Donnerstag, 5. November 2015

Eine protestantische Stimme der Vernunft: Richard Schröder

I.
Die Frage, was und wer hinter Merkels Einladung an alle Welt steckt, sich ins gelobte Land aufzumachen, hat zwei Aspekte, die  in der Person Merkels, der vermeintlich "mächtigsten Frau der Welt", konvergieren. Es ginge zum einen darum, die ökonomisch-politischen Interessen hinter der "Willkommenskultur" der "Einwanderungsgesellschaft" und deren ideologischer Überhöhung darzustellen. Was steckt hinter der Kollusion der bundesrepublikanischen Funktions-, Macht- und Moraleliten mit der Absicht, in den nächsten "zehn Jahren, dass, wenn wir zurückschauen und sagen können, das haben wir gut gemacht" (dixit Merkel s.a. Historisch-politische Sprachkritik der Merkelei ) eine grundlegend veränderte "neue Gesellschaft" zu schaffen? Sattsam bekannt ist der Begründungskatalog, wie er aus aller Munde  (Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften, Medien, Kirchen) zu vernehmen ist: demographische Krise, Mangel an (sc. leider noch unausgebildeten) Fachkräften, Rentensicherung für die sklerotisch-germanisch ergraute Gesellschaft, die Zwänge der Globalisierung, dazu die Verpflichtung zu (sc. globaler!) Solidarität bzw. - (post-)christlich eingefärbt - Nächstenliebe, schließlich noch der Kitsch der "bunten" Bereicherung.

Bezogen auf  Merkel mündet der Phrasenkatalog in die Frage nach deren Psychogramm: Glaubt die Kanzlerin im Innern ihres Herzens, was sie "uns" da alles  erzählt, den "Menschen draußen im Lande" sowie den von ihr eingeladenen Flüchtingen, mit denen sie sich freundlich lächelnd so gerne abbilden lässt? Vor ein paar Jahren erklärte sie noch mit Emphase: "Multikulti ist gescheitert." Jetzt begrüßt sie die Masseneinanderung mit der grünen Standardformel von der kulturellen "Bereicherung" der Bundesrepublik.  Noch vor einigen Wochen beschied sie einem palästinensischen Mädchen, nicht alle, die kämen, könnten aufgenommen werden. (Der Tränenausbruch des Mädchens hatte Erfolg: zurückgeschickt wird hierzulande kaum einer, mutmaßlich auch nicht nach den jüngst im Bundestag beschlossenen Regelungen.) Derlei Erinnerung weckt Zweifel an der lauteren Moral unserer Kanzlerin. Die Pastorentochter (und FdJ-Sekretärin) aus der DDR, die sich laut ihrer jüngsten Äußerung gegenüber  Migranten nach 1989/90 im Westen ebenfalls  nicht gleich willkommen geheißen fühlte, wirkt demnach nicht wie die überzeugendste Repräsentantin protestantisch lauterer Gesinnungsethik.

II.

Dass die Kirchen sich zum Fürsprecher aller Flüchtlinge machen, scheint - auf den ersten Blick und auch nur für einfache Gemüter - plausibel. Dass der katholische Bischof Franz Overbeck seine Worte über die von Merkels CDU/CSU  zuletzt ins Auge gefassten "Transitzonen" als Neuauflage von Konzentrationslagern inzwischen leicht modifiziert, indes nicht zurückgenommen  hat, sei vollständigkeitshalber erwähnt.  Dass "wir" uns zu ändern hätte, daran hält der Essener Bischof fest.

Nächstenliebe kennt keine Grenzen - so lautet, auch im Hinblick auf die bevorstehende Winter- und Weihnachtszeit, das massenmediale Wort zum Tage. Gegenüber derart banalisierter Auslegung der Bergpredigt, wie sie etwa in jeder Ausgabe von "chrismon" verbreitet wird, erhebt Richard Schröder, bis 1989 als Theologe am Ost-Berliner Sprachenkonvikt, nach der "Wende" SPD-Fraktionschef in der Volkskammer, sodann Philosoph an der Theologischen Fakultät der Humboldt Universität Berlin, in der als "konservativ" bekannten evangelischen Zeitschrift "ideaSpektrum" (45/2015) Einspruch: "Es kann nicht jeder zu uns kommen" lautet der Titel.

Ich  zitiere aus dem lesenswerten Artikel, der mir soeben über einen befreundeten ranghöheren Kirchenmann  zuging: "Menschen in Not zu helfen, ist immer gut, außer der Hilfswillige übernimmt sich." Dazu die  Zwischenüberschriften: "Einwandern ist kein Menschenrecht"; "Flüchtlinge können nicht dauerhaft bleiben"; "Europas Außengrenzen kontrollieren". Conclusio: "Nächstenliebe darf nicht zum Gefühl verkommen. Sie muss sich mit Vernunft und Weitsicht paaren." Noch gibt es ein paar Stimmen der Vernunft.