Mittwoch, 30. November 2016

Wissenschaftliche Angstauflösung

I.
Merkels Finanzminister Schäuble, wie seine Kanzlerin kein Meister des Wortes, griff vor etwa einem Jahr in die Kiste seines Sprachschatzes, um dem populismusanfälligen Wahlvolk die populationspolitisch unverzichtbare Masseneinwanderung plausibel zum machen: Es handle sich um das „Rendezvous mit der Globalisierung“. Beides – Begriff und Metapher – sind analysebedürftig, teils ökonomisch-politisch, teils sprachlogisch. Dem tumben Volk ist derlei leider nicht zuzumuten, es versteht zu wenig von der Freiheit und Notwendigkeit global offener Märkte und den sie begleitenden Segnungen interkultureller Begegnung. Unter Rendezvous versteht Ottilie Normalverbraucherin einen (mask.) date mit allen möglichen Chancen. Die Chancen der Migration, namentlich die kulturelle Bereicherung, wollen oder können die Ethnobürger - das sind die, "die schön länger hier leben" (Angela Merkel) - angeblich nur die mit Haupt- und/oder Realschulabschluss, aber selbst  viele Abiturienten im führenden Bundesbildungsland Sachsen, nicht erkennen. Die Veränderungen in „unserem Land“ bereiten ihnen Angst, heißt es.

Was tun gegen derlei Angst (Pl. Ängste)? Zur Angstauflösung hilft womöglich eine kollektive Psychoanalyse. Und dafür ist die Wissenschaft gefragt. Wissenschaft wird heute mit Drittmitteln betrieben oder gleich direkt von gut dotierten Stiftungen in Auftrag gegeben. Eine Studie zu den diffusen Ängsten der schwindenden Mehrheitsbevölkerung wurde von der EU bei der Bertelsmann-Stiftung, der zivilgesellschaftlich wertebildungspolitischen Filiale des global aufgestellten („positionierten“) Verlags, in Auftrag gegeben und liegt nunmehr vor. Ergebnis: Die Angst vor der Globalisierung treibt den Populisten in Europa - namentlich erwähnt: AfD (78 Prozent), Front National (76 Prozent), FPÖ (69 Prozent) – angstbesessene Wähler zu. https://www.welt.de/politik/deutschland/article159852061/Angst-treibt-die-Waehler-zu-den-Rechtspopulisten.html

II.
Q.e.d. Offenbar existieren derlei Ängste nicht bei den Wählerinnen und Wählern de .nichtpopulistischen Parteien. Aus dem zitierten welt-online-Artikel ist auch nicht zu entnehmen, ob die demokratischen, also gesamtgrün etablierten Parteien, von gewissen Ängsten bezüglich künftiger Stimmenverluste beseelt sind. Hingegen sorgt sich Aart de Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, ehedem Sozialminister der Niederlande, angesichts des Studienergebnisses: „Wir dürfen das Werben um besorgte Bürger nicht den Populisten überlassen. Die etablierten Parteien müssen die Angst vor der Globalisierung in ihre Arbeit einbeziehen.“ Vielleicht beschäftigen die Parteien – oder deren Stiftungen – demnächst flächendeckend ein paar Streetworker zur Angstprävention.

Die Autorin der Studie Isabell Hoffmann sieht im Faktor Angst etwas Positives: „Das ist ein Hoffnungsschimmer für die Politik, denn Angst lässt sich leichter auflösen als fest zementierte Werte.“ Es sei bei derlei positiver Prognose immerhin vermerkt, dass die auf diese Weise angestrebte Auflösung der Angst in Widerspruch steht zu der von den Bildungszentralen betonten Fundierung der EU auf fest zementierten, nicht verhandelbaren Werten. (Aus eben diesem Grund werden die Beitrittsverhandlungen mit Erdogan nicht suspendiert.)

III.
Das Problem „Angstanalyse“ (gr. análysis, -e Auflösung) ist zu komplex, um in einer kurzspaltigen Kolumne gelöst zu werden. Stattdessen seien zwei der vielen Leserzuschriften zitiert, deren Autoren  leider anonym bleiben wollen. l: „Ich bin selber Wissenschaftler. Die ´Studie´ betrachte ich nicht als wissenschaftlich. ´Rechtsnational und populistisch´ ist eine Wertung. Liest man die Studie, so findet man noch wesentlich extremere Wertungen, dort ist sogar von Rechtsextremismus die Rede. Ich gehöre zu den Befürwortern wirtschaftlicher Globalisierung und zu den Skeptikern politischer Globalisierung. Nach den Autoren der Studie leide ich wegen letzterem unter ´Globalisierungsangst´. Warum unterstellen die Autoren der ´Studie´ mir und anderen Globalisierungsskeptikern ´Angst´ und somit Irrationalismus? Gibt es dafür wissenschaftliche Gründe? Diese ´Studie´ gibt nur ein Beispiel unter vielen ab, was Politik in der Wissenschaft anrichtet. Was wir benötigen, sind nicht mehr solcher Studien. Was wir benötigen, ist eine Trennung von Wissenschaft und Politik.“ (Jürgen L.)

2. Der/die Leserin A.V. schreibt kurz und bündig: "Mittlerweile findet man in Grimms Märchen mehr Wahrheit als in so manchen Studien."