Samstag, 27. August 2016

Von Königgrätz in die Gegenwart

I.
Der Blogger hatte sich mit einem Kollegen zu einem Besuch des DHM (Deutsches Historisches Museum) im Schlüterschen Zeughaus verabredet, wo eine Sonderausstellung zu "Königgrätz" (s. https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/07/koniggratz-notizen-zu-einem-vergessenen.html) zu sehen ist. Das Foyer des DHM hat seit der Eröffnung anno 2006 eine kräftige Umgestaltung erlebt. Längst hat man das großflächige  Tableau, auf dem die seit Auflösung des Römischen Reiches variierenden Grenzen Europas sowie in dessen Zentrum (nicht ganz fehlerfrei (s. H.A.: DHM-Selbstbild einer Nation ohne Eigenschaften  http://themen.iablis.de/2006/ammon06.html) aufleuchteten, aus der Eingangshalle entfernt. Die Einführung in die historisch-politische Kartographie findet nunmehr zu Beginn des Rundgangs auf einer Wand in der ersten Etage statt.

Den Besucher begrüßen am Eingang stattdessen zur Rechten die Statue des Reichsgründers Bismarck (sitzend), zur Linken eine gewaltige Bronzeplastik des Revolutionärs Lenin (stehend; von deutschen Truppen anno 1941 vor Leningrad geraubt und durch Zufall vor dem Einschmelzen zwecks Kanonenherstellung bewahrt) sowie ein noch monumentalerer Recke des Dritten Reiches (schreitend; laut Erklärung nicht von Arno Breker). Im oberen Stockwerk fällt der Blick  auf die von Albrecht Dürer 1514 gemalten Kaiserporträts Karls d. Gr. und  Sigismunds (1411/33-1437), daneben das mächtige Steinrelief des fränkischen Imperator Romanorum.

Weitere Exponate und Erläuterungen zum Frankenreich sucht man im DHM derzeit vergebens. Stattdessen setzt - mutmaßlich unter dem Aspekt des interkulturellen Dialogs - die (n.b.!) deutsche Geschichte jetzt gleich mit den Kreuzzügen ein. Auf dem Richtung Königgrätz verfolgten Weg durch die Jahrhunderte verweilen die beiden  Besucher einen Augenblick beim Zeitalter der Entdeckungen. Eindrucksvoll ragt neben Martin Behaims Globus von 1492 ein ca. drei Meter hohes, verziertes Steinkreuz auf. Derlei Kreuze wurden von den Portugiesen auf ihrer Suche nach dem Seeweg nach Indien entlang der Küsten Afrikas errichtet und dienten als nautische Merkzeichen auf der Route zum Kap und darüber hinaus. Das Kreuz im DHM stand in der Gegend von Swakopmund und wurde zu kaiserlichen Kolonialzeiten von Südwestafrika nach Deutschland gebracht.

Auf der erklärenden Tafel wird der Besucher vermittels eines pädagogischen Fragekatalogs belehrt: Wohin gehören derartige, von ihrem originalen Standort entfernte historische Monumente? Nicht doch an den angestammten Ort,  von wo sie von den Kolonialherren abtransportiert wurden? Wer kommt eigentlich als der rechtmäßige Eigentümer in Frage - das Land Portugual, der junge Staat Namibia oder die Bundesrepublik als Nachfolgerin des Deutschen Reiches?  Keine Frage, es geht um unser historisches Gewissen (als Deutsche). - Was den zweieinhalb Meter hohen Lenin im Foyer betrifft, ist die Frage des richtigen Ortes und des rechtmäßigen Besitzes zur Zeit offenbar irrelevant.

II.

Die Erwartung, im Zentrum des Deutschen Historischen Museums eine dem deutschen - oder deutsch-deutschen und/oder deutsch-österreichischem - Schicksalsdatum angemessene, umfangreiche Ausstellung zu sehen, wird enttäuscht. Über die Details des preußisch-österreichischen Zwists um die erst 1864 im Deutsch-Dänischen Krieg gewonnenen Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg erfährt man nur wenig. Der von Bismarck inszenierte Streit um Reformen im Deutschen Bund - die provokante Forderung nach einer gewählten Nationalvertretung - wird nicht weiter expliziert.

Zu betrachten sind  die Bilder der Kontrahenten - links Bismarck, sein König Wilhelm I., dazu Roon und Moltke, gegenüber der österreichische Staatsminister Anton von Schmerling (1861-1865) -, die schlachtentscheidende Bewaffnung (modernes Zündnadelgewehr contra antiquierten Vorderlader) sowie mitten im Raum die mächtige Statue einer trauernden Germania.

Wir erfahren etwas über die Schlacht von Kissingen, weniger über die von Langensalza und die Rolle der hannöverschen Welfen im österreichischen Exil. Die historischen Schlußfolgerungen des deutsch-deutschen Krieges bleiben dem Betrachter überlassen. Vielleicht ist das auch gut so.

III.
Vor einem der Bilder auf dem Weg zur Reichsgründung - war´s die trotzige Germania mit blankem Schwert? - kommen wir ins Gespräch über die deutschen Zustände - damals und heute. Beiläufig fragt mich mein Kollege, ob ich über das jüngste "event" in Straßburg im Bilde sei. Laut - spärlichen - Medienberichten stach ein naturgemäß psychisch gestörter jüngerer Mann auf der Straße einen etwa Sechzigjährigen nieder, von dessen Kippa auf dem Kopf er sich provoziert fühlte. Es war zu erfahren, dass derselbe Mann bereits vor fünf Jahren in einem ähnlichen Anfall geistiger Erregung, womöglich aus überschießender Religiosität,  einen anderen Mitmenschen mit einer Eisenstange  traktiert hatte. Meinem Informationsbedürfnis war die Gewalttat in Straßburg entgangen, womöglich hatte ich die Sache unter "Vermischtes" überlesen. Oder die der Aufklärung des Bürgers/der Bürgerin verpflichteten Medien hatten es für ratsam gehalten, den Vorfall niedrig zu hängen...

An diesem Punkt gesellte sich entschuldigend ein Herr von Anfang vierzig hinzu. Er stellte sich als promovierter Unternehmer aus der Umgebung von Frankfurt am Main vor. Mit seiner aus Brasilien stammenden Lebensgefährtin wollte er  das im DHM präsentierte historische Selbstbild der Deutschen betrachten. Jetzt hakte er sich in das Gespräch über die reduzierte Berichterstattung bei heiklen Ereignissen ein. Seit langem ärgere er sich über den Merkel-frommen Konformismus in der gesamten Medienlandschaft, nicht zuletzt in der FAZ.  Völlig abwegig sei etwa das Interview zum Thema "Islam und Migration" gewesen, das unlängst FAZ-Redakteure mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller und der Stellvertretenden Sprecherin Sawsan Chebli im AA (s. https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/08/kurze-orientierungshilfe-der-weg-zu-gott.html geführt hätten. Unwidersprochen hätte die als Sprecherin der "Muslime in der SPD" fungierende Chebli kritische Vorbehalte gegen den Islam als Religion unter "Rassismus" rubrizieren dürfen. Über den richtigen Gebrauch des Begriffs könne sie seine dunkelhäutige Freundin aufklären. Diese, seit Jahren in Deutschland lebend, erfahre erst jetzt, seit dem Zustrom von "Flüchtlingen" aus aller Welt, fragende, zuweilen ablehnende Blicke, zuvor nie....

Eine ernstzunehmende Opposition zum Zickzack-Kurs Merkels - in beliebigen zentralen Fragen -  sei innerhalb der politischen Klasse nicht existent. Vor diesem Hintergrund habe er in seiner Stadt eine Parteiversammlung der AfD besucht, wo er zwei  angesehene ehemalige CDU-Leute  antraf. Er selbst habe zuvor schon das Parteiprogramm der AfD studiert, darin aber nur Konzepte aus den 1980er Jahren gefunden. Dennoch... Vor dem Lokal hatten sich etwa 15jährige Schüler aufgebaut, die ihm trutzig ihr Schild mit der Kampfparole "Vielfalt statt Einfalt!" ( s.auch:https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/04/durch-einfalt-zur-vielfalt.html) entgegenhielten. Unter Hinweis auf Funktion und Karriere bat er einen der jungen Protestierer um eine Definition des Begriffs "Einfalt". - Verlegenes Stottern, dann Schweigen... 


IV.
Vor zwei Wochen, als sich die Ouvertüre zur epochalen "Flüchtlingskrise"  erstmals jährte, machte selbst die staatstragende Wochenzeitung Die Zeit mit großem Titel  "Als Deutschland die Kontrolle verlor..." und umfangreicher Chronologie im Mantel auf. Den stets moralischen und weltoffenen Hamburger Protagonisten der "Willkommenskultur" war offenbar die unfreiwillige Pointe ihres Titels entgangen: Nicht "Deutschland" hatte die Kontrolle verloren, sondern eine Regierung, die seit langen Jahren ihren grundgesetzlichen Regierungsauftrag mit alle Welt frappierender Nonchalance exerziert.

À propos  Königgrätz: Vielleicht wird noch in diesem Jubiläumsjahr die historische Malaise der gewöhnlich zu füllig geratenen Dame Germania durch beherztes politisches Vorgehen Österreichs behoben.