Montag, 8. Juni 2026

Fußballpatriotische Stimmung vor dem Sommerloch

Noch werden die Tage länger, aber ab 21. Juni werden sie kürzer, zunächst kaum spürbar,  wenngleich oft abendlich schwül. Das Fußballvolk fiebert der WM in Nordamerika entgegen und stattet sich trotz aller Bedenken des Ex-Ministerpräsidenten Ramelow - angeblich "fremdelt" das Volk, vor allem das junge, in unserer Demokratie mit der deutschen 1848er Trikolore -   mit in Bangladesh, China (People´s Republic) oder sonstwo produzierten Deutschlandfahnen/-fähnchen sowie schwarz-rot-goldenen Schals und Überziehern  für die Außenspiegel aus. Einige Fußballpatrioten, ausgerüstet mit entsprechenden, Antifa-resistenten Baseballcaps, berechnen per Smartphone die Unterschiede zwischen den Spielterminen in Calgary,  Los Angeles oder Guadalajara und der hiesigen Sommerzeitzone (MESZ).  Die Zeitdifferenz - Fanmeilen wird es anno 2026 nicht geben - könnte den Umsatz der Fanartikel-Verkäufer (m/w/d)  mindern. Hingegen werden sich die Inhaber von Spätis über den Bierkonsum der Fußballpatrioten freuen, solange Nagelmanns Truppe deren Hoffnungen auf den Endsieg nicht zu früh enttäuscht. 

Gegen Ende Juli gönnen sich Regierung und Bundestag die alljährliche Sommerpause, und das Volk fährt in den Urlaub, sofern es sich dies in Zeiten sinkender Wirtschaftsdaten - die für 2026 prognostizierte BIP-Wachstumsrate  wurde jüngst  nach unten auf 0,5 Prozent korrigiert - bedrohter Arbeitsplätze, hoher Benzinpreise, teurer Ferienwohnungen oder Campingplätze noch leisten kann. Ein Ende des Ukrainekriegs ist trotz Schröders Reise nach Moskau nicht in Sicht. Putin glaubt an seinen Endsieg, Selenskyi - dank treffsicherer Drohnen und beliebig verfügbarer EU-Kredite - an den seinen. Sollte sich also nichts Spektakuläres ereignen - etwa der Einsturz einer maroden Autobahnbrücke,  ein Herzinfarkt der Abstinenzler Trump oder Putin oder eine von "Rechten" verübte Gewalttat - fälllt die politisch-mediale Klasse ins Sommerloch. 

Spätestens Ende August, wenn im nördlichen Deutschland die ersten Herbststürme für Abkühlung sorgen, steigen  in der Hauptstadt die politischen Temperaturen. Wengleich die für 2050 angekündigte Klimaapokalypse vom Weltklimarat höchstselbst soeben vertagt wurde, werden die Klimaforscher  und TV-Meterologen erneut den weltweit heißesten Sommer seit Aufzeichnung der Temperaturen registrieren. 

Nicht nur die Grünen können sich danach über weitere Zugewinne bei den anstehenden Herbstwahlen freuen. Derzeit liegen sie - je nach Umfrageinstitut - zwischen 14 und 16 Prozent.  Jeder Abiturjahrgang - im Vorjahr  2025 mit 259 (?) gemeldeten 1,0-Absolventen (w/m/d) allein in Berlin - sorgt für Stimmenzuwachs. Die mutmaßlichen Stimmenverluste in Berlin -   einige hintere Listenplätze werden am 20. September wegfallen - können sie dank starker Präsenz in der städtischen Bürokratie verkraften. Sorgen machen müssen sich die Grünen jedoch um den Ausgang der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Womöglich bleiben sie unter fünf Prozent und fallen als Grundpfeiler  "unserer Demokratie" zumindest im Osten erstmal weg.  

Hingegen kann sich die mit den Grünen im Bachelor-Milieu konkurrierende, gegen islamophoben Rassismus, für die quotengerechte Repräsentation der anno 2025 in Höchstzahl eingebürgerten Migranten kämpfende Partei "Die Linke" - unter Heidi Reichinnek endgültig demokratisch geadelt - auf den Wahlherbst freuen.  Sie hat in den Umfragen  in einigen Bundesländern bereits  die  SPD überholt und ist in Bund und Ländern für jede Art von  Regierungsbildung   - unter Ausschluss der AfD, versteht sich -  unentbehrlich geworden. 

Soll man eine Prognose riskieren? Trotz aller Siegeshoffnungen der AfD in Sachsen-Anhalt sehe ich den des Spitzenkandidaten Siegmund noch nicht im Amt des Ministerpräsidenten. Zum einen dürfte es für eine absolute Mehrheit der Brandmauer-Partei am Ende  nicht reichen, wenn die ehemalige Arbeiterpartei  SPD am Wahlabend des 6. September mit fünf bis sechs Prozent überlebt. Falls die SPD dennoch aus dem Magdeburger Landtag fliegt, kann sie sich bei  Bärbel Bas´ für deren offenes Bekenntnis zur  angestrebten Ethnomorphose in deutschen Landen bedanken. Falls wider Erwarten die AfD dennoch ans Ruder kommen sollte, droht ihr der "Bundeszwang" gemäß Art. 37 GG. Vermutlich sind Verfassungsschützer (m/w/d) und Juristen (w/m/d)  für eine derartige Exegese des Grundgesetzes bereits an der Arbeit. 

Ob  die FDP unter Kubicki und Linda Teuteberg, von einer - bisher einzigen - Wahlumfrage von 5,0 Prozent ermutigt, aus der Sommerpause gestärkt hervorgeht und  als mehrheitsbeschaffender Faktor im Parteienstaat erhalten bleibt, ist eine weitere Frage für die Auguren. Auf andere Weise als die SPD hat sie  - mit dem Eintritt in die Ampel 2021 und Lindners verspätetem Austritt 2024 - ihren Niedergang selbst verschuldet. Überlebenschancen hat sie letztlich nur dann, wenn sie - längst vergessene  - nationalliberale Töne anschlägt und sowohl der AfD  wie der CDU Stimmen abnimmt. 

So oder so, das alte Parteiensystem ist im Herbst 2026 an sein Ende gelangt. Auch der Union von CDU/CSU  steht das Schicksal der SPD bevor, sobald  sie in den Umfragen  bundesweit unter 20 Prozent rutscht. Eingespannt in die Koalition mit der SPD - und abhängig vom Wohlwollen der in allen politisch relevanten Fragen dominanten Grünen - ist an einen  von Merz im Wahljahr 2025 mit großer Fanfare angekündigten  Kurswechsel nicht mehr zu denken. Im Zeichen des  wirtschaftlichen Niedergangs sowie der Bevölkerungskrise ist die - nicht erst in der Ära Merkel -  beschädigte res publica kaum mehr zu heilen. Immerhin ist ein gewisser  Aufschwung aus der depressiven Stimmungslage denkbar, falls die zur Nationalmannschaft rückbenannnte Fußballtruppe noch siegreich bis in die Endrunde gelangt. 

 

 

Samstag, 6. Juni 2026

Wo sind die Ursachen der Misere zu suchen?

Soeben ist meine Besprechung des Essays "Der gelähmte Westen" von Ferdinand Knauß in doppelter Ausführung: Globkult (s.o.: https://www.globkult.de/politik/besprechungen/2492-noch-nicht-alle-hoffnung-fahren-lassen-%20-sind-nur-die-68er-an-der-misere-schuld) und auf AchGut (https://www.achgut.com/artikel/rettung_fuer_den_gelaehmten_westen-) erschienen. Auf der "Achse" gab es dazu bereits einige Leserbriefe. Zwei davon scheinen mir gedanklich weiterführend bzw. Anlass zur Vertiefung der Diskussion über die Ursachen der sich - aus diversen Gründen: Wirtschaft, Migration, Ideologie - kontinuierlich vertiefenden Misere.

ad 1) Der Leser Lutz Hermann fertigt meine Rezension in zwei kurzen Sätzen ab: "Väterlose Generation. Schuldprotestantismus. Gibt es in vielen westlichen Staaten nicht. Taugt als Erklärung somit nicht."  Diese Pauschalkritik verdient eine Antwort. 

Zunächst ein Zugeständnis: Ja, ich habe einen wichtigen, womöglich den zentralen Faktor der 68er-Kulturrevolution nicht explizit benannt: Sex. Ein Hauptthema der global-westlichen Achtundsechziger - ich lasse Japan und Zengakuren hier außer acht - war  die sexuelle Repression, für anspruchsvollere Gehirne freudomarxistisch unterlegt, für schlichtere Gemüter von Wilhelm Reich aufbereitet. Die sexuelle Befreiung - ein zeitlos utopisches Ziel  - war in erster Linie gegen die  "repressive", im paulinischen Christentum verankerte Sexualmoral gerichtet. Mit der Pille war sie  technisch realisierbar geworden. 

Ob mit oder ohne geistige Anstrengungen im Bereich der Theorie, protestierten die amerikanischen Hippies und die in Woodstock gipfelnde flower-power-Bewegung gegen den puritanisch-protestantischen Grundzug der damaligen amerikanischen Kultur. Der Protest fiel zusammen mit der US-Bürgerrechtsbewegung, die wiederum im Sündenbewusstsein der weißen Amerikaner eine bedeutende Triebkraft fand. Die aus den USA als "befreiend" wahrgenommene Protestkultur - und selbst der Rock´n roll eines Elvis Presley  - hatte eine in Deutschland meist unerkannte religiöse Komponente. 

Was für die USA - und den aus der Bürgerrechtsbewegung hervorgegangenen Wokeismus - gilt, trifft im Hinblick auf den britischen Kolonialismus auch auf Großbritannien zu. Douglas Murray hat dies am Beispiel eines durchgeknallten Nachfahren des Freibeuters und Sklavenhändlers John Hawkins veranschaulicht. Was den "Pariser Mai" betrifft, so handelte es sich um den Ausbruch jener bürgerlichen Jugend, die dem Algerienkrieg dank später Geburt entkommen war. Die Alten, ob einstige Collabos oder - meist spät berufene -  Résistants taugten nicht als Identifikationsfiguren. Man hielt es mit dem protestantischer Familie und deutscher Ideologie entstammenden Sartre.

In Bezug auf die deutschen 68er bedarf meine These - umfassend Vaterlose aus schuldbeladenem protestantischem Milieu - keiner weiteren Explikation. 

ad 2) Die nachfolgende Kritik des Lesers A. Ostrovsky zielt auf die ökonomisch-materielle Basis der kaum noch zu behebenden deutschen Zustände. Ich zitiere sie ob ihres analytischen Gehalts in voller Länge: