sodann unter dem Opportunismus Angela Merkels, auf die Definition eigener Interessen verzichtet. 

Dass auch Russland unter Putin - erkennbar seit dem Eklat auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007, deutlicher seit der Besetzung der Krim 2014 und evident seit 2022 - Krieg wieder als Instrument der Politik einsetzt, wirft die "westlichen" Axiome von "regelbasierter Politik" und der "Unverletzlichkeit der Grenzen" in Europa über den Haufen. Die Empörung darob ist besonders laut in Deutschland, wo man aufgrund der eigenen Geschichtskatastrophe  glaubt, amoralische, interessengesteuerte Kategorien seien im politischen Verkehr für immer außer Kraft gesetzt. Man wähnt sich im Besitz höherer Moral und begnügt sich - von mancherlei EU-Bruderstaaten unter Druck gesetzt - mit  der Rolle des demnächst wieder "kriegstüchtigen", aber zutiefst friedenswilligen Zahlmeisters. 

Wer wollte, konnte den Lauf der Dinge seit den 1990er Jahren  mit offenen Augen beobachten und - wengleich nicht in allen Aspekten - vorhersehen. (Siehe auch meinen Essay vom 3.Februar 2023, H.A.: https://www.globkult.de/geschichte/zeitgeschichte/2273-die-ukraine-und-die-aktualitaet-des-peloponnesischen-kriegesEinen nüchternen Blick öffnet erneut der jüngste Essay von Jobst Landgrebe auf der "Achse des Guten". https://www.achgut.com/artikel/der_sonntags_essay_was_war_der_ukraine_kriegssay   

Wir werden sehen, wie das große Spiel um und in der Ukraine in den Wochen bis zum christlichen Friedensfest weitergeht. Falls Trumps "Deal" - auf Kosten Selenskyis und seiner Oligarchie -  zustandekommt und gar dauerhaft tragen sollte,  so sollte dies auch hierzulande Anlass zu einer "Wende" im politischen Denken geben. Allzu großen Hoffnungen dürfen wir uns diesbezüglich aber nicht hingeben.  Denken im Raum der harten Fakten ist anstrengend. Schwarz-Weiß-Denken ist einfacher und sichert die Überlegenheit der eigenen Moral.  

Sonntag, 16. November 2025

Miszelle zum Volkstrauertag

Seit Deutschland - vermittels eines Schuldenpakets von 500 Milliarden €  und einer binär, d.h.  ungegendert angelegten, sprachsensibel abgeschwächten Form der Wehrpflicht - wieder "kriegstüchtig" werden muss, seit wertebewusste Verteidigungsexperten gar einen großen Krieg mit Putins Russland für 2029 vorhersagen, darf oder muss  im traurigen Monat November auch der Volkstrauertag wieder feierlich begangen werden. In heute-Journal und  Abendschau versammelt sich das Staatsvolk - sofern noch nicht zu den social media abgewandert - vor der Glotze, um  an den Trauerakten teilzuhaben. Das Hauptereignis sieht dann so aus: Seitwärts eines Gefallenendenkmals präsentiert eine Formation der Bundeswehr das Gewehr, Verteidigungsminister Pistorius hält mit kräftiger Stimme eine Gedenkrede,  Bundespräsident Steinmeier ordnet schwarz-rot-goldene Schleifen an den niedergelegten Kränzen, zum Schluss intoniert ein demokratisch diverses Musikkorps noch den "Guten Kameraden". Gesungen wird der Text Ludwig Uhlands nicht, da im Wortlaut nicht  gendersensibel genug. 

Womöglich bekommen wir im  TV zudem Ausschnitte von Predigten zu sehen und zu hören, die  postpazifistischen Pastorinnen oder Pastoren zum säkularen Gedenktag eingefallen sind. Ob auch  Störaktionen  und Schmierereien der "Antifa" ins Bild gerückt werden, bleibt abzuwarten. 

Immerhin könnten derlei Aktionen -  ganz entgegen ihrer "antifaschistischen" Intention - die Fragwürdigkeit des Gedenkens in der postnationalen Bundesrepublik ins Bewusstsein rücken. Denn von ehrendem Angedenken der in zwei Weltkriegen zu Tode gekommenen - gefallen, ermordet, verbrannt, vertrieben, verhungert oder erfroren - Millionen von Deutschen will unsere politisch-mediale Klasse nur wenig wissen. Von den Schrecken des Großen Krieges haben - im Unterschied zu den Franzosen und den Briten - die meisten Deutschen ohnehin kaum noch eine Vorstellung. Was die Opfer des Zweiten Weltkriegs betrifft, so überlagern der Holocaust sowie  - seit der entsprechenden Ausstellung in den 1990er Jahren  - die  Bilder des Vernichtungskrieges die Erinnerung an von Deutschen erfahrenes Leid, Leiden und Unrecht. Derlei "völkische" Erinnerung wird an die AfD und deren Sympathisanten hinter der "Brandmauer" ausgelagert. 

Inwieweit die demographisch schwindende Generation von jüngeren Deutschen sich noch von der im zivilreligiösen Kalender angezeigten  "Volkstrauer"  beeindruckt zeigt, ließe sich durch Umfragen ermitteln. Was die postnationale "moderne Einwandungsgesellschaft" angeht, so erreichen die Rituale  mit Sicherheit nur diejenigen, die in den salbungsvollen Gedenkreden selbst als Opfer gegenwärtiger Kriege und Bürgerkriege angesprochen werden. Die Erinnerungen der  - derzeit noch bestehenden - Mehrheitsgesellschaft ("Kartoffeln" und/oder "Nazis")  dürfte den meisten  so egal sein wie der "Antifa" und/oder den geistig womöglich anspruchsvolleren "Antideutschen".  

Wenn es um die Millionen der Toten beider Weltkriege geht, so werden die Redenschreiber die Sinnlosigkeit ihres Opfers hervorheben. Anders steht es mit dem Gedenken an die Soldaten - waren auch Soldatinnen darunter? -  die bei den Einsätzen der Bundeswehr in Afghanistan und in Mali ums Leben gekommen sind. Angeblich  wurde ab 2001 - so anno 2004 der damalige Verteidigungsminister Peter Struck -  "unsere Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt." Spätestens 2021, nach dem überstürzten Abzug der Bundeswehr im Gefolge der USA,  war klar, dass der Tod der vor der Basis in Kundus gefallenen Soldaten sinnlos war. 

Über Sinn oder Unsinn von Kriegen zu entscheiden, war nie ins Ermessen der Millionen gelegt, die in den zwei Weltkriegen ihr Leben ließen.  Die Entscheidung über Krieg oder Frieden, über "richtige" - Frieden bewahrende oder Frieden erzwingende - Politik liegt auch in "unserer Demokratie" nicht beim Volk oder bei den Soldaten (sc. -innen), sondern bei der machtausübenden Führungsgruppe. 

Wie es im Ukrainekrieg und im neu aufgelegten Kalten Krieg weitergeht, wissen wir nicht. Gleichviel, wir ("gerade wir als Deutsche") müssen wieder "kriegstüchtig" werden.  Bei aller aufgesetzter Trauer am Volkstrauertag gilt es denn auch, patriotisches Pathos, heroisches Gefühl für "unsere Demokratie" ins Spiel zu bringen. Im Lektürekanon der demokratischen Gesamtschule sollte daher Wolfgang Borcherts Nachkriegsdrama "Draußen vor der Tür"auf keinen Fall  mehr vorkommen. Man hört indes, dass auf Podcast und Spotify Reinhard Meys Friedenschanson "Meine Söhne geb´ich nicht" Rekordhöhen erreicht.