Montag, 3. September 2018

Rock´n Roll in Chemnitz

Die Demokratie im freiesten Staat der deutschen Geschichte steht bekanntlich am Abgrund, wie uns tagtäglich die Bilder aus Chemnitz beweisen: Wir müssen mit ansehen, wie das letzte Aufgebot der Freiheit, todesmutige Töchter und Söhne  von Tante Antifa, mit nichts als politisch aufklärenden Transparenten bewaffnet, an die Front ziehen, zum Kampf gegen die braunen Horden in Sachsen. Adnote: Wer meint, in diesem Text sollten die nackten Hintern und das sonstige Gebaren der jederzeit gewaltbereiten tätowierten Kostümnazis verharmlosend ästhetisiert werden, gehört zu den  politischen Legasthenikern.

Eine Rekonstruktion der von Merkels "Grenzöffnung" ausgelösten politischen Erschütterungen der bundesrepublikanischen Wohlgefälligkeit ist nicht nötig. Stattdessen sei verwiesen auf die Analyse dessen, was derzeit hinter den TV-Spots aus Chemnitz als deutsche historisch-politische Realität hervortritt, die der aus DDR-Opposition stammende  Historiker und Publizist Klaus-Rüdiger Mai heute in der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ) präsentiert  https://www.nzz.ch/feuilleton/alles-beginnt-mit-herkunft-weshalb-ostdeutschland-sich-zur-provokation-entwickelt-ld.1415437).

Mein Thema sind nicht die Hintergründe der abstoßenden - realen  und inszenierten ("gefaketen", siehe https://www.lr-online.de/lausitz/cottbus/polizei-ermittelt-gegen-gruppe-syrischer-maenner_aid-32314203?output=amp&__twitter_impression=true) - Szenen, sondern die der von ganz oben -  von dem dereinst zu Wahlkampfzwecken im Problembezirk Neukölln mit dem sensiblen Dichter-Migranten Bushido rappenden Bundespräsidenten Steinmeier - empfohlenen und öffentlich finanzierten Veranstaltung zur Verteidigung der Demokratie in Chemnitz: Ja doch, wieder mal "Rock gegen Rechts". (Merke: Rechts, großgeschrieben, gilt als bedrohliches Substantiv).

Weder dem Gedröhn der Verstärker noch den ohnehin unverständlichen Texten der auf der Bühne versammelten demokratischen Kampfgruppen,  im Erscheinungsbild kaum zu unterscheiden von den "rechten"  Nazi-Rock-Bands, könnte ich etwas abgewinnen. Die Sinne, die Nerven, sind zu schonen. Den Lesern, die sich aufgerufen fühlen, als TV-Demokraten dem Spektakel beizuwohnen, seien indes ein paar Verse jener schönen Texte vorgestellt, welche die Band "Frische Sahne Fischfilet" -  die aus ein paar Akkorden und viel Lärm bestehende Kunst des Polit-Rock erlernte ihr tätowierter Frontmann dereinst bei der bei Verfassungsschützern beliebten Nazi-Band "Landser" -  zur demokratischen Erbaung ihres Publikums gedichtet haben:

„Leere Gesichter, viele Fragen
Niemand der ihnen Antwort gibt
Was können sie hier noch wagen?
Heute Nacht - schlagen sie zurück
Helme warten auf Kommando
Knüppel schlagen Köpfe ein
Wasser peitscht sie durch die Straßen
Niemand muss Bulle sein!
Und der Hass - Der steigt
Und unsere Wut - Sie treibt
Unsere Herzen brennen..." 


Der demokratisch befreiende Hass gilt den "Bullen", der Polizei. Ähnlich feinsinnige Lyrik erwartet  das aus ganz Deutschland - Ost und West - vielfach in Bussen demokratisch gratis herangekarrte Publikum heute abend in Chemnitz.

Womöglich handelt es sich nur um eine Geschmacksfrage. Zu meinen Zeiten gefielen mir die fröhlichen Verse und die Rhythmen von Chuck Berry:

"Rock`n`roll music just, let me hear some of that rock 'n' roll music
Any old way you choose it
It's got a back beat, you can't lose it
Any old time you use it
It's gotta be rock 'n' roll music
If you wanna dance with me..."


Tempi passati. Insgesamt glücklichere Zeiten, glücklichere Tage,  lange vor dem großen Glück des Mauerfalls, Äonen vor Merkels Okkupation der deutschen Politik. Dafür, dass sich die Dinge -  so oder so, hoffentlich noch zum Guten  - ändern, dass die Ära Merkel zu Ende geht, gibt es hinreichend Anzeichen. Nicht zufällig forderte der tätowierte Millionär Campino, Superstar des Chemnitzer Spektakels, Angela Merkel zum "Durchhalten" auf - eine aus der deutschen Geschichte bekannte Parole.

Samstag, 1. September 2018

Post mortem Giselher Suhr

Jahrelang habe ich mich geweigert, mich den Tentakeln des  Kraken Facebook auszusetzen. Schließlich ließ ich mich von einem Freund überreden, der mir die Chancen auf ein breiteres Publikum für meine Publizistik vor Augen stellte.

Über das - nach wie vor fragwürdige - Medium gewinnt man "friends", teils wird man von anderen, nicht immer ganz vertrauenswürdigen friends angefragt bzw. kooptiert, teils stößt man auf Namen, die man - teilweise von ganz früher her -  kennt, mit denen man gerne wieder in Kontakt treten möchte. Daraus können zuweilen sogar noch reale Freundschaften hervorgehen.

Giselher Suhr, über lange Jahre Redakteur bei "Kennzeichen D" sowie Studioleiter des ZDF in Berlin, gehört zu denjenigen "friends", deren Wiedersehen über Facebook sympathische Erinnerungen erweckte. Es war in den 1980er Jahren im eingemauerten West-Berlin, als ich ihn über eine in der damaligen Friedensbewegung - sofern diese aus ideologisch gefestigten und entsprechend unfriedlich rivalisierenden Friedensfreunden, glaubwürdigen (und weniger glaubwürdigen) Pazifisten sowie gläubigem Fußvolk zusammengesetzte Assoziation die Bezeichnung rechtfertigt - engagierten grünen Freundin kennenlernte. Ich weiß nicht mehr, ob er es oder ein Kollege war, der mich auf einem Ausflugsschiff auf der Havel zu einem Interview zum Thema "Frieden in Europa und deutsche Frage" einlud.

Die  Ironie bei der damaligen Erregung über die im Zeichen der Nato-"Nachrüstung" - oder sowjetischen "Vorrüstung" - als Vorspiel der Apokalypse in Europa wahrgenommenen Neuauflage des Wettrüstens lag darin, dass die Friedensbewegten aller Schattierungen zwar die potenzierte Kriegsgefahr "auf deutschem Boden" beschworen, einige diese Wahrnehmung sogar in patriotischen Reden kundtaten. Die Mehrheit der Protagonisten der "neuen sozialen Bewegung" (in jenen Jahren kreierter terminus sociologicus) aber wollte des Pudels Kern der Friedensfrage - die in den Blockstrukturen konservierte, durch die Mauer anscheinend ad ultimo vertagte Deutsche Frage - nicht erkennen oder auch nur als Frage nicht zulassen. Zwar hatte Ende 1981 der von zahlreichen Promis unterzeichnete Brief des DDR-Regimekritikers Robert Havemann an den sowjetischen Partei- und Staatschef Leonid Breschnew Aufsehen erregt, aber der Impuls eines "neuen Patriotismus", wie ihn damals ein schriller Aufmacher im "Stern" beschwor, erstarb in kurzer Zeit. Der Friede in Europa wurde spätestens nach der "erfolgreichen" Stationierung von Mittelstreckenraketen "auf (west-)deutschem Boden erneut auf der Basis des Status quo definiert. Die wenigen Dissidenten in der DDR, die sich als "unabhängige" Friedensbewegung verstanden und dafür die Repressionen  des SED-Regimes in Kauf nahmen, fanden im Westen - selbst bei den zusehends vom "Realo" Joschka Fischer und seinesgleichen dominierten Grünen -  nur abgeschwächte Sympathien.

Zu den wenigen Ausnahmen gehörte damals - als Mitglied der SPD - der Journalist Giselher Suhr. Er verfügte über allerlei Kontakte zu den Dissidenten und stellte in seinen TV-Beiträgen die deutsche Misere vor Augen. An einem regnerischen Tag Mitte der 1980er Jahre traf ich ihn auf der großen Wiese vor dem verwaisten Reichstagsgebäude. Er hatte sich jenem Häuflein von Friedensbewegten zugesellt, die dank günstigem Westwind Luftballons mit und ohne Friedensbotschaften gen Osten fliegen ließen. Insofern, als womöglich einige Ballons nicht nur bei der Stasi, sondern  auch  bei Bärbel Bohley, Ulrike Poppe und anderen landeten, war die Westaktion vielleicht mehr als nur gut gemeint.

Danach verlor ich Giselher Suhr aus den Augen. Ich begegnete ihm erst wieder digital nach meinem mit Bedenken vollzogenen Beitritt zu den Facebook-"friends" im November 2016. Er schrieb: "Lieber Herbert, hab Dank für Deine FB-Freundschaft. Nun sage ich zu Freunden, auch wenn sie nicht grade meiner Meinung sind, gerne ´du´. Ist das OK? Dann freue ich mich auf Infos, Diskussion und mEHR. Als dein FB-Freund GiselHER."

Zu einem intensiveren Austausch von "Infos" und mehr ist es dann doch nicht gekommen. Ich erfuhr nur, dass Giselher Suhr der AfD beigetreten war. Auf seinem FB-Selbstporträt postete er "Nie wieder SPD".  Außerdem "outete" sich Giselher Suhr, geboren - mutmaßlich als Flüchtlingskind - am 14. August 1945 in Tauberbischofsheim,  als Mitglied der - naturgemäß revanchistisch-faschistischen - Facebook-Gruppe "Schlesier". Außerdem gehörte er einer mit "Freunde Israels" oder so ähnlich betitelten Fb-Gruppe an.

Am 14. August 2018 sandte ich Giselher Suhr einen Fb-Gruß: "Alles Gute zum Geburtstag!.
Und gute Laune trotz allem (und fast aller)!"  Seine Antwort: "Merci! Jetzt erst Recht, Rechtswahl... ´rechts´ statt Rechtswahl.... ( Tippfehler)". Heute stieß ich in der FAZ auf die Todesanzeige. 
Giselher Suhr ist nach langer Krankheit am 22.8.2018 gestorben. 

In der für Demokratinnen und Demokraten für biographische und politikwissenschaftliche Zwecke unentbehrlichen Allwissensquelle "Wikipedia" ist u.a. folgendes zu lesen: "Suhr trat 1965 in die SPD ein, er war Anhänger der Ostpolitik Willy Brandts. Auch die Agenda 2010 befürwortete er, doch wuchs nach Jahrzehnte langer Zugehörigkeit die Distanz zur Partei. Er wurde AfD-Mitglied und stellte Interviews mit und Auftritte von AfD-Politikern auf seinem Youtube-Kanal ein."

Klar doch - all das reicht zur demokratisch korrekten (e.g. "indymedia", "Spiegel", Göring-Eckardt (etc.) Klassifikation als "Nazi". Trotz alledem und trotz allem Irrsinn in diesem unserem Land: R.I.P.
 

Mittwoch, 15. August 2018

Leseempfehlung: Die Zukunft in Syrien

Dass Hintergründe und Verlauf - bis zum endlich absehbaren Ende -  des Bürgerkriegs in Syrien vielschichtiger und widersprüchlicher sind, als in der vorherrschenden Berichterstattung, die über Jahre hin auf Verständnis für die "demokratischen Rebellen" und Verdammnis des Diktators Assad sowie seines Schutzherrn Putin ausgerichtet war, ist einem distanziert kritischen Beobachter der nahöstlichen Szenerie stets klar gewesen. (Siehe meine Kommentare in Globkult, e.g. https://globkult.de/politik/deutschland/864-zum-unfrieden-in-nahost-unbequeme-faktenlagehttps://globkult.de/politik/deutschland/880-politische-bildung-vi-westerwelles-schutzfaehige-opposition-und-obamas-chemielabor-fuer-syrien.) Obgleich sich jetzt der Sieg Assads über über die hierzulande stets mit Sympathie gehandelten Rebellen, nicht zuletzt über die auf vereinzelte Stützpunkte zurückgedrängten Terrorbanden des IS("Islamischer Staat"), immer deutlicher abzeichnet, vermisst man in den Medien  und in den Verlautbarungen unserer classe politica konzeptionelle Überlegungen zur Zukunft des Landes in Nahost. Man spricht allenfalls über die fortschreitende  Integration von Flüchtlingen.

Eine Ausnahme bildet das Interview, das der Redakteur Simon Strauß mit der seit 2009 in Wien lebenden Frauenrechtlerin Rasha Corti führte ("Jetzt kann sich endlich alles ändern", in: FAZ v. 14.08.2018, S. 9). Die aus Raqqa - die Stadt wurde 2013 von  diversen islamistischen Milizen, zuletzt vom  IS überrannt - stammende Dokumentarfilmerin hält Assad keineswegs für unschuldig am Eklat und an den Gräueln des Bürgerkriegs, aber eben auch nicht für den alleinschuldigen.
 
Erhellend - wenngleich  politisch unerwünscht - sind die Kommentare zur Rolle der beiden Großmächte: "Russland hat immer zu uns gestanden, anders als die Amerikaner, die in anderen Ländern Rebellen wie die Taliban unterstützt haben." Auf die Frage, welche Rolle Russland künftig spielen solle: "Ja, Russland ist die einzige Hoffnung. Denn nur Putin kann Syrien vor dem Machthunger Erdogans schützen." Die Syrerin erläutert dessen - auf die Vereinnahmung Aleppos zielenden - Ambitionen anhand von Details der türkischen  Okkupation in den nördlichen Landesteilen.

Was weniger das Kopftuch als den Islam als solchen betrifft, erklärt die Frauenrechtlerin, dass  nach der "unmittelbaren Begegnung mit dem IS vielen Menschen begonnen [haben], den Islam und seine Radikalisierungspotentiale kritisch zu sehen." Hierzulande will man - etwa im "Dialog" von Christen und Muslimen - derlei kritische Fragen an die "dritte abrahamitische Religion" lieber nicht stellen.

Als peinliche Provokation für das gründeutsche Publikum müssen vor allem  Frau Cortis Worte über die Zukunft ihres Landes wirken. Nötig sei eine gemeinsame Syrienpolitik, auf die sich die Europäer und Russland verständigen sollten.  Auch die Zukunft der vor und nach 2015 Geflüchteten sieht sie in ihrem Heimatland. Zwar sei die Integration auf dem hiesigen Arbeitsmarkt die effektivste Integrationsmaßnahme, aber zugleich "halte ich es für die eigentliche Aufgabe einer verantwortungsvollen Integrationspolitik, dass sie ihre Einwanderer auch dazu ermutigt, in absehbarer Zeit in ihre Heimatländer zurückzukehren... Meine große Hoffnung besteht darin, dass diejenigen, die jetzt nach Europa geflüchtet sind, nach Syrien zurückkehren mit all den Fähigkeiten, die sie hier erworben haben." 


Samstag, 11. August 2018

Eine Kritik des grünen Gesamtkunstwerks

I.
Dass die Deutschen - die Biodeutschen, die Neudeutschen, die Passdeutschen, die cosmopolitan Germans sowie selbst die Antideutschen - grün fühlen, grün denken und vor allem grün fühlen sollen, wird bei jeder TV-Nachrichtensendung ersichtlich. Zugegeben, der Tagesrhythmus des Bloggers orientiert sich seit langem  nicht mehr an den öffentlich-rechtlichen TV-News, in denen er wenig Neues, schon gar nichts über die Hintergründe der gezeigten Spots erfährt, wohl aber ständig ermahnt wird, sich seiner Verantwortung für das das globale Elend, für die von uns Wohlstandsbürgern misshandelte Natur, für den Klimawandel und die Klimaflüchtlinge bewusst zu sein. Die relevanten Informationen und Bilder sind immer noch besser in Druckerzeugnissen zu finden, nicht zuletzt in den social media.

Den  Hütern der politischen Moral erscheinen diese neuen Informationsquellen als konsensstörend. Einige entrüsten sich gar in harten Worten über die "asozialen Medien", was offenkundig auf Fehlwahrnehmung beruht. Denn dass solcherlei Abwertung falsch ist, wird in diesen Augusttagen von Bildsequenzen auf youtube oder sonstwo belegt.

II.
Der Betrachter darf die politische Elite der Bundesrepublik beim Aufstieg auf den Grünen Hügel von Bayreuth bewundern. Das Festspielhaus oberhalb der fränkischen Markgrafenstadt hat seit seiner Eröffnung 1876 unbeschadet - bei der Bombardierung Bayreuths im April 1945 klammerte der "masterbomber" den Wagner-Tempel ausdrücklich als Zielobjekt aus - vier politische Systeme erlebt. Jahr für Jahr, von Ende Juli bis Ende August, wallfahrtet die gute Gesellschaft des Landes  auf den Grünen Hügel, um das von Wieland und Wolfgang  in den 1950er Jahren von jeglicher Erinnerung an Onkel Wolf bereinigte Gesamtkunstwerk des Meisters zu erleben und durch ihre bloße Präsenz zu vollenden.

Die ästhetische Tendenz der Bayreuther Weihespiele wechselte im vergangenen Jahrhundert im Sinne der jeweils herrschenden geistigen und politischen Ordnung. Dass anno 2018 der deutsche Geist grün durchtränkt ist, kam beim Einzug unserer Bundeskanzlerin zur diesjährigen Eröffnung zum Ausdruck. Sie erschien in prächtig grüner, langer Garderobe, nicht etwa in gewohntem Hosenanzug.  Eröffnet wurde die Saison mit "Lohengrin". Das Lächeln der Kanzlerin, die Feierlichkeit der Stunde, die Inszenierung des Politischen im Dienste des Erhabenen verbot die Frage nach dem tieferen Sinn des Ganzen.

III.
Wie monochrom grün es auf dem Grünen Hügel - mit Ausstrahlung auf das grüngeistige Volk - zugeht (und  künftig zugehen soll), demonstrierten sodann in strahlender Zweisamkeit Claudia Roth in hochgeschlossenem AfD-Blau und Anton Hofreiter in schwarzem Smoking mit schwarzer Fliege.

Den  Kommentar zum Auftritt des Paares liefert Necla Kelekin einem für eine Provinzzeitung verfassten Aufsatz, der wiederum nur im Internet zu finden ist ( http://www.buerstaedter-zeitung.de/panorama/aus-aller-welt/gastkommentar-von-necla-kelek-zu-den-gruenen-partei-ist-eine-fortschrittsbremse_18991171.htm#). Zu welcher Aufführung ist das grüne Heldenpaar den Grünen Hügel hinaufgeschritten? Gehört auch Karin Göring-Eckardt zu den Festspielgästen? Gibt´s noch andere grüne Wagnerianer/***Innen?

Statt mit derlei Klatschnachrichten befasst sich Kelek, deutsche Dissidentin mit Migrationshintergrund, mit Fragen zur grünen Weltmoral: "Herrn Hofreiter und Frau Roth hätte die Geschichte von „Lohengrin“ gefallen, fordert er doch das, was die abwesenden Grünen und die anwesende Kanzlerin Merkel in der Flüchtlingspolitik geschehen lassen: ´Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam’ und Art.´ Die Rolle des Lohengrin ist allerdings nicht mit einem Flüchtling besetzt und der Schwan kein Schlauchboot. Deshalb der Verzicht? Aber vielleicht kommen sie ja noch, denn das Frageverbot, an das Lohengrin seine Hilfe knüpft, erinnert an die Einwanderungspolitik, die die links-grüne Mitte seit Jahren betreibt. Da wird das Benennen der Probleme vor allem der muslimischen Migrantinnen – wie Frauenunterdrückung, Zwangsheirat, Vollverschleierung, das Kinderkopftuch und die Bildung von Gegengesellschaften, ebenfalls mit einem Frageverbot belegt. Unterstützt durch die Migrationsforschung wird mit stattlichen Beträgen der Rassismus der Deutschen erforscht, keine Forschungsgelder werden ausgegeben, um die Rolle der Moscheen in den Schulen zu ermitteln oder Verwandtenehen zu thematisieren... Die grüne Parteispitze versucht, wie der Soziologe Max Weber es in Politik als Beruf formuliert hat, alles zu tun, damit ´die Flamme der eigenen Gesinnung nicht erlischt´. Moralische Überlegenheit ersetzt das Argument, die eigene Befindlichkeit entscheidet über Dringlichkeiten... Claudia Roth redet mit erwachsenen Menschen so, als wären die in der Kita... Das ´Ach´ und Weh´´, (Lohengrin, Schluss des letzten Akts) der Berufspolitikerin Roth ist ein rührseliges Selbstbild, das belegt, dass sie die Probleme unseres Landes nicht begreift, sondern sie sich wie in ihrem blauen Kleid immer nur um sich selbst dreht. Wie ihre Partei!"

IV.
Zur Klärung der Lage, zum Begreifen der gesellschaftlichen Wirklichkeit, können marxistische Begriffe nach wie vor hilfreich sein. Das grüne Gesamtkunstwerk, ob nun dargeboten von Merkel oder von Roth, bildet den ideologischen Überbau der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Wenn die Basis, die Wohlstandssicherheit der einst bürgerlichen Mittelschichten, ins Rutschen kommt, gerät auch der grüne Überbau ins Wanken.








Freitag, 27. Juli 2018

Zur deutschen Katastrophe in Kasan

Wir dürfen annehmen, dass bis zum 27. Juni 2018 der Masse der deutschen Fußballfans (mit oder ohne Migrationshintergrund), nicht anders als großen Teilen der bundesrepublikanischen classe politica, ganz zu schweigen von Koryphäen wie Annalena Baerbock, Sawsan Chebli oder Jens Maier, Geographie und Geschichte der Stadt Kasan unbekannt war. Zwar stellen manche besorgte Kommentatoren in den Qualitätszeitungen den Schröder-Freund Wladimir Putin zuweilen in eine russische Traditionslinie, die sie auf Iwan IV. Grosny zurückführen. Der ob seiner Herrschaftsmethoden im Westen als Iwan der Schreckliche bekannte, dem Namen nach erste Zar der Reußen eroberte anno 1552 die Tatarenfestung Kasan und zwang den muslimischen Khan zur Konversion. Doch was soll uns Zeitgenossen die russische Geschichte? Wir, genauer: die Minderheit der historisch noch interessierten Biodeutschen – haben mit unserer verkorksten Geschichte genug zu tun.

Derlei Selbstzweifel sind dem Rest unserer Fußballnation in der Regel fremd oder waren es zumindest bis zum obigen Datum. Die Fans, das gesamte Fernsehvolk war stolz auf unsere Mannschaft, wir waren Weltmeister und wollten es mit Jogi Löws Truppe wieder werden. Wir freuten uns mit Angela Merkel auf den Endsieg.(S.: https://herbert-ammon.blogspot.com/2018/06/merkels-truppe-vor-dem-endsieg.html)  Für Theoretiker der modernen Demokratie, selbst für linksliberale, galt der deutsche Fußballstolz als akzeptabler Wesenskern deutscher Identität. Für gewissen Unmut sorgten zwar die Bilder von Özil und Gündogan mit „ihrem“ Präsidenten, aber die politisch zweckdienliche kollektive Hoffnung auf deutsches Siegesglück, Siegesglanz und Gloria wurde erst an jenem Tag in Kasan zunichte, als Südkorea „unsere“ matte Mannschaft aus dem Turnier warf.

Seither füllt die Debatte um Özil, um Özils Millionen und um Özils Frömmigkeit, um deutschen Rassismus und Erdogans Pluralismus, um die Demokratieverträglichkeit gespaltener – oder verweigerter – Identität(en) das Sommerloch, dazu die Bilder geretteter refugees und jubelnder militanter Migranten. Die Fußballkrise vermengt sich mit der Flüchtlingskrise. Die Brisanz der miteinander verquickten Fragen haben – im Hinblick auf die Wahlumfragen – nicht nur die Grünen erkannt, sondern auch der Bundespräsident sowie der Verfassungsrichter Andreas Voßkuhle, zuletzt inzwischen selbst die von diesem gerügte CSU-Führung.

Merkels Außenminister Maas erinnert an Özils Millionenverdienst in England - genauer: bei dem von einem der russischen Oligarchen mitfinanzierten Club Arsenal London – und möchte die ganze Geschichte zu einer Bagatelle herabstufen. Das ruft Entrüstung bei Altkanzler Schröder hervor, der als Vertreter der Bundesregierung bei der Vereidigung des türkischen Präsidenten sowie als führender Gazprom-Vertreter bzw. Nordstream-Vorstand auch über zwischenmenschliche Beziehungen zu Özils Präsidenten verfügt. Usw.

Die „Katastrophe“ von Kasan – die Hauptstadt der Republik Tatarstan liegt etwa 1000 km nördlich von Wolgograd/Stalingrad/Zarizyn - erweist sich so doch noch als Glück für die politisch-mediale Klasse. Sie eignet sich trefflich, um das populistisch erregbare „Volk“ von den bedrängenden Zukunftfragen, von den realen politischen Fragen – Demographie und Demokratie, außereuropäische Immigration und kulturelle Integration, Islam(isierung) und postchristliche Säkularisierung, Massengesellschaft und politische Loyalitäten angesichts ethnisch-kultureller Spaltungen - abzulenken und bei Laune zu halten.

Die „richtige“ Sicht der Dinge – die Auflösung des Problemkomplexes in Wohlgefallen – liefert Jürgen Kaube, Herausgeber der FAZ (in seinem Leitartikel vom 26.07.18, S.1): „Wer verlangt, eine von Ausländern abstammende Person müsse, um Inländer zu werden, irgendwie mit den Deutschen und deren Kultur verschmelzen, ist genauso wenig bei Trost wie diejenigen, die behaupten, Multikulturalität und die Einwanderungsgesellschaft seien ohne Vorurteile, Distanznahmen und Härten vorstellbar.“ Distanz zu derlei Perspektive sollte noch erlaubt sein. Sonst wird diese Geschichte noch vollends trostlos.

Samstag, 7. Juli 2018

Lingua Francfurtensis

In meinem letzten Blog-Eintrag würdigte ich die politsprachliche Begabung unserer Kanzlerin. Ihr Leib- und Magenthema - die Bereicherung ihres Landes durch europäische Lösungen für außereuropäische Migrationswillige - findet in der Qualitätszeitung FAZ seinen Niederschlag in der Berichterstattung über die Mühen der EU-Europäer, unter der langjährigen Ägide des Luxemburger Kommissionspräsidenten Juncker einerseits, unter der  halbjährigen EU-Ratspräsidentschaft des Österreichers Sebastian Kurz andererseits, einen einheitlichen Kurs in der "Flüchtingsfrage" zu bestimmen. Schlicht und einfach ausgedrückt, geht es darum, wie man mit dem anhaltenden Einwanderungsdruck umgehen soll oder will: Außen- und Binnengrenzen auf oder zu? "Festung Europa" oder "Willkommenskontinent"?

Keine Frage, die Materie ist kompliziert, weil Interessen und Moral, Ideologie und Wirklichkeit durcheinandergehen. Wenn man sich auch in der Sommerpause mit dem unendlichen Thema belasten will, trägt leider auch die Berichterstattung ("Mit mangelnder Zurückhaltung, in:  FAZ v. 07.07.2018, S. 4) über einen Besuch Junckers bei Kurz in Wien - Themen waren "Schutz der Außengrenzen" sowie der "Brexit"- nur mit äußerster Mühe zur Klärung der Lage bei. Der Autor frappiert den Leser mit folgenden Sätzen bezüglich Kurz´  Rolle als "Brückenbauer": "Im Fokus hat er dabei aber vor allem, die Interessen der in der Migrationspolitik auf seiner Linie liegenden Staaten wie Ungarn oder auch Rumänien vertreten."  Offenbar befindet sich der Verfasser nicht auf derselben Linie wir Kurz. Jedenfalls ist ihm dabei die Syntax aus dem Fokus geraten.

Die Gegenposition zu Kurz vertreten Stimmen wie unsere Kanzlerin Merkel, "die reine Konzentration auf den Schutz der Außengrenzen kritisieren und Solidarität mit einer fairen Lastenteilung anmahnen." (Ibid.) Derlei Sprachkunst wäre ehedem - in alten Zeiten des Bleisatzes - am Rotstift des Korrektors gescheitert. Heute gehört sie zum Stil des Frankfurter Qualitätsblattes.

Zum richtigen Verständnis der Materie und zur moralischen Erhebung verhilft ein Artikel von Melanie Mühl ("Je ärmer einer ist, desto fremder kommt er uns vor", ibid., S.13) über die Aktualität eines vor einem Vierteljahrhundert erschienenen Büchleins "Die große Wanderung" von Hans Magnus Enzensberger. Da heißt es in dem Artikel zum Schluß: "Wer versucht, sich, wo es nur geht, zu verbarrikadieren, der verhärtet auch emotional, weil ihn das Schicksal der Schutzsuchenden nicht mehr berühren muss. Die Barbaren stehen nicht vor unseren Toren. Sie sind mitten unter uns. Heute wie früher." In einfachen Sätzen formuliert, ist die Sache endlich wieder  klar. 


Mittwoch, 4. Juli 2018

Lingua Angelae

Anstelle eines umfangreichen Blog-Eintrags nur ein zitationswürdiges Diktum unserer ewigen  Kanzlerin. Bekanntlich legte sie das Abitur - auch im Fache Deutsch - in Templin, Uckermark, Bezirk Prenzlau (?), DDR, ab. Offenbar  gab es dort auch Noten für hervorragende Leistungen im Fach Deutsch als Fremdsprache. (In der erweiterten Bundesrepublik  heißt das Fach jetzt Deutsch als Zweitsprache.)

Zitat Merkel:
"Es muss mehr Ordnung in alle Arten von Migration kommen, damit Menschen den Eindruck haben, Recht und Ordnung werden durchgesetzt." - Bemerkung im alsbald fälligen Abiturzeugnis:  Die Kanzlerin beeindruckte über Jahre hin durch politische Geradlinigkeit, charakterliche Stärke und Gewandtheit im sprachlichen Ausdruck.

Mittwoch, 27. Juni 2018

Historische Grundbegriffe und Zukunftsaussichten anno 2018

I.
Nein, es geht in diesem Blog-Eintrag nicht um das achtbändige Geschichtslexikon, herausgegeben von  Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck,  erschienen 1972-2004, welches auch in Zeiten umfassender ("totaler") genderisierten Entgeistigung der Geisteswissenschaften für unideologische historische Arbeit unentbehrlich ist. Nein, es geht in gebotener Kürze um den Niederschlag historischen Grundwissens und entsprechender Grundbegriffe im politischen Raum des Feuilleton der Qualitätszeitung FAZ.

Einige Bekannte von mir haben aus unterschiedlichen Gründen - deutsche Sparsamkeit (siehe die Ausstellung im DHM, Merkelfromme Generallinie, taz-ähnliche Monotonie in der Mehrzahl der Feuilleton-Artikel,  sinnverquerende Angriffe auf die Orthographie (vorzugsweise "Referenz", wo es einem Dichter oder Denker Achtung zu erweisen gilt) usw. - das Abonnement gekündigt. Aus spezifischen Gründen habe ich mich dem Exodus bislang nicht angeschlossen, vielleicht auch aus sündhafter Eitelkeit. Denn "hinter dieser Zeitung" soll bekanntlich noch immer ein kluger Kopf stecken. Dieser alte Anspruch erhebt den Leser dieser Tage, da die Zeitung auf einer Doppelseite Eigenwerbung betreibt. Auf dem in sanften Brauntönen gehaltenen Foto einer asiatischen Teestube sehen wir - inmitten einer Männerschar und einer ostentativ emanzipatorisch zugesellten Kopftuchschönheit -  einen weltläufigen, hinter seiner Zeitung verborgenen "klugen Kopf".

II.
Unlängst belohnte mich der Verlag - mutmaßlich als Entschädigung für eine mehrtägige Nichtzustellung - mit einem (Werbe-)Exemplar des Hochglanz-Produktes "Frankfurter Allgemeine Quarterly". Anstrengende oder - für Leser mit Flugmeilenbonus - eher leichtverdauliche Lektüre? Schwierige Frage.  178 Seiten, inklusive der Werbeseiten, beispielsweise: "Ulrich Tukur fragt: Verdient meine Bank mit meinem Geld mehr als ich. Fragen Sie doch mal uns. qurinprivatbank.de". Auf der linken Seite zuvor geht es um "Offene Fragen" zu "wirklich existentiellen Themen", obenan zu Markus Söders Kreuz-Erlass. Frage 03: "Spürt man in Bayern schon den Effekt. Fühlt man sich dort jetzt christlicher, abendländischer, identischer?" Frage 16: "Gibt es keine wichtigeren Probleme [als die Flüchtlingsdebatte]?" Erheiternd Frage 20: "Wann fordert Horst Seehofer eine Obergrenze für Algorithmen?"

Offenbar zielt das zukunftsorientierte Magazin - im Proust-Fragebogen auf der letzten Seite fragt der/die Interviewer/in: "Wie möchten Sie sterben, Matthias Brandt?" - auf noch klügere Köpfe als das - der Antifa  zum Trotz? - noch immer in altdeutscher Fraktur im Titel aufgemachte Tagesleitmedium. Jedenfalls ermutigt das "Quarterly" den Leser zum angstfreien Blick in die Zukunft, nicht zuletzt in der Rubrik "Wirtschaft". Auch da geht es um "Frequently Asked Questions". Ein Bericht über die boomende - unlängst von der Kanzlerin besichtigte -  21-Millionen-Stadt Shenzhen ermuntert den von jäher Zukunftsangst beseelten Leser unter Verweis auf die beispielhaften Lebenserfahrungen Angela Merkels. "Was geschieht, wenn man den Wettbewerb um die Zukunft selbst aufgibt, hat die Kanzlerin in der späten DDR erfahren. Sie hat gesehen, dass ein ganzes System zusammenbricht, wenn es wirtschaftlich nicht mehr mithalten kann. Sie hatte nie die Illusion, dass allein die Bürgerrechtler mit ihrem Ruf nach Demokratie zum Einsturz brachten. Zur Implosion kam es erst, als die Mehrheit an den materiellen Verhältnissen verzweifelte. Deshalb weiß sie: Die Zukunft der Demokratien auf der Welt entscheidet sich auch daran, ob sie noch Lust auf jene Zukunft haben, die in Shenzhen schon zu besichtigen ist." Exemplarisch tritt in derlei Sätzen die bei Marx noch dialektisch gespaltene Einheit von Sein und Bewusstsein hervor.

Merkel ("Ich als Physikerin") macht Hoffnung.Was bedarf es da noch eines Blicks  in die Vergangenheit, in die Realgeschichte? Warum an Afghanistan, an  das Ende des Kalten Krieges - Folge des von der Sowjetunion verlorenen Rüstungswettlaufs - an Reagan, an Gorbatschow und an Helmut Kohl erinnern? Wir vertrauen auf Angela Merkels nüchtern-kühlen Blick in die postdeutsche Zukunft. Wir schaffen das.

Ganz ohne Geschichte geht es dann im "Quarterly" doch nicht. Als Experte für Historisches, als Kronzeuge dafür, dass "die Deutschen [nicht] nur Gehorsam und Untertanengeist kennen", wird der Grünen-Chef Robert Habeck interviewt. Habeck verpasste als Zwanzigjähriger leider den 9. November 1989, was ihn "heute total ärgert". Er hat indes mit seiner Ehefrau ein Theaterstück "Neunzehnachtzehn" über den die Novemberrevolution auslösenden Matrosenaufstand in Kiel verfasst. (Adnote H.A.: Die Männer hatten recht, als sie die Kessel löschten, um sich nicht in einer "letzten" Prestigeschlacht verheizen zu lassen.) Habeck freut sich, dass am Ende der Aufführung seines Stückes 2008 auch ranghohe Marineoffiziere lange klatschten.

Das Verhältnis zu revolutionärer Gewalt  ist bei Habeck nicht ganz eindeutig zu definieren. Er seziert die Dialektik der Revolution, etwa der Französischen, wo "der Mordrausch das Gute [vernichtete], für das sie einst eintrat."  Gewalt - wie zuletzt beim G-20-Gipfel in Hamburg - ist nicht seine Sache. "Scheiben einschmeißen ändert nicht die Politik. Das ist die falsche Projektion einer Haltung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht aus einer totalitären Kaiserzeit auf die Gegenwart." - Mit dieser ins Kaiserreich projezierten Ausweitung des Totalitarismusbegriffs findet der Grünen-Vorsitzende Habeck womöglich auch bei bei Katja Kipping und der Geschichtskommission der "Linke"-Partei Zustimmung.

III.
"Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen", heißt es bei George Santayana. Gegen derlei Verdammnis sind wir Deutschen dank einer Vielzahl von Gedenktagen und - jahren (siehe auch oben)  mutmaßlich geschützt, es sei denn, der AfD gelinge schon morgen die Machtergreifung im Bündnis mit einer preußisch-deutschnational umgefärbten CSU. Glücklicherweise ist auch das Jahr 2018 wieder reichlich mit Gedenkdaten ausgestattet, darunter die Erinnerung an den Prager Fenstersturz und den Dreißigjährigen Krieg.

Die potenzielle politische Zwecknutzung des Dreißigjährigen Krieges liegt in der Vorstellung eines "Westfälischen Friedens" (siehe H.A.: https://www.iablis.de/iablis/themen/2016-die-korruption-der-oeffentlichen-dinge/rezensionen-2016/115-kissingers-amerikanische-weltordnung) zur hinlänglichen Befriedung einer noch immer  unfriedlichen multipolaren Welt. Die Verknüpfung des spätestens mit dem zweiten Golfkrieg über den Nahen Osten hereingebrochenen Chaos, insbesondere mit dem seit 2011 andauernden Gemetzel in Syrien liegt nahe. Eben dies unternimmt die TV-Dokumentation "Glaube, Leben, Sterben" anhand der überlieferten Selbstzeugnisse von fünf Zeitzeugen - darunter die lutherische Bäuerin Martha Küzinger aus Oberösterreich - des "Teutschen Krieges".

In der Kritik des Doku-Dramas mit fünf Personen (Heike Huppertz: "Als die Mordbrenner die Gaukler ablösten") war in der FAZ (v. 15.06.2018, S. 16) folgendes zu erfahren: Der Calvinist Hans de Witte fungierte von Prag aus "als Finanzier des katholischen Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen" (bis er fallierte und Selbstmord beging). Der Jesuitenpater Jeremias Drexel sei "im Tross des bayerischen Königs Maximilian erst gegen die Böhmen und dann sozusagen gegen des Rest des Abendlandes zu Felde gezogen".

Die Feuilleton-Kritikerin empfahl das Werk dem "breiten Populärpublikum" auch dafür, dass es "die großen Linien des ereignisgeschichtlichen Schulbuchwissens ...im Vorübergehen auf kursorische, aber doch gründliche Weise mitserviert." - Gewiss doch, im Sinne politischer Bildung geht es zuvörderst um die großen Linien, erst in zweiter oder dritter Linie um für die lebendige Demokratie eigentlich unnötige Grundkenntnisse. Auch bei Begriffen sollte man nicht zu pingelig sein, außer um deutschem Größenwahn entgegenzuarbeiten. Wir sollten uns als Deutsche (und Österreicher) mit einer - im 15. Jahrhundert dem Namen des Reiches  hinzugefügten  - "Deutschen Nation" im Zuge historischer Amnesie nahezu vergessenen Heiligen Römischen Reich bescheiden. Auch die CSU in Bayern sollte mit einer historisch vorzeitigen Rangerhöhung des bayerischen Zweiges des Hauses Wittelsbach - Kurfürsten erst ab 1623, Könige erst ab 1806 - vorsichtiger umgehen. Hochmut kommt vor dem Fall.

Über mehr Bescheidenheit, über solidere historische Grundkenntnisse - und über die richtigen Grundbegriffe der heutzutage allein maßgeblichen Ökologie -  verfügt fraglos der bayerische MdB Anton Hofreiter. Ob er das Doku-Drama gesehen hat, ist nicht bekannt. Jedenfalls findet er - nicht anders als die Mehrheit aller Abgeordneten, nicht nur der Grünen, im Bundestag - die Analogie zwischen dem "Teutschen Krieg" und dem Glaubenskrieg  in Syrien unmittelbar einleuchtend.

Donnerstag, 14. Juni 2018

Merkels Truppe vor dem Endsieg

Vor ein paar Wochen outete sich Angela Merkel wieder mal als patriotische Fußball-Fanin (gendergerechtes und natürlich-geschlechtliches Suffix). Ungeachtet ihrer immensen Arbeitsbelastung als Bundeskanzlerin, fand sie in ihrem Terminkalender genügend Zeit und Muße, "unsere Mannschaft" im Traningscamp zu besuchen. Sie weiß, in schwierigen Zeiten - wie in der sich unendlich hinziehenden "Flüchtlingskrise" - müssen wir, die schon länger hier leben, und diejenigen, die noch nicht so lange hier leben, zusammenhalten. Das von Herzen kommende, patriotische "Wir-Gefühl" bedarf - anders  als der Habermas-Rothsche Verfassungspatriotismus - von Zeit zu Zeit der emotionalen Stärkung, vor allem wenn das Volk, der alte Lümmel, anfängt zu grummeln. Im Fußballkrieg geht kein Deutscher von der Fahne. 

Das weiß auch Merkel. Frage: Rührt ihre Begeisterung für den deutschen Fußball, für "unsere" Nationalelf, allein daher? Vor Augen treten TV-Bilder, wo wir unsere Kanzlerin in liebesrotem Blazer die Arme hochreißend über ein Tor unserer Truppe jubeln sehen. Die Frau ist also zu Emotionen fähig. Ihre Fußballbegeisterung schweißt -  im Rhythmus von EM und WM - das Volk als Post-Nation zusammen.

Für ein paar Wochen dürfen, ja sollen auch Fahnen geschwenkt werden. Selbst Tante Antifa muss im Kampf gegen den Nationalismus eine Pause  einlegen. Und die - erkennbar naivere - Seelenverwandte  Karin Göring-Eckardt springt ihrer Kanzlerin bei, indem sie auch türkische Fahnen geschwenkt sehen möchte, da oder obgleich Erdogans Truppe in Russland  nicht mitmachen darf. Außerdem kämpfen mit Özil und Gündogan zwei bekennende Herzenstürken  und Erdogan-Anhänger in Russlands Stadien für den deutschen Endsieg. Den beiden Millionenverdienern sowie der ganzen deutschen Löw- Mannschaft galt  Merkels Besuch im Trainingslager zu Eppan, Südtirol. Merkel, protestantische Pfarrerstochter, trat dort  als Seelsorgerin auf. Sie sorgte sich darum, dass die deutsche Volksseele angesichts von Jogi Löws - Grünen-Deputierter bei der Wahl des Bundespräsidenten - Nationalelf beim "public viewing" - oder gar in russischen Stadien - sich nicht in Pfeifkonzerten ergießen möge.

Derlei "hässliche" Bilder könnten Merkels Image als krisenfeste Kanzlerin beschädigen. Denn Politiker und Sportsoziologen wissen: Fußball war noch nie die wichtigste Nebensache der Welt. Er ist auf allen Ebenen seiner Inszenierung - von der Vergabe der WM an Länder wie Qatar oder jüngst an die von Trump gefährdete nordamerikanische Staatengemeinschaft über die vermeintlich völkerverbindenden Schlachten bei der WM oder EM ("Respekt") bis hin zu dem Gejohle und den Prügeleien in der "Fankurve" der Stadien - ein Politikum. Wer bei Fußballspielen "seiner" Mannschaft sich nicht in der Ehrenloge sehen lässt, hat als Politiker beim (lokal-)patriotischen Wahlvolk schlechte Chancen.

Für ein paar Tage oder Wochen - je nach Laune des Fußballkriegsgottes - darf sich Merkel über die möglichen Erfolge von Löws Truppe - ihrer Truppe - in Russland freuen. Sie weiß um die angeschlagene Moral ihrer Mannschaft und ihres Volkes nach den politischen Verfehlungen der Migrantensöhne Mesut und Ilkay. Und auch wir wissen, dass Merkel auf einen deutschen Endsieg hofft. Denn das Fußballspektakel, glaubt Merkel,  lenkt das Volk für ein paar Wochen von seinem Unmut über die ewige "Flüchtlingskrise" ab.

Darüberhinaus ist das heute eröffnete schwarz-rot-goldene Fahnenspektakel - von noch  ungewisser Dauer - auf den Straßen und in den Kneipen geeignet,  das Volk von seiner "kollektiv" erlittenen - und unter veränderten Umständen erleidenden - Geschichte abzulenken. Zwei Geschichtsdaten zur Erinnerung: 1) Am 16. Juni 1953 legten die  Bauarbeiter auf der Stalinallee ihre Arbeit nieder - die Ouvertüre zum Volksaufstand am 17. Juni (ehedem "Tag der deutschen Einheit"). 2) Am 22. Juni 1941 eröffnete Hitler seinen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Anders als in Merkels Multikulti-Deutschland ist das Datum in Russland unvergessen.

Was Merkels termingerecht erwachten Fußballpatriotismus betrifft, so finden wir die Erklärung in Roland Tichys jüngstem Kommentar (unter der Überschrift "Merkel oder die Morde, die Deutschland verändern"https://www.tichyseinblick.de/tichys-einblick/merkel-oder-morde-die-deutschland-veraendern/ ): "Ihr Scheitern ist offensichtlich: Ein früher vorzüglich verwaltetes Land versinkt in einem Strudel des Staatsversagens. Seine Institutionen sind der Lächerlichkeit preisgegeben – das Parlament ebenso wie Polizei und Gerichtsbarkeit; der so schmerzhaft sanierte Sozialstaat wird geplündert; die Bundeswehr kümmert sich um Babyausstattung und, man glaubt es nicht, um Luftregulierung  in den Schützenpanzern, die auch Schwangeren den Einsatz erlauben sollen.
Aber Merkel bleibt. Eisern. Wie festgeklebt. Die Pattex-Kanzlerin hätte längst zurücktreten müssen, schreibt der britische Historiker Niall Ferguson. Mehr Regierung gegen das eigene, ungeliebte Volk war nie."


Freitag, 1. Juni 2018

Biographische Rückschau auf "1968"

Auf Facebook, dem so bescheuerten wie - leider -  unentbehrlichen, wenn auch gemäßigter Zensur unterliegendem Kommunikationsraum  deutscher  Dissidenten, kündigte Cora Stephan eine Veranstaltung an: "Früher traf man sich im Republikanischen Club, heute in der Bibliothek des Konservativismus". Die Botschaft kam sicher auch bei Tante Antifa an, die auf Teilnahme indes verzichtete, mutmaßlich da sie ihre politische Energie im Dienste der Demokratie gegen die "Konservativen", d.h. gegen "Rechts", gewöhnlich erst in nächtlichen Morgenstunden entfaltet. Die erwähnte Bibliothek in der Charlottenburger Fasanenstraße erfreut sich regelmäßig derartiger, von demokratischer "Wut" inspirierter Visiten.

An einem klimabedenklich hochsommerlichen Maienabend hatte die Bibliothek vier namhafte Persönlichkeiten (besser "Menschen", am./engl. humans, substantiviertes Adjektiv unter Weglassung des Bezugsworts  beings) zu einer Podiumsdiskussion zum Thema "Kulturbruch ´68?" geladen: Jörg Friedrich, Bettina Röhl, Cora Stephan und Gerd Held. Sie gehören  jener Kategorie von Selbstdenkenden an, die Thomas Schmid, Frankfurter Alt-68er und emeritierter Chefredakteur der "Welt", auf seinem Blog als ins konservative Lager übergewechselte "Ex-Linke", sprich Renegaten,  identifiziert hat.

Das Thema, mit einem nicht ganz ernst gemeinten Fragezeichen versehen, war dem Titel des jüngsten Buches des unbeirrt "neurechten" Vordenkers Karlheinz Weißmann entnommen. "1968" ist der einzige Geschichtsmythos, der in der ahistorisch-postnationalen Bundesrepublik an nationalen Mythen übrig geblieben ist.  Nach weithin akzeptierter Selbstinterpretation linksgrüner Protagonisten handelt es sich um  die eigentliche "Zweitgründung" der (west-)deutschen Nachkriegsdemokratie. In den Augen ihrer Gegner sind die "Achtundsechziger" für alles Unheil der Gegenwart - Multikulti, Masseneinwanderung, Auflösung aller "Werte" usw. - verantwortlich. Die triviale, ironische historische Wahrheit bleibt bei derlei Ideologiegefechten auf der Strecke. Sie besteht zum einen darin, dass die von sozialistisch-kommunistischen Utopien besessenen "Revolutionäre" von damals  die revolutionäre Dynamik des globalen Kapitalismus beschleunigten und zum anderen darin, dass "Emanzipation"  von Grünen-Frontfrauen heute vornehmlich als Kampf für das Kopftuch betrieben wird.

Aufgefordert zu biographischen Auskünften, boten die Diskutanten Jörg Friedrich (Geburtsjahr 1944),  Cora Stephan (geb. 1951), Bettina Röhl (geb. 1962) und Gerd Held (geb. 1951) - der Altersdifferenz entsprechend - allerlei Erhellendes zum diesjährigen Dauerthema "1968". Bettina Röhl, als Kind Objekt und Opfer ideologischen Wahns, seit langem unerbittliche Kritikerin des Mythos und seiner Inkarnationen (e.g. Joschka Fischer), erinnerte sich aus ihrer Kindheit an Auftritte des ungekämmten Rudi Dutschke im Hause Röhl-Meinhof (also noch vor dem Hinauswurf des "Konkret"-Gründers Röhl und vor Ulrike Meinhofs Abtauchen in den Untergrund im Mai 1970). In früher Kindheit erlebte sie eine Art duale Sozialisation: morgens in noch eher bürgerlichen Familienverhältnissen, nachmittags im "antiautoritären" Kinderladen. Amüsant ihr Bericht über jugendlichen "Widerstand" gegen den neulinken Geist an einem Hamburger Gymnasium, wo sich die Schüler sträubten, den herumlümmelnden Lehrer mit "Rolf" anzureden und zu duzen. Sie wollten lieber etwas lernen.

Cora Stephan gehörte zu den jüngeren Aktivistinnen der Revolte. Ihre Karriere begann - durchaus  repressionsfrei -  als Redakteurin bei der Schülerzeitung, sodann im AUSS (Abkürzung für eine der allerorts aufspringenden sozialistischen Schülergruppen). Ihre Liebe zu "´68" entdeckte sie als Schülerin im "swinging London", über die Beatles und die amerikanische Folk-Musik. Als Studentin ackerte sie sich - für wissenschaftliche Arbeit (eine Examensarbeit über Rudolf Hilferding) nutzbringend - durch das Marxsche "Kapital" und andere blaue MEW-Bände. Aus ihrer Frankfurter Sekte - im typischen Umschwung zu revolutionärer Verbissenheit - schloss man sie wegen "Hedonismus" aus. Die meisten westdeutschen "Neulinken" lebten in ihrer heilen Welt der Revolution, ohne  die deutschen Zustände jenseits der Mauer zur Kenntnis nehmen zu wollen.

Gerd Held, wie Röhl und Stephan Autor auf der "Achse des Guten", erlebte seine "linke" Initiation bei einer Vietnam-Demonstration, wo die Protestierer die nationale Parole "USA-SA-SS" skandierten. Schon als Schüler wurde er - womöglich gerade wegen seiner ausgezeichneten Leistungen an einem liberalen Gymnasium in Osnabrück -  anno 1970 Mitglied des maoistischen KBW, der - unter der Ägide Joscha Schmierers, des späteren Fischer-Adlatus im AA - den Adepten revolutionäre Betriebsarbeit (samt einer Revolutionssteuer von 10 Prozent des Einkommens) verordnete. Er blieb in dieser doktrinären K-Gruppe bis zu deren Selbstauflösung 1982, die einherging mit der Kaperung der "grünen" Bewegung durch die bis dato konkurrierenden "linken" Sekten. Erst danach ging er an die Universität, wo er seine späte akademische Karriere als Privatdozent für Regional- und Stadtplanung beendete. Sein in Praxis und Theorie geschulter Sachverstand vermag "grünen" Konzepten - die  ins Grüne abgewandelte Zwangsbeglückung von "´68" -, erst recht der moralisch aufgeladenen Naivität einer Claudia Roth oder Karin Göring-Eckardt keinen Charme  abzugewinnen.

Am schärfsten attackierte rückblickend der Historiker Jörg Friedrich, der älteste in der Runde der vemeintlichen "Renegaten", den revolutionären "Geist von ´68". Er schilderte seine Bekehrung zum Revolutionär: Nach West-Berlin gefahren,  um dem Wehrdienst zu entgehen und zu studieren,  erweckten  Mao- und sonstige Plakate in einer Wohngemeinschaft bei ihm zunächst nur Befremden und Interesse. Binnen einer Woche jedoch hatte er sich im neuen Milieu in  einen glühenden Revolutionär verwandelt: Man verfügte jetzt über eine Theorie, hatte auf alle Fragen die einzig richtige Antwort (i.e. der US-Kapitalismus-Imperialismus), fühlte sich als revolutionäre Avantgarde den vom Kapital manipulierten, jedoch irgendwie, wenn nötig mit Gewalt, zu erweckenden Volksmassen haushoch überlegen. Die "Gewaltfrage" hatte man im Sinne der befreienden Gewalt eindeutig entschieden. In den zahllosen Kneipen entlang der Schlüterstraße bewegten sich die Studenten in ihrem "revolutionär" abgeschirmten Binnenmilieu.

Zum Verständnis von "1968" gehört dessen Vorgeschichte. Friedrichs pointiert vorgetragene Ausführungen trugen einiges - den jüngeren Zeitgenossen, ob mehrheitlich modisch-linksgrün oder minoritär "neurechts" weithin unbekannt - zum besseren Verstehen der Empfindungen seiner Generation bei. In der -  in bürgerlichen Verhältnissen aufwachsenden, von kontinuierlich wachsendem Wohlstand profitierenden - Nachkriegsgeneration tat sich ein innerer Spalt auf. Auf der einen Seite begeisterte man sich - auch in Abwendung von den kompromittierten deutschen Traditionen -  für die französische und amerikanische Kultur, man identifizierte sich mit den humanistischen Ideen der westlichen Demokratie, auf der anderen Seite sah man, dass Frankreich im Algerienkrieg, die Belgier im Kongo, die USA in Vietnam mit brutaler Gewalt, mit Folter und Napalmbomben ihre  humanistischen Prinzipien und Proklamationen widerlegten. Und dagegen erhoben sich  -  mit befreiender Gewalt - die Völker der Dritten Welt, die "Verdammten dieser Erde" (Frantz Fanon).

Über den erwähnten inneren Zwiespalt setzten sich die ´68er "Revolutionäre" durch Identifikation mit der Dritten Welt hinweg. Die zuvor noch gepflegte - und in der Identifikation mit dem amerikanischen Vietnam-Protest und dessen Folklore weiterhin kultivierte - Wertschätzung der USA schlug  in Hass auf den "US-Imperialismus"  um - ein befriedigender Seelenzustand. Vergessen war die Absage eines Albert Camus an den in der Nachkriegszeit stalinistisch eingefärbten, jetzt die Revolution, Fidel Castro und den toten Che Guevara  preisenden Jean-Paul Sartre. Für den aus dem von den Nazis ins Exil gezwungenen,  ins zerstörte Deutschland zurückgekehrten Willy Brandt, Außenminister unter Bundeskanzler Kiesinger - dem die ach so couragierte "Antifaschistin" Beate Klarsfeld eine Ohrfeige verpasste -, hegte man nichts als Verachtung.

Zu den spezifisch deutschen Tiefenschichten der "Kulturrevolution von ´68" drang gleichwohl weder die Diskussionsrunde noch das unter der Hitze leidende Publikum vor. Einigkeit herrschte, dass von  der von Rudi Dutschke (anstelle der  von der RAF mörderisch praktizierten "revolutionären" Gewalt)  proklamierte - und ausgehend von den "68ern" über mehrere Generationen der Bundesrepublik hinweg geführte - "Marsch durch die Institutionen" hinweg zum totalen Erfolg geführt hat. Immerhin endete der Abend nicht in allgemeinem Lamento über die "linken" gründeutschen Zustände unter der CDU-Kanzlerin Merkel. Auch die Frage, warum die Eliten der - realiter demokratisch-liberalen - westdeutschen Gesellschaft sich vor fünfzig Jahren von den 68er-"Revolutionären" kampflos überwältigen ließen, wurde nicht gestellt.