Samstag, 9. Januar 2016

Willkommenskultur in praxi

I.
Wann, unter welchen historischen - genauer: postmodern-antihistorischen - Voraussetzungen und mit welchen politisch-ideologischen Absichten die "Willkommenskultur" als grün-medialer Neologismus die an  "Kultur"-Composita überreiche phraseología politica Teutonica erstmals bereicherte, wäre ein  lohnendes Thema für den Erwerb eines "Bachelor" (ungegendertes Maskulinum; de facto faschistisch) in Fächern wie Kulturmanagement, Tourismus, Migrationsforschung oder dergl. Für einen Blog-Eintrag  scheint das Thema aufgrund seiner definitorischen Umfänglichkeit begriffsanalytisch ungeeignet.

Ungeachtet aller Definitionsschwierigkeiten erlebte der Begriff "Willkommenskultur" in der Neujahrsnacht zu Köln, Hamburg Stuttgart und anderswo seine Umkehrung in der sozio-kulturellen Praxis Tausender von Ankömmlingen in der postdeutsch-bundesrepublikanischen  "Aufnahmegesellschaft". Die rechtlich, statistisch, kulturell und begrifflich von der Mehrheitsgesellschaft gemeinhin nahezu ununterscheidbaren Migranten/ Menschen mit Migrationshintergrund/refugees/Flüchtlinge/Neubürger demonstrierten mit erstaunlichem élan vitale ihre Integrationsbereitschaft in die wertegebundeme europäische (nicht etwa abendländische) Kultur sowie insbesondere ihre Hochschätzung deutscher Willkommenskultur.

Die  Details der interkulturellen Begegnung in der Silvesternacht wurden den weltoffenen (bio-deutschen sowie voll-integrierten) Bürgerinnen und Bürgern in den TV-Leitmedien ARD und ZDF leider nur häppchenweise und mit einiger Verzögerung mitgeteilt. Die politischen Konsequenzen aus derlei Informationspannen trägt derzeit indes nur der von seinem NRW-Innenminister suspendierte Kölner Polizeipräsident. Der Parteifreund - ein politisches Bauernopfer.

II.
Während das gründeutsche Leitorgan taz die von Migranten demonstrierte Silvesterfreude - ohne Rücksicht auf die vom Münchner Polizeichef statistisch belegten Fakten (s. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-uebergriffe-in-koeln-und-falsche-zahlen-von-der-wiesn-14004617.html) -  in das bekannt sexistische Gebaren bio-deutscher Männer auf  Events wie der Müncher "Wies´n" einordnet, verleiht Bild - ebenfalls leicht zeitverzögert - Volkes Erstaunen, ja stammtischliche Empörung über den taktlosen Umgang der Neubürger (m.) mit der deutschen Willkommenskultur Ausdruck. Wir Demokraten (-innen; *innen, nach jüngster "links" verordneter Rechtschreibung)  sind dankbar und erleichtert: Bild fungiert endlich wieder auch als populistische vox populi, nicht nur als volksnahe vox Angelae.

Ein Lob gebührt der FAZ, die in Beiträgen Leitartikeln und Glossen (aus der Feder von Jasper von Altenbockum, Reinhart Müller und Berthold Kohler) Merkels Einladung an alle Welt sowie ihren pseudo-universalistischen Starrsinn in der Asylfrage ("keine  Obergrenze") von Anbeginn als politisch unverantwortlich zurückgewiesen haben. In der heutigen Samstag-Ausgabe (v. 9. Jan. 2015, S.3) legt Günter Bannas unter Bezug auf die Neujahrsansprache Merkels (genauer: auf den vom Redenschreiber reproduzierten Phrasenkatalog) unter der Überschrift "Die dementierte Kanzlerin" die Faktenlage dar. Er fragt: "Bleibt trotzdem alles, wie es war?"

Vermutlich ja. Es steht zu befürchten, dass die bundesdeutsche classe  politica allenfalls bis zu den nächsten Landtagswahlen gegensteuert. Immerhin: Innenminister de Maizière regt an, man solle das für die Abschiebung von straffälligen Aslyberwerbern bislang gültige Straßmaß von drei (!) Jahren auf ein Jahr reduzieren. Sollte derlei im Kabinett ernsthaft diskutiert - kaum beschlossen - werden,  ist dem preußischen Verteidiger des Rechtsstaates de Maizière der Aufschrei ("Shit-storm") der medialen Moralhüter gewiß.

Der Artikel Bannas´ rekapituliert nicht nur Merkels Gebaren in der "Flüchtlingskrise" vor (mediale Begegnung  mit einem weinenden palästinensischen Flüchtlingsmädchen, dem sie seinerzeit unter Bezug auf die Rechtslage beschied, "nicht alle könnten bleiben") und nach dem 31. August 2015 ("Wir schaffen das").  Der FAZ-Redakteur hat seinen Aufsatz mit  Formeln des "merkelschen Deutsch" angereichert. Zuletzt erläuterte Merkel dem rumänischen Ministerpräsidenten Dacian Ciolos  Aspekte ihrer Willkommenskultur wie folgt: "Das Gefühl - von in diesem Fall Frauen -, sich völlig schutzlos ausgeliefert zu fühlen, ist auch für mich persönlich unerträglich." "Aber wir müssen auch und  immer wieder über die Grundlagen unseres kulturellen Zusammenlebens in Deutschland sprechen." Daraus Merkels politische Folgerung:  "Dabei muss eben immer wieder überprüft werden, ob wir, was Ausreisenotwendigkeiten oder Ausweisungen aus Deutschland anbelangt, schon alles getan haben, was notwendig ist, um hier klare Zeichen an diejenigen zu setzen, die nicht gewillt sind, unsere Rechtsordnung einzuhalten."

III.
Ich verweise auf meine  früheren Kommentare zu Merkels deutschem Sprachgebrauch: http://herbert-ammon.blogspot.de/2015/09/historisch-politische-bilanz-der.html  Der Thematik "The Great Migration"  (http://herbert-ammon.blogspot.de/2015/07/the-great-migration.html; s.a. http://herbert-ammon.blogspot.de/2015/09/kritik-der-grundeutschen-gewissenskultur.html) hat die in Dresden erscheinende Vierteljahresschrift Tumult. Zeitschrift für Konsensstörung  in ihrer Winterausgabe 2015/2016 ein Heft gewidmet. Ich empfehle dem Publikum die Lektüre. Daraus eine Passage aus dem Editorial des Heausgebers Frank Böckelmann: "Liebe Leser, haben Sie als Teilnehmer und Zaungäste der »Flüchtlingskrise« auch das Gefühl, dass der öffentlichen und veröffentlichten Meinung das Wesentliche, die Kernfrage der Krise, gleichsam ständig auf der Zunge liegt, aber in der Debatte über Organisation und Fassungskraft unausgesprochen bleibt? Unsere Autoren versuchen, im toten Winkel der Tagesschauen zu ermitteln, worum es überhaupt geht."

 Zu den Autoren zählt erstmals auch Hans Magnus Enzensberger, der bereits anno 1990 in seinem Essay "Die Große Wanderung und Aussichten auf den Bürgerkrieg" die heutige Lage Europas prägnostizierte.

Dienstag, 5. Januar 2016

Happy New Year

Bloggen tut not (a.R.). Es gilt das Neue Jahr einleitend zu kommentieren, sonst fällt die Zahl der Aufrufe und somit die ratings. Dabei weiß der Blogger wohl, dass er die Einschaltquoten der demokratisch meinungs- und willensbildenden TV-Serien von "Lindenstraße" oder "Tatort" (= "Lindenstraße mit Mord" dixit Henryk M. Broder) und der thematisch ähnlichen Talkshows leider nie erreichen wird. Dennoch: Er weiß sich seinem Publikum verpflichtet. Darum:

Happy New Year!  im Jahr der von der "Woman of the Year" zur "Chance" ausgebauten Flüchtlingskrise sowie des anhaltenden  mörderischen Chaos in Syrien,  im Jahr des drohenden  Realkrieges - nicht bloß Stellvertreterkrieges -  zwischen den am syrischen "Bürgerkrieg" interessierten Mächten, der realdemokratischen Fortschritte im Lande des EU-Aspiranten und Nato-Eckpfeilers Erdogan, der Oettinger et al. empörenden EU-Werteverletzungen in Polen, im Jahr des Vorwahlenspektakels in den USA (Reich des Guten) und des auf Sparflamme heruntergefahrenen Krieges zwischen Putin (bad guy) und Peroschenko (good guy).

Nicht zu vergessen die bevorstehenden Landtagswahlen in diversen Bundesländern: Gelingt es den demokratisch besorgten Gemütern, mit Hilfe von Höcke und anderen politisch-medialen Genies die "Gefahr von rechts" zu bannen? Wir werden sehen.




Freitag, 18. Dezember 2015

Zum Umgang mit der "Flüchtlingskrise" und zu deren Kausalität

I.
Während Merkels CDU, assistiert durch den Auftritt Seehofers, auf ihrem Parteitag ein Schauspiel der Geschlossenheit und Entschlossenheit -  zur Meisterung der selbstgeschaffenen "Flüchtlingskrise"   - inszenierte, verflacht in der medialen Öffentlichkeit das "Flüchtlingsdrama" zum vorweihnachtlichen Krippenspiel. Die Kommunen müssen für Raum in der Herberge ( in den Turnhallen, in Hotels sowie in den Fertigbauten mit refugee-gemäßem Komfort) sorgen. Zur Ablenkung von den evidenten, durch den  Zustrom der Migranten aus dem Morgenland entstandenen widrigen Zustände dienen die Aufzüge von "Pegida" in Dresden.

Die staatsinterventionistisch als ökonomisches Stimulans  konzipierte Ausdehnung (und Verdichtung)  der Sozialindustrie zugunsten der Migranten schlägt in beliebiger Milliardenhöhe zu Buche - bei Nullzinsen (zu Lasten des braven Kleinsparers)  anscheinend eine quantité négligeable. Nein, ncht ganz:  Der "Bund will sich 2016 deutlich mehr Geld leihen", d.h. wieder mehr Schulden machen. So ist´s  aus dem "Handelsblatt" zu erfahren: https://de.finance.yahoo.com/nachrichten/bund-will-2016-deutlich-mehr-145500907.html.

Nur Merkel,  von dem auf ein paar Seiten geschrumpften  Time Magzine soeben zur "Woman of the Year" gekürt, behauptet, anscheinend  unbeeindruckt von Kritik und Krach innerhalb der EU, die Lösung aller hauptsächlich von ihr selbst geschaffenen  Probleme zu kennen: "Wir schaffen das!" Zugleich redet sie von der Drosselung der Flüchtlingsströme vermittels der Aufnahme von "Kontingenten", welche den politisch unerwünschten Begriff  "Obergrenze" aus der Welt schaffen sollen.

II.
Für Merkel sind all ihre politischen Aktionen, Strategien und Taktiken alternativlos. Das mag so sein. Der Blogger hat - mangels fehlender politischer Bataillone - ihrem Tun samt ihrer gründeutsch medialen Begleitung - nur wenig entgegenzusetzen. Ehe er sich vom Publikum für die Weihnachtstage (Fest des Friedens) verabschiedet, darf er die geneigte Leserschaft noch auf die folgenden zwei Beiträge aufmerksam machen:

- Zur Kritik an Begriff und Inhalt der "Willkommenskultur" der bereits vor ein par Tagen angezeigte Artikel:
 http://www.globkult.de/herbert-ammon/1058-fluechtlingsstroeme-einspruch-gegen-die-leichthaendige-behandlung-eines-schwierigen-themas-

- Zur politischen Kausalität der "Flüchtlingskrise" eine ältere, indes anhaltend aktuelle Analyse:
 http://www.globkult.de/herbert-ammon/866-zum-unfrieden-in-nahost-unbequeme-faktenlage

Dienstag, 15. Dezember 2015

Was Merkel noch alles so schafft

Zunächst ein Dank an die Globkult-Redaktion, die meine Replik auf einen gutgemeinten Beitrag zur anhaltenden Flüchtlingskrise so schnell veröffentlicht hat:http://www.globkult.de/herbert-ammon/1058-fluechtlingsstroeme-einspruch-gegen-die-leichthaendige-behandlung-eines-schwierigen-the


Ungeachtet der "erfolgreichen", politisch und finanziell kostspieligen  Mission Merkels nach Ankara und der wundersamen türkischen Drosselung der zuweiolen tödlichen Bootspassagen zu den ägäischen Inseln  kann von einer Lösung der "Flüchtlingskrise" keine Rede sein. Als Detail sei hier nur an die bis auf 300 000 und mehr geschätzte Zahl (i.J. 2015) von Unregistrierten erinnert.

Kritik an  der Merkelschen Willkommenskultur war auf dem in Karlsruhe inszenierten CDU-Parteitag nicht zu vernehmen. Misstöne passen nicht in die Regie derartiger Veranstaltungen. Entsprechend unterwerfen sich die Jungpolitiker, die sich - quer durch die Parteien - anfangs karriereförderlich durch forsche, vermeintlich provokative Reden hervortun, den Direktiven der auf  "Geschlossenheit" und ein strahelndes mediales Erscheinungsbild zielenden Parteioberen.

Seehofers indirekte Kritik und sein Festhalten an der Begrenzung der Migrations- und/oder Flüchtlingsströme kann Merkel, vom Podium in die gehorsame Delegiertentruppe lächelnd,  übergehen. Die Delegierten bejubeln im Zweifelsfall jede Rede, solange die Aussicht auf kommende Wahlsiege (und Pfründe) gesichert scheint.

Entsprechend konnte Merkel  den Phrasenkatalog ihres Redenschreibers (ihrer Redenschreiberin) ohne Bedenken vortragen. Obgleich sie dafür gesorgt hat, dass der Begriff "Obergrenze" tabu bleibt, verkündet sie nun: "Wir wollen und werden die Zahl der Flüchtlinge verringern". Im selben Atemzug dann die gedanklich schlichte Behauptung: "Niemand verlässt leichtfertig seine Heimat." (Derlei Worte musste sich der Blogger bei einem seiner sporadischen Kirchenbesuche aus dem Munde einer Aktivistin anhören. Anderen Migrationsprotagonisten fällt als Argument noch die "Migration" der Ostdeutschen bei Kriegsende ein.) Immerhin weiß die Kanzlerin: "Wenn wir jetzt etwas falsch machen, dann verlieren wir unsere Zukunftsfähigkeit." Dann aber möchte sie, "dass Deutschland noch in 25 Jahren immer noch unser Deutschland ist."

Weitere Zitate sind dem Kommentar Berthold Kohlers auf S. 1 der heutigen FAZ (15.12.2015) zu entnehmen: Deutschland solle in 25 Jahren "offen, neugierig, tolerant und spannend" sein "mit einer starken eigenen Identität". Pleonasmen,  die Widerspruch ersticken,  gehören zur Politrhetorik.

Es gibt ein paar kritische Geister, die daran Anstoß nehmen, dass Merkel samt der deutschen classe politica unbesorgt  der Frage aus dem Weg geht, welche "neue Gesellschaft" sie schaffen will. Massive Kritik kommt aus dem Munde von  Lord Weidenfeld:
http://www.welt.de/kultur/article149916657/Der-IS-gehoert-in-den-untersten-Kreis-der-Hoelle.html.




Samstag, 12. Dezember 2015

Hinweis: Siebgeber-Blog

Ich verweise meine Fan-Gemeinde auf den jetzt auch als Blogger hervortretenden Dissenter Ulrich Siebgeber: ulrich-siebgeber.blogspot.de

Siebgeber unterhält und erhellt sein Publikum, irritiert und provoziert die Mächte, die da sind; als da sind: mehr oder weniger gut funktionierende Funktionseliten, die über hinreichend Macht verfügen,  und solche, die sich dazu rechnen (dürfen).

Dienstag, 8. Dezember 2015

Vorschau: Kritik des Flüchtlingsthemas (zur Adventszeit)

Für die Leser (m/w) meines Blogs, die auf einen Beitrag aus meiner Tastatur warten, kündige ich einen Aufsatz unter dem Titel "Flüchtlingsströme - Einspruch gegen die leichthändige Behandlung eines schwierigen Themas" an. Der Artikel wurde von Werner Stanglmeiers soeben  in "Globkult" publizierten Beitrag angeregt und enthält im dritten Teil die Besprechung eines soeben erschienenen, von Anja Reschke herausgegebenen Buches mit dem Titel "Und das ist erst der Anfang. Deutschland und die Flüchtlinge".

Montag, 30. November 2015

Unerwarteter Denkanstoß bei Yahoo!

Anstelle eines Kommentars zu Aspekten der chaotischen Weltlage darf ich die Interessenten meines Blogs per link auf einen lesenswerten Artikel verweisen. Ich stieß darauf gänzlich unerwartet auf der heutigen Seite von Yahoo!, meinem bis auf weiteres  unentbehrlichen  e-mail-Zugang. Yahoo! traktiert und/oder nervt seine Netz-Konsumenten gewöhnlich mit einer Melange aus Skandal- und Sex-news sowie aus Politik, Moral und Banalitäten. Als löbliche Ausnahme innerhalb ihrer Mischung präsentierten die berufsjugendlich auftretenden Macher des mutmaßlich "ausgesourcten" deutschen Yahoo!-Portals einen Artikel aus der heutigen Heidelberger Rhein-Neckar-Zeitung:  Egon Bahr schockt die Schüler: "Es kann Krieg geben

Der Artikel - womöglich gedacht als eine Art verspäteter Nachruf - ist das Reprint eines Berichts über den Besuch des im August d.J. verstorbenen Egon Bahr in einer Heidelberger Schule im Oktober 2013. Egon Bahr (s. auch meinen Nachruf in "Globkult" Der Realist und Patriot Egon Bahr (1922-2015) ) öffnete den bewundernd erstaunten gymnasialen Jungbürgern die Augen für die historisch-politischen Realitäten: "In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt."

Laut Bericht zeigten sich die Heidelberger Jungbürger von Bahrs Geschichtslektion beeindruckt. Immerhin könnte das obige  Zitat auch eine gewisse Anzahl von Yahoo!-Lesern zu eigenständigem Nachdenken über das Wesen der Politik anregen. 

Montag, 16. November 2015

Schwarze Aidsschleife bei Google

Entsetzen, Verzweiflung, Tränen  sind die verständlichen Reaktionen der Angehörigen der Toten, der Opfer wie der Überlebenden  einer für den aufgeklärten Westen anscheinend  unerklärlichen Gewalt und selbstmörderischen  Mordbereitschaft. Auch die Trauer- und Beileidsbekundungen unserer Mächtigen und Medien sollen hier nicht a limine als belanglos abgetan werden. Doch dass den Inszenierungen kollektiver Trauer ein artifizieller Beigeschmack anhaftet, ist leider unübersehbar. Dazu ein zeittypisches Detail:  Beim Aufrufen von Google fiel  dem Blogger eine schwarze Schleife ins Auge. Es dauerte eine Weile, bis die Symbolik - bis dato vor allem  im adventlichen Dezember  als Solidaritätsschleife in rot für Aidserkrankte geläufig   - sinnfälllig  wurde: Ach so, auch Google trauert mit. Richtig: Im Zeichen universaler, begriffloser Sentimentalität - auf dem Pariser Platz in Berlin richtetete sich die TV-Kamera auf ein Schild mit der Aufschrift "We are all humans" (=PC English) -  ist die Peinlichkeit ihrer digitalen Geste den vermeintlich mittrauernden Google-Leuten gar nicht mehr bewußt.

Die Schleife (engl. ribbon) als Symbol - für beliebige Zwecke -  stammt aus den USA. Dem Blogger fiel sie zum ersten Mal im Sommer 1991 auf, als die von General Schwartzkopf kommandierten amerikanischen Soldaten siegreich aus dem - je nach Zählweise -  zweiten Golf-Krieg oder ersten Irak-Krieg zurückkehrten. Welcome home!

Daß das Ursachengeflecht für den Terror von Al Qaida, der Nusri-Front, zuletzt des DaEsh (IS), in historisch-kulturelle Tiefen verweist, die in all dem Entsetzen und den Rationalisierungen, in den endlosen Kommentaren und Solidaritätsbekundungen für die Opfer des Terrors kaum irgendwo berührt werden, ist kein Zufall.

Donnerstag, 5. November 2015

Eine protestantische Stimme der Vernunft: Richard Schröder

I.
Die Frage, was und wer hinter Merkels Einladung an alle Welt steckt, sich ins gelobte Land aufzumachen, hat zwei Aspekte, die  in der Person Merkels, der vermeintlich "mächtigsten Frau der Welt", konvergieren. Es ginge zum einen darum, die ökonomisch-politischen Interessen hinter der "Willkommenskultur" der "Einwanderungsgesellschaft" und deren ideologischer Überhöhung darzustellen. Was steckt hinter der Kollusion der bundesrepublikanischen Funktions-, Macht- und Moraleliten mit der Absicht, in den nächsten "zehn Jahren, dass, wenn wir zurückschauen und sagen können, das haben wir gut gemacht" (dixit Merkel s.a. Historisch-politische Sprachkritik der Merkelei ) eine grundlegend veränderte "neue Gesellschaft" zu schaffen? Sattsam bekannt ist der Begründungskatalog, wie er aus aller Munde  (Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften, Medien, Kirchen) zu vernehmen ist: demographische Krise, Mangel an (sc. leider noch unausgebildeten) Fachkräften, Rentensicherung für die sklerotisch-germanisch ergraute Gesellschaft, die Zwänge der Globalisierung, dazu die Verpflichtung zu (sc. globaler!) Solidarität bzw. - (post-)christlich eingefärbt - Nächstenliebe, schließlich noch der Kitsch der "bunten" Bereicherung.

Bezogen auf  Merkel mündet der Phrasenkatalog in die Frage nach deren Psychogramm: Glaubt die Kanzlerin im Innern ihres Herzens, was sie "uns" da alles  erzählt, den "Menschen draußen im Lande" sowie den von ihr eingeladenen Flüchtingen, mit denen sie sich freundlich lächelnd so gerne abbilden lässt? Vor ein paar Jahren erklärte sie noch mit Emphase: "Multikulti ist gescheitert." Jetzt begrüßt sie die Masseneinanderung mit der grünen Standardformel von der kulturellen "Bereicherung" der Bundesrepublik.  Noch vor einigen Wochen beschied sie einem palästinensischen Mädchen, nicht alle, die kämen, könnten aufgenommen werden. (Der Tränenausbruch des Mädchens hatte Erfolg: zurückgeschickt wird hierzulande kaum einer, mutmaßlich auch nicht nach den jüngst im Bundestag beschlossenen Regelungen.) Derlei Erinnerung weckt Zweifel an der lauteren Moral unserer Kanzlerin. Die Pastorentochter (und FdJ-Sekretärin) aus der DDR, die sich laut ihrer jüngsten Äußerung gegenüber  Migranten nach 1989/90 im Westen ebenfalls  nicht gleich willkommen geheißen fühlte, wirkt demnach nicht wie die überzeugendste Repräsentantin protestantisch lauterer Gesinnungsethik.

II.

Dass die Kirchen sich zum Fürsprecher aller Flüchtlinge machen, scheint - auf den ersten Blick und auch nur für einfache Gemüter - plausibel. Dass der katholische Bischof Franz Overbeck seine Worte über die von Merkels CDU/CSU  zuletzt ins Auge gefassten "Transitzonen" als Neuauflage von Konzentrationslagern inzwischen leicht modifiziert, indes nicht zurückgenommen  hat, sei vollständigkeitshalber erwähnt.  Dass "wir" uns zu ändern hätte, daran hält der Essener Bischof fest.

Nächstenliebe kennt keine Grenzen - so lautet, auch im Hinblick auf die bevorstehende Winter- und Weihnachtszeit, das massenmediale Wort zum Tage. Gegenüber derart banalisierter Auslegung der Bergpredigt, wie sie etwa in jeder Ausgabe von "chrismon" verbreitet wird, erhebt Richard Schröder, bis 1989 als Theologe am Ost-Berliner Sprachenkonvikt, nach der "Wende" SPD-Fraktionschef in der Volkskammer, sodann Philosoph an der Theologischen Fakultät der Humboldt Universität Berlin, in der als "konservativ" bekannten evangelischen Zeitschrift "ideaSpektrum" (45/2015) Einspruch: "Es kann nicht jeder zu uns kommen" lautet der Titel.

Ich  zitiere aus dem lesenswerten Artikel, der mir soeben über einen befreundeten ranghöheren Kirchenmann  zuging: "Menschen in Not zu helfen, ist immer gut, außer der Hilfswillige übernimmt sich." Dazu die  Zwischenüberschriften: "Einwandern ist kein Menschenrecht"; "Flüchtlinge können nicht dauerhaft bleiben"; "Europas Außengrenzen kontrollieren". Conclusio: "Nächstenliebe darf nicht zum Gefühl verkommen. Sie muss sich mit Vernunft und Weitsicht paaren." Noch gibt es ein paar Stimmen der Vernunft.

Sonntag, 1. November 2015

Aufsatz zu Bonhoeffer


Ich darf auf einen Aufsatz zum Umgang mit der Biographie Dietrich Bonhoeffers verweisen, den ich auf academia.edu Zum biographischen Umgang mit dem Bild Dietrich Bonhoeffers veröffentlicht habe. Der Text ist in Verbindung mit meinen beiden in Globkult erschienenen Aufsätzen zu lesen: Dietrich Bonhoeffer- christlicher Abendländer und deutscher Patriot  sowie Die politische Theologie Dietrich Bonhoeffers.

Dass manche Zeitgenossen mit den als "deutschnational" klassifizierten Prägungen und Sentiments des Märtyrer-Theologen wenig anzufangen wissen, akzentuiert die tiefe Kluft, die zwischen der "multikulturellen" Gegenwart und der Welt des vergeblichen Widerstands liegt.