Soeben ist meine Besprechung des Essays "Der gelähmte Westen" von Ferdinand Knauß in doppelter Ausführung: Globkult (s.o.: https://www.globkult.de/politik/besprechungen/2492-noch-nicht-alle-hoffnung-fahren-lassen-%20-sind-nur-die-68er-an-der-misere-schuld) und auf AchGut (https://www.achgut.com/artikel/rettung_fuer_den_gelaehmten_westen-) erschienen. Auf der "Achse" gab es dazu bereits einige Leserbriefe. Zwei davon scheinen mir gedanklich weiterführend bzw. Anlass zur Vertiefung der Diskussion über die Ursachen der sich - aus diversen Gründen: Wirtschaft, Migration, Ideologie - kontinuierlich vertiefenden Misere.
ad 1) Der Leser Lutz Hermann fertigt meine Rezension in zwei kurzen Sätzen ab: "Väterlose Generation. Schuldprotestantismus. Gibt es in vielen westlichen Staaten nicht. Taugt als Erklärung somit nicht." Diese Pauschalkritik verdient eine Antwort.
Zunächst ein Zugeständnis: Ja, ich habe einen wichtigen, womöglich den zentralen Faktor der 68er-Kulturrevolution nicht explizit benannt: Sex. Ein Hauptthema der global-westlichen Achtundsechziger - ich lasse Japan und Zengakuren hier außer acht - war die sexuelle Repression, für anspruchsvollere Gehirne freudomarxistisch unterlegt, für schlichtere Gemüter von Wilhelm Reich aufbereitet. Die sexuelle Befreiung - ein zeitlos utopisches Ziel - war in erster Linie gegen die "repressive", im paulinischen Christentum verankerte Sexualmoral gerichtet. Mit der Pille war sie technisch realisierbar geworden.
Ob mit oder ohne geistige Anstrengungen im Bereich der Theorie, protestierten die amerikanischen Hippies und die in Woodstock gipfelnde flower-power-Bewegung gegen den puritanisch-protestantischen Grundzug der damaligen amerikanischen Kultur. Der Protest fiel zusammen mit der US-Bürgerrechtsbewegung, die wiederum im Sündenbewusstsein der weißen Amerikaner eine bedeutende Triebkraft fand. Die aus den USA als "befreiend" wahrgenommene Protestkultur - und selbst der Rock´n roll eines Elvis Presley - hatte eine in Deutschland meist unerkannte religiöse Komponente.
Was für die USA - und den aus der Bürgerrechtsbewegung hervorgegangenen Wokeismus - gilt, trifft im Hinblick auf den britischen Kolonialismus auch auf Großbritannien zu. Douglas Murray hat dies am Beispiel eines durchgeknallten Nachfahren des Freibeuters und Sklavenhändlers John Hawkins veranschaulicht. Was den "Pariser Mai" betrifft, so handelte es sich um den Ausbruch jener bürgerlichen Jugend, die dem Algerienkrieg dank später Geburt entkommen war. Die Alten, ob einstige Collabos oder - meist spät berufene - Résistants taugten nicht als Identifikationsfiguren. Man hielt es mit dem - protestantischer Familie und deutscher Ideologie - entstammenden Sartre.
In Bezug auf die deutschen 68er bedarf meine These - umfassend Vaterlose aus schuldbeladenem protestantischem Milieu - keiner weiteren Explikation.
ad 2) Die nachfolgende Kritik des Lesers A. Ostrovsky zielt auf die ökonomisch-materielle Basis der kaum noch zu behebenden deutschen Zustände. Ich zitiere sie ob ihres analytischen Gehalts in voller Länge:
Sehr geehrter Herr Ammon. Wahrscheinlich ist dieser Artikel ein paar Jahre zu spät. Wenn es nur Probleme im Bereich der Ideologien wären, wäre der „Ruck, der durch Deutschland gehen muss“ vermutlich ausreichend. Es geht aber nicht mehr um Begriffe und Denkweisen. Auch wenn man mir das hier um die Ohren schlagen wird: Die grüne Politik, die Abschaltung der KKW, ja selbst die enormen Kosten für die Alimentierung der „Schutzsuchenden“ und ihrer Groß-Clans hat Deutschland leisten können, ohne zusammen zu brechen. Es war mit großen „Einschnitten“ verbunden, aber letztendlich ist das nicht die Ursache des aktuellen Zusammenbruches. Die Ursache ist in einer Vielzahl von Einzelfakten enthalten. Wenn ich versuche, die irgendwie zu verallgemeinern, den gemeinsamen Nenner daraus zu finden, ist es das „Abschmieren des Antriebs“, die zunehmende Unmöglichkeit der Wertschöpfung. Und es summiert sich einiges, um nun aus der reinen Quantität eine andere „Qualität“ zu machen. Was jetzt wirkt ist die Überdrehung der Regelung. Die Last ist so stark gestiegen und steigt weiter unablässig an, während die Kraft nahezu im freien Fall abnimmt dass gar keine Möglichkeit mehr besteht, die Last auszuregeln. Und es wirkt der größte Feind der Stabilität, die Totzeit. Alle falschen Hebel sind schon umgelegt und entfalten nun erst verzögert ihre Wirkung. Dagegen würde es selbst nicht helfen, wenn jetzt alle Fehler (technisch Störgrößen) korrigiert würden. Das Gesamtsystem ist in einer so steilen Bewegung nach unten, dass es NICHT MEHR aufgehalten werden kann. Jetzt muss die Ideologie schnell wechseln, von dem Streit um die Methode der Gegensteuerung, auf die Schadensbegrenzung. Das wird nicht für „alle, die nun mal hier sind“ funktionieren. Jetzt gilt „rette sich wer kann“. Und dazu müssen wir uns auf nichts einigen, weil es gar keine Einigung mehr geben kann. Wir haben den Bereich gemeinsamer Interessen verlassen. Eine Gesellschaft existiert nicht mehr. Auch eine Nation gibt es nicht mehr.