Mittwoch, 9. Juni 2021

Wahlen, Zahlen, Farbenspiele und ihre mögliche Bedeutung

I.

Die Erleichterung über das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt hält an: Die Wahlforscher (recte: die "Wahlforschenden") haben sich geirrt. Das deutsche Ansehen in der Welt ist gerettet. Die CDU erscheint mit 37,1 Prozent in alter Stärke. Die AfD, das rechte Schreckgespenst aus dem "Osten", ist auf 20,8 Prozent zurückgefallen. Die mitteldeutsche SPD weist mit 8,4 Prozent der Bundespartei den weiteren Weg nach unten. Die Linke, die langjährige westdemokratische Beauftragte für "ostdeutsche" Sentiments (und Ressentiments), hat mit 11,0 Prozent über 5 Punkte eingebüßt. Die FDP ist mit 6,4 Prozent zurück auf der landespolitischen Bühne, und die grünen Bäume sind mit 5,9 Prozent nur kümmerlich gewachsen. 

Ministerpräsident Reiner Haseloff, dem die CDU in erster Linie ihren Erfolg verdankt, kann gelassen in die Koalitonsverhandlungen eintreten. Mehrheiten - selbstverständlich ohne die AfD, aber auch anderswo weniger selbstverständlich ohne die Linke - sind beliebig denkbar. Im medial beliebten Farbenspiel spekuliert man über Konstellationen von Schwarz-Rot, Schwarz-Gelb-Grün (="Jamaika") oder Schwarz-Rot-Gelb (="Deutschland", gelb statt golden). Der lokale Grünen-Chef hat "Kenia" (=Schwarz-Rot-Grün wie bisher) ausgeschlossen, aber das kann sich ja noch ändern. Für "Jamaika" sind die Grünen aufgeschlossen, denn die Klimarettung -  in der Karibik und global - liegt ihnen (außer Ministerposten, Planstellen und Genderismus) besonders am Herzen.

Ob sich Markus Söder über das Wahlergebnis freut, ist für unsere Betrachtung belanglos. Für ihn gehört "der Armin" jetzt wieder zu seinen Freunden, wie es sich für den Charakter einer demokratischen Partei  gehört. Auch verkneife ich mir Spekulationen über die Wahlen im September - wer weiß schon, wie sich Wetter und Klima im Sommer 2021 noch entwickeln, ob Covid trotz sommerlicher Temperatur in neuer Variante, mit der Wucht einer vierten Welle, unsere Breiten noch einmal heimsucht, oder ob neue Scharen von Flüchtenden/Geflüchteten - mit Sicherheit (und verständlicherweise) aus Afghanistan, mit Wahrscheinlichkeit aus Nigeria, Gambia, aus Burkina Faso oder von sonstwo - der AfD wieder Stimmenzuwachs bescheren. 

Gut, eine Prognose sei gestattet, die Haupstadt betreffend: Mit gemäßigter Rhetorik betreibt Franziska Giffey, ihrer Doktorbürde endlich enthoben, Wahlkampf gegen die bisherige Koalition mit Linken und Grünen. Das könnte für ein paar Prozent mehr für die SPD reichen. Wie es dann mit der Regierungsbildung in der Bundeshauptstadt - von Böswilligen und/oder Illusionslosen bereits als "failed city" bezeichnet - ausgeht, bleibt den Parteichargen, Netzwerkern und dem Gewissen der Männer, Frauen und Diversen im Abgeordnetenhaus überlassen. 

 II.

Von Interesse und Bedeutung sind im Blick auf Sachsen-Anhalt noch andere Zahlen. Die Wahlbeteiligung lag mit 60,3 Prozent noch knapp unter der  Quote von 2016. Das bedeutet nichts anderes, als dass ein erheblicher Teil der Wahlbevölkerung - von den grundsätzlich Desinteressierten abgesehen - sich der Teilnahme an Wahlen verweigert, weil man sich im Parteienangebot nicht vertreten sieht. Der Merkel-kritische CDU-Werteunionist Werner J. Patzelt (https://wjpatzelt.de/) spricht zu Recht von einer "Repräsentationslücke". 

Immerhin kamen unter den 9 Prozent der "Anderen", deren Stimmen wie stets unter den Tisch fallen,  die "Freien Wähler" auf drei Prozent. Falls sich diese Gruppierung nicht sogleich wieder zerstreitet und etwa auch in Berlin - unter dem Ex-FDPler Marcel Luthe -  die Fünf-Prozent-Hürde überwinden sollte und im Abgeordnetenhaus landet, entfaltet sich in der deutschen Parteienlandschaft ein neues Bild: Die etablierten Parteien, die entgegen ihres Selbstverständnisses zusehends ihre Funktion als "Volksparteien" verlieren - deutlich ist die Tendenz bei der SPD, noch nicht so deutlich bei der CDU/CSU - an Zustimmung. Sie sehen sich auf Landes- und Bundesebene neuen Mitspielern gegenüber, was den Charakter des Parteienstaates insgesamt verändern könnte.

Aufschlussreich an den Daten für Sachseln-Anhalt sind nicht nur die Wählerwanderungen - mit deutlichen Gewinnen für Haseloff und Verlusten der AfD in Richtung Abstinenz - , sondern das Abstimmungsverhalten der Alterskohorten. SPD und Linke werden hauptsächlich nur von "Menschen über 60" gewählt. Unter den Jungen (bis 29) ragen AfD (mit 19 Prozent) und die Grünen (mit 13 Prozent) hervor. Es fehlt dazu noch die soziokulturelle Zuordnung, etwa: hier die grün-sozialisierte Jugend mit höheren Bildungsambitionen, dort die mit noch nicht wegsozialisertem "nationalen" Selbstbewusstsein - teils unbefangen naiver, teils bedenklicher Natur - Herangewachsenen. 

Sachsen-Anhalt ist nicht identisch mit der noch immer als "Osten" klassifizierten Gesamtregion der einstigen DDR. Erst recht nicht ist das mitteldeutsche Bundesland repräsentativ für die Bundesrepublik. Nichtsdestoweniger zeichnen sich in ganz Deutschland neue politisch-kulturelle Tendenzen und Trennungslinien ab, die in der Post-Merkel-Ära gesamtpolitische Bedeutung gewinnen könnten. Die politische Landschaft könnte bunter und diverser werden, aber anders als von den diversity-Apostelinnen propagiert.

 





Sonntag, 9. Mai 2021

Stellenausschreibung. Satura non est.

Im Leben gilt es Widersprüche auszuhalten, etwa im Umgang mit den social media – wir nutzen sie, obgleich wir sie aus prädigital anerzogenem Bildungshochmut heraus verachten mögen. Auch verdanken wir ihnen Informationen, die in den Qualitätsmedien kaum Beachtung finden. Gewiss: Wer sich in das Netz von Facebook begeben hat, kommt schwer wieder heraus. Auch muss man im Umgang mit den friends (genderfrei) vorsichtig sein, es könnten unter den „Freunden“ (oder Freund:innen) einige fragwürdige Existenzen auftauchen.

Und doch: Die Mehrzahl meiner Fb friends erscheint mir als seriös, viele sogar liebenswert. Einer von ihnen übermittelte folgende Stellenanzeige im Bereich „Politische Bildung“, die mir als leidlich versorgter Pensionär – deutlich unter den Besoldungssätzen der unlängst  in den Ministerien der ausgehenden Großen Koalition beförderten Referenten – entgangen wäre.

Es handelt sich um die Stelle einer Referentin / Referent (w/m/d) für den Fachbereich L "Politische Bildung und plurale Demokratie" (FBL) in Gera.

Die Stellenbeschreibung lautet wie folgt:

Am Standort Gera baut die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb eine neue Außenstelle auf. Hier sucht die bpb für den Fachbereich L "Politische Bildung und plurale Demokratie" (FBL) zum Aufbau und zur Übernahme des Aufgabenbereichs "intersektionales Erinnerungs- und Transformationswissen" zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine Referentin / einen Referenten (w/m/d). Das Beschäftigungsverhältnis ist unbefristet, das Entgelt bemisst sich vorbehaltlich einer noch durchzuführenden Arbeitsplatzbeschreibung nach Entgeltgruppe 13 TVöD.

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ist eine moderne und innovative Behörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und orientiert sich mit ihrem Bildungsangebot an den Grundfragen der demokratischen Entwicklung und des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Hauptdienstsitz der bpb ist in Bonn, weitere Standorte sind in Berlin und in Gera. Weitere Informationen über die bpb finden Sie im Internet unter www.bpb.de.

Der Fachbereich "Politische Bildung und plurale Demokratie" (FBL) hat die Aufgabe, die sich entwickelnden demokratischen Aushandlungsprozesse in einer diverser werdenden Gesellschaft im Kontext sozialer Strategien zum Thema politischer Bildung zu machen. Die Hauptaufgaben bestehen in der Auseinandersetzung mit Dimensionen der Politisierung und Dekolonisierung von Erinnerung, sowie der Erarbeitung von Erkenntnissen, Formaten und Didaktiken einer intersektionalen politischen Bildung. In den aktuellen Erinnerungsdebatten zeichnet sich immer deutlicher die Notwendigkeit ab, kollektive Erinnerungen zu dekolonisieren und damit zu diversifizieren. Gegenstand der ausgeschriebenen Stelle ist u.a. die kritische Auseinandersetzung feministischer Theorie, Gender Studies, postkolonialem Erinnern und deren Übersetzung in politische Bildungsansätze in Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit und der Abschwächung von Machtasymmetrien im Bildungsprozess (sic!). Ungleichheit und Ungleichbehandlung im Bildungssystem ist nicht nur das Ergebnis so genannter "sozialer" Benachteiligung und Deprivation, sondern geht auf Diskriminierungserfahrungen von Rassismus, Klassismus, Geschlechterdiskriminierung oder Behindertendiskriminierung zurück, die erhebliche Konsequenzen auch für politische Partizipationserfahrungen generieren. Mit verschiedenen Veranstaltungs- und Publikationsformaten setzt der FBL vorrangig an den Alltags- und Erfahrungswelten der Menschen in Transformationsregionen an und korreliert sie mit den pluralen Lebensentwürfen einer diverser werdenden Gesellschaft, insbesondere marginalisierter Gruppen und Communitys.“

Keine Frage: Die "Auseinandersetzung mit Dimensionen der Politisierung und Dekolonisierung von Erinnerung" ist - vor allem im Hinblick auf die "Dimensionen" - überfällig. Die „Ossis“ in Gera und Umgebung werden sich über die ihnen endlich eröffneten westdeutschen Bildungschancen freuen. Die älteren und weniger Bildungsfernen unter ihnen werden sich gleichwohl an den Phrasenkatalog erinnern, mit dem sie während des Studiums im Pflichtfach „Gesellschaftswissenschaften“ gefüttert wurden.

Merke: Der obige Text ist über das Netz aufzurufen. Satura non est.


 

Dienstag, 4. Mai 2021

Lesefrucht: Eine Kritik unserer neuen Säkularreligion

I.

"Umstritten" ist die im deutschen Haltungsjournalismus übliche Vokabel, um nonkonforme, nicht-Merkel-grüne, real kritische Stimmen aus den vermeintlich liberalen "Diskursen" herauszuhalten. Ähnlich negativ aufgeladen ist das Adjektiv "fragwürdig".  Als "fragwürdige Medien" bezeichnete die Journalistin Liane Bednarz als Gastautorin im "Spiegel" unlängst »Tichys Einblick«, »reitschuster.de«, die »Achse des Guten« sowie die »Epoch Times«. (https://www.spiegel.de/politik/deutschland/hans-georg-massen-kandidiert-fuer-die-cdu-wenn-die-grenzschuetzer-der-partei-versagen-a-72dd097e-15ce-4da3-9227-6aa0aa8a191a

Das Adjektiv "fragwürdig" lässt sich semantisch auch ins Positive wenden, was ich - als Gastautor auf der "Achse" und "TE" -  keineswegs  als Selbstverteidigung verstanden wissen will. Im Gegenteil: "Fragwürdig" ist alles, was - anstatt fraglos akzeptiert zu werden - in kritischer Analyse in Frage zu stellen ist. Wer Kritik an den Dogmen der Zivilreligion, wer kritisches Fragen - anno 1968 erfand man dafür das scheußliche Modewort "Hinterfragen" - für "fragwürdig" befindet, stellt die Tradition der Aufklärung in Frage.   

Nach dieser kurzen Vorrede zitiere ich - anstelle eines eigenen Blog-Eintrags - Passagen aus einem Aufsatz des Autors Markus Vahlefeld auf dem "fragwürdigen" Medium "Achse des Guten". Ich empfehle meinem Blog-Publikum  zur Lektüre den ganzen Aufsatz mit dem provokativen Titel

"Willkommen im Überwachungs-Kapitalismus und im Millionärs-Sozialismus" (https://www.achgut.com/artikel/willkommen_im_ueberwachungskapitalismus_und_millionaerssozialismus)

II.

"Mit dem Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus sourcte der Kapitalismus seinen inneren Widerspruch, der ihm durch ein funktionierendes Staats- und Gemeinwesen auferlegt war, einfach aus. Seine billigen Arbeitskräfte findet er nun nicht mehr im Inland, sondern in entfernten Regionen mit erheblich schwächer ausgeprägten staatlichen Strukturen. Dafür hat sich der Begriff Globalisierung durchgesetzt, und bis vor wenigen Jahren war es genau diese Globalisierung, gegen die die Linke Sturm lief. Regelmäßige bürgerkriegsartige Zustände bei G7-, G8- oder G20-Gipfeln waren die Folge. Inzwischen ist es merkwürdig still geworden um die Globalisierungsgegner von der Linken, was mit deren üppiger Förderung durch diverse Hochfinanz-Stiftungen und ihre Einbindung in eben diese Gipfeltreffen, ins Davoser Weltwirtschaftsforum und viele andere Zusammenkünfte zu tun haben dürfte.

  [...]

So rast der Zug der Geschichte auf ein System zu, das beide Ideologien in ein harmonisches Zusammenspiel zu bringen scheint. Unter die Räder ist dabei nur die Freiheit gekommen. Staat und Kapitalismus haben sich genauso versöhnt wie Sozialismus und Privateigentum. Allen vieren geht es schon lange nicht mehr um bürgerliche Freiheitsrechte, sondern nur noch um Ausdehnung und Herrschaftsakkumulation. Entstanden ist etwas, das historisch wirklich neu ist und für das noch kein geeigneter Begriff existiert. In ihrem 2018 auf Deutsch erschienen Buch prägt die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff den Begriff vom "Überwachungskapitalismus“, und er dürfte die bisher wohl passendste Umschreibung sein für die Kehrtwende, die die freie Wirtschaft seitdem vollzogen hat.

[...]

Dass die gewählten Regierungen in den westlichen Demokratien sich nicht anschicken –oder schon lange angeschickt haben –, die Macht der Tech-Giganten zu begrenzen und ihre entstandenen Monopole zu zerschlagen, ist dem Umstand geschuldet, dass neben Gewinnmaximierung die Hauptagenda der Giganten weiterhin „die Rettung der Welt“ ist. Und mit diesem falschen Pathos kann sich die Politik wunderbar arrangieren und lässt so die Aushöhlung der Demokratie durch immer gigantischere Monopole zu. 

 [...]

Historisch interessant ist, dass sich zeitgleich mit dem Umstülpen des Gutenberg-Zeitalters ins digitale Zeitalter, das Ende der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts von Kalifornien aus begann, in Mitteleuropa eine neue romantische Religion gründete. Sie hatte große Vorbehalte gegen Technik, kultivierte die Angst und wünschte sich Frieden und ein Zurück zur Natur. Gespeist war diese neue Religion aus dem Unbehagen in der Kultur und einer sozialistischen Kollektivsehnsucht. 

[...]

Inzwischen hat der durch die Ereignisse des 20. Jahrhundert verunsicherte Geist des christlichen Abendlandes in der grünen Religion zu seiner gottlosen Vollendung gefunden. Schuldgefühl, Selbstabschaffung („Ich muss abnehmen, damit er zunehmen kann“) und mittelalterlicher Ablasshandel sind wieder die wirkmächtigsten Parameter dieser neuen Religiosität, in der Wald, Natur, Klima zu Codes des neuen Gottes geworden sind. Der Staat avancierte dabei zum Stellvertreter Gottes auf Erden. Und wir Deutschen sind zu den Vorreitenden dieser Religion geworden."


 

 

Montag, 3. Mai 2021

Maibowle, angereichert mit unsortierten Lesefrüchten

Der Mai ist gekommen, doch die lang ersehnten Freuden des Wonnemonds bleiben uns gesetzestreuen Bundesbürgern verwehrt. Anders als die Schweiz, jetzt auch Frankreich und Portugal, verharrt unser Land im Lockdown, inklusive der von Merkel verhängten, um eine Stunde demokratisch abgemilderten Ausgangssperre. Die Proteste aller auf ihre Freiheitsrechte pochenden Bürger - letzte polit-orthographisch korrekte Schreibweise: Bürger:innen - konnten dank Präsenz sinistrer (etym. lat.: "links"), d.h. "rechter",  als "Querdenker" auftretender Elemente bis dato neutralisiert werden. Wir dürfen hoffen, dass die den Klimawandel verzögernden Temperaturen endlich steigen und das vor Covid geschützte Volk endlich in die Freiheit und ins Freizeitvergnügen entlassen wird.

Um ihre Freiheitsrechte ging es auch den mit roten Fahnen samt goldenem Stern als "Linke" auftretenden, vermeintlich Covid-resistenten Anti-Lockdown-Demonstranten in Berlin-Lichtenberg (oder sonstwo), die es - verdächtig als linke Symbole missbrauchende "Rechte" -  am 1.Mai immerhin in die TV-Nachrichten schafften. Mehr mediale Aufmerksamkeit erzielten naturgemäß die genuin linken Massen, die zum Berliner Klassenkampf in Kreuzberg und Neukölln aufmarschierten, sowie die mehr als 10 000 roten und grünen Radler, die - nach dem Scheitern des Berliner Mietendeckels vor dem BVerfG - unter der linkslingualen Parole "MyGruni" den Villen besitzenden Kapitalisten in Grunewald einen Begriff von Gerechtigkeit nahebrachten. 

Wie gewohnt erlebten die Berliner Maifestspiele ihren Höhepunkt in den Traditionsbezirken Kreuzberg und Neukölln.  Die von der Polizei erzwungene Zweiteilung des Schwarzen Blocks trieb die Wut der "linken und linksradikalen Demonstranten" - darunter offenbar keine "Linksextremisten"  - zum Widerstand: Wieder mal brannten Mülltonnen und die aus Paletten und Bauholz errichteten Barrikaden, dazu  (nur) ein Auto.  Die aus mehreren Bundesländern, auch aus Bayern, aufgebotenen 5500 Polizisten (sc. -innen) kamen mit etwa 50 Verletzten davon. Zu den Opfern der "linken" Wut gehörte auch ein in der Nase beringter Mann, der sich als linker, antirassistischer Skinhead bezeichnet, was ihm aber nichts nützte, da er zuerst "rechte" Ska-Rhythmen aufgelegt hatte, ehe er zu "linken" Punk-Klängen wechselte. Er wurde verprügelt, vielleicht auch, weil er nach eigenem Bekenntnis in den 1990er Jahren im Ruhrpott noch in einer Neonazi-Skinhead-Band musiziert hatte.

Die Klage über Polizeibrutalität gehört zum Standard-Repertoire "linken" Bewusstseins. Der Berliner Innensenator Geisel (SPD) attestiert zwar der Polizei, sie habe ihre Pflicht vorbildlich erfüllt und sei den - teilweise mit Corona-Masken ausgestatteten, aber die Corona-Abstandsregeln missachtenden -   Demonstranten mit großer Zurückhaltung entgegengetreten. Gewalt sei in politischen Auseinandersetzungen nicht hinnehmbar. Oder so ähnlich. Der Mann kann reden, was er will, sagt Tante Antifa: ACAB.

Was den deutschen Lockdown betrifft, so besteht angesichts der Wettervorhersagen für diese erste Maiwoche wenig Hoffnung auf höhere Temperaturen und eine Ausweitung der cancel culture auf Merkels Lockdown. All unsere Hoffnungen auf Freiheit unter dem urdemokratischen Maibaum richten sich jetzt auf die FDP. Der Verf. dieses Blogs hat Covid 19 bereits hinter sich. Er hofft auf lokale Erwärmung in den kommenden Wochen sowie auf die demokratische Erhitzung im Wahlkampf. Dann besteht wieder Aussicht auf ein Bier - keine benebelnde Maibowle - in einem Biergarten oder auf ein Glas Wein unter freiem Himmel ("Außenbereich")

Sonntag, 18. April 2021

Bidens Abzug aus Afghanistan

Aus meinem Globkult-Kommentar zu Bidens Ankündigung, alle amerikanischen Truppen bis zum 11. September 2021 (symbolträchtig: nine-eleven) abzuziehen, zitiere ich folgende Passagen:

"Die Folgen des um ein paar Monate verzögerten Rückzugs der Amerikaner – mit ihnen auch der deutschen, italienischen und türkischen Kontingente – sind abzusehen: Die Truppen und Polizisten der ›demokratischen‹ Regierung unter Präsident Aschraf Ghani werden den 60 000 Mann starken Taliban unterliegen, diese werden erneut in Kabul die Macht übernehmen. Allenfalls im Norden und Nordwesten Nordprovinzen werden sie bei Tadschiken, Usbeken und Hasara auf Widerstand stoßen. Ob danach in Kabul und in all den anderen Teilen des geschundenen Landes das Regime der paschtunischen Fundamentalisten weniger grauenvoll aussehen könnte als vor zwanzig Jahren, ist eine spekulative, von Wunschdenken inspirierte Frage.

Keineswegs spekulativ, sondern leicht zu beantworten ist die Frage, was der Rückzug der USA vom Hindukusch für Europa, insbesondere für Deutschland, bedeutet. Ein gewaltiger Flüchtlingsstrom wird sich bereits in den nächsten Wochen in Gang setzen, den Erdogan nutzen wird, um sich als Nato-Verbündeter und politischer Geschäftspartner in Berlin zu empfehlen. Dass auch unter Biden Politik und Moral nicht identisch sind, wird man hierzulande im Entsetzen über das Flüchtlingselend übersehen."

https://globkult.de/politik/welt/2053-der-abzug-aus-afghanistan-und-die-absehbaren-folgen 


Montag, 29. März 2021

Rezension: Allzu steile Thesen in der jüngsten Biographie zu Sophie Scholl

Für Leser (sc. -innen) meines Blogs, die den Text noch nicht aus anderen Quellen kennen, stelle ich hier  die Einleitung sowie den Link zu meiner  Rezension des Buches auf The European vor:

 

I.

Um die „Weiße Rose“ rankten sich seit den 1950er Jahren, als die älteste Schwester Inge Scholl ihr mit Fehlinformationen behaftetes Buch veröffentlichte, allerlei Legenden. Unter gänzlich anderen historischen Bedingungen berufen sich heute „linke“ und „rechte“ politische Aktivisten auf das Vermächtnis der jungen Märtyrer. Jüngst hat sich die „Seawatch“-Aktivistin Carola Rackete in die geistige Nachfolge von Sophie Scholl gestellt.

Mit Realgeschichte – „wie es eigentlich war“ – hat das alles wenig zu tun. Indes unterliegt die Historie unvermeidlich der Deutung und Umdeutung durch die Nachgeborenen. Im Zuge jüngerer feministischer Geschichtsdeutung wurde Sophie Scholl ins Zentrum des Gedenkens gerückt, so bereits anno 2003 mit der Aufstellung einer Büste in der Walhalla bei Regensburg. Zitatwürdig ist eine Fehlleistung des Bundespräsidenten Steinmeier, der anno 2019 anläßlich einer Gedenkfeier zum 20. Juli an das „Schicksal der Gruppe um Sophie Scholl“ erinnerte. (Zoske, Sophie Scholl, 295) Die treibende Kraft der „Weißen Rose“ war von Anbeginn Hans Scholl, noch ehe er im Juli 1942 zusammen mit Alexander Schmorell mit Flugblättern zum aktiven Widerstand überging. 

[...]

https://www.theeuropean.de/herbert-ammon/neue-biografie-ueber-sophie-scholl/ 

 

 

Dienstag, 2. März 2021

Reflections on the Russian Revolution

Aus meiner Globkult-Besprechung des Büchleins von Jörg Baberowski (https://globkult.de/geschichte/rezensionen/2021-joerg-baberowski-der-bedrohte-leviathan-staat-und-revolution-in-russland):

Zum Verständnis der Revolution und zur Entzauberung ihres Mythos bezieht sich Baberowski auf ein ganzes Regiment von Denkern von Staat, Gesellschaft und Revolution. Zu ihnen gehören (außer Schmitt selbst) der Schmittianer Reinhart Koselleck, der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, die ›Klassiker‹ Machiavelli, Hobbes und Alexis de Tocqueville, die Konterrevolutionäre Joseph de Maistre und Juan Donoso Cortés, die Philosophen David Hume, Hegel, Nietzsche und Karl Löwith, die Soziologen Max Weber, Heinrich Popitz und Arnold Gehlen, der Historiker Crane Brinton, Hannah Arendt sowie nicht zuletzt die Akteure Lenin und Trotzki.

Freitag, 29. Januar 2021

Unter Biden wird alles wieder gut

Mein Globkult-Kommentar zu Joe Biden hat durch die bereits in den ersten Tagen nach seiner Amtsübernahme verfügten Anordnungen und Ankündigungen Bestätigung gefunden. Für die USA und multilateral für die ganze Welt gibt es fortan nur noch Gutes: für die Umwelt und fürs Klima (kein teeriger Ölsand aus Kanada), für die Frauen in der Army (aber noch nicht für Männer) auch Zopfgebinde statt nur Haarkranz, keine Mauer zu Mexiko, kein Nord Stream 2-Gas aus Russland,  Manufacture and Buy American, not Chinese!, mehr europäisches (deutsches) Geld für die Nato  usw.  

Für Fans oder auch nur  Leser (sc. -innen, ohne Doppelpunkt/ glottal stop/ Rechtsprech) meines Blogs stelle ich den auch auf  The European veröffentlichten Text noch einmal ins Netz:

Alles wird wieder gut

Alle sind erleichtert über den Abgang Donald Trumps, alle sind bewegt und beglückt von der Inauguration Joe Bidens am sonnigen Wintertag des 20. Januar 2021. In seiner Rede, akzentuiert mit den in den USA üblichen religiös/zivilreligiösen Formeln sowie mit einem stillen Gebet, hat Präsident Biden die Überwindung aller Zwietracht, die Einheit der Nation, ihre stolze Geschichte, und eine glückliche Zukunft beschworen. Alles werde wieder gut: die Corona-Pandemie werde man überwinden, allen Bevölkerungsgruppen gerecht werden – das Stichwort lautete equity, nicht mehr equality -, dem historischen Auftrag Amerikas gemäß für Frieden und Gerechtigkeit in aller Welt wirken.

Mit vom discours établi abweichenden Stellungnahmen gilt es in diesem Land vorsichtig zu sein, deshalb zur Klarstellung: Ich gehörte nie zu den Trump-Verehrern. Seine Auftritte waren zu großspurig, seine Rhetorik zu schrill, geistig allzu bescheiden, sein Politikstil teils naiv sprunghaft, teils undiplomatisch konfrontativ. Ob seine „Erfolge“ in der Außenpolitik zu dauerhaftem Frieden in Nahost führen, wird die Zukunft zeigen.

Kritische Fragen zu den Versprechen Bidens seien gleichwohl erlaubt. Diese gelten zum einen der angekündigten Außenpolitik. Gewiss, unter Biden sind die USA zu dem Pariser Klimaabkommen von 2015 sowie zu den internationalen Organisationen (WHO und Unesco) zurückgekehrt. Den Rest hat der frühere US-Botschafter John C. Kornblum in Berlin prognostiziert: Es wird sich nicht viel ändern. Auch die Biden-Regierung sieht sich mit der Weltmacht China konfrontiert. Allenfalls rhetorisch dürfte sich der von Trump eingeleitete protektionistische Kurs abschwächen. Was das – auch für Deutschland und Europa bedeutsame - Verhältnis zu Russland unter Putin betrifft, so hat Biden bereits seine Ablehnung des vor Vollendung stehenden Projekts Nord Stream 2 deutlich gemacht. Ob Biden in Nahost an dem Zwei-Staaten-Konzept für Israel/Palästina festhält, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlich ist diesbezüglich ein weiteres formales Bekenntnis, bei fortdauernder Akzeptanz des Status quo. In den Sternen stehen die künftigen Beziehungen zu den Mullahs in Teheran. Zuletzt: Unwahrscheinlich ist eine Aufkündigung des unter Trump ausgehandelten Handelsabkommens mit Mexiko und Kanada (USMC). Eine Rückkehr zu dem unter Bill Clinton in den 1990er Jahren durchgesetzten, für amerikanischen Arbeitsplätze zerstörerischen neoliberalen NAFTA-Konzept ist auszuschließen.

Damit rückt die künftige Einwanderungspolitik in den Blick. An der südlichen Grenze Guatemalas zu Honduras und an der nördlichen zu Mexiko befinden sich bereits wieder Tausende von Migranten im Warteraum für den Zug nach Norden. Statt der erhofften Grenzöffnung hat Biden bereits eine elektronische Grenzüberwachung - anstelle der von Trump versprochenen, aber nie gebauten Mauer – angekündigt.

Voraussichtlich wird es aber zu einer Legalisierung der Millionen illegal im Lande lebenden Immigranten geben. Eine derartige Innenpolitik, akzentuiert durch gruppenspezifische, auch aktivistische, „progressive“ Gruppen begünstigende Förderungsprogramme – affirmative action im umfassenden Sinne –, könnte erneut den Widerstand der – eben nicht nur weißen – Trump-Wähler mobilisieren. Längst stößt auch der von „linker“ Ideologie (intersectionalism, genderism, identity politics, sensitivity training etc.) forcierte Wandel zu kultureller „Vielfalt“ im konservativen Herzland Amerikas auf Ablehnung. Aus eben diesen Bevölkerungskreisen, inklusive der einst stramm demokratisch wählenden Arbeiterschicht, rekrutierte sich die Anhängerschaft des Populisten Donald Trump.

Die bei Bidens Amtsantritt in prächtigem Gewand die Nationalhymne zelebrierende Lady Gaga gehört mutmaßlich nicht zu den kulturellen Leitfiguren der Bevölkerungsmehrheit. Inwieweit die versprochene Versöhnung, symbolisiert durch den Auftritt des Countrysängers Garth Brooks aus Oklahoma, im kulturell gespaltenen Amerika gelingt, bleibt abzuwarten. Das von Amanda Gorman mit Grazie vorgetragene Gedicht wird auch viele konservative Amerikaner angesprochen haben. Dennoch: Es ist keineswegs sicher, dass nach all dem Schlechten unter Trump in den kommenden Jahren unter Biden alles wieder gut wird.




Montag, 18. Januar 2021

Gedanken zum Gedenktag des 18.1.2021

Der 18. Januar 1871, Tag der Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles,  zählt nur noch im Ausnahmefall, wie zum diesjährigen 150. Jahrestag der Reichsgründung,  zu den deutschen Gedenktagen. Die Erinnerung an das einst so glanzvolle "zweite" Kaiserreich schwindet in dem Land, wo politisch-moralische Didaktik (begrifflich überhöht als "Geschichtspolitik") historische Grundkenntnisse, erst recht historische Reflexion, überlagert. Ist es Zufall, dass die Deutsche Post AG - anders als noch vor 50 Jahren im geteilten Land die Deutsche Bundespost  - im Jahr 2021 auf eine Gedenkmarke verzichtet hat? Auch im DHM gibt´s keine - und sei es virtuelle - Sonderausstellung zum geschichtsträchtigen Datum. Corona, die Wahl Armin Laschets auf dem digitalen CDU-Parteitag, das Klima und der Kampf gegen die AfD gehen vor. 

Immerhin hat das Jubiläum einige neue Bücher sowie Aufsätze und Kommentare in den Medien hervorgebracht. In ihnen scheiden sich  an Bismarcks Reichsgründung die Geister. Unter den Kritikern findet man zwar kaum noch einen, der mit Bedauern an den "deutschen Bruderkrieg" und die am 3. Juli 1866 bei Königgrätz erzwungene Hinausdrängung Österreichs aus dem deutschen Geschichtsterritorium erinnert. Seit den 1960er Jahren - im Gefolge der Thesen Fritz Fischers zur deutschen Kriegsschuld 1914 - zielt die Kritik linksliberaler Historiker und Publizisten  ins Prinzipielle, in die Reichsgündung als solche. Die drei Einigungskriege - dazu zählt  der von Preußen und Österreich notabene noch gemeinsam geführte deutsch-dänische Krieg 1864 -  seien Ausdruck einer Machtpolitik, die nach der Errichtung des "unruhigen" Deutschen Reiches als nach "Weltmacht" strebenden Machtgebildes in Europas Mitte nur ins Verhängnis münden konnte. Zu den Negativmerkmalen des preußisch-deutschen Reiches gehörte demnach seine Entstehung als Fürstenbund unter preußischer Dominanz, das Fehlen einer parlamentarischen Regierung in der Verfassung des Reiches, der Ausschluss der Sozialdemokratie, die Kolonialpolitik, der Flottenbau, last but not least die Persönlichkeit des vermeintlich kriegslüsternen Kaisers Wilhelm II.

Aus dieser Sicht führte der Weg von 1871 über 1914/18 geradezu zwangsläufig zu 1933, und von dort nach Auschwitz. In Wirklichkeit ignoriert ein derart nicht erst seit "1968" ideologisch aufgeladener Kurzlehrgang durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts vielerlei Fakten, die einer linearen Deutung des Wegs in die deutsche - und europäische - Katastrophe entgegenstehen. Zur Klarstellung: Es geht  nicht darum, eine Apologetik zugunsten des in geschichtlichem Glanz erscheinenden Reiches und dessen schmählichen Endes im November 1918 zu entfalten, und schon gar nicht um "revisionistische" Fußnoten zum Verbrechensregime des "Dritten Reiches". 

Reflexionen über die Reichsgründung 1870/71, über die Julikrise und den August 1914 (samt den "Ideen von 1914"), über den "Tag von Potsdam" (21. März 1933), über den 20. Juli 1944 sowie über das zum Weltgedenktag erhobene Datum des 27. Januar 1945 sind für einen geschichtsbewussten Deutschen selbstverständlich. In dem zu unser aller Glück nach dem Mauerfall vereinten - wenngleich von Dissonanzen (auch jenseits des Brexit) gekennzeichneten  - Europa gehört zur Betrachtung der Geschichte des 20. Jahrhunderts die viel beschworene europäische Perspektive. Sie weist zurück auf die Dialektik der Französischen Revolution, die mit der Idee der Menschenrechte, der Freiheit, Gleichheit und Volkssouveränität auch die des modernen Nationalismus hervorbrachte, auf die Heraufkunft der Massengesellschaft im Gefolge der Industriellen Revolution sowie auf die den Totalitarismus und Terror inspirierenden Ideologien.

Nicht zu lösen von der Erinnerung an die - in der ahistorischen deutschen Gegenwart halb vergessene - Reichsgründung 1871 sind schmerzliche Empfindungen bezüglich der eigenen Lebensgeschichte. Sie vermengen sich - im Rückblick auf 1914 sowie auf die multipolare Welt der Gegenwart  - mit Überlegungen zu Begriff und Realität von Macht samt deren Veredelung mit Menschheitsideen. Über die Zukunft Europas, nach dem II. Weltkrieg teils aus Überzeugung, teils aus Kalkül, durch Einsicht und historisch-politisches Glück vereint, nachzudenken, ist nicht nur für Deutsche in der Bundesrepublik Deutschland, in der historischen Kontinuität von 1871 erneut als Nationalstaat entstanden anno 1990, alles andere als eine müßige Beschäftigung. 


 

 

Donnerstag, 7. Januar 2021

Vaccinatio populi - Massenimpfung gegen Populismus

I.

Den Vorsatz, als virologischer Laie und Angehöriger der Risikogruppe II, III oder IV zum Thema Corona Sars II Covid 19 lieber zu schweigen,  muss ich bereits zu Jahresbeginn aufgeben. Das liegt nicht zuletzt an den Mutationen des Virus und dessen pandemischer Unkalkulierbarkeit, was wiederum im terminlich dicht gedrängten Wahljahr 2021 die Gefahren des Populismus hervortreten lässt. Was passieren kann, wenn das Volk auf der Bühne erscheint und die Demokratie in eigene Hände nimmt, konnten wir am 6. Januar, am Tag der Epiphanie, bis spät in die Nacht auf  Phoenix, ZDF und viel direkter, spannender noch auf CNN erleben. Das Volk trat in buntem Gewand auf. Zu sehen waren   bemerkenswert vele Frauen, Trump-Kappenträger beiderlei Geschlechts, fast alle ohne Coronamaske,  jede Menge Fahnenschwinger, bärtige frontiersmen, einige Helden der Kälte trotzend mit Dreispitz, Wams und Beinkleid der Amerikanischen Revolution. Ins Bild kam auch ein mutmaßlicher Latino, der sich - immerhin teilmaskiert - nach Erstürmung des Kapitols auf den Sitz des Speakers hinflegelte.

Für gefährliche Spannung sorgte die Nachricht von der Schussverletzung einer Frau, sodann von deren Tod. (Dass es sich bei der Toten um eine Trump-Anhängerin - und als frühere Luftwaffensoldatin gleichsam um ein progressives role model - handelt, war noch nicht zu erfahren.) Das Entsetzen der drei  - von den "Massen" offenbar unbehelligten - Reporter sowie der rechts auf dem Bildschirm zugeschalteten Kommentatoren über den Mob in den Hallen des Capitols, über die "Insurrektion" der Trumpisten - nur auf ihn und seinen Anhang zielte der Begriff "double standard" - war groß. Am überzeugendsten wirkte ein schwarzer Kommentator, der erklärte, der Protest des Trump-Lagers, so unerträglich und verdammenswert in seinen Erscheinungsformen, müsse ernst genommen werden. Die Zukunft Amerikas stehe auf dem Spiel, wenn es nicht gelinge, die tief gespaltene Nation wieder zusammenzuführen. 

 II.

Ein im Internet kursierender  Cartoon traf meine Stimmungslage am 6.Januar 2021: Ein Paar (m/w, unbestimmtes Alter) verfolgt vor dem Fernseher die Szenen aus Washington. Kommentar: "Endlich mal was anderes als jeden Tag nichts als Corona". 

Am Tag danach, bei der Frühstückslektüre, holt mich die deutsche Wirklichkeit, Corona, wieder ein. Die schlichte Wahrheit ist, dass unsere classe politica, egal welcher Fraktion, bezüglich der Pandemie ratlos ist. Die Ratlosigkeit liegt in der Natur der Sache und ist ihren Vertretern auf Bundes- und Länderebene nicht übelzunehmen, wohl aber, dass diese ihre Ratlosigkeit mit Rhetorik, besorgten Minen, Appellen ans Volk, zunehmenden Einschränkungen des elementaren Alltags sowie changierenden, zuweilen der Logik entbehrenden Vorschriften überspielen. Beispiel: Die noch existierenden Großeltern (m/w) dürfen ihr (einziges) Enkelkind besuchen, nicht aber der/die/das Kleine Oma und Opa in ihrer Rentnerwohnung, geschweige denn im Altersheim. In Hessen dürfen die Kinder in die Schule, wenn sie oder ihre Eltern dies wollen, in Sachsen auf keinen Fall.

Spahn, Merkel, Scholz, Söder, Bouffier etc. wissen,  was für das Volk richtig ist. Es muss ihnen vertrauen, sich gegen die Suggestionen dissidierender Virologen, erst recht gegen die Demagogie von "rechts" immunisieren. Schon im Oktober warnte Bundespräsident Steinmeier vor "Impfstoff-Nationalismus". Jetzt, da der "deutsche" Impfstoff da ist - und ein Staat wie Israel seine Bevölkerung im Schnellverfahren bereits weithin "durchgeimpft" hat -, gilt es in diesem unserem Lande, sowohl vor Corona mutata als auch vor nationalem Egoismus auf der Hut zu sein. Wir müssen "europäisch" vorgehen. Alles andere, so erklärt Kanzlerkandidat Scholz, sei "Impfnationalismus".

Von "Impfnationalismus" spricht auch ein anderer, geschichtsbewusster Genosse (dessen Name  mir entfallen ist.) Er lässt das Corona-geplagte, unter permanentem Nationalismus-Verdacht stehende Volk wissen, die SPD sei immer stolz auf ihren "Internationalismus" gewesen. Es gelte, den Impfstoff im Geiste europäischer Solidarität zu injezieren. Der Genosse meint, nicht anders als seine Kanzlerin, die EU, nicht etwa auch die Moldavische Republik, Belarus oder Serbien, vielleicht aber das unter Kuratel stehenden Kosovo.

Der Kampf  des besagten Genossen gegen den "Impfnationalismus" der Deutschen, sein "Impfinternationalismus", endet an den EU-Außengrenzen. Natürlich besitzt der "europäische" Impfegoismus eine andere Qualität als der antivirale Affekt der Deutschen. Derlei Impfegoismus ist der Nährboden des Populismus - in den USA der Trumpismus, in Deutschland die AfD. Gegen derlei Gefahren ist eine nationale Massenimpfung nicht nur zulässig, sondern geboten. P.S. Es besteht keine Gefahr, dass "Impfnationalismus" zum "Unwort des Jahres" erhoben werden könnte.