Donnerstag, 28. April 2022

Anmerkungen zu unseren deutschen Sternchen-*Kriegern

Für die Leser (sc. w/m/d) meines Blogs stelle ich hier noch einmal meinen Globkult-Beitrag zur Kriegs- und Siegesbereitschaft unserer deutsch-postnationalen Sternchen-*Krieger (w/m/d) vor:

 

Ulrich Schödlbauer https://globkult.de/gesellschaft/projektionen/2193-wir-sternchenkriegerhat sich in unserem politisch-medialen Sternchen*-Kosmos umgeschaut und die die so gänzlich unerwartete Liebe der Post-Deutschen und/oder postnationalen Deutschen zum Planeten Mars, genauer: zu Theorie und Praxis des Kriegsgottes Mars entdeckt. Der Krieg, was die Deutschen seit Clausewitz eigentlich wissen sollten, aber nach der wundersam göttlichen Fügung bei Sedan siegesgewiss nicht mehr wissen wollten, ist eine Affäre, deren Ausgang stets ungewiss ist. Vor dem dritten Punischen Krieg warnte einst der arme B.B., jetzt auch U.Sch. Soll man, muss man wirklich so pessimistisch sein?

Anno 2022 sind wir, die Zivilgesellschaft, vom Kriegstrauma befreit, Defätismus – wer erinnert sich hierzulande noch an die Parole ›Lieber rot als tot!‹? – ist politisch passé. Deutsche Klimaretter*(innen), Politiker(*innen) und Pastor(*innen), auferstanden aus dem wohlstandsseligen Schlaf der Nachkriegsgeschichte, gewappnet mit republikanischer Tugend und demokratischen Werten (Dulce et decorum est pro humanitate morire, nec patria) sowie noch besserer Moral, fordern die totale Mobilmachung gegen Putin. Wenn derzeit schon keine direkte Nato-Intervention (mit kriegsuntauglichen deutschen Truppen) in der Ukraine strategisch und vertraglich möglich erscheint, so wenigstens die Lieferung von schwerem Gerät aus deutscher Produktion.

Der Grüne Anton Hofreiter, von Haus aus Biologe, erklärt auf Facebook seinen ›Standpunkt, der viele überrascht hat‹, i.e. die Ukraine mit deutschen Panzern zu unterstützen, wie folgt:

"Wenn Russland mit dem Eroberungskrieg davon kommt, ist das ein Signal in die ganze Welt: Eroberungskriege sind erfolgreich führbar. Das führt zu einer Militarisierung global. Es gibt in vielen Regionen der Welt Grenzen, die in Vergangenheit hin und her geschoben wurden und auch Nationalisten, die imperiale Pläne haben. Wenn klar ist, dass Putin mit solchen Plänen durchkommt, so ist dies ein Präzendenzfall (sic!) weltweit, dem viele Länder mit krasser Aufrüstung begegnen werden und auch mit einem Run auf Atombomben. Es wäre ein Rückfall in eine Welt, in der nicht internationales Recht gilt, sondern das Recht des Stärkeren. Und das in einer Zeit, in der wir wegen der Klimakrise dringend weltweit vertrauensvoll zusammenarbeiten müssen."

Wer könnte sich derlei historisch, politologisch, ökologisch und sprachlich fundierter Argumentation verschließen!? Immerhin ist der erste Satz nicht falsch, da kommt es auf den Rest nicht mehr so an. Hofreiter, vom linken Grünen-Flügel trifft zudem den richtigen Ton hinsichtlich der Grünen Jugend. Sie wird fortan deutsche Panzer nicht mehr so krass rassistisch, sexistisch und/oder nationalistisch finden.

Doch es gibt – außerhalb der mit Sex-Skandalen belasteten ›Linke‹-Partei – noch gewichtige Kritiker der allgemeinen Mobilmachung. Einer von ihnen ist der Soziologe und Publizist Harald Welzer (m). Im Wochenmagazin Stern kritisiert er Kollegen (*innen) an der Medienfront dafür, dass sie irreführende Assoziationen und Emotionen beförderten. Namentlich missfallen ihm die falschen Bilder vom richtigen Krieg: Hier die mit Rollkoffern flüchtenden Frauen und Kinder, dort die mit Waffen kämpfenden Männer. Da wird der Soziologe Welzer kämpferisch: ›Moment mal, was sind denn das für Rollenbilder, die hier gefeiert werden? Ist gerade 1914?‹ Und neuerdings spreche Selenskyj – er hat die Mobilisierung aller Männer zwischen 18 und 60 Jahren befohlen – gar vom Volkskrieg, das sei 19. Jahrhundert pur. Der Sternchen*-Soziologe beim Stern irrt sich: Vom ›Volkskrieg‹ träumten nicht wenige 68er noch im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Auch eine Erinnerung an 1914 ist durchaus ratsam, sofern Putins Krieg sich womöglich nicht auf die Eroberung des Donbass begrenzen lässt, was viele Pessimisten, vor allem im Baltikum und in Polen, befürchten.

Im Ukraine-Krieg geht es hierzulande zuvörderst um die richtige Gesinnung, nicht um das Elend des Krieges. Mathias Brodkorb, einst SPD-Kultusminister in Mecklenburg-Vorpommern, hat dies als gebürtiger ›Ostdeutscher‹ offenbar noch nicht hinreichend verstanden, wenn er die Geistesergießung des Stern-Soziologen wie folgt kommentiert: Das ist natürlich absolut zutreffend.Wenn schon Krieg, dann bitte gendergerecht. Was für eine intellektuelle und moralische Wohlstandsverwahrlosung, meine Güte! Brodkorbs Kommentar stieß bei einigen auf Unverständnis. Kein Zufall: Ironie ist in Kriegszeiten fehl am Platze.

War und ist Putins Krieg historisch zwangsläufig? Gab es nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums je Chancen für den Bau eines dauerhaft friedlichen Hauses Europa? Derlei Fragen zu stellen, ist derzeit inopportun. Für die meisten geht es seit dem 24. Februar 2022 – nach all den Versäumnissen von 2014 – um Grundsätzliches: um die Verteidigung der Demokratie und der westlichen Werte gegen den – in diesem Falle unzweifelhaften – Aggressor Putin sowie gegen die seit Iwan Grosny (›dem Schrecklichen‹) verwurzelte, historisch unaufhebbare Moskowiter Autokratie/Despotie.

Für uns Zeitgenossen begrifflich leichter verständlich erklärt der Yale-Historiker Timothy Snyder Putin zum lupenreinen Faschisten. Damit verfügen wir medialen Kriegsteilnehmer über ein moralisch einwandfreies Feindbild. Überdies stehen auf unserer Seite die Kämpfer der Asow-Brigade, ungeachtet fragwürdiger Insignien und Tattoos seit 2014 demokratisch resozialisiert oder durch Personalwechsel politisch geläutert. Putin sieht das nicht so. Für ihn sind alle Ukrainer Faschisten und/oder Nazis. Offenbar hat er während seiner Bildungsjahre als KGB-Agent in der DDR nicht mitbekommen, dass auch im Westen ›Faschismus‹ längst als Kampfbegriff dient.

Gewisse Zweifel an der demokratischen Tugendhaftigkeit der überfallenen Ukraine äußert in seinem Blog der frühere Welt-Redakteur Thomas Schmid (https://schmid.welt.de/2022/04/24/wie-demokratisch-ist-die-ukraine/). Bei aller Sympathie für Selenskyi und die Ukraine sei nicht zu übersehen, dass das Land ›nach wie vor eine sehr unvollkommene Demokratie‹ sei, institutionell weniger gefestigt als die anderen Staaten im östlichen Europa, die nach dem Ersten Weltkrieg ihre Unabhängigkeit erlangten. Unter Bezug auf den Historiker Andreas Kappeler nennt Schmid als Hauptgrund für das damalige Misslingen der angestrebten Staatlichkeit – im Kontext des russischen Bürgerkriegs 1918-1922 und des polnisch-russischen Kriegs 1919/20) – das Fehlen eines ethnisch geschlossene Kerngebiets. Heute hingegen schaffe der Krieg gegen Putin – in logischem Widerspruch zu vorstehendem Satz – die nunmehr multiethnische Grundlage sowie den Rahmen für die späte Staats- und Nationbildung der Ukraine. Dass dieser Prozess angesichts fortdauernder Korruption und ukrainischem Sprachnationalismus noch unvollkommen und widerspruchsvoll sei, vermerkt auch Schmid. Mehr noch: Der angestrebte Weg in den Westen, in die EU – und in die Nato? – werde nicht so leicht und so glatt verlaufen, wie es sich die Ukraine unter Selenskyi und ihre Unterstützer hierzulande vorstellten.

Nichtsdestoweniger mündet der Aufsatz in ein Lob des ukrainischen Freiheitswillens gegen die russisch-imperiale Autokratie. In geradezu euphorischem Ton spricht Schmid davon, dass ja gerade das zweite ukrainische Wunder geschieht: Im Kampf gegen den Aggressor wird die Ukraine wie nie zuvor zu einer geeinten Nation. Zu einer Nation, die nicht Ethnisches oder die Geschichte verbindet, sondern der heutige Wille, frei zu sein. Der Relativsatz schließt Zweifel aus.

Es ist anzunehmen, dass auch Thomas Schmid die grüne Forderung nach schweren Waffen für die Ukraine unterstützt. Ob er auf Sieg der Ukraine oder auf einen für die Ukraine schmerzlichen Putin-Frieden – Verlust des Donbass, der Schwarzmeerküste und der Krim – setzt, lässt er offen. Inwieweit er zu den Sterne*-Kriegern zählt, die im postheroischen Deutschland den neuen, jetzt demokratischen Kriegsgeist befeuern, ist eine Frage der Interpretation.

 

 


Freitag, 15. April 2022

Zu Anne Spiegels Absturz: Ideologie und Praxis

Das grüne Conclave hat im Handumdrehen eine mir und dem Wahlvolk bislang unbekannte - wiederum "linke" - Nachfolgerin für die über eine Politlüge gestolperte Anne Spiegel im Bundesministerium für Familie, Frauen etc. bestimmt. Nachfolgender  Kommentar zum späten, unvermeidbar gewordenen Rücktritt der Grünen-Politikerin Spiegel ist dadurch noch nicht obsolet geworden.

Die Grünen umgibt noch immer der medial verstärkte Rumor, bei ihnen gehe es menschlicher, da weiblicher, und im Umgang miteinander freundlicher zu als in anderen Parteien. Deren innerparteiliche Rivalitäten sind in der Regel weniger von Flügelkämpfen als von persönlichen Machtkämpfen bestimmt, die von Fall zu Fall – beispielsweise Söder gegen Seehofer oder Merkel vs. Merz - den Kalauer: Feind-Todfeind-Parteifreund bestätigen.

Bei den Grünen gab es nur in den stürmischen Anfängen gnadenlose Grabenkämpfe zwischen „Fundis“ und „Realos“. Doch längst hat sich das Bild geändert. Es gibt in der Öko- und Feminismus-Partei zwar noch Flügel – staatstragende Gemäßigte und staatstragende „Linke“ -, aber deren Exponenten und -innen (mit Genderstern) pflegen em Augenschein nach ein insgesamt freundschaftliches, ja geradezu liebevolles Verhältnis zu einander. Inwieweit diese Art des Umgangs, der in der medialen Öffentlichkeit bei Parteitagen u. dergl. wirksam zur Schau gestellt wird, auch im engeren parteilichen Umfeld gilt, wo es um die Besetzung von Posten, um die Befestigung von Freundschaften/Seilschaften sowie um die Herstellung von Mehrheiten geht, bleibt der interessierten Öffentlichkeit meist verborgen.

Der Rücktritt Anne Spiegels vom Amt der Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – nach Aufdeckung und spätem Eingeständnis von wiederholtem Fehlverhalten als Umweltministerin in Rheinland-Pfalz während der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 – mag im Sinne der parlamentarischen Demokratie folgerichtig erscheinen. Bei genauerem Hinsehen fiel die Entscheidung indes nicht im Kabinett von Bundeskanzler Scholz. Sie fiel in der Parteispitze der Grünen, wo Baerbock und Habeck, die Parteivorsitzenden Ricarda Lang und Omir Nouripour sowie deren Stellvertreter (w/m), den – von Spiegel zunächst mit der Bitte „um eine zweite Chance“ abgelehnten – Amtsverzicht beschlossen. Das Votum 0:6 fiel für Spiegel bitter aus.

Auf den erzwungenen Abschied aus dem Amt folgten die üblichen lobenden Nachrufe aus dem Munde Baerbocks, Omidpours und Langs, eben jener Parteifreunde (w/m), die sie soeben zum Abschied aus dem Ministeramt genötigt hatten. Ein klassisch grünes Lob kam von der Berliner Grünen-Bürgermeisterin Bettina Jarasch: „Sie hat ihr Amt als Ministerin mit einer feministischen und progressiven Geradlinigkeit angetreten, die diesem Land weiter gutgetan hätte.“

Mutmaßlich bedeutet der Rücktritt als Bundesministerin für Spiegel noch nicht das Ende ihrer Karriere als Politikerin. Zum politischen Spiel im Parteienstaat gehört nach einer Anstandspause das politische Comeback. Im Zweifelsfall versieht man die Ex-Ministerin mit einer gutdotierten Position in der Heinrich-Böll-Stiftung oder in einer der sonstigen, den Grünen verwandten Stiftungen und/oder NGOs.

Ich gestehe, überhaupt erst nach dem wegen eines ähnliche Urlaubsverhaltens erwirkten Rücktritt der NRW-Umweltministerin Heinen-Esser (CDU) mit einem derartigen Fortgang im „Fall Spiegel“ gerechnet zu haben. Im übrigen liegt mir fern, mich über Spiegels unter Tränen vorgetragenen Versuche, ihre Fehler mit übermäßigen familiären Belastungen zu entschuldigen, zu mokieren. Häme gehört ins politische Hinterzimmer. Peinlich war nur die Falschbehauptung über die angebliche Konferenzteilnahme per Video.

In Wirklichkeit war die Grünen-Politikerin Spiegel bereits in dem Augenblick untragbar, als sie ihr Fehlverhalten – ein Bierchen zur Entspannung statt Verantwortung im Amt angesichts einer hereinbrechenden Katastrophe – mit grün-deutschem Politkauderwelsch zudeckte. Da ging´s in einer message an ihre Untergebenen zur Abwehr des erwarteten „blame-gaming“um das richtige „wording“ sowie zum Schluss - bezüglich des Management der politisch misslichen Lage um „Hauptsache Gendern“. Es ist billige Ideologie, die hinter dem Anspruch auf moralisch überlegene grüne Praxis zum Vorschein kommt. Ob das persönliche politische Versagen an jenem Unglückstag allein aus derlei penetranter Ideologie zu erklären ist, sei dahingestellt. Jedenfalls war es damit korreliert und hätte allein für einen Rücktritt genügt. Es bedurfte aber erst der Widerlegung einer Falschbehauptung (Lüge) in ihrer Urlaubsgeschichte, um die Familienministerin aus dem Amt zu befördern.








Samstag, 9. April 2022

Gedenken in der Gegenwart eines Krieges

Heute ist der Gedenktag für Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April 1945 am Galgen im KZ Flossenbürg starb. Sofern ein Gedenken an den Märtyrer-Theologen, der  mit seinem Widerstand gegen das Nazi-Regime die patriotische Hoffnung - ein hierzulande über Jahrzehnte hin weithin ausgeblendetes Motiv - auf eine Selbstbefreiung Deutschlands verband, in diesen Tagen stattfindet, wird es überschattet von den Schrecken des über die Ukraine hereingebrochenen Krieges.

Im Hinblick auf die Realität eines Krieges, wie man ihn - nie ganz widerspruchsfrei - im pazifistisch grundierten, "linken" Nachkriegsprotestantismus als sündhaften Verstoß gegen das Friedensgebot begriff, stellen sich erneut grundsätzliche Fragen politischer Ethik. Bereits stets haftete den Friedensbekenntnissen von Protagonisten des Protestantismus - aber auch von linkskatholischen Aktivisten wie Pax Christi - eine gewisse Ambivalenz an, insofern sie - maßgeblich im Kontext der lateinamerikanischen Befreiungstheologie mit der Rechtfertigung von befreiender Gewalt aus unterdrückerischer struktureller Gewalt einherging. Weltweit, gerade auch im geteilten Deutschland, diente die Explikation der - in einem anderen historischen Kontext verfassten - Schriften Bonhoeffers zur Legitimation eigener politischer Positionen. In der DDR reklamierten Theologen wie Hanfried Müller Bonhoeffer für das DDR-Regime, andere wie der Bonhoeffer-Schüler Albrecht Schönherr für die friedenspolitsche Hinnahme des Status quo im Zeichen der "Kirche im Sozialismus". Auf der anderen Seite ermutigte das Vermächtnis des Widerstandskämpfers Bonhoeffer Regimegegner wie Ludwig Mehlhorn zur kompromisslosen Opposition gegen die SED-Diktatur sowe gegen die sowjetische Vorherrschaft in Osteuropa.

Inwieweit in der gegenwärtigen Situation des von Putin eröffneten Krieges die theologischen Aussagen Bonhoeffers, sein Kampf gegen "die Maskerade des Bösen",  für politische Entscheidungen - für die mit Waffen unterstützte Parteinahme der Bundesregierung für die Ukraine - im kirchlichen Raum in die Debatte eingebracht werden, steht noch offen. Immerhin erleben wir dieser Tage in Deutschland eine unerwartete, emotionale Bejahung eines offenbar "gerechten" Krieges gegen den (unzweifelhaften) Aggressor Putin. Unbeirrrt pazifistisch klingende, der politischen Realität - und den verantwortungsethischen Dilemmata von Realpolitik entrückte  - Stimmen wie die der früheren Bischöfin Margot Käßmann sind derzeit die Ausnahme.

Können wir im Werk von Dietrich Bonhoeffer, dem vor 77 Jahren ermordeten Widerstandskämpfer,  überzeugende, politisch praktikable Direktiven für friedensethisches Handeln in der Gegenwart finden?  Diese Frage ist beispielsweise an den früheren Ratsvorsitzende der EKD Wolfgang Huber zu richten, der anno 2019, drei Jahre vor der "Zeitenwende" am 24. Februar 2022,  ein Porträt des Märtyrer-Theologen verfasst hat, das geistig-geistliche Wegweisung für das 21. Jahrhundert vermitteln soll. 

Vor dem Hintergrund der von Huber nur indirekt angesprochenen, zunehmenden Indifferenz gegenüber der christlichen Glaubenstradition  und der kriegspolitisch - sprich: dezisionistisch - zugespitzten Gegenwart verweise ich auf meine Globkult-Rezension (https://www.globkult.de/geschichte/rezensionen/2139-wolfgang-huber-dietrich-bonhoeffer-auf-dem-weg-zur-freiheit-ein-portraet) des Buches, die jetzt auch auf Tabula Rasa Magazin  erschienen ist: https://www.tabularasamagazin.de/wolfgang-huber-portraetiert-den-maertyrer-bonhoeffer-fuer-die-gegenwart/

Dienstag, 5. April 2022

Assoziativ Kritisches zu einem Kriegskommentar

In einem Interview in der Neuen Zürcher Zeitung hat der Osteuropa-Historiker und Gewaltforscher Jörg Baberowski sein Befremden darüber geäußert, wie schnell angesichts des Krieges in der Ukraine in der friedensgewohnten, von einer pazifistischen Grundströmung getragenen deutschen Gesellschaft ein Umschwung zu bellizistischen Sentiments erfolgt sei. "Ich habe mich gewundert, wie leichtfertig ausgerechnet in Deutschland über den Krieg gesprochen wird. Gestern noch wurde der Krieg verdammt und der Pazifismus beschworen, und heute schon ist von tapferen Helden, ruhmreichen Abwehrschlachten und vom nationalen Stolz der Verteidiger die Rede. Vor Wochen noch wären Bekenntnisse dieser Art mit Verachtung gestraft worden. Ich frage mich jedoch, ob die Feldherren, die im Lehnstuhl sitzen und kluge Ratschläge erteilen, eigentlich wissen, was eine Flugverbotszone ist und wie man sie sichert, was man sich unter einem Häuserkampf in einer zerstörten Stadt vorstellen muss und was die Entfachung der Leidenschaften bewirkt."  (https://www.nzz.ch/feuilleton/joerg-baberowski-aus-dieser-schwaeche-wachsen-die-unermesslichen-greuel-des-krieges-ld.1677580?)

Gegen diese Kritik an unbedachter, emotional gesteuerter Parteinahme erhob der Hannah-Arendt-Experte (und Globkult-Autor) Boris Blaha den Vorwurf, Baberowski bevorzuge -  auf Kosten einer "politischen Perspektive" -  eine distanzierte, " klassische akademische Perspektive". Eine solche akademische Perspektive werde im Hinblick auf den eklatierten Krieg der politischen Realität nicht gerecht: "Die Frage, was für uns auf dem Spiel steht" - eine das "Politische" umschreibendes Diktum Hannah Arendts - werde und könne im Rahmen dieser Perspektive nicht gestellt werden.

Blahas Facebook-Kommentar zu vermeintlich unstatthafter akademischen Zurückhaltung inspirierte mich zu einer in "ein paar kritische,  assoziative Gedanken" gefassten Replik. Die nachfolgenden, ad hoc formulierten Überlegungen zielen als Denkanstoß auch auf all jene, die eine umfassende, eben auch militärische Unterstützung der Ukraine fordern, um den russischen Aggressor in die Knie zu zwingen.

Baberowski spricht über die Spirale von mörderischer Gewalt, die aus dem Fehlschlag der von Putin als rapide und risikolos geplanten Invasion resultiere. Seine Perspektive auf den Krieg ist durchaus nicht teilnahmslos. Wer nicht selbst in den Krieg hineingerissen ist und den eigenen Tod ins Auge fassen muss, bezieht keineswegs eine emotionslose, akademische Perspektive. 

Er denkt über die Ursache(n), die grauenvollen Fakten, den möglichen Ausgang und - sofern sich nicht totaler Sieg oder völlige Niederlage der einen oder anderen Seite abzeichnet - über den daraus resultierenden, in der Regel faulen Frieden nach. Der Krieg ist - frei nach Clausewitz - meist, nicht immer, ein Spiel mit ungewissem Ausgang. Das Ergebnis birgt sodann den Keim zu fortgesetzter Feindschaft und zu neuem Konflikt. Ausnahmen: die Kabinettskriege des 18. Jahrhunderts, der Wiener Kongreß, 1945.

Was steht "für uns"  auf dem Spiel? Vorab: Wer sind "wir"? Wir, die wohlstandsgewohnten Mittelklässler, unsere von russischem Gas abhängige Industrie sowie alle "die hier Lebenden"? Die Ampel-Regierung? Die friedensbewegten, postnationalen Deutschen, die ihre eigene politische Position in Europa nicht mehr bestimmen wollen oder können? Wer sind "wir", wer sind "die"? Wer ist der Feind? Der Verfassungsschutz hat Carl Schmitt verboten, also gibt es für uns - außer den in Putinisten und Asowisten gespaltenen, interbrigadistisch engagierten Neonazis - keinen Feind mehr.

Was also steht für uns auf dem Spiel? Da die Bundeswehr auf absehbare Zeit kriegsuntauglich ist, sind "wir" der Frage enthoben. Wir dürfen aber für die Ukraine spenden, wir dürfen uns mit Steinmeier schämen, uns als Kirchensteuerzahler (sc. K-ende) mit den Protestanten (sc. P-innen) schuldig fühlen, uns über die Bilder entsetzen und wider alle Hoffnung hoffen, dass das Spiel möglichst bald zu Ende geht.

Schon jetzt, nicht erst, wenn die Schrecken des Krieges in der Ukraine versiegen, findet ein politisches Spiel statt,  auf das "wir" - die selbst als Wahlvolk nur als Zuschauer am Spiel Beteiligten - leider keinen Einfluss haben. Wir dürfen aber auf unsere gründeutschen Eliten vertrauen, dass sie wissen, was auf dem Spiel steht.


 


 


Montag, 28. Februar 2022

Vermächtnis eines englischen konservativen Denkers

Für die mutmaßlich überschaubare Anzahl von Lesern (sc. -innen), die sich unmittelbar für meinen Blog interessieren, ohne als erstes auf Globkult zuzugreifen, stelle ich hier noch einmal den Link zu meiner Besprechung des (vor-)letzten, erst 2021 nach dem Tod des Autors auf Deutsch erschienenen Buches von Roger Scruton vor. Obgleich auch ich mit zunehmendem Alter "konservativer" geworden bin, betrachte ich mich keineswegs als Konservativen. Zu bewahren gilt es stets die Freiheit des Denkens gegenüber ideologischen Zumutungen sowie den politischen Anspruch auf Teilhabe ("Partizipation") in der res publica gegenüber etablierter Macht und Herrschaft. Die Chancen, die Grenzen und die Begrenzung dieser Teilhabe in der Massendemokratie sind der Kritik zu unterziehen (zu "hinterfragen").

Mit den neuesten "linken" Strömungen, welche der Tradition der Aufklärung im Zeichen der kritischen Vernunft entgegenwirken, die Aufklärung de facto ruinieren - gemeint ist die "dekonstruktivistische" Modelinke sowie die  identitäre "woke"-Ideologie samt genderistischen Derivaten -, habe ich indes nichts im Sinn. 

Schade, dass Scruton unter den Protagonisten der "French Theory" nicht auch Jacques Derrida sowie die Gender-Päpstin Judith Butler und deren akademisches Gefolge ins Visier genommen hat.

Eine Passage, in der Scruton als christlicher Platoniker und aktives Mitglied der anglikanischen Hochkirche Sympathien für die -  den Tod in der Shinto-Religion sublim integrierende - Kultur Japans unter dem sich nach außen abschließenden Tokugawa-Shogunat (= Edo-Zeit 1603-1868) äußert, bedarf noch einer kritischen Nachfrage. Die Abschließung sicherte dem geeinten Inselreich zwar Ruhe und Sicherheit, bedeutete aber auch historische Stagnation. Von dem christlichen Konservativen Scruton hätte man Sympathien für die nach der "erfolgreichen" Missionierung durch die Jesuiten blutig unterdrückten christliche Minderheit erwartet. 

Des weiteren geht es um die auch von Konservativen nicht abzuleugnende Dialektik des Geschichtsprozesses. Im Falle Japans führte die 1863 von Commodore Perry erzwungen "Öffnung" Japans innerhalb einer Generation zum Aufstieg als moderne Industrie- und Militärmacht, zu imperialem Ausgreifen und zum Konflikt mit den Mächten Europas sowie ab 1931/1937 mit den USA.

Schade, dass Sir Roger - etwa im Anschluss an Alexis de Tocqueville -  über die dem Geschichtsprozess, insbesondere in der ökonomisch-technischen Moderne, inhärente, mit Hegels Vernunftbegriff nicht zu fassende Macht unaufhaltsamer Veränderung nicht noch umfassender reflektiert hat.

Dessen ungeachtet bleibe ich bei meiner Leseempfehlung: https://www.globkult.de/gesellschaft/besprechungen-gesellschaft/2168-roger-scruton-narren-schwindler-und-unruhestifter-linke-denker-des-20-jahrhunderts

auch unter: https://www.achgut.com/artikel/die_dekonstruktion_der_linken_meisterdenker

 


Dienstag, 22. Februar 2022

Von der Hauptstadtkultur im Zeichen des Mülls

Demos und Aktivismus für gute Zwecke - für die Klimarettung und/oder für offene Grenzen, gegen Coronaleugner, allgemein gegen Nazis - gehören zur politischen Kultur der Hauptstadt. Als vor knapp zwei Wochen Menschen (= Aktivist:Inn*en, w/m/d) die Stadtautobahn blockierten, um das Klima vor den Autofahrenden zu retten, fanden sie verständnisvolle Berichterstattung auf RBB. Denn Verkehrsstaus auf dem Stadtring sowie auf anderen, schlaglochreichen Verkehrsadern gehören seit je zum Berliner Stadtbild. Nur die BZ (Springer, nicht Holtzbrinck) entrüstete sich darüber, dass eine von Wehen geplagte Schwangere auf der Fahrt in die Klinik in die Blockade geriet. Zum Glück für die Berliner Autofahrenden ist die Klima-Kampftruppe in diesen Tagen, da wegen Putin Nord Stream 2  klimarettend gestoppt wird, nach Hamburg verlegt worden, um dort ihre Hintern  CO2-frei  auf die Straße zu kleben.

Zur Phänomenologie der Hauptstadt - mit einer grünen Senatorin für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz – gehören Street Art, der Dreck und die aus Sprühdosen stammenden Graffiti. Gegen die Farbprodukte deutscher Chemie ist kein handwerklich noch so sorgfältig aus rotem oder ockergelbem Klinker errichtetes Mauerwerk geschützt, kein unlängst sanierter S-Bahn-Bogen, keine frisch gestrichene Wand eines genossenschaftlichen Wohnblocks. Übernimmt die Versicherung die Kosten fürs Überstreichen des Sprühwerks? Wenn ja, steigt die Prämie. Und klar, wenn die Mieten steigen, sind die Miethaie schuld. Das alles wird sich erst ändern, wenn wir die „Deutsches Wohnen“ endlich enteignet haben...

Kein Briefkasten, kein Stromverteiler, keine Bushaltestelle, die nicht nächtens die schöpferischen Impulse der Kids im Kiez weckt. In den Augen reaktionärer Bürger und -innen mag es sich bei den als Graffiti deklarierten Sprühwerken um das handeln, was sie sind: sinnlose Schmierereien. Aber müsste der Dreck an der Bushaltestelle samt angrenzender Grünanlage - Pappbecher, Verpackungen von Schoko-Riegeln, Plastiktüten, Taschentücher, die von widrigen Winterwinden hingewehten Corona-Masken, ab und zu eine Red Bull-Flasche -  nicht auch den grün-linken Vorkämpfenden des umweltschonenden Nahverkehrs missfallen?  Nein, auch diese Produkte gehören zur hiesigen Street Art! Fragen zur Ästhetik kommen allenfalls aus dem Munde einer für die demokratische Kultur der Stadt irrelevanten Minderheit, womöglich aus der AfD-Ecke! Deren kleinbürgerlicher Geschmack beschränkt sich bekanntermaßen auf die Barockfassade des mit Bundestagsmehrheit wiedererrichteten Humboldt-Forums, der bildungsfernen Bevölkerung bekannt unter der Fehlbezeichnung "Schloss". Solchen Leuten – alte weiße Männer, in Grunewald-Villen sozialisierte Damen mittleren Alters sowie Berlin-Touristen im Rentenalter – missfällt mutmaßlich auch der demokratische Appell auf den frisch gestrichenen Elektrokästen: Fuck Nazis!

Gehöre auch  ich zu der von Sauberkeitswahn besessenen reaktionären Minderheit? Noch befangen in derlei Selbsterforschung stieß ich unlängst auf die Beilage „Vier Seiten Kunst, Politik und Stadtgefühl“ in  „Der Tagesspiegel" (05.02.2022). Da schreibt der Redakteur Werner van Bebber - unter der Überschrift „Stoppt die öffentliche Verwahrlosung!“ -  folgendes: „Berliner Straßen belegen die These der ´Broken-Windows-Theorie´: Wo Müll ist, wird mehr Müll. Mit der Umsetzung der Theorie hat ein ruppiger New Yorker Polizeichef seine Stadt wieder proper gemacht.“ (Anm: Der Text lässt den Namen Rudi Giuliani, Intimus von Donald Trump, unerwähnt.) Aber: „In Berlin schuf der Senat 2004 die Ordnungsämter, damit Ordnung werde. Viel hat sich nicht geändert“, außer „der Umgang mit der Hundescheisse...“

Hauptstädte sind außerhalb der Hauptstadt selten beliebt – zu Recht. Indes handelt es sich bei der demokratischen Toleranz von Müll - wie auf jeder Reise in deutsche Großstädte zu erfahren - keineswegs um eine Berliner Besonderheit. Das Frankfurter Bahnhofsviertel kann es locker mit dem Cotti, dem Helmholtzplatz oder der Warschauer Brücke aufnehmen. Eine nichtdeutsche Verwandte (ohne Doppelpass) bemerkte, dass Nürnberg „immer schmutziger“ werde, und dies ausgerechnet angesichts der UNO-Menschenrechtssäulen. Die Hansestadt Bremen übertrifft in puncto Dreck die Hauptstadt. 

Dass es anderswo nicht anders, nicht besser ist, wollen die Berliner nicht gelten lassen. Sie lieben ihren Kiez, mitsamt dem Müll. Politisch bereinigt werden in der Hauptstadt nur die Straßennamen.






Mittwoch, 26. Januar 2022

Grüne Kröten fürs ökopatriotische Volk

Für die Fans (d/m/w) meines Blogs stelle ich hier nochmal meinen soeben auf Globkult veröffentlichten Kommentar zum grünen Ökopatriotismus und dessen theoretischen und politischen Widersprüchen vor:

von Herbert Ammon

Dass die Grünen in diesem unserem Lande das Curriculum politischer Bildung bestimmen, ist dem mündigen Bürger (w/m/d) seit langem klar. Seit sie mit fünf Ministerien in der Ampel-Regierung sitzen, sind sie dank Koalitionsvertrag bemächtigt, ihren Lehrplan – in derzeitiger Taxonomie: Klimarettung (=EEG), moderne Einwanderungsgesellschaft, diversity und Sonstiges, darunter Frieden – bundesweit durchzusetzen.

Taxonomie ist ein Terminus der Curricularforschung, die seit den 1960er Jahren aus den USA importiert, das angestaubte – föderale, duale und dreigliedrige – (west-)deutsche Bildungssystem modernisieren sollte. Der Lehrerfolg in Schule und Unterricht sollte fortan an Lernzielen bemessen werden, die wiederum taxonomisch in kognitive, instrumentelle und affektive (oder affektuelle) unterteilt wurden.

Der über Generationen fortwirkende Erfolg der Curricularforschung spiegelt sich in der Popularität der Grünen bei der ökologisch bewegten Jugend, insbesondere in der FfF-Bewegung. In deren Taxonomie stehen die affektiven Lernziele obenan, die durch Demonstrationseifer anstelle von Unterricht freitags zu realisieren sind. Allerdings haben im zweiten Corona-Jahr die affektuellen Demonstrationen der Impfgegner bzw. ›Corona-Leugner‹ die gesamtgesellschaftlichen Lernerfolge der klimarettenden Schuljugend deutlich überlagert. Bei der bildungswilligen Jugend überwiegt derzeit das Interesse an Präsenzunterricht vor dem Verlangen nach Gemeinschaftserlebnissen auf der Demo.

Nichtsdestoweniger steht die Klimarettung in der von den Grünen definierten Agenda der Ampel ganz obenan. Es geht um den Ausbau der EEG, maßgeblich durch saubere, klimarettende Windräder auf zwei Prozent der Gesamtfläche Deutschlands (=7000 km², etwa die halbe Fläche von Schleswig-Holstein). In den grün dominierten Bundesländern ist man mit Eifer dabei, die zeitlich noch ungewissen Klimaziele – das Zieljahr 2030 wurde soeben gecancelt – ›flächendeckend‹ zu erreichen. Ein SPD-Politiker aus der niedersächsischen Küstenregion hat die die grüne Flur ästhetisch beherrschenden, Vögel und Insekten mit Flügelschlag reduzierenden Artefakte der Postmoderne inzwischen als Teil seiner Kulturlandschaft schätzen gelernt.

Nur Bayerns Ministerpräsident Söder sträubt sich noch ein bisschen dagegen, aus Rücksicht auf konservative Landeskinder und CSU-Wahlvolk, das die Fluren, die Gaue und den weiß-blauen Himmel vor noch mehr Windrädern bewahrt wissen will. Ausgerechnet Söder, der fränkische Hüter des bayerischen Vaterlands, muss sich nun von Robert Habeck den Vorwurf des mangelnden ›ökologischen Patriotismus‹ anhören. Patriotismus? Das Wort kommt von patria, zu deutsch: Vaterland. In einem seiner Bücher fand Habeck das Wort immer ›zum Kotzen‹. Jetzt ist es, ideologisch gewendet, okay, was auch dem historisch weniger gebildeten Volk einleuchtet. Denn gestorben wurde in Afghanistan nicht mehr fürs Vaterland, sondern taxonomisch für Demokratie, Frauen- und Menschenrechte.

Die Gefahr für das grüne Klimarettungsprogramm kommt indes nicht aus Bayern, sondern aus Brüssel. Die EU-Kommission hat auf Druck Macrons und mit der Mehrheit der Mitgliedsstaaten eine Taxonomie klimaschonender Energiegewinnung etabliert, in der – wie schon kurzzeitig von Greta Thunberg aus dem atomfreundlichen Schweden favorisiert – die Nuklearenergie weit oben rangiert.

Mit dieser ›Kröte namens atomfreundliche Taxonomie‹ setzen sich in einem Artikel (in: FAZ v. 18.01.2022, S. 4) Daniel Cohn-Bendit und Claus Leggewie auseinander. Sie schreiben: »Die Grünen stecken in einem doppelten Dilemma«. Das Dilemma besteht zum einen rein materiell im höheren Energiebedarf der ökologisch umgerüsteten Industriegesellschaft sowie den von Habeck bereits angekündigten weiter steigenden Preisen für die grüne Energie. Einkommensschwache Haushalte (›Menschen mit geringerem Einkommen‹) sollen naturgemäß vom Staat entlastet werden. Das andere Dilemma betrifft die ureigene grüne Gründungsideologie, den Kampf gegen AKWs und die Atomrüstung. Mit Blick auf Frankreich umkreisen die Autoren das Dilemma, genauer: den Widerspruch zwischen dem seit Merkels Kehrtwende 2011 beziehungsweise bis Jahresende 2022 AKW-freien Deutschland und dem auf Atomenergie setzenden Frankreich.

Auf spezifische Weise behandeln die Autoren auch das mit der französischen Nuklearrüstung verknüpfte Dilemma: Man könne ja kritisieren, aber man müsse zur Kenntnis nehmen, dass die atomare Rüstung »als Eckpfeiler des französischen Souveränitätsstrebens« diene. Die Auflösung des doppelten Widerspruchs – keine Nuklearwaffen ohne Atomindustrie – erfolgt in einem erweiterten Relativsatz: »Im Kern geht es um die atomare Bewaffnung, die übrigens auch zur europäischen Souveränität beitragen kann.« Derlei grün-europäische Auflösung durch Überspielung eines Widerspruchs würde kein Deutsch- oder Französischlehrer in einem Besinnungsaufsatz der Oberstufe durchgehen lassen.

Theoretische Widerspruchsfreiheit ist für den Erfolg grüner Politik bei dem zwischen apokalyptischer Klimaerhitzung und technokratischem Optimismus oszillierenden jungen Wahlvolk kaum nötig. Entscheidend ist die Akzeptanz der oben skizzierten grünen Taxonomie. Affektive Lernziele sind überdies leichter erreichbar als kognitive. Für deren Internalisierung ist der Grünen-Anhang durchaus bereit, ein paar Kröten zu schlucken.

https://www.globkult.de/politik/deutschland/2156-taxonomische-und-patriotische-kroeten-nicht-nur-im-land-der-bayern

 

 

 

Dienstag, 18. Januar 2022

Der neue kalte Krieg

Ein kurzer Auszug aus meinem unter der Rubrik "Geopolitik" erschienenen Aufsatz "Der neue kalte Krieg", in: "Tichys Einblick" 02/2020, S. 20- 4:

 

Noch in diesem Jahrzehnt wird die formal kommunistische Volksrepubik China, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), die USA als weltweit stärkste Wirtschaftsmacht ablösen. In nahezu allen Weltregionen ist das ostasiatische „Reich der Mitte“ dabei, unter dem Banner der „Neuen Seidenstraße“ (Belt and Road Initiative / BRI), der Proklamation eines vermeintlich allein friedlichen Zwecken und dem Fortschritt der Menschheit dienenden Konzepts, seine ökonomisch-politischen Machtinteressen zu entfalten. Diese Entwicklung ist begleitet von einem atemberaubenden Ausbau seiner Militärmacht einschließlich des Arsenals an Atomwaffen.

Das Selbstbewusstsein der chinesischen Führung kommt in dem Satz von Chen Yixin, dem ranghohen Vertrauten des Präsidenten Xi Jinping zum Ausdruck: „Der Aufstieg des Ostens und der Niedergang des Westens ist ein irreversibler Trend, die internationale Landschaft verändert sich zu unseren Gunsten“. Worte und Fakten signalisieren weitreichende politische Absichten. Vor diesem Hintergrund wird in den USA - und zwar verstärkt seit Bidens Amtsantritt - eine Debatte über das künftige Verhältnis zu China geführt. […]

[Nur geringer ] Zweckoptimismus durchzieht die Aufsätze der jüngsten Ausgabe von Foreign Affairs, deren Deckblatt die Porträts der Präsidenten Biden und Xi ziert, dazwischen die Überschrift „The Divided World. America´s Cold Wars“.[...]

„Internationale Systeme sind anarchisch, und Theoretiker sagen uns, dass kein Teil von Ihnen voll kontrolliert werden kann“, schreiben Hal Brands und John L. Gaddis. Die Einsicht in die Realitäten der „anarchischen“ Weltordnung des 21. Jahrhunderts ist hierzulande, wo man politischer Komplexität lieber mit Weltrettungspathos begegnet, noch immer wenig verbreitet. [...]

Nach den langen Jahren der Ära Merkel, die ein ungeordnetes Wechselspiel von Moral- und Interessenpolitik erlebten, bleibt zu sehen, wie die neue Bundesregierung mit den machtpolitischen Gegebenheiten der multipolaren Welt umzugehen gedenkt.

 

Freitag, 14. Januar 2022

Auf den bündischen Spuren des Widerstands

Für Leser meines Blogs nachfolgend der Text meiner Globkult-Besprechung (https://www.globkult.de/geschichte/rezensionen/2151-fritz-schmidt-juergen-reulecke-hans-scholl) der jüngsten Publikation zu Hans Scholl und seinem bündischen Umfeld:


Im Mindener Kreis pflegen Veteranen der deutschen Jugendbewegung die Erinnerung an ihre ›bündischen‹ Wurzeln, insbesondere an die weithin vergessene Rolle bündischer Gruppen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. In der Schriftenreihe dieses Kreises ist ein Heft erschienen, das – vor dem Hintergrund reichhaltiger Literatur zur Weißen Rose und oft einseitiger Deutungen ihres Vermächtnisses – Beachtung verdient.

Der Autor Fritz Schmidt hat in sorgfältiger Archivarbeit erneut die Lebensstationen des jungen Hans Scholl in der historischen Szenerie des ›Dritten Reiches‹ verfolgt. Den Ansatz der Studie, zu der Jürgen Reulecke als Fachhistoriker ein Geleitwort beigesteuert hat, verdeutlicht der zweite Untertitel: Hans Scholl im Umfeld von dj.1.11 und sein verschlungener Weg in den Widerstand.

Die ehedem legendäre dj.1.11 gründete in einer von Eberhard Koebel (1907-1955) inszenierten Abspaltung von der Deutschen Freischar. Der wie viele Jugendbewegte romantisch-nationalistisch orientierte – und vom Zen-Buddhismus faszinierte – Koebel (tusk), Verfasser einer ›Heldenfibel‹, changierte in den Weimarer Krisenjahren und nach der ›Machtergreifung‹ zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus. 1934 geriet er in die Fänge des Nazi-Regimes und konnte, nach zwei Suizidversuchen schwer verletzt, über Schweden nach England emigrieren. Von dort unterhielt er Kontakte zu früheren Gefolgsleuten.

Seit 1935 verfolgte die Gestapo auf Anweisung von Reinhard Heydrich die ›bündischen Umtriebe‹, wobei auch Sittlichkeitsvergehen gemäß Paragraph 175 ins Spiel gebracht wurden. In den von tusk inspirierten Freundeskreisen, die innerhalb und am Rande der HJ ihr ›autonomes‹ Gruppenleben kultivierten, treffen wir auf heute nahezu unbekannte Namen. Einer von ihnen – ohne spezifischen biografischen Bezug zu Hans Scholl – war der jüdische, 1933 nach Prag emigrierte Architekturstudent Helmut (›Helle‹) Hirsch (geboren 1916). Von Koebel ermutigt, suchte er den Kontakt zu dem von Prag aus operierenden früheren Hitler-Anhänger Otto Strasser, seit 1930 als Chef der ›Schwarzen Front‹ – und als Bruder des beim Röhm-Massaker 1934 ermordeten Gregor Strasser – ein Intimfeind des ›Führers‹. Hirsch ließ sich zu dem Versuch überreden, die Nürnberger Parteitagstribüne in die Luft zu sprengen. Bereits bei seiner Ankunft in Stuttgart verhaftet, wurde der amerkanische Staatsbürger Helmut Hirsch vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt und – trotz Intervention der amerikanischen Botschaft – am 4. Juni 1937 in Berlin-Plötzensee mit dem Fallbeil ermordet.

Zu Koebels d.1.11- Adepten zählte anfangs auch Max von Neubeck, Fähnlein- und Jungzugführer in der Ulmer Hitlerjugend, in die Hans Scholl, bis dahin Mitglied im CVJM, am 1. Mai 1933 eintrat. Eine für alle Scholl-Geschwister biografisch bedeutsamere Rolle spielte sodann der literarisch ambitionierte Ernst Reden, der in Ulm seinen Militärdienst ableistete und mit dem emigrierten Koebel in Kontakt stand. Im Sommer 1935 wurde Reden erstmals wegen seiner »zersetzenden«, auf Hochverrat (!) hindeutenden Aktivitäten »außerhalb der Staatsjugend« (zit. 21f.) von der Gestapo verhört. Ab 1936 wurde sein Briefverkehr polizeilich überwacht.

Im November und Dezember 1937 wurden die Ulmer Freunde um Hans Scholl sowie Ernst Reden verhaftet. In dem Prozess vor dem Sondergericht Stuttgart am 2. Juni 1938 zielte die Anklage – unter Bezug auf die nach dem Reichstagsbrand von Reichspräsident Hindenburg verfügte Notverordnung ›Verordnung zum Schutz von Volk und Staat‹ vom 28.Februar 1933) – auf die ›Fortsetzung der bündischen Jugend u.a.‹. Hans Scholl und andere Mitangeklagte kamen mit unter eine Amnestie fallende Strafen frei davon. Redens Strafe von drei Monaten Gefängnis blieb indes rechtsgültig. Er galt als vorbestraft, was den Ausschluss aus Universität und Studium nach sich zog. Vergehen gegen Paragraphen 175 standen sowohl bei Hans Scholl als auch bei Ernst Reden auf der Anklageschrift. Während es sich bei Scholl, der sich alsbald in allerlei Liebesabenteuer stürzte, um jugendtypische Ersatzhandlungen handelte, fällt die Orientierung des empfindsamen, über Jahre um Inge Scholl werbenden Ernst Reden – »ein Zweifler und Suchender, der nach Gott und sich selber suchte, voller Sorge um Heimat und Vaterland« (29) – nicht ganz eindeutig aus. Laut Schmidt muss die Reden zugeschriebene Homosexualität ungeklärt bleiben. Nachdrücklich verteidigt er Reden – er starb nach einer Verwundung im August 1942 in einem Lazarett in der Ukraine – gegen den Vorwurf, ein »führertreuer Nationalsozialist« gewesen zu sein. (23)

Zu Recht schreibt Schmidt im Hinblick auf die von zeittypischem Erkenntnisinteresse – und einem Mangel an historischer Empathie – geprägten Arbeiten von Robert M. Zoske und Sönke Zankel, dass sie »die Realitäten im sogenannten Dritten Reich nicht einschätzen können.« (69) Zankels Arbeiten sind geprägt von ahistorischer Oberlehrerhaftigkeit bezüglich der bei Hans Scholl und Alexander Schmorell angeblich allzu lange mangelnden demokratischen Gesinnung. Zoske geht es entgegen aller Evidenz durchgängig um den Nachweis von Homosexualität bei Hans Scholl (sowie in seiner Sophie-Scholl-Biographie um latente lesbische Neigungen bei der jüngeren Schwester). Zur weiteren Widerlegung der »Obsessionen« des Theologen und früheren Pastors hat Autor Schmidt nach Erscheinen von Zoskes Scholl-Biografie (Flamme sein!, 2019) einen Aufsatz angefügt. (86-89).

In vielerlei weiteren Details vermittelt die Publikation jüngeren Nachgeborenen ein schärferes Bild von der zeitlich immer weiter entrückten, historisch komplexen Realität. Das gilt zum einen für »zwischenmenschliche Beziehungen, [die] am 30. Januar 1933 nicht an der Garderobe abgegeben [wurden].« (ibid.) Es gilt zum anderen für Repräsentanten des Regimes, etwa für Juristen wie Dr. Hermann Cuhorst, der als Vorsitzender des Stuttgarter Sondergerichts am 2.Juni 1938 gegenüber Hans Scholl – nicht aber gegenüber Ernst Reden – als ›Papa Gnädig‹ in Erscheinung trat. In den Kriegsjahren fällte er im Rahmen des 1941 dekretierten ›Polen- und Judenerlasses‹ gnadenlos Todesurteile, wurde nichtsdestoweniger 1944 von seinem Posten am Sondergericht abgelöst und in die Wehrmacht überstellt.

Was für den Weg Hans Scholls in den offenen Widerstand im Sommer 1942 letztlich bestimmend war, lässt Fritz Schmidt offen. Ungeachtet seiner Betonung des jugendbewegten Hintergrunds weist er die Vorstellung, die Erfahrungen mit Gestapo, Inhaftierung und Sondergericht hätten Hans Scholl zum Regimegegner gemacht, als unzutreffend zurück. (66) Immerhin spricht aus Scholls Bekenntnis »Noch nie war ich so Patriot im eigentlichen Sinn des Wortes« – in einem Brief vom 21. Oktober 1938 an seine Schwester Inge (zit. 68) – auch keine kritiklose Regimetreue, eher das Gegenteil. Jugendbewegt-romantische Sensibilität und elitäres Selbstbewusstsein, Empörung angesichts der Nazi-Verbrechen – über Judenmorde in Lettland erfuhren die Scholls von Hermann Heisch, dem Schwager Richard Scheringers, bereits im Sommer 1941 (69) – das in innige Freundschaft mündende Zusammentreffen mit Alexander Schmorell, eine durch die Begegnung mit Carl Muth und dem Renouveau catholique vertiefte christliche Glaubenshaltung – dies alles wirkte bei Hans Scholl zusammen.

Hinsichtlich der Frage, was die Freunde Schmorell und Scholl zu dem Schritt von der Anti-Haltung zum aktiven Widerstand bewegte, zitiert Fritz Schmidt einen anderen ›Weiße Rose‹-Forscher: »Die Antwort wissen wir nicht. Alles Gesagte ist weitgehend Meinung.« (Zit. 76) Es folgen Zitate, die die das Kriegsgrauen als ein maßgebliches Motiv in den Blick rücken. Der Autor der schmalen Schrift konstatiert bei Scholl ein »Umdenken« bezüglich des Elitegedankens und ein »Verblassen des Patriotismus, auf den er 1938 und später noch abgehoben hatte – aber letztlich war er es dann doch, ein deutscher Patriot.« (77)

Auf den Leser mögen die vielen Namen und das Beziehungsgeflecht der einstigen d.j.1.11 – darunter die Brüder Markus und Konrad Wolf, Söhne des kommunistischen Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf – zuweilen verwirrend wirken. Eine straffere Gliederung des Materials sowie ein Namensregister hätten der Lesbarkeit des Textes gutgetan. Nichtsdestoweniger ist zu wünschen, dass die vorliegende Schrift eine breitere Leserschaft, gerade auch bei Zeithistorikern, finden möge. Fritz Schmidt widerlegt unfundierte, aus der politischen Gegenwart abgeleitete Thesen über die charismatische Persönlichkeit Hans Scholls und öffnet den Blick für die Quellen seines Widerstands gegen das Verbrechensregime.

Fritz Schmidt / Jürgen Reulecke: Hans Scholl: "Noch nie in meinem Leben war ich so Patriot...", Baunach (Spurbuchverlag) 2021, 93 Seiten, 11,90 €

Literaturhinweise

https://www.globkult.de/geschichte/zeitgeschichte/471-die-geschichtliche-tragik-der-rweissen-rosel-und-die-politische-moral-der-nachgeborenen (in: Globkult 21.02.2010)
https://www.iablis.de/iablis/themen/2019-formen-des-politischen/rezensionen-2019/535-eine-neue-deutung-des-lebensweges-von-hans-scholl in: Iablis 18. Jahrg. 2019
https://www.globkult.de/geschichte/rezensionen/1932-eckard-holler-auf-der-suche-nach-der-blauen-blume-die-gro%C3%9Fen-umwege-des-legendaeren-jugendfuehrers-eberhard-koebel in: Globkult 30.08.2020
https://www.theeuropean.de/herbert-ammon/neue-biografie-ueber-sophie-scholl/ in: The European 28.02.2021
https://www.academia.edu/44362548/Von_den_Quellen_des_Widerstands_der_Wei%C3%9Fen_Rose in: academia.edu, 2021
Eckard Holler: Die Ulmer »Trabanten«. Hans Scholl zwischen Hitlerjugend uns dj.1.11, in: Puls – Dokumentationsschrift der Jugendbewegung 22 / November 1999

Sonntag, 9. Januar 2022

Bescheidene Erwartungen an die classe dirigente im Neuen Jahr

In den derzeit noch - knapp mehrheitlich -  christlichen Regionen des Landes gingen die Weihnachtstage am 6. Januar zu Ende. Für die Protestanten handelt es sich  an dem betreffenden Januartag um Epiphanias, um die Erscheinung des Herrn, d.h. um den eigentlichen Tag der Geburt, wie er in fast allen Ostkirchen gefeiert wird. Im Westen erinnert der Tag auch an die die Geburt Jesu überstrahlende Himmelserscheinung, die den aus dem Osten angereisten magoi - in der Übersetzung Luthers waren es "Weise aus dem Morgenland" - nach einem Zwischenstopp bei dem mächtigen König Herodes den Weg nach Bethlehem wies, wo sie dem Jesuskind allerlei Gaben darbrachten. Danach machten sich Maria und Joseph samt Kind eilends auf die Flucht nach Ägypten, nachdem ein Engel Joseph im Traum vor den mörderischen Absichten des Idumäers gewarnt hatte.

Für protestantische Pastorinnen und Pastoren sowie katholische Priester unter Anleitung ihres Papstes Franziskus liefert die Fluchtgeschichte gewöhnlich den  Predigteinstieg in die von Flüchtlingselend - semantisch vermengt mit "Migration" aus dem "globalen Süden" in die unberechtigt reichen Länder des Nordens - geprägte Gegenwart. Dass die Heilige Familie nach überstandener Gefahr - nach Herodes´ Tod - wieder in ihre Heimatstadt Nazareth zurückkehrte, bleibt in der vorherrschenden Exegese unerwähnt. 

Die Bilder von frierenden Kinder am polnischen Grenzzaun zu Belarus sowie die bitteren Zahlen der im Mittelmeer, vor den Kanaren und im Ärmelkanal Ertrunkenen stimulieren das schlechte Gewissen derjenigen, deren Enthusiasmus für die "Willkommenskultur" in jüngster Zeit zwar nachgelassen hat, aber die nach wie vor die unkontrollierte Einwanderung aus aller Welt als "Bereicherung" unserer - in der Tat ziemlich öden - Kulturlandschaft deklarieren, ohne die kulturelle Realität in den "Problemvierteln" deutscher Städte zur Kenntnis zu nehmen. Gleichzeitig hält sich die politisch-mediale Sympathie für die  "Ortskräfte", die man beim  Abzug aus Afghanistan der Rache der Taliban ausgesetzt hat, offenbar in Grenzen, auch wenn jetzt Nancy Faeser (SPD), Bundesministerin des Innern und für Heimat im Kabinett Scholz für diejenigen, denen die Flucht geglückt ist, Integrationskurse bereits vor Abschluss des Asylverfahren fordert. Darüberhinaus halten sich selbst die Grünen  bei dem Spiel mit Zahlen von Aufnahmeberechtigten aus Kabul, Herat, Kundus usw. auffällig zurück.

Das Flüchtlings-/Geflüchtete-/Migrationsthema wird uns gleichwohl auch unter der neuen Regierung beschäftigen. Ob und wie die Grünen sowie die "Linken" in Scholzens SPD die im Koalitonsvertrag vereinbarte Zuwanderung in das "moderne Einwanderungsland" Deutschland angesichts der vielen "hässlichen Bilder" (Merkel) steuern können, bleibt im Hinblick auf die längst restriktive Migrationspolitik selbst in den ehedem die Segnungen der Multikultur propagierenden EU-Nachbarländern abzuwarten. Womöglich überwiegt bei einigen am Ende der Geschmack an der Macht die edlen Absichten der Naiven und der weniger edlen bei den Ideologen. Nicht auszuschließen ist, dass die Opposition - die CDU unter ihrem späten Vorsitzenden Friedrich  Merz, erst recht die CSU unter dem wendegewandten Markus Söder -  die Reizvokablel  "Migration" als stimmungs- und stimmenträchtiges Thema aufs Tapet bringen. selbstverständlich in klarer Abgrenzung (Politsprech: "klare Kante") zur AfD und unter europäischen Vorzeichen.

Die FDP in der Regierung hat sich  beim Thema "Migration" offenbar ganz auf die Seite der Grünen geschlagen. Andererseits braucht sie, da sie ihre alte Rolle des Züngleins an der Waage eingebüßt hat,  als Partei der totalen Mitte ein Thema, mit dem sie in der "Ampel" - und beim Wahlvolk - glänzen könnte. 

Mit Interesse sahen wir daher dem Auftritt der FDP-Granden bei ihrem traditionellen Dreikönigstreffen in Stuttgart entgegen. Doch Christian Lindner bot  nichts, was ihm künftighin Profil - eine herausragende Sonderrolle - im Kabinett verschaffen könnte. Er verzichtete darauf, an der Weisheit des  Ausstiegs aus der Kernenergie zu zweifeln und unter klimarettenden Aspekten den Grünen die Schau zu stehlen. Im Gegenteil, er verteidigte nachdrücklich die Abschaltung der letzten Kernkraftwerke in diesem unserem Lande. 

Auch ist von den Freien Demokraten bislang keinerlei Kritik - oder gut verhüllte Selbstkritik -  an einigen jener Absurditäten zu vernehmen, die im voluminösen Koalitionsvertrag stehen. Zwar bekommt derzeit Wolfgang Kubicki für seine Kritik am angekündigten "Impfzwang" und der Erinnerung an liberale Werte mediale Aufmerksamkeit. Doch auch dieses Thema könnte verloren gehen, falls im  Zeichen der Corona-Omikron-Welle und anhaltender Proteste Experten die Pandemie zur Endemie herabstufen und die Ampel-Koalition die Rückkehr in die Normalität verspricht. Das wäre - zusammen mit einem Corona-sedierenden Medikament statt ständigem Boostern - ein schönes Geschenk an das Volk, aber Pech für die FDP (erst recht für die AfD).

Heikel wird´s beim Thema Nord Stream 2. Stehen die Freien Demokraten beim Streit um die Inbetriebnahme der Gas-Pipeline an der Seite des Bundeskanzlers Scholz oder halten sie ´s mit den puristischen Grünen? Fordert Baerbock Putin (rhetorisch) heraus oder fordert Scholz einen neuen Dialog mit Putin über die Ukraine? Wie stellt sich die FDP - wer in der FDP? - zu Putins geopolitischen Forderungen gegenüber der Nato?  

Mal sehen, was das Neue Jahr für unsere classe dirigente und diese für uns Bürger (sc. -innen, m/w/d) an Überraschungen bereithält. Alle Regierungsdokumente sollen künftighin gegendert werden. Ob das bei der ersten Haushaltsdebatte - allein wegen der Kosten und aus Rücksicht auf die Steuerzahlenden (nomen linguae modernae)  - so durchgeht? Was die eingangs erwähnte schwindende Mehrheit im Lande betrifft: Für die Protestanten sollte die Geschichte in Matthäus 2 in gerechter Sprache, wenn schon nicht antibinär, so zumindest gendergerecht, erstmal umgeschrieben und den "Weisen aus dem Morgenlande" ein paar weise Frauen zugesellt werden. Für die Katholiken kommen zusammen mit den Heiligen Drei Königen künftig auch drei Königinnen mit in den Stall.