Mittwoch, 20. November 2013

Caritas oder junk-mail?

Im elektronischen Zeitalter ist  Briefpost alten Stils zur Rarität geworden. Selbst Ansichtskarten von Freunden und Verwandten von  ihren Treckingtouren oder von  global und ganzjährig verfügbaren Badestränden (Cancún, Da Nang, Bali, Philippinen etc.)  erreichen uns nur noch selten, selbst zu Weihnachten und zum Geburtstag kommen die Grüße gewöhnlich per e-mail. Was bleibt, ist junk-mail jeder Art, Werbeprospekte,  Rechnungen, Bußbescheide, Wahlunterlagen und  der Steuerbescheid vom Finanzamt.

Um menschliche Zuwendung bemühen sich brieflich fast  allein noch karitative  Organisationen, nicht allein die kirchlichen, sondern auch die ins Kraut schießenden säkularen. Spätestens zur Adventszeit häufen sich die Briefe mit um materielle Anteilnahme ersuchenden Texten und bedrückenden Katastrophenbildern. Mit einem Seufzer entscheidet man sich für einen der Überweisungsvordrucke (samt steuerabzugsfähiger Spendenbescheinigung) und stiftet je nach Gewissenslage und Spenderlaune zwischen 20 € bis 50 € (ehedem denselben Betrag in DM).  Nach dem Gang zum Bankautomaten fühlt sich die Seele erleichtert, ohne im Vorgriff  die allfällige Spende (in den Korb, nicht erst  in die abzugsfähig zu beschriftende Tüte)  für "Brot für die Welt"  beim Weihnachtsgottesdienst zu berücksichtigen.

Vor ein paar Tagen, noch vor der üblichen Adventspost, steckten gleich drei Bittbriefe im Briefschlitz: Caritas, Diakonisches Werk, Kindernothilfe. Allen dreien ging´s um Soforthilfe für die Opfer des Taifuns auf den Philippinen.

Die gleich dreifach vorgetragene Bitte  hat  das Herz des Bloggers bislang nicht bewegen können. Seine derzeitige  Spendenresistenz speist sich aus folgenden Überlegungen: a) Bundesregierung, EU, UNHR wollen nicht knausrig sein und stellen aus Steuermitteln (abgezweigt vom Bruttosalär des Bloggers) Mittel zur Verfügung. Ob sie ausreichen oder nicht, ob sie, ungemindert durch Bürokratie und Korruption, im Katastrophengebiet in vollem Umfang ankommen, steht hier nicht zur Debatte.

Es geht, nüchtern betrachtet, um den Umgang mit Steuermitteln und um deren Begründung im öffentlichen und halböffentlichen (=kirchlichen)  Umverteilungssystem. Die zivilreligiöse Begründung, der Taifun sei eine weitere Folge des Klimawandels, Indiz der für gegen Ende des 21. Jahrhunderts aufgrund  der extrapolierten Globalerwärmung um 2° C angekündigten Apokalypse, mag  aus Steuermitteln alimentierte Funktionäre der Grünen  zum Spenden (genauer: zu medial wirksamem Spendenaufrufen) animieren, überzeugt  indes wenig, da die hurricane season in der Karibik und an den US-Küsten zumindest in diesem Jahr glimpflich ausfiel. Und falls doch was dran sein sollte: Über die EEG-induzierten  Strompreise und das hoch subventionierte Landschaftsverschönerungsprogramm büßen wir Grün-Deutsche bereits erheblich.

Allgemein - und konkret etwa  im  Umgang mit den Flüchtlingsströmen aus aller Welt - geht es um die die moralische Verantwortung in einer krisenhaften, vom Nord-Süd-Gegensatz geprägten Welt. Alle "Schuld" im "reichen" Norden zu suchen,  darauf moralische Appelle zu gründen  und/oder ideologische Konzepte durchzusetzen, zielt an der globalen komplexen Wirklichkeit vorbei. Im Hinblick auf den vorherrschenden Politikbetrieb, die vielfach ideologisch grundierte Allokation bzw. den Missbrauch (hübsches Beispiel auf "Tagesspiegel-online": http://www.tagesspiegel.de/berlin/fluechtlinge-in-kreuzberg-monika-herrmann-refugee-schule-in-kreuzberg-gescheitert/9093834.html.) von Steuermitteln (und/oder Staatsschulden) für die Sozialindustrie geht es für den Bürger/Blogger um Fragen der Chancen und Möglichkeiten verantwortungsvoller Anteilnahme am Weltgeschehen, sei es  sektoral in berlinisch-lokalpolitischem, im bundespolitischen oder auch nur  im kirchlichen Bereich. Komme mir niemand mit der dummdeutschen Parole, man müsse sich "eben einbringen". Überall sitzen bereits stets dieselben moralisch unübertrefflichen,  analytisch oft eher bescheidenen, dafür umso wohlmeinenderen  und politisch ambitionierten Figuren!

Verantwortungsethische Fragen sind mit kirchlich-karitativen Mitleidsappellen allein nicht zu beantworten. Nahezu jeder Kirchenbesuch - zuletzt anlässlich der Aufführung einer Messe in der mit zwei neuen, aus Spenden finanzierten Orgeln ausgestatteten Zehlendorfer Paulskirche - wird zu einer milden masochistischen Übung. Da wird der Besucher im Foyer mit allerlei Auslagen zum Fair-Kaufen animiert, beispielsweise von nutzlosem Glaszeug aus Guatemala, von "echtem Rum" aus   Castros Kuba (zu einem nicht nur für jeden alkoholbedürftigen Penner zu hoch bemessenen fairen  Preis) oder Ohrenstecker (echt Silber), wahlweise aus Indien oder Peru. Das passt fraglos gut zu den in "Chrismon" - es brauchte einige Zeit zur Entschlüsselung des frommen Akronyms der protestantischen Käßmann-Monatsbeilage zu den  gedruckten "Leitmedien" - fürs kirchliche  Seniorenpublikum angepriesenen Erlebnisreisen nach Cuba, nach Vietnam, nach Angkor Vat, ins Heilige Land, in die Welt der Fjorde oder in die Volksrepublik  China.

Im Fortgang des von der lateinischen Messe eines französischen Komponisten des 19. Jahrhunderts bestimmten Gottesdienstes wird der Besucher zu Spenden  für die Flüchtlingshilfe aufgefordert. Eine Aktivistin tritt auf und erklärt apodiktisch: "Kein Mensch verlässt seine Heimat freiwillig!" - selbst im Hinblick auf viele, vor Lampedusa  oder anderswo elend gescheiterte, ersoffene  "Migranten"  ein disputabler Satz (von den das Großstadtleben bereichernden arabischen und sonstigen "Großfamilien" ganz zu schweigen). Aber ach, wer möchte da kalt und hartherzig sein? Ein soeben fälschungssicher neu kreierter 5-Euro-Schein wandert als Ablasszettel in den offenen, einsehbaren Spendenkorb. Am Ausgang wird für die Erneuerung der Heizung gesammelt - angekündigt als "Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung". Kein frommer Witz. Der simple Grund liegt  in den  gestiegenen Heizkosten und/oder in der per Gesetz (nach EU-Richtlinie)  verfügten Ausmusterung der alten Anlage!

Nach derlei Überlegungen legt der Blogger seine drei Spendenaufforderungen beiseite, Endziel Papierkorb. Zugegeben, er behandelt die gutgemeinten Briefe etwas despektierlich,  als junk-mail. Immerhin: Bis Weihnachten hat sich sein Gewissen mutmaßlich wieder karitativ sensibilisiert. Kyrie (nicht kyria) eleison!