Freitag, 14. August 2020

Vorgesehener Titel: Alma mater benigna dolorosa

Ich darf die geneigten Leserinnen (sc. auch die ohne weibl. Suffix) und die diversen weniger Geneigten, auf meine Glosse zu dem unerwarteten Wiederauftauchen der  Plagiate in Doctor Franciska Giffeys Dissertation an einem exzellent europäisch forschenden Institut am OSI der FU hinweisen. Der Text erschien soeben auf der "Achse des Guten" unter einem treffenden Titel. Als Titel für den Text - ich bitte um Nachsicht für einen Syntax -Schnitzer sowie einen Tipp-Fehler (muss unten heißen "wird´s") um Nachsicht - war die obige Überschift vorgesehen. Die "Achsen-Redaktion" hat die Reprise der Berliner Farce mit dem alljährlichen Wiederauftauchen des Ungeheuers in Schottland in Verbindung gebracht: Siehe https://www.achgut.com/artikel/franciska_giffey_und_ihre_doktorarbeit_als_ungeheuer_von_loch_ness

Donnerstag, 6. August 2020

Katastrophen, politische Bildung und deutsche Grammatik am 6. August 2020

I.
Die Frühstückslektüre (FAZ v. 6.August 2020) bietet wenig Erfreuliches. Auf der ersten Seite erfahren wir vom (erneuten) Geständnis des wegen Mordes an dem von Fremdenhaß getriebenen Hauptangeklagten Stephan E. an dem Kasseler  Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Darüber, illustriert durch ein Bild der Trümmerstätte, kündet der Aufmacher von der Explosionskatastrophe in Beirut. Der Kommentar spricht vom "Ende des alten Libanons". Wir dürfen spekulieren, was hinter der gewaltigen Explosion in Beirut steckte, die bis dato 135 Menschen das Leben kostete, Zigtausende Verletzte hinterließ, den Hafen und ein ganzes Stadtviertel zertrümmerte. War es nichts als die Folge jahrelanger Schlamperei, was hatte der auf Zypern residierende russische Schiffseigner mit der seit Jahren im Hafen liegenden Schiffsladung im Sinn, handelte es sich um ein bei Bedarf anzuzapfendes Sprengstofflager der Hisbollah? Wie immer die Antworten lauten, wir dürfen uns bereits auf eine neue Fluchtwelle aus dem Libanon einstellen.

Der hierzulande bereits vergessene Bürgerkrieg im Land der biblischen Zeder 1975-1980 brachte den Zuzug der unsere Großstadtleben bereichernden "Großfamilien" mit sich. Wenn sich nun, im Sommer und Herbst 2020, im failing state an der Levante verarmte Familien, jetzt auch noch wohnungslos und hungernd, auf den Weg machen und Schlepperbanden anvertrauen, so ist dies immerhin verständlich. Zu fragen bleibt nur, ob sodann die lila Galeere "Seawatch" des Ratsvorsitzenden  Bedford-Strohm von der libyschen Küste in Richtung Libanon umsteuert, um diese Unglücklichen aufzunehmen, oder ob man die Rettungsaktion der Bundesregierung samt der kontinuierlich unerreichten EU-Quotierung für Flüchtlinge ("Geflüchtete") überlässt.

II.
Am 6. August gedenkt man in Japan und auch "im Westen" des Abwurfs der ersten Atombombe in Hiroshima: In Japan gedenkt man mehr der Opfer von Hiroshima und Nagasaki sowie der  nachfolgenden Kapitulation des Kaisers, im Westen denkt man mehr über Gefahren nach, die der Welt aus der wachsenden Zahl von über Atomwaffen verfügenden Mächten erwachsen. Der Herausgeber Berthold Kohler erinnert daran, dass Barack Obama ehedem zwar die Abschaffung aller Atomwaffen als Ziel prokamierte, aber selbst nicht glaubte, dieser Traum werde sich zu seinen Lebzeiten erfüllen.

Seit der Ära des Kalten Krieges lag der Zweck der angehäuften, durch allerlei Abkommen zwischen den "Supermächten"  beschränkten Atomwaffen im System der wechselseitigen Abschreckung. Der Nuklearschirm der USA verhieß den nichtnuklearen Nato-Verbündeten, obenan die alte Bundesrepublik, "Sicherheit". Ob diese Rechnung im Blick auf die Gegenwart noch aufgeht, hängt vom Verhältnis des wiedervereinten Deutschland zu seiner unter Präsident Trump reizbar erscheinenden Hegemonialmacht ab. An der Problemlage dürfte sich auch im Falle eines Wahlsiegs des  Demokraten Joe Biden wenig ändern. Nicht nur, dass die Deutschen - auch im Rahmen ihrer zunehmenden peace enforcing missions - wieder mehr zahlen und aufrüsten müssen - ein Austritt aus der Nato ist undenkbar, tauglich allenfalls als rhetorische Figur beim Schaulaufen jugendlich "linker" Karrierepolitiker. Anders als zu Zeiten des Kalten Krieges sind angesichts der Weltlage des 21. Jahrhundert die Sicherheitsrisiken für Deutschland und Europa schwerer zu kalkulieren. Atomare Risiken sind unter neuen Bedingungen wiedergekehrt. Die multiplen Teufel in die Flasche zurückzustoßen, scheint ein vergebliches, hoffnungsloses Unterfangen. Doch derlei Überlegungen eignen sich nicht für Wahlkämpfe, auch kaum für unsere auf den "Kampf gegen Rechts" fixierte politische Bildung.

III.
Im Zeichen von Corona brechen die alten Bildungsprobleme auf allen Ebenen - von den Kitas über die Sekundarschulen bis zur Bologna-Universität, von den bildungsfernen Schichten bis zu den linksliberal privilegierten, von Numerus-clausus-Nöten gestressten Akademikerhaushalten - verschärft auf. Es geht um Fragen wie die richtige Sitzordnung in den Klassenräumen, um Frontalunterricht mit Masken für die Lehrenden oder nur für die Lernenden und/oder Lernwilligen, um peripatetische Lernbegleitung oder autoritären Lehrergestus mit desinfizierten Wegwerfhandschuhen. Last but not least:  Wie lässt sich Bildungsgerechtigkeit in dem System des deutschen Bildungsföderalismus erreichen? Und wie erlangen wir die von den Bildungsexperten der OECD geforderte Abiturierienden- und/oder Studierendenquote von 50 Prozent pro Jahrgang? Bislang nähern sich bundesweit nur Berlin, Hamburg und Bremen dem erstrebten Ziel.

Dass mehr Bildungsgerechtigkeit durch  Minderung des Lern- und Leistungswissens zugunsten der Lernkompetenz zu erzielen sei, ist unter Bildungsforschern unumstritten. Zu den unnötigen, dank digitalen Lernens obsoleten Kompetenzen, gehört die Kursivschrift, ehedem in der Volksschule eingeübt mit mehr oder weniger kalligraphischer Eleganz. Heute genügt selbst in hessischen Gymnasien die Blockschrift, denn wozu sollte man es den Eleven (m/w/d//d/w/m//w/d/m) unnötig schwer machen.

Während im akademischen Bologna-Betrieb  Gender*sternchen unverzichtbar sind - das Fehlen der entsprechenden Gerechtigkeitssymbole kann Punkte bei der Benotung kosten -, kommt es auf die alte deutsche Grammatik nicht mehr so an. Den jüngsten Beleg finden wir auf der FAZ-Gedenkseite zu Hiroshima in der Zwischenüberschrift zu einem Porträt eines  Kriegsveteranen: "Der 92 Jahre alte Koji Hayakawa überlebte 1944 den Untergang der Musashi, dem Flaggschiff der japanischen Marine."

Mittwoch, 22. Juli 2020

Notiz zum Berliner Schildersturm


Vorerst wird also nichts mit der Umbenennung des U-Bahnhofs "Mohrenstraße". Dabei hat die U-Bahn-Station im Bezirk Mitte, eröffnet anno 1908 unter dem Namen „Kaiserhof“, schon einige historisch bedingte Namenswechsel hinter sich. Mit der DDR verblich auch die U-Bahn-Erinnerung an Otto Grotewohl - ein Name, der außer alten SED-Genosssen vielleicht noch Kevin Kühnert geläufig sein könnte. Die U-Bahn-Station "Mohrenstraße erhielt ihre derzeitige Bezeichnung erst 1991, just in der Phase, so weiß wikipedia, als man in Berlin daranging, „im Kontext einer umfassenderen Debatte über möglicherweise historisch belastete Straßennamen auch eine Umbenennung der Mohrenstraße und der gleichnamigen U-Bahn-Station“ zu diskutieren. In den herrschenden Diskursen heißt Diskutieren soviel wie Sich-Durchsetzen. Im Politologenjargon heißt dies "agenda setting".
 
Der erste massive geschichtsmoralische Vorstoß gegen die Mohrenstraße kam von der natur- und geschichtsverbundenen Naturfreundejugend. Im Laufe der Zeit fanden die hauptstädtischen Naturfreunde Unterstützung bei den  Grünen (ehedem Alternative Liste), bei der in Sachen Namenstausch versierten Partei „Die Linke“ sowie mutmaßlich bei „linken“ Sozialdemokraten, nicht zu vergessen die moralischen Minderheiten in den Berliner Bildungsstätten. 
 
Trotz derlei politisch machtvoller Allianz, die schon seit Jahren dabei ist, mit teils plausiblen, teils ideologisch schlichten Argumenten sämtliche Straßenschilder im Afrikanischen Viertel des Berliner Wedding abzuräumen, hielt sich die demokratische Volkswut gegen die Mohrenstraße bis dato in Grenzen. 

Zu berichten ist hier von einer Episode, sich vor ein, zwei Jahren in der U 2 zutrug. Als sich der voll besetzte Zug der betreffenden Station näherte, hielt es eine Dame Ende dreißig/Anfang vierzig für ihre Pflicht, ihre Empörung über die soeben ausgerufene Bezeichnung zu bekunden. Ein etwas älterer Fahrgast äußerte Widerspruch und verwies auf  Denker und Dichter, darunter selbst Goethe, die im Falle einer Generalbereinigung deutscher Straßenschilder eliminiert werden müssten. Derlei Einwand eines Mannes mit Bildungshintergrund trieb die moralische Entrüstung der Dame zu kämpferischem Widerstand. Nein, „mit Leuten wie Ihnen“ - könne sie nicht länger in der U-Bahn fahren. Sie stieg aus, womöglich gerade noch an der Mohrenstraße.

Durch derlei Aktionen aufgeschreckt, bekundeten die Berliner Verkehrsbetriebe – wer immer dort für public relations und/oder politische Bekenntnisse zuständig sein mag – in gelben Lettern alsbald ihre moralische Entschlossenheit: „Viel zu lange trug unser (sic!) Bahnhof diesen Namen. Wir setzen dem ein Ende und benennen ihn um. („Mohren“ rot durchgestrichen.) Nächster Halt: Glinkastraße“. 
 
Die moralisch gut gemeinte Aktion der BVG ging daneben. Ein paar aufmerksame Bürger, darunter der frühere Welt-Redakteur Thomas Schmid, verwiesen auf problematische Flecken im biographischen Erscheinungsbild des russischen Komponisten. Der rot-rot-grüne Senat stoppte den moralischen Eifer seiner Verkehrsbetriebe. Womöglich steht jetzt gar die Glinkastraße – in den 1950ern beschildert als Zeichen deutsch-sowjetischer Freundschaft – auf dem Programm unserer neuen Namensgeber. Die auf dem Russischen Friedhof in Berlin-Tegel aufgestellte Grabplatte des in Berlin verstorbenen Michail Glinka (1804-1857) dürfte den Berliner Geschichtsaktivisten indes kaum bekannt sein und somit vor  Ikonoklasmus geschützt sein.

Der Kampf um die U-Bahn-Station "Mohrenstraße" ist somit weiterhin offen. Allerdings hat inzwischen ein Berliner Basketballprofi den Kampf gegen "Onkel Toms Hütte" (Endstation U 3) aufgenommen. Historische Grundkenntnisse sind unseren Schilderkämpfern so fremd wie der Sinn für Ironie.

Mittwoch, 24. Juni 2020

Radebeul: Zum Kulturkampf in diesem unseren Lande

I.

Die Bilder von den jüngsten Gewaltszenen in Stuttgart bringen in der politisch-medialen Ausdeutung die üblichen Kommentare hervor: teils entrüstet, teils verständnisvoll interpretierend, durchsetzt mit Kritik an der aus ihrer Saturiertheit aufgeschreckten "Mehrheitsgesellschaft". Die zugrundeliegende Thematik bleibt dabei unkommentiert.

Es geht in nuce um das die Zukunft Europas bestimmende Thema Einwanderung, in der lingua politica ohne Präfix benannt als "Migration". Es betrifft nicht nur Deutschland. Vor allem hier jedoch, in dem ehedem von teils verständlichem, teils hybridem Stolz auf die eigene Kultur erfüllten Land, findet seit Jahren um dieses Thema - in Politik und Medien begrifflich gemieden und faktisch ignoriert -  ein Kulturkampf statt. Die Auseinandersetzungen betreffen - wenn auch wesentlich anders als dereinst vor 150 Jahren unter dem Reichsgründer Bismarck - im engeren Sinne die Religion, im umfassenderen, grundsätzlichen Sinne die Zivilreligion.

An der  Oberfläche geht es um Aspekte der zum tagespolitischen Klischee verkommenen Integration. Dieser - im Hinblick auf bereits vorhandene Einwanderungsgruppen sowie auf die anhaltende, von Staat und aktivistischen Gruppen und Institutionen der  "Zivilgesellschaft" forcierte Einwanderung (Im-Migration) - positiv-integrierend, auf "Eingliederung" zielende Begriff wird derzeit von dem Schlagwort "diversity" überformt und ersetzt. Beide Begriffe verhüllen oder negieren das in unterschiedlicher Kultur, Tradition und Religion angelegte Konfliktpotential. Bereits eine solche Aussage wird im Rahmen der politisch verengten Diskurse von "linken" Protagonisten unbeschränkter Einwanderung zurückgewiesen, als "rechts" oder "neurechts" perhorresziert. Dabei wissen längst nicht nur aufgeklärte Marxisten, dass in historischen Prozessen, in Politik und Gesellschaft, der kulturelle Überbau vielfach wichtiger ist als die Basis.

Was sind - außer dem schnöden Mammon und der spezifischen Attraktivität des deutschen Sozialstaats - die Bindekräfte, die eine politische Gesellschaft, genauer: eine historisch entstandene "moderne" Nation, zusammenhalten? Die "richtige" Antwort - ursprünglich formuliert von Dolf Sternberger, sodann adaptiert von Jürgen Habermas, heute proklamiert von Katja Kipping, Katrin Göring-Eckardt, Sawsan Chebli etc.  -  lautet: Verfassungspatriotismus, die Bindung an die Werte des Grundgesetzes. Die Antwort ist nicht allein aufgrund des fehlenden Bezugs auf Kultur und Geschichte semantisch flach, sondern in doppelter Hinsicht  - historisch und theoretisch - unzutreffend. Zum einen schufen die "Mütter und Väter" - so die neuerdings übliche Sprechformel  - im Namen des "Deutschen Volkes" das Grundgesetz vor dem historischen Hintergrund des in Schrecken und Zerstörung untergegangenen NS-Reiches. Zum anderen manifestieren sich in den Verfassungsprinzipien (obenan der stets zitierte Artikel 1 GG "Die Würde des Menschen ist unantastbar") spezifisch westliche ("abendländische") - aus Antike, Christentum und Aufklärung - abzuleitende Kulturtraditionen.

Dieselbe Feststellung gilt für das Mantra der Menschenrechte - ein revolutionäres Konzept aus der "westlichen" Tradition des säkularen Naturrechts. In der Radikalität des Begriffs ist der historisch-kulturelle Kontext "unserer" politischen Metaphysik zwar nicht mehr zu erkennen, tritt in der politischen Gegenwart jedoch stets dann hervor, wenn  außerhalb Europas auf Einhaltung der Menschenrechte gepocht wird. Für Machthaber wie Xi Jinping handelt es sich um lästiges ideologisches Begleitgepäck westlicher Geschäftspartner oder Konkurrenten. Zu deren nachhaltigen Irritation halten sodann den westlichen Menschenrechtlern die islamischen Gelehrten der Universität Al Azhar in Kairo ein eigenes Konzept entgegen. Längst wird - losgelöst von der Menschenrechtsthematik -  die Problematik: säkularer Rechtsstaat oder innerislamische Rechtsprechung bzw. Clan-Justiz in den communities in den Einwanderervierteln handgreiflich:  (Dazu als Beispiel: https://rp-online.de/nrw/staedte/duisburg/duisburg-marxloh-todesdrohungen-gegen-polizei-einsatz-gegen-clans_aid-51592625?fbclid=IwAR0zSR2TYLNQ-rlnBE5osNotazzNzGQsamCdunLsR90hXyhvct6rH-XNdII )

Was die kulturelle "Integration" der undifferenziert und pauschalisierend als "Migranten" Einwanderungsgruppen betrifft, so liegt dem Konzept der "weltoffenen" Einwanderungsgesellschaft ein eklatanter Widerspruch zugrunde. Die auf  "Wertevermittlung" zielende politische Sozialisation von Kindern und Jugendlichen gründet in diesem unserem Lande in erster Linie auf der Auseinandersetzung mit der Ära des Nationalsozialismus. Wie danach selbst junge ethnisch Deutsche ("Biodeutsche") nach jüngster Empfehlung des Bundespräsidenten "Deutschland  noch mit gebrochenem Herzen lieben" können (oder sollen), ist für sich genommen fragwürdig genug. Dass die "migrantischen"  Jugendlichen sich - im Sinne eines geschichtsbewussten "Verfassungspatriotismus" -  mit der deutschen Geschichte identifizieren könnten, ist erst recht nicht anzunehmen. Es handelt sich um eine latente und evidente Konflikte kaschierende Wunschvorstellung.

II.

Nur für eine kurze Phase - im Gefolge der 2015 von der Kanzlerin Merkel unter der Parole "Wir schaffen das!" durchgesetzten Aufnahme von 1,5 Millionen Menschen aus Nahost und anderswo  - drängte die - kulturelle, eben nicht nur soziale - Einwanderungsproblematik ins politische Bewusstsein der Bundesrepublik. Eine Anzahl von  Bürgern (m/w) trat mit der von der früheren DDR-Bürgerrechtlerin und langjährigen Bundestagsabgordneten (zuerst Bündnis ´90/ die Grünen, dann CDU) Vera Lengsfeld initiierten "Erklärung 2018" hervor. Naturgemäß stieß derlei Kritik an der Regierungspolitik in der etablierten "öffentlichen Meinung" auf vehemente Ablehnung. Die Kritik wurde mit der probaten Allerweltsformel "rechts" abgewehrt.

Unter den prominenten Unterzeichnern der "Erklärung 2018" befand sich der mit Literaturpreisen ausgezeichnete Schriftsteller und Lyriker Jörg Bernig. Bereits im September 2016 hatte Bernig in einer Rede in der Lessingstadt Kamenz die faktische Einschränkung freier Meinungsbildung in Deutschland beklagt. Mehr noch:  „Wenn unkonventionelle Meinungen bis zur Existenzvernichtung des anderen bekämpft werden, läuft es aufs Gehorchen hinaus. Das ist das Gegenteil von Aufklärung.“ Seine Rede stellte er unter das Kantsche Diktum "Habe Mut..." Bernig fand nichts dabei, auch in Publikationen, denen das Odium "rechts" anhaftet, mit Essays hervorzutreten.
(Merke: In diesem unserem Lande kommt es nicht auf das "Was", sondern auf das "Wo" an. Leider kriegt man auf den Plätzen der res publica nicht überall Zutritt.)

Als Bernig, früher bereits von der Stadt Radebeul mit einem Kulturpreis ausgezeichnet,  Anfang Juni vom Stadtrat, genauer: von einer über die Stimmen von CDU und AfD hinausgehenden Mehrheit zum Kulturbeauftragten der Stadt Radebeul gewählt wurde, waren die Konsequenzen abzusehen. Eine Empörungswelle gegen den "neurechten" Autor schlug los, ausgelöst von einem Jazzmusiker, der Unterschriften unter protestierenden "Kulturschaffenden" (Terminus LTI) sammelte. Sogleich sprangen die landesüblichen Medien (Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel etc.) auf den Kampagnenwagen. Die Vorsitzende des deutschen PEN-Clubs (Eintritt/Beitritt nur durch Kooptation möglich) forderte Bernig zum Austritt aus dem Verein auf. 

Die Folgen sind bekannt: Der Oberbürgermeister von Radebeul legte ein Veto gegen die Wahl ein. Bernig verzichtete auf einen neuerlichen Wahlgang. Als Kulturbeauftragte gewählt wurde mangels Konkurrenz die bei der Erstwahl Unterlegene. Im deutschen Kulturkampf  der Karl-May-Stadt Radebeul hatten die guten "Linken" über einen bösen "Rechten" einen Sieg errungen.

III.
Das online-Magazin "Globkult" (Herausgeber Gunter Weißgeber, langähriger Bundestagsabgeordneter [1990-2009] und 2019 ausgetretenes Mitglied der SPD),  versteht sich - nomen est signum -  als Forum der Information und Meinungsbildung zu den kulturellen Prozessen und zum politischen Geschehen auf dem Globus, naturgemäß also auch in diesem unserem Lande, in dem wir -  dixit Merkel - "gut und gerne leben".

Wenn man wegen eigenständiger, nonkonformer Meinungsäußerungen öffentlich angegriffen wird und befürchten muss, wegen politischer Unbotmäßigkeit Besuch von Tante Antifa zu kommen, lebt es sich in diesem Land immer weniger gut. Ein Klima der Unfreiheit, des Zwangs zur Anpassung, der Unterwerfung unter verordnete Denkgebote breitet sich aus.

Das liberale - auf freie Meinungsbildung verpflichtete - Magazin "Globkult" bot dem Autor Lutz Götze das Forum zu einer Polemik gegen den "neurechten" Bernig und zur Rechtfertigung des gegen ihn inszeniertenVerfahrens (https://globkult.de/gesellschaft/identitaeten/1904-vom-missbrauch-der-aufklaerung). Dass Götze sich als eigentlicher Aufklärer versteht und zur Selbststärkung den einschlägigen Passus aus Kants "Antwort auf die Frage: Was ist Aufklärung?" zitiert, entbehrt nicht der Ironie. Schlichte Polemik gegen "Bernigs Säulenheiligen Samuel P. Huntington und sein Werk »Kampf der Kulturen«, in dem der Amerikaner, ähnlich wie Frankreichs Bestsellerautor Michel Houellebecq, die Islamisierung Europas vorhersieht," genügt Götze als Argument.

Immerhin hat Bernig in der gegen ihn geführten "erfolgreichen" Kampagne einige couragierte Unterstützer gefunden. Eine davon ist die einstige DDR-Bürgerrechtlerin Heidi Bohley. Sie schrieb Anfang Juni in einem "Offenen Brief" an die Mitglieder des Stadtrats, darunter Oberbürgermeister Wendsche: "Menschen, die sich selbst Kulturschaffende nennen, verlangen von Ihnen, dass Sie eine Wahl rückgängig machen, demokratische Regeln über Bord werfen und stattdessen den Erwartungen einer durch keine Wahl legitimierten, kleinen aber lautstarken Menge folgen." Ihren "Offenen Brief"  hat sie in einem Artikel für "Globkult" mit Details des  - für die deutsche Kulturlandschaft exemplarischen - Verfahrens zu Radebeul ergänzt.

Es bleibt zu hoffen, dass dank Internet und social media Heidi Bohleys Aufsatz (https://globkult.de/gesellschaft/identitaeten/1905-demokratiesache-bernig)  breite Beachtung findet.  Es ist ein mutiger Beitrag zur Erhellung des in diesem unseren Lande stattfindenden Kulturkampfes. 





 





Freitag, 12. Juni 2020

Notiz zu meinem Beitrag zum Tod von George Floyd

Nur eine Kurznotiz an meine Blog-Fans und /oder Followers:
Von meinem Globkult-Mitstreiter Ulrich Schödlbauer wurde ich mahnend  daran erinnert, dass seit meinem letzten Blog-Eintrag vom und zum 8. Mai 2020 nichts Neues mehr auf meiner Kolumne zu finden ist. Um diesem Manko abzuhelfen, verweise ich auf meinen Globkult-Artikel zu der durch den Tod von George Floyd ausgelösten Rassismus-Debatte:https://www.globkult.de/gesellschaft/identitaeten/1898-polizeigewalt-und-andere-ursachen-zum-tod-von-george-floyd 
Der Aufsatz ist jetzt auch auf The European zu lesen:

Freitag, 8. Mai 2020

Leseempfehlungen zum 8. Mai 2020

Realgeschichte, Geschichtsschreibung, Geschichtspolitik - i.e. von Historikern produzierte, von Politikern angewandte "Narrative" -, historisch-politisches Geschichtsritual einerseits, persönliches Erleben samt subjektiver - somit selektiver - Erinnerung andererseits, klaffen naturgemäß auseinander. Sofern der Begriff der Dialektik nicht zur Aufhebung in den Hegelschen Himmel dient,  halte ich die Rede von der "Dialektik der Befreiung" für brauchbar. Nicht aufhebbar ist darin Tod und Vernichtung, Leiden und Sterben von Millionen, Abermillionen Menschen.

Anstelle eines eigenen Kommentars zum heutigen Berliner Feiertag empfehle ich den Lesern meines Blogs den soeben veröffentlichten "Nachtrag" zum 8. Mai 2020. 
 https://globkult.de/blogs/ulrich-siebgeber-der-stand-des-vergessens/1883-8-mai-ein-nachtrag
Zudem verweise ich auf eine "Miszelle", die ich zu besagtem Datum vor einigen Jahren verfasste. Der Text hat m.E. nichts an Aktualität verloren. Allerdings müssen die seinerzeit im Präsens getroffenen Aussagen ins Präteritum gesetzt, die Zeitangaben um vier Jahre verändert werden.
https://herbert-ammon.blogspot.com/2016/05/zum-89mai-1945-eine-schachmiszelle.html

Was die "objektive" Betrachtung des Geschichtsdatums betrifft, empfehle ich den Essay von Michael Wolffsohn. Auch er spricht - auf der Ebene historischer Abstraktion - von der "Dialektik der Befreiung": https://www.theeuropean.de/michael-wolffsohn/weltgeschichtliche-betrachtungen-zum-8-mai-1945/


Dienstag, 28. April 2020

Kommentar zum Grundrecht auf Meinungsfreiheit (gemäß Art. 5 GG)

Darf man in diesem unserem Land noch dürfen oder lieber nicht? Man darf, außer man gerät in die Verdachtzone. Im übrigen gilt: Wer nicht im grünen, merkelfrommen Chor mitsingt, hat in der pluralistischen, will sagen: realkonformistischen  Gesellschaft nur geringe Chancen, Gehör zu finden.

Zur Klarstellung: Von der politisch-medialen Corona-Epidemie bzw. Endemie habe ich mich nicht anstecken lassen. Ich weigere mich auch nicht, Mund und Nase zu verhüllen, wenn ich in meinen überschaubaren Edeka-Markt gehe, genauer: wenn ich, ohne rechte innere grün-korrekte Überzeugung, mit dem Rad zum Einkaufen fahre. Ich weise zugleich Maskenverweigerer nicht zurecht, und ich halte mich von Berliner Massenveranstaltungen - wie integrationsförderliche Beerdigungen, Corona-Doppel-Demos auf dem Rosa-Luxemburg-Platz oder Kreuzberger Klassenkämpfe ("Myfest") - fern. Bezüglich des vertrackten Syndroms von Infektions- und Sterberisiken, ökonomischem Niedergang, Kollaps unseres vorbildlichen (nur von einigen "Linke"-Funktionären angezweifelten) Sozial-und Gesundheitssystems bekenne ich, nicht zu wissen, welche Maßnahmen denn die richtigen sind (oder wären). Soll man darüber spekulieren, zu welchem Termin in diesem unserem Land der Shutdown/Lockdown wieder aufgehoben wird? Ob und wie die avisierte Anti-Corona-Anleihen-Injektion den notorischen Schuldnerstaaten wieder auf die Beine hilft?

Ich möche mich auch nicht am feuilletonistischen Streit über Wolfgang Schäubles eigenwillig autoritative Interpretation des Grundgesetzes beteiligen, wonach die Würde des Menschen über dem ultimativen Lebensrecht des Menschen stehen soll. Schäuble hat insofern recht, als im Kriegsfall - und bei allgemeiner Wehrpflicht - Regierungen und militärische Befehlshaber nicht dem Lebensrecht der Rekrutierten vor politisch-militärischen Entscheidungen den Vorzug geben. Den Toten bleibt dann die Würde auf den Soldatengräbern, sofern nicht die besonders wertebewusste, pazifistisch-würdevolle Tante Antifa ihren Begriff von Menschenwürde zum Ausdruck bringt. Aktuell geht es Schäuble mehr um die Abwägung der ökonomischen und sozialpolitischen Risiken eines prolongierten Shutdown, also um ein eminent politisches Thema. Über die Probleme eines landwirtschaftlichen Familienbetriebs mit dem Ausgesinde sinnierte dereinst Helmut Qualtinger. Satire ist beim Thema Corona indes unangebracht, im Blick auf die eigene Zukunft im Pflegeheim irgendwie pietätlos.

Man darf also über vieles nachdenken, aber nicht alles aussprechen. Nun gibt es Gottseidank - außer dem in sozialer (und politischer) Isolation verfassten Blog - noch ein paar Medien, die dem freien Bürger demokratisch freie Meinungsbildung (Art. 5 GG) ermöglichen, z.B. die "Achse des Guten". Über dieses Medium schreibt - unter der Überschrift: "Unsere Liste der Guten" - der Ramadan-Verweigerer Hamed Abdel-Samad: „Die Achse-Autoren haben Kante und Biss und keine Angst, falsch zu liegen. Das macht sie beliebt und verhasst zugleich. Viele mögen die Achse nicht und lesen sie trotzdem heimlich. Das muss man erstmal schaffen.“

Freitag, 24. April 2020

Marginalien aus dem Corona-Frühling

Zum richtigen Umgang mit dem Corona-Virus Covid 19 erlaube ich mir als virologischer und allgemein-medizinischer Laie kein Urteil. Ich selbst möchte jetzt nicht in der Haut von Politikern stecken, die - gut oder schlecht beraten von sich widerstreitenden Experten - zu Entscheidungen genötigt sind, deren Konsequenzen so oder so schlecht abzuschätzen sind. Nichtsdestoweniger erlaube ich mir in diesen vom unsichtbaren Virus befallenen Frühlingstagen einen Kommentar zu den politischen Aspekten von Corona.

Da fallen  als erstes - außer den Kosten und dem erzwungenen Verzicht auf das Gartenlokal - allerlei Widersprüche auf: Die EU zerfällt im Kampf gegen die paneuropäische Epidemie wieder in Nationalstaaten, die ohne Beachtung des accord communitaire du Schengen die Grenzen schließen, zugleich die gravierenden Unterschiede in den Gesundheitssystem der Mitgliedstaaten offenbaren. Daran nimmt kaum einer Anstoß. Allein der europäische Kampf gegen Ungarn unter Orbán, der seine Grenzen aus  migratorischen Gründen  bereits 2015 dicht gemacht hat, hält aus menschenrechtlich-moralischen Gründen an. Außer Kritik steht hingegen die politische Praxis im Musterstaat Bundesrepublik Deutschland, wo man unlängst eine Anzahl unbegleiteter Minderjähriger, z.T. unrasiert, aus den Flüchtlingscamps auf Lesbos eingeflogen hat. Zugleich bleiben zwischen den Bundesländern die Grenzen hochgezogen wie zuletzt zwischen den Besatzungszonen nach 1945 und etwas früher noch vor Gründung des Zollvereins 1834 (unter Ausschluss Österreichs).


Was deutsche Bundesbürger zudem verblüffen mag, ist das Rivalisieren einzelner Bundesländer wie zwischen Bayern und NRW - hier strenges Corona-Regime, dort gelockerte Zügel - beim Kampf gegen Corona. Gewiss, es geht dabei nicht nur um die Ängste, Sorgen und Wünsche der Bürger, der pervasiven Zivilgesellschaft sowie der Fußballclubs und/oder -fans, sondern auch um das Sondieren von Machtchancen vor bzw. nach dem noch nicht absehbaren Abgang Merkels als ewiger Kanzlerin. In Zeiten der Not schart sich das Volk um starke Führungsfiguren (sc. Führerinnen und Führer), so dass die Umfragen in diesen Tagen gänzlich anders aussehen als noch vor ein paar Wochen: CDU/CSU mit 38 Prozent ganz oben, die Grünen nur noch halb so hoch mit 18 oder 19 Prozent, die AfD, unlängst mit so guten wie schlechten Gründen unter Infektionsverdacht gestellt,  fällt plötzlich unter 10 Prozent. Da wittert die FDP wieder Chancen, als Verfechterin der Freiheitsrechte des Bürgers gegen den großkoalitionären Ausnahmezustand hervorzutreten.


In Berlin gelten ohnehin seit je Sonderregelungen. Da, wie angekündigt, die "linken" Freiheits- und Klassenkämpfer nicht auf ihren Kampftag (mit vorhergehendem Kampfabend) am 1. Mai verzichten werden, hebt man die Einschränkung der Versammlungs- und Demo-Freiheit vorsichtshalber schon mal vorher halb auf. Ähnliches gilt bundesweit für die spätabendlichen Vergnügungen des Ramadan, während die ohnehin dünn besuchten Kirchen vorerst noch unter personell aufgelockerter Quarantäne stehen.


Für Kanzlerin Merkel zahlt sich die Pandemie offenbar politisch aus (siehe obige Umfragen). Dem drohenden wirtschaftlichen Kollaps in den seit langem von mangelnder Kreditwürdigkeit und nunmehr von Corona besonders befallenen EU-Südstaaten will sie mit einem riesigen digitalen Milliarden-Euro-Programm entgegenwirken. Sie wird unterstützt von Kulturschaffenden (und naturgemäß von grünen Politikerinnen), die - "aus europäischer Solidarität" - offen für Corona-Bonds plädieren, obgleich sie von Wirtschaftsfragen weniger verstehen als die Pächterin an der wegen Corona geschlossenen Eckkneipe.


Zweifel an der Weisheit unserer Kanzlerin ist - außer der erwähnten Kritik von Lindner (FDP) und Gauland (AfD) - kaum zu vernehmen. Ihr Diktum "Diese Pandemie ist eine demokratische Zumutung" könnte in kommenden Nach-Corona-Zeiten als Merksatz politischer Bildung dienen. Ausgerechnet in der sonst so regierungsfrommen FAZ (v. 24.04.2020, S.1) wagt der Leitartikler unerwartete Kritik: "Merkel legt beim Lockern der Beschränkungen eine Vorsicht an den Tag, die man sich von ihr schon in der Flüchtlingskrise gewünscht hätte."




Samstag, 21. März 2020

Volkes Wut gegen den Himmel

Wie einst zu Zeiten des Pestbazillus, zerfällt die Menschheit in Zeiten des Virus in ihre menschliche Vielfalt. Die einen feiern ("machen Party"), die andern verkriechen sich - mit oder ohne Anordnung - in ihre Wohnung,  wieder andere entdecken geängstigt, demütig oder empört die Macht des Schicksals. Auf RBB Kultur gab der Moderator die Anregung einer Hörerin weiter, man solle am Abend auf den Balkon gehen und gemeinsam mit den lieben Nachbarn "Freude schöner Götterfunken" singen. Offenbar ließ sich die Hörerin von TV-Bildern inspirieren, die noch vor einer Woche Italiener (w/m) beim gemeinschaftstiftenden Intonieren ihrer Nationalhymne zeigten. Hierzulande singt man, wenn überhaupt, anders,  nämlich EU-europäisch, ungeachtet der rundum - von Polen bis Luxemburg, von Dänemark bis nach Österreich -  national geschlossenen EU-Binnengrenzen. Mal sehen, ob bei niedrigen Temperaturen und kaltem Wind sich Corona-gefährdete Europäerinnen und Europäer auf die Berliner Balkone wagen...

Die Menschen sind, égalité hin oder her, verschieden. In dem bereits erwähnen Supermarkt überreichte eine Kundin der Kassiererin eine Bonbonniere als Dank an die Belegschaft für ihr tapferes Ausharren in der Gefahrenzone. Die Preise für  Nahrungsmittel wie Brot und lagerungsfähige Salami sind deutlich gestiegen. Hingegen sind die Regale mit Konfekt, Kaffee und Marmelade immerhin noch gut gefüllt, auch der Zeitungsständer neben der Kasse. Von dort fällt die große Bild-Überschrift ins Auge: "Söder: ´Gott schütze unsere Heimat!´" Söder,  fränkischer Herkunft, liegt die bayerische Heimat besonders nahe. Das (schwierige) Vaterland ist in diesem unserem Lande irgendwann  - während der rot-grünen Koaliton oder erst in der Ära Merkel? - außer Kurs gesetzt worden, auch aus Rücksicht auf die Gefühle von Tante Antifa.

Auch in Zeiten der Demokratie, gegründet auf das Prinzip der Volkssouveränität, bedarf es von Zeit zu Zeit des Appells an den Himmel. Und wenn das Parlament den Auftrag des Volkes nicht mehr erfüllt, sei appeal to Heaven sogar als erneuter revolutionärer Ausweg erlaubt, schrieb einst John Locke. Dieser war ein früher Deist und hielt deshalb sonst nicht viel von Gottes Intervention in die Geschichte der Menschheit oder eines Volkes. Wie es Söder, der nach Amtsantritt zum Entsetzen aller liberal  und islamophil Aufgeklärten in allen Amtsstuben Kreuze aufhängen ließ, mit der Gnade Gottes hält, ist seine spezifisch evangelisch-lutherische Glaubensfrage.

In den USA gehört die Anrufung "God bless America!" zum politischen Tagesgeschäft. Anders in unserer - speziell in Berlin -  rundum aufgeklärten Gesellschaft. Vor besagtem Edeka-Markt belehrte  eine autochthon blonde Mutter ihren sechzehn- oder siebzehnjährigen Sohn mit einem Wutausbruch über den bayerischen Ministerpräsidenten (und mutmaßlichen Nachfolger Merkels)  und dessen Hilferuf an den Himmel: "Der Markus Söder ist eine blöde Drecksau!" Wie bitte? "Ja, der Söder ist usw."

Fragen: 1) Wer schützt die empörte Bürgerin vor einer Infektion? 2) Wem schenkt sie bei den nächsten Wahlen ihre demokratische Stimme? 3) Wie schützt sich der Sohn gegen diese magna mater?

Donnerstag, 19. März 2020

In eigener Sache: Nachtrag zu Corona


Nein, ich habe die TV-Rede der Kanzlerin an ihr Volk - am doppelten demokratischen Gedenktag des 18. März -, pardon an „die Bevölkerung“, nicht mit angesehen/angehört. Mir genügte der Auszug in der ARD-Tagesschau: Merkel sprach, was der/die Redenschreiber für den Teleprompter aufgeschrieben hatten: „Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.“ Der Pleonasmus im erweiterten Relativsatz könnte sogar von Merkel selbst stammen.

Die FAZ (v.19.03.2020), nach der ich hier – das Adjektiv großgeschrieben - zitiere, schwächte das nach AfD-Phraseologie klingende Volksgemeinschaftspathos etwas ab, indem sie auf Seite 1 mit „Merkel: Größte Herausforderung seit 1945“ titelte. Gewiss, die Jüngeren – zu ihnen gehört selbst Angela Merkel (Jahrgang 1954) - haben keine so genaue Erinnerung an jene schlimmen Zeiten. So oder so – Inhalt und Ausstattung von Merkels Rede - mit dem Reichstag im Hintergrund und zwei großen Fahnen zu ihrer Linken - dürfte das Missfallen jener – für den Kampf gegen rechts gewöhnlich unentbehrlichen - radikaldemokratischen Gruppen (im Dienste von Tante Antifa) erregt haben, die bereits über indymedia dazu aufgerufen haben, den Corona-Shutdown für revolutionäre Zwecke zu nutzen.

Wir („wir“!) werden zu Ruhe, Besonnenheit und Solidarität aufgerufen. So richtig scheint der Appell nicht anzukommen. Als ich in dem nahegelegenen, überschaubaren kleinen Supermarkt ein älteres Paar bat, mich mit meinem Einkaufswagen vor den leergeräumten Regalen passieren zu lassen, erregte sich der Ehegatte (?), mich hätte wohl bereits die allgemeine Erregung ergriffen. Es gelang mir kaum, den aufgebrachten Kunden – immerhin ein gemäß conventional wisdom mit Selbstdisziplin ausgestatteter Deutscher asiatischer Herkunft – zu beschwichtigen. 
 
Richtig, es gilt Ruhe zu bewahren. Deshalb möchte ich an dieser Stelle mitteilen, dass ich an der subversiven Suggestion „Coronavirus: Merkel rechnet mit 300 000 Toten“ unschuldig bin. Zwar freue ich mich, dass meine Globkult-Kommentare (zuletzt: Globkult v. 14.März 2020) auch andernorts erscheinen. Für die alarmierende Überschrift in „The European“ bin ich indes nicht verantwortlich, wie der entsprechende Link belegt: /https://www.theeuropean.de/herbert-ammon/predigten-in-zeiten-pandemischer-ungewissheit/

Im übrigen gilt es nachfolgenden Merkel-Merksätzen zu vertrauen: „Wir in Deutschland haben ein funktionierendes System der Existenzsicherung. Und das funktioniert auch weiter.“ Ob das System noch weiter funktioniert, wenn es die EU-Zentralbank – wie angekündigt - mit einer „Bazooka“ bearbeitet, bleibt abzuwarten.