Mittwoch, 27. Juni 2018

Historische Grundbegriffe und Zukunftsaussichten anno 2018

I.
Nein, es geht in diesem Blog-Eintrag nicht um das achtbändige Geschichtslexikon, herausgegeben von  Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck,  erschienen 1972-2004, welches auch in Zeiten umfassender ("totaler") genderisierten Entgeistigung der Geisteswissenschaften für unideologische historische Arbeit unentbehrlich ist. Nein, es geht in gebotener Kürze um den Niederschlag historischen Grundwissens und entsprechender Grundbegriffe im politischen Raum des Feuilleton der Qualitätszeitung FAZ.

Einige Bekannte von mir haben aus unterschiedlichen Gründen - deutsche Sparsamkeit (siehe die Ausstellung im DHM, Merkelfromme Generallinie, taz-ähnliche Monotonie in der Mehrzahl der Feuilleton-Artikel,  sinnverquerende Angriffe auf die Orthographie (vorzugsweise "Referenz", wo es einem Dichter oder Denker Achtung zu erweisen gilt) usw. - das Abonnement gekündigt. Aus spezifischen Gründen habe ich mich dem Exodus bislang nicht angeschlossen, vielleicht auch aus sündhafter Eitelkeit. Denn "hinter dieser Zeitung" soll bekanntlich noch immer ein kluger Kopf stecken. Dieser alte Anspruch erhebt den Leser dieser Tage, da die Zeitung auf einer Doppelseite Eigenwerbung betreibt. Auf dem in sanften Brauntönen gehaltenen Foto einer asiatischen Teestube sehen wir - inmitten einer Männerschar und einer ostentativ emanzipatorisch zugesellten Kopftuchschönheit -  einen weltläufigen, hinter seiner Zeitung verborgenen "klugen Kopf".

II.
Unlängst belohnte mich der Verlag - mutmaßlich als Entschädigung für eine mehrtägige Nichtzustellung - mit einem (Werbe-)Exemplar des Hochglanz-Produktes "Frankfurter Allgemeine Quarterly". Anstrengende oder - für Leser mit Flugmeilenbonus - eher leichtverdauliche Lektüre? Schwierige Frage.  178 Seiten, inklusive der Werbeseiten, beispielsweise: "Ulrich Tukur fragt: Verdient meine Bank mit meinem Geld mehr als ich. Fragen Sie doch mal uns. qurinprivatbank.de". Auf der linken Seite zuvor geht es um "Offene Fragen" zu "wirklich existentiellen Themen", obenan zu Markus Söders Kreuz-Erlass. Frage 03: "Spürt man in Bayern schon den Effekt. Fühlt man sich dort jetzt christlicher, abendländischer, identischer?" Frage 16: "Gibt es keine wichtigeren Probleme [als die Flüchtlingsdebatte]?" Erheiternd Frage 20: "Wann fordert Horst Seehofer eine Obergrenze für Algorithmen?"

Offenbar zielt das zukunftsorientierte Magazin - im Proust-Fragebogen auf der letzten Seite fragt der/die Interviewer/in: "Wie möchten Sie sterben, Matthias Brandt?" - auf noch klügere Köpfe als das - der Antifa  zum Trotz? - noch immer in altdeutscher Fraktur im Titel aufgemachte Tagesleitmedium. Jedenfalls ermutigt das "Quarterly" den Leser zum angstfreien Blick in die Zukunft, nicht zuletzt in der Rubrik "Wirtschaft". Auch da geht es um "Frequently Asked Questions". Ein Bericht über die boomende - unlängst von der Kanzlerin besichtigte -  21-Millionen-Stadt Shenzhen ermuntert den von jäher Zukunftsangst beseelten Leser unter Verweis auf die beispielhaften Lebenserfahrungen Angela Merkels. "Was geschieht, wenn man den Wettbewerb um die Zukunft selbst aufgibt, hat die Kanzlerin in der späten DDR erfahren. Sie hat gesehen, dass ein ganzes System zusammenbricht, wenn es wirtschaftlich nicht mehr mithalten kann. Sie hatte nie die Illusion, dass allein die Bürgerrechtler mit ihrem Ruf nach Demokratie zum Einsturz brachten. Zur Implosion kam es erst, als die Mehrheit an den materiellen Verhältnissen verzweifelte. Deshalb weiß sie: Die Zukunft der Demokratien auf der Welt entscheidet sich auch daran, ob sie noch Lust auf jene Zukunft haben, die in Shenzhen schon zu besichtigen ist." Exemplarisch tritt in derlei Sätzen die bei Marx noch dialektisch gespaltene Einheit von Sein und Bewusstsein hervor.

Merkel ("Ich als Physikerin") macht Hoffnung.Was bedarf es da noch eines Blicks  in die Vergangenheit, in die Realgeschichte? Warum an Afghanistan, an  das Ende des Kalten Krieges - Folge des von der Sowjetunion verlorenen Rüstungswettlaufs - an Reagan, an Gorbatschow und an Helmut Kohl erinnern? Wir vertrauen auf Angela Merkels nüchtern-kühlen Blick in die postdeutsche Zukunft. Wir schaffen das.

Ganz ohne Geschichte geht es dann im "Quarterly" doch nicht. Als Experte für Historisches, als Kronzeuge dafür, dass "die Deutschen [nicht] nur Gehorsam und Untertanengeist kennen", wird der Grünen-Chef Robert Habeck interviewt. Habeck verpasste als Zwanzigjähriger leider den 9. November 1989, was ihn "heute total ärgert". Er hat indes mit seiner Ehefrau ein Theaterstück "Neunzehnachtzehn" über den die Novemberrevolution auslösenden Matrosenaufstand in Kiel verfasst. (Adnote H.A.: Die Männer hatten recht, als sie die Kessel löschten, um sich nicht in einer "letzten" Prestigeschlacht verheizen zu lassen.) Habeck freut sich, dass am Ende der Aufführung seines Stückes 2008 auch ranghohe Marineoffiziere lange klatschten.

Das Verhältnis zu revolutionärer Gewalt  ist bei Habeck nicht ganz eindeutig zu definieren. Er seziert die Dialektik der Revolution, etwa der Französischen, wo "der Mordrausch das Gute [vernichtete], für das sie einst eintrat."  Gewalt - wie zuletzt beim G-20-Gipfel in Hamburg - ist nicht seine Sache. "Scheiben einschmeißen ändert nicht die Politik. Das ist die falsche Projektion einer Haltung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht aus einer totalitären Kaiserzeit auf die Gegenwart." - Mit dieser ins Kaiserreich projezierten Ausweitung des Totalitarismusbegriffs findet der Grünen-Vorsitzende Habeck womöglich auch bei bei Katja Kipping und der Geschichtskommission der "Linke"-Partei Zustimmung.

III.
"Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen", heißt es bei George Santayana. Gegen derlei Verdammnis sind wir Deutschen dank einer Vielzahl von Gedenktagen und - jahren (siehe auch oben)  mutmaßlich geschützt, es sei denn, der AfD gelinge schon morgen die Machtergreifung im Bündnis mit einer preußisch-deutschnational umgefärbten CSU. Glücklicherweise ist auch das Jahr 2018 wieder reichlich mit Gedenkdaten ausgestattet, darunter die Erinnerung an den Prager Fenstersturz und den Dreißigjährigen Krieg.

Die potenzielle politische Zwecknutzung des Dreißigjährigen Krieges liegt in der Vorstellung eines "Westfälischen Friedens" (siehe H.A.: https://www.iablis.de/iablis/themen/2016-die-korruption-der-oeffentlichen-dinge/rezensionen-2016/115-kissingers-amerikanische-weltordnung) zur hinlänglichen Befriedung einer noch immer  unfriedlichen multipolaren Welt. Die Verknüpfung des spätestens mit dem zweiten Golfkrieg über den Nahen Osten hereingebrochenen Chaos, insbesondere mit dem seit 2011 andauernden Gemetzel in Syrien liegt nahe. Eben dies unternimmt die TV-Dokumentation "Glaube, Leben, Sterben" anhand der überlieferten Selbstzeugnisse von fünf Zeitzeugen - darunter die lutherische Bäuerin Martha Küzinger aus Oberösterreich - des "Teutschen Krieges".

In der Kritik des Doku-Dramas mit fünf Personen (Heike Huppertz: "Als die Mordbrenner die Gaukler ablösten") war in der FAZ (v. 15.06.2018, S. 16) folgendes zu erfahren: Der Calvinist Hans de Witte fungierte von Prag aus "als Finanzier des katholischen Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen" (bis er fallierte und Selbstmord beging). Der Jesuitenpater Jeremias Drexel sei "im Tross des bayerischen Königs Maximilian erst gegen die Böhmen und dann sozusagen gegen des Rest des Abendlandes zu Felde gezogen".

Die Feuilleton-Kritikerin empfahl das Werk dem "breiten Populärpublikum" auch dafür, dass es "die großen Linien des ereignisgeschichtlichen Schulbuchwissens ...im Vorübergehen auf kursorische, aber doch gründliche Weise mitserviert." - Gewiss doch, im Sinne politischer Bildung geht es zuvörderst um die großen Linien, erst in zweiter oder dritter Linie um für die lebendige Demokratie eigentlich unnötige Grundkenntnisse. Auch bei Begriffen sollte man nicht zu pingelig sein, außer um deutschem Größenwahn entgegenzuarbeiten. Wir sollten uns als Deutsche (und Österreicher) mit einer - im 15. Jahrhundert dem Namen des Reiches  hinzugefügten  - "Deutschen Nation" im Zuge historischer Amnesie nahezu vergessenen Heiligen Römischen Reich bescheiden. Auch die CSU in Bayern sollte mit einer historisch vorzeitigen Rangerhöhung des bayerischen Zweiges des Hauses Wittelsbach - Kurfürsten erst ab 1623, Könige erst ab 1806 - vorsichtiger umgehen. Hochmut kommt vor dem Fall.

Über mehr Bescheidenheit, über solidere historische Grundkenntnisse - und über die richtigen Grundbegriffe der heutzutage allein maßgeblichen Ökologie -  verfügt fraglos der bayerische MdB Anton Hofreiter. Ob er das Doku-Drama gesehen hat, ist nicht bekannt. Jedenfalls findet er - nicht anders als die Mehrheit aller Abgeordneten, nicht nur der Grünen, im Bundestag - die Analogie zwischen dem "Teutschen Krieg" und dem Glaubenskrieg  in Syrien unmittelbar einleuchtend.

Donnerstag, 14. Juni 2018

Merkels Truppe vor dem Endsieg

Vor ein paar Wochen outete sich Angela Merkel wieder mal als patriotische Fußball-Fanin (gendergerechtes und natürlich-geschlechtliches Suffix). Ungeachtet ihrer immensen Arbeitsbelastung als Bundeskanzlerin, fand sie in ihrem Terminkalender genügend Zeit und Muße, "unsere Mannschaft" im Traningscamp zu besuchen. Sie weiß, in schwierigen Zeiten - wie in der sich unendlich hinziehenden "Flüchtlingskrise" - müssen wir, die schon länger hier leben, und diejenigen, die noch nicht so lange hier leben, zusammenhalten. Das von Herzen kommende, patriotische "Wir-Gefühl" bedarf - anders  als der Habermas-Rothsche Verfassungspatriotismus - von Zeit zu Zeit der emotionalen Stärkung, vor allem wenn das Volk, der alte Lümmel, anfängt zu grummeln. Im Fußballkrieg geht kein Deutscher von der Fahne. 

Das weiß auch Merkel. Frage: Rührt ihre Begeisterung für den deutschen Fußball, für "unsere" Nationalelf, allein daher? Vor Augen treten TV-Bilder, wo wir unsere Kanzlerin in liebesrotem Blazer die Arme hochreißend über ein Tor unserer Truppe jubeln sehen. Die Frau ist also zu Emotionen fähig. Ihre Fußballbegeisterung schweißt -  im Rhythmus von EM und WM - das Volk als Post-Nation zusammen.

Für ein paar Wochen dürfen, ja sollen auch Fahnen geschwenkt werden. Selbst Tante Antifa muss im Kampf gegen den Nationalismus eine Pause  einlegen. Und die - erkennbar naivere - Seelenverwandte  Karin Göring-Eckardt springt ihrer Kanzlerin bei, indem sie auch türkische Fahnen geschwenkt sehen möchte, da oder obgleich Erdogans Truppe in Russland  nicht mitmachen darf. Außerdem kämpfen mit Özil und Gündogan zwei bekennende Herzenstürken  und Erdogan-Anhänger in Russlands Stadien für den deutschen Endsieg. Den beiden Millionenverdienern sowie der ganzen deutschen Löw- Mannschaft galt  Merkels Besuch im Trainingslager zu Eppan, Südtirol. Merkel, protestantische Pfarrerstochter, trat dort  als Seelsorgerin auf. Sie sorgte sich darum, dass die deutsche Volksseele angesichts von Jogi Löws - Grünen-Deputierter bei der Wahl des Bundespräsidenten - Nationalelf beim "public viewing" - oder gar in russischen Stadien - sich nicht in Pfeifkonzerten ergießen möge.

Derlei "hässliche" Bilder könnten Merkels Image als krisenfeste Kanzlerin beschädigen. Denn Politiker und Sportsoziologen wissen: Fußball war noch nie die wichtigste Nebensache der Welt. Er ist auf allen Ebenen seiner Inszenierung - von der Vergabe der WM an Länder wie Qatar oder jüngst an die von Trump gefährdete nordamerikanische Staatengemeinschaft über die vermeintlich völkerverbindenden Schlachten bei der WM oder EM ("Respekt") bis hin zu dem Gejohle und den Prügeleien in der "Fankurve" der Stadien - ein Politikum. Wer bei Fußballspielen "seiner" Mannschaft sich nicht in der Ehrenloge sehen lässt, hat als Politiker beim (lokal-)patriotischen Wahlvolk schlechte Chancen.

Für ein paar Tage oder Wochen - je nach Laune des Fußballkriegsgottes - darf sich Merkel über die möglichen Erfolge von Löws Truppe - ihrer Truppe - in Russland freuen. Sie weiß um die angeschlagene Moral ihrer Mannschaft und ihres Volkes nach den politischen Verfehlungen der Migrantensöhne Mesut und Ilkay. Und auch wir wissen, dass Merkel auf einen deutschen Endsieg hofft. Denn das Fußballspektakel, glaubt Merkel,  lenkt das Volk für ein paar Wochen von seinem Unmut über die ewige "Flüchtlingskrise" ab.

Darüberhinaus ist das heute eröffnete schwarz-rot-goldene Fahnenspektakel - von noch  ungewisser Dauer - auf den Straßen und in den Kneipen geeignet,  das Volk von seiner "kollektiv" erlittenen - und unter veränderten Umständen erleidenden - Geschichte abzulenken. Zwei Geschichtsdaten zur Erinnerung: 1) Am 16. Juni 1953 legten die  Bauarbeiter auf der Stalinallee ihre Arbeit nieder - die Ouvertüre zum Volksaufstand am 17. Juni (ehedem "Tag der deutschen Einheit"). 2) Am 22. Juni 1941 eröffnete Hitler seinen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Anders als in Merkels Multikulti-Deutschland ist das Datum in Russland unvergessen.

Was Merkels termingerecht erwachten Fußballpatriotismus betrifft, so finden wir die Erklärung in Roland Tichys jüngstem Kommentar (unter der Überschrift "Merkel oder die Morde, die Deutschland verändern"https://www.tichyseinblick.de/tichys-einblick/merkel-oder-morde-die-deutschland-veraendern/ ): "Ihr Scheitern ist offensichtlich: Ein früher vorzüglich verwaltetes Land versinkt in einem Strudel des Staatsversagens. Seine Institutionen sind der Lächerlichkeit preisgegeben – das Parlament ebenso wie Polizei und Gerichtsbarkeit; der so schmerzhaft sanierte Sozialstaat wird geplündert; die Bundeswehr kümmert sich um Babyausstattung und, man glaubt es nicht, um Luftregulierung  in den Schützenpanzern, die auch Schwangeren den Einsatz erlauben sollen.
Aber Merkel bleibt. Eisern. Wie festgeklebt. Die Pattex-Kanzlerin hätte längst zurücktreten müssen, schreibt der britische Historiker Niall Ferguson. Mehr Regierung gegen das eigene, ungeliebte Volk war nie."


Freitag, 1. Juni 2018

Biographische Rückschau auf "1968"

Auf Facebook, dem so bescheuerten wie - leider -  unentbehrlichen, wenn auch gemäßigter Zensur unterliegendem Kommunikationsraum  deutscher  Dissidenten, kündigte Cora Stephan eine Veranstaltung an: "Früher traf man sich im Republikanischen Club, heute in der Bibliothek des Konservativismus". Die Botschaft kam sicher auch bei Tante Antifa an, die auf Teilnahme indes verzichtete, mutmaßlich da sie ihre politische Energie im Dienste der Demokratie gegen die "Konservativen", d.h. gegen "Rechts", gewöhnlich erst in nächtlichen Morgenstunden entfaltet. Die erwähnte Bibliothek in der Charlottenburger Fasanenstraße erfreut sich regelmäßig derartiger, von demokratischer "Wut" inspirierter Visiten.

An einem klimabedenklich hochsommerlichen Maienabend hatte die Bibliothek vier namhafte Persönlichkeiten (besser "Menschen", am./engl. humans, substantiviertes Adjektiv unter Weglassung des Bezugsworts  beings) zu einer Podiumsdiskussion zum Thema "Kulturbruch ´68?" geladen: Jörg Friedrich, Bettina Röhl, Cora Stephan und Gerd Held. Sie gehören  jener Kategorie von Selbstdenkenden an, die Thomas Schmid, Frankfurter Alt-68er und emeritierter Chefredakteur der "Welt", auf seinem Blog als ins konservative Lager übergewechselte "Ex-Linke", sprich Renegaten,  identifiziert hat.

Das Thema, mit einem nicht ganz ernst gemeinten Fragezeichen versehen, war dem Titel des jüngsten Buches des unbeirrt "neurechten" Vordenkers Karlheinz Weißmann entnommen. "1968" ist der einzige Geschichtsmythos, der in der ahistorisch-postnationalen Bundesrepublik an nationalen Mythen übrig geblieben ist.  Nach weithin akzeptierter Selbstinterpretation linksgrüner Protagonisten handelt es sich um  die eigentliche "Zweitgründung" der (west-)deutschen Nachkriegsdemokratie. In den Augen ihrer Gegner sind die "Achtundsechziger" für alles Unheil der Gegenwart - Multikulti, Masseneinwanderung, Auflösung aller "Werte" usw. - verantwortlich. Die triviale, ironische historische Wahrheit bleibt bei derlei Ideologiegefechten auf der Strecke. Sie besteht zum einen darin, dass die von sozialistisch-kommunistischen Utopien besessenen "Revolutionäre" von damals  die revolutionäre Dynamik des globalen Kapitalismus beschleunigten und zum anderen darin, dass "Emanzipation"  von Grünen-Frontfrauen heute vornehmlich als Kampf für das Kopftuch betrieben wird.

Aufgefordert zu biographischen Auskünften, boten die Diskutanten Jörg Friedrich (Geburtsjahr 1944),  Cora Stephan (geb. 1951), Bettina Röhl (geb. 1962) und Gerd Held (geb. 1951) - der Altersdifferenz entsprechend - allerlei Erhellendes zum diesjährigen Dauerthema "1968". Bettina Röhl, als Kind Objekt und Opfer ideologischen Wahns, seit langem unerbittliche Kritikerin des Mythos und seiner Inkarnationen (e.g. Joschka Fischer), erinnerte sich aus ihrer Kindheit an Auftritte des ungekämmten Rudi Dutschke im Hause Röhl-Meinhof (also noch vor dem Hinauswurf des "Konkret"-Gründers Röhl und vor Ulrike Meinhofs Abtauchen in den Untergrund im Mai 1970). In früher Kindheit erlebte sie eine Art duale Sozialisation: morgens in noch eher bürgerlichen Familienverhältnissen, nachmittags im "antiautoritären" Kinderladen. Amüsant ihr Bericht über jugendlichen "Widerstand" gegen den neulinken Geist an einem Hamburger Gymnasium, wo sich die Schüler sträubten, den herumlümmelnden Lehrer mit "Rolf" anzureden und zu duzen. Sie wollten lieber etwas lernen.

Cora Stephan gehörte zu den jüngeren Aktivistinnen der Revolte. Ihre Karriere begann - durchaus  repressionsfrei -  als Redakteurin bei der Schülerzeitung, sodann im AUSS (Abkürzung für eine der allerorts aufspringenden sozialistischen Schülergruppen). Ihre Liebe zu "´68" entdeckte sie als Schülerin im "swinging London", über die Beatles und die amerikanische Folk-Musik. Als Studentin ackerte sie sich - für wissenschaftliche Arbeit (eine Examensarbeit über Rudolf Hilferding) nutzbringend - durch das Marxsche "Kapital" und andere blaue MEW-Bände. Aus ihrer Frankfurter Sekte - im typischen Umschwung zu revolutionärer Verbissenheit - schloss man sie wegen "Hedonismus" aus. Die meisten westdeutschen "Neulinken" lebten in ihrer heilen Welt der Revolution, ohne  die deutschen Zustände jenseits der Mauer zur Kenntnis nehmen zu wollen.

Gerd Held, wie Röhl und Stephan Autor auf der "Achse des Guten", erlebte seine "linke" Initiation bei einer Vietnam-Demonstration, wo die Protestierer die nationale Parole "USA-SA-SS" skandierten. Schon als Schüler wurde er - womöglich gerade wegen seiner ausgezeichneten Leistungen an einem liberalen Gymnasium in Osnabrück -  anno 1970 Mitglied des maoistischen KBW, der - unter der Ägide Joscha Schmierers, des späteren Fischer-Adlatus im AA - den Adepten revolutionäre Betriebsarbeit (samt einer Revolutionssteuer von 10 Prozent des Einkommens) verordnete. Er blieb in dieser doktrinären K-Gruppe bis zu deren Selbstauflösung 1982, die einherging mit der Kaperung der "grünen" Bewegung durch die bis dato konkurrierenden "linken" Sekten. Erst danach ging er an die Universität, wo er seine späte akademische Karriere als Privatdozent für Regional- und Stadtplanung beendete. Sein in Praxis und Theorie geschulter Sachverstand vermag "grünen" Konzepten - die  ins Grüne abgewandelte Zwangsbeglückung von "´68" -, erst recht der moralisch aufgeladenen Naivität einer Claudia Roth oder Karin Göring-Eckardt keinen Charme  abzugewinnen.

Am schärfsten attackierte rückblickend der Historiker Jörg Friedrich, der älteste in der Runde der vemeintlichen "Renegaten", den revolutionären "Geist von ´68". Er schilderte seine Bekehrung zum Revolutionär: Nach West-Berlin gefahren,  um dem Wehrdienst zu entgehen und zu studieren,  erweckten  Mao- und sonstige Plakate in einer Wohngemeinschaft bei ihm zunächst nur Befremden und Interesse. Binnen einer Woche jedoch hatte er sich im neuen Milieu in  einen glühenden Revolutionär verwandelt: Man verfügte jetzt über eine Theorie, hatte auf alle Fragen die einzig richtige Antwort (i.e. der US-Kapitalismus-Imperialismus), fühlte sich als revolutionäre Avantgarde den vom Kapital manipulierten, jedoch irgendwie, wenn nötig mit Gewalt, zu erweckenden Volksmassen haushoch überlegen. Die "Gewaltfrage" hatte man im Sinne der befreienden Gewalt eindeutig entschieden. In den zahllosen Kneipen entlang der Schlüterstraße bewegten sich die Studenten in ihrem "revolutionär" abgeschirmten Binnenmilieu.

Zum Verständnis von "1968" gehört dessen Vorgeschichte. Friedrichs pointiert vorgetragene Ausführungen trugen einiges - den jüngeren Zeitgenossen, ob mehrheitlich modisch-linksgrün oder minoritär "neurechts" weithin unbekannt - zum besseren Verstehen der Empfindungen seiner Generation bei. In der -  in bürgerlichen Verhältnissen aufwachsenden, von kontinuierlich wachsendem Wohlstand profitierenden - Nachkriegsgeneration tat sich ein innerer Spalt auf. Auf der einen Seite begeisterte man sich - auch in Abwendung von den kompromittierten deutschen Traditionen -  für die französische und amerikanische Kultur, man identifizierte sich mit den humanistischen Ideen der westlichen Demokratie, auf der anderen Seite sah man, dass Frankreich im Algerienkrieg, die Belgier im Kongo, die USA in Vietnam mit brutaler Gewalt, mit Folter und Napalmbomben ihre  humanistischen Prinzipien und Proklamationen widerlegten. Und dagegen erhoben sich  -  mit befreiender Gewalt - die Völker der Dritten Welt, die "Verdammten dieser Erde" (Frantz Fanon).

Über den erwähnten inneren Zwiespalt setzten sich die ´68er "Revolutionäre" durch Identifikation mit der Dritten Welt hinweg. Die zuvor noch gepflegte - und in der Identifikation mit dem amerikanischen Vietnam-Protest und dessen Folklore weiterhin kultivierte - Wertschätzung der USA schlug  in Hass auf den "US-Imperialismus"  um - ein befriedigender Seelenzustand. Vergessen war die Absage eines Albert Camus an den in der Nachkriegszeit stalinistisch eingefärbten, jetzt die Revolution, Fidel Castro und den toten Che Guevara  preisenden Jean-Paul Sartre. Für den aus dem von den Nazis ins Exil gezwungenen,  ins zerstörte Deutschland zurückgekehrten Willy Brandt, Außenminister unter Bundeskanzler Kiesinger - dem die ach so couragierte "Antifaschistin" Beate Klarsfeld eine Ohrfeige verpasste -, hegte man nichts als Verachtung.

Zu den spezifisch deutschen Tiefenschichten der "Kulturrevolution von ´68" drang gleichwohl weder die Diskussionsrunde noch das unter der Hitze leidende Publikum vor. Einigkeit herrschte, dass von  der von Rudi Dutschke (anstelle der  von der RAF mörderisch praktizierten "revolutionären" Gewalt)  proklamierte - und ausgehend von den "68ern" über mehrere Generationen der Bundesrepublik hinweg geführte - "Marsch durch die Institutionen" hinweg zum totalen Erfolg geführt hat. Immerhin endete der Abend nicht in allgemeinem Lamento über die "linken" gründeutschen Zustände unter der CDU-Kanzlerin Merkel. Auch die Frage, warum die Eliten der - realiter demokratisch-liberalen - westdeutschen Gesellschaft sich vor fünfzig Jahren von den 68er-"Revolutionären" kampflos überwältigen ließen, wurde nicht gestellt.