Montag, 21. September 2026

Nichts Neues von Francis Fukuyama

 

Im Sommer 1989, noch vor dem Mauerfall, veröffentlichte der damals in einem Planungsstab des State Department tätige Politikwissenschaftler Francis Fukuyama einen Aufsatz mit dem Titel „The End of History“ in der neokonservativen Zeitschrift The National Interest. Aufsehen erregte er sodann 1992 mit dem gleichnamigen Buch. Er konstatierte, dass mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion das im Westen entstandene System des Liberalismus, gegründet auf Rechtsstaat, demokratische Verfahren und Kapitalismus, sich weltweit durchgesetzt habe, so dass die Weltgeschichte eine Art Endzustand erreicht habe.

Mit dieser These wurde Fukuyama als geistiger Nachfahre Hegels eingeordnet. Gleichsam als Antithese zu Fukuyama erschien 1996 das Buch des Harvard-Historikers Samuel T. Huntington mit Titel „The Clash of Civilizations“. In der liberal-progressiv gestimmten scientific community sowie in der Medienwelt wurde Huntington als Widerpart Fukuyamas wahrgenommen und ob seiner Zweifel an einem friedvollen Miteinander der Kulturen skandalisiert. Umgekehrt sahen sich Kritiker Fukuyamas durch die Kriege der neunziger Jahre im zerfallenen Jugoslawien bestätigt. Auch Huntington, ehedem einer von Fukuyamas akademischen Lehrern, hielt das liberale Konzept seines Schülers vom „Ende der Geschichte“ für untauglich. Über längere Zeit hin wechselten Huntington und Fukuyama kein Wort mehr.

Der Titel von Fukuyamas jüngstem Buch lässt eine Revision seiner früheren These erwarten. Nichts dergleichen. Wohl spricht er im Vorwort von der – mit der Finanzkrise von 2008 einsetzenden, von autoritären Staatsführern wie Trump und Putin, von Populisten und Extremisten rechts wie links forcierten „Krise des Liberalismus“. Er betont jedoch, dass er unter dem Eindruck des siegreichen Westens den Begriff vom „Ende der Geschichte“ von dem russisch-französischen Philosophen Alexandre Kojève übernommen habe, der sich wiederum auf Hegels - im Horizont von 1806 entstandene - Geschichtsdeutung bezog.

Das vorliegende Buch, besteht - inklusive Vor- und Nachwort - aus 37 teilweise autobigraphischen Kurzessays. Fukuyamas Großvater, einem Geschlecht von Samurais entstammend, spielte – nach Studienaufenthalt in Berlin und Vorlesungen von Werner Sombart – als Agrarökonom und Mitgründer der ökonomischen Fakultät der Universität Kyoto eine Rolle bei der Modernisierung Japans. Die Familie der (anderen ?) Großmutter war noch in Japan zum Christentum konvertiert. Fukuyamas Vater, Theologe und Soziologe avancierte in den nationalen Vorstand der theologisch und politisch progressiven United Church of Christ. Im Gegensatz zu Sohn Francis blieb er zeitlebens ein überzeugter amerikanischer liberal und Pazifist.

Historisch erhellend sind Episoden aus der Vita des lebensfrohen Onkels Hiroo. Er gehörte zu den Nisei, den im II. Weltkrieg internierten japanischen Amerikanern. Anders als jene Freiwilligen, die die – nach Meldung aus den Lagern - in geschlossener Einheit in Italien kämpften, landete Hiroo als Dolmetscher in Chongqing, dem Rückzugsort Chiang Kai-sheks. Dort freundete er sich mit Sun Yat-sens Witwe Soong Ching-ling an. Später fungierte Madame Sun Yat-sen, die mittlere von drei christlichen Schwestern, als Aushängeschild in Maos Volksrepublik. Die jüngste der drei machte sich als glühend antikommunistische Gattin Chiang Kai-sheks einen Namen. Nach Kriegsende kam Fukuyamas Onkel Hiroo als Besatzungssoldat nach Berlin, wo er seine deutsche Frau kennenlernte.

Unter dem Eindruck des - in mörderisches Chaos mündenden - zweiten Irakkriegs trennte sich Fukuyama vom Lager der Neokonservativen. Er versteht sich seither als „realistischer Wilsonianer“  und verortet er seine Position zwischen den harten Realisten und den historisch kurzatmigen neocons. Das Idealbild der liberalen Demokratie, wie sie vor 250 Jahren in den USA weltgeschichtliche Wirklichkeit geworden sei, steht für ihn außer Frage.

Eine Revision früherer Thesen liegt Fukuyama fern. Vielmehr sieht er – ziemlich blauäugig - namentlich in Lateinamerika die Demokratie voranschreiten. Das Kapitel, in dem er El Salvador, Peru und Argentinien lobend erwähnt, trägt den Titel „Canción para mi América“. Trumps demokratisches Kidnapping des venezolanischen Diktators Maduro hatte bei Abfassung des Buches noch nicht stattgefunden. In Fukuyamas Augen bewegt sich selbst das wahabitische Saudi-Arabien unter Mohammad bin Salman in eine liberale Richtung. Aus derlei Perspektive kann er die blutigen Flecken auf dem Gewand des saudischen Kronprinzen übersehen. 

Zuletzt bekräftigt Fukuyama seine Kritik an Huntington. Dieser habe in seiner Topologie der Kulturen die selbst in der konfuzianischen Weltregion bestehenden Unterschiede nicht gesehen.Wohl erkenne er  die „Krise des Liberalismus“, heute forciert von Figuren wie Trump und Putin. Wiederum Inspiriert von Kojève, habe er jedoch bereits in seinem früheren Buch betont, dass die Geschichte in der Phase weltpolitischer US-Hegemonie nur eine „Ruhepause“ eingelegt habe. Das „Ende der Geschichte“ habe er mit „der letzte Mensch“ - Nietzsches Spottfigur der Saturiertheit – verknüpft, also auf die dem Versprechen von Wohlstand, Freiheit und Gleichheit innewohnende Gefahr geistiger Verflachung verwiesen. Er habe schon damals geschrieben: „Das Ende der Geschichte wird ein sehr trauriges sein.“

Von Geschichtspessimismus ist in dem Buch gleichwohl nichts zu spüren, allenfalls gedämpfter Optimismus. Den Gefahren für die liberale Ordnung möchte Fukuyama mit einem Schlenker ins Philosophische begegnen. Die Zukunft der liberalen Demokratie sei dann gewährleistet, wenn sie außer auf Rationalität auch auf thymos, dem in Platons „Politeia“ benannten Streben nach Anerkennung, beruhe.

Das Buch, angereichert mit Anekdoten aus dem akademischen Leben, enthält kaum schwere Kost. Störend wirken Übersetzungsfehler: Eine „Priesterschule“ wird man an der Divinity School der Universität Chicago nicht finden. Im Deutschen zieht man gemeinsam handelnd nicht an einem Seil, sondern an einem Strang.

Francis Fukuyama: Der letzte Mensch.Wohin steuert die Welt?, Hamburg (Hoffmann & Campe), 2026, 288 Seiten, 26 €.


Der Text ist eine leicht veränderte Version meiner in Cicero, Nr. 09/Sepember 2026, erschienenen Buchbesprechung.


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