Mittwoch, 8. April 2026

Protestantisches Prinzip als Antwort auf den „Tod Gottes“?

Die Negativdaten sprechen für sich: leere Kirchen, über vierhunderttausend Kirchenaustritte jährlich, Verkauf oder Abriss von Kirchengebäuden, mehr Bestattungen als Taufen in der alternden Gesellschaft. Und leben wir nicht längst in einer postchristlichen Gesellschaft? „Wo sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht Grüfte und Grabmäler Gottes sind?“ fragte Nietzsche, der Verkünder des Todes Gottes. Eine Antwort findet der als Philosoph promovierte Publizist Alexander Grau in einem dem Nietzsche-Zitat vorangestellten Logion aus dem apokryphen Thomas-Evangelium: „Jesus spricht: ´Werdet Vorübergehende´.“

In dem vorliegenden Essay zur Zukunft des Protestantismus in der „Spätmoderne“ - als Epochenbegriff so fragwürdig wie die „Postmoderne“ - , klingt Grau weniger kulturpessimistisch als sonst. Gewiss, der Transzendenzverlust – nach Max Weber die Entzauberung der Welt - sei in der von Rationalität, Wissenschaft, Technik geprägten Welt irreversibel, aber kein Grund zur Trauer. Denn es war das (paulinische) Christentum, das in der Antike „der Welt den ersten Schub der Entzauberung bescherte,...Gott in die Transzendenz abschob“ und dem Einzelnen den Weg in die Freiheit eröffnete. (16f.) Gegenüber einem allenfalls noch von katholischen Traditionalisten konservierten Antimodernismus – es fehlt der Verweis auf die fundamentalistischen „Evangelikalen“ im protestantischen Lager – argumentiert Grau als Protagonist der Säkularisierungsthese, und dies in radikaler Zuspitzung: „Ohne Christentum kein Humanismus, keine Aufklärung, keine Französische Revolution, kein Liberalismus, kein Sozialismus. Und ohne Christentum keine Säkularisierung und Atheismus.“ (17) Als maßgebliche Autorität für derartige Sätze bezieht er sich nicht auf Ernst Troeltsch, den Hauptvertreter - neben Adolf von Harnack - des liberalen Protestantismus im Kaiserreich, sondern auf den britischen Schriftsteller Tom Holland und dessen Werk Dominion. The Making of the Western Mind (dt. 2021), der die Welt – ungeachtet ihrer bestehenden kulturellen und religiösen Unterschiede – vom Siegeszug westlicher Kultur durchdrungen sieht. (22f.)

Die Auflösung des institutionalisierten Christentums und die „modernen“ Formen von Sinnsuche bedeuten für Grau nicht den „Niedergang christlicher und protestantischer Religiosität, sondern ihr(en) finalen Triumph.“ (18) Immerhin liegt noch ein gewisses Bedauern in der Feststellung, „die nach Orientierung und Sinn suchenden Gesellschaften (sic!) der Moderne sind unempfänglich geworden für die Bilder und Sprache des Christentums.“ (19) Und nicht ganz widerspruchsfrei klingt die These, das Verschwinden des Christentums aus der Alltagskultur sei zu akzeptieren, wenn Grau als „aufgeklärter“ Protestant sich – hier zu Recht - über die auf körperliches Wohlbefinden zielenden „Spiritualitätsmoden“ der Gegenwart, über gefühligen Kirchentagskitsch und die Rolle der EKD als grüner NGO erregt. (12).

In drei Kapiteln (übertitelt mit„Rettungsversuche“, „ Gottes Sterben“, „Gottes Tod“) skizziert Grau die Stufen der Säkularisierung, genauer: die Entmythologisierung christlichen Glaubens im Protestantismus. Die Aufklärung begründete die historische Bibelkritik, Kant reduzierte Gott zum Postulat der Vernunft. Hegel identifizierte Gott teils transzendent, teils weltimmanent als „absoluten Geist“, Feuerbach entdeckte in Gott das im Menschen verborgene Ich-Ideal. Der Hegelianer David Friedrich Strauß eröffnete die Leben-Jesu-Forschung, welche den „historischen Jesus“ ins historische Dunkel entrückte. Albrecht Ritschl, der im Christentum die vollendete geistige und sittliche Religion sah, begründete in der Göttinger Schule ein radikal weltliches – auf Nächstenliebe und Pflichterfüllung gegründetes – Verständnis vom „Reich Gottes“, das bis in die Gegenwart fortwirke. Die vom Linksprotestantismus kultivierte „Anbetung der ´Zivilgesellschaft´“ trage deutliche Züge eines Links-Ritschlianismus. (50)

Im Erste Weltkrieg zerbrachen die vom Kulturprotestantismus vermittelten, christlich eingefärbten Gewissheiten des Bürgertums. Aus der den liberalen Protestantismus erschütternden „Krise des Historismus“ (Troeltsch) gab es zwei Auswege: den eines radikalen Aufgehens in der Kultur oder die von Karl Barth proklamierte Absage an diffuse Religiosität zugunsten „absoluter Weltjenseitigkeit“, d.h. durch radikale Erneuerung des Glaubens an einen „verborgenen Gott“ und dessen Offenbarung. Grau anerkennt Barths Verdienst, das protestantische Christentum gegen „katholischen Zinnober“, gegen äußerlich praktizierte Religion sowie gegen „alle Arten weltlicher Religiosität in Stellung“ gebracht zu haben. (103).Mit Barths revolutionärer Pose, in der sich „kalvinistische Unbedingtkeit mit romantischer Jugendbewegtheit und existenziellem Pathos (mischte)“ (65), kann er sich jedoch nicht anfreunden. Auch Bultmanns Intention, hinter dem entmythologisierten Christentum die „Idee“ des christlichen Mythos zur Geltung zu bringen, stellt er in Frage: „Doch was, wenn diese Idee ein Anachronismus ist?“ (74) Schon bei dem Göttinger Kollegen Rudolf Otto verflüchtigte sich die traditionelle Gottesvorstellung in das „Numinose“.

In seiner Polemik gegen „die Religiösen“ stand Dietrich Bonhoeffer in geistiger Nähe zu Karl Barth, während er sich von dessen „Offenbarungspositivismus“ ironisch distanzierte. Für Grau sind Bonhoeffers Gefängnistexte die wichtigsten Zeugnisse für eine illusionslose Bejahung der Säkularisierung, sprich: des Todes Gottes. Die einschlägigen Begriffe Bonhoeffers sind der „Verzicht auf die Arbeitshypothese Gott“, sowie die Mündigkeit des Menschen in einer völlig religionslosen Zeit. Die Einschränkung, dass Bonhoeffers Reflexionen über Gott changierten, dass er sich in einem Brief an Eberhard Bethge über die Radikalität seines Denkens „erschreckt“ zeigte, fehlt in Graus Essay. Dorothee Sölle, die unter Berufung auf Bonhoeffer proklamierte, „atheistisch an Gott zu glauben“, und den christliche Glauben in Ethik und diese in politischem Aktivismus auflöste, erregte ehedem die Konservativen. Inzwischen sei die von Sölle inaugurierte Polittheologie protestantischer Mainstream, „zumindest im offiziellen Gremienprotestantimus“. „Übrig bleibt politisches Engagement, das von vermeintlich höheren Weihen umwabert wird.“ (95)

Spirituell aufgeladener Aktivismus ignoriere die Konsequenzen der Säkularisierung, d.h. die reale metaphysische Obdachlosigkeit des Menschen. Er bedeute das Gegenteil eines auf „weltlichen Sinnverzicht“ gegründeten „modernen Christentums“ (106). Allen christlich – oder postchristlich – ummäntelten Sinnkonstruktionen hält Grau das „protestantische Prinzip“ entgegen: eine geistige Haltung, die „letztlich im einzelnen und seiner Sehnsucht nach Freiheit, Selbstbestimmung und Individualität wurzelt.“ (10) Für das protestantische Prinzip – sehr viel älter als der Protestantismus selbst – stehe eine lange Reihe von Protagonisten von Epikur über Petrarca, Diderot bis zu Kierkegaard und natürlich Nietzsche. Seine eigene Position – unter dem Symbol des Kreuzes und des von Gott verlassenen Christus – bestimmt Grau mit Schleiermachers „Geschmack fürs Unendliche“, mit Paul Tillichs „unbedingtem Ergriffensein“ sowie mit ins Mystische zielenden Sätzen Ludwig Wittgensteins und Ernst Tugendhats.

Gegen Ende seines Buches zitiert der Autor den emeritierten Theologen Ulrich Barth: „Protestantismus – das ist der Traum einer Religion für freie Geister.“ (140). Es bleibt zu fragen, ob derlei elitäre Attitüde bei schwächeren Gemütern – beim verbliebenen Kirchenvolk – glaubwürdig ankommt. Fragwürdig bleibt auch der von Grau verfochtene - von Luther begründete - protestantische Subjektivismus. Die Abwege, auf die der „moderne“ Protestantismus post mortem Dei geriet - maßgeblich bei dem Göttinger Theologen Emanuel Hirsch als spiritus rector der Deutschen Christen -, bleiben in Graus Essay unerwähnt. Ob der von ihm verfochtene Protestantismus - es handelt sich um eine weitere Ausformung des Kulturprotestantismus – eine Zukunft hat, ist ungewiss. Und die Fragen nach den letzten Dingen bleiben ungelöst.

Alexander Grau: Die Zukunft des Protestantismus. München (Claudius Verlag) 2025,150 Seiten

Meine Besprechung des Essays von Alexander Grau erschien am Ostersonntag unter dem Titel "Der Sieg der Sinnsuche" auf AchGut :https://www.achgut.com/artikel/der_sieg_der_sinnsuche Im dort publizierten Text ist mir ein Lapsus unterlaufen. Ich verwechselte den von Grau erwähnten Göttinger Theologen Rudolf Otto (1969-1937)  mit dem - auch von Bonhoeffer rezipierten - Königsberger Altphilologen und Religionsphilosophen Walter F. Otto (1874-1958). 


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