Montag, 11. November 2013

Historisch notwendige Anmerkung zum 9. November 1938

Anno 2009 erschien in der online-Ausgabe der linksgrünen taz ("Die Tageszeitung") ein Interview mit einer Autorin - ihr Name ist mir  entfallen -, die sich zu den Nazi-Schandtaten am  9. November 1938 äußerte. Der suggestive Titel des Interviews lautete: "Fast alle haben zugeschaut".  Aus meinem  e-mail-Briefkasten fischte ich aus der Übermittlung des Textes, genauer: meiner Leserzuschrift, folgenden Link:
http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/die-meisten-haben-zugeschaut/.

Leider ist  dieser Eintrag per Mausclick nicht mehr  abrufbar ("Error" etc.), vielleicht ist er im taz-Archiv noch zu finden. (Ich selbst verzichte darauf: 5 € zur Überprüfung sind mir schlicht zu teuer.)

An diese Zuschrift, die ich weiter unten sinngemäß wiedergebe, erinnerte ich mich gestern abend, als ich  kurz vor  22.00 h das Bayerische Fernsehen einschaltete ("zappte"), um mir den anno 1963 (!) entstandenen Film "Die Akte Odessa" (nach dem Roman von Frederick Forsyth) anzusehen. Der Politthriller, dargestellt von teils bereits verstorbenen, teils vergessenen Stars (Jon Voight, Hannes Messemer, Peter Lowitsch, Maximilian Schell, Maria Schell etc.), handelt vom tapferen Einzelkampf eines Journalisten, Sohn eines von einem  SS-Chargen (gespielt von Maximilian Schell) Ende 1944 ermordeten Offiziers (Ritterkreuzträger), gegen eben jenen einst in Riga agierenden Killer, der, 1947 den Engländern in Österreich entwischt und untergetaucht, im Wirtschaftswunderland  als angesehener Unternehmer - und als Führungsfigur im braunen Spinnennetz der "Odessa" (=Akronym für die von Forsyth nicht nur erfundene geheime "Organisation ehemaliger SS-Angehöriger") sein Unwesen treibt. Der Sohn des - in Schwarz-Weiß-Rückblende erschossen im Schnee liegenden - Ritterkreuzträgers spürt mit Unterstützung von Simon Wiesenthal in Wien sowie - halb genötigt -  in  Kooperation mit israelischen Geheimagenten unter ständiger Todesgefahr den  Mörder auf und bringt ihn schließlich in dessen Prachtschloß zur Strecke.  Keine Frage:  Ein unbefleckter deutscher Ritterkreuzträger, sein Sohn  ohne Furcht und Tadel -  im Jahre 2013 schlicht unvorstellbar. 1963 ging sowas noch.


In heutigem Blog-Eintrag geht es indes nicht um Filmkritik, sondern um die schändliche  Realität der Tage um den  9. November 1938 sowie ihres Gedenkens. Es geht um ein Datum, für das man in den USA und anderswo den Namen "Kristallnacht" verwendet, während sich  hierzulande  der historisch fragwürdige  Terminus "Reichspogromnacht" - eine generalisierende Umkehrung des ehedem vom Berliner Volksmund in bitterer Ironie kreierten Begriffs "Reichskristallnacht" - etabliert hat. Zum Gedenken an diesen Tag fand im Neuen Rathaus zu München, an dem Ort, wo Progagandaminister Goebbels vor 75 Jahren die mörderische Hetzkampagne eröffnete,  eine Veranstaltung statt. In seiner Gedenkrede sprach Oberbürgermeister Christian Ude von der Duldung, ja Hinnahme der Synagogenbrände, Plünderungen und Morde seitens der unbeteiligten Zeugen des Geschehens, implizit von deren faktischen Komplizenschaft. Er beschwor eine Zukunft, in der sich derartiges sich nie mehr wiederhole.

Die Rede entspricht dem geschichtspolitischen Duktus der Gegenwart, steht indes in Widerspruch zu den in zahlreichen Dokumenten bezeugten historischen Fakten: Mit örtlichen Ausnahmen in Nordhessen und Mittelfranken, wo der Nazi-Mob offenbar aus eigenem Instinkt und in größerer Zahl  wütete, stießen die von oben angeordneten, von Nazi-Aktivisten in Uniform oder Zivil exekutierten Synagogenschändungen, Zerstörungen und Gewalttaten auf allgemeine Ablehnung. Das Volk (das deutsche Volk) reagierte mehrheitlich mit  wenngleich hilflosen Manifestationen von Abscheu, Scham und Entsetzen - eine Wahrnehmung, der sich selbst das Regime nicht entziehen konnte.

Dass es an jenen Novembertagen auch Deutsche gab, die gegen den organisierten Mob einschritten, kommt im  heute vermittelten Bild nicht vor. Als historisch notwendige Anmerkung erinnere  ich daher an meine im Netz womöglich/wahrscheinlich  nicht mehr auffindbare Leserzuschrift an die taz. Sie lautete sinngemäß wie folgt:

Ich schulde es dem Andenken meines Vaters, die in dem Interview kolportierte Meinung, die meisten hätten einfach "nur zugeschaut", zu korrigieren Meine Eltern lebten seinerzeit in Duisburg. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 kehrte mein Vater, Dr. Christian Ammon (1898-1945), am späten Abend in die Wohnung zurück. Er klärte meine Mutter, Charlotte Ammon (1905-1993)  über den auch von ihr beobachteten Feuerschein auf: "Die Synagogen brennen. Morgen werden unsere Kirchen brennen." Am nächsten Tag brach er auf, um sich ein genaueres Bild von den Verwüstungen zu machen. Er traf auf eine Gruppe von Männern, die eine alte Frau an den Haaren schleiften und auf den Rinnstein warfen. Er trat auf die Männer zu und herrschte sie als deutscher Offizier des Weltkrieges an, von der Frau auf der Stelle abzulassen. Daraufhin machten sich die Schläger davon. Mein Vater half der Frau auf und geleitete sie schützend ein Stück Wegs.

P.S. Meine Zuschrift an die taz ist mittlerweile (Aufruf am 11.02.2015) im Internet wieder aufgetaucht. Dort ist mein originaltext (mit einigen Tippefehlern) nachzulesen:
http://www.taz.de/!43460/.