Donnerstag, 29. Dezember 2016

Zu den Friedensaussichten in Nahost

I.
Der Besuch des Weihnachtsgottesdienstes - mit Krippenspiel - erbrachte keine neuen Erkenntnisse bezüglich der Zukunft unserer "globalisierten" Welt und unserer offenen Gesellschaft.  Die Kirche war so voll wie schon seit Jahren nur einmal im Jahr, einem Teil der Besucher, "die schon länger hier leben" (Angelus Angela Uckermarcensis), waren trotz Textvorlage selbst die schönsten und bekanntesten Weihnachtslieder in Text und Melodie unbekannt. Merkels Weihnachtsbotschaft mit der Empfehlung, wieder mehr Weihnachtslieder zu singen, um die von ihr und ihrer Allparteienkoalition ausgelösten "Flüchtlingskrise" zu bewältigen, war offenbar trotz medialer Unterstützung nicht richtig angekommen.

Immerhin: Die Pfarrerin verknüpfte einleitend die Hoffnung auf Weihnachtsfreude/-frieden mit dem weniger erfreulichen Adentsereignis auf dem Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. In ihrer Predigt verzichtete sie sogar auf die sonst übliche Programmrede zum Thema "Kein Raum in der Herberge", womöglich beeinflußt von der Facebook-Notiz eines emeritierten Brandenburger Kollegen, der das epochale Ereignis zu Bethlehem historisch-kritisch in Perspektive gerückt hatte: Bei dem  (nach Lukas, 2, 5, abweichend von Matth. 1, 19)  "vertrauten [Anm: archaisch =stabil verpartnert] Paar" handelte es sich  nicht um "Flüchtlinge" (German New Speak: refugees, auch "Geflüchtete"); Joseph und Maria befanden sich auf dem Weg aus Nazareth zu ihrem Finanzamt in Bethlehem. Unklar, ob die Pfarrerin diese historisch-faktische Korrektur der vorherrschenden Exegese berücksichtigte. Sie  begnügte sich mit der Ermahnung an die singulär anwesende Großgemeinde, sie möge inmitten der Weihnachtsfreude auch für die, "die bei uns Schutz suchen",  ein offenes Herz zu zeigen.

II.
Dass in Aleppo schon vor den Weihnachtstagen Festesfreude herrschte, dass Männer, Frauen (ohne demokratisch-interkulturell anregende Accessoires wie Kopftuch oder Niqab) auf den Straßen tanzten, daß am Weihnachtstag zum ersten Mal seit Jahren orthodoxe Christen in der beschädigten St. Elias-Kathedrale einen Gottesdienst feiern konnten, war den für kritische Berichterstattung und Meinungsbildung zuständigen Medien offenbar keine freudebringende Spitzenmeldung wert. Stattdessen wurde diese frohe Botschaft vornehmlich über die - allen Demokratinnen und Demokraten wegen ihrer vielen fakes suspekten - "social media" verbreitet. Hervorzuheben ist gleichwohl ein Kommentar,  den Götz Aly am zweiten Weihnachtstag  in der "Berliner Zeitung" online über "Weihnachten in Aleppo" veröffentlichte. (http://www.berliner-zeitung.de/politik/meinung/goetz-aly-weihnachten-in-aleppo-25375098) Er schrieb, was nüchterne Beobachter des blutigen Dramas in Nahost schon längst wußten, wir müßten uns "von der Einteilung in gut und böse  verabschieden." Frage: Gilt diese Erkenntnis auch für Putin und die Rolle Rußlands, dem Aleppo die Befreiung von den Djihadisten letztlich verdankt?

Wie komplex die Lage in Syrien ist,  welche Machtinteressen in der "demokratischen Rebellion" gegen das Alawiten-Regime von Bashar Assad im Spiel waren, wie wenig das Wunschbild von den "mehrheitlich gemäßigten Kräften" unter den Aufständischen der Wirklichkeit entsprach, war von Anbeginn offenkundig. (Siehe entsprechende Globkult- und Blog-Einträge, darunter eine Kritik an der Parteinahme des verstorbenen Rupert Neudeck und seinem Appell zu militärischer Intervention zugunsten der Gegner Assads (u.a Zum Unfrieden in Nahost: unbequeme Faktenlage; Grundsatzfragen. Zum Bürgerkrieg in Syrien III Rupert Neudecks Ruf zu humanitärer Waffenhilfe) Nach über sechs Jahren zeichnet sich ein Sieg Assads ab, gestützt auf seine Verbündeten Rußland und Iran sowie auf die unerwartete - nur temporäre? - Annäherung von Putin und Erdogan. Doch selbst wenn unter diesen Auspizien auf ein Ende der Massaker in Syrien zu hoffen ist, bleiben die Aussichten auf einen umfassenden Frieden im Nahen Osten so ungewiß wie seit Jahrzehnten zuvor.

III.
Für die nahöstliche Kriegs- und Krisenregion beschwören wohlmeinende Beobachter wiederholt - in Anlehnung an Henry Kissinger (s. H.A.: Kissingers amerikanische Weltordnung) - Notwendigkeit und Chancen eines "Westfälischen Friedens".  Fragen erheben sich nicht nur in Bezug auf die Übertragbarkeit eines aus der europäischen Geschichte abstrahierten Modells auf eine historisch, kulturell und geopolitisch gänzlich anders geartete politische Landschaft. Zwar lassen sich Analogien zu den damaligen Großmächten und deren Interessen konstruieren, doch hinsichtlich der religiös-konfessionellen Bruchlinien (Sunniten, Schiiten, Alawiten, Yeziden, Drusen, Christen, , Juden, Säkulare, Religiöse) stößt das historische Exempel an seine Grenzen. Ethnisch-nationale Konflikte - wie derzeit zwischen Kurden und Arabern, Türken und Kurden, Iranern und Arabern - spielten zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges keine Rolle.

Die Wurzeln der im Irak, in Libyien, im Jemen und in Syrien stattfindenden Kriege, Aufstände oder "Bürgerkriege" reichen in den Ersten Weltkrieg, zum Teil  bis ins 19. Jahrhundert zurück. Der Djihadismus entsprang dem cultural clash einer von religiösen Traditionen geprägten Welt mit dem technisch überlegenen, säkularen Westen. Er entfaltete seine terroristische Sprengkraft, nachdem die aus dem Westen importierten Ideologien Nationalismus und Sozialismus sich als untauglich erwiesen hatten, die materiellen Erwartungen der in allen betreffenden Ländern rapide anwachsenden Bevölkerungen zu erfüllen. Unter derlei Bedingungen existierte  Staatlichkeit im arabisch-islamischen Raum - mit Ausnahme des bis in die 1970er Jahre friedlichen Libanon - nur im Rahmen wechselnder Diktaturen und/oder auf patriarchalisch-traditionaler Autorität beruhender Herrschaft. Als erfolgreicher, materiell-technisch und militärisch überlegener Staat ragte allein das in mehreren Kriegen siegreiche, von nahezu der gesamten islamischen Welt ungeliebte Israel hervor.

Von einem wirklichen Friedenszustand konnte daher im Nahen Osten - ungeachtet der zwei Friedensverträge Israels mit Ägypten und Jordanien - kaum je die Rede sein. Unbestreitbar brachte der von Präsident George W. Bush und den neocons inszenierte zweite Krieg 2003 gegen den  irakischen Diktator Saddam Hussein die gesamte labile Tektonik zum Einsturz. Entsprang bereits der von den "rechten", in Wirklichkeit mehrheitlich ex-liberalen Neokonservativen angestrebte regime change in Richtung "demokratische Neuordnung" einer Mischung aus Unwissen, Realitätsblindheit und wishful thinking so wiederholte sich das verhängnisvolle Spiel, als der von nahezu allen westlichen Mächten und Medien begrüßte "arabische Frühling" in blutiges Chaos mündete. Der von Terror und Verwüstung getragene Aufstieg des "Islamischen Staates" gehörte zu den Spätfolgen des Irakkriegs von 2003, als sich  gedemütigte Offiziere und Soldaten des von den Schiiten gehängten Saddam Hussein den Djihadisten zuwandten.

Die Zusammenhänge zwischen dem Irakkrieg von 2003 und dem 2011 in Syrien ausgebrochenen Bürgerkrieg sind so evident wie verwirrend. Wie kam die Zweckallianz zwischen den Kurden unter Masoud Barzani im nördlichen Irak und dem türkischen Herrscher Erdogan zustande? Unter welchen Umständen waren die USA (und die Bundesrepublik) bereit, den mit der - nach wie vor nicht gänzlich ohne Grund als "Terrororganisation" eingestuften - PKK liierten Kurden im Norden Syriens zu militärischer Kampfkraft zu verhelfen? Warum stellt sich Erdogan seit kurzem gegen die von ihm über Jahre geförderten Djihadisten im syrisch-türkischen Grenzbereich? Welche Absicht verfolgt er mit seiner plötzlichen Annäherung an Putin (und umgekehrt)? Ist damit zu rechnen, dass Saudi-Arabien und Quatar sich mit der Vertreibung der maßgeblich von ihnen ausgestatteten Djihadisten - und mit der vollständigen Niederlage der sunnitischen Erhebung abfinden werden?

IV.
Der große Unterschied zu dem Irakkrieg von 2003 liegt in dem vom "Westen" - unter Führung des als zu zaghaft gescholtenen Präsidenten Obama -  ungehinderten Auftreten Rußlands als schlagkräftiger Verbündeter des syrischen Herrschers Assad.  Es gehörte zu einer der großen Ironien der jüngeren Geschichte, wenn aus den soeben angekündigten Verhandlungen zwischen Russland, Iran und der Türkei ein Friedenskonzept für Syrien hervorginge, durchsetzbar durch weitere, koordinierte militärische Aktionen. Damit würde - ohne Zutun der am Nahen Osten interessierten westlichen Mächte und ohne Vermittlung der UNO - durch klassische Machtpolitik und -diplomatie ein Zustand geschaffen, der zwar noch keinen dauerhaften Frieden für den Nahen Osten verheißt, aber den Teufelskreis von Erhebung, djihadistischer Barbarei und Intervention von außen durchbricht.

Mehr als eine moderate Hoffnung scheint es für den Nahen Osten nicht zu geben. Mit dem Einzug von Donald Trump  ins Weiße Haus am 20. Januar kommt ein unberechenbarer Akteur ins Spiel.  Ob es zu der von Trump im Wahlkampf propagierten, durch Berufung des Putin-Freundes Rex Tillerson ins State Department anscheinend bekräftigten Annäherung an Rußland und somit zu einer Art friedensstiftenden Doppelhegemonie kommt, steht noch in den Sternen. Wie ein Präsident Trump eine neues, "besseres" Atomabkommen mit Teheran aushandeln will, weiß er vermutlich selbst nicht. Ob ihm - nach all den vergeblichen Bemühungen eines John Kerry - überhaupt eine Rolle als Friedensstifter im Nahen Osten vorschwebt, ist nicht minder ungewiß. Mit der Ernennung eines zelotischen Anhängers der jüdischen Siedlungsbewegung auf der Westbank schwindet die Aussicht auf die Rettung des Zwei-Staaten-Modells zur Lösung des für Nahost zentralen Israel-Palästina-Konflikts.

Conclusio: Wir dürfen die Aussichten auf einen umfassenden Frieden im Nahen Osten nicht allzu hoch einschätzen. Umgekehrt sollten wir angesichts der jüngsten Bilder aus Aleppo die Hoffnung, dass das Gemetzel in Syrien endlich aufhört, nicht zu gering schätzen.






Montag, 19. Dezember 2016

Karl Feldmeyer - post mortem eines unabhängigen Journalisten

Soeben erfuhren wir vom Tod des früheren FAZ-Redakteurs Karl Feldmeyer. Er hatte sich seit Jahren mit schweren Rückenleiden geplagt. Er behalf sich mit Gehhilfen - den neudeutschen Euphemismus für „Krücken“ hätte er mit mildem Lächeln kommentiert - und ertrug Schmerzen, die selbst durch die allfälligen Medikamente kaum zu lindern waren, ohne wohlfeile Anteilnahme zu erwarten oder gar in Selbstmitleid zu verfallen. Solch tapfere Haltung angesichts anhaltenden Leidens ist als vorbildlich zu bezeichnen.

Derlei Haltung entsprach seinem Berufsethos als Journalist, in dem souveräne Faktenkenntnis und Charaktereigenschaften wie Disziplin, Objektivität, moralische Urteilskraft – und politische Leidenschaft im Sinne Max Webers - zusammengehörten. Nach einem Voluntariat bei der „Frankfurter Neuen Presse“ und dem Studium der Geschichte und der Politikwissenschaft trat Feldmeyer (geb. 1938) in die Redaktion der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Feldmeyers Hauptarbeitsgebiete  - waren die CDU und  und Sicherheitsfragen, über lange Jahre als Korrespondent in Bonn und ab 1999 in Berlin – zehn Jahre nach dem von ihm als einer der wenigen unbeugsamen Patrioten der alten Bundesrepublik ersehnten Mauerfall. Als Konservativer, genauer: als liberaler, nationaler deutscher Patriot stand er der CDU nahe, ohne je daran zu denken, ihr beizutreten. Auf die Frage, ob er nicht der CDU-Familie zugehöre, antwortete er einmal der taz: "Nein, aber ich bin national und konservativ. Ich bin aus Ihrer Sicht also schlimmer als die CDU." (http://www.berliner-zeitung.de/15623710 ©2016) Eine Parteimitgliedschaft hätte die journalistische Unabhängigkeit beeinträchtigt. In den 1980er Jahren, als der Bonner Parteienkonsens die „deutsche Frage“ ad acta gelegt hatte, gehörte Feldmeyer zu den wenigen westdeutschen „Dissidenten“, die angesichts der „Perestroika“ Gorbatschows, inspiriert von verfehltem Wettrüsten und ökonomischem Rückstand der Sowjetunion, eine aktive Deutschlandpolitik forderten. Nicht zufällig geriet er darüber mit Bundeskanzler Kohl in Konflikt, der in Frankfurt intervenierte, um den mißliebigen Kritiker loszuwerden.. Die Zeitung stellte sich vor ihren Redakteur.

Auch nach zu der von Kohl unerwartet ergriffenen Chance zur Wiedervereinigung kamen keine neuen Sympathien auf. Als Kohl den im Einigungsvertrag mit der DDR fixierten Verzicht auf die Restitution von Grundeigentum in der Sowjetischen Besatzungszone mit einer angeblichen Forderung Gorbatschows begründete, sprach Feldmeyer von einer "vorsätzlichen Täuschung des Parlamentes ... und dem Entzug des Grundrechtes auf Eigentum". Nicht minder scharf attackierte er das Verhalten Kohls in der 1999 aufgedeckten Parteispendenaffäre, welche Angela Merkel zu ihrer Karriere verhalf.

Für altersgemäße Resignation im Ruhestand war ein Mann wie Feldmeyer nicht geschaffen. Als scharfer Beobachter der Weltläufte zählte er nicht zu den „Putin-Verstehern“, sondern mahnte angesichts des Ukrainekrieges und der prekären Lage der baltischen Staaten die Stärkung der NATO und den zügigen Wiederaufbau einer deutschen Armee an. Im März 2015 schrieb er bei „Cicero“ über Junckers Pläne für eine EU-Armee: „Die EU...ist ein Staatenverbund ohne hinreichende  Identität, für den man sein Leben kaum zu riskieren bereit  wäre.  Söldner, die es für Geld tun, ließen sich wohl finden. Aber welche „Werte der Europäischen Union“ könnten Söldner verteidigen, denen es nur ums Geld geht, so wie den Landsknechten im Dreißigjährigen Krieg?“http://cicero.de/weltbuehne/sicherheitspolitik-eine-eu-armee-ist-keine-loesung/58978 Der Text ist eine vorweggenommene Zurückweisung der jüngst von Merkels Verteidigungsministerin von der Leyen ventilierte Anwerbung von bezahlten „Werte-Verteidigern“ aus aller Welt.

Ähnlich lautete sein Urteil über Merkel. In Widerspruch zu einer „Bild“-Eloge schrieb er in seinem letzten Blog-Eintrag (26.03.2016): „Jetzt aber hat man sich in der EU auf Regeln darüber verständigt, wie zu verfahren ist, wenn ein Euro-Land notleidend wird – was der Vertrag ausschließt... Was man heute den Griechen gewährt, wird man aber morgen den anderen nicht verweigern können. Damit ist der Weg zu einem weichen Euro beschritten. Um dies zu verhindern, hätte die Kanzlerin wirklich ´eisern´ sein und auf der Einhaltung des Maastrichter Vertrags ohne Wenn und Aber  bestehen müssen – auch wenn dies zum Ausscheiden des einen oder anderen Landes aus dem Euro führen sollte. Es wäre kein Verlust. In Brüssel wurde dagegen der Bruch geltender Verträge und das Ende des Euro als Hartwährung beschlossen. ´Bild’s´ ´Eiserne Kanzlerin´ hat sich als Fata Morgana erwiesen.“ http://karlfeldmeyer.de/?p=172

Für sein journalistisches Werk wurde Feldmeyer zweimal mit dem hochangesehenen Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Mit seinem Tod verliert die deutsche Publizistik einen Autor, wie sie im medial-politischen Komplex der Bundesrepublik in der Ära Merkel selten geworden sind.

Montag, 12. Dezember 2016

Antipopulismus: Grüne Gestalttherapie für Menschen


I.
"Populismus" ist seit ein paar Jahren das schmutzige Wort des Jahres, rangiert noch klar vor"Trolls".  Populisten sind alle anderen außer uns, den wahren Demokraten. Die guten Demokraten finden wir in Merkels CDU, die besseren in Gabriels SPD, die besten unter Göring-Eckardts Grünen. Um den Inhalt des Begriffs brauchen wir uns nicht zu kümmern, denn Populismus bedarf keiner Definition. Er ist schlecht und riecht auch so. Oder möchte etwa einer von uns mit Donald Trumps Vulgarität in Berührung kommen? Trump ist vulgär (klingt nach "Volk", irgendwie) und Populist. Bill Clinton ("It´s the economy, stupid!") war´s nicht, obwohl er aus dem Prekariat von  Hope, Arkansas, stammt und sich zu Zeiten auch so benahm. Hillary war und ist keine Populistin, sondern Methodistin, Demokratin, treue Gattin/Mutter/Schwiegermutter, in Bills zivilgesellschaftlicher Stiftung engagiert und - Feministin.

Die lautersten, moralischsten und klügsten Demokrat+++xyz***en sind hierzulande die Grünen. Sie schützen die Schwachen, die Minderheiten, bewahren den Frieden, die Natur, sowie - im Bündnis mit allen "Linken" - als "Linke" die ganze Menschheit vor den "Rechten", vor dem tumben Volk hierzulande und weltweit. Populismus ist ihnen schon deshalb fremd, weil sie das "Volk", also die ohne Bachelor (mask.), ohne private Ferienwohnung und ohne unbefristete Stelle im gehobenen Dienstleistungssektor, weder kennen noch als potentielles Wahlvolk ernstlich in Betracht ziehen.  Demagogie, das Handwerk der Populisten, lehnen sie aus innerster Überzeugung ab, selbst die leidenschaftliche Kämpferin Claudia Roth, die den lieben Gott als Patriarchen ("Herr") anruft, er möge "Hirn auf die Köpfe"  - der anderen - regnen lassen.

II.
Der Populismus ist "rechts", wie schon aus dem  Kompositum "Rechtspopulismus"  hervorgeht. Der "Linkspopulismus" ist seit kurzem nicht mehr existent, weil die Partei mit dem Etikett die "Linke" für den Kampf gegen rechts unentbehrlich ist. Ganz in diesem Sinne kämpft Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der "Grünen" im Bundestag,  in einem FAZ-Gastbeitrag (vom 09.12.2016)  unter dem kämpferischen Titel "Hat die Linke das Kämpfen verlernt?"

Zusamengefaßt geht der Kampf so:  Seit Trumps völlig unerwartetem Wahlsieg  wittert die "Rechte" Morgenluft, deren weiteren Aufstieg - gemeint ist die AfD - gilt es zu verhindern. Wie? Indem man die unter uns Linksliberalen aufsteigende Verzagtheit - falsche Selbstkritik hinsichtlich der "politischen Korrektheit" und der von "Linken" (nicht etwa "Rechten") betriebenen Identitätspolitik -  kämpferisch zurückweist. Die "falsche, hochgefährliche Sündenbock-These", für "die Probleme" im Rust Belt oder in den Industriestädten Englands sei der  "Kampf  für die gleichen Rechte von Frauen, Schwulen, Lesben und Leuten mit anderer Hautfarbe verantwortlich zu machen", sei leider  links und rechts zu hören. (Zur Erläuterung; Der Autor ist von Haus aus Biologe, nicht Deutschlehrer.)

"Was für ein Unsinn!" Nein, der "Gleichstellungskampf"  - inklusive Unisex-Toiletten, "wie schon seit 100 Jahren in den Zügen der Deutschen Bahn"  - muß gegen die "echten und automatischen Trolls, die sich gleich wieder unter diesem Artikel versammeln werden",  geführt werden."Und, ja auch gegen  Islamisten verteidigen wir diese Werte."  Um für edle Ziele zu kämpfen, bedarf es eines Glaubensfundaments, weiß auch der grüne Kämpfer. Seine für den "Gleichstellungskampf" motivierenden Werte findet er  - wo auch sonst? -  im Grundgesetz  und in den  Menschenrechten. Gut so. Fundamentalismus duldet keine Zweifel hinsichtlich der Ausdeutung und Zwecknutzung gewisser Dogmen (wie sie dereinst noch Karl Marx hegen durfte.).

III.
Der Kämpfer gegen die "Trolle" will keineswegs die "soziale Frage" ad acta legen. Im Gegenteil. Es geht darum, "Menschen in die zusammenwachsende Welt mitzunehmen". In Trumps Wahlsieg, beim Brexit und beim erfolgreichen Stimmenfang von FN und FPÖ komme "auf destruktive Art auch Protest gegen den entfesselten globalen Handel zum Ausdruck."

Natürlich ist "diese nationalistische Globalisierungskritik  aufs schärfste abzulehnen". Für Menschen, die angesichts der Weltlage von Skepsis erfüllt noch etwas warten müssen, abgeholt und mitgenommen zu werden, hat der grüne Politiker ein überzeugendes Programm parat: "Aber internationale Zusammenarbeit kann nur dauerhaft funktionieren, wenn wir sie zum Vorteil aller Menschen und aller Regionen gestalten. Wenn uns das nicht gelingt, fällt die Welt zurück in den national-kollektiven Identitätsrausch und den Hass gegeneinander." Und: "Handel muss fair sein, soziale Ungleichheit darf nicht aus dem Ruder laufen." Noch etwas gehört zur Gestalttherapie für Populismusanfällige:  "Verlierer von Veränderung brauchen faire Chancen und Hilfe, keine kalte Schulter."


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Mittwoch, 7. Dezember 2016

Kurze Informationen zur politischen Weiterbildung

Zur Information meines Publikums, das meine Beiträge zur politischen Bildung des Populus Teutonicus atque Europaeus bislang nur auf meinem Blog verfolgt, übermittle ich folgende Kurzberichte,  Kommentare  sowie meine Annmerkungen auf facebook zu Merkels CDU-Parteitag.:

I.
Levin von Trott:
Die WELT berichtet vom CDU-Parteitag und zitiert einen Delegierten: "Ich bin mit Groll hergereist. Ich hatte mir schon vorgenommen, ziemlich auf den Putz zu hauen. Aber ich bin begeistert von der Rede der Kanzlerin und ich bin dankbar".
Es gibt in der deutschen Geschichte eine seltsame Neigung zum Autoritären - derzeit verbunden mit der Überzeugung, autoritär wären stets die anderen, während man selbst die Utopie der Herrschaftsfreiheit, das multikulturelle Paradies, verwirklicht habe. Pars pro toto verweise ich auf Wilhelm Hennis' brillante Analyse der Dialektik der Demokratisierung ("Demokratisierung - zur Problematik eines Begriffs").

Ferdinand Knauß:
Solche Stimmen habe ich gestern auch mehrfach vernommen.
Herbert Ammon:
Die Disposition, den Groll in Begeisterung zu verkehren, ist die wichtigste Voraussetzung für einen Delegierten - egal auf welchem Parteitag. H.A.
Ferdinand Knauß: 
 Gute Beobachtung!

II.
Meine Anmerkung zum  Kommentar von  Ferdinand Knauß "Merkel balsamiert die Konservativen" http://www.wiwo.de/politik/deutschland/cdu-parteitag-merkel-balsamiert-die-konservativen/14943296.html 

H.A.:
Vor einem Jahr war ihr noch "doch egal, ob ich"  an dem Millionenzustrom "schuld bin oder nicht. Jetzt sind sie da." Jetzt will sie´s anscheinend nicht mehr wissen. Das Parteivolk bejubelt derlei Vergeßlichkeit. Das gehört zum Charakter einer echten Volkspartei.

Samstag, 3. Dezember 2016

Kurzmeldung -

Kurzmeldung an die community meiner "Unz(w)eitgemäßen Betrachtungen":

Liebe Fans, Freunde und -innen, um meinem Ärger über die Weltläufte, insbesondere über die größtkoalitionäre Merkelei in "ihrem" Land mehr Resonanz zu verleihen, habe ich mich nach langem Zögern entschlossen, der wundersamen Freundevermehrung auf facebook beizutreten. Dort kriegt man Kurzkommentare im Nu unter. Ich habe auf diese Weise eine Reihe netter Frauen migrantischer Herkunft  kennengelernt, die dort noch ohne Kopftuch, Niqba, Schador etc. auftreten dürfen.

Ich bitte die Verächter der Internet-Religion um Verständnis. Time is money, verkündete schon Benjamin  Franklin, Erfinder des Blitzableiters. Für die Unz(w)eitgemäßen Betrachtungen benötige ich in der Regel mehr des kostbaren Gutes. Blitzeingebungen  in  meinem Almanac zum Zwecke des ewigen Friedens finden Sie fortan in Mark Zuckermans global digitaler Befreundungsmaschine - sofern nicht unbotmäßige Betrachtungen von eifrigen Zensoren ("Zensoren.../.../.../...sind Dummköpfe", Ludwig Börne) gelöscht werden.

Mittwoch, 30. November 2016

Wissenschaftliche Angstauflösung

I.
Merkels Finanzminister Schäuble, wie seine Kanzlerin kein Meister des Wortes, griff vor etwa einem Jahr in die Kiste seines Sprachschatzes, um dem populismusanfälligen Wahlvolk die populationspolitisch unverzichtbare Masseneinwanderung plausibel zum machen: Es handle sich um das „Rendezvous mit der Globalisierung“. Beides – Begriff und Metapher – sind analysebedürftig, teils ökonomisch-politisch, teils sprachlogisch. Dem tumben Volk ist derlei leider nicht zuzumuten, es versteht zu wenig von der Freiheit und Notwendigkeit global offener Märkte und den sie begleitenden Segnungen interkultureller Begegnung. Unter Rendezvous versteht Ottilie Normalverbraucherin einen (mask.) date mit allen möglichen Chancen. Die Chancen der Migration, namentlich die kulturelle Bereicherung, wollen oder können die Ethnobürger - das sind die, "die schön länger hier leben" (Angela Merkel) - angeblich nur die mit Haupt- und/oder Realschulabschluss, aber selbst  viele Abiturienten im führenden Bundesbildungsland Sachsen, nicht erkennen. Die Veränderungen in „unserem Land“ bereiten ihnen Angst, heißt es.

Was tun gegen derlei Angst (Pl. Ängste)? Zur Angstauflösung hilft womöglich eine kollektive Psychoanalyse. Und dafür ist die Wissenschaft gefragt. Wissenschaft wird heute mit Drittmitteln betrieben oder gleich direkt von gut dotierten Stiftungen in Auftrag gegeben. Eine Studie zu den diffusen Ängsten der schwindenden Mehrheitsbevölkerung wurde von der EU bei der Bertelsmann-Stiftung, der zivilgesellschaftlich wertebildungspolitischen Filiale des global aufgestellten („positionierten“) Verlags, in Auftrag gegeben und liegt nunmehr vor. Ergebnis: Die Angst vor der Globalisierung treibt den Populisten in Europa - namentlich erwähnt: AfD (78 Prozent), Front National (76 Prozent), FPÖ (69 Prozent) – angstbesessene Wähler zu. https://www.welt.de/politik/deutschland/article159852061/Angst-treibt-die-Waehler-zu-den-Rechtspopulisten.html

II.
Q.e.d. Offenbar existieren derlei Ängste nicht bei den Wählerinnen und Wählern de .nichtpopulistischen Parteien. Aus dem zitierten welt-online-Artikel ist auch nicht zu entnehmen, ob die demokratischen, also gesamtgrün etablierten Parteien, von gewissen Ängsten bezüglich künftiger Stimmenverluste beseelt sind. Hingegen sorgt sich Aart de Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, ehedem Sozialminister der Niederlande, angesichts des Studienergebnisses: „Wir dürfen das Werben um besorgte Bürger nicht den Populisten überlassen. Die etablierten Parteien müssen die Angst vor der Globalisierung in ihre Arbeit einbeziehen.“ Vielleicht beschäftigen die Parteien – oder deren Stiftungen – demnächst flächendeckend ein paar Streetworker zur Angstprävention.

Die Autorin der Studie Isabell Hoffmann sieht im Faktor Angst etwas Positives: „Das ist ein Hoffnungsschimmer für die Politik, denn Angst lässt sich leichter auflösen als fest zementierte Werte.“ Es sei bei derlei positiver Prognose immerhin vermerkt, dass die auf diese Weise angestrebte Auflösung der Angst in Widerspruch steht zu der von den Bildungszentralen betonten Fundierung der EU auf fest zementierten, nicht verhandelbaren Werten. (Aus eben diesem Grund werden die Beitrittsverhandlungen mit Erdogan nicht suspendiert.)

III.
Das Problem „Angstanalyse“ (gr. análysis, -e Auflösung) ist zu komplex, um in einer kurzspaltigen Kolumne gelöst zu werden. Stattdessen seien zwei der vielen Leserzuschriften zitiert, deren Autoren  leider anonym bleiben wollen. l: „Ich bin selber Wissenschaftler. Die ´Studie´ betrachte ich nicht als wissenschaftlich. ´Rechtsnational und populistisch´ ist eine Wertung. Liest man die Studie, so findet man noch wesentlich extremere Wertungen, dort ist sogar von Rechtsextremismus die Rede. Ich gehöre zu den Befürwortern wirtschaftlicher Globalisierung und zu den Skeptikern politischer Globalisierung. Nach den Autoren der Studie leide ich wegen letzterem unter ´Globalisierungsangst´. Warum unterstellen die Autoren der ´Studie´ mir und anderen Globalisierungsskeptikern ´Angst´ und somit Irrationalismus? Gibt es dafür wissenschaftliche Gründe? Diese ´Studie´ gibt nur ein Beispiel unter vielen ab, was Politik in der Wissenschaft anrichtet. Was wir benötigen, sind nicht mehr solcher Studien. Was wir benötigen, ist eine Trennung von Wissenschaft und Politik.“ (Jürgen L.)

2. Der/die Leserin A.V. schreibt kurz und bündig: "Mittlerweile findet man in Grimms Märchen mehr Wahrheit als in so manchen Studien."

Donnerstag, 24. November 2016

Lesefrüchte im sorgenvollen November

Die Haushaltsdebatte ist überstanden, mitsamt Merkels Ermahnungen an "uns", trotz der Sorge "vieler Menschen... um die Stabilität unserer gewohnten Ordnung" nicht in Krisenstimmung zu verfallen, sondern "Offenheit" zu beweisen,  nicht auf die Verdächtigungen, Verleumdungen, Gerüchte der "Trolle" hereinzufallen. Laut Merkel treiben diese Trolle, ursprünglich in der nordischen Sagenwelt und bei Ikea beheimatet, jetzt in den neuen ("sozialen") Medien ihr Unwesen. Wer fühlt sich von derlei Warnungen und Vorwürfen etwa nicht betroffen? Wer schützt uns Menschen, "die schon länger hier leben", vor derlei Versuchungen? Wo sind die Stimmen der Besonnenheit und der Vernunft, welche die Kanzlerin bei ihrem patriotischen Bestreben, weiterhin "Deutschland zu dienen", begleiten, um "uns" vor amerikanischen Zuständen zu bewahren?

Der Artikel des Tübinger Oberbürgemeisters Boris Palmer über "Die Nazis, die Flüchtlinge und ich" erschien  in der heutigen Druckausgabe der FAZ ((24.11. 2016, S.4) sowie in der online-Ausgabe: http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/boris-palmer-im-gastbeitrag-erfahrungen-in-der-fluechtlingskrise-14541360-p4.html. Er stammt offensichtlich nicht von einem "Troll", sondern von einem vernünftigen Politiker unter den Grünen, der Partei des moralischen Monopolanspruchs. Aus dem Artikel - eine Kritik der von Merkel zu verantwortenden "Flüchtlingskrise" und der realitätsfernen Selbstüberhebung des linksliberalen Milieus - seien einige Sätze zitiert: "Die immer drängendere Frage ist für mich, wie man mit den Sorgen, Nöten, Ängsten und Abwehrreflexen einer großen Minderheit [außerhalb des gründeutschen Umfelds mutmaßlich die Mehrheit, H.A.] umgehen soll. Die politische Elite und der von urbanen Milieus geprägte linksliberale Zeitgeist haben sich hier auf eine Strategie „Wehret den Anfängen“ festgelegt. Zur Verteidigung der weltoffenen, liberalen und pluralistischen Gesellschaft wird Intoleranz gerechtfertigt und eingesetzt." Wegen seiner Position in der -"Flüchtlingskrise" mußte sich Palmer von einem SPD-Politiker (in der Branche "Außenpolitik") bereits als "Donald Trump der Grünen" titulieren lassen.

Anderswo ist heute folgendes zu lesen: "Es überzeugt nicht, wenn Berlin das Internet für die Erosion des Vertrauens in die Politik verantwortlich macht. Denn es gibt gute Gründe für den Ärger vier Leute. wurden in der Finanzkrise nicht die Bonibanker auf Kosten der Steuerzahler gerettet? Wird in der Währungsunion nicht eine Regel nach der anderen gebeugt, um den Euro oder Griechenland zu retten? Wurde nicht der Zins ohne Rücksicht auf die Sparer abgeschafft, um Schuldensündern Erleichterung zu verschaffen? Hat Berlin nicht die Kontrolle an den Grenzen aufgegeben, um Flüchtlinge unter dem Beifall von Staatsfunk und linksliberalen Medien willkommen zu heißen?"

 Bonibanker, Rechtsbeugung, Enteignung der Sparer, Staatsfunk - nichts als denunziatorische Schlagwörter aus dem Arsenal der Links- und Rechtspopulisten? Wasser auf die Mühlen der AfD?  Die Sätze stammen aus dem Leitartikel "Sorge um die Ordnung" des FAZ-Herausgebers Holger Steltzner (auf S. 1).


Mittwoch, 23. November 2016

Kreuzabnahme

I.
Alles was nicht in den universalistisch überwölbten multikulturellen Kram paßt, paßt - ungeachtet jeglicher Begriffslogik - ins Passepartout "Rassismus", etwa wenn man als Christ, Atheist, Bahai, modischer Neu-Buddhist, Europäer, gar als Deutscher Zweifel an der Unfehlbarkeit des Propheten und der Reinheit seiner Friedensbotschaft äußert. Die Integrationsbeauftragte  Aydan Özügüz (SPD) ist mit der Totschlagvokabel schnell zur Hand, wenn es um die Verteidigung und migrationspolitische Förderung des wahren Glaubens  gegen übelwollende Kritik geht. A  propos "Beauftragte": Seit längerem knüpft man auf europäischer und nationaler Ebene zur Beförderung öffentlicher Wohlfahrt an die bewährte jakobinische Tradition der Berufung von Kommissaren (= Beauftragte; historisch obsolet: "Volkskommissare") an.

Die von ihrer Partei und der Großen Koalition - nicht vom populistischen Volk - Beauftragte Özügüz selbst präsentiert sich säkular, also ohne Kopftuch. Ihre beiden Brüder hingegen zeigen sich einer vom Verfassungsschutz beäugten strengeren Version der Friedensbotschaft verpflichtet. Im Unterschied zum postmodernen Individualismus der bundesrepublikanischen Leitkultur pflegt die Beauftragte (Migration, Flüchtlinge und Integration) jedoch ihren Familiensinn. Folglich liegt ihr eine Distanzierung von ihren überfrommen Brüdern fern. Rassistisch sind hingegen alle jene Ethnobürger, die noch an der Vorstellung von der sowohl christlichen als auch aufklärerischen Grundierung ihrer nazi-verdächtigen, postnationalen Einwanderungsgesellschaft festhalten wollen.

II.
Gegenüber der in  Deutschland allerorten noch mit o.g. rassistischen Vorurteilen behafteten Mehrheitsgesellschaft gilt es, endlich dem einst gegen allerlei religiösen Obskurantismus errungenen Wert der Toleranz Geltung zu verschaffen. Zur Demonstration von Toleranz in Glaubensfragen fühlten sich die beiden ranghöchsten Kirchenfürsten aus Deutschland berufen, als sie vor einigen Wochen das Heilige Land besuchten. In ökumenischer Eintracht legten Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD, und Reinhard Marx, Kardinal und Vorsitzenderder Deutschen Bischofskonferenz, bei ihrem großökumenischen Aufstieg zum Plateau des Tempelberges ihre Bischofskreuze ab. Es ging um eine großökumenische Demonstration des Respekts vor dem sie begleitenden muslimischen Würdenträger beim Besuch der heiligen Stätte, von der einst der Prophet zu Pferd seine Himmelsreise angetreten hatte.

In der Berichterstattung über den Besuch des religions- und geschichtsträchtigen Ortes - hier stand der von Titus anno 70 zerstörte  zweite und/oder dritte Tempel,  hier stehen die von den kreuzfahrenden, aber besiegten  Templern übernommene Al-Aqsa-Moschee sowie der goldglänzende Felsendom - wurde vorsichtig vermerkt, dass die muslimischen Tempelbergwächter auf diesem - von orthodoxen Juden nicht minder reklamierten - Terrain keinerlei Insignien, Gegenstände oder Schriften nichtislamischer Herkunft dulden. Diesem Gebot ihrer Gastgeber wollten sich die beiden Besucher aus dem Abendland nicht widersetzen und legten ihr sonst vor der Brust getragenes Kreuz ab  - nicht jedoch ihren konfessionsspezifischen Habit.

Als in konservativen Kirchenkreisen - auf protestantischer Seite handelt es sich mehrheitlich um das noch glaubensfest reaktionäre Kirchenvolk von Pietisten und/oder "Evangelikalen" - Kritik am vorauseilenden Gehorsam der Kirchenfürsten in Jerusalem laut wurde, erklärte man in deren klerikalem Umfeld die doppelte Kreuzabnahme damit, dass man im Sinne christlicher Demut und Friedensverantwortung nicht nur den Auflagen der muslimischen Wächter des Tempelbergs entgegengekommen sei, sondern auch unten, am Fuße des Berges, an der Klagemauer, den Bitten der jüdischen Gastgeber in Jerusalem entsprechend, auf das Tragen des Kreuzes verzichtet habe.

III.
Ein Werturteil über die Symbolik des christlichen Kreuzes  im Vergleich zu den Insignien anderer Religionen fiele unter die PC-Kategorie "Rassismus" und hat daher zu unterbleiben. Die Frage stellt sich gleichwohl nach der Bedeutung  ihres zentralen religiösen Symbols für die Christen - nicht nur im immer kirchenferneren Deutschland - angesichts des Verhaltens hochrangiger Kirchenführer. Betrachten diese ihre Insignien nur mehr als politisch beliebig einsetzbare Markenzeichen oder als unverzichtbares Signum ihres Glaubens? Die Kreuzabnahme der beiden christlichen Würdenträger aus dem Abendland wird unter den bedrängten, verbliebenen orientalischen Christen mit  Befremden und Sorge registriert worden sein. 

Kritik aus dem hiesigen Kirchenvolk, wo es sie gab,  am Verhalten der beiden Kirchenfürsten war in den Medien kaum zu vernehmen. Erwähnt wurde allein der unmittelbar nach dem Jerusalem-Besuch geäußerte Einspruch des jüdisch-deutschen Historikers Michael Wolffsohn. Inzwischen hat Wolffsohn mit einem "Offenen Brief" an Marx und Bedford-Strohm nachgelegt. Wolffsohn weist aufgrund eigener Recherchen die Version, man habe auch an der Klagemauer dem Ansinnen der jüdischen Gastgeber entsprochen, als unzutreffend zurück. Weiter schreibt er: "Verehrter Bischof Bedford-Strohm, Sie warfen Kritikern auf der Pressekonferenz der EKD-Synode in Magdeburg vor, diese würden einen ´Kulturkampf inszenieren, um zu zeigen, der Islam sei intolerant.´ Nicht der Islam ist das Thema. Sie sind es. Sie und Kardinal Marx unterwerfen sich als Christen. Wo bleibt Ihre Vorbildfunktion, wo Ihr Bekennermut, wo Ihre Zivilcourage?"


Wolffsohn, 1949/54 mit Eltern und Großeltern aus Israel nach Deutschland zurückgekehrt,  weist die in "Evangelisch.de, dem multimedialen Kompetenzzentrum der Evangelischen Kirche", verbreitete Suggestion, Kritik komme vor allem "aus rechtsgerichteten Kreisen", mit Nachdruck zurück: "Ist jemand ´rechts´, wenn er/sie von christlichen Repräsentanten erwartet, dass diese zu ihrem Christentum stehen? Gilt Ihre Toleranz nur Muslimen und nicht ihren Mitchristen und den Juden?" Es folgt die Warnung, derlei Verhalten sei der Stoff, der "Trump und Konsorten auch in Deutschland" zum Erfolg verhelfen könne.  http://www.bild.de/politik/ausland/michael-wolffsohn/antwort-an-kardinal-und-ekd-vorsitzendem-48758212.bild.html

IV.
Inwieweit Wolffsohns Mahnworte in höheren Kirchenkreisen gehört werden, gar zu Selbsterkenntnis führen, sei dahingestellt. Wie es intellektuell, keineswegs nur geistig-geistlich, in den höheren protestantischen Kirchenkreisen bestellt ist, ist unter anderem meinem Blog-Eintrag über die Synoden-Chefin (Präses)  Irmgard Schwaetzer und deren vorurteilsfreien Umgang mit dem modischen Niqab zu entnehmen: https://herbert-ammon.blogspot.de/2014/06/beichtspiegel-und-burka.html

Mittwoch, 16. November 2016

Populistischer Vorschlag abgelehnt

I.
Dem Globkult-Publikum wird nicht entgangen sein, dass das Konterfei unseres Kandidaten für das frei werdende Amt des reisekundigen Bundespräsidenten von der Startseite sowie von den Kommentarseiten der beiden Kolumnisten wieder verschwunden ist. Eigentlich schade, denn das stilisierte Antlitz hatte künstlerische Qualität und historische Aussagekraft, wenngleich leicht expressionistisch, mit Anklängen an den seit längerem verpönten sozialistischen Realismus.

Die demokratische Mehrheit in unserem Lande, d.h die Eliten, haben den Vorschlag,  den Historiker Peter Brandt (SPD) als respektablen, für alle Parteien - ausser AfD, versteht sich - akzeptablen Kandidaten, übergangen, dank medialem Verschweigen de facto abglehnt. Und das ist vielleicht auch gut so, denn: Der Vorschlag, wenngleich keiner Weinlaune entsprungen, kam aus der Mitte der Gesellschaft,  Aus der Mitte der Gesellschaft, keineswegs mehr nur von den Rändern, so wissen wir aus den bahnbrechenden Werken des einschlägigen Soziologen Wilhelm Heitmeier sowie des hochrangigen Politologen Hajo Funke und zahlreichen anderen Studien, wo neuerdings die "Abgehängten", das gesellschaftliche Exsudat der historisch obsoleten Klassengesellschaft, angesiedelt sind - aus der Mitte der Gesellschaft, dem begrifflich komfortablen, ansonsten unbekannten Ort,  quillt seit langem der Ungeist des Populismus hervor. Dem gilt es entgegenzuwirken. Populismus bedeutet - von unvermeidlichen geistigen Anleihen in Wahlkampfzeiten abgesehen - das Ende der Demokratie.

America docet: Ein Trump genügt. Zum Glück gibt's bei uns auch kein Wahlmännerxxxinnen-Versammlung (electoral college, grammatikalisch ungegendert), sondern die Bundesversammlung. Ja doch, ein Trump genügt.

II.
Geht es nach dem media wisdom, darf Gabriel den historischen Ruhm beanspruchen, Steinmeier ins höchste Amt lanciert zu haben. Merkel soll ausgetrickst worden sein, bei der ewigen Kanzlerin eigentlich schwer vorstellbar. Was verspricht sich Gabriel (Antipopulist) davon? Wie soll' s  nächstes Jahr (Wahlkampfjahr, Lutherjahr, Friedensresolutionsjahr) weitergehn? Rot-rot-grün - wenn's denn reichen sollte (man denke an die Umfragen!)? Also weiter schwarz-rot, wie gehabt: mit Merkel als Chefin und Gabriel als Gehilfen für Aussenpolitik, oder eher mit Martin Schulz? Oder reicht's am Ende gar für Merkels Traum von schwarz-grün-gelb, mit Claudia Roth im Dreifachministerium für Immigration, Hysterie  und Familie? Wie auch immer: Die halb und halb - direkt und/oder qua Liste - erwählten Eliten werden im Einklang mit der Zivilgesellschaft die richtige Wahl treffen.

III.
Was die nunmehr bereits feststehende Wahl Steinmeiers ins höchste Amt unserer Republik betrifft, so bleiben nur zwei, drei Fragen offen: Erstens,Wen präsentiert die AfD als feministische Ueberraschungskandidatin? Petry, Weidel oder Beatrix von Storch? Wen schickt die FDP ins Rennen, um sich vor den Bundestagswahlen nochmal in die Tagesschau zu bringen? Zuletzt: Welches
Kaninchen zaubern die Grünen aus ihrem Zylinder? Fast vergessen: die Linken! Die unermüdliche Antihass- und Klassenkämpferin Katja Kipping?

Letzte Frage: Wie wird es Steinmeier gelingen,  dem populistischen Hassprediger Trump beim unvermeidlichen Antrittsbesuch im Weissen Haus mit freundlich aufgesetztem Lächeln zu begegnen?

Montag, 14. November 2016

Anstelle eines Kommentars: Es reicht

Es kommt irgendwann  der Moment, wo einem in diesem unserem Land die gründeutsch-violette Sosse, mit der die eigene, schwierige, schmerzliche Geschichte übergossen wird, bis zum Halse steht. Zum bevorstehenden zivilreligiösen ("völkischen") Volkstrauertag bekommen wir von Markus Meckel, Ex-Pastor, als SPD-Politiker ausgemustert und zum Volksbund (!) Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. delegiert (dort abgewählt), eine ideologisch fromme Handreichung verabreicht

Zur Vita des spätberufenen Berufspolitikers: Einst als Pastor zu Schwante protestantisch abgesicherter DDR-Dissident,  aus spezifischer Nächstenliebe um einen Tag verspäteter Parteigründer (im eigenen Pfarrhaus zu Schwante) und politisch dilettierender "Außenminister" (s. dazu das Buch von Ulrich Albrecht: "Die Abwicklung der DDR", 1995, die Memoiren von Egon Bahr sowie das Foto zu meiner Besprechung Zum Jubiläum des Mauerfalls: Drei Sozialdemokraten über die ungeraden Wege zur deutschen Einheit: M. M.bärtig in Begleitung des erbarmungswürdigen Stasi-Zuträgers und vor den Volkskammer-Wahlen aufgeflogenen SDP/SPD (DDR)-Vorsitzenden Manfred (Ibrahim) Böhme). Zum Ausstand aus seinem letzten Amt als post-nationaler Kriegsgräberexperte   präsentiert Meckel nichts als den üblichen sauren Kitsch.

Es reicht. Anstelle eines weiteren Kommentars aus meiner Tastatur empfehle ich den bitteren Kommentar von Thorsten Hinz zu diesem Thema (in der "Jungen Freiheit"): Gesinnungskitsch.

Mittwoch, 9. November 2016

Katastrophenmeldung aus USA and recent news from Germany

I.
Der heutige 9. November war zur Abwechslung kein deutscher Kalendertag, sondern ein amerikanischer. Es war der Tag nach dem Wahltag des 8. November, dem Tag,  an dem Donald Trump, ein Populist, ein Mann (ein "weißer alter Mann"),  Protektionist , Sexist,  Isolationist und sonstwie verächtlich, entgegen dem in den Medien vermittelten Volkswillen - und nach absoluter Stimmenzahl offenbar sogar unterlegen - zum  US-Präsidenten gewählt wurde. Er siegte trotz seiner allseits bekannten Charakter- und Geistesschwächen über Hillary Clinton, eine Demokratin reinen Herzens, sensibel im Umgang mit Macht und Geld, von hoher Bildung und Moral, Vorkämpferin der Frauen und aller sonstigen Entrechteten,  Frau mit reichlicher diplomatischer und sonstiger Lebenserfahrung, mater (et uxor) dolorosa,  Friedensaktivistin. Über all ihre Tugenden und emzipatorischen Bestrebungen  legte sich am roten republikanischen  Dienstag erneut die bleischwere "glass ceiling", die zu sprengen das amerikanische Volk aufgerufen war. Es triumphierte Trump, der sich zur Tarnung seiner schlimmen Pläne - zumindest für heute - in  chivalresker Vornehmheit  gegenüber der tapferen Hillary übte. .

Die über die USA, über die gesamte aufgeklärte Welt, insbesondere über die Medienwelt in Deutschland, hereingebrochene amerikanische Katastrophe kann hier nicht in allen düsteren Details beleuchtet werden. Trump oder der Trumpismus werden das Thema eines späteren Beitrags sein (vielleicht  auf "Globkult" - siehe dort meine letzte Buchbesprechung sowie die dortige Wahlempfehlung).


II.
Trump verdankt seinen Sieg dem Populismus, dem illegitimen Kind der Demokratie. (Iim Bereich der Politik gibt es bis auf weiteres keine begriffliche und juridisch-juristische Gleichstellung.) Längst wächst der demokratische Bastard auch  in Deutschland heran. Er trägt den Namen  AfD. Schuld am bereits parlamentarisch etablierten "Rechtspopulismus" sind nicht gewisse unerfreuliche Phänomene in Staat und Gesellschaft wie schwindende Sparguthaben, missachtete Verträge, unzureichende Mindestrenten und Mindestlöhne, mickrige Gehälter selbst für Hochqualifizierte (beispielsweise € 1800.- netto für manche Ingenieure), die -  laut Draghi noch unzureichende - Inflation, kaputte Straßen, immer schlechtere Schulen und höhere Ausgaben für wachsende bildungsferne Schichten (mit und ohne Migrationshintergrund), mehr oder minder frisierte Kriminalitätsraten, überforderte Polizei und nachsichtige Richterinnen und Richter - schuld sind die "aus de Mitte der Gesellschaft" aufsteigenden "Bauchgefühle", die nie gänzlich abgelegten Ressentiments der Ethno- oder  Biodeutschen, der "Abgehängten" und der Alten, darunter einige Alt-68er.

In derlei Kreisen herrscht umfassende politische Unbildung und weitreichende Ignoranz bezüglich der Geographie und Lebensumstände in der leicht pleonastisch globalisierten Welt. Man frage in einer der bewährten TV-Spontanumfragen auf dem Kudamm, auf dem Wittenbergplatz, in der Neuköllner Karl-Marx-Straße oder in der Kaufinger Strasse in München die Passantinnen und Passanten nach "Gambia".Mutmaßlich kommt ihnen zuerst "Gambas" in den Sinn, die unter  frutti di mare auf der Speisekarte "beim Italiener" (Richard von Weizsäcker, 1985)  zu finden sind.
,
Anders in Stuttgart und allgemein im grün-schwarzen Musterländle. Auf Anfrage der FDP (sic!) veröffentlichte das baden-württembergische Innenministerium Informationen zur Lage der Gambier im Südweststaat. Dort leben 10 315 "Zuwanderer" aus dem westafrikanischen Land. In dem von Senegal umschlossenen schmalen Staat herrscht gleichsam naturgesetzlich seit 20 Jahren eine Diktatur. Aus Verfolgungs- und anderen Migrationsgründen strebt eine Anzahl von Gambiern nach Baden-Württemberg. 3583 der o.g. Zahl haben kein Aufenthaltsrecht, Die Anerkennungsquote für gambische Asylbewerber (ohne - innen) ist mit 3,3  Prozent niedrig. Der Rest darf sich aufhalten,  um zu migrationstouristischen Zwecken Land und Leute kennzulernen, Obwohl die gambischen Staatsbürger - um solche scheint es sich noch zu handeln - nur 0,06 Prozent  der Bevölkerung im Schwaben- und Baden-Land ausmachen, liegt ihr Anteil an "Rauschgifthandelsdelikten" bei 8,33 Prozent. Es gebe bezüglich der auffällig hohen gambischen Betätigung in der betreffenden Branche noch keine Erkenntnisse über organisierten Drogenhandel. Manchmal würden jedoch die gambischen Staatsbürger ihre Identität verschleiern, andere unterstützen mit ihren Einkünften ihre Familien in Gambia.

All das trägt zur Erweiterung der Geographiekenntnisse in Baden-Württemberg bei, das beim schulischen Leistungsvergleich gegenüber anderen Bundesländern - obenan Sachsen, dann Bayern - in letzter Zeit zurückgefallen ist.

III.
Was das einst von der Süssmuth-Kommission empfohlene, aus demographischen, nationalhistorischen und sonstigen Gründen anzustrebende Einwanderungsgesetz - derzeit wieder ein Hauptanliegen der SPD - betrifft, so schreibt der für juristische Themen zuständige Redakteur Reinhard Müller in der gestrigen FAZ  (8.November 2016, S. 10): "Es ist ehrenvoll, dass die SPD am Asylrecht nicht rütteln will. Doch dann muss wenigstens das geltende Recht konsequent durchgesetzt werden. Aber davon kann keine Rede sein. Wer es nach Deutschland geschafft hat, der hat es geschafft. Künstliche Debatten über Gesetzesverschärfungen und Integrationskataloge vernebeln das Grundübel: Wenn im offenen Deutschland ohnehin jeder bleiben darf, sind sowohl ein Asyl für Verfolgte als auch eine Einwanderungsregelung überflüssig. Dann geht es allenfalls noch um Schutz - für Deutsche."

Derlei Sätze in einer Qualitätszeitung zu veröffentlichen, heißt dem Populismus Tür und Tor öffnen. 

Samstag, 29. Oktober 2016

Leseempfehlung - zur Praxis bundesrepublikanischer Diskurskultur

Der Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski zählt in internationalem Maßstab zu den hervorragenden Gelehrten seines Faches. Wegen  seiner nonkonformen ("politisch inkorrekten") Thesen ist er wiederholt attackiert, in seiner akademischen Redefreiheit gehindert worden. Vor kurzem verweigerte ihm die Universität Bremen nach von "linken" Aktivisten angekündigtem Krawall  den zuvor zugesagten Raum für einen Vortrag, zu dem er von der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) eingeladen war. Störaktionen hat jüngst der AStA - seit eh und je eine aus Minderheitswahlen hervorgegangene vermeintliche Interessenvertretung der "allgemeinen" Studentenschaft - der Universität Hamburg in e-mails an die Evangelische Akademie sowie an die Landeszentrale für Politische Bildung (!) für einen für Donnerstag terminierten Vortrag Baberowskis angekündigt. Seine lieben HU-Kollegen - nicht zuletzt der kurzzeitig auch unter Beschuss geratene Herfried Münkler - ziehen es vor, ihm Solidarität zu verweigern, zu schweigen oder den Kopf einzuziehen. Parallelen zu 1933 sind dank bundesrepublikanischer Diskursfreiheit natürlich nicht gestattet...

Woran die erst- oder höchstsemestrigen Meinungs- und Moralmonopolisten Anstoß nehmen, sind zum einen Baberowskis Analysen des Phänomens Gewalt und Terror, zum anderen seine nonkonforme Haltung zur unverminderten Masseneinwanderung und deren Konsequenzen für Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Sozialstaat in Deutschland und Europa. Ich empfehle den Lesern und (-innen) von "Globkult" den nachfolgenden Artikel aus  der "Basler Zeitung", in dem Baberowski die  Problematik klar und ungeschminkt darstellt:
http://bazonline.ch/ausland/europa/wer-keine-wahl-hat-hat-keine-freiheit/story/17899780

Samstag, 22. Oktober 2016

Notwendiger Vorschlag

Dank Joachim Gaucks Ankündigung, nach all seinen anstrengenden Reisen und Reden, ökumenischen Gottesdiensten samt deutschen Schuldbekenntnissen in den politischen Ruhestand einzutreten, wird im kommenden, geschichtsträchtigen Jahr 2017 (Luther, Wilson, Lenin usw.) Schloss Bellevue bezugsfrei. In den Parteien, ob noch vereint in der Großen Koalition oder bereits entzweit im Hinblick auf künftige koalitionäre Optionen, sowie in der "interessierten Öffentlichkeit", sprich: in den Medien (print und online, TV und social media) hat die Debatte  über den besten, parteipolitisch nützlichsten, wenngleich überparteilich firmierenden Kandidaten  (den Zeitumständen gemäß am besten eine Frau usw.) bereits eingesetzt.

Sofern dem höchsten Staatsamt der Bundesrepublik Deutschland die Doppelfunktion politischer Repräsentation und gesellschaftlicher Integration zugedacht ist, sollte es für partei- und machtpolitische Spiele ungeeignet sein (wenngleich eben derlei Spiele  zum Wesen der Politik gehören). In einer Zeit, in der die insgesamt halkyonischen Jahrzehnte der alten Bundesrepublik und die mit großen Zukunftshoffnungen erfüllten Jahre der deutschen Wiedervereinigung  vorüber sind, in der unser Land offenkundig in eine Phase neuer internationaler Ungewissheiten und innergesellschaftlicher Spannungen eingetreten ist, kommt es auf politisch-ethisch integre, persönlich glaubwürdige Personen an der Spitze des Staates an.

Ohne Hintergedanken, aus Überlegung und Überzeugung, halten wir den Historiker Peter Brandt für den für die Wahl zum Bundespräsidenten 2017  geeignetsten Kandidaten. Eine Aufzählung seiner Qualifikationen erübrigt sich. Im Hinbllick auf die bevorstehenden Krisenjahre handelt es sich um einen notwendigen Vorschlag. (Zur Begründung siehe u.a.:  http://ulrich-siebgeber.blogspot.de/2016/10/macht-peter-brandt-zum-bundesprasidenten.html)

Dienstag, 18. Oktober 2016

Gemeinschaftsgefühle gegen eingefahrene Strukturen

I.
Zu den Segnungen des digitalen Zeitalters gehört die von der/dem mutmaßlich grünen Bundesbeauftragten für Datenschutz demokratisch gebilligte Überflutung mit unerwünschten Mails (Etym.: e-mail: Abk. f. elektronisch übermittelte Post aus dem am. Engl.;  zuweilen auch =  e-post, germanozentrisch und/oder völkisch, AfD-verdächtig). Für entsprechende Liebes-, Sex- oder Heiratsanträge aus aller Welt, Versprechen auf zins- und steuerfreie Gewinnbeteiligungen (häufig aus Nigeria), dazu Infos (= neudt. Benachrichtigungen) oder verlinkte Soldiaritätsappelle ist im Account die Rubrik "Spam" vorgesehen. Def.: "Über die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Spam ´unerwünschte Werbe-E-Mails´ gibt es verschiedene Theorien, unbestritten ist jedoch, dass es aufgrund eines 1970 erstmals gesendeten Fernsehsketchs [sic] des englischen Monty Python's Flying Circus zu seiner heutigen Bedeutung kam" (http://www.wissen.de/wortherkunft/spam).

Anders verhält es sich bei den - zuweilen mehrmals täglich von diversen deregulierten Zustellungsdiensten (inkl. Thurn-und Taxis-gelbe Deutsche Post AG) noch menschlich, persönlich überbrachten Briefsendungen. Außer Rechnungen gehört hier die Masse in die Kategorie junk-mail und landet im real existierenden Papierkorb. (S. https://herbert-ammon.blogspot.de/2013/11/caritas-oder-junk-mail.html)

II.
Per  "DIALOGPOST. Ein Service der Deutschen Post"  (datumsfrei frankiert) empfing der Blogger dieser Tage einen persönlich adressierten Brief der Generalsuperintendentin der Evangelischen Kirche Berlin in einem "GOGREEN. Der CO2-neutrale Versand mit der Deutschen Post" bedruckten Kuvert. Auf zweiseitigem, handschriftlichen Faksimile, DIN-A 4, wendet sich die Pfarrerin und Generalsuperintendentin alle zwei Jahre  an ihr "liebes Kirchenmitglied",   weil es ihr "wichtig ist, dass wir evangelische Christen in Berlin voneinander [a.R.] wissen."

Die  hierarchiefreie Amtsträgerin lässt das Kirchenmitglied, i.e. das kirchensteuerzahlende Mitglied,  wissen, dass "wir zweifellos in aufgeregten Zeiten leben. Deutschland ist ein großartiges Land geworden mit weltoffenen, engagierten Menschen, die mich begeistern." Doch bei soviel Patriotismus  macht sich die Verfasserin gleichzeitig "große Sorgen. Immer mehr Menschen betreiben öffentlich ausländerfeindliche Hetze mit menschenverachtenden Parolen. Diese Angstmacherei spaltet unser Land." Nicht etwa auch umgekehrt.

Die Generalsuperintendentin findet das Ganze - wenngleich ohne Namensnennung - "beunruhigend !" (Ausrufezeichen im Text). "Klar, ich bin auch nicht frei von Angst vor Terror und Gewalt. - aber ich weiß: Angst macht eng."  Wie ist derlei Beklemmung abzuhelfen? (Anm.: Der Brief wurde vor dem von für das Bundesverdienstkreuz qualifizierten  Zimmergenossen verhinderten IS-Anschlag des naturgemäß erst in Deutschland "radikalisierten" und folglich mangels Fürsorge suizidierten syrischen Asylsuchenden verfasst.) "Wenn wir uns öffnen, wenn wir auf Menschen zugehen und uns unseren Ängsten stellen - dann können wir damit umgehen." Was tun, wenn wir den Dschihadismus mitsamt seinem technischen Erfindungsreichtum  als üble Gegebenheit der säkularisierten Gegenwart zur Kenntnis nehmen, ohne Angst zu empfinden (zumindest, solange die Bombe nicht in unmittelbarer Nähe gezündet wird)? - Zwischenbemerkung: Wir evangelischen Kirchensteuerzahler sind weder so noch so "Charlie Hebdo", oder was meint die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz dazu? Wie vermittelt sie angstfrei, gemeinschafts-und friedensförderlich den Vertretern (und -innen) des Kalifats die protestantische Homoehe für Kirchenvolk, Pfarrer und -innen? Gründet die Angst allein in der fehlenden Dialogbereitschaft der schwarzgewandeten Krieger oder auch in der Wahrnehmung kulturkampfbereiter Niqab-Migrantinnen und autochthoner Konvertitinnen? ( S. auch H.A.: https://herbert-ammon.blogspot.de/2014/06/beichtspiegel-und-burka.html)

III.
Gegen bestehende Angst und Gefahr schützt  "die Kraft der Gemeinschaft". Allen deutschen Erfahrungen mit  zuviel Gemeinschaft zum Trotz  gilt es, dem Gefühl der Gemeinschaft zu  "vertrauen, nicht nur im Privaten, sondern auch für die großen Herausforderungen einer sich verändernden Gesellschaft. - Das funktioniert!" Dafür gebe es "großartige Beispiele" - gemeint ist der "bewegende Einsatz" so vieler Menschen bei "Unterbringung und Integration von Geflüchteten in Deutschland." Das Gemeinschaftsgefühl entspringt noch immer jener Willkommenskultur, die Merkel ohne Widerspruch aus ihrer Kirche um 180 Grad gedreht hat. Womöglich entspringt auch die glückliche Steigerung der migrantischen Geburtenrate dem neuen protestantischen Gemeinschaftsgefühl.

Die Briefschreiberin verspricht das Erleben "dieses Gemeinschaftsgefühls" auch für das nächste Frühjahr "hier in Berlin".  Im  Kirchenkalender steht wieder mal der Deutsche Evangelische Kirchentag: "Sie sind herzlich eingeladen!" Die Einladung zum gemeinschaftsstiftenden Politpalaver geht anscheinend auf Luther zurück: "Luther hat vor 500 Jahren die Welt hinterfragt  und eingefahrene Strukturen aufgebrochen. Und auch wenn er heute der Promi unter den Reformatoren ist, er war damals nicht allein." Usw.

IV.
Die Innenseite des Faltblatts schmückt ein Bild, auf dem vier aus rohen Holzteilen (oder aus mit Holzmuster belegten Betonteilen?) über Eck zu Strukturen zusammengefügte Bauelemente kreuzförmig einen grün belaubten Baum umschließen. In der Mitte ein Gebet oder Segensspruch ("frei nach Wolfgang Dietrich"). Einer der  Segenssprüche besitzt Aussagekraft:
"Gott segne Dich...IN ZEITEN DES IRRWAHNS mit Vernunft."







Montag, 10. Oktober 2016

Deutsch-demokratische Schilderrevision

I.
Europa ist historisch reich an Beispielen des Bildersturms, vom Ikonoklasmus in Byzanz über die Bilderstürmer im Zeitalter der Reformation - im Hinblick auf das korrekte Gedenken im Jahr 2017 sei dabei immerhin mal was Positives über den Revolutionär, Fürstenknecht, Türken- und späten Judenfeind  Luther vermerkt - bis hin zur Französischen Revolution und den entsprechenden Aktionen unterschiedlicher bezbozhniki im 20. Jahrhundert. Im Zeitalter des demokratischen Wertepluralismus und/oder der wertegebundenen Demokratie sind derlei Praktiken unstatthaft. Die Ästhetik der Demokratie, id est der Zivilreligion, resultiert aus dem ideellen Konsens des demokratischen Diskurses. Sie manifestiert sich in unserer Gedenkkultur sowie - anders als in den meist schlicht durchnumerierten Straßennamen in den USA - in irgendwie  historisch begründeten Straßennnamen. Zuweilen kommt es - generationsbedingt - zu gewissen ästhetischen Korrekturen. Derlei demokratische Revision ist indes von der historisch belasteten Tradition des Ikonoklasmus zu unterscheiden.

II.
Mit den  in der grünstdeutschen Großstadt Freiburg i.B. angestrebten demokratischen Korrekturen befaßt sich der Feuilleton-Redakteur Patrick Bahners in der Samstagsausgabe der FAZ (08.10.2016, S.11). Laut Titel ("Stadtplanreformer auf dem Holzweg") schreibt der Autor in demokratisch-kritischer Absicht. Andererseits wendet er sich gegen das Argument, frühere Benennnungen ("Benennungsentscheidungen") seien "als Urkunden des Zeitgeists erhaltenswert". Bahners: "Aber eine Stadt ist kein Freilichtmuseum, und als Demokratie lebt eine Kommune in der Gegenwart." Der Sinn des zweiten Satzteils erschließt sich nur mit Anstrengung...


Der Artikel präsentiert das Ergebnis einer vom Freiburger Gemeinderat eingesetzten Kommission unter Vorsitz des Historikers Bernd Martin, der die demokratische Sichtung verfänglicher, verdächtiger und/oder unzeitgemäßer Straßennamen oblag. Offenbar ging es dabei nicht um Umbenennungen zugunsten der Frauenquote (demokratisches Minimum > 50 %), sondern um eine  deutsch-demokratische épuration der als peinlich befundenen Nationalgeschichte. Für derlei Zwecke stehen im Haushaltsplan westdeutscher Kommunen stets die nötigen Mittel zur Verfügung.

Unter den zur Umbenennung indizierten Freiburger Straßennamen befinden sich der des Kameramanns von  Leni Riefenstahl sowie von als Rassebiologen ausgewiesenen Medizinern. Bei derlei Namensgebern ist an der Arbeit der Kommission wenig auszusetzen, eine Neubenennnung mehr als ratsam. Anders steht es mit einem Schilderzusatz, dem man im Freiburger Gemeinderat kommissionsgemäß der Fichtestraße hinzufügen soll: "Johann Gottlieb Fichte (1762-1914). Nationalistischer Philosoph und erklärter Gegner Frankreichs". Kenntnisreich zerpflückt Autor Bahners  die als wissenschaftliche Begründung mitgelieferte "Kurzbiographie" des nach 1918 wiederentdeckten Nationalphilosophen. Er hätte hinzufügen können, dass Fichte ungeachtet seiner antifranzösischen, genauer: antinapoleonischen "Reden an die deutsche Nation" (1808) zeitlebens ein Verteidiger der Prinzipien der bürgerlichen Revolution blieb. Zum historischen Schockerlebnis für jüngere Kommissionsmitglieder sowie für Freiburgs junggrüne, studierende Jugend könnte denkbarerweise ein anderer Namenszusatz führen: "Johann Gottlieb Fichte, Namensgeber des Berliner sozialistisch-kommunistischen Arbeiterturnvereins ´ATV Fichte´".

Salomonisch verfährt Autor Bahners mit der Kommissionsempfehlung zuungunsten des in Freiburgs  Straßenplan erst 1981 mit einem "Martin-Heidegger-Weg" zu Ehren gekommenen kurzzeitigen Universitätsrektors und langjährigen Denkers zu Todtnauberg."Der Gemeinderat wird im Fall Heidegger eine genuin politische Entscheidung fällen müssen, die durch die Aktenlage nicht vorgegeben ist." (Richtig: An der Deutung der Akten, der Werke und der Tagebücher des bonbongeschmückten Denkers des "Seyns" arbeiten seit Jahrzehnten sowohl fleißige Apologeten wie Ankläger.) Weiter Bahners: "Kein NS-Rektor auf Straßenschildern, erst recht nicht Rektor Heidegger: Das ist eine vertretbare Wertung." Indes: "Wenn die Stadt umgekehrt zu dem Schluss kommt, dass der Philosoph dem Rektor zum Trotz den Eintrag auf dem Stadtplan verdient hat, wird sie der Freiheit des Denkens die Ehre erweisen."  - Das tiefe Dilemma der Demokratie: Die Frage der Freiheit wird der Gemeinderat genuin politisch zu entscheiden haben....

III.
Zum Schluß seines Artikels belegt  Bahners Artikel weitere Empfehlungen der Kommission mit der Wertung "philisterhaft". (Ein demokratisch zweifelhafter Begriff, der ob seiner Kontamination im deutschen Verbindungswesen längst einer Sprachkommission (z.B. in Darmstadt) zur Überprüfung vorgelegt werden sollte.) Die Freiburger Kommission hat noch eine Liste von Namenspatronen hinzugefügt, die "heute nicht mehr gewählt" werden würden. Als problematisch empfinden die gründeutschen Demokraten zu Freiburg Namen (Männer!) wie Bismarck und Blücher, den vormärzlichen Liberalen Karl von Rotteck, den radikalen 1848er Republikaner Friedrich Hecker, darüberhinaus auch Jacob Burckhardt und Erasmus von Rotterdam. Ob auch dessen weltgeschichtlcher Antipode Martin Luther - über die "richtige" Plazierung seiner monumentalen Statue: vor oder entrückt der Marienkirche, wogt derzeit ein Glaubensstreit in Berlins protestantisch-klerikalen Kirchenkreisen - im Freiburger Katalog künftiger Umbenennungen zu finden ist, ist dem zitierten Aufsatz leider nicht zu entnehmen.

Montag, 12. September 2016

Varia: Berlins Wahlästhetik, Merkels Demographie und Hillarys Pentalog

I.
Das Kaiserwetter beflügelt die Berliner Parteien zur  Rettung der Demokratie, bedroht von blauen Plakaten und der großherzoglich-blaublütigen Beatrix von Storch.Vor dem Schicksalstag am 18. September muss neu- bzw. umplakatiert werden. Der souveräne Bürger  stellt mit Erstaunen fest, dass der/die Transvestit/in im Großformat ("Berlin bleibt frei. SPD") verschwunden ist. Vielleicht hat einer der PR-Fritzen im Internet recherchiert und herausgefunden, dass die vom Volke vergessenen Berlinkrisen bereits Jahrzehnte zurückliegen. Die SPD setzt nunmehr auf die Erfahrung und das Konterfei des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller, bürgerlich seriös mit Anzug und Krawatte. Die CDU versucht´s mit einem freundlichen Frank Henkel und der einst absolute Mehrheiten sichernden Parole Konrad Adenauers: "Keine Experimente!" (Den Namen Adenauer kennt womöglich selbst jeder zehnte Neubürger.) Die "Linke" hat das HaSS-Gesicht teilweise abgehängt und plakatiert jetzt mit im Pflegebereich und sonstwo tätigen  "Gutmenschen" - adrett und mit Lächeln im mitteleuropäischem Antlitz.

TXL behalten wollen im Gegensatz zur bis dato stadttragenden Großen Koalition und zur prospektiven Koalition der Demokraten und -innen nur die FDP - sie setzt auf die Reiselust der Besserverdiendenden - und die AfD, letztere fraglos aus bloßem Populismus. Die meistfliegenden Grünen warten anscheinend weiterhin geduldig auf die Eröffnung des ökologischen BER, wo zum Zwecke der Luftumwälzung im Tunnel unter dem Schönefelder Flugfeld Tag und Nacht ein leerer U-Bahnzug hin und her shuttlet. Andererseits sorgen sich in Wahlkampfzeiten alle Parteien, selbst die demokratischen, um die Bedürfnisse des Volkes, sie werden - das liegt in der Natur der Sache - für ein paar Wochen realiter populistisch. SPD-Chef Gabriel probt bereits, ein Jahr vor den Bundestagswahlen, den entsprechenden Stil.

Den Sieg über alle Spießer, verkalkte Rentner und die AfD-affinen, im global village "Abgehängten" - um die wachsende, wahlpolitisch irrelevante Zahl der der Penner hat sich in der bunten Metropole  gefälligst die Heilsarmee zu kümmern - feiern die "Grünen" bereits mit einem Luftsprung: "Freiheit". Und richtig: "Alles auf Grün". Mit den Regenbogenfarben gehen die Grünen diesmal sparsam um, zumindest in den vermeintlich bürgerlichen Vierteln, z.B. in Schmargendorf. Doch dann kommt der grüne Paukenschlag: "Dein Gott. Dein Sex. Dein Ding!" Umfassbar: In radikaler Umkehrung alter Dogmen und Werte propagieren die Grünen zu Berlin die Errichtung einer gründeutsch unbeschränkten  Phallokratie - womöglich eine populistische Anbiederung beim jüngeren bisexuellen Wahlvolk. Immerhin: Man hat auf Abbildung des Dings (aus Papiermangel oder aus Rücksicht auf züchtige, wahlberechtigte  Muslimas ?) verzichtet. Andernfalls könnte der Luftsprung der lebensfroh unbehinderten Schönen am kommenden Sonntag mit einer Bauchlandung enden.

II.
Seit den Bundesjugendspielen auf der Kölner Domplatte sorgt Merkels gute Tat vom 5. September für anhaltende Debatten und treibt der - personell noch teilweise unterbesetzten - AfD wachsende Teile des Wahlvolks zu. Die von der "Linken" umworbenen "Gutmenschen"  sehen das anders. In der heutigen FAZ (v. 12.09.2016, S.18) springt  ein Leserbriefschreiber unter Bezug auf "das größte Verbrechen der bisherigen Menschheitsgeschichte im Namen Deutschlands" der Kanzlerin bei. Merkels Entscheidung, "auch im Sinne vieler Deutscher, Hunderttausende Flüchtlinge aus humanen Grünen nach Deutschland hereinzulassen, was auch bedeutete, bestehendes Recht für kurze Zeit auszusetzen", war total O.K.: "Alles andere wäre inakzeptabel gewesen." - Gegen politische Zweifel  hilft stets die deutsche Geschichte.

Zweifel an der kurzzeitigen Rechtsaussetzung sowie den lauteren Motiven Merkels regten sich indes von Anbeginn selbst bei einigen Qualitätsjournalisten der FAZ. In der heutigen Ausgabe bringt ein Interview (S.4) mit dem belgischen Ministerpräsidenten Charles Michel etwas Licht in die Sache. Der Politiker aus einer liberalen Polit-Dynastie der Wallonie brachte das demographische Problem der kinderlosen Kanzlerin für Deutschland zur Sprache. Frage des Interviewers: Sie glauben, sie hat aus demographischen Gründen die Flüchtlinge ins Land gebracht? Antwort: "Nein. ich sage nur, dass es für Deutschland wichtig ist, in Zukunft junge Leute zu haben." Davon giibt es - nicht erst seit dem 31.August/5.September 2015 in Deutschland eine exponentiell wachsende Anzahl. Global denkende Wirtschaftskreise, angeblich globalisierungskritische Gewerkschaften - die scherten sich seit je nur selten um  "abgehängte" Arbeitslose und  beitragsunwillige Minijobber -, dazu die von der Migration genährten Dienstleistenden in den Sozialindustrien, finden das seit langem gut so. Deshalb gibt es für Merkel, zumindest bis auf weiteres,  "keine Obergrenze".

III.
Der Blogger hat sich bis dato eines Kommentars zu den amerikanischen Präsidentschaftswahen enthalten. Eine Präferenz der "erfahrenen Außenpolitikerin" Hillary vor dem ungehobelten "Rechtspopulisten" - oder umgekehrt - wäre schwer zu begründen. Wahrscheinlich zieht Hillary mit feministischer Fanfare  ins Weiße Haus ein. Auf die einzige Umfrage (seitens CNN), die dem mit unpuritanischem Frohsinn großgewordenen Immobilienbesitzer vor der  mit methodistischer Selbstgewißheit ausgestatteten  Hillary einen Vorsprung attestiert, möchte ich nicht setzen. Es müsste schon noch ein weiterer, kräftiger Skandal im Leben der vielgeprüften Hillary hinzukommen. Der träfe  ins Herz der tugendhaften amerikanischen Nation.

Stellen wir uns also auf den Sieg der Tugendwächterin Hillary ein. Gegen die Amoral ihres Rivalen Trump verkündete Prophetin Hillary, dereinst mit Bill von den Hügeln der Ozarks ins sündhafte Washington herabgestiegen, ihre fünf Gebote im Kampf gegen die Millionen der Sünde verfallenen Trump-Wähler: "Sie sind die Rassisten, Sexisten, Homophoben, Xenophoben, Islamophoben." Zorniger, deutlicher, drohender hätte selbst Moses am Fuße des Sinai nicht zum Volke reden können. 

Samstag, 10. September 2016

Was uns lieb und teuer ist

I.
Bei der Kanzlerin aus der Uckermark ("Ich als Physikerin") weiß der citoyen fédéral nie, was sie als nächste Überraschung fürs Volk - für die "Menschen in diesem Lande" - in ihrem Sprechbaukasten hat. Nach dem für sie wenig beglückenden Wahlergebnis vom 4. September, welches innerhalb der classe politica e affermativa Spekulationen über ihr künftiges Schicksal - und ihren Platz in der Geschichte - auslöste, hielt es sie - und/oder ihr grünchristliches Küchenkabinett - für geraten, patriotische, nein: deutschnationale, geradezu völkische Töne anzuschlagen. Sie versprach dem vom ungebremsten Zustrom - bis dato in diesem Jahr bereits über 500 000, bis Jahresende etwa 700 000 - von Migranten/refugees/"Geflüchteten" (jüngster terminus purus) aufgeschreckten Wahlvolk: ""Deutschland wird Deutschland bleiben, mit allem, was uns lieb und teuer ist" (dixit Merkel, nicht Courths-Mahler).

Die Kanzlerin richtet sich in ihrer Haushaltsrede offenbar diesmal an "uns", die steuerzahlende Mehrheit. Sie verzichtet  darauf, von den neuesten Neubürgern Loyalität "zu diesem Lande" zu verlangen - eine Zumutung, die sie unlängst an Erdgans Migrantengemeinde aus Anatolien richtete. Richtig,  es geht es um "alles, was uns lieb und teuer ist". Da mögen einige nichtmigratorische Bewohner des Landes (Ethnobürger, Autochthone, Biodeutsche) sentimentale Vorstellungen von deutschem Wald, deutschen Denkern, deutscher Dichtung und Musik hegen, sofern diese nicht längst von jüngeren Kulturträgern wie "Jennnifer Rostock", "Thor´s Sturmgewitter", "Tote Posen" o. ä. verdrängt sind.

II.
Damit "wir Menschen in diesem Lande" nicht derlei verdächtigen Stimmungen verfallen, hat die Zivilgesellschaft gewisse Kontrollmechanismen bereitgestellt, bekannt unter dem aus Übersee importierten Label political correctness. Als bedeutendste Trägerin zivilreligiöser Rechtgläubigkeit, zugleich als Vermittlern der richtigen alt- und neudeutschen Sentiments versteht sich seit langem die EKD. Für das Lutherjahr 2017 wird der spätmittelalterliche Heros von Restbeständen nationalhistorischer Größe gereinigt, die feste Burg des trotz Reichsacht reichs- und kaisertreuen Dichters wird von Margit Käßmann aus Liebe zu Suleiman dem Prächtigen (a.k.a. Solyeman Kanonyi)  geschleift, des Reformators evangelische, protestantisch belastende Botschaft wird durch Verweise auf seine rabiate Polemik und auf seine noch übleren Alterspamphlete ins Fegefeuer protestantischer Schuldhaftigkeit befördert.


Vor den zeitgenössischen Aktivisten der protestantischen Inquisition ist selbst Johann Sebastian Bach, "der fünfte Evangelist", nicht mehr sicher. Was sich derzeit in der Geburtsstadt des frommen Thomaskantors abspielt, hat am 4. September 2016 Michael Klonovsky in seinen acta diurna festgehalten: http://www.michael-klonovsky.de/acta-diurna. Zur Erhellung der deutschen Zustände. empfiehlt der Blogger  seinem treuen Publikum den entsprechenden Tagebucheintrag  .

Donnerstag, 8. September 2016

Minima realia

Was immer in der deutschen Politik unternommen wird - sei es eine Einladung an alle real oder subjektiv Bedrängten aus aller Welt, sei es die einstimmige Verabschiedung eines ad hoc-Gesetzes als Reaktion auf eine post actum als Notzucht deklarierte einvernehmliche Video-Performance, sei es die (fast) einstimmige Deklaration zum Völkermord "an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten" -, unterliegt den Grundsätzen höchster Moral, abgeleitet aus dem Bekentnnis zu unseren Werten und zur Verantwortung für unsere - vormigratorische - deutsche Vergangenheit. (S.auch meinen Blog-Eintrag vom 03.06.2016: H.A.: "Nachtrag: Leere im Plenarsaal, Lücken in der Presse".)

Falls die Moralpolitik von Fall zu Fall in die Bredouille führt, führt eine Kehrtwendung auf dem eingeschlagenen Weg - beispielsweise durch "Schließung" der Balkanroute - vielleicht - auch wieder heraus. Die hohe Moral bleibt von derartigen Manövern unbeschädigt. Ein paar moralisch entrüstete Zwischenrufe aus dem grünsten Flügel der Moralverwaltung gehören zum Spiel auf der Bühne.

Was die Außenpolitik betrifft, so kann sich die deutsche Moralpolitik ihre - in der Regel weniger moralischen - Partner nicht aussuchen. Darum ist es nur eine Frage der Zeit, bis gewisse Wirtschaftskreise,  im Bunde mit um Wählerstimmen besorgten SPD-Politikern, darauf dringen, die Sanktionen gegen Putin wieder aufzuheben.

Zu den Geschäfts- und Nato-Partnern der Bundesrepublik zählt auch der türkische Präsident Erdogan. Nach dem als "Erfolg" verbuchten Geschäft in der "Flüchtlingskrise" - Rücknahme von Flüchtlingsmigranten gegen Visafreiheit (s.a. https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/05/vorschlag-regierungssitz-den-bosporus.html) - ging es jüngst um die Abwendung  neuerlicher Migrationsgefahren. Damit Erdogan die Häfen an der Ägäisküste nicht etwa wieder für Seelenverkäufer öffnete, mußte die durch die Armenier-Resolution verletzte Ehre seines Landes wiederhergestellt werden.

Wer Politik für ein peinliches Possenspiel hält, kam in den letzten Tagen auf seine Kosten. Während Merkel, eingerahmt von mächtigen türkischen Fahnen, beim G-20-Gipel in Hangzhou Erdogan um Verständnis bat, erklärte ihr Regierungssprecher in Berlin, der Armenien-Resolution des  - am Tage der Abstimmung deutlich unterbesetzten - Bundestags (s.a. https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/06/zum-gedenken-des-ageth-eine-textanalyse_5.html) sei keine Bedeutung ("für die Bundesregierung nicht bindend") zuzumessen.

Ehedem nannte man dergleichen Praxis "Realpolitik". Der Begriff gehört - wenngleich in bescheidenem Maße und inhaltlich kaum unterscheidbar von Opportunismus - anscheinend auch zum politischen Inventar der ewigen Kanzlerin.




Montag, 5. September 2016

Zitatenlese: Polspeak

I.
Der Blogger darf das Publikum an seine Prognose vom 14. März d.J. erinnern, wo er schrieb, dass sich die  ungeliebte "rechtspopulistische"  AfD dauerhaft gegenüber dem alten  parteipolitischen ordre établi der Bundesrepublik durchsetzen werde (https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/03/kommentar-zu-den-marzwahlen.html). Es wird dieses am gestrigen Sonntag erneut befestigte Faktum (laut Spiegel- online sogar "demokratisch legitmiert") dereinst als der spezifische politische Erfolg Angela Merkels in die Annalen "ihres Landes" (Merkel) eingehen. Unberührt davon bleiben Merkels sonstige historische Leistungen: vom Königsmord an Kohl über ihre Urheberschaft der "Willkommenskultur" ("Multikulti ist gescheitert") bis zur Bereicherung der deutschen Sprache durch Reduktion auf das intellektuell zumutbare Minimum.

II.
Anstelle eines zusätzlichen Kommentars zur Wahl in Mecklenburg-Vorpommern (etwa auch in Merkels CDU-Stammbezirk auf Rügen) beschränke ich mich hier auf die Wiedergabe eines Zitats, aus dem sich bereits jetzt eine Prognose auf das Wahlergebnis am 18. September 2016 in Berlin ablesen läßt (s.a. https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/08/lotterie-mit-hohen-gewinnchancen.html.) Es stammt von dem Berliner "Linke"-Vorsitzenden Klaus Lederer. Dessen Reaktion auf die Wahlen im schönen Bundesland an der Ostsee besticht durch analytische Schärfe und sprachliche Brillianz: "Es gilt den Menschen die Hoffnung wiederzugeben, dass die Gesellschaft politisch, also nach ihren Interessen, durch sie gestaltbar ist." (Zit in: FAZ v. 5.Sept. 2016, S.2.)

Siehe auch:  https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/06/german-polspeak-and-german-empirical.html

Freitag, 2. September 2016

Leseempfehlung: Wider die gelenkte Demokratie

Wer in diesem unserem Lande unbotmäßigerweise an das einst stolze  Königsberg (seit n.b. 1946, nicht ´45, Kaliningrad; stand in der Ära Jelzin kurzzeitig für ein par Milliarden Deutschmark zum Verkauf) erinnert und sich an die aufklärerische Maxime von Immanuel Kant hält, wird a) im bundesrepublikanischen Medienbetrieb zum odd man out und bekommt es b) mit den erstsemestrigen Stoßtrupps der political correctness  zu tun oder wird c) zum Zielobjekt der "Antifa". Unter den obwaltenden realdemokratischen Bedingungen fällt die geistige Selbstbehauptung somit zuweilen schwerer als zu  Zeiten des philosophierenden Zynikers auf dem Königsthron ("Gazetten sollen nicht genieret werden").

Gewisse Chancen zum Widerspruch gegen die diskursfrei und willig praktizierte  Unmündigkeit bietet derzeit noch das Internet - dies die bevorzugte Methode des Bloggers - oder die noch vorhandene liberale Offenheit eines ausländischen Presseorgans. Die Zustände erinnern zuweilen an die Zeit des Vormärz, als liberale, erst recht demokratische Geister Zuflucht in der Schweiz suchten und fanden.

Dem an der Humboldt-Universität lehrenden Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski - er hat als in akademischer Freiheit Lehrender bereits einschlägige Erfahrungen gemacht - hat die "Basler Zeitung" ihre Druckseiten geöffnet. In seinem jüngsten Beitrag analysiert er die Macht- und Meinungsmechanismen in diesem unserem Lande. Einer der Kernsätze: "Die meisten Politiker interessieren sich nicht für ihr Land, nicht einmal mehr für die Partei, sondern nur noch für sich selbst. Es ist inzwischen einerlei, welcher ­Partei sie angehören, weil sie ebenso gut jeder anderen angehören könnten. Sie leben von der Politik, sind durch das Band ihrer Interessen nur noch mit ihresgleichen, aber nicht mehr mit den Bürgern verbunden, die sie vertreten sollen. Von den Leitmedien haben sie nichts zu befürchten, weil auch dort die Gesänge der Macht angestimmt werden."

Ich empfehle per Link meinem Publikum Baberowskis jüngsten Beitrag  in dem Schweizer Blatt:  http://bazonline.ch/ausland/europa/wider-die-gelenkte-demokratie/story/16055442

Samstag, 27. August 2016

Von Königgrätz in die Gegenwart

I.
Der Blogger hatte sich mit einem Kollegen zu einem Besuch des DHM (Deutsches Historisches Museum) im Schlüterschen Zeughaus verabredet, wo eine Sonderausstellung zu "Königgrätz" (s. https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/07/koniggratz-notizen-zu-einem-vergessenen.html) zu sehen ist. Das Foyer des DHM hat seit der Eröffnung anno 2006 eine kräftige Umgestaltung erlebt. Längst hat man das großflächige  Tableau, auf dem die seit Auflösung des Römischen Reiches variierenden Grenzen Europas sowie in dessen Zentrum (nicht ganz fehlerfrei (s. H.A.: DHM-Selbstbild einer Nation ohne Eigenschaften  http://themen.iablis.de/2006/ammon06.html) aufleuchteten, aus der Eingangshalle entfernt. Die Einführung in die historisch-politische Kartographie findet nunmehr zu Beginn des Rundgangs auf einer Wand in der ersten Etage statt.

Den Besucher begrüßen am Eingang stattdessen zur Rechten die Statue des Reichsgründers Bismarck (sitzend), zur Linken eine gewaltige Bronzeplastik des Revolutionärs Lenin (stehend; von deutschen Truppen anno 1941 vor Leningrad geraubt und durch Zufall vor dem Einschmelzen zwecks Kanonenherstellung bewahrt) sowie ein noch monumentalerer Recke des Dritten Reiches (schreitend; laut Erklärung nicht von Arno Breker). Im oberen Stockwerk fällt der Blick  auf die von Albrecht Dürer 1514 gemalten Kaiserporträts Karls d. Gr. und  Sigismunds (1411/33-1437), daneben das mächtige Steinrelief des fränkischen Imperator Romanorum.

Weitere Exponate und Erläuterungen zum Frankenreich sucht man im DHM derzeit vergebens. Stattdessen setzt - mutmaßlich unter dem Aspekt des interkulturellen Dialogs - die (n.b.!) deutsche Geschichte jetzt gleich mit den Kreuzzügen ein. Auf dem Richtung Königgrätz verfolgten Weg durch die Jahrhunderte verweilen die beiden  Besucher einen Augenblick beim Zeitalter der Entdeckungen. Eindrucksvoll ragt neben Martin Behaims Globus von 1492 ein ca. drei Meter hohes, verziertes Steinkreuz auf. Derlei Kreuze wurden von den Portugiesen auf ihrer Suche nach dem Seeweg nach Indien entlang der Küsten Afrikas errichtet und dienten als nautische Merkzeichen auf der Route zum Kap und darüber hinaus. Das Kreuz im DHM stand in der Gegend von Swakopmund und wurde zu kaiserlichen Kolonialzeiten von Südwestafrika nach Deutschland gebracht.

Auf der erklärenden Tafel wird der Besucher vermittels eines pädagogischen Fragekatalogs belehrt: Wohin gehören derartige, von ihrem originalen Standort entfernte historische Monumente? Nicht doch an den angestammten Ort,  von wo sie von den Kolonialherren abtransportiert wurden? Wer kommt eigentlich als der rechtmäßige Eigentümer in Frage - das Land Portugual, der junge Staat Namibia oder die Bundesrepublik als Nachfolgerin des Deutschen Reiches?  Keine Frage, es geht um unser historisches Gewissen (als Deutsche). - Was den zweieinhalb Meter hohen Lenin im Foyer betrifft, ist die Frage des richtigen Ortes und des rechtmäßigen Besitzes zur Zeit offenbar irrelevant.

II.

Die Erwartung, im Zentrum des Deutschen Historischen Museums eine dem deutschen - oder deutsch-deutschen und/oder deutsch-österreichischem - Schicksalsdatum angemessene, umfangreiche Ausstellung zu sehen, wird enttäuscht. Über die Details des preußisch-österreichischen Zwists um die erst 1864 im Deutsch-Dänischen Krieg gewonnenen Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg erfährt man nur wenig. Der von Bismarck inszenierte Streit um Reformen im Deutschen Bund - die provokante Forderung nach einer gewählten Nationalvertretung - wird nicht weiter expliziert.

Zu betrachten sind  die Bilder der Kontrahenten - links Bismarck, sein König Wilhelm I., dazu Roon und Moltke, gegenüber der österreichische Staatsminister Anton von Schmerling (1861-1865) -, die schlachtentscheidende Bewaffnung (modernes Zündnadelgewehr contra antiquierten Vorderlader) sowie mitten im Raum die mächtige Statue einer trauernden Germania.

Wir erfahren etwas über die Schlacht vn Kissingen, weniger über die von Langensalza und die Rolle der hannöverschen Welfen im österreichischen Exil. Die historischen Schlußfolgerungen des deutsch-deutschen Krieges bleiben dem Betrachter überlassen. Vielleicht ist das auch gut so.

III.
Vor einem der Bilder auf dem Weg zur Reichsgründung - war´s die trotzige Germania mit blankem Schwert? - kommen wir ins Gespräch über die deutschen Zustände - damals und heute. Beiläufig fragt mich mein Kollege, ob ich über das jüngste "event" in Straßburg im Bilde sei. Laut - spärlichen - Medienberichten stach ein naturgemäß psychisch gestörter jüngerer Mann auf der Straße einen etwa Sechzigjährigen nieder, von dessen Kippa auf dem Kopf er sich provoziert fühlte. Es war zu erfahren, dass derselbe Mann bereits vor fünf Jahren in einem ähnlichen Anfall geistiger Erregung, womöglich aus überschießender Religiosität,  einen anderen Mitmenschen mit einer Eisenstange  traktiert hatte. Meinem Informationsbedürfnis war die Gewalttat in Straßburg entgangen, womöglich hatte ich die Sache unter "Vermischtes" überlesen. Oder die der Aufklärung des Bürgers/der Bürgerin verpflichteten Medien hatten es für ratsam gehalten, den Vorfall niedrig zu hängen...

An diesem Punkt gesellte sich entschuldigend ein Herr von Anfang vierzig hinzu. Er stellte sich als promovierter Unternehmer aus der Umgebung von Frankfurt am Main vor. Mit seiner aus Brasilien stammenden Lebensgefährtin wollte er  das im DHM präsentierte historische Selbstbild der Deutschen betrachten. Jetzt hakte er sich in das Gespräch über die reduzierte Berichterstattung bei heiklen Ereignissen ein. Seit langem ärgere er sich über den Merkel-frommen Konformismus in der gesamten Medienlandschaft, nicht zuletzt in der FAZ.  Völlig abwegig sei etwa das Interview zum Thema "Islam und Migration" gewesen, das unlängst FAZ-Redakteure mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller und der Stellvertretenden Sprecherin Sawsan Chebli im AA (s. https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/08/kurze-orientierungshilfe-der-weg-zu-gott.html geführt hätten. Unwidersprochen hätte die als Sprecherin der "Muslime in der SPD" fungierende Chebli kritische Vorbehalte gegen den Islam als Religion unter "Rassismus" rubrizieren dürfen. Über den richtigen Gebrauch des Begriffs könne sie seine dunkelhäutige Freundin aufklären. Diese, seit Jahren in Deutschland lebend, erfahre erst jetzt, seit dem Zustrom von "Flüchtlingen" aus aller Welt, fragende, zuweilen ablehnende Blicke, zuvor nie....

Eine ernstzunehmende Opposition zum Zickzack-Kurs Merkels - in beliebigen zentralen Fragen -  sei innerhalb der politischen Klasse nicht existent. Vor diesem Hintergrund habe er in seiner Stadt eine Parteiversammlung der AfD besucht, wo er zwei  angesehene ehemalige CDU-Leute  antraf. Er selbst habe zuvor schon das Parteiprogramm der AfD studiert, darin aber nur Konzepte aus den 1980er Jahren gefunden. Dennoch... Vor dem Lokal hatten sich etwa 15jährige Schüler aufgebaut, die ihm trutzig ihr Schild mit der Kampfparole "Vielfalt statt Einfalt!" ( s.auch:https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/04/durch-einfalt-zur-vielfalt.html) entgegenhielten. Unter Hinweis auf Funktion und Karriere bat er einen der jungen Protestierer um eine Definition des Begriffs "Einfalt". - Verlegenes Stottern, dann Schweigen... 


IV.
Vor zwei Wochen, als sich die Ouvertüre zur epochalen "Flüchtlingskrise"  erstmals jährte, machte selbst die staatstragende Wochenzeitung Die Zeit mit großem Titel  "Als Deutschland die Kontrolle verlor..." und umfangreicher Chronologie im Mantel auf. Den stets moralischen und weltoffenen Hamburger Protagonisten der "Willkommenskultur" war offenbar die unfreiwillige Pointe ihres Titels entgangen: Nicht "Deutschland" hatte die Kontrolle verloren, sondern eine Regierung, die seit langen Jahren ihren grundgesetzlichen Regierungsauftrag mit alle Welt frappierender Nonchalance exerziert.

À propos  Königgrätz: Vielleicht wird noch in diesem Jubiläumsjahr die historische Malaise der gewöhnlich zu füllig geratenen Dame Germania durch beherztes politisches Vorgehen Österreichs behoben.




Freitag, 19. August 2016

Zum Tode von Ernst Nolte


I.
In der gestrigen  ARD-Tagesschau wurde  die Nachricht vom Tode Ernst Noltes erwartungsgemäß mit Vokabeln wie "der umstrittene Historiker" und "Vordenker der Neuen Rechten" bedacht. Des weiteren wurde der Bericht von  Wolfgang Benz kommentiert, der Nolte erneut als Protagonisten eines verhängnisvollen Revisionismus kennzeichnete. Die Bücher des Verstorbenen reichten nicht an die Maßstäbe seriöser Forschung heran. Punkt.

Eine vorurteilsfreie Würdigung des Werkes des Historikers Nolte - er begriff seine Arbeiten als die eines Geschichtsdenkers - scheint in Deutschland noch immer kaum möglich. Immerhin liegt mit der Biographie von Siegfried Gerlich ein Buch vor, an dem auch ideologische Gegner des Verstorbenen keine "revisionistische" Spur finden können. Und es entbehrt nicht der Ironie, dass der Begriff des "Weltbürgerkriegs" im 20. Jahrhundert  heute in allen Feuilletons ohne Bezug auf seinen Urheber Nolte (im Schlußkapitel des "Europäischen Bürgerkriegs") gehandelt wird.

Ich selbst hege gewisse Vorbehalte gegen Noltes Deutung des nazistischen Judenmords. Bedurfte es - trotz aller chronologischen Evidenz - erst der mörderisch-revolutionären Praxis der Bolschewiki, um die Mordinstinkte  im  nazistischen "Radikalfaschismus" (Nolte) freizusetzen? Zudem hat - aus meiner Sicht - Nolte  in seiner Fixierung auf die totalitären Antagonisten im "Europäischen Bürgerkrieg" die gegen all die anderen "Minderwertigen" gerichtete, darwinistisch begündete Rassenideologie der Nationalsozialisten unterbewertet. Auch scheint mir der wertneutrale Faktor "Macht" - etwa in den so beliebigen wie zweckrationalen Konstellationen und Allianzen seit der Geburtshilfe des Ancien Regime für die (gemäß Nolte) "linke" Amerikanische Revolution bis hin zu den Weltkriegen - in Noltes auf die Macht der Ideologien gerichteten Reflexionen nicht hinreichend gewichtet. Womit ich wenig anfangen kann, ist Noltes Definition des Faschismus als des  "Angriffs auf die praktische Transzendenz" bzw. auf das - aus dem Heidegger-Seminar entlehnte - eînai. Mir hat nie ganz eingeleuchtet, dass das von den beiden totalitären Bewegungen attackierte "Liberale System" eben dessen Ausdruck sei.

Derlei Kritik ändert nichts an der Tatsache, dass die von Habermas angeführte ideologische Treibjagd der bundesdeutschen Linksliberalen gegen einen profunden Gelehrten wie Ernst Nolte eine bittere Farce darstellte. Deren Nachwirkungen sind in den Medien und in Bologna-Seminaren noch spürbar, werden sich im Zuge allgemeiner  Ratlosigkeit angesichts der "dritten totalitären Herausforderung" durch den Islam (Nolte) alsbald verflüchtigen.

II.
Anstelle eines  Nachrufes  auf den im deutschen Krisenjahr 1923 geborenenen Historiker stelle ich nachfolgend einen Artikel vor, den ich anläßlich des 90. Geburtstags Ernst Noltes für die "Junge Freiheit" schrieb ("Einheit oder Vielfalt" in: JF 04/18.01.2013). (Ergänzend verweise ich auf meine Rezension von Noltes  2006 erschienenen Buches "Die Weimarer Republik. Demokratie zwischen Lenin und Hitler", in: JF 41/06.10.2006  https://jungefreiheit.de/service/archiv .)


III.
Am 11. Januar beging Ernst Nolte seinen 90. Geburtstag. Der andernorts hochgeehrte, in Deutschland jedoch verfemte Geschichtsdenker wurde in der Jungen Freiheit gewürdigt, ebenso in der FAZ. Auch dort wird der akademisch-medial genährte Argwohn gegen Nolte klar abgewiesen. Anders als der Frankfurter Sozialphilosoph Jürgen Habermas, der anno 1986 den absurden „Historikerstreit“ eröffnete, war Nolte in Jugendjahren gegen die Suggestionen des Nazismus gefeit. Wenn es ihm in oft eigenwilligen Zuspitzungen darum ging, „Auschwitz verstehbar“ zu machen, so gehörte Nolte trotz seines Festhaltens am „Prius“ des Klassenmordes der Bolschewiki und dem „kausalen Nexus“ nie zu den Verharmlosern, geschweige denn Leugnern des NS-Rassenmordes. Im Gegenteil: In spezifischer Denkweise verficht Nolte die These von der „Einzigartigkeit“ der NS-Verbrechen.

Hier ist nicht der Ort, die unendliche Debatte fortzusetzen. Angemerkt sei, daß die parallel zur Aufhebung des Nationalstaats sowie zur „multikulturellen“ Transformation betriebene Fixierung auf die historische Schande der Deutschen als Volk dem vermeintlich auf Freiheit und Gleichheit aller Individuen gerichteten linksliberalen Universalismus entgegensteht.

Übersehen wird von Noltes Feinden zudem, daß auch ihm im Ausblick auf das 21. Jahrhundert eine in partikularer Vielfalt geeinte Menschheit vor Augen steht. Das „linke“ Prinzip des Universalismus und dessen „rechte“ Negation, der Partikularismus, kämen am Ende zu einer friedlichen Synthese. Das Vehikel dieser Bewegung sieht Nolte in der Globalisierung.

Nicht im Einklang mit derlei Friedensvisionen stehen anno 2013 die weltpolitischen Fakten. Partikularismen, Machtansprüche, Antagonismen bestehen fort. Siehe Nahost: Wer will, wer vermag das Konfliktknäuel aufzulösen? Amerika, die EU, Israel, die Türkei? Daß die USA Universalismus mit Eigeninteresse verknüpfen, ist historisch nichts Neues. Ob die EU durch „noch mehr Einheit“ (Schäuble, Habermas etc.) Ungleichgewichte und Interessendivergenzen ausgleichen kann, ist die eine Frage; wie sie sich als Machtgebilde im globalen Spiel behaupten würde, die andere. Über die Projektionen der kapitalistisch erstarkten Han-Chinesen dürfen wir spekulieren. Und Rußland wird sich auch fürderhin westlichen Zumutungen nicht einfach fügen.