Mittwoch, 23. November 2016

Kreuzabnahme

I.
Alles was nicht in den universalistisch überwölbten multikulturellen Kram paßt, paßt - ungeachtet jeglicher Begriffslogik - ins Passepartout "Rassismus", etwa wenn man als Christ, Atheist, Bahai, modischer Neu-Buddhist, Europäer, gar als Deutscher Zweifel an der Unfehlbarkeit des Propheten und der Reinheit seiner Friedensbotschaft äußert. Die Integrationsbeauftragte  Aydan Özügüz (SPD) ist mit der Totschlagvokabel schnell zur Hand, wenn es um die Verteidigung und migrationspolitische Förderung des wahren Glaubens  gegen übelwollende Kritik geht. A  propos "Beauftragte": Seit längerem knüpft man auf europäischer und nationaler Ebene zur Beförderung öffentlicher Wohlfahrt an die bewährte jakobinische Tradition der Berufung von Kommissaren (= Beauftragte; historisch obsolet: "Volkskommissare") an.

Die von ihrer Partei und der Großen Koalition - nicht vom populistischen Volk - Beauftragte Özügüz selbst präsentiert sich säkular, also ohne Kopftuch. Ihre beiden Brüder hingegen zeigen sich einer vom Verfassungsschutz beäugten strengeren Version der Friedensbotschaft verpflichtet. Im Unterschied zum postmodernen Individualismus der bundesrepublikanischen Leitkultur pflegt die Beauftragte (Migration, Flüchtlinge und Integration) jedoch ihren Familiensinn. Folglich liegt ihr eine Distanzierung von ihren überfrommen Brüdern fern. Rassistisch sind hingegen alle jene Ethnobürger, die noch an der Vorstellung von der sowohl christlichen als auch aufklärerischen Grundierung ihrer nazi-verdächtigen, postnationalen Einwanderungsgesellschaft festhalten wollen.

II.
Gegenüber der in  Deutschland allerorten noch mit o.g. rassistischen Vorurteilen behafteten Mehrheitsgesellschaft gilt es, endlich dem einst gegen allerlei religiösen Obskurantismus errungenen Wert der Toleranz Geltung zu verschaffen. Zur Demonstration von Toleranz in Glaubensfragen fühlten sich die beiden ranghöchsten Kirchenfürsten aus Deutschland berufen, als sie vor einigen Wochen das Heilige Land besuchten. In ökumenischer Eintracht legten Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD, und Reinhard Marx, Kardinal und Vorsitzenderder Deutschen Bischofskonferenz, bei ihrem großökumenischen Aufstieg zum Plateau des Tempelberges ihre Bischofskreuze ab. Es ging um eine großökumenische Demonstration des Respekts vor dem sie begleitenden muslimischen Würdenträger beim Besuch der heiligen Stätte, von der einst der Prophet zu Pferd seine Himmelsreise angetreten hatte.

In der Berichterstattung über den Besuch des religions- und geschichtsträchtigen Ortes - hier stand der von Titus anno 70 zerstörte  zweite und/oder dritte Tempel,  hier stehen die von den kreuzfahrenden, aber besiegten  Templern übernommene Al-Aqsa-Moschee sowie der goldglänzende Felsendom - wurde vorsichtig vermerkt, dass die muslimischen Tempelbergwächter auf diesem - von orthodoxen Juden nicht minder reklamierten - Terrain keinerlei Insignien, Gegenstände oder Schriften nichtislamischer Herkunft dulden. Diesem Gebot ihrer Gastgeber wollten sich die beiden Besucher aus dem Abendland nicht widersetzen und legten ihr sonst vor der Brust getragenes Kreuz ab  - nicht jedoch ihren konfessionsspezifischen Habit.

Als in konservativen Kirchenkreisen - auf protestantischer Seite handelt es sich mehrheitlich um das noch glaubensfest reaktionäre Kirchenvolk von Pietisten und/oder "Evangelikalen" - Kritik am vorauseilenden Gehorsam der Kirchenfürsten in Jerusalem laut wurde, erklärte man in deren klerikalem Umfeld die doppelte Kreuzabnahme damit, dass man im Sinne christlicher Demut und Friedensverantwortung nicht nur den Auflagen der muslimischen Wächter des Tempelbergs entgegengekommen sei, sondern auch unten, am Fuße des Berges, an der Klagemauer, den Bitten der jüdischen Gastgeber in Jerusalem entsprechend, auf das Tragen des Kreuzes verzichtet habe.

III.
Ein Werturteil über die Symbolik des christlichen Kreuzes  im Vergleich zu den Insignien anderer Religionen fiele unter die PC-Kategorie "Rassismus" und hat daher zu unterbleiben. Die Frage stellt sich gleichwohl nach der Bedeutung  ihres zentralen religiösen Symbols für die Christen - nicht nur im immer kirchenferneren Deutschland - angesichts des Verhaltens hochrangiger Kirchenführer. Betrachten diese ihre Insignien nur mehr als politisch beliebig einsetzbare Markenzeichen oder als unverzichtbares Signum ihres Glaubens? Die Kreuzabnahme der beiden christlichen Würdenträger aus dem Abendland wird unter den bedrängten, verbliebenen orientalischen Christen mit  Befremden und Sorge registriert worden sein. 

Kritik aus dem hiesigen Kirchenvolk, wo es sie gab,  am Verhalten der beiden Kirchenfürsten war in den Medien kaum zu vernehmen. Erwähnt wurde allein der unmittelbar nach dem Jerusalem-Besuch geäußerte Einspruch des jüdisch-deutschen Historikers Michael Wolffsohn. Inzwischen hat Wolffsohn mit einem "Offenen Brief" an Marx und Bedford-Strohm nachgelegt. Wolffsohn weist aufgrund eigener Recherchen die Version, man habe auch an der Klagemauer dem Ansinnen der jüdischen Gastgeber entsprochen, als unzutreffend zurück. Weiter schreibt er: "Verehrter Bischof Bedford-Strohm, Sie warfen Kritikern auf der Pressekonferenz der EKD-Synode in Magdeburg vor, diese würden einen ´Kulturkampf inszenieren, um zu zeigen, der Islam sei intolerant.´ Nicht der Islam ist das Thema. Sie sind es. Sie und Kardinal Marx unterwerfen sich als Christen. Wo bleibt Ihre Vorbildfunktion, wo Ihr Bekennermut, wo Ihre Zivilcourage?"


Wolffsohn, 1949/54 mit Eltern und Großeltern aus Israel nach Deutschland zurückgekehrt,  weist die in "Evangelisch.de, dem multimedialen Kompetenzzentrum der Evangelischen Kirche", verbreitete Suggestion, Kritik komme vor allem "aus rechtsgerichteten Kreisen", mit Nachdruck zurück: "Ist jemand ´rechts´, wenn er/sie von christlichen Repräsentanten erwartet, dass diese zu ihrem Christentum stehen? Gilt Ihre Toleranz nur Muslimen und nicht ihren Mitchristen und den Juden?" Es folgt die Warnung, derlei Verhalten sei der Stoff, der "Trump und Konsorten auch in Deutschland" zum Erfolg verhelfen könne.  http://www.bild.de/politik/ausland/michael-wolffsohn/antwort-an-kardinal-und-ekd-vorsitzendem-48758212.bild.html

IV.
Inwieweit Wolffsohns Mahnworte in höheren Kirchenkreisen gehört werden, gar zu Selbsterkenntnis führen, sei dahingestellt. Wie es intellektuell, keineswegs nur geistig-geistlich, in den höheren protestantischen Kirchenkreisen bestellt ist, ist unter anderem meinem Blog-Eintrag über die Synoden-Chefin (Präses)  Irmgard Schwaetzer und deren vorurteilsfreien Umgang mit dem modischen Niqab zu entnehmen: https://herbert-ammon.blogspot.de/2014/06/beichtspiegel-und-burka.html