Mittwoch, 20. März 2019

Vom Fortschritt der Freiheit und des Geistes

Anstelle eines Kommentars zu den Weltläuften - Brexit/No Brexit/Delay, Maduro-Guaidó, deutsche Wahlumfragen und die Atemnot der SPD, Trump-Bolsonaro, Gelbe Westen und Schwarzer Block auf den Champs Elysées etc. - gestatte ich mir nur einen kurzen Nachtrag zu meinem vorletzten Blog-Eintrag (https://herbert-ammon.blogspot.com/2019/02/von-religion-und-identitaten.html). Es ging darin erstens  um den sich ins Uferlose auswachsenden Anspruch auf "Gleichstellung" von "linken" Protagonisten immer neuer Identitäten sowie  zweitens um die für 2050 von säkular-religiösen Propheten, genauer: Prophetinnen angekündigte globale Klimaapokalypse. Der von den Doomsday-Predigerinnen ausgerufene freitägliche Kinderkreuzzug findet inzwischen mit dem Segen der ewigen Kanzlerin und unseres Bundespräsidenten statt.

ad 1) Zur Erhellung der Zustände an den Universitäten und Colleges den USA, in the land of the free, zitiere ich aus dem Interview  des Historikers Niall Ferguson, Ehemann von Ayaan Arsi Hirsli,  in der NZZ: "Der Rahmen des Sagbaren im akademischen und öffentlichen Raum hat sich in den letzten Jahren drastisch verengt. Evidenzbasierte Argumente spielen keine Rolle mehr. Es gewinnt, wer die lautesten Unterstützer hat, und es verliert, wer um seine Reputation fürchten muss. [...] Die Logik geht so: Wer gegen die politisch korrekte Orthodoxie ist, ist ein Rassist. Und wer einen Rassisten unterstützt bzw. sich nicht deutlich von ihm abgrenzt, ist selber ein Rassist." Auf den Einwurf des Interviewer, er klinge ziemlich resigniert, repliziert Ferguson mit Blick auf die Zukunft: "Keineswegs. Ich analysiere bloss nüchtern. Ich habe es ja irgendwie geschafft, ich kann frei reden und Ihnen ein Interview geben. Aber jüngere konservative und liberale Kollegen werden es – so brillant und klug sie auch sein mögen – in der Akademie nicht mehr weit bringen. Und um sie tut es mir leid." (https://www.nzz.ch/feuilleton/niall-ferguson-als-rechter-bist-du-ein-potenzieller-nazi-sozialisten-und-kommunisten-hingegen-sind-moralisch-einwandfreie-sozialdemokraten-ld.1467954?mktcid=nled&mktcval=107&kid=_2019-3-20)

An deutschen Universitäten - Fallbeispiele HUB, Bremen, Siegen - geht´s zunehmend ähnlich zu. Immerhin kriegen freie Geister unter den "Studierenden", die sich nicht um das genderistische * scheren, von ihren - anscheinend noch nicht von allen - Professoren/Korrektoren  zur Strafe einen Punktabzug. Beim Kampf um die credit points läppert sich das zusammen. Wie auch immer: Der Fortschritt des Geistes im Bewusstsein der Freiheit ist offenbar auch hierzulande nicht aufzuhalten. Was indes Hegel - ungeachtet des frischen Lehrbeispiels des Jakobinismus -  nicht sehen mochte: Die Dialektik mündete in Totalitarismus.

ad 2) Soeben hat die unvollendete Theologin Karin Göring-Eckardt die - von ihren Eltern oder sonstwem berufene - schwedische Klimaretterin Greta Thunberg zur Prophetin erklärt. Greta trete auf wie eine mutige  Nachfahrin des  "kleinen Propheten" Amos, der dem König Jerobeam II. (781-742 v. Chr.) den Untergang seines Nordreiches Israel ankündigte.

Nun hatte Greta unlängst  eine Eingebung, die den von unzähligen Windrädern gestützten deutschen Himmel verdüstern könnte: Wenn es unter gegebenen Umständen - dachte sie etwa an die Rolle von Kohle und Öl im energiehungrigen China? - nicht möglich sei, den CO2-Ausstoß klimarettend zu drosseln, könne man womöglich nicht auf klimaschonende Atomeenergie verzichten.

Diese jüngste geistvolle Botschaft der Prophetin Greta war anscheinend nicht mit der Grün-Theologin Göring-Eckardt abgesprochen.

P.S. Greta soll ihre Idee von der Klimarettung durch Atomkraftwerke schon wieder zurückgezogen haben.



Montag, 4. März 2019

Demokratische Volksbelehrung


Über den kommunikativen Nutzen der digitalen Medien kann man geteilter Meinung sein. Als Nutzer ("User") und Gastautor auf der "Achse des Guten" neige ich zu einem eher positiven Urteil. Ohne die online-Medien wären wir der politisch-moralischen Dauerberieselung durch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ausgesetzt. Selbst in den Qualitätszeitungen bekommt man fast flächendeckend nur noch die gleichen durchgrünten Meinungen vorgesetzt. Kritik am herrschenden Politik- und Parteienbetrieb (Groko unter Angela aeterna) ist selten, Widersprüche in Reden und Handeln der "Eliten" werden nur selten aufgespießt. Wo bleibt beispielsweise die demokratische Entrüstung über die großzügige Vergabe - in Millionenhöhe - von Aufträgen an Beratungsunternehmen (zuletzt für Beratungs-Beratungen) im Verteidigungsministerium unter Ursula von der Leyen? Von derlei Praktiken erfährt man nahezu ausschließlich über die social media, in denen die angeblich populistisch korrumpierte Volksseele nichts als ihre Ressentiments auslebt.

Doch zum Missfallen der politisch-medialen Klasse trifft weithin das Gegenteil zu: Ohne das Internet (social media inklusive) und die digital gespeicherten Informationen wären wir weniger informiert, würde uns die politische Faustregel "Was geht mich mein Geschwätz von gestern an"  weniger Ärger - oder weniger sardonisches Vergnügen -  bereiten. Über eine e-mail-Adressenkette erhielt ich eine politisch erheiternde  Information über zwei demokratische Kernaussagen aus dem Munde der Justizministerin Katarina Barley, SPD-Spitzenkandidatin für die EU-Wahlen im Mai 2019: 

1) "Mit 16 ist man so erwachsen, dass man weitreichende politische Entscheidungen fällen kann."

2) "Mit 20 Jahren kann man unmöglich die Folgen seines Handelns abschätzen und darf darum vor Gericht nicht wie ein Erwachsener behandelt werden."

Richtig: Gerade die mündigen Bürgerinnen und Bürger bedürfen der kontinuierlichen Belehrung  über das Wesen der Demokratie. Auch das Gegenteil des gestern Gesagten ist richtig sowie im Sinne gelebter Demokratie unverzichtbar, sofern es das Volk nicht bemerkt.

Donnerstag, 28. Februar 2019

Von Religion und Identitäten

Seit etwa 10 - 15 Jahren drehen sich die Debatten der "offenen Gesellschaften" West-Europas - maßgeblich inspiriert vom Siegeszug vermeintlich "linker" Ideologien an amerikanischen Universitäten und Colleges - kaum noch um Klassenunterschiede und soziale Fragen, sondern um zwei auf den ersten Blick separate Themen:  um den Klimawandel sowie um die Gleichberechtigung von Identitäten. Wie "offen" es inzwischen an deutschen Universitäten zugeht, ist etwa an der Expansion von Gender studies quer durch die Fakultäten -  noch ziemlich unberührt die exakten Wissenschaften -  abzulesen. Alle communities und Definitionen des je höchsteigenen Ich - man denke etwa  an die jüngste Erweiterung der Abkürzung LGBT auf LGBTI  - beanspruchen im Namen der demokratischen und/oder universellen Gleichheit die gleichen Rechte und die Institutionalisierung dieser Rechte. Insofern alle politischen, medialen und akademischen Diskurse mittlerweile grün - den Weltfrieden hat man zugunsten menschenrechtsbedingter Interventionen in der Agenda derzeit ziemlich weit nach hinten geschoben -  eingefärbt sind, kommt es zur Synthese der beiden Themenbereiche. Übers Klima und über die Identitäten kommt die Religion ins Spiel: a) es geht um die Rettung des Planeten vor der ab 2050 hereinbrechenden Apokalypse   b) es gilt aus Ehrfurcht vor der verletzbaren menschlichen Seele jede Identität zu schützen und zu entfalten.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich gehöre nicht zur Kategorie der "Klimaleugner" (gemeint: zu den Zweiflern am Klimawandel). Im Gegenteil: Ich vermisse die schneereichen Winter von gestern und die ehedem (fast) alljährlich zugefrorenen Berliner Seen. Ich bin nur in Maßen erleichtert, wenn dann im März noch ein später Wintereinbruch daherkommt. Als Nichtklimatologe halte ich mich an die Erkenntnisse der Wissenschaft, soeben erneut belehrt von dem Philosophen Mathias Frisch, der den von einer Minderheit von Experten genährten Zweifel als zweckgerichtete Fake News  - analog der langjährigen Verharmlosung der Gesundheitsschäden durch die Tabakindustrie - zurückweist ("Wissenschaftler sind keine Glaubensbrüder", in: FAZ v. 27.02.2018, S. N1). Ich beharre angesichts der offenbar schwer erreichbaren Klimaziele auf einfacher Logik: Wenn man - abgesehen von den realen Klimakosten bei der Produktion und Entsorgung von Abertausenden von Windrädern - die Emissionen senken will, müsste man auf die - fraglos risikoreiche - in vielen Ländern des Globus unvermindert ausgebaute Kernenergie zurückgreifen. Das aber verbietet die grüne Religion.

Im Zuge der Migration kommt ein höchst reales religiöses Problem auf die säkularen und - vom Klima-Credo abgesehen -  zunehmend areligiösen, zumindest kirchenfernen (west-)europäischen Gesellschaften hinzu. Die Migranten - und nicht nur die "Islamisten" - scheinen glaubensfester zu sein als die Indigenen.Was bedeutet all dies für unsere Demokratie? Zu dieser Thematik lud Bundespräsident Steinmeier Experten und Publikum zu seinem "Forum Bellevevue". Steinmeier selbst hielt die heutige deutsche Gesellschaft nicht für areligiös, sondern für "pluri-religiös", was man daran erkenne, dass im  selben Viertel, "Kreuz, Kopftuch und Kippa" aufeinanderträfen. (Zur Verifizierung  dieser schönen These sollte Steinmeier einen  unbegleiteten Ausflug in die entsprechenden Viertel - und die dortigen Schulen - unternehmen. Er kennt Neukölln vor allem aus jenen Tagen, da er als Kanzlerkandidat auf Stimmenfang mit dem Clan-affinen Rapper Bushido rappte.) Steinmeier steht derzeit wegen seiner Glückwünsche ans iranische Mullah-Regime unter christlich-jüdischer Kritik.

Dass sich fromme Muslime - gleich welcher Richtung und/oder Rechtsschule - nicht allein aufgrund ihrer Vorstellung von der umma mit der Demokratie und ihrer Zivilreligion schwer tun, wird spätesten dann sichtbar, wenn die entsprechenden Dialogforen oder Islamkonferenzen ergebnislos bleiben. Unausgesprochen bleibt das schlichte Faktum, dass es den diversen Verbänden -  ob nun Ditib oder Ahmadyyia - unter dem Vorwand gleichberechtigter Partizipation um Macht geht. Auf dem "Forum Bellevue" ging es anscheinend  auch um theologische Fragen.  Der Religionssoziologe Hans Joas meinte - womöglich im Blick auf die heutige Kirchenlandschaft -, von einer Rückkehr der Reliigion könne man zwar nicht sprechen, aber auch nicht mehr von der unaufhaltsamen Säkularisierung. (Siehe den Artikel "Plurireligiös", ibid. S. 9.) Was aber dann?

Offenbar vermied man den Hinweis auf die Rolle der grünen Ersatzreligion im postchristlichen Kontext. (Dazu jüngst Josef Kraus:  https://www.tichyseinblick.de/meinungen/fasten-fuer-den-klimagott/?fbclid=IwAR0D2gAR-lwzrHgRvwktmH5N5TuW5bxYrFNCF6ZsPHuwPvv5Sg3prlfv2tU) Aus dem Publikum kam der kritische Hinweis, der Islam - zu ergänzen: als hermetische Offenbarungsreligion - sei gar nicht reformierbar. Der von den Islamverbänden wegen seiner historisch-kritischen Herangehensweise an den Koran angefeindete Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide vertrat die These, bei den Muslimen - anscheinend undifferenziert im Kollektiv - gehe es heute weniger um Spiritualität als um Identität.

Damit gelangt die Debatte um die Gretchenfrage zurück zur Frage nach "Identität". Wo mit religiöser Inbrunst auf  "Identitäten" (beliebig diffundierend im Plural) insistiert wird, löst sich das Konzept der pluralen Wertegemeinschaft und dem politisch-ethischen Grundkonsens der säkularen Demokratie in ideologisch-politischen Machtkämpfen auf.





Dienstag, 19. Februar 2019

Res omissa

I.
Jedesmal, wenn den Abonnenten der Zweifel überkommt, ob sich  das FAZ-Abonnement für die Frühstückslektüre denn noch lohne, findet er einen Beitrag, der den Zweifel an der Zeitung für eine Zeitlang wieder unterdrückt. Dies war in der letzten Wochenendausgabe bei der Lektüre eines ausführlichen  Interviews der Fall, das  der Herausgeber Jürgen Kaube und  Simon Strauß mit dem Althistoriker Christian Meier anläßlich dessen 90. Geburtstags führten (FAZ nr. 40 v. 16.02.2019, S. 11, 13).

Christian Meier, geboren 1929 in Stolp/Pommern (heute Słupsk), spricht über seinen eher zufälligen Weg zur Alten Geschichte in der Nachkriegszeit. Vor dem Hintergrund des Ende der Weimarer Republik schrieb er seine Dissertation über den Untergang der römischen Republik. Seine Habilitationsschrift trug den Titel "Res publica amissa" ("Die aufgegebene Republik"). Sein langjähriger Gesprächspartner war der ob seiner unrühmlichen Rolle im "Dritten Reich" verpönte Carl Schmitt. Der bis heute - wegen seines Freund/Feind-Begriffs des Politischen - verpönte Carl Schmitt vermittelte Christian Meier - anstelle der vorherrschenden Begriffe von Staat und Gesellschaft - einen distanzierten, "realistischen"  Blick auf die Welt der griechischen Polis - deren Charakter stellte er anno 1970 in dem bedeutsamen Suhrkamp-Bändchen "Entstehung des Begriffs ´Demokratie´" dar - sowie auf die römische Res Publica.

Das Wesen der attischen Demokratie, genauer: das Selbstverständnis der politeia,  war ihr Begriff  von "Freiheit" (eleuthería),  gewonnen aus dem Sieg über die Perser, sowie die umfassende bürgerliche Teilhabe am politischen Geschehen, getragen von Selbstbewußtsein, von Können und Kritik. Wer dahinter wiederum den Begriff des Politischen erkennt - zuerst gerichtet nach außen, sodann gegen Machtkonkurrenten innerhalb der hellenischen Welt, schließlich wieder gegen das Perserreich -, liegt richtig. Heute, so wäre zu folgern,  tritt die - stets abgeleugnete, moralisch verdammte - Schmittsche Dichotomie erneut - wie ehedem vor dem Mauerfall - in zwiefacher Weise hervor: in wiedergewonnenen Feindbildern nach außen hin (Putin und das russische Imperium,  seit 2016 auch Trump, dazu im EU-Inneren Viktor Orbán), im Kampf gegen reale und imaginäre Verfassungsfeinde im Innern.

II.
Anno 1965 - drei Jahre vor dem heiligen westdeutschen Jahr 1968 - hielt Christian Meier einen Vortrag in der Evangelischen Studentengemeinde Freiburg. Unter dem Schatten der Frankfurter Auschwitz-Prozesse zog er  eine negative Bilanz der deutschen Geschichte und erntete dabei Widerspruch mit Verweisen auf die Bombardierung Dresdens und die Vergehen der Roten Armee.
Daß die  von Deutschen begangenen Schrecken der Geschichte sich nicht aufrechnen lassen, war ehedem noch nicht ins allgemeine Bewußtsein gedrungen - womöglich trotz allen Bemühens noch heute nicht allenthalben.  Indirekt zollt Meier den "68ern" und ihrer moralischen Selbstlegitimation Tribut. Es gilt indes  zu erinnern, daß jener Generation, großzügig im Umgang mit dem "Faschismus"-Begriff,  die antiimperialistischen Befreiungskämpfe weithin mehr am Herzen lagen als die Konfrontation mit der bedrückenden Geschichte und Gegenwart ihres eigenen, geteilten Landes.

1985 fiel Christian Meier die Aufgabe zu, den Internationalen Historikertag zu eröffnen. Es war das Jahr der Eklats um den Besuch Helmut Kohls und des US-Präsidenten Reagan  auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg sowie um den  "Historikerstreit". In einer Rede, die er Anfang 1986 an der Universität Tel Aviv hielt, wandte sich der Althistoriker Meier gegen jeglichen Versuch, mit Hilfe simplifizierender Ideologien - wie des von vielen - nicht allen - "68en" instrumentalisierten Faschismus-Begriffs, aber auch des in der Nachkriegszeit vorherrschenden Totalitarismus-Begriffs nach Fluchtwegen aus der deutschen Geschichte zu suchen, der Wahrnehmung "des von uns zwischen 1933 und 1945 Angerichteten", "der Einzigartigkeit der Verbrechen, zu entrinnen."

Gleichwohl bezog Meier im Blick auf die Protagonisten des "Historikerstreits"  eine vermittelnde Position: "Gewiß sollten wir wieder ein bewußteres, geordneteres Verhältnis zu unserer Geschichte haben. Es müßte uns ermöglichen, diese wieder mit den Augen der Identität zu sehen." Sodann: Im Blick auf "die damaligen Verhältnisse" und den damaligen "Wissensstand" "brauchten wir uns unserer Eltern und Großeltern zumeist nicht zu schämen. Wir werden sie uns allerdings nur in relativ wenigen Fällen zum Vorbild nehmen können."

III.
In dem FAZ-Interview spricht Christian Meier vom Faktum der geistigen Erschöpfung der antiken Kultur, von sich unmerklich hinziehenden Krisen sowie - mit einem Zitat von Robert Musil - von den "Mutationen" der Menschen - im Gegensatz zum Abstraktum "der Mensch". Sodann äußert er politisch unerwünschte Kritik am moralisierenden Umgang mit der Wirklichkeit. "Menschen mögen es nicht, dass sie (und ihre Gemeinwesen) wehrlos sind. [...] Ich vermute, dass wir irgendwann dazu kommen werden, doch wieder mehr von Interessen als von den vielbeschworenen Werten  zu sprechen. Was machen Sie, wenn auf einmal eine Million Afrikaner bei uns zuwandern? Wollen Sie dann noch von Werten reden?" Den derzeitigen Luxus gerne selbstlos teilen werde wohl kaum einer...

Eingangs fragen die Interviewer den Neunzigjährigen nach seinen Wahrnehmungen als sechzehnjähriger Flakhelfer - als preußisch geprägter junger Mensch wollte er "eigentlich Offizier werden" - bei Kriegsende. "Aufs Ganze gesehen war ich in diesen Tagen wie betäubt." Trotz - angedeuteter -  Distanz zum Regime habe man das Kriegsende als Niederlage erlebt. Erst nach und nach habe sich der Blick für Ausmaß und Charakter des maßlosen Verbrechens geweitet.

In dem Interview fällt auch der Name des Kollegen und Neuzeithistorikers Reinhart Koselleck (gleichfalls ein von Carl Schmitt geprägter Denker). Koselleck (1923-2006) erwähnte mehrfach, daß er  in den Kriegsjahren als  Soldat  von den NS-Verbrechen keine Vorstellung hatte. Erst als er sich  als Kriegsgefangener in Auschwitz befand, sei er bei einem Wutausbruch eines  Aufsehers blitzartig zur  Erkenntnis der grauenvollen Wahrheit gekommen.

Im Hinblick auf die Gegenwart, wo weithin das Bild kollektiven Zusehens angesichts der vermeintlich vor aller Augen vollzogenen Verbrechen vermittelt wird, hätte die Eingangsfrage des Interviews um  die Frage erweitert werden müssen: "Was haben Sie und Ihre [deutschnationalen] Eltern von den Verbrechen wahrgenommen oder erfahren?"Die Interviewer unterließen die Frage. Res omissa.




Dienstag, 29. Januar 2019

Geschäftsmodell: Leserkommentar zur nicht nur berlinischen Bildungsmisere

Nachfolgend ein ergänzender Kommentar  zu meinem Globkult-Artikel (https://globkult.de/gesellschaft/modelle/1727-fachkraeftemangel-und-volksbildung-in-berlin) zur nicht nur Berliner Bildungsmisere. Es handelt sich um eine - von dem Anonymus "MsFreigeist" - verfasste Leserzuschrift zu  zu meinem auch auf The European (https://www.theeuropean.de/herbert-ammon/15312-bildungsmisere-und-fachkraeftemangel-anno-2019 ) publizierten Artikel:

"Wer ernsthaft meint, mit dem erfolgreichen Abschluß irgendeines Genderstudiums mehr Geld als ein Klempner zu verdienen, muss schon auf einer Bremer Waldorfschule gewesen sein.
Abgesehen davon, dass er, sie oder was auch immer das intellektuell nicht schaffen könnte.

Aktuell gibt es knapp 20.000 Studiengänge in D.
Warum?
Die unis (sic!) und Akademien habe[n] da ihr Geschäftsmodell, entwickeln immer blumiger Studiengänge, nix sind sie wert.
Verschwendete Zeit und Geld.
Bitter für die ahnungslosen Studenten.

Hatte das Vergnügen, eine angehende Gesamtschulabiturientin als Praktikantin zu erleben.
Also Deutsch findet sie doof, Englisch erst recht. NATURWISSENSCHAFTEN Nein danke. Geschichte: Keine Ahnung.
Will Medizin studieren....
Nach langem Fragen, ja von Pädagogik würde sie was verstehen....

Wunderbar. Unsere akademische Zukunft.
Für jede Lehre unterqualifiziert.
Also, irgendwas studieren.
Und dann?"

Samstag, 26. Januar 2019

Gedenken, Kultur und Präventivideologie

I.
Über Auschwitz zu reden - erst recht am 27. Januar, am global gemeinten, aber primär national begangenen Gedenktag -, überfordert das Vorstellungs- und Ausdrucksvermögen fast aller Zeitgenossen. Wem in Momenten des Eingedenkens die Bilder des Grauens vor Augen erscheinen, den überfällt atemstockend entsetztes Schweigen. Jedes Reden droht in hilflose Formeln, in Banalität, abzugleiten. Erinnert sei an die peinlich hochmütige Phrase des amtierenden deutschen Außenministers, er sei "wegen Auschwitz in die Politik gegangen".

Angemessene, eindrückliche Worte zum Gedenktag fand der frühere "Welt"-Redakteur Thomas Schmid. Unter Bezug auf die auch von besagtem Politiker verbreitete billige Parole schreibt er: "„Nazis raus!“ ist ein gedankenloser, selbstgefälliger und dummer Spruch, der die Verbrechen auf ungeheuerliche Weise verharmlost, die während der Zeit des Nationalsozialismus von Deutschen begangen wurden. Und die Opfer, die ermordeten wie die, die überlebten, verhöhnt." Er schließt seine Reflexionen, in denen er an Carlo Levi und Jean Améry - verzweifelt am Erlebten und leidend an der Indifferenz  vieler Nachkriegsdeutscher suchten sie den Freitod - erinnert, mit folgenden Sätzen: "Weil diese [Schuld] unwiderruflich in die Welt der existierenden Dinge eingebracht ist, geht sie auch die Nachgeborenen an. Man kann sich dessen weder mit guter Gesinnung noch durch laute Parolen entledigen. Der 27. Januar sollte kein Anlass sein, im Heute die Umrisse der nationalsozialistischen Vergangenheit zu erkennen. Er könnte vielmehr Anlass sein, der Verlorenheit der Opfer, der geretteten und der untergegangenen, zu gedenken." (http://schmid.welt.de/2019/01/25/der-tiefste-punkt-des-abgrunds-zum-holocaust-gedenktag-am-27-januar/?fbclid=IwAR3urnX5ULAmzh0eCcLndKm0B6E-yvIEC7prXSkItxSQNcVtZUWqrJrYcvE )

II.
Der 27. Januar  wurde erstmals anno 1996 von dem Bundespräsidenten Roman Herzog als deutscher Gedenktag proklamiert. 2005  erklärten die Vereinten Nationen das Datum der Befreiung von Auschwitz zum "Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust".  Ungeachtet der als universale Menschheitspflicht intendierten UN-Proklamation betrifft das Gedenken zuvörderst die Deutschen als Geschichtsnation sowie - in anderer Weise - die kollektive Erinnerung von Juden und anderer Opfergruppen. Die Vorstellung oder Anmutung, alle Völker oder Staatsnationen könnten sich geistig in einem gemeinsamen Gedenk- und Trauerakt zusammenfinden, liegt fern aller empirischen Wirklichkeit. Die rituelle Beschwörung der in den Todesfabriken von Auschwitz (und an anderen Schreckensorten) vollzogenen Apokalypse zielt  am Bewusstsein der meisten Menschen - selbst in der noch christlich grundierten Kultur des Westens -  vorbei.

So schmerzlich wie unabweisbar wird - selbst innerhalb der geschichtskundigen Fachwelt - der historische Ort "Auschwitz" mit "den Deutschen", mit "Deutschland", kaum je mit der hohen Zahl von die Nazi-Verbrechen exekutierenden Deutschen (ohne bestimmten Artikel) assoziiert. Nicht zufällig gehört "Auschwitz", das  Gedenken an den Nazismus, an die Millionen Opfer des NS-Verbrechenssystems, zur politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Das Gedenken mag an alle Bewohner des Landes gerichtet sein, es betrifft indes faktisch nur die "ethnischen" Deutschen - inklusive der durch familiäre Verbindungen und/oder der im kulturellen Sinne bewusst als "Deutsche" integrierten Einwanderer.

Gehört das für  "uns Deutsche" verpflichtende  Gedenken an die Nazi-Verbrechen - nicht nur am 27. Januar  - zur politischen Kultur Deutschlands, so impliziert ein solches Gedenken einen im weitesten Sinne ethnisch grundierten,  historisch-kulturell definierten Begriff von "Nation". Selbst das - nicht allein laut Urteil des Verfassunggerichts als Gegenentwurf zum NS-Staat geschaffene - Grundgesetz verweist auf den historisch-kulturellen Charakter unserer Verfassung. Inwieweit die anhaltende Einwanderung den Charakter des Landes grundlegend verändert (hat) und letzten Endes die mit "Auschwitz" - der grüne Außenminister Joschka Fischer sprach ehedem von "Auschwitz" als  "Gründungsmythos"  der Bundesrepublik -  assoziierten Geschichtsbezüge obsolet macht, steht auf einem anderen Blatt.

Allein aufgrund des - unvermeidlich "negativen" - Bezugs auf die deutsche Geschichte besteht mithin ein "ethnisch-kulturelles" Selbstverständnis der Deutschen als historisch-politisches Subjekt - als "Nation" oder "Volk" - fort. Andernfalls müsste (oder könnte) sich das Land, d.h. seine Bewohner und/oder die Bevölkerung, seiner  belastenden historischen Erinnerung entledigen. Natürlich lässt sich in abstracto eine Republik als Zweckverband, gegründet auf - universale Menschen- und staatlich begrenzte (!) Bürgerrechte - denken. Diese in der politischen Theorie seit der Aufklärung beliebte Denkfigur ignoriert indes die historisch-empirische Wirklichkeit. Die USA enstanden in einem sehr konkreten Konflikt mit der britischen Krone, die Französische Revolution fand unter einer spezifischen Konstellation der französischen Geschichte statt,  das Grundgesetz wurde vom "Deutschen Volk" (Präambel) im Kontext des Ost-West-Konfliktes mit Blick auf Weimar und das NS-Regime beschlossen.

III.
An "Auschwitz" führt keine Betrachtung der deutschen Geschichte - und Gegenwart - vorbei. Daraus abzuleiten, dass das Grundgesetz - in den "post-nationalen" Diskursen werden stets nur Art. 1 GG ("Die Würde des Menschen ist unantastbar") sowie die Grundrechte als Verfassungsfundament angeführt - den Bezug auf ein "ethnisch-kulturelles" Staatsverständnis grundsätzlich ausschließe, ist nicht nur aufgrund seiner Entstehungsgeschichte falsch, sondern steht im logischen Widerspruch zur Pflege des historischen Gedenkens, id est zur "ethnisch-kulturell" fundierten Erinnerungskultur der Bundesrepublik.

Der skizzierte grundlegende Widerspruch - historisches Gedenken in einer als "post-national" und multikulturell, auf "diversity" gegründeten Gesellschaft - wird in den kommenden Jahren mutmaßlich noch deutlicher  hervortreten. Er ist typisch für den derzeitigen Umgang mit der AfD. (Um Mißverständnisse auszuschließen: Das Dritte Reich war kein "Mückenschiss", die Auslassungen eines Bernd Höcke  sind mehr als peinlich,  die eines Jens Maier unerträglich.) Wenn die AfD - unter Verweis auf  gewisse Tendenzen in deren Gliederungen und Umfeld - vom - nicht zufällig - neu ernannten Chef des Verfassungsschutzes zum "Prüffall" erhoben wird, so unterstellt man der ungeliebten Partei einen "verfassungsfremden" - in der Konsequenz "verfassungsfeindlichen" - "ethnisch-kulturellen" Volks- und Staatsbegriff, während man implizit mit der deutschen Nationalgeschichte operiert. Mit  simplifizierenden Antithesen, mit fragwürdigen Definitionen von "richtigem" Staatsverständnis, rückt man den "Prüffall" ins Zwielicht, um ihn politisch zu erledigen.

Ein Staat, der seine Gedenkkultur auf seine bittere Geschichte stützt, aber den historisch fundierten Begriff der "deutschen" Nation für das Staatsvolk außer Kraft setzt, manifestiert sein gespaltenes Bewusstsein. Das Gedenken an das von Deutschen verübte Grauen verkommt zum Versatzstück der geschichtsreduktionistischen, anationalen Staatsideologie. Die Erschütterung von Menschen wird zum Instrument  eines parteipolitisch inspirierten Präventivverfahrens.  
 

Dienstag, 8. Januar 2019

Mediale Wachsamkeit im Kampf gegen Rechts

Rein moralisch betrachtet, sei das aus dem Rahmen demokratischer Kampfmittel gefallene Kantholz gegen den Kopf des AfD-Bundestagsabgeordneten Frank Magnitz zu verurteilen, befand der politische Autor der Frankfurter Rundschau. So gehe das nicht, zudem gebe es „auch einen politischen Aspekt: Diese Tat wird niemandem mehr nutzen als der Partei des Opfers, der AfD.“
(http://www.fr.de/politik/meinung/kommentare/afd-frank-magnitz-inhuman-gegen-inhumanitaet-so-geht-es-nicht-a-1650080). Damit mag der Kommentator recht haben, denn den Umfragen zufolge stagniert die einst so stolze Volkspartei SPD - aus evident politischen sowie  personellen Gründen – bei ca. 15 Prozent, in bedenklicher Nähe zur AfD.

Die totschlägerische Attacke auf den Bremer MdB Magnitz steht derzeit als Thema in den Medien ganz oben. Entrüstung herrscht über das empfindsame Gemüter erschreckende Bild mit blutig klaffender Stirn. Der Bundespräsident, der Regierungssprecher, alle Parteiführungen fühlen sich verpflichtet, ihre Ablehnung politischer Gewalt zu bekunden. Immerhin: am unzweideutigsten – sprich: ohne relativierende Worte wie im obigen Kommentar – äußerte sich der „Linke“-Fraktionsvorsitzende  Dietmar Bartsch: „Es gibt keine Rechtfertigung für ein solches Verbrechen.“

In anderer Tonart wird die Debatte über die Gewalttat gegen den „Rechten“ Magnitz – in Zeiten seines Sozialpädagogikstudiums gehörte dieser für ein oder zwei Semester der DKP an – in den social media geführt. Dort tut man sich keinen Zwang an. Sawsan Chebli, Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund sowie Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales (sic!), verkündet auf Twitter ihr in West-Berlin als Migrantentochter eingeübtes politisches Credo: „Auch heute und jeden Tag gilt: #NazisRaus!" Veronika Kracher (kein nom de plume), Autorin bei taz und Jungle World, fasst ihre antifaschistische Reaktion auf das Attentat – ohne Rücksicht auf Interpunktion - in folgende Worte: „Dass Magnitz zusammengelazt (sic!, politischer Neologismus) wurde ist übrigens die konsequente Durchführung von #NazisRaus! Abhauen werden die nicht. Die werden sich bei der größten möglichen (sic!) Bedrohungssituation aber zweimal überlegen ob sie offen faschistische Politik machen. Deshalb: Mit ALLEN Mitteln.“

Grundsätzlich anders als Dietmar Bartsch kommentierte „Die Linke“ auf ihrem Twitter-Account die – noch unaufgeklärte, somit erst mutmaßlich politische -  blutige Aktion: „Guten Morgen. Aus aktuellem Anlass posten wir einen unserer Plakat-Klassiker: #NazisRaus! Nazis raus aus den Köpfen“. Der „Klassiker“ zeigt Hinterköpfe mit ausrasierten SS-Runen. Damit ist dem klassischen, „linken“ , demokratisch einwandfreien Verhältnis zu Gewalt im Raum des Politischen moralisch Genüge getan.

An diesem klassischen „Linke“-Tweet nahm der Twitter-Aktivist Andreas Hallaschka – Selbstbeschreibung: Evangelisch. Leidenschaft für Kultur, Reisen, Fussball, Politik. Religionen, Bücher und klassisch gute Musik, Kassel und ידיד ישראל  sowie  4696 Followers, 84 500 Tweets - Anstoß: „In #Bremen wird gestern dem Bundestagsabgeordneten #Magnitz von der #AfD mit einem Kantholz fast der Schädel gespalten. Der Tweet von @dieLinke heute Morgen ist vollkommen deplatziert! Zum Fremdschämen. Löscht das!“

Die „Linke“ denkt indes offenbar nicht daran, das zu löschen. Stattdessen wurde dem AfD-kritischen, der Gewalt abholden Twitterer Hallaschka vom Großen Internetzensur-Bruder folgende Belehrung zuteil: "Diese Medien können sensibles Material enthalten. Deine Medieneinstellungen sind so konfiguriert, dass du informiert wirst, wenn Medieninhalte sensibel sein könnten.“

Wir dürfen beruhigt sein: So sicher bewährt sich die Wachsamkeit der sozialen Medien im Kampf gegen die Gefahren für die Demokratie.

Sonntag, 9. Dezember 2018

Kurzkommentar zur Wahl AKKs

Nein, ich habe mir das inszenierte Getöse auf dem CDU-Parteitag in Hamburg - laut Zeitungsbericht wieder mal fast zehn Minuten SED-mäßiger Applaus für Merkel -   nicht  angesehen noch angehört, sondern abgewartet, was dabei herauskommt. Herauskam die knappe Mehrheit für Annegret Kramp-Karrenbauer. Zu deren Kür nun doch noch ein Eingeständnis: am späten Freitagabend - nach einer nicht übermäßig informativen Reportage über das staatlich indirekt  finanzierte Vordringen Chinas durch Investitionen auf dem deutschen Markt - guckte ich mir für ein oder zwei Minuten Kramp-Karrenbauers Auftritt vor den 999 Delegierten an. Inhaltlich nichts Neues - nichts, was auf eine politische Wende zum Besseren schließen lassen könnte -, kaum mehr als die alllseits bekannten polit-rhetorischen Versatzstücke und die entsprechend angestrengte "kämpferische" Gestik.

Dazu  noch ein Zitat von AKK auf dem - "für unser 21. Jahrhundert" - wichtigsten Informations - und Agitationsmedium Twitter: "Wir haben eine Verantwortung! Die Menschen verlassen sich darauf, dass wir unser Land stark machen. Wenn unser Wertesystem Standard überall in der Welt sein soll, geht das nur mit starkem Deutschland und starkem Europa. Das ist die Verantwortung, die über die CDU hinaus reicht." Derlei Worte erquicken das Volk, erwecken allseits Hoffnung, bei den Menschen in Deutschland, bei den gebeutelten Gelbwesten in Frankreich, ja weltweit -, klingen indes  nach Merkel: inhaltslos, immerhin in korrekter Syntax. 

"Unser Wertesystem": Interessanter als das, was sich die Katholikin Kramp-Karrenbauer darunter vorstellt, ist was, bei dem politischen Schaulaufen der Jusos - der Truppe,  aus der die SPD ihre künftigen  leaders rekrutiert - zu hören und zu sehen war. Eine nicht mehr ganz jugendliche Funktionärin ereiferte sich "als Feministin" für das Recht auf Abtreibung bis zum neunten Monat - nicht etwa neunte Woche - der Schwangerschaft. Der Antrag ging durch, Widerspruch regte sich nur bei einer Gruppierung "Pragmatische Mitte" (oder so ähnlich). Mit derlei "radikal emanzipatorischen" Proklamationen empfiehlt sich der Parteinachwuchs im Umfeld von Kevin Kühnert für künftige Führungaufgaben in Deutschland und Europa. 

Der SPD ist aus mancherlei Gründen - Übergang zum postindustriellen Zeitalter, volatiles Wahlvolk (nicht nur im "Osten"), Massenimmigration, dürftige Programmatik,  charismafreies Führungspersonal, Konkurrenz auf der Linken -  das frühere Wählerpotential (Industriearbeiter, untere Mittelschicht, "kleine Leute") - abhanden gekommen. Wenn sie künftighin bei bei Wahlen nicht über die Prozentzahlen der derzeitigen Umfragen hinauskommt,  hat die einstige "Volkspartei" SPD dies auch ihrem "kämpferischen", in Wirklichkeit nur  noch peinlichen Nachwuchs zu verdanken.

Also  doch lieber - faute de mieux  - Kramp-Karrenbauer? Kaum. Was längst not tut, wäre die Abkehr von der "unpolitischen Politik" (Ferdinand Knauss) des Merkelismus. Dessen  verantwortungsfreie Konzeptionslosigkeit ist  parteiübergreifend.


Donnerstag, 6. Dezember 2018

Das Lob des Ex-Generalsekretärs Ban Ki-moon

In einem Interview mit der FAZ ("Der Pakt wird wirken", in: 06.12.2018, S. 2) verteidigt der südkoreanische Diplomat Ban Ki-moon, von 2007 bis  2016 Generalsekretär der Vereinten Nationen, den nächste Woche in Marrakesch zur Unterzeichnung anstehenden UN-Migrationspaktes (Global Compact for Safe, Orderly and Regular Migration [GCM]). Die Wahl der - für Touristen, Filmfestivals sowie betuchte europäische expats attraktiven - Metropole im Süden Marokkos (abzüglich des  "umstrittenen" Territoriums Westsahara) für den Vertrag ist mutmaßlich kein Zufall, aber nicht ohne Ironie: Das von einem Nachfahren des Propheten regierte Königreich im Maghreb - es gilt im arabischen Raum als vergleichsweise "liberal" - steht unter multiplem Migrationsdruck: erstens als Land mit hohem Bevölkerungswachstum und entsprechend anwachsender, auf Einwanderung in Europa sinnender  Jugend (push), zweitens als mal stärker, mal weniger durchlässiges Durchgangsland (semi-attractive pull) für subsaharische "Migranten", drittens als Erzeuger von Kriegsflüchtlingen aufgrund der Annexion der spanischen Ex-Kolonie Rio de Oro ("Republik Westsahara") (collateral push), was den hehren Zielen des Migrationspaktes indes keinen Abbruch tut.

Ban Ki-moon - laut FAZ seinerzeit  mehr Bürokrat als Friedensbringer,  Förderer der Frauenquote in der 40 000 Personen umfassenden Bürokratie - kritisiert die wachsende Zahl der Nichtunterzeichner des Pakts (obenan die USA) als "verantwortungslos". Schuld an dem Widerwillen mancher Staats- und Regierungschefs seien auch die Mechanismen der (national-)staatlich etablierten Demokratie: Auf globalen Foren präsentierten sich viele Politiker von Rang als "Weltpolitiker", zu Hause aber würden sie "zu Geiseln der eigenen Wählerschaft".  Interessant wäre zu wissen, wie Ban Ki-moon die Einstellung der politischen Eliten in der zur Demokratie gereiften Republik Korea (Südkorea), ein nicht als immigrationsfreudig bekannter Staat, zu ändern gedenkt. Die grundsätzliche Frage, in welchem territorialem Rahmen demokratische Verfahrensweisen fürderhin zu praktizieren seien, solange die von "Universalisten" angestrebte, auf expandierende Menschenrechte zu gründende  Globaldemokratie noch in den Sternen steht (und sich das global operierende Reich der Mitte derlei ins Globalistische zielenden Projektionen freundlich lächelnd entzieht).

Ausdrücklich lobt der  Ex-Generalsekretär die deutsche Kanzlerin Angela Merkel "als Mutter der Migranten". Womöglich hatte er die mit einem syrischen Ankömmling für ein "Selfie" ins Smartphone lächelnde "Mutti" vor Augen. Wie wenig moralisch, sondern schlicht opportunistisch, es in der für die "Flüchtlingskrise" entscheidenden Septemberwoche anno 2015 im Kanzleramt tatsächlich zuging, scheint Ban Ki-moon nicht klar zu sein. Jedenfalls hat er das Buch von Robin Alexander "Die Getriebenen" - aus mangelndem Erkenntnisinteresse oder wegen fehlender Übersetzung? - nicht zur Kenntnis genommen.

Ban Ki-moon ist überzeugt, dass der Migrationspakt "moralisches Gewicht" hat und "große Wirkung entfalten" wird. Damit bestätigt er all jene, die ungeachtet der  bei der Abstimmung  im Bundestag hinzugefügten Vorbehaltserklärung sowie allerlei in der Erklärung selbst widersprüchlichen Punkte  den Pakt als Schwächung nationalstaatlicher Souveränität durch soft law, letztlich als Türöffner für weltweite Migration zurückweisen. (Siehe u.a. https://www.tichyseinblick.de/feuilleton/buecher/was-bedeutet-was-bringt-der-un-migrationspakt/?fbclid=IwAR0HVfAp0v6RHtS1u9XgFjU8LwmZq949d5Wx59WMxoEb6KrBgt1xgu0WzD8

Nüchtern betrachtet, geht es bei dem "Pakt für sichere, geordnete und reguläre Migration" - die Unklarheiten beginnnen bereits mit der Übersetzung - um den alten Widerstreit von (Hyper-)Moral und der Kunst, Notwendigkeit und Grenzen des Möglichen. Wer die Weisheit - und die behauptete Moral - des "Paktes" in Zweifel zieht, gehört in diesem Lande, "in dem wir gut und gerne leben" (Angela Merkel), selbstverständlich zu den "Rechten" - unter ihnen der verdiente Berliner SPD-Politiker Heinz Buschkowsky.

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Zum norddeutschen gesetzlichen Feiertag auf Dauer

Die "Zeit" vom letzten Donnerstag beglückte den Leser mit einem beigelegten "Chrismon Spezial", mit einer Erläuterung in rotem Kreis "zum Reformationstag am 31. Oktober 2018". Auf dem Titelblatt begrüßen Iris Berben mit nachdenklichem Gesicht und Martin Schulz mit freundlichem Lächeln den Leser mit der gemeinschaftstiftenden Botschaft "Wir müssen laut werden".

Titel und  Untertitel ("Martin Schulz und Iris Berben übers Hinfallen und Aufstehen und den Aufbruch den wie jetzt brauchen") machen deutlich, was den Leser im Interview erwartet: Selbstverständlich kein Aufruf zur kollektiven Beschleunigung des Abgangs der Kanzlerin Merkel - das Interview wurde vor der Hessenwahl und vor Merkels halbem Rückzug geführt -, sondern die allfällige Ermahnung zur Abwehr der Gefahren von "rechts". Immerhin erfahren wir auch allerhand Lustiges:  Schulz hat unlängst in Sao Paolo "den ehemaligen brasilianischen Staatspräsidenten Lula da Silva" besucht, "der jetzt im Gefängnis sitzt - auch einer, der von ganz oben abgestürzt ist." Außerdem erklärt er - einst Jesuitenschüler, jetzt nicht mehr religiös - auf die Frage nach seiner spirituellen Praxis ("Schon mal in der Kirche eine Kerze angezündet?"), er zünde Kerzen für den Sieg des 1. FC Köln an, beispielsweise vor ein paar Jahren in Paris, "als der FC gegen Bayern München 0:2 zurücklag." Das habe geholfen. Der FC siegte 3:2.

Iris Berben erlaubt sich einen islamkritischen Witz über den Himmel, wo "manche Muslime" auf "72 unbekannte Jungfrauen rechnen" dürfen. Sonst gilt ihr Engagement dem Kampf gegen den Rechtsextremismus. "Ich verstehe nicht, warum die Demonstrationen gegen die Rechten so zaghaft sind. Das macht mich fassungslos." Offenbar sind ihr ihr bei den Demonstrationen bislang jene Aktionen entgangen, die weniger zaghaft sind.

In seinem Editorial freut sich der EKD-Ratsvorsitzende und "Chrismon"-Herausgeber Heinrich Bedford-Strohm darüber, dass in den  norddeutschen Bundesländern - er ignoriert offenbar die Lage in der Bundeshauptstadt - der Reformationstag "als gesetzlicher Feiertag auf Dauer eingeführt" wurde. Ob sich die VW-Bosse in Wolfsburg darüber gefreut haben, scheint fraglich, ebenso, ob die muslimischen Neubürger mit der protestantischen  Reformation viel anfangen können (wohl aber mit dem freien Schul- und Arbeitstag). "Das tut nicht nur der Seele gut. Wir können daraus auch Kraft gewinnen für unser gesellschaftliches Engagement." Nichts anderes ist von jenem halbsäkularisierten Geist des deutschen Protestantismus zu erwarten, der sich ungeachtet der schwindenden Glaubens- und Kirchenbindungen sowie allgemein angesichts der Demographie  in seiner festen Burg sicher wähnt - solange die Kirchensteuer das Wohlbefinden sichert.

Im "Chrismon Spezial" äußern sich "fünf Studierende und Auszubildende" zu Glaubensfragen. In einem Interview erläutert  Lola ("26 Jahre, studiert Germanistik und evangelische Religionslehre in Münster und engagiert sich bei den Grünen") ihren durchs Studium erweiterten evangelischen Glaubenshorizont: "Jesus hatte oft sozialpolitische Ideen, Nächstenliebe zum Beispiel, daraus kann ich ein modernes politisches Programm formen." Die Studentin ist auch mit Bibelkritik vertraut ("Die Evangelien sind nicht von Gott geschrieben..."), was hermeneutische Fragen aufwirft, denn "auch die Übersetzung aus dem Griechischen ist subjektiv geprägt: Übersetze ich das Wort junge Mutter oder Jungfrau?" Gemeint ist wohl die Bezeichnung (und Bedeutung) Mariens als parthenos. Lolas Gottesbegriff ist multikultitauglich: "Auch im Hinduismus, im Buddhismus, im Islam, im Judentum kann ich Gott treffen. Gott ist der Gleiche, auch wenn er anders heißt. Man glaubt an Gott, die religiöse Form ist abhängig von sozialen Gegebenheiten."

Auf den nächsten Seiten geht´s, wie auch anders, um den interreligösen Dialog, vor allem zwischen den "drei abrahamitischen Religionen."  Am Helmut-Schmidt-Gymnasium in  Hamburg gibt es eine von Lehrern und ehemaligen Schülern gebildete Gruppe GIRA ("Gesprächsrunde für interreligiösen Dialog"): "Bei den Gesprächen geht es oft um den Islam und um Erfahrungen mit Diskriminierung, um das Islambild von Donald Trump, aber auch ums Deutschsein, um religiösen Gruppenzwang, den Hitzestau unter dem Kopftuch (sic!), oder ganz praktisch: Wie halal muss das Schulessen sein?"
Den Artikel über religiöse Vielfalt  ("Schön, meine vielen Facetten") und Dialog illustrieren Moschee und Kirche, dazu die  christlichen und jüdischen Symbole. In fröhlicher Eintracht strahlen zwei junge Gesichter, ohne und mit Kopftuch, den Leser an. Es handelt sich um Neta-Paulina Wagner (christlich-jüdisch), die über Landkarten in den Köpfen von Palästinensern an der Universität Nimwegen eine Doktorarbeit schreibt, und um Larissa Zeiger (28 J.). Die ist seit fünf Jahren Muslima. In Kreuzberg geboren, besuchte sie dort eine anthroposophische Schule. Für Religion hat sie sich lange wenig interessiert. Doch bereits mit 21 Jahren führte sie im KZ Ravensbrück Workshops mit Jugendlichen durch, "ließ sie mit Videokameras das Gebäude und Gelände erkunden." Jetzt, fest mit Kopftuch im wahren Glauben stehend, schreibt sie in London "an ihrer Magisterarbeit über den jüdisch-islamischen Dialog."

Der "Chrismon"-Redakteur Burkhard Weiz macht sich Gedanken über die Herkunft der Menschenwürde und der Menschenrechte. Mit einem der Leserschaft inzwischen vertrauten Begriff erläutert er den historischen Hintergrund der UN-Menschenrechtsdeklaration von 1948: "Ein Populist versprach 1933: Deutschland den Deutschen". Des weiteren geht es ihm um die Klärung der Kontroverse über die historische Herkunft der Begriffe: aus dem Gottes- und Menschenbild des Christentums oder aus der antikirchlichen Kritik der Aufklärer? Zum Reformationstag wird auch Luther mit seinem Gewissensbegriff  als Mitschöpfer der transzendenten Menschenwürde zitiert. Zuvor heißt es: "Jede Religion, jede Kultur der Welt kennt Fairness, Gastfreundschaft, Solidarität mit Schwachen, das Ideal der Gleichheit aller, den Schutz vor Folterung und Erniedrigung." Hier irrt der Verfasser gründlich.

In dem erwähnten Interview erklärt Martin Schulz, dank der seit seiner Zeit als Bürgermeister von Würselen hochgeschätzten Rolle der Kirchen für die Erhaltung des Sozialstaats zahle er "seine Kirchensteuer gern." Oft genug, nicht allein nach der Lektüre des "Chrismon-Spezial" zum Reformationstag, fragt sich der Leser, für welch gutgemeinte Zwecke seine Kirchensteuer dient. Unlängst war zu lesen, dass die EKD beabsichtige,  die Zuschüsse für die konservative, zu "evangelikal" eingefärbte Zeitschrift "idea" zu streichen.