Dienstag, 18. Juli 2017

Aus Politik und Wissenschaft

I.
Die Hamburger G-20-Festspiele, für deren Folgekosten von ca. 180 Millionen Euro aufgrund versicherungsrechtlicher Kautelen bezüglich innerer Unruhen und/oder (bürger-)kriegerischer Umstände mutmaßlich die demokratischen Steuerzahler (sc. -rinnen) aufzukommen haben, okkupierten die Qualitäts- und sonstigen Medien in der vergangenen Woche, haben indes bereits wieder an Aktualität eingebüßt. Nicht von ungefähr: Die Werte der freiheitlichen Demokratie stehen auf dem Spiel, wenn der Nato-Bündnispartner Erdogan in seinem Lande.deutschen Bundestagsabgeordneten den Besuch auf einer Militärbasis zur Stärkung der Kampfmoral deutscher Soldaten (sc. -innen) verweigert. 

Weniger bedeutsam und demokratiefeindlich erscheint demgegenüber die Enteignung der letzten Kirchengüter der durch Verfolgung und Flucht dahingeschmolzenen  aramäisch-christlichen Minderheit. Im Verhältnis zur Türkei gibt es wichtigere Fragen, etwa die nach den tatsächlichen Hintergründen des vor einem Jahr blutig gescheiterten Miliärputsches sowie - noch wichtiger - nach Erdogans Absichten hinsichtlich der Wiedereinführung der Todesstrafe. Dann verlöre man in Brüssel, Straßburg, Luxemburg und Berlin endgültig die Geduld mit dem werteverletzenden Erdogan, so heißt es. Wir dürfen derartigen Spekulationen noch einen  Satz hinzufügen: Auch im schlimmsten EU-feindlichen Falle bliebe die - geopolitisch  unentbehrliche - Nato-Mitgliedschaft der Türkei davon unberührt.

II.
Die FAZ vom 18. Juli (S.2) zeigt Angela Merkel mit siegesgewiss fröhlichem Konfirmandenlächeln auf einem roten Sessel im Fernsehstudio. Sie denkt nicht daran, die Nachbereitung des G-20-Gipfels zu einem Wahlkampfthema zu machen. Das Thema innere Sicherheit - nicht anders als dievon der "Krise" zur Normalität herabgestufte, unvermindert  anhaltende Massenimmigration - eignet sich nicht für den Wahlkampf. Der Kampf um Wählerstimmen verspricht mithin langweilig zu werden, wäre da nicht die CSU mit ihrem "Bayern"-Programm und der bereits zwei Jahre alten Forderung nach einer Obergrenze von 200 000 realen und simulativen Flüchtlingen ("refugees"/Geflüchtete) pro Jahr, womit sie glaubt und hofft, die AfD aus dem Bundestag fernhalten zu können.

Das Schlusswort zu den Schlachtszenen in Hamburg sprach wiederum die Kanzlerin. Auf die verspätete Erkenntnis ihres SPD-Außenministers (und Wahlkämpfers) Sigmar Gabriel, man hätte den G-20-Gipfel an den für derartige globale Themen besser geeigneten Sitz der UNO in New York einberufen sollen,  reagierte sie mit der Richtigstellung, nicht sie habe ihren Geburtsort Hamburg als Tagungsort empfohlen, "sondern da gibt es Empfehlungen."  Merkel beendete die Debatte um den Gipfel mit folgendem Satz: "Dann ist die Wahl auf Hamburg getroffen worden." Ohne Frage verdankt die CDU-Physikerin Merkel ihre ewige Kanzlerschaft der Überzeugungskraft ihrer Sprachkunst.

III.
Kurz vor der Sommerpause entdeckte die Kanzlerin in einer Veranstaltung des Intelligenzblattes "Brigitte" im Berliner Gorki-Theater (ehedem Singakademie) die vollgültig gleichgestellte Homo-Ehe als Gewissensfrage. Der Weg zu beliebigen Koalitionsspielen - unter ihrer Regie -  nach den Septemberwahlen war damit geöffnet. In der Abstimmung folgte sie ihrem diesbezüglich altjüngferlich protestantisch anmutenden Gewissen und stimmte dagegen. Das Gewissen aller übrigen Parteien im Bundestag orientierte sich innengeleitet und progressiv zugleich am Willen ihrer Fraktionen, von denen  es sich keine mit der LSBTXXL-Lobby sowie mit der in Fragen der Nächstenliebe höchstprogressiven  Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz verderben will.

Das Bundestagsvotum - mangels Zweidrittelmehrheit (s.o. Merkel et al.)  womöglich noch unter Vorbehalt einer Normenkontrollklage - zugunsten der Totalgleichstellung aller denkbaren Liebeskonstellationen inspirierte die Soziologin Barbara Küchler zu historisch angereicherten Reflexionen  über den Wandel der Ehe im Zuge der Menschheit - ehedem sprachen nicht nur Marx und Engels von der Urgesellschaft, wieder andere von der "Urhorde" - zum jüngsten  Rechtsinstitut in der westlichen EU. Zum besseren Verständnis: Definitionsfrei versteht die Autorin unter "Moderne" offenbar  nicht die mit  Aufklärung und bürgerlicher Gesellschaft einsetzende Moderne, sondern die Gegenwart, i.a.W. die modernste Moderne.

Aus dem wissenschaftlichen Traktat seien einige Passagen dem Publikum zur Kenntnis gebracht: "Naturhafte Aspekte prägen nun auch die soziale Institution von Liebe, Ehe und Beziehung nicht mehr. Deren Koppelung an natürlich-biologische Sachverhalte wird gelockert, die selbstverständliche Verschaltung endet, die Freiheitsgrade sozialer Ordnungsbildung steigen." Ehedem sei die "Institution Ehe schlechterdings untrennbar  vom biologischen Tatbestand der Fortpflanzung" gewesen, "und noch im christlichen Mittelalter" habe Kinderlosigkeit die Auflösung der Ehe ermöglicht.  "Die moderne Gesellschaft dagegen schätzt die Ehe - das intime Zusammenleben zweier Menschen - als einen Zweck in sich selbst."  Gut, es geht nicht mehr um so prosaische Dinge wie Reproduktion, "vielmehr geht es um die soziale Dimension der Sache: um das intensive Bezogensein auf einen Anderen, [...] das unendliche Entdecken der Tiefen und Untiefen des Anderen, all das was wir ´Liebe´ nennen. Dieses Projekt ist in sich schwierig und unwahrscheinlich genug."

Weiter: "Es wird in dieser Gesellschaft immer wichtiger, mit einem relevanten Anderen eng vertraut zu sein und die eigene Identität darin bestätigt zu sehen, weil der Rest der Gesellschaft immer anonymer, kälter und immer mehr an großen Zahlen orientiert ist." Der Satz verlangt nach Interpretation: Der moderne Faust, so scheint es, ließe sich von Mephisto nicht mehr verleiten, Helenen in jedem Weibe zu sehen. Klingt die Begründung dafür aber nicht verdächtig nach deutscher Kulturkritik? Wie auch der folgende Satz: "Es wird aber gleichzeitig immer schwieriger, es mit einem Anderen im intimen Miteinander auszuhalten, weil die Menschen immer individualisierter werden, immer anspruchsvoller und reicher an Macken und Komplexen und immer höhere Erwartungen an Glück, Sinn und Erfüllung in Liebesbeziehungen stellen." War früher etwa doch alles besser? Nein, ganz und gar nicht, denn: "Früher war man mit einer Ehe zufrieden, wenn man dem Anderen ohne größere Hassgefühle täglich am Frühstückstisch sehen konnte." (In Parenthese: Früher gab es anscheinend auch noch keine Schichtarbeit für familienernährende Malocher).

Wie also sieht die Ehe nach dem Bundestagsbeschluss für mariage pour tous aus?  "Heute macht man es (sic!) nicht unterhalb der mehr oder weniger idealen Charakterkonstellation, die beiden Partner Anregung und Anziehung, Entspannung und Erregung, Vertrauen und Reibungsfläche bietet."

Die jüngste Moderne erfordert mithin neue Verschaltungen. Mehr oder weniger...


Sonntag, 2. Juli 2017

Reflexionen vor dem Straßburger Trauerakt

Der Tod Helmut Kohls (1930-2017) markiert den endgültigen Abschied von dem von den Schrecken zweier Weltkriege, von Kaltem Krieg und - kurzzeitig nach dem Mauerfall - von großen Hoffnungen geprägten 20. Jahrhundert. Gemäß einer medial verbreiteten inhaltslosen Billigphrase ist es uns Zeitgenossen, eine knappe Generation jünger als der einst viel geschmähte, dann viel bewunderte deutsche Staatsmann, geboten, endlich "im 21. Jahrhundert anzukommen". -   Anstelle eines weiteren Kommentars zu den Trauerfeierlichkeiten für den Verstorbenen darf ich das Globkult-Publikum auf folgenden Beitrag verweisen, der eine Woche vor dem Straßburger Trauerakt erschienen ist: : https://www.tichyseinblick.de/meinungen/fragen-zum-trauerakt-im-blick-auf-das-neue-europa/

Freitag, 30. Juni 2017

Ein "historischer Tag" und historische Reminiszenzen

I.
Nein, wir Demokratinnen und Demokraten müssen erkennen, dass die Würde des Hohen Hauses während und nach der heutigen Abstimmung im Bundestag (im dereinst von Frau Süßmuth blauviolett-demokratisch bestuhlten Reichstagsinneren) von den Konfettigranaten der Grünen nicht beschädigt, sondern illuminiert wurde. Und dass die ergrauten Grünen das Parlament mit einem Kindergarten verwechseln, ist ihnen angesichts ihrer geistigen Gesamtverfassung auch gar nicht zu verdenken. Zur infantilen Freude gehört auch der Jubel der abgebrochenen Theologiestudentin und hochrangigen Protestantin in den entsprechenden Führungsgremien der Zeitgeistmanufaktur EKD. Es sei ein „historischer Tag“ - was immer die Dame, frisch und aufs neue liiert mit einem anderen Kirchenfürsten, unter historisch verstehen mag. Als Theologin weiß sie zumindest, dass die Evangelische Kirche seit 1945 immer auf der richtigen Seite steht.

Historisch war der Tag fraglos für Volker Beck, der sein ganzes Leben in den Dienst der edlen Sache gestellt hat. Amor vincit omnia. Entgegen allen Protestationen aus seinem Munde gab es ehedem für Beck keine altersmäßige Untergenze für grenzenlose Liebe. And, lest we forget: Zur Befeuerung der Liebesfähigkeit versorgte er sich bei Bedarf mit Crystal Meth beim Dealer auf der Nolle, was – nach einer Anzeige, Abtauchen in den krankheitsbedingten Untergrund, Wiederaufstehung und Rückkehr in die Arena der Politik– seinem Ansehen als Menschenrechtskämpfer für Sex samt Ehe für alle keinen Abbruch tat. Beck, von den NRW-Delegierten bei der Kandidatenkür für die Merkel-Wahl im September 2017 abgewählt, trat am „historischen“ Tag ab wie ein Gockel – er sprach sprach- und genderinsensiblel vom Sieg der Schwulen und Lesben - im Besitz aller Federn nach siegreichem Hahnenkampf.

II.
Ob und wie historisch die heutige Abstimmung „historisch“ zu nennen ist, wird mutmaßlich das Bundesverfassungsgericht entscheiden – vorausgesetzt, dass einer der noch glaubensfesten Katholiken seine Ablehnung der L-S-etc-Ehe nach Karlsruhe trägt. Warum kaum noch ein Protestant – immerhin hat der frühere Verfassungsrichter Hans-Jürgen Papier (Protestant) das matrimonium-für-alle-Gesetz bereits für verfassungswidrig erklärt - außer den als „rechts“ kategorisierten konservativen sog. Evangelikalen am Segen des universellen Eheglücks zweifelt, erscheint historisch einleuchtend: Der Reformator und Begründer des – seit ca. 50 Jahren obsolet gewordenen - kinderreichen Hetero-Pfarrhauses Martin Luther erklärte die Ehe für ein „weltlich Ding“ und hielt nichts von dem von Rom (Ost- und West-Rom) begründeten Sakrament. Überdies genehmigte er dem Landgrafen Philipp von Hessen ein zweites Weib zur Befriedigung seiner überschäumenden Triebe. Die in den Leitungsgremien - wie der AStA den deutschen Universitäten „gewählt“ von einer verschwindenden Minderheit der Kirchensteuerzahler – anzutreffenden Progressivprotestanten wissen sich historisch auf der richtigen Seite, wenn sie wie stets meinen, politisch den Ton angeben zu dürfen.

Spätestens im September 2017 – bei den Koalitionsverhandlungen – wird man weitersehen. Bis dahin dürfen wir uns Gedanken über das in der letzten Woche vor den Parlamentsferien noch prestissimo inszenierte Spiel machen. Wer hat wen ausgetrickst? Martin Schulz, der von der „sozialen Gerechtigkeit“ zur „Ehegerechtigkeit“ überwechselte, Christian Lindner, der sich als Liberaler naturgemäß für einen liberalen Umgang mit der Verfassung stark machte, oder - von den „linken“ Klassenkämpfern ganz abgesehen – am Ende wieder einmal Merkel. Dass ihr beim „Brigitte“-Talkshow-Spektakel im Gorki-Theater der in bekannter Merkel-Diktion geäußerte Satz über die Gewissensfrage bei der Homo-Ehe gänzlich unerwartet von den Lippen ging – das mögen die von einem „Schabowski“-Versprecher Fabulierenden glauben.

Merkel parierte die von SPD und FDP eingeleiteten Wahlkampf-Manöver und hielt sich alle Koalitionsoptionen im Herbst d.J. offen. Der „Tagesspiegel“-Redakteur Malte Fleming vermutet sogar  ein noch raffinierteres Spiel: Merkel habe von vornherein den Gang nach Karlsruhe ins Auge gefasst und rechne mit einer negativen – zumindest „le mariage pour tous“ wieder einschränkenden - Entscheidung des BVerfG. http://www.tagesspiegel.de/politik/bundestag-beschliesst-ehe-fuer-alle-merkels-geheimer-plan-eine-spekulation/20001842.html. Dem sei, wie es sei...

III.
Dem Beobachter des grünen Konfetti-Kindergeburtstagsspiels im Bundestag drängen sich am Tag des 30. Juni gewisse historische Reminiszenzen auf. Am 30. Juni 1934 eröffnete der Reichskanzler - noch nicht "Führer und Reichskanzler" - Adolf Hitler vermittels SS (und diskreter Unterstützung seitens der Reichswehr) die erste große Mordorgie des NS-Regimes. Im Hotel Hanselbauer zu Bad Wiessee jagte Hitler höchstselbst seinen alten Kampfgefährten und Duzfreund Ernst Röhm ("Stabschef der SA") mitsamt dessen schwuler Entourage aus den Betten. Die Ermordung Röhms im Münchner Gefängnis Stadelheim überließ er am Tag danach dem SS-Helden Sepp Dietrich.

Bis zum sog. "Röhm-Putsch"  hatte der vom Putschisten zum Legalisten umgeschwenkte Braunauer Kritik am Lebensstil seiner alten Kämpfer mit den Worten „Meine SA ist kein Mädchenpensionat“ abgewiesen. Nach dem Massaker an seinen Genossen – die mörderische Entmachtung der nicht nur verbal sozialrevolutionär auftretenden SA wurde in weiten Kreisen mit Erleichterung aufgenommen – entdeckten die Nazis die bürgerliche Moral: Homosexualität galt fortan als artfremd verdammenswertes,  gemäß § 175 streng zu bestrafendes Delikt. Die schlimmen Erfahrungen aller in die KZs geworfenen Homosexuellen – und nicht wenige Morde an Trägern des „rosa Winkels“ - begründeten sodann den historischen Opferstatus der Schwulen.

Ist es statthaft, an diese betrüblichen historischen Fakten noch einige politisch inkorrekte Bemerkungen zu knüpfen? Abfällig über den „Hinterlader“ Röhm hatte sich der alte Reichspräsident Hindenburg geäußert - heute fraglos ein wichtiges Argument für die „Säuberung“ von entsprechenden Ortsbezeichnungen in deutschen Städten. Zu erinnern ist indes auch an den rhetorischen Abwehrkampf auf der – gesamten (?) - damaligen Linken gegen ihre braunen Feinde. Für sie hatte man die Bezeichnung „Sturmabteilung 175“ parat.

Noch einmal: Ist es historisch erlaubt, heute, im freiesten Staat der deutschen Geschichte usw., an derart unstatthafte Fakten zu erinnern? Verfällt derlei Erinnerung nicht besser der demokratischen damnatio memoriae? Gerät der Historiker dabei nicht leicht in den Verdacht von Maasens hate speech?

Montag, 19. Juni 2017

Zwei Zitate post mortem von Helmut Kohl

anstelle eines weiteren Nachrufs auf Helmut Kohl - er würde gewiss noch weniger Leser finden als der zwei Seiten lange von Rainer Blasius in der heutigen FAZ (v. 19.06.2017, S. 2-3) - begnüge ich mich mit nachfolgenden zwei Zitaten:

1) Aus dem einzigen Interview, das Kohl am 27.09.3003 der "Tageszeitung" (taz), vertreten durch den damaligen Chef der Bild-Zeitung Kai Diekmann, gewährte:

Frage: »Wie kommt es, dass der spätere Staatsmann Kohl besonders mit linken Amtskollegen im Ausland so gut konnte?«
Helmut Kohl: »Ich habe mich nie an diesen Fixierungen orientiert - schon weil links und rechts in jedem Land anders interpretiert werden. Im Wortsinn ein Linker ist sicherlich mein Freund Felipe Gonzales, der ehemalige spanische Ministerpräsident. Dieser weltoffene Mann, den Willy Brandt als seinen wahren Enkel in der Sozialistischen Internationale betrachtete, rief mich am Tag der deutschen Einheit früh morgens um 5 Uhr an und sagte: „Helmut, ich versuche schon seit Stunden, dich zu erreichen. Ich habe gerade eine Flasche deines Lieblingsweins hier und trinke sie auf Deutschlands Einheit und dein Wohl!“ Bei François Mitterrand hingegen habe ich mich oft gefragt, ob er wirklich ein Linker ist. Viele waren Sozialdemokraten, aber keine Sozialisten - jedenfalls nicht in dem Sinne wie die, die auf deutschen Straßen herumschrien. Ich habe immer auf den Menschen gesehen, das war für mich entscheidend, nicht links oder rechts.« http://www.taz.de/!5031676/

2) Auszug aus dem gestrigen Kommentar "Der letzte Tritt" von Thomas Rietzschel auf der "Achse des Guten":
»In der Geschichte, der deutschen zumal, kannte er [Helmut Kohl] sich aus; daraus entwickelte er die großen Linien. Diesem leidenschaftlich gesammelten Wissen verdanken wir die deutsche Wiedervereinigung. Da konnte dem beschlagenen Historiker keiner das Wasser reichen. Um seine Menschenkenntnis indes war es wesentlich schlechter bestellt. Der eine überlebende Beweis dafür ist Wolfgang Schäuble, der andere Angela Merkel. Nie war die kommunistisch geschulte, die überzeugte DDR-Bürgerin, „sein Mädchen“, die Ziehtochter, für die er sie lange halten wollte.

Noch mit ihrem Nachruf schämt sie sich nicht, Helmut Kohl, den George Bush sr. als „wahren Freund der Freiheit“ rühmte, einen letzten Tritt zu versetzen. Auch ihren „Lebensweg“, sagte sie, habe er „entscheidend verändert“. Dafür sei sie ihm „ganz persönlich dankbar“. Denn: „Ich konnte von da an auch ohne Angst beim alles überwachenden Staat leben.“

Im Klartext: Die amtierende Bundeskanzlerin betrachtet das unter Helmut Kohl vereinte Deutschland als einen „alles überwachenden Staat“, in dem sie als Politikerin „ohne Angst“ leben kann. Sich dafür in einem Nachruf bei Helmut Kohl zu bedanken, ist eine schlichte Unverschämtheit. Dass sich diese Aussage Merkels sprachlicher Unfähigkeit verdankt, ändert nichts an der ungewollten Offenbarung. Natürlich hätte sie sagen sollen, dass sie ohne Angst nicht „beim“, sondern „vor einem alles überwachenden Staat“ leben konnte."

Allein, sie ist wieder einmal in die selbst gestellte Wortfalle getappt. Der Freudsche Versprecher brachte die Gesinnung an den Tag. Er bestätigte, worauf Angela Merkel während ihrer bisherigen Kanzlerschaft zielstrebig hingewirkt hat und worauf sie weiter zusteuern will: Den Ausbau des omnipräsenten Staates nach ostdeutschem Vorbild.« http://www.achgut.com/artikel/merkels_letzter_tritt

Selbst wer den letzten Passus nicht ohne Einschränkung - war Angela seinerzeit als FDJ-Mädchen in Führungsfunktion aus protestantischer Frömmigkeit vom Geist ihres Staates so tief ergriffen oder bloß hinreichend versiert in der Dialektik der Anpassung? - teilen mag, kann nicht umhin, Merkels Zielstrebigkeit in der Behauptung von Macht sowie in der Kunst der Sebstbehauptung gegen die Herausforderungen der deutschen Sprache zu bewundern.

Freitag, 16. Juni 2017

Zum Tod von Helmut Kohl: Kulturkämpfe und ein neuer 17.Juni

I.

Dass Kultur und Geschichte in einem Wechselbezug stehen, ist evident, auch wenn es in der Gegenwart noch – oder wieder - Regionen gibt, in denen Kulturen existieren, die man – ohne jeglichen Bezug auf des Philosophen Hegel eurozentrische Weltsicht auf den „dunklen Kontinent“ - als geschichtslos bezeichnen darf. Zu den geschichtslosen Weltregionen gehört seit einiger Zeit – historisch nicht exakt datierbar - das Land in der Mitte Europas. Es hat sich seiner Geschichte nahezu gänzlich entledigt, was dem deutschen Staatsmann Helmut Kohl, verschieden am 16. Juni 2017, in seiner von schwerer Krankheit überschatteten letzten Lebensphase womöglich kaum noch ins Bewusstsein drang. Vor einiger Zeit ließ er sich noch mit einem Satz über die von ihm seinerzeit als CDU-Jungpolitikerin („das Mädchen“) mit DDR-Hintergrund geförderte Kanzlerin Merkel vernehmen, sie „macht mir noch mein Europa kaputt.“ Dass dieser Satz in den allfälligen Nachrufen auf den Kanzler der Einheit in den Leitmedien zitiert wird, ist eher unwahrscheinlich.

Im Internet ist eine Schwarz-Weiß-Fotografie zu sehen, die Kohl in den 1970er Jahren mit Ehefrau Hannelore Kohl und seinen beiden Söhnen auf dem Leipziger Markt vor dem Alten Rathaus zeigt. Von Leipzig gingen anno 1989 die Montagsdemonstrationen aus, die, parallel zur zwischen Mai und August erfolgten Grenzöffnung der Reformkommunisten in Ungarn, die Berliner Mauer zum Einsturz brachten. Dem in den Medien lange verspotteten Bundeskanzler Kohl hatten die Deutschen sodann in den wenigen Monaten zwischen dem 9. November 1989 und dem 3. Oktober 1990 maßgeblich die zielstrebig angesteuerte staatliche Neu- oder Wiedervereinigung ihrer territorialen Konkursmasse des Deutschen Reiches zwischen Oder und Rhein zu verdanken.

Kohl ist auch – vor dem Mauerfall vielfach als überholtes, nationalnostalgisches Projekt bekämpft – die Einrichtung eines Deutschen Historischen Museums zu verdanken, das 2006 eröffnet wurde (siehe H.A.: https://themen.iablis.de/2006/ammon06.html; s. auch: https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/08/von-koniggratz-in-die-gegenwart.html). Zieht man nach über zehn Jahren Bilanz, so drängt sich der Eindruck auf, das Museum verfolge – insbesondere mit einer Reihe von Sonderausstellungen – den Zweck, den Besuchern jegliches Bedürfnis nach zur Identifikation mit nationaler Kultur und Geschichte einladenden Bildern der Vergangenheit auszutreiben. Von einer Ausstellung zur Geschichte der europäischen Entdeckungen abgesehen, geht es um Themen wie die Homosexuellenverfolgung zur Nazizeit oder um die fragwürdige Kolonialtradition des Kaiserreiches.

II.

In Architektur, Artefakten, Symbolen findet die Kultur eines Landes und dessen - dem historischen Wandel unterworfenen - Selbstbewusstseins ihren ästhetischen Ausdruck. Seit der von meinungsführenden Intellektuellen in West und Ost mehrheitlich unerwarteten und weithin unerwünschten Wiedervereinigung sind in Berlin kontinuierlich Kulturkämpfe zu erleben. Insofern der trotz allerlei Postmoderne vorherrschende Funktionalismus aus Stahl, Glas und sonstigen Materialien sich mit schneller Bauweise verbindet, gelang es den Verantwortlichen (Stadtplanern, Kulturfunktionären, Politikern, Architekten) in nur wenigen Jahren, in der Zone zwischen Potsdamer Platz und dem durch spezifische Ödnis beeindruckenden Kulturforum ein architektonisches Mixtum compositum zu errichten, das Gedanken an vergangene wilhelminische Pracht gar nicht erst aufkommen lässt. Für die politisch korrekte Namensästhetik dienten sodann beliebig applizierte Straßenschilder wie Ludwig-Beck-Straße, Valerian-Fry-Straße, Marlene-Dietrich-Platz.

Alsbald verpasste man dem Reichstagsgebäude – zum Glück im Hinterhof - ein pädagogisches Kunstwerk zur Konterkarierung der „völkischen“ Inschrift auf dem westlichen Giebelfries. Inzwischen war der Kampf um den wegen Asbestgefahr zur Disposition stehenden „Palast der Republik“ und das von dem Initiativkreis um Wilhelm von Boddien betriebene Konzept der Wiederrichtung des anno 1952 gesprengten Stadtschlosses entbrannt. Das in der Nachkriegszeit – gerade auch in Westdeutschland - im Blick auf die innerstädtischen Trümmerwüsten propagierte und weithin realisierte Konzept einer aus geschichtsmoralischen Gründen angeblich gebotenen völligen Neugestaltung – statt eines historisch-ästhetisch irreführenden Wiederaufbaus – erlebte eine Art Neuauflage. (Zur Erinnerung: Oft waren dieselben Leute, die in den Nachkriegsjahrzehnten für den „Kahlschlag“ plädierten, voll der anerkennenden Bewunderung für den am historischen Vorbild orientierten polnischen Wiederaufbau von Warschau, Breslau und Danzig.) Während man noch - vergeblich - gegen die preisgekrönte historische Barockfassade des Italieners Franco Stella polemisierte, regte sich gegen die inzwischen erfolgte Rekonstruktion des klassizistischen Kommandantenhauses kaum Widerspruch, mutmaßlich deshalb, weil das strahlende Gebäude, nunmehr im Besitz der Bertelsmann AG samt Stiftung, als eine Art Bastion der Zivilgesellschaft fungierte.

Die zivilgesellschaftlichen Proteste gegen die Schlosskulisse verebbten erst, nachdem klar war, dass in seinem Inneren keinerlei museale Erinnerung an das Haus Brandenburg und an Preußens Gloria gepflegt werden sollte, sondern als Humboldt-Forum die Kulturen der Welt zur Darstellung kommen würden: Weltoffenheit im Zeiten der Globalisierung anstelle preußisch-deutscher Selbstbespiegelung! Das einst zu Recht mit Stolz präsentierte Ethnologische Museum zu Berlin-Dahlem wird zu diesem Zwecke seit einigen Monaten bereits leergeräumt.

Der Streit wogt derzeit um das von einer traditionsbewussten Dame gestiftete Kreuz auf der – wiederum einem großzügigen Stifter zu verdankenden – bereits in Beton aufgeführten Kuppel. Mit demokratischen Argumenten, teils historisch - kein Kreuz über der nicht mehr vorhandenen, von dem konterrevolutionären König Friedrich Wilhelm IV. eingerichteten Hofkapelle! – teils gegenwartsbezogen - kein christlich definiertes Symbol in unserer säkularen Multikultur! –, gilt es die Krönung der Kuppel mit einem goldenen Kreuz zu verhindern. Der Kampf gegen das Kreuz wird naturgemäß von dem von der „Linken“ bestellten Kultursenator Klaus Lederer angeführt.Mit einem süffisant salomonischen Vermittlungsvorschlag (Kreuz, Mondsichel, Davidstern) hat sich auch Aiman Mayzek, muslimischer Zentralratsvorsitzender, in die Debatte eingeschaltet. Das Thema „Kuppelkreuz“ wird mithin die Feuilletons noch weiter beschäftigen, das Thema „Leitkultur“ gilt es dabei zu vermeiden...

Was die zur Spree hin offene Schlossfassade betrifft, so haben die drei Gründungsdirektoren des Humboldt-Forums Horst Bredekamp, Hermann Parzinger und Neil MacGregor die Idee ins Spiel gebracht, an der Rückseite eine große Inschrift ZWEIFEL anzubringen, um der mit dem Schlossbau – und mutmaßlich mit der deutschen Geschichte in toto – verbundenen Ungewissheiten Ausdruck zu verleihen. Keine Frage: Der Zweifel ziert den Charakter der historisch-moralisch reinen Zivilgesellschaft...

III.

Wäre es im ereignisreichen Jahre 1990 nach dem für „Demokratie jetzt“ gewählten Bürgerrechtler Konrad Weiß gegangen, so hätte die erste und letzte frei gewählte Volkskammer bereits am 17. Juni gemäß Art. 23 GG den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland erklärt. Der Geschichtskalender des neu vereinten Deutschland hätte ein gänzlich anderes Gepräge bekommen. Aus politisch plausiblen Gründen – die 2+4-Verhandlungen waren noch nicht abgeschlossen - wurde der Antrag abgewiesen. Der Beitrittsbeschluss der im „Palast der Republik“ versammelten Volkskammer erfolgte sodann erst am 23. August 1990.

Heute, anno 2017, erinnert außer den DDR-Opferverbänden kaum jemand noch an den Aufstand am 17. Juni 1953, an jenen Tag der deutschen Geschichte, da, ausgehend von Streiks der Bauarbeiter auf der Ostberliner Stalinallee gegen Normenerhöhung und Lohnverlust, binnen weniger Stunden in den Städten der DDR die Ablehnung der von der Sowjetunion installierten SED-Diktatur in einen Volksaufstand für die deutsche Einheit mündete. Mehr noch, der Tag, bis 1990 deutscher Nationalfeiertag in der Bundesrepublik, ist in Deutschland – West wie Ost – weitgehend vergessen oder unbekannt, keineswegs nur bei migratorischen Neubürgern.

Das Vergessen der Geschichte, die medial vermittelte Existenz in einer ahistorischen Gegenwart, mag ein in den westeuropäischen Gesellschaften allgemein zu beobachtendes Phänomen sein. Nirgendwo scheint es indessen so ausgeprägt zu sein wie in Deutschland. Mehr noch: Die Eliminierung historischen Bewusstseins gehört zum ideologischen Konzept diverser Lobbygruppen der „Zivilgesellschaft“.

Im Internet ist eine Anzeige der evangelischen Diakonie Deutschland zu finden, die sich an einer – von wem auch immer gestarteten - Initiative zum 17. Juni als „Tag der offenen Gesellschaft“ beteiligt. Die protestantische Organisation, ein stets für Spenden empfängliches Unternehmen der dank Immigration ("Geflüchtete") expandierenden deutschen Sozialindustrie, frappiert den Leser und Internet-Konsumenten mit der Frage: „Was wirst Du auftischen? Welches Essen darf bei Deiner Tafel auf keinen Fall fehlen? Frische Erdbeeren, Hummus, Frikadellen mit Senf, Nachos & Guacamole, Pasta ...?? Es gibt so unglaublich viel leckeres Essen! Sei dabei und setze mit uns am 17. Juni ein Zeichen für mehr Miteinander, mehr Menschlichkeit, mehr Dafür!“

Am diesjährigen 17.Juni, dem „Tag der offenen Gesellschaft“, soll demnach nicht gefastet, sondern multikulturell „aufgetischt“ werden. Der diesem unserem Lande nunmehr aufgetischte postdeutsche Nationalfeiertag ist nicht zum Nachdenken und Verstehen von Kultur und Geschichte, sondern zum Verdauen von „lecker Essen“ erfunden worden. Das ideologische Menü für ein geschichtslos gewordenes Land? Nein – Hitler kennt noch fast jeder, auch die „noch nicht so lange hier leben“.

Dienstag, 13. Juni 2017

Zivilcourage im neuen Deutschland anno 2017



Seit geraumer Zeit, seit etwa zwei Jahren, läuft im freiesten Staat der deutschen Geschichte eine von Protagonisten der Demokratie, der Freiheit und der Menschenrechte betriebene Rufmordkampagne gegen Jörg Baberowski, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Baberowski zählt mit seinem Werk zu den international hoch geachteten Vertretern seines Faches. Für sein Buch „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“ erhielt er 2012 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik.

2015 erschien sein Buch „Räume der Gewalt“ , worin er das Gewaltthema aus der Logik der Oktober-Revolution, des von Lenin dekretierten Roten Terrors und von Stalins Schreckensherrschaft herauslöste und in einen historisch umfassenderen Rahmen stellte sowie mit grundsätzlichen anthropologischen Fragen verknüpfte. Mit derlei Fragen, wie sie zuvor der Yale-Historiker Timothy Snyder in seinem Buch „Bloodlands. Europe Between Hitler and Stalin“ (2010) aufgeworfen hatte, fand Baberowski in den Feuilletons noch weitgehend Beifall.

Das änderte sich, als der bei der Mehrheit der Studenten als anregender Lehrer geschätzte Baberowski im Herbst 2015 - in Humboldtscher Tradition der nicht nur akademisch freien Rede - mit explizit politischen Äußerungen hervortrat. Er gehörte zu den wenigen Hochschullehrern im deutschen Bologna-System, die öffentlich Kritik an der am 4. September 2015 von Kanzlerin Merkel in autokratischer Manier verfügten Grenzöffnung für weit über eine Million reale und imaginäre Flüchtlinge aus aller Welt übte.

Zur Erinnerung: Merkel verteidigte ihre Einladung an alle Welt mit der volksgemeinschaftlichen Suggestion: „Wir schaffen das!“ Wir wissen inzwischen, dass der Kanzlerin mitsamt ihres engeren Führungskreises angesichts des Ansturms bereits nach einer Woche Bedenken kamen und die Regierung dabei war, vermittels der bereits aufgebotenen Bundespolizei die Grenzen zu Österreich wieder zu schließen. Dann kamen Merkel, de Maizière, Gabriel und Seehofer wieder andere Bedenken wegen der daraus womöglich resultierenden „hässlichen Bilder“. Folglich zelebrierte das „helle Deutschland“ (J. Gauck) gegenüber den übrigen EU-Bruderstaaten seine moralische Überlegenheit im Zeichen der „Willkommenskultur“. Merkel verteidigte ihre Flutungsaktion mit dem trutzigen Satz, es sei ihr „doch egal, ob ich daran [an dem Masseneinwanderung von „Geflüchteten“] schuld bin. Jetzt sind sie da!“ Ein paar Wochen später reiste sie in die Türkei, um mit Erdogan einen „Deal“ zur Unterbindung der Ägäis- und Balkanroute abzuschließen.

Während die „Leitmedien“ - mit zeitweilig verhaltener Kritik in der FAZ - Merkels Zick-Zack-Kurs mit Bewunderung begleiteten, ihr entgegen aller Evidenz stets Mut und Moral attestierten, meldeten selbstdenkende Persönlichkeiten wie Baberowski Widerspruch gegen derlei politisches Gebaren – und dessen absehbar gefährliche Folgen an. Jetzt sahen langzeitstudierende Jünger der Weltrevolution, Angehörige einer trotzkistischen Sekte (wenngleich unter dem Banner der IV. Internationale), die Chance zum Angriff auf Baberowski, Abweichler vom bequemen Begriff des Stalinismus und Verächter der reinen Lehre vom künftigen Reich der Gleichheit, der Unfreiheit und des Weltfriedens.

Die zunächst anonym operierenden Weltrevolutionäre empörten sich in ihren Flugblättern zunächst auch über den Politikwissenschaftler Herfried Münkler, der seine Vorlesungen mit ironischen Sprüchen über simple Denkmuster und einfältige Gemüter würzte (und obendrein angeblich zu schlechte Zensuren verteilte). Die spätberufenen Klassenkämpfer operierten inzwischen mit der Suggestivvokabel „rechts“ – die Allzweckwaffe in bundesrepublikanischen Politkämpfen. Münkler, der anno 2014 politisch inkorrekt noch mit der Verteidigung der „Schlafwandler“-Thesen von Christopher Clark hervorgetreten war, konnte sich aus der Schusslinie zurückziehen, indem er gemeinsam mit seiner Gattin ein Buch zu den „neuen Deutschen“ publizierte, das auf eine Verteidigung der Merkelschen Einwanderungspolitik hinauslief.

Anders Baberowski, der an seiner Kritik an der ungeregelten, politisch unverantwortlichen Masseneinwanderung festhielt. Das rief die an deutschen Universitäten kontinuierlich mit studentischer Minimalbeteiligung (unter 10 Prozent) „gewählte“ AStA-Einheitsfront auf den Plan. Gegen einen Auftritt Baberowskis in Bremen im Herbst 2016 machte der dortige AStA mit den üblichen Antifa-Parolen („Hetzer“, „Rassist, „Rechtsradikaler“) mobil. Baberowski setzte sich gegen derlei Denunziationen juristisch zur Wehr – womöglich ein taktischer Fehler, denn das Oberlandesgericht Köln gab ihm bezüglich der Ehrverletzungen zwar in allen Punkten recht, bescheinigte den Antifa-Helden indes, ihre Parolen (exemplarisch für „linke“ hate speech) lägen noch innerhalb des Rahmens grundgesetzlich gesicherter Meinungsfreiheit.

Daraufhin kam es (am 30.03.2017) zu einer Ehrenerklärung des Präsidiums und des Dekanats der HU Berlin. In der von einer größeren Anzahl unterzeichneten Erklärung heißt es: „Jörg Baberowski ist ein hervorragender Wissenschaftler, dessen Integrität außer Zweifel steht und der in der wissenschaftlichen Community hohes Ansehen genießt. Seine in öffentlichen Debatten vertretenen Positionen sind dabei durchaus kontrovers. Diese jedoch als "rechtsradikal" zu bezeichnen, mag durch die Meinungsfreiheit gedeckt sein. Gleichwohl ist festzuhalten, dass es sich dabei um Meinungen handelt, die keine Allgemeingültigkeit besitzen. Das Präsidium der Humboldt-Universität stellt klar: Die wissenschaftlichen Äußerungen von Jörg Baberowski – insbesondere in ihren Kontexten – sind nicht rechtsradikal.“ Etwa gleichzeitig (05.04.2017) solidarisierten sich Mitarbeiter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit Baberowski
in einer Erklärung, die von DDR-Bürgerrechtlern wie Markus Meckel, Gerd Poppe, Rainer Eppelmann u.a. unterzeichnet wurde.

Dessen ungeachtet sahen aufgrund des Gerichtsurteils zur Meinungsfreiheit nun offenbar einige außerhalb des politischen Sektenmilieus angesiedelte Feinde ihre Chance zum Großangriff auf Baberowski. Ende April erschien ein entsprechender Artikel im Berliner „Tagesspiegel“. Zuletzt trat der an der Universität Bremen lehrende Jurist Andreas Fischer-Lescano gegen Baberowski auf den Plan, indem er dem AStA – ja was wohl? - „Zivilcourage“ attestierte: „Dieser Sieg des AStA [sic!] ist nicht hoch genug zu bewerten. Er ist das Verdienst couragierter Studierender, die sich nicht haben ablenken lassen: Beim Fall Baberowski geht es um viel mehr als nur eine Streitkultur. Es geht darum sicherzustellen, dass an der Universität das rassistische Vorurteil und die fremdenfeindliche Geste kritisiert werden dürfen.“ Vor ein paar Tagen (11.06.2017) durfte Fischer-Lascano mit einem „Gastbeitrag“ der „Frankfurter Rundschau“ nachlegen. Überschrift: „Die Selbstinszenierung eines Rechten“.

Der Jura-Professor hält seine Attacken auf Baberowski offenbar für „links“. In Wirklichkeit stehen die AStA-Helden sowie ihr Mentor in bester deutscher Tradition.



Zivilcourage im neuen Deutschland anno 2017

Seit etwa zwei Jahren läuft im freiesten Staat der deutschen Geschichte eine von Protagonisten der Demokratie, der Freiheit und der Menschenrechte betriebene Rufmordkampagne gegen Jörg Baberowski, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Baberowski zählt mit seinem Werk zu den international hoch geachteten Vertretern seines Faches. Für sein Buch „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“ erhielt er 2012 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik.

2015 erschien sein Buch „Räume der Gewalt“ , worin er das Gewaltthema aus der Logik der Oktober-Revolution, des von Lenin dekretierten Roten Terrors und von Stalins Schreckensherrschaft herauslöste und in einen historisch umfassenderen Rahmen stellte und zudem mit grundsätzlichen anthropologischen Fragen verknüpfte. Mit derlei Fragen, wie sie zuvor der Yale-Historiker Timothy Snyder in seinem Buch „Bloodlands. Europe Between Hitler and Stalin“ (2010) aufgeworfen hatte, fand Baberowski in den Feuilletons noch weitgehend Beifall.

Das änderte sich, als der bei der Mehrheit der Studenten als anregender Lehrer geschätzte Baberowski im Herbst 2015 - in Humboldtscher Tradition der nicht nur akademisch freien Rede - mit explizit politischen Äußerungen hervortrat. Er gehörte zu den wenigen Hochschullehrern im deutschen Bologna-System, die öffentlich Kritik an der am 4. September 2015 von Kanzlerin Merkel in autokratischer Manier verfügten Grenzöffnung für weit über eine Million reale und imaginäre Flüchtlinge aus aller Welt übten. Zur Erinnerung: Merkel verteidigte ihre Einladung an alle Welt mit der volksgemeinschaftlichen Suggestion: „Wir schaffen das!“ Wir wissen inzwischen, dass der Kanzlerin mitsamt ihres engeren Führungskreises angesichts des Ansturms bereits nach einer Woche Bedenken kamen und die Regierung dabei war, vermittels der bereits aufgebotenen Bundespolizei die Grenzen zu Österreich wieder zu schließen. Dann kamen Merkel, de Maizière, Gabriel und Seehofer wieder andere Bedenken wegen der daraus womöglich resultierenden „hässlichen Bilder“. Folglich zelebrierte das „helle Deutschland“ (J. Gauck) gegenüber den übrigen EU-Bruderstaaten seine moralische Überlegenheit im Zeichen der „Willkommenskultur“. Merkel verteidigte ihre Flutungsaktion mit dem trutzigen Satz, es sei ihr „doch egal, ob ich daran [an dem Masseneinwanderung von „Geflüchteten“] schuld bin. Jetzt sind sie da!“ Ein paar Wochen später reiste sie in die Türkei, um mit Erdogan einen „Deal“ zur Unterbindung der Ägäis- und Balkanroute abzuschließen.

Während die „Leitmedien“ - mit zeitweilig verhaltener Kritik in der FAZ - Merkels Zick-Zack-Kurs mit Bewunderung begleiteten, ihr entgegen aller Evidenz stets Mut und Moral attestierten, meldeten selbstdenkende Persönlichkeiten wie Baberowski Widerspruch gegen derlei politisches Gebaren – und dessen absehbar gefährliche Folgen an. Jetzt sahen langzeitstudierende Jünger der Weltrevolution, Angehörige einer trotzkistischen Sekte (wenngleich unter dem Banner der IV. Internationale), die Chance zum Angriff auf Baberowski, Abweichler vom bequemen Begriff des Stalinismus und Verächter der reinen Lehre vom künftigen Reich der Gleichheit, der Unfreiheit und des Weltfriedens.

Die zunächst anonym operierenden Weltrevolutionäre empörten sich in ihren Flugblättern zunächst auch über den Politikwissenschaftler Herfried Münkler, der seine Vorlesungen mit ironischen Sprüchen über simple Denkmuster und einfältige Gemüter würzte (und obendrein angeblich zu schlechte Zensuren verteilte). Die spätberufenen Klassenkämpfer operierten inzwischen mit der Suggestivvokabel „rechts“ – die Allzweckwaffe in bundesrepublikanischen Politkämpfen. Münkler, der anno 2014 politisch inkorrekt noch mit der Verteidigung der „Schlafwandler“-Thesen von Christopher Clark hervorgetreten war, konnte sich aus der Schusslinie zurückziehen, indem er gemeinsam mit seiner Gattin ein Buch zu den „neuen Deutschen“ publizierte, das auf eine Verteidigung der Merkelschen Einwanderungspolitik hinauslief.

Anders Baberowski, der an seiner Kritik an der ungeregelten, politisch unverantwortlichen Masseneinwanderung festhielt. Das rief die an deutschen Universitäten kontinuierlich mit studentischer Minimalbeteiligung (unter 10 Prozent) „gewählte“ AStA-Einheitsfront auf den Plan. Gegen einen Auftritt Baberowskis in Bremen im Herbst 2016 machte der dortige AStA mit den üblichen Antifa-Parolen („Hetzer“, „Rassist", „Rechtsradikaler“) mobil. Baberowski setzte sich gegen derlei Denunziationen juristisch zur Wehr – womöglich ein taktischer Fehler, denn das Oberlandesgericht Köln gab ihm bezüglich der Ehrverletzungen zwar in allen Punkten recht, bescheinigte den Antifa-Helden indes, ihre Parolen (exemplarisch für „linke“ hate speech) lägen noch innerhalb des Rahmens grundgesetzlich gesicherter Meinungsfreiheit.

Daraufhin kam es (am 30.03.2017) zu einer Ehrenerklärung des Präsidiums und des Dekanats der HU Berlin. In der von einer größeren Anzahl unterzeichneten Erklärung heißt es: „Jörg Baberowski ist ein hervorragender Wissenschaftler, dessen Integrität außer Zweifel steht und der in der wissenschaftlichen Community hohes Ansehen genießt. Seine in öffentlichen Debatten vertretenen Positionen sind dabei durchaus kontrovers. Diese jedoch als "rechtsradikal" zu bezeichnen, mag durch die Meinungsfreiheit gedeckt sein. Gleichwohl ist festzuhalten, dass es sich dabei um Meinungen handelt, die keine Allgemeingültigkeit besitzen. Das Präsidium der Humboldt-Universität stellt klar: Die wissenschaftlichen Äußerungen von Jörg Baberowski – insbesondere in ihren Kontexten – sind nicht rechtsradikal.“ Etwa gleichzeitig (05.04.2017) solidarisierten sich Mitarbeiter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit Baberowski
in einer Erklärung, die von DDR-Bürgerrechtlern wie Markus Meckel, Gerd Poppe, Rainer Eppelmann u.a. unterzeichnet wurde.

Dessen ungeachtet sahen aufgrund des Gerichtsurteils zur Meinungsfreiheit nun offenbar einige außerhalb des politischen Sektenmilieus angesiedelte Feinde ihre Chance zum Großangriff auf Baberowski. Ende April erschien ein entsprechender Artikel im Berliner „Tagesspiegel“. Zuletzt trat der an der Universität Bremen lehrende Jurist Andreas-Fischer Lescano gegen Baberowski auf den Plan, indem er dem AStA – ja was wohl? - „Zivilcourage“ attestierte: „Dieser Sieg des AStA [sic!] ist nicht hoch genug zu bewerten. Er ist das Verdienst couragierter Studierender, die sich nicht haben ablenken lassen: Beim Fall Baberowski geht es um viel mehr als nur eine Streitkultur. Es geht darum sicherzustellen, dass an der Universität das rassistische Vorurteil und die fremdenfeindliche Geste kritisiert werden dürfen.“ Vor ein paar Tagen (11.06.2017) durfte Fischer-Lascano mit einem „Gastbeitrag“ der „Frankfurter Rundschau“ nachlegen. Überschrift: „Die Selbstinszenierung eines Rechten“.

Der Jura-Professor hält seine Attacken auf Baberowski offenbar für „links“. In Wirklichkeit stehen die AstA-Helden sowie ihr Mentor in bester deutscher Tradition.



Montag, 29. Mai 2017

Nach der evangelischen Heerschau

Die protestantische Heerschau zu Berlin und in der umbenennungsbedürftigen Lutherstadt Wittenberg ist nun vorüber. Die Bilanz: Good show dank all der aufgebotenen Stars, obenan Obama. Dessen mutmaßlich spesenfreien Auftritt - vor vier Wochen bekam er ein Honorar von 400 000 $ für eine Rede vor Bankern der Wall Street  - am Eröffnungstag zusammen mit Merkel vor dem Brandenburger Tor  kritisierte die SPD als Verstoß gegen das Gleichstellungsgesetz und Wahlkampfhilfe für die CDU. Für Furore im Internet sorgte die zu Jahresbeginn dank ihres privaten Kerosin-Emissionsablasskontos bis an die Datumsgrenze geflogene Reformationsreisende Margot Käßmann mit Äußerungen über die AfD, die anno 2017 einen umgekehrten Arierparagraphen in Deutschland anstrebe. Mit Spannung sieht der Medien und Moral konsumierende, kirchensteuerzahlende Blogger dem von Käßmann gegen Henryk M. Broder angekündigten Prozess wegen böswilliger Fehlzitation entgegen...

Vielleicht waren die Kosten des Spektakels  mit 23 Millionen Euro aus Kirchensteuermitteln sowie zusätzlichen 8 Millionen aus dem Staatssäckel etwas zu hoch. Hätte man das Geld nicht lieber den Armen gegeben - oder zeitgemäß exegetisiert: den "Geflüchteten"? Nein, lautet die evangelische Antwort unter Verweis auf Mk. 14, 7, wo Jesus die Kritik an der vermeintlichen Verschwendung von Alabaster und kostbarem Öl zurückweist. Die Salbung im Hause eines Aussätzigen in Bethanien hatte eine Frau vollzogen, was der zeitgenössischen Exegese vom Umgang mit Steuermitteln entgegenkommen dürfte.

Der Kirchentag (DEK) ist seit je eine evangelikale (dt. Neologismus, übs. aus dem Amerik. evangelical) Erweckung der Massen unter der Regie von theologisch progressiven, nicht- bzw. anti-evangelikalen Kirchenfürsten. Angesichts der massenhaft getragenen orangen Schals, auch T-Shirts,  mutmaßlich in Bangladesh kostengünstig hergestellt (mit der ungegendert eingewebten Aufschrift "Er sieht dich"), hätte  ein ungeübter Beobachter die Großveranstaltungen  auch für eine friedliche Neuinszenierung der bis dato allenthalben gescheiterten orangen Revolutionen halten können. Ein zentrales Thema war in der Tat die anscheinend noch unvollendete semantisch-sexuelle Revolution. Petra Bosse-Huber, Auslandsbischöfin der EKD tat folgendes kund: "Es braucht noch viel theologische Arbeit, um die Bilder auszurotten, dass nach der Bibel Mann und Frau füreinander geschaffen sind." Richtig, Bilder ausrotten will erst mal gelernt sein...

Welch absurde Geistesblüten auf  protestantischen Kirchentagsgefilden gedeihen,  hat Heike Schmoll in ihrem Beitrag ("Ändergender gegen Gott", in: FAZ v. 29.05.2017, S.9) dargestellt. Für das offizielle Liederbuch zum Kirchentag (Auflage 265 000) hat die Hamburger Gruppe "Lesben und Kirche (LuK)" die bekanntesten Kirchenlieder "in gerechter Sprache" umgedichtet. Herausgekommen sind groteske Verballhornungen auf Kosten von Sinn, Rhythmus und Reim ( e.g. "Lobet die Ew´ge" [statt "den Herren"], "O treue Hütrin" usw.) Die Redakteurin erwähnt, dass für Kirchenmusik (ohne pastorale Einlassungen), die jeden Samstag in der Kirche am Berliner Hohenzollernpatz dargeboten wird, von der Kirchenleitung kein Zuschuss zu bekommen ist.

Dass - abzulesen an den Austrittzahlen - mehr und mehr Menschen in diesem unserem Lande der Kirche den Rücken kehren, hat nicht nur damit zu tun, dass im Zeichen der säkularen (Post-)Moderne mehr und mehr Kirchensteuerzahler religiös unmusikalisch geworden sind, sondern weil sie der Selbstsäkularisierung, Selbstinszenierung und Ideologieanfälligkeit der Kirchenoberen  und ihres Bodenpersonals  überdrüssig sind.

P.S. Siehe meinen angehängten Kommentar bezüglich des leider - der Pointe wegen? -
fehlzitierten Mottos.

Freitag, 26. Mai 2017

Politsprech angesichts des Terrors

Zu Weihnachten 2016 in Berlin, vergangene Woche in Manchester, heute in Oberägypten... Wir nehmen nur  noch beiläufig die Opferzahlen zur Kenntnis und sind dabei, uns an den Terror zu gewöhnen (was uns irgendein wise guy sogar empfohlen hat). Aus höherer politischer Einsicht - oder zur besseren Gewöhnung - hat man nach einem Terroranschlag in Russland umgehend darauf verzichtet, als Zeichen des Mittrauerns das Brandenburger Tor in den Nationalfarben des betroffenen Landes  anzustrahlen (wie noch ein paar Wochen zuvor nach einem Anschlag in der Türkei).. Nach dem Schreckensereignis in Manchester konnte/musste man folglich auf den Union Jack zur Illumination am Ende der Berliner Fanmeile verzichten...

Über die Wurzeln des aus dem Kulturraum des Islam aufgebrochenen "islamistischen" Terrors nachzusinnen, ist im Rahmen eines Blog-Artikels nicht möglich. Nur soviel: Wenn im weitesten Sinne die Konfrontation - eine große Anzahl von kulturellen, materiellen und militärischen "clashes" -  zwischen Okzident und Orient (vom Maghreb über Nahost bis zu den Philippinen),  den Nährboden für den derzeit  grassierenden "fundamentalistischen" - ein inadäquates, irreführendes Adjektiv - Terror bereitet hat, so bleibt dessen ungeachtet die Frage an "den Islam" - genauer: an die Vielzahl von Interpreten des Koran und die Wortführer der muslimischen communities, welche Rolle sie der Gewalt in der Botschaft des kriegsgewandten Propheten beimessen.

Mit derartiger Frage erregte der seinerzeitige Pontifex Benedikt XVI. anno 2006 in Regensburg allgemeine Entrüstung. Etwa zur selben Zeit befand auch noch der damalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber im Blick, das Verhältnis des Islam (Singular) zur Gewalt bedürfe einer Klärung. Inzwischen sind derlei Fragen nicht mehr zu vernehmen - schon gar nicht auf evangelischen Kirchentagen. Solch unziemliche Fragen könnten den interreligiösen Dialog belasten.

Das Wort "Islam" bedeute Frieden, so verkünden fromme Damen - mit oder ohne Kopftuch - in den Talkshows des ewig Gleichen. Es besteht Aussicht, dass derlei religiöse Kurzformel - ohne Querverweis auf die Houellebecquesche Übersetzung ins Französische "soumission" (= Unterwerfung) - demnächst in den Unterrichtsmaterialien für Grundschule und Sekundarstufe I zu finden sein wird.

Denn ungeachtet der Permanenz des Terrors vernehmen wir aus dem Munde unserer christlichen Spitzenpolitiker folgendes: "Im Islam werden viele menschliche Werte wie Gastfreundschaft und Toleranz sehr stark verwirklicht." Diesen gedankenreichen, sprachlich vollendeten Satz formulierte Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) anlässlich des Berliner Kirchentags. Ein paar Tage zuvor reagierte Bundeskanzlerin Merkel auf die Nachricht von dem Massaker in Manchester mit folgenden Worten:  "Mit Trauer und Entsetzen verfolge ich die Berichte aus Manchester. Es ist unbegreiflich, dass jemand ein fröhliches Popkonzert ausnutzt, um so vielen Menschen den Tod zu bringen oder ihnen schwere Verletzungen zuzufügen. - Meine tiefe Anteilnahme gilt allen Opfern und Betroffenen sowie den Angehörigen in ihrer Trauer und Verzweiflung. Dieser mutmaßliche terroristische Anschlag wird nur unsere Entschlossenheit stärken, weiter gemeinsam mit unseren britischen Freunden gegen diejenigen vorzugehen, die solche menschenverachtenden Taten planen und ausführen." Usw. usw.

Donnerstag, 18. Mai 2017

Zum 70. Geburtstag von Michael Wolffsohn

I.
Vorbemerkung:
Der Historiker Michael Wolffsohn feierte in diesen Tagen seinen 70. Geburtstag. Anstelle einer Laudatio, in der die Verdienste Wolffsohns als Stimme der humanen und versöhnenden Vernunft zu würdigen wären, stelle ich eine Buchbesprechung vor, die ich 1991 während des ersten Golfkrieges gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein verfasste. Obgleich vor langenJahren erschienen, hat der Text angesichts der kontinuierlich von politischen Erregungswellen erfassten deutschen Gesellschaft nichts an Aktualität eingebüßt. 

 Die Besprechung zu Michael Wolffsohn: "Keine Angst vor Deutschland" (Erlangen-Bonn-Wien 1990) erschien  in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung v.  04.03.1991 unter dem Titel "Der deutsche Michel als Softy".


II.
Am Golf ist Krieg [1991], und die Deutschen begehren, nicht schuld dran zu sein. Eine Erklärung für diese Haltung, in der Friedensbewegte und Bonner Regierende gar nicht so weit entfernt scheinen, findet der Leser in einem Essay von Michael Wolffsohn: „Neudeutsche Außenpolitik oder: Der deutsche Michel als Softy“. Die Deutschen hätten - „süße Früchte der Umerziehung“ durch Uncle Sam – der machtpolitischen Versuchung abgeschworen, was ihnen nun bereits wieder als „Machtvergessenheit“ angekreidet wird.

Die hier publizierten Essays und Fallstudien verfasste Wolffsohn im Jahr der durch die „Deutsche Oktoberrevolution“ wiedergewonnenen Einheit, als das Entsetzen über den angeblichen „deutschen Nationaltaumel“ weithin zum guten linksintellektuellen Ton gehörte. Wolffsohn widerspricht den Kassandra-Rufen: die vielbeschworene Angst der Nachbarn entsprang im wesentlichen der Abneigung der Eliten, den Status quo, die als Stabilitäts-garantie empfundene deutsche Teilung, in Frage zu stellen. Die in Umfragen ermittelte öffentliche Meinung des Auslands – mit Ausnahme Polens – zeigte für eine friedliche Wiedervereinigung überraschend früh und zunehmend Verständnis. Nicht zufällig sank jedoch die Zustimmungsquote in den Vereinigten Staaten in den achtziger Jahren von einer Mehrheit auf nur noch 36 Prozent. Besonderes Interesse verdienen divergierende Reaktionen auf die deutsche Dynamik nach dem Fall der Mauer in Israel sowie in der jüdischen Diaspora. Elie Wiesel, der unter Bezug auf den Holocaust die Wiedervereinigung ablehnte, sprach durchaus nicht im Namen der Juden, wenngleich für eine Mehrheit der amerikanischen Juden.

Zu den eher peinlichen Episoden der „Sanften Deutschen Revolution“ zählt Gregor Gysis wiederholter Appell an die jüdische Welt, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten zu verhindern. Aber auch im Westen Deutschlands gedachten Protagonisten wie Günter Grass und Walter Jens, mit dem Auschwitz-Argument die Wiedervereinigung abzuwenden.

Wolffsohn stellt die verquere Logik noch einmal historisch richtig – machtpolitische, nicht moralpolitische Motive diktierten die deutsche Teilung. Sonst im Ton moderat, polemisiert er hier scharf gegen die ideologische Zwecknutzung der „Auschwitz-Keule und des Weimar-Hammers“ durch „Profi-Moralisten“ und „Profi-Historiker“, die von Auschwitz als „Schamschwelle“ reden, dabei „objektiv schamlos, wenngleich subjektiv und gewiß aufrichtig“ den Holocaust als ästhetisches und politisches Kunstmittel verwenden, „Die manipulative Instrumentalisierung von Auschwitz...schändet das Andenken der millionenfachen Opfer nationalsozialistisch-deutscher Schandtaten.“

Mit seinen Thesen erregt Wolffsohn Anstoß: bei den „ganz Rechten“, deren antisemitischen Nerv er trifft, bei den „ganz Linken“, darunter manchen Grünen, deren ständige Warnungen vor der „rechten Gefahr“ er als „Widerstandsspiel der Nachgeborenen“ abqualifiziert, sowie bei manchen jüdischen Glaubensgenossen. Jüdische Amtsträger und „besonders alternative Juden“ fühlen sich durch seine These von der „jüdischen Selbstamputation“ - der Reduktion jüdischer Identität auf den Holocaust – getroffen.

Wolffsohn irritiert seine Kritiker durch sein Selbstverständnis als deutschjüdischer Patriot. Unter Patriotismus versteht er zunächst ganz unpathetisch „die lebenswerte Gestaltung des Vaterlandes nach innen und außen“. Diese Art von Verfassungspatriotismus bezog sich, wie er eingangs selbstkritisch anmerkt, vor der Wende in der DDR lediglich auf den west-deutschen Staat. Erklärlich wird das Selbstzeugnis, wenn Wolffsohn behutsam von seinen „eigentlich nur positiven Lebenserfahrungen in Westdeutschland“ spricht. Im längsten Kapitel des Buches belegt er diese Feststellung mit mehreren Fallstudien zum Thema „Vergangenheitsbewältigung“. Die Bundesrepublik in der Ära Adenauer, so lautet Wolffsohns Fazit, war besser als ihr Ruf, nicht nur im Vergleich zum „Antifaschismus“ in der DDR und zur notorischen Praxis in Österreich. Natürlich weiß auch Wolffsohn, der die unzureichende Strafverfolgung anhand exakter Zahlen belegt, dass die juristische Vergangenheitsbewältigungkein bundesrepublikanisches Ruhmesblatt war. Doch nicht nur die Vialons und Globkes prägten das Gesicht der frühen Bundesrepublik. Namen wie Adolf Arndt, Ernst Benda, Martin Hirsch und Adalbert Rückerl stehen für eine unzweideutige Aufarbeitung der Vergangenheit im westdeutschen Rechtswesen.

Entgegen der von der „westdeutschen Bewältigungslyrik“ gepflegten „Legende von der zweiten Schuld“ konstatiert Wolffsohn anhand historischer Fakten einen fortschreitenden Läuterungsprozess, der lange vor dem großen Aufbruch der achtundsechziger Generation einsetze. Zu Recht bezeichnet er den Publikumserfolg der Neuauflage des „Tagebuches der Anne Frank“ im Sommer 1955 als ein „moralisch-historisches Urereignis“. Ließen 1949 noch 39 Prozent der Westdeutschen antijüdische Einstellungen erkennen, so stieg die Zahl derer, die für eine Bestrafung antisemitischer Aktivitäten eintraten, bis 1958 von 17 auf 46 Prozent. Im Januar 1960 waren es bereits 78 Prozent. Diese Umfrage fiel in jene Welle von Hakenkreuzschmierereien und Grabschändungen 1959/60, die als Zäsur in der politischen Kultur Nachkriegsdeutschlands gelten kann. Die historische Pointe: Gesteuert wurde die antisemitische Kampagne von östlichen Geheimdiensten, wie schon 1970 ein tschechoslowakischer Überläufer aufdeckte.

Nicht zuletzt die klare Haltung maßgeblicher Nachkriegspolitiker, mit Adenauer an der Spitze beförderte den westdeutschen Bewusstseinswandel. Dass der „Alte“ im Sinne deutscher Schuldabtragung konsequent „Geschichtspolitik“ betrieben habe, zeigt Wolffsohn am Beispiel der Wiedergutmachung. Ähnlich hielt sein Nachfolger Erhard den moralisch motivierten Kurs während der Nahostkrise 1964/65, als im Labyrinth von Politik, Waffen, und Moral die Hallstein-Doktrin zu Bruch zu gehen drohte, gegenüber der kühl interessenpolitisch fixierten Linie des Außenministers Schröder.

Die tieferen Quellen seines unzeitgemäßen Patriotismus erschließen sich aus Wolffsohns Reflexionen der Identitätsfrage: „Wer sind wir?“ Da geht es statt der Serienproduktion geschichtspolitischer Platten“ um die Verkettung jüdischer und deutscher Existenz nach Holocaust. „Was sagt man nach einem solchen Urverbrechen? Am besten nichts“ . Ein großes Schweigen, das nichts mit Verschweigen zu tun hat. Im Anschluss an Jaspers´ begriffliche Differenzierung nähert sich Wolffsohn der Schuldfrage als der „deutschen Seinsfrage“: Die politische Schuldfrage bleibt den Deutschen als Volk auferlegt, einzulösen durch ihr Verhältnis zum jüdischen Volk, durch „Judenpolitik“. Gleichwohl: „Schuld ist nicht erblich.“ 
 
Dass die säkularisierte Gesellschaft die metaphysische Schuldfrage nicht ausklammern kann, wird mehrfach angedeutet, nicht zuletzt in der Kritik an „sinnentleerten Schuldritualen“. Wenn Wolffsohn für den 9. November als nationalen Gedenktag des vereinten Deutschlands plädiert, so aufgrund der vielfältigen Bezüge dieses Datums. Dahinter steht auch das Empfinden eines jüdischen Deutschen, der – in seiner Kritik an der gedankenlosen Aneignung von Wörtern wie „Holocaust“ und „Shoah“ - an Friedrich Meineckes Begriff der „deutschen Katastrophe“ erinnert. „Die Katastrophe“ wäre nicht nur im wörtlichen Sinne eine angemessene Übersetzung des hebräischen „Shoah“. Hitlers Krieg, in dem Deutsche die unsäglichen Verbrechen begingen, „war auch eine deutsche Katastrophe“.