Die Negativdaten
sprechen für sich: leere Kirchen, über vierhunderttausend
Kirchenaustritte jährlich, Verkauf oder Abriss von Kirchengebäuden,
mehr Bestattungen als Taufen in der alternden Gesellschaft. Und leben
wir nicht längst in einer postchristlichen Gesellschaft? „Wo sind
denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht Grüfte und Grabmäler Gottes
sind?“ fragte Nietzsche, der Verkünder des Todes Gottes. Eine
Antwort findet der als Philosoph promovierte Publizist Alexander Grau
in einem dem Nietzsche-Zitat vorangestellten Logion aus dem
apokryphen Thomas-Evangelium: „Jesus spricht: ´Werdet
Vorübergehende´.“
In dem
vorliegenden Essay zur Zukunft des Protestantismus in der
„Spätmoderne“ - als Epochenbegriff so fragwürdig wie die
„Postmoderne“ - , klingt Grau weniger kulturpessimistisch als
sonst. Gewiss, der Transzendenzverlust – nach Max Weber die
Entzauberung der Welt - sei in der von Rationalität, Wissenschaft,
Technik geprägten Welt irreversibel, aber kein Grund zur Trauer.
Denn es war das (paulinische) Christentum, das in der Antike „der
Welt den ersten Schub der Entzauberung bescherte,...Gott in die
Transzendenz abschob“ und dem Einzelnen den Weg in die Freiheit
eröffnete. (16f.) Gegenüber einem allenfalls noch von katholischen
Traditionalisten konservierten Antimodernismus – es fehlt der
Verweis auf die fundamentalistischen „Evangelikalen“ im
protestantischen Lager – argumentiert Grau als Protagonist der
Säkularisierungsthese, und dies in radikaler Zuspitzung: „Ohne
Christentum kein Humanismus, keine Aufklärung, keine Französische
Revolution, kein Liberalismus, kein Sozialismus. Und ohne Christentum
keine Säkularisierung und Atheismus.“ (17) Als maßgebliche
Autorität für derartige Sätze bezieht er sich nicht auf Ernst
Troeltsch, den Hauptvertreter - neben Adolf von Harnack - des
liberalen Protestantismus im Kaiserreich, sondern auf den britischen
Schriftsteller Tom Holland und dessen Werk Dominion. The Making of
the Western Mind (dt. 2021), der die Welt – ungeachtet ihrer
bestehenden kulturellen und religiösen Unterschiede – vom
Siegeszug westlicher Kultur durchdrungen sieht. (22f.)
Die Auflösung des
institutionalisierten Christentums und die „modernen“ Formen von
Sinnsuche bedeuten für Grau nicht den „Niedergang christlicher und
protestantischer Religiosität, sondern ihr(en) finalen Triumph.“
(18) Immerhin liegt noch ein gewisses Bedauern in der Feststellung,
„die nach Orientierung und Sinn suchenden Gesellschaften (sic!)
der Moderne sind unempfänglich geworden für die Bilder und Sprache
des Christentums.“ (19) Und nicht ganz widerspruchsfrei klingt die
These, das Verschwinden des Christentums aus der Alltagskultur sei zu
akzeptieren, wenn Grau als „aufgeklärter“ Protestant sich –
hier zu Recht - über die auf körperliches Wohlbefinden zielenden
„Spiritualitätsmoden“ der Gegenwart, über gefühligen
Kirchentagskitsch und die Rolle der EKD als grüner NGO erregt. (12).
In drei Kapiteln
(übertitelt mit„Rettungsversuche“, „ Gottes Sterben“,
„Gottes Tod“) skizziert Grau die Stufen der Säkularisierung,
genauer: die Entmythologisierung christlichen Glaubens im
Protestantismus. Die Aufklärung begründete die historische
Bibelkritik, Kant reduzierte Gott zum Postulat der Vernunft. Hegel
identifizierte Gott teils transzendent, teils weltimmanent als
„absoluten Geist“, Feuerbach entdeckte in Gott das im Menschen
verborgene Ich-Ideal. Der Hegelianer David Friedrich Strauß
eröffnete die Leben-Jesu-Forschung, welche den „historischen
Jesus“ ins historische Dunkel entrückte. Albrecht Ritschl, der im
Christentum die vollendete geistige und sittliche Religion sah,
begründete in der Göttinger Schule ein radikal weltliches – auf
Nächstenliebe und Pflichterfüllung gegründetes – Verständnis
vom „Reich Gottes“, das bis in die Gegenwart fortwirke. Die vom
Linksprotestantismus kultivierte „Anbetung der ´Zivilgesellschaft´“
trage deutliche Züge eines Links-Ritschlianismus. (50)
Im Erste Weltkrieg
zerbrachen die vom Kulturprotestantismus vermittelten, christlich
eingefärbten Gewissheiten des Bürgertums. Aus der den liberalen
Protestantismus erschütternden „Krise des Historismus“
(Troeltsch) gab es zwei Auswege: den eines radikalen Aufgehens in der
Kultur oder die von Karl Barth proklamierte Absage an diffuse
Religiosität zugunsten „absoluter Weltjenseitigkeit“, d.h. durch
radikale Erneuerung des Glaubens an einen „verborgenen Gott“ und
dessen Offenbarung. Grau anerkennt Barths Verdienst, das
protestantische Christentum gegen „katholischen Zinnober“, gegen
äußerlich praktizierte Religion sowie gegen „alle Arten
weltlicher Religiosität in Stellung“ gebracht zu haben. (103).Mit
Barths revolutionärer Pose, in der sich „kalvinistische
Unbedingtkeit mit romantischer Jugendbewegtheit und existenziellem
Pathos (mischte)“ (65), kann er sich jedoch nicht anfreunden. Auch
Bultmanns Intention, hinter dem entmythologisierten Christentum die
„Idee“ des christlichen Mythos zur Geltung zu bringen, stellt er
in Frage: „Doch was, wenn diese Idee ein Anachronismus ist?“ (74)
Schon bei dem Göttinger Kollegen Rudolf Otto verflüchtigte sich die
traditionelle Gottesvorstellung in das „Numinose“.
In seiner Polemik
gegen „die Religiösen“ stand Dietrich Bonhoeffer in geistiger
Nähe zu Karl Barth, während er sich von dessen
„Offenbarungspositivismus“ ironisch distanzierte. Für Grau sind
Bonhoeffers Gefängnistexte die wichtigsten Zeugnisse für eine
illusionslose Bejahung der Säkularisierung, sprich: des Todes
Gottes. Die einschlägigen Begriffe Bonhoeffers sind der „Verzicht
auf die Arbeitshypothese Gott“, sowie die Mündigkeit des Menschen
in einer völlig religionslosen Zeit. Die Einschränkung, dass
Bonhoeffers Reflexionen über Gott changierten, dass er sich in einem
Brief an Eberhard Bethge über die Radikalität seines Denkens
„erschreckt“ zeigte, fehlt in Graus Essay. Dorothee Sölle, die
unter Berufung auf Bonhoeffer proklamierte, „atheistisch an Gott zu
glauben“, und den christliche Glauben in Ethik und diese in
politischem Aktivismus auflöste, erregte ehedem die Konservativen.
Inzwischen sei die von Sölle inaugurierte Polittheologie
protestantischer Mainstream, „zumindest im offiziellen
Gremienprotestantimus“. „Übrig bleibt politisches Engagement,
das von vermeintlich höheren Weihen umwabert wird.“ (95)
Spirituell
aufgeladener Aktivismus ignoriere die Konsequenzen der
Säkularisierung, d.h. die reale metaphysische Obdachlosigkeit des
Menschen. Er bedeute das Gegenteil eines auf „weltlichen
Sinnverzicht“ gegründeten „modernen Christentums“ (106). Allen
christlich – oder postchristlich – ummäntelten
Sinnkonstruktionen hält Grau das „protestantische Prinzip“
entgegen: eine geistige Haltung, die „letztlich im einzelnen und
seiner Sehnsucht nach Freiheit, Selbstbestimmung und Individualität
wurzelt.“ (10) Für das protestantische Prinzip – sehr viel älter
als der Protestantismus selbst – stehe eine lange Reihe von
Protagonisten von Epikur über Petrarca, Diderot bis zu Kierkegaard
und natürlich Nietzsche. Seine eigene Position – unter dem Symbol
des Kreuzes und des von Gott verlassenen Christus – bestimmt Grau
mit Schleiermachers „Geschmack fürs Unendliche“, mit Paul
Tillichs „unbedingtem Ergriffensein“ sowie mit ins Mystische
zielenden Sätzen Ludwig Wittgensteins und Ernst Tugendhats.
Gegen Ende seines
Buches zitiert der Autor den emeritierten Theologen Ulrich Barth:
„Protestantismus – das ist der Traum einer Religion für freie
Geister.“ (140). Es bleibt zu fragen, ob derlei elitäre Attitüde
bei schwächeren Gemütern – beim verbliebenen Kirchenvolk –
glaubwürdig ankommt. Fragwürdig bleibt auch der von Grau
verfochtene - von Luther begründete - protestantische
Subjektivismus. Die Abwege, auf die der „moderne“ Protestantismus
post mortem Dei geriet
- maßgeblich bei dem Göttinger Theologen Emanuel Hirsch als
spiritus rector der Deutschen Christen -, bleiben in Graus
Essay unerwähnt. Ob der von ihm verfochtene Protestantismus - es
handelt sich um eine weitere Ausformung des Kulturprotestantismus –
eine Zukunft hat, ist ungewiss. Und die Fragen nach den letzten
Dingen bleiben ungelöst.
Alexander Grau: Die Zukunft des
Protestantismus. München (Claudius Verlag) 2025,150 Seiten
Meine Besprechung des Essays von Alexander Grau erschien am Ostersonntag unter dem Titel "Der Sieg der Sinnsuche" auf AchGut :https://www.achgut.com/artikel/der_sieg_der_sinnsuche Im dort publizierten Text ist mir ein Lapsus unterlaufen. Ich verwechselte den von Grau erwähnten Göttinger Theologen Rudolf Otto (1969-1937) mit dem - auch von Bonhoeffer rezipierten - Königsberger Altphilologen und Religionsphilosophen Walter F. Otto (1874-1958).