Wenn man nicht zur Gruppe der glaubensfesten Stammwähler einer bestimmten Partei gehört, steht man am Wahlsonntag vor der quälenden Frage: Wo soll ich, wo darf ich mein Kreuz, genauer: meine zwei Kreuze (links die Erststimme, rechts die Zweitstimme) machen? Soll ich überhaupt hingehen, wohl wissend, dass absolute Mehrheiten der Vergangenheit angehören, und dass meine Stimme hinsichtlich des Verhaltens der Parteioberen in den Tagen oder gar Wochen nach der Wahl keinen Einfluss hat?
In Berlin scheint die Sache ohnehin klar: Die CDU hat dank Kai Wegners Liebe zum entspannenden Tennisspiel die entscheidenden Punkte für den (relativen) Wahlsieg vergeigt. Die SPD hat nach innerparteilichen Machtkämpfen sowie nach der Hausdurchsuchung bei ihrem aus Niedersachsen herbeigeholten Kandidaten Steffen Krach keine Chance mehr auf den Spitzenplatz. Beste Chancen kann sich dank ihrer Hamas-Wählerbasis in Neukölln und in den Kneipen der - hoffentlich - Studierenden die "Linke" ausrechnen, die in den Umfragen mit bis zu 23 Prozent vorne liegt. Die hinter der AfD an vierter Stelle liegenden Grünen können sich als umworbene Dritte in jeder Art von Koalition jetzt schon freuen. Entweder kriegen wir in der Hauptstadt also Rot-Grün-Rot unter Elif Eralp von "Die Linke" als neuer Regierenden Bürgermeisterin oder aber Schwarz-Grün-Rot mit Stefan Evers an der Spitze. Eralp und "Die Linke" sowie nicht wenige Grüne wollen die Wohnungskonzerne enteignen, Evers und die CDU hingegen die "Clans". Das dürfte schwierig werden.
Am besten gefällt mir das FDP-Plakat in Zehlendorf "Sauberkeit und Recht und Freiheit". Aber die FDP ist seit Lindners Versagen unter der Ampel-Regierung weit unter die fünf Prozent gerutscht und kommt daher für eine "strategische" Wahlentscheidung nicht in Frage.
Was also tun? Entscheidungshilfe für den mündigen, aber ratlosen Bürger verspricht seit einigen Jahren die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): "Der Wahl-O-Mat ist keine Wahlempfehlung, sondern ein Informationsangebot über Wahlen und Politik." Gut. Das "Informationsangebot" besteht wie gehabt aus 38 "Thesen", die nahezu allesamt links-grün aufgeladen sind. Abbwägende Stellungnahme sind nicht vorgesehen. Am besten markiert man das Feld "Überspringen". Bei zwei Versuchen mit dem bpb-Spielautomaten landete ich so - mit sechs bzw. acht Treffern - einmal bei dem "umstrittenen" und unsicheren BSW, beim zweiten Mal bei der CDU. Der Qual-o-mat bietet mir wieder mal für den kommenden Sonntag keine rechte - "recht", nicht rechts, sondern im Sinne von "brauchbar" - Hilfe.
Sehr geehrter Herr Ammon. Wahrscheinlich ist dieser Artikel ein paar Jahre zu spät. Wenn es nur Probleme im Bereich der Ideologien wären, wäre der „Ruck, der durch Deutschland gehen muss“ vermutlich ausreichend. Es geht aber nicht mehr um Begriffe und Denkweisen. Auch wenn man mir das hier um die Ohren schlagen wird: Die grüne Politik, die Abschaltung der KKW, ja selbst die enormen Kosten für die Alimentierung der „Schutzsuchenden“ und ihrer Groß-Clans hat Deutschland leisten können, ohne zusammen zu brechen. Es war mit großen „Einschnitten“ verbunden, aber letztendlich ist das nicht die Ursache des aktuellen Zusammenbruches. Die Ursache ist in einer Vielzahl von Einzelfakten enthalten. Wenn ich versuche, die irgendwie zu verallgemeinern, den gemeinsamen Nenner daraus zu finden, ist es das „Abschmieren des Antriebs“, die zunehmende Unmöglichkeit der Wertschöpfung. Und es summiert sich einiges, um nun aus der reinen Quantität eine andere „Qualität“ zu machen. Was jetzt wirkt ist die Überdrehung der Regelung. Die Last ist so stark gestiegen und steigt weiter unablässig an, während die Kraft nahezu im freien Fall abnimmt dass gar keine Möglichkeit mehr besteht, die Last auszuregeln. Und es wirkt der größte Feind der Stabilität, die Totzeit. Alle falschen Hebel sind schon umgelegt und entfalten nun erst verzögert ihre Wirkung. Dagegen würde es selbst nicht helfen, wenn jetzt alle Fehler (technisch Störgrößen) korrigiert würden. Das Gesamtsystem ist in einer so steilen Bewegung nach unten, dass es NICHT MEHR aufgehalten werden kann. Jetzt muss die Ideologie schnell wechseln, von dem Streit um die Methode der Gegensteuerung, auf die Schadensbegrenzung. Das wird nicht für „alle, die nun mal hier sind“ funktionieren. Jetzt gilt „rette sich wer kann“. Und dazu müssen wir uns auf nichts einigen, weil es gar keine Einigung mehr geben kann. Wir haben den Bereich gemeinsamer Interessen verlassen. Eine Gesellschaft existiert nicht mehr. Auch eine Nation gibt es nicht mehr.