Samstag, 16. November 2019

Postmaterialistische Werte und Tesla in Brandenburg

I.
Ich gehöre nicht zu den Klimaskeptikern (was immer der negativ besetzte Begriff heißen soll), denn ich erinnere mich mit leichter Wehmut an jene Jahre, in denen der Winter  alljährlich verlässlich Winterfreuden bereitete. Seit Jahren nun schon sind die Wochen und Tage des Vergnügens im Schnee und auf dem Eis - nicht nur im mitteleuropäischen Flachland ungewiss und rar geworden. Unwiderlegbar schmilzt das Eis in der Arktis, nicht so eindeutig auch im antarktischen Süden.


Als Laie in Sachen Klimaforschung, Meteorologie und Sonneneruptionen halte ich mich an die Partei der Wissenschaft (bolzhestvo) und die Klimakonferenzen, die den von mir und der wachsenden Menschheit verursachten CO-Ausstoß für die globale Erwärmung verantwortlich machen.  Andererseits gehöre ich nicht zu den bedingungslosen Verfechtern erneuerbaren Energien, und dies nicht allein aus deutsch-romantischen, landschaftsästhetischen Gründen oder als Natur-, Vogel- und Insektenfreund. 


Meine Vorbehalte gegenüber den weltrettenden erneuerbarenEnergien entspringen - von  Experten wie Hans Joachim Schellnhuber oder Papst Franziskus leicht als laienhaft abzutun - gewissen Überlegungen. Dazu gehören - im Hinblick auf  Haushalte mit bescheidenem Einkommen -  die permanent steigenden Strompreise für die hoch subventionierten Windparks und Solarfarmen. Zu fragen ist auch nach den energietechnischen und sonstigen ökologischen Kosten der klimarettenden  Technologien. Mit welchem Energieaufwand, mit welchen Rohstoffen und mit welchen Methoden werden in China unsere Solarpaneele produziert? Die Antwort lautet: Ungeachtet des Beitritts zum Pariser Klimaabkommen plant und baut China außer Atomkraftwerken jedes Jahr zahllose Kohlekraftwerke, befeuert mit Kohle aus eigenen Lagerstätten, aus Australien und aus Südafrika. 


Zu fragen ist nach dem ökologisch bedenklichen Input einer Windkraftanlage, von den monströsen Betonfundamenten bis zu den Rotoren aus überwiegend nicht recyclebaren Materialien. Nach zwanzig Jahren sind die Dinger bekanntlich nicht mehr tauglich und müssen "entsorgt" werden. Zuletzt: Wie groß sind die Umweltschäden beim Abbau von Lithium -  unentbehrlich für die Produktion unserer Unzahl von elektronischen Geräten, Elektroautos etc.  - in Chiles Atacamawüste,  in Bolivien (im Falle eines neuen Vertrags nach Evo Morales´ Abgang) oder in Afghanistan (nach dessen endlicher Befriedung)?

Von derlei Fragen bleibt die Sorge um das Klima - sie hat derzeit offenbar die Sorge um den Frieden als vorrangiges Thema abgelöst unberührt. Sie bildet das Kernstück der ökologischen Moral. Gleichwohl verträgt sich diese gut mit unserem komfortablen Lebensstil. Mehr noch:  Die zu apokalyptischer Angst gesteigerte Besorgnis befähigt die besser situierten Gesellschaftsgruppen, die Widersprüche in ihrem postmaterialistischen Wertesystem zu übersehen.

II.
Das immer noch strukturschwache Brandenburg freut sich über die von Tesla-Chef Elon Musk angekündigte Gigafactory, in der jährlich 150 000 Elektrofahrzeuge produziert werden sollen. Die Milliardeninvestition soll bis zu 10 000 neue Jobs schaffen. Das riesige Werk bei Grünheide soll auf 300 ha (= 3 km²) errichtet werden, was die Rodung von 70 ha Kiefernwald erforderlich macht. Die grüne Heide wird erheblich reduziert. Der Großunternehmer Musk indes denkt und handelt grün: Die gesamte Produktionsstätte will er mit erneuerbaren Energien betreiben, andernorts, auf einem 210 ha umfassenden Terrain, sollen  Bäume gepflanzt werden.

Über die geplante Großinvestition freut sich nicht nur Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Auch Berlin Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) ist begeistert: "Das ist  sensationell! Willkommen in der Metropolregion. Wer Visionen hat, kommt nach Berlin."

Zaghafter Widerspruch kommt von den beiden maßgeblichen Naturschutzverbänden.   Die Klimareferentin des BUND monierte, dass Tesla bei Grünheide nur SUV-Luxusautos (SUV = sport utility vehicle) bauen wolle. Ihre Umweltorganisation befürworte den Bau von Elektrobussen für den Personennahverkehr. Der Naturschutzbund Nabu sorgt sich um Wald und Tierwelt. Auf dem für die Großfabrik vorgesehenen Gelände siedelten geschützte Reptilien, Baumfalken sowie Fledermäuse. Die Nabu-Sprecherin äußerte zudem ihre Skepsis hinsichtlich der zum Ausgleich versprochenen Aufforstung.

Mittwoch, 23. Oktober 2019

Vorsichtsmaßnahme zum Thema "Mauerfall"


I.
30 Jahre nach dem Mauerfall, als (fast) alle glaubten, nun habe der Himmel uns Deutschen und Europäern, nicht zuletzt auch den Russen im "gemeinsamen Haus Europa" (Michail Gorbatschow), endlich Freiheit und Frieden geschenkt, wird die Luft zum Atmen  "in diesem Lande" dünner. Wer sich nicht innerhalb des Meinungskorridors bewegt, wer sich dem Konformismus verweigert, wer sich nicht von aggressiv dummen, totalitären Studenten tyrannisieren lässt, wird ins soziale Abseits gedrängt, muss mit "Sanktionen", id est mit dem Ausschluss aus der von Minderheiten dominierten guten Gesellschaft der Wohlmeinenden, rechnen.

Verhaltene Kritik an dieser Realität äußerte unlängst der jeglicher "rechter" Sentiments unverdächtige Jurist und Schriftsteller Bernhard Schlink. Auch Steinmeiers Vorgänger als Bundespräsident Joachim Gauck beklagt die fehlende Toleranz im Umgang mit unliebsamen politischen Positionen.  In aller Deutlichkeit umriss zuletzt der einstige DDR-Bürgerrechtler  Gunter Weißgerber (SPD-MdB 1990-2009; Globkult-Autor) den geistigen - und politischen - Zustand dieses Landes (siehe https://www.globkult.de/geschichte/zeitgeschichte/1806-30-jahre-friedliche-revolution):

"Wer meint denn hier im Raum, er oder sie könne jederzeit alles sagen, was es zu sagen gilt? Ohne die Befürchtung an den Rand gedrängt oder gar deutschlandweit am Pranger zu landen? Mir fallen da nur existenziell unabhängige Bürger ein.
Wer in Abhängigkeit beschäftigt ist, der oder die überlegt sich das inzwischen gründlich. Es entstand vor allem seit 2015 eine öffentliche Atmosphäre, wie sie mir zwischen 1989 und 2015 unvorstellbar war. Wir leben nicht DDR 2.0, niemand wird für seine Meinung eingesperrt.
Und doch entstand ein Klima der ängstlichen Vorsicht. Daran ist kein Propagandaministerium beteiligt. Es ist ein Gemisch von medialer Selbstzensur und zivilgesellschaftlichen Blockwarten. Gelebte Meinungsfreiheit geht anders. Bei Voltaire ist das nachlesbar." 

II. 

Wir leben im Jahre 2019. In den anstehenden Gedenkfeiern zum Mauerfall werden kritisch-selbstkritische Worte über derlei Aspekte deutscher Wirklichkeit anno 2019  nicht zu vernehmen sein. Die - teils berechtigte, teils selbstgerechte - Empörung über Höcke und die AfD nach deren voraussehbarem "Erfolg" in Thüringen wird alles übertönen.

Darüber rückt selbst die Erinnerung an die geschichtliche Realität "unseres Landes" vor und nach dem Mauerfall nicht nur zeitlich, sondern auch  "geschichtspolitisch" in immer unklarere Distanz.

Vor diesem Hintergrund darf ich in Ergänzung zu meinem Kommentar zu den weithin peinlichen Feiern zum "Einheitstag" am 3. Oktober auf zwei Buchrezensionen verweisen, die auf "Globkult" erschienen sind:
https://globkult.de/politik/besprechungen/1791-frank-blohm-geh-doch-rueber-revisited-ein-ost-west-lesebuch
https://globkult.de/politik/besprechungen/1809-matthias-bath-hg-mauerfall-25-und-eine-erinnerung

Ich gestatte mir, die - wenngleich als Werbung für das Buch von Frank Blohm gedachte - Reaktion des Lukas Verlags auf meine Besprechung  zu zitieren:"Eine erste und sogleich ausgesprochen gründliche Würdigung des Buches »Geh doch rüber! Revisited« durch Herbert Ammon, also aus berufenem Munde bzw. berufener Feder!" Eigenlob? Nein, Vorsichtsmaßnahme!

Montag, 7. Oktober 2019

Katharina Schulze erklärt die ökologische Notwendigkeit des Vielfliegens

Die Frommen bereiten sich auf Armageddon vor. Die Parkregion zwischen Kanzleramt, Haus der Kulturen und Schloss Bellevue ist zum Aufmarschgebiet der Kämpferinnen und K-Nullsuffix von Extinction Rebellion geworden. Wenn sie aus ihren Schlafsäcken und Zelten hervorkriechen, frieren sie wie die Obdachlosen unter der Brücke am Bahnhof Zoo, nur anders: für die Weltrettung, nicht fürs elende Dasein. Des weiteren erwartet die Gemeinschaft der Gläubigen nach der für eine ganze Woche projektierten Entscheidungsschlacht um den Reichstag allabendlich die warme Kneipe, deren Bierpreise die Präsenz von Pennern ausschließen.

Geht es nach den demokratisch etablierten Grünen, kann dank steigender Parteifinanzierung und Ökosteuern auf Heizöl, Benzin, Diesel etc. sowie durch subventionierte Windräder die Apokalypse verhindert, zumindest hinreichend lang lebenskomfortabel aufgeschoben werden.

Das Problem der Grünen - im Hinblick auf leicht sinkende Umfragewerte und die Okkupation ihrer Umweltthemen durch schwarze Politiker wie Markus Söder - liegt in der Bewahrung ihres Anspruchs auf die bessere, absolute Moral.

In einem Interview mit Ludwig Hartmann und Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende der Grünen im bayerischen Landtag, stellten die Journalisten Timo Frasch und Alexander Haneke die grüne Moral auf den Prüfstand (FAZ v. 07.10.2019, S.4). Sie erinnerten Frau Schulze an ihren letztjährigen privaten Weihnachtstrip nach San Diego (Südkalifornien, stets sonnig, zum Baden nur bedingt geeigneter Pazifik) und die darauf einsetzende Kritik. Frage: "Sind sie nicht selbst in der Glaubwürdigkeitsfalle?"

Politisch kunstfertig ignorierte Katharina Schulze die ins Persönliche zielende Frage. Sie replizierte mit einer Erklärung der  Notwendigkeit des Vielfliegens: "Der Vorwurf, dass die Grünen-Abgeordneten mehr fliegen, zielt daneben. Wir sind die kleinste Fraktion im Bundestag. Wenn es Delegationsreisen gibt und jede Fraktion vertreten sein soll, dann fliegt der Einzelne bei uns im Durchschnitt eben zwangsläufig mehr. Ich war übrigens gerade erst wieder in Amerika: bei der UN-Klimakonferenz und für eine Konferenz an der University of Pittsburgh. Ich bin überzeugt, dass wir in einer globalisierten Welt das Miteinander pflegen müssen, gerade auch die deutsch-amerikanische Freundschafft. Genauso wichtig ist mir, dass die Politik Rahmenbedingungen setzt, damit nachhaltigeres Leben, auch nachhaltigeres Reisen möglich ist."

Mit dieser Botschaft im Herzen könnten die Apokalyptiker vor dem Reichstag  nachhaltig beruhigt nach Hause reisen, auch mit dem Billig-Flieger von Ryan Air.

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Nach(t)gedanken zu den Einheitsfeiern 2019

An einem überwiegend grauen Oktobertag gibt´s in Deutschland wenig zu feiern, schon gar nicht, wenn man Impressionen wie folgende - übermittelt über Facebook von Johannes R. Kandel, einem der letzten aufrichtigen Sozialdemokraten und glaubwürdigen Protestanten - zu lesen bekommt: "Komme gerade vom Brandenburger Tor. Trauriger Tag der deutschen Einheit. FRESS und SAUF Stände ohne Ende. Dazwischen Bühnen. MUSIK satt! Immerhin. Nicht ein einziger politischer Infostand! So wichtig ist der Politik die deutsche Einheit. Kein Politiker zu sehen. Man könnte ja vom "Volk" was gefragt werden! Vorm Reichstag eine Politsekte mit Preußenfahne, Reichskriegsflagge, Fahnen deutscher Bundesländer. Brüllten was von fortgesetzter "Besatzung" Deutschlands. Keine Reichsbürger, noch irgendwas noch Sektiererisches...."

Das erfreut/entsetzt alle um die Demokratie Besorgten. Denn naturgemäß sind in der Hauptstadt, in Berlin-Mitte, an diesem Tag stundenlang einige Straßen gesperrt: "Linke" Demos haben gegen Nationalismus und/oder gegen Rechts ihr Recht der Straße angemeldet.

Dass ich an einem solchen Tag - wie auch schon längst sonst -  auf TV-Informationen über die Politinszenierungen verzichte, versteht sich von selbst. Über die social media ist zu erfahren, dass bei Kanzlerin Merkels öffentlicher Einheitsrede in Kiel keine einzige "Deutschlandfahne" zu sehen war. Nun gut, Fahnen erwecken in mir keine Hochgefühle, aber global gesehen scheinen sie sehr beliebt zu sein, nicht nur in Bayern die weiß-blaue Rautenfahne. Jedenfalls gehören außerhalb der bundesdeutschen Grenzen Nationalfahnen zum politischen Outfit der mehrheitlich historisch real entstandenen, nicht bloß von Benedict Anderson, Eric Hobsbawm et al. erfundenen Nationen.

Immerhin bräuchte man sich in Deutschland der schwarz-rot-goldenen Trikolore nicht zu schämen. Sie zierte die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848/49, sie war das Reichsbanner der Weimarer Republik. Sodann, vor dreißig Jahren, im wundersamen Jahr des Mauerfalls, bewies sie ihre friedliche, demokratisch-revolutionäre Symbolkraft.  Unlängst jedoch wurde  bei einer "von einem breiten zivilgesellschaftlichen Bündnis getragenen" (cantus firmus) Antifa-Demo - oder war´s eine Klimaapokalypse-Show? - dekretiert, das Mitführen der  "Deutschlandfahne" sei unerwünscht.

Die Demokratie trägt heute Regenbogenfarben oder Rot/Schwarz auf weißem Grund an der schwarzen Kapuzenjacke. Schwarz-Rot-Gold ist out, auf youtube kursiert eine Szene aus dem Jahr 2013, wo Kanzlerin Merkel ein von Parteifreunden auf der Bühne herumgereichtes Exemplar unwirsch außer Sichtweite befördert. Falls es sich bei einer jüngst verbreiteten social-media-Nachricht nicht um eine Ente handelt, soll  hingegen demnächst eine Verunglimpfung der EU-Sternenfahne und/oder der EU-Schiller-Beethoven-Hymne mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe "sanktioniert" werden.

Noch einmal: Mein Herz hängt an keiner Fahne. Was ärgert und schmerzt, ist der ignorante, mit  viel Hypokrisie durchtränkte Umgang deutscher Redenschreiber und ihrer politischen Performer mit der Geschichte eines "schwierigen Vaterlandes". Es handelt sich um einen heute mutmaßlich als "rechts" zu identifizierenden Begriff. Er stammt von Gustav Heinemann, Bundespräsident zu Zeiten der Kanzlerschaft Willy Brandts. Dass die Regenbogenfahne (sowie viele andere mit allen möglichen Insignien)  zusehends - demnächst die Fahne der deutschen Demokratie ersetzt, ist der herrschenden Ideologie zu verdanken. Deren Exponenten wollten schon im Einheitsjahr 1989/90 von der deutschen Einheit nichts wissen.  Nichtsdestoweniger nutzten sie nach dem Mauerfall  ihre  unerwarteten Karrierechancen im "Osten".

Wir, die wir ehedem den westdeutschen Ideologen der deutschen Selbstverleugnung widersprochen haben, erinnern uns trotz alledem an die spannungsreichen, beglückenden Szenen vom Spätherbst 1989 bis zum 3. Oktober 1990. Dazu gehörten die vielen, im postnationalen  "Westen" schon damals ungeliebten "Deutschlandfahnen". Bei solchen Erinnerungen betrübt es dann doch das Gemüt,  dass die 1848er Fahne 30 Jahre nach dem Mauerfall, aus der Medienöffentlichkeit verbannt ist, hierzulande vornehmlich nur noch in Schrebergärten sowie auf AfD-Veranstaltungen zu sehen. Noch betrüblicher, bedrückender scheint mir, dass sich laut (Wahl-)Umfragen in der jüngeren Generation eine Spaltung zwischen "weltoffenen", grün-linken, ahistorischen "Linken" und national-bornierten, historisch ignoranten "Rechten" abzeichnet. Sollten sich diese Tendenzen verfestigen, gäbe es in absehbarer Zukunft in Deutschland nichts mehr  zu feiern.

Vielleicht handelt es sich bei derlei Überlegungen zum 3. Oktober 2019  nur um politisch unerwünschte Nach(t)gedanken. Dann bestünde für dieses Land noch einige Hoffnung.

Donnerstag, 29. August 2019

Wahl-O-Matik in Sachsen

Alles starrt gebannt auf das Datum 1. September, auf die Wahlen in Sachsen und Brandenburg - dazu noch der 80. Jahrestag... Wie schlimm steht´s mit der deutschen Demokratie in den nicht mehr so neuen fünf Bundesländern, im "Osten", in "Ostdeutschland" (minus Berlin, genauer: minus Friedrichshain-Kreuzberg)? Welche Koalitionsarithmetik werden/können/sollen die TV-Auguren nach den ersten Hochrechnungen um 18.00 h betreiben? Geht´s in Sachsen noch ohne die "Linke" (was sich in Brandenburg noch nie als Frage gestellt hat)?

Um das demokratische Gewissen zu prüfen, betätigte ich den von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (slpb) hinsichtlich der Landtagswahlen produzierten und ins Netz gestellten Wahl-O-Mat. Wie bei früheren derartigen Internet-Spielen - egal wo offeriert, ob in irgendeinem Bundesland oder auf Bundesebene - wird der mündige Bürger und noch unschlüssige Wähler mit einem Paket von 38 statements konfrontiert, die ihm die Wahl zu drei bzw. vier Antworten eröffnen: (ich) stimme zu /neutral /stimme nicht zu. Wem ein zur "Wahl" gestelltes Thema nichts sagt - oder wer es zu doof findet -, kann die Frage auch überspringen. Letztere Möglichkeit stellt den Demokraten vor eine Gewissensfrage: Bin ich zu feige, drücke ich mich vor einer eindeutigen Antwort, oder bin ich nichts als ein schlecht informierter Politkonsument?

Ich habe mich trotz aller Bedenken wieder mal auf das Spiel eingelassen, nur um festzustellen, dass von den 38 statements  höchstens 10 bis 12 so formuliert sind, dass sie überhaupt zu einer Antwort taugen. In der Überzahl handelt es sich um  von den politische Bildnern mehr oder weniger grün eingefärbte Fragen, die zwar den jeweiligen Simplifikationen in der Wahlpropaganda der Parteien entsprechen mögen, indes ob ihrer geistigen Schlichtheit für den "kritischen" Bürger  eine Zumutung darstellen, beispielsweise: Sollen  entlang aller Landstraßen Radwege angelegt werden?  Sollen alle Kohlekraftwerke schon vor 2038 abgeschaltet werden? Sollen abgelehnte Asylbewerber in Sammelunterkünften untergebracht werden (oder so ähnlich)? Brauchen wir in Sachsen ausländische Facharbeiter? usw.

Aus Zeit- und Hygienegründen habe ich an die 20 Fragen übersprungen, weitere 5 - 10 "neutral" behandelt. Danach galt es den dürftig beantworteten Beichtspiegel mit bis zu 8 Parteien aus dem Angebot abzugleichen. Zu meiner Erleichterung stand bei meiner digital ermittelten Präferenz nicht etwa die AfD ganz oben, sondern die "Freien Wähler". Immerhin die gehören in Sachsen - erst recht in Bayern - zur demokratischen Volkseinheit.

Das lässt hoffen: Wenn in Sachsen die um die welterfahrene Ex-Grüne Antje Hermenau gescharten Freien Wähler die Fünf-Prozent-Hürde überspringen - bei den Kommunalwahlen im Mai 2019 erwiesen sie sich als stärkste Gruppierung -, werden die Karten im Freistaat neu gemischt. Auch die Auswirkungen auf das abgeschottete bundesrepublikanische Parteiensystem und die größtkoalitionäre Regierung wären beträchtlich.

Dienstag, 13. August 2019

Anstelle eines Kommentars zum 13. August 2019

Ich verzichte auf einen eigenständigen Kommentar zum diesjährigen Gedenktag 13. August, an dem vielerorts die Ouvertüre zum deutsch vertiefsinnigten Gedenken des Mauerfalls am 9. November 2019 aufgeführt wurde. Stattdessen stelle ich nachfolgend einige auf Facebook - veniam peto - veröffentlichte Einträge, Kommentare und Repliken zur Debatte..

Der Stasi-Akten-Beauftragte Roland Jahn schrieb folgendes: "Die Mauer hat dazu geführt, dass sich die Menschen in der DDR eingerichtet und sich arrangiert haben. Sie haben in dem Bewusstsein gelebt, sie können sowieso nichts ändern, und eine Flucht ist zu gefährlich. Die Mauer hat die meisten Menschen zur Anpassung getrieben. Das hat eine ganze Gesellschaft geprägt."

Dazu mein Kommentar: "Für diese resignative, ´unpolitische´ Haltung, schwer zu unterscheiden von Opportunismus, werden die ´Ossis´ von nicht wenigen Westdeutschen verachtet, zumindest belächelt. Es sind diejenigen (und deren Nachwuchs), denen die deutsche Teilung gleichgültig war, und vor allem diejenigen, die die Teilung ideologisierten (´unwiderrufbares Urteil der Geschichte´, ´deutsche Teilung als friedenserhaltender Garant des Ost-West-Gleichgewichts´, ´historisch notwendige Folge deutscher Schuld´ usw.) und für unaufhebbar hielten - ganz abgesehen von den ´linken´ Schönrednern des DDR-Regimes."

Christian Dietrich veröffentlichte einen vor zehn Jahren von Reinhard Mohr verfassten "Spiegel"  -Artikel (26.10.209), in dem der Autor seine  von seinen "linken" Frankfurter Freunden keineswegs geteilte, versteckte - gar von Tränen begleitete - Freude zum Ausdruck brachte (https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/wendejahr-1989-jubel-wir-sind-so-frei-a-656203-2.html). Er ziterte aus diesem Artikel mit dem unter westdeutschen "Linken" unstatthaften Bekenntnis folgende Passagen:

Reinhard Mohr: "Diese eigentümlich verschrobene Wirklichkeitswahrnehmung hat Tradition. In beinah Sarrazinscher Unverfrorenheit sprach im Frühsommer 1990 die damalige sozialdemokratische Kulturdezernentin von Frankfurt am Main, Linda Reisch, eine verquere Wahrheit aus, die allerdings für einen großen Teil der linken ´Toskana´-Fraktion zu traf: Freiwillig fahre sie nicht nach Leipzig - nach Mailand aber immer gern. Schon der schönen Schuhe wegen.
...
Die vielleicht größte Kränkung jedoch bestand darin, dass hinter dem Rücken der westdeutschen Linken – und gleichsam ohne ihre geschichtsphilosophische Erlaubnis – europäische Geschichte geschrieben wurde, und das ausgerechnet von Mandy, Cindy, Kevin & Co., die wahrscheinlich kein Wort von Herbert Marcuse und Theodor W. Adorno gelesen und keine Ahnung hatten, von der repressiven Toleranz des post-fordistischen Spätkapitalismus."

Ich kommentierte den Auszug aus Mohrs Artikel wie folgt: "Zum [heutigen] Gedenktag des 13. August 1961: Die Gedenkredenschreiber mögen noch so viel über ´die unmenschliche Grenze´, ´das Leiden der Menschen´, ´die Spaltung unseres Landes und Europas´ phrasieren. Die hard facts der Nachkriegsgeschichte werden kaum je benannt, [sind] dank entsprechend dürftigem, PC-gerechten Gechichtsunterricht auch kaum bekannt. - Zur Erinnerung und im Hinblick auf den Aufstieg der AfD im ´Osten´: Die westdeutsche Intelligentsija hat den ´Ossis´, den Kevins, Cindys, Maiks &  Co.,  den Mauerfall bis heute nicht verziehen."

Eine Facebook-Autorin - auf Fb gibt´s  nur friends ohne spezifisch deutschnationale Gender-Markierung - fühlte sich (mit der per Sternchen nachgereichten Einschränkung: "wahrscheinlich wahr")  zu folgendem Kommentar berufen: "*Manch einer, der damals im Osten bis zum letzten Fackelmarsch der FDJ am Abend des 7. Oktober 1989 dem SED-Regime die Treue gehalten hat, versucht noch heute, die eigene Feigheit zu rechtfertigen, anstatt sich mit ihr ehrlich auseinanderzusetzen. *wahrscheinlich wahr

... und manch einer, der damals kurz NACH dem Mauerfall ´mutig´ auf die Straße ging und mit den Schreien nach der D Mark gleichzeitig drohte, dass [,] gäbe man sie ihm nicht [,] auch dahin ginge [,] wo die DM ist. Dies und davon bin ich fest überzeugt, sind vielfach heute diejenigen [,] die heute der AfD, PEGIDA usw. nachhecheln."


Dazu mein Entgegnung: "Diese These/Anklage hat gewiss einiges für sich. Andererseits: Ohne die Opportunisten, ´Wendehälse´ und die - von wem auch immer inspirierten - ´D-Mark-Schreier´ müssten Sie auf Ihre schönen Fb-Urlaubsbilder (Alpen, Europa und die ganze Welt) noch heute verzichten. Und noch was: Einige der so apostrophierten ´Mutigen´ von damals können sich mit den heutigen Möchtegern-Mutigen (Zentrum für pol. Schönheit u.a.) nicht so recht anfreunden. Bösartige Dummheit - um mit Bonhoeffer zu sprechen - kann auch im Gewand des Guten daherkommen."

Darauf die pikierte Antwort. "diese These wie Du sie nennst, ist reales Er,- und durchleben (sic).
Wen meinst Du mit den heutigen Möchtegern-Mutigen? Wer muss heute noch mutig sein, außer vielleicht diejenigen[,] welche sich in den Neuen Bundesländern offen gegen die zahlreichen Rechten stell[en]?"


Dazu my final comment: "Wer ist mitverantwortlich für das Aufkommen der ´zahlreichen Rechten´ in der Ex-DDR? Gestern wählten viele von ihnen noch CDU und SPD (und natürlich die Partei, die sich ´Die Linke´ nennt). Dass es einen braunen Bodensatz bereits in der DDR gab, der nach dem Mauerfall wiederholt hervorquoll, ist ein betrübliches Faktum. Nur: Wer und was begünstigte den Aufstieg der AfD zu einer 20-Prozent-Partei im Osten? - P.S. Wer Kreuze an der einstigen Mauer entwendet, um gegen gegen die ´Mauer im Mittelmeer´ zu protestieren, beweist nicht Mut, sondern geschichtslose Überheblichkeit. Die AfD verdankt nicht zuletzt solchen Leuten ihre Erfolge. Schlimmer noch: Die real neonazistischen ´Rechten´ fühlen sich in ihrem Hass bestätigt."

Donnerstag, 25. Juli 2019

Westdeutsche Hate Speech zum Gedenken des 20. Juli

Das Gedenken zum 75. Jahrestag des 20. Juli 1944 vollzog sich in zu erwartender Weise: Die bundesrepublikanische Staatsspitze - vom Bundespräsidenten über die Bundeskanzlerin bis hin zu Heiko Maas - vereinnahmte die gescheiterte Rettungstat als historische Station auf dem steinigen Weg der Deutschen in die Demokratie, für die in der EU verwirklichte Friedensordnung für Europa sowie für Warnungen vor der Gefahr eines  anwachsenden Rechtsextremismus.

In der Stadt Frankfurt hatte der Oberbürgermeister Thomas Karlauf, Verfasser der jüngsten Stauffenberg-Biographie, zur Gedenkrede bestellt. Anders als in seinem Buch, wo er den ethischen Impuls, die Abscheu angesichts der Nazi-Verbrechen, des "Attentäters" Stauffenberg  gegenüber dessen vermeintlich maßgeblichen Motiven - zum einen die von der Poesie Stefan George  inspirierten,  nationalromantischen Empfindungen, zum anderen die aus politisch-militärischer Einsicht in die aussischtslose Lage des Reiches - nicht anerkennen  wollte, versuchte Karlauf in seiner Rede den Brückenschlag von Ästhetik und Handeln, von militärischem Denken und ethischer Motivation.

Aus Frankfurt waren - in einem Artikel des "linken" Journalisten Arno Widmann in der (vor ein paar Jahren vor dem Bankrott bewahrten) "Frankfurter Rundschau"- auch noch andere Worte zu vernehmen. Da ging es dem Autor darum,  den im Gefolge des gescheiterten 20. Juli hingerichteten Feldmarschall Erwin von Witzleben posthum als in  obsoleten Begriffen und Vorstellungen von Ehre und Vaterland befangenen Vertreter der alten Militärkaste, als "autoritären Charakter",  abzukanzeln.

Der Artikel ("Der ehrenvolle Ausgang des Krieges") gipfelte in folgenden Auslassungen: "Wir können froh sein, dass der Putsch vom 20. Juli 1944 gescheitert ist. Ohne die vernichtende Niederlage Deutschlands, ohne die brennenden Städte wäre denen, die ganz Europa sich unterworfen hatten, der Glaube an die eigene Herrenrassenherrlichkeit nicht auszutreiben gewesen. Dass sie von den von ihnen verachteten Russen und Amerikanern besiegt wurden, brach ihren Stolz. Ohne diese Verletzung hätten die Deutschen den Weg ins Freie niemals gefunden."

Diese Sätze erfüllen den juristischen Tatebestand von "hate speech", gerichtet gegen die Männer (und Frauen) des 20. Juli sowie gegen all die Millionen Opfer  - in den KZs, auf beiden Seiten der Fronten, nicht zuletzt der deutschen  Zivilbevölkerung  -, die das Scheitern des 20. Juli nach sich zog.

Allem Anschein nach  sind dem Autor - oder  der Redaktion - inzwischen Bedenken gekommen. In der jetzigen Internet-Version (https://www.fr.de/kultur/stauffenberg-attentat-ehrenvolle-ausgang-krieges-)  sind die skandalösesten Passagen offenbar gelöscht worden. Die Kernaussage steht jedoch noch immer in der Überschrift.

Mein Freund Christian Dietrich, einer der mutigen Vorkämpfer gegen die SED-Diktatur und für die deutsche Einheit vor dem Mauerfall, kommentiert den FR-Artikel wie folgt: "Ein totalitärer Artikel aus Frankfurt zum "20. Juli" wirft ein Schlaglicht auf die Spaltung Deutschlands. Es sind diese deutschen Ideologie[n], für die kein Opfer zu groß sein kann, die unsere Demokratie seit 100 Jahren bedrohen."




Montag, 17. Juni 2019

Als Sünder angesichts der Wohlfühlapokalpyse

Wir Kinder der Aufklärung leben befreit von Sündennot und Höllenangst, wenngleich trotz allerlei Exit-Programmen noch keineswegs befreit von Tod und Todesangst. Doch mit Umweltaktivismus, Urlaubsfreuden und Fitnesstraining gelingt es den von kontinuierlich steigender Lebenserwartung  beglückten  älteren Generationen, d.h. den  Alt-Achtundsechzigerrn und Post-Achtundsechzigern, das hässliche Bild des Sensenmannes aus dem Bewusstsein weitgehend fernzuhalten. Das gelingt am besten, wenn man sich auch als bereits älteres Semester für Greenpeace, Seawatch oder das ewig gleiche, grüne Kirchentagsprogramm  begeistert.

In dieser Melange der Empfindungen kommt im Gleichklang mit deutschen Schuldgefühlen  das schlechte Gewissen, das säkularisierte Sündenbewusstsein, wieder zur Geltung. Wieviel Plastik- und/oder Aluminiumumhüllungen habe ich heute beim Einkauf von Käse, Bio-Joghurt, dazu gar noch Schinken, in Kauf genommen? Auf dem Markt sind die Viktualien teurer, die Möhren werden aber  noch in Papiertüten verpackt. Warum fahre ich nach Usedom noch immer mit meinem Mittelklasse-Benziner statt mit einem brandneuen, hoch subventionierten, mit Lithium-Batterien bestückten VW-Tesla? Wie hoch ist mein täglicher Kommunikationsbedarf, wieviel Energie verbraucht der Akku meines mit Coltan gefertigten Smartphones?

Getragen von derlei seelischer  Grundstimmung überstehen die in der Leistungsgesellschaft überflüssigen Alten (=Senioren) sozialradikal-libertäre Attacken gegen ihre staatsfinanzierte Drohnenexistenz, vermeiden ungute Einsamkeitsgefühle und finden Anschluss bei der for future schulstreikenden Jugend. Die Jungen und die Alten, Politiker (f/m/n) und Pastoren (f/m/n), Kirchenleute und Kirchenfeinde, Kinderlose und Alleinerziehende vereint die Angst vor der für 2050 angekündigten Klimaapokalypse. Um sie noch abzuwenden, muss man a) sich engagieren b) richtig  wählen c) Opfer bringen.

Das soeben von Karin Göring-Eckardt, als unvollendete Theologin wissenschaftlich ausgewiesene Ökologin, vorgelegte 100-Milliarden-Programm zur deutschen Weltrettung und/oder zur Bewahrung der Schöpfung -  Deiche, offshore-Windparks, emissionsfreie Verkehrssysteme, Naturverschönerung durch Windmühlen usw.-  will finanziert sein. Auch die Bewahrung des Friedens - durch Modernisierung und Aufstockung der für weltweite peace enforcing missions zu europäisierenden Bundeswehr - wird am Ende mehr kosten als die von Trump - und der NATO-Führung - geforderten zwei Prozent des BIP. Im Hinblick auf die allseits herrschende Ungerechtigkeit und die Zukunft Afrikas sollte man auch wieder Enteignungskonzepte oder staatliche Schuldenexpansion in Betracht ziehen, auf jeden Fall jedoch CO2-Steuern erheben.

Wer sein Gewissen mit derlei Einsichten in die Notwendigkeit pflegt, gehört zu den Guten. In seinem Inneren amalgamiert die -  von der Mehrheit der Klimaforscher wissenschaftlich, von Papst Francesco mehr theologisch - vermittelte Angst vor der zum Glück erst auf 2050 angesetzten Apokalypse mit der Überzeugung, über höhere Moral zu verfügen als die Klimaskeptiker, erst recht die Klimaleugner. Ein besseres Gewissen zu haben, ist also keine Todsünde mehr, wie ehedem der Hochmut (superbia), sondern ein erlaubtes Wohlgefühl.

Wer - unter Verweis auf ausgebliebene Prophetien oder auf den jüngsten NASA-Bericht von den  wieder wachsenden Gletschern auf Grönland und in der Antarktis -  Zweifel an den Weltuntergangsszenarien hegt, verdient die Verachtung der Rechtgläubigen. Zu Recht begleitet ihn der Verdacht. Denn er gehört zu den Ungläubigen, er allein - nicht die gläubige Mehrheit -  ist ein Sünder gegen den Geist der Wahrheit. Am Ende handelt es sich gar um einen "klandestinen" AfD-Sympathisanten. Auf den Verdächtigen  - dies die Erfahrung der Geschichte - wartet die Guillotine. Immerhin hat auch ihm - sowie allgemein den verdächtigen, ungeliebten "Ossis" - jüngst der einstige "ostdeutsche" Pastor und vormalige Bundespräsident Joachim Gauck partielle Absolution erteilt. 

Sonntag, 2. Juni 2019

Merkel´s Speech at Harvard

I.
Fraglos war der Empfang einer  Ehrendoktorwürde an der Harvard University am 30. Mai 2019 ein Höhepunkt in der privaten, wissenschaftlichen und politischen Karriere von Angela Merkel. In der Laudatio wurde sie gerühmt als "the schientist who became a world leader". Die von einem Ghostwriter (sc. -r Gh-in) verfasste Dankesrede, genauer die Commencement Speech, hatte die Kanzlerin,  so war zu erfahren, noch in letzter Minute eigenhändig verfeinert. Offenbar hat sie selbst noch  die Zitate aus der Schatzkammer deutscher Dichtung selbst eingeflochten. Den Anfang ihres Berufslebens, nach Abschluss ihres Physikstudiums - unerwähnt blieb das Stipendium in Moskau -,  "inspirierte" (dixit Merkel) das poetische Zauberwort Hermann Hesses. Mit Hölderlin kam die Kanzlerin im Verlauf ihrer Rede - und ihrer Karriere  - gleich zweimal ins Offene.

Merkels Vortrag, eingeleitet und beendet mit einigen Sätzen auf Englisch, wurde mehrfach mit mächtigem Applaus, ja von "standing ovations", der Graduierten bedacht. Wer wagte angesichts solch eindrucksvoller Szenen noch Worte des Zweifels am Auftritt unserer Kanzlerin?

Die Kommentare in den meisten deutschen Medien fielen entsprechend laudatorisch aus. Beifall fanden vor allem Merkels Ausführungen zu "meinem Land, Deutschland, (das) unvorstellbares Leid über Europa und die Welt gebracht (hatte)", zu Multilateralismus, Protektionismus, Handelskonflikten, Isolationismus, kurz: die pointierte, indirekt, ohne Namensnennung vorgetragene Absage an Trump.Vor erlesenem Publikum, vor der Elite Amerikas und der global vereinten Menschheit hatte es die deutsche Kanzlerin  dem unberechenbaren Rüpel im Weißen Haus wieder einmal gegeben. Im Internet ist zu erfahren, dass man in den USA von der Merkel-Ehrung kaum Notiz nahm.

Entgegen aller Erwartung durchbricht ausgerechnet die  FAZ (nr. 126 v. 01.06.2019, S.9) unter der Überschrift "Festgemauert in den Phrasen" auf der ersten Seite des Feuilletons alle Regeln der Hofberichterstattung. Edo Reents, Teilnehmer der großen Feier in Harvard, vernahm "eine Rede, deren intellektuelles Niveau man nur niederschmetternd nennen kann."  Das Gehörte, eine Serie von Versatzstücken, veranlasste den Berichterstatter zur Flucht: "Nichts wie weg hier, bloß mit niemandem Eindrücke austauschen, am Ende merken die noch, dass man Deutscher ist."

II.
Es sei gestattet, diesem köstlichen, mehr auf das Sprachliche zielenden Verriss noch ein paar Anmerkungen  zu den autobiographischen und politischen Aussagen der Geehrten (insgesamt sechs "Erfahrungen und Gedanken") hinzuzufügen.  Merkel bekennt, sie sei keine Dissidentin gewesen, sie sei nicht gegen die Mauer angerannt. Richtig. Sie übergeht - vielleicht aus Zeitgründen - den Umzug ihrer Familie in die sozialistische DDR. Den Bau der  Mauer in Berlin, die "ein Volk" (sic!) und Familien - "auch meine Familie" teilte, erklärte sie damit, dass "die Regierung der DDR Angst (hatte), dass das Volk weglaufen würde in die Freiheit". So kann man den Mauerbau erklären. Zu ergänzen wäre, dass der DDR seit Nikita Chruschtschows Berlin-Ultimatum (27.11.1958) und dem Scheitern der Vier-Mächte-Verhandlungen 1959/60 über Deutschland und Berlin vor allem die Arbeitskräfte wegliefen.

Das Mirakel des Mauerfalls deutet die Kanzlerin so:  "Dann kam das Jahr 1989. Überall in Europa setzte der gemeinsame Wille zur Freiheit unglaubliche Kräfte frei. In Polen, in Ungarn, in der Tschechoslowakei und auch in der DDR wagten sich Hunderttausende auf die Straße." In aller Bescheidenheit nennt die DDR-Bürgerin Merkel die Leipziger Demonstranten, die am 9. Oktober 1989 das Regime herausforderten, an letzter Stelle. Die umfassende Krise der Sowjetunion, der Name Michail Gorbatschow, der sich widerwillig auf die - für Europa zentrale - deutsche Frage einließ, der ungarische Außenminister Gyula Horn, der mit dem westdeutschen Außenminister Genscher die Grenzöffnung zu Österreich verabredete, kommen in der Rede nicht vor. Natürlich sollte man´s den jungen Leuten, der angehenden Elite der USA und aller Welt, nicht zu kompliziert machen, daher: "Wir Europäerinnen und Europäer sind zu unserem Glück vereint."

Ungeachtet des von Robin Alexander rekonstruierten realen Verlaufs der "Flüchtlingskrise" wird Merkel weiterhin von vielen gerühmt ob ihres spezifisch moralischen - und grünen - Zugangs zum Politischen. Dass "Kriege und Terrorismus zu Flucht und Vertreibung" führen, steht außer Zweifel. Weit weniger klar ist, wie "wir die Ursachen von Flucht und Vertreibung bekämpfen (können)." In Harvard präsentierte Merkel  ihr deutsches Konzept von 2015: "Das alles können wir schaffen." 

Ähnlich verhält es sich mit dem "von Menschen verursachten" Klimawandel und den daraus resultierenden Krisen. Ja, wir "können und müssen" alles unternehmen, "um diese Menschheitsherausforderung wirklich (sic!) in den Griff zu bekommen." Merkel versprach in Harvard, sie werde sich "deshalb mit ganzer Kraft dafür einsetzen, dass Deutschland, mein Land, im Jahr 2050 das Ziel der Klimaneutralität erreichen wird".

Merkel ließ offen, was Trump, Putin, Xi Jinping, Maduro, Erdogan, die Mullahs in Teheran oder Kim Jong-un über dieses globale Programm denken. In ihrem Land, in Deutschland, genügt grüne Entschlossenheit für die Lösung aller Menschheitsfragen. Das heißt nicht, dass Merkel gänzlich falsch lag, als sie zum Schluss verkündete: "Nothing can be taken for granted, everything is possible."



Dienstag, 21. Mai 2019

...die Leute mitnehmen

Alle Welt - von London bis Wien, von Brüssel bis Berlin,  von Paris bis Rom - erwartet mit Spannung den Ausgang der Europawahlen genannten Wahlen zum EU-Parlament. Wie schlägt die FPÖ-Party in Ibiza, der Eklat in Wien, der Aufenthalt Steve Bannons in einem Pariser Luxushotel auf die Wahlergebnisse in den 28 EU-Ländern (still includig the UK, mind you)  durch? Ist es vorbei mit dem Vormarsch der Rechtspopulisten? Wie hoch ist die Wahlbeteiligung,  Barometer demokratischen Bewusstseins in Deutschland und sonstwo?

Wer sich die Abende nicht durch TV-Talkshows verderben will, ist am Tag danach auf die Kommentierung in den online-Medien angewiesen, in der Hoffnung, dass der/die Kommentator/-in nicht die falsche Brille aufgesetzt hat. Bei Tichys Einblick ist für den deutschen Demokraten Vorsicht geboten, denn das liberal-konservative Magazin steht im Verdacht, Zweifel am größtkoalitionären, gründeutschen Wertekanon zu säen.

Unter derlei Vorbehalt ist die Nachlese der letzten Anne-Will-Show von Alexander Wallasch zu empfehlen: https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/alexander-wallasch-heute/katarina-barley-rechts-von-uns-die-anderen/?fbclid=IwAR0wT28TD_QPhcT-2lo1EAIFiglaN0evDkdUnQjiXN_DyWzbtI8aj6xYJfs. Nein, es geht nicht darum, des Autors Kritik am Auftritt Katarina Barleys zu teilen - ich habe die Show ja selbst nicht gesehen -, sondern um eine spezifische Passage im Text. Es handelt sich um ein - meist nur in Kurzversion bekanntes - Zitat aus dem Talkshow-Geplappere der Grünen-Politikerin, unvollendeten Theologin und einstigen EKD-Funktionärin (Präses der Synode) Karin Göring-Eckardt bei einer früheren Anne-Will-Sendung.

Darin tat Göring-Eckardt folgendes kund: „Dieses Land wird sich verändern. Und es wird sich ziemlich drastisch verändern. Und es wird ein schwerer Weg sein, aber dann glaube ich, können wir wirklich ein besseres Land sein. Und daran zu arbeiten, das mit Begeisterung zu machen, die Leute mitzunehmen, auch die, die Angst haben (..) das ist eigentlich die historische Chance in der wir sind. Das ist wahrscheinlich sogar noch mehr als die deutsche Einheit, was wir da erreichen können. Was die Kanzlerin gemacht hat, ist eine große Idee davon, was es heißt, dieses Land neu zu denken. (…) Die Arbeitgeber scharren längst mit den Füßen und sagen: Wir brauchen diese Leute. (..)“

Wenn die "Populisten" - in Deutschland die AfD, längst nicht mehr die "Linke" um Katra Kipping, Petra Pau, und Bodo Ramelow - am kommenden Sonntagabend trotz des FPÖ-Skandals in und um Österreich auf peinlich hohe Prozentzahlen kommen sollten, so liegt die Erklärung im obigen Zitat.
Dass sich "das Land" vor allem in der Ära Merkel "drastisch" verändert hat wie nie zuvor, ist ein unübersehbares Faktum. Keine der "etablierten" Parteien verfügt über ein tragfähiges Konzept, wie die daraus erwachsenen Probleme zu beheben seien. Es ist die Mischung aus Ignoranz und Arroganz derer, die "daran arbeiten", auf dem "schweren Weg" "die Leute mitzunehmen".

Dass "die Leute", vulgo das "Volk", in der Regel einen leichteren Weg bevorzugen, liegt in des Menschen Natur. Dass sich immer mehr Leute weigern, sich auf einen Weg in eine Zukunft  "mitnehmen" zu lassen, die alles andere als beglückend sein wird, ist der Grund für den Aufstieg der "Populisten". Daran  wird auch der termingerechte Fall der FPÖ nichts ändern.