Mittwoch, 16. Oktober 2013

Humanitäre Katastrophen allerorten

In der FAZ v. 14.10.2013  bringt die einstige Gesundheits-/Familienministerin, sodann Bundestagspräsidentin (1988-1998) Rita Süssmuth (CDU) unter der Rubrik "Fremde Federn" ihre Empörung über eines der zahllosen, in den Medien derzeit unerwähnten Beispiele von Verfolgung, Terror und Asylsuche zum Ausdruck: "Im Irak eine humanitäre Katastrophe beenden!" Die Überschrift weckt Assoziationen an Flucht und Vertreibung der einst bis zu 1,5 Millionen im Zweistromland lebenden Christen unterschiedlicher Konfession (Aramäer, Armenier, diverse mit Rom  Unierte ), die zu Opfern der seit  dem zweiten Irakkrieg 1992- laut Wolfgang Günter Lerch (FAZ) in dem  wie stets unübertrefflich kenntisreichen Artikel vom 19.10.2013 bereits seit dem ersten Irakkrieg 1991 - herrschenden Zustände geworden sind. Nur ein geringer Teil hat im de facto unabhängigen kurdischen Teilstaat im Norden Sicherheit gefunden, viele andere wurden getötet oder sind geflüchtet - nicht wenige zunächst nach Syrien (unter das Regime Assads) -, eine schwindende Minderheit von Zurückgebliebenen kämpft angesichts des Terrors radikalislamischer Gruppen ums Überleben. Fragen drängen sich auf: Wie, wenn ja, unterscheidet sich deren Lage im sunnitischen Zentrum von denen im schiitischen Süden? Wie verhält sich der starke Mann Maliki (ein Schiit) gegenüber der verbliebenen Minderheit?

Sodann denkt der Leser an aus Syrien in den  Irak Geflüchtete, die teils als Flüchtlinge ihre Existenz fristen müssen, teils sich als "Kämpfer" für die nächsten Aktionen im syrischen Bürgerkrieg rüsten.

Der Text der humanitär besorgten Autorin Süssmuth zielt indes auf eine andere "humanitäre Katastrophe"  - ein in der lingua politica  mittlerweile fest etabliertes Oxymoron - in Nahost: Ihr geht es um die Rettung der in einem "Zwischenlager" mit dem Namen "Camp Liberty" bei Bagdad untergebrachten 3100 iranischen "Dissidenten". Zuvor waren diese "Dissidenten" - anscheinend über Jahre -  in einem anderen, ehedem "sicheren und gut ausgebauten" Camp Ashraf untergebracht.. Die dort Zurückgebliebenen wurden am 1. September von "iranischen und irakischen Todeskommandos" massakriert oder verschleppt.

An einer Stelle nennt Süssmuth - sie  erinnert in schönstem Politchinesisch daran, dass "auf der internationalen Tagesordnung  Attentate, militärische Gewalt, der Einsatz von chemischen Waffen stehen (sic!), ferner Hunderttausende Getötete" sowie die bekannten Flüchtlingsströme - die iranischen "Dissidenten" beim Namen: Es handelt sich um Angehörige der iranischen "Volksmudschahedin", die dereinst mit einer ideologischen Mischung aus Religion und Klassenkampf am Sturz des Schah-Regimes beteiligt waren, aber alsbald mit den durch die "Islamische Revolution" an die Macht gelangten Mullahs zerfielen. Ihren  "bewaffneten Kampf" setzten sie, mit Waffen unterstützt von den USA, an der Seite des Diktators Saddam Hussein - wir erinnern uns: 2003-2006 als einer der multiplen "Wiedergänger Hitlers" von einer "Koalition der Willigen" (Donald Rumsfeld) attackiert, aus Bagdad verjagt,in einem Erdloch aufgespürt  und schließlich zu Tode gebracht - gegen das ihnen aus spezifischen Gründen verhasste Mullah-Regime fort. Nach dem Ende des Diktators Saddam durften die Volksmudschahedin unter Protektion und militärischer Anleitung der Amerikaner ihren Privatkrieg fortsetzen, ungeachtet des Umstands, dass sie bis anno 2012 auf der US-Terrorliste standen (s. Jörg Lau: Wahnsinn mit System, in: DIE ZEIT, 4.10.2012 Nr. 41http://www.zeit.de/2012/41/Volksmudschahedin-Terrorliste-USA) Ihr Hauptquartier unterhalten die Volksmudschahedin unter der Führung von Marjam Rajawi - immerhin eine volksdemokratische  Quotenfrau, wenn schon keine CDU-Feministin wie Süssmuth - in Paris, gesponsert von s.o.

Mit den Volksmudjahedin machte ich vor einigen Jahren um die Weihnachtszeit vor dem Eingang zur Filiale der Deutschen Post-AG Bekanntschaft. Neben einer Plakattafel mit Porträts von Vermissten und Bildern von  fürchterlich zugerichteten Toten stand eine Frau, die meine Unterschrift unter eine Bittschrift sowie eine Spende für die Organisation forderte. Meine zurückhaltende Reaktion bedachte sie  mit lautstarken Schimpfworten, eine etwas unpassende Ouvertüre für den Weihnachtsfrieden.

Nun also fordert Frau Süssmuth: "Der Westen muss mehr tun!"[...] "Angesichts der katastrophalen Bedrohungslage ist es erforderlich, den Ausreiseprozess zu beschleunigen [usw]. Der Irak hüllt sich in Schweigen. Das kann nicht unsere, nicht Deutschlands Antwort sein." Ende.

In der Tat: Angesichts der höchst unfriedlich selbstverschuldeten  Genese dieser  "humanitären Katastrophe" und des  nahöstlichen Katastrophenbündels bleibt dem Blogger kaum mehr als zu schweigen. Wie bei manch ähnlichen Katastrophen denkt er darüber nach, wie  mit seinen Steuergeldern für mancherlei gute Zwecke dem Unheil abzuhelfen sei.