Sonntag, 23. August 2026

Gelebte Demokratie in Mannheim

Der Name Magdeburg steht für die drohende Machtergreifung der AfD in unserer Demokratie. (Siehe meinen letzten Blog-Eintrag https://herbert-ammon.blogspot.com/2026/08/vor-dem-sturm-im-magdeburg-sauberkeit.html) Die Stadt verfügt zwar über eine - dem Bundesbürger (m/w/d) naturgemäß unbekannte - 1200jährige Geschichte, über einen mächtigen Dom mit der Grablege des Kaisers Otto I. d.Gr. und seiner englischen Gemahlin Editha, dazu noch ein paar andere Baudenkmäler, die Zerstörung und Wiederaufbau überstanden haben,  sowie über eine Universität, 1993 gegründet und benannt nach Otto von Guericke, den auch ältere Wessis noch aus Schulbüchern kennen.

Das ändert nichts an dem schlechten Ruf, der aufgrund der Wahlumfragen dem  Bundesland Sachsen-Anhalt und dessen Hauptstadt Magdeburg anhaftet. Die Zivilgesellschaft im zentraldeutschen Ossi-Land ist  einfach zu schwach, ablesbar an den dürftigen Mitgliederzahlen der Kirchen sowie an den Wahlchancen für die Grünen (von plus/minus fünf Prozent). Auch von zivilgesellschaftlich relevanten Sportereignissen, etwa von Erfolgen des 1.FC Magdeburg, hören wir gar nichts in den "Tagesschau". In welcher Liga spielen diese Ossis überhaupt?

Anders steht es mit Mannheim, historisch wesentlich jünger als Magdeburg, aber eine Stadt mit gutem Ruf. Hier erlebten "Die Räuber"von Schiller  ihre Erstaufführung, hier lag eine Geburtsstätte des badischen Liberalismus und - mit blutiger Erinnerung an den Kotzebue-Mörder Karl Sand -  des demokratischen Radikalismus. Kultur - auf unterschiedlichen Ebenen - befruchtet in Mannheim die Zivilgesellschaft. Die junge Universität genießt bundesweites Ansehen. Einigen Ruhm erwarb für sich - und für die Stadt Mannheim -  ehedem auch die Sängerin Joy Fleming, die es anno 1975 mit  „Ein Lied kann eine Brücke sein“ auf einen passablen 17.Platz beim Spektakel des Euro Vision Song Contest schaffte. 

Sport stärkt - wie sonst nur die NGOs - die Zivilgesellschaft, die Basis unserer Demokratie. In den TV-Nachrichten waren unlängst eindrucksvolle Szenen aus dem Stadion des SV Waldhof zu sehen, wo in einem Pokalspiel Mannheim und Kaiserslautern aufeinander trafen. Der interessierte Zuschauer und Bürger durfte miterleben, wie  zuerst die beiden Mannschaften in regelwidrigen Streit gerieten. Schon stürmten zahllose Fans aufs Feld und veranstalteten, befeuert von Böllern und Rauchwerk, eine Prügelorgie, wie sie in deutschen Stadien bislang noch kaum zu den sportlichen highlights gehörte. Die Zahl der verletzten Polizisten und der verhafteten Fußfballfans ist mir entfallen. 

Fußballfeste bereichern die gelebte Demokratie. Eine weitere Bereicherung verspricht eine andere zivilgesellschaftliche Intiative des Mannheimer Stadrats Julien Ferrat, der der Wählervereinigung "Die Mannheimer" angehört. Unter dem Motto "Politiker zum Anfassen" plant er, inspiriert durch eine politische Bildungsfahrt in das "village naturiste" im französischen Cap d´Agide, eine Swingerparty mit Gruppensex im Mannheimer Rathaus. Sein Anliegen sei "zunächst mal, das Thema medial etwas mehr in die Mitte der Gesellschaft zu rücken und zu enttabuisieren....Bei der Bildungsfahrt nach Frankreich war das gesamte politische Spektrum von links bis rechts abgedeckt. Und in der größten Online-Swinger-Community Deutschlands sind mir auch schon Profile von Politikern verschiedener anderer Parteien aufgefallen."  

Eine gute Nachricht für unsere Demokratie: Anders als in Magdeburg und in den umliegenden Ost-Gebieten, ist die Zivilgesellschaft im Südwesten der Republik intakt.   

 

Dienstag, 18. August 2026

Vor dem Sturm in Magdeburg? - Sauberkeit und Recht und Freiheit!

I.

1878 erschien Theodor Fontanes erster Roman "Vor dem Sturm". Das Leitthema sind die politischen (und privaten) Erwartungen, Befürchtungen und Hoffnungen, welche - vor dem Hintergrund der Konvention von Tauroggen - Angehörige des märkischen Adels bewegen,  aber auch die Stimmungen im einfachen Volk. Die breitgefächerte Handlung spielt vor dem "Sturm", der einst legendären - heute vergessen, da aus dem bundesrepublikanischen Curriculum gestrichen -  preußischen Erhebung von 1813. 

Geht es nach den Medien, steht Deutschland vor dem Sturz in den Abgrund. In den Septemberwahlen 2026 werde sich - wie dereinst bei den Septemberwahlen 1930 - das deutsche Schicksal entscheiden. Der von Auflagenschwund betroffene "Spiegel" hat den Ernst der Lage erkannt und erklärt Ulrich Siegmund auf der Titelseite zum "gefährlichsten Mann Deutschlands". Unbeabsichtigt  betreibt der "Spiegel" damit Wahlpropaganda für den jugendfrischen AfD-Chef  und Möchtegern-Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt. Lächelnd signiert Siegmund von seiner Wahlkampftruppe aufgekaufte "Spiegel"-Exemplare mit seinem Konterfei und verteilt sie ans Wahlvolk. Inzwischen  hat  auch Schulzes Vorgänger Haseloff erkannt, dass die grün-"linken" Westmedien zum Aufstieg der AfD beigetragen haben. 

Auch wenn Siegmund  "bürgernah" Siegesoptimismus verbreitet, werden selbst die in den jüngsten Umfragen erzielten 43 Prozent  für den Einzug ins Magdeburger Palais am Fürstenwall nicht reichen. Denn sofern die Grünen fünf Prozent kriegen oder wenigstens die SPD - wie in der letzten Umfrage - bei sieben Prozent landet, wird es nichts mit einer absoluten Mehrheit und mit der ersehnten Alleinregierung. Die Chancen, dass Sarahs BSW mit mehr als fünf Prozent als Partner zur Verfügung stehen könnte, sind gering. Denkbar, nein wahrscheinlich ist hingegen, dass die CDU, wenn es denn die Arithmetik hergibt, auch die "Linke" ins Koalitonsbett holen wird. Und wenn nicht, wird die "Linke" auch zufrieden sein, wenn sie - als Teil der nach links dehnbaren "Mitte" - eine Minderheitsregierung unter Sven Schulze (CDU) demokratisch tolerieren darf.

Was aber geschieht, wenn wider Erwarten Siegmund, gestützt auf eine absolute Mehrheit, doch zum ersten AfD-Ministerpräsidenten gewählt werden sollte - oder nur könnte?  Die Bannerträger der wehrhaften Demokratie haben bereits angekündigt, eine Machtergreifung der "Blau-Braunen" in Mitteldeutschland mit allen erdenklichen Mitteln zu verhindern: Permanente Demos aller aus der ganzen Republik aufgerufenen demokratischen Kräfte (inklusive Antifa) sowie Blockaden vor den Ämtern.So lange, bis die Faschisten aufgeben.

Denkbar - oder zu befürchten - ist  aber auch, dass derlei militante Verteidigung "unserer Demokratie" dann die AfD-Anhänger - mit einem harten Kern von real "rechten" Schlägertrupps -  auf den Plan ruft. Und was danach kommen könnte, möchte man sich lieber nicht ausmalen. Für  uns, "die schon länger hier leben" (dixit Bayreuth-Enthusiastin Merkel), stellt sich die Frage: Steht Magdeburg - wie schon einmal im März 1631- im Merz-Jahr 2026 vor dem Sturm? 

II. 

Für Berlin, für die Hauptstadt, wo der Wahlkampf  bereits in vollem Gange ist, können wir Entwarnung geben. Plakate, Stelltafeln, Demokratie allerorten.  Laut Umfragen kann die Mitte - sie reicht von der CDU über die Grünen (ehedem "Alternative Liste") und die "Linken" bis zur geschrumpften SPD - gelassen auf den Wahltermin blicken. Die AfD liegt in den Umfragen bei ca. 18 Prozent mit CDU und "Die Linke" zwar fast gleichauf, steht aber chancenlos ausgesperrt hinter der Brandmauer. Allenfalls könnte es in den Bezirksversammlungen Zank über die proportional zuzuteilenden Stadtratposten geben.Während der letzten Hitzewelle hatte die AfD kontraproduktive Plakate ("Energie statt Klimawahn") aufgehängt. Nach der jüngsten Abkühlung könnten ihre Prozentchancen wieder steigen, sofern ihre weit oben aufgehängten Plakate ("Migration begrenzen!") nicht von stets einsatzbereiten Antifaschisten heruntergeholt und in den Dreck befördert würden.

Der mündige Bürger fragt sich, für wen er seine Stimme in die Urne werfen soll. Bei VOLT -  die violett auftretende Konkurrrenzpartei der Grünen - gibt allein schon der Name der  Partei Rätsel auf: Stehen die jungen Leute, um die es ja wohl geht, unter Strom oder was will - angesichts des Zustroms aus dem Orient erinnern die Identitären an die Kreuzzugsparole des Papstes Urban II. Deus vult oder Deus lo volt - die neuerdings (laut Art.  GG 21,1) an der politischen Willensbildung des Volkes mitwirkende Partei? Handelt es sich um bei den violetten Farben um eine protestantische Bußveranstaltung? Kaum. Außerdem fehlt mir - nicht nur angesichts des mörderisch-fatal verlaufenen CSD -  das Verständnis für das urbane Heilsversprechen von VOLT: UnF*ck Berlin. Wie soll das gehen? Steht das im Kulturprogramm der  VOLTisten? Oder machen sie  Werbung für eine performance im Wahlkampf?  

Für VOLT werden die Stimmen für die anteilige Erstattung der Wahlkampfkosten reichen. Vielleicht auch für die Tierschützer, die außer für Tierheime für bezahlbare Mieten werben, wie  auch die SPD. "Die Linke" will enteignen. Der "Lospartei" schwebt  für Berlin anscheinend das Modell der attischen Polis vor. Bei "Die Partei", weiß man wenigstens, woran man ist. Sie ist Sonneborns Antipartei, mit einem Mandat (Sonneborns) im EU-Parlament. 

Mit Spannung sehen wir dem Abschneiden der FDP entgegen. Sie - bzw. der als Retter berufene Wolfgang Kubicki  - hat ja völlig recht: "Wirtschaft gut, alles gut". Nur steht es seit langem mit unser Wirtschaft nicht gut, und keiner weiß, wie die guten Jahre (ante Angelam) wiederkommen sollen. Und wie will die FDP den Aufschwung allein  in der notorisch maroden Stadt Berlin bewerkstelligen? Selbst wenn sie über fünf Prozent kommt? Die plötzlich aufgetauchte Forderung, die undemokratische Fünf-Prozent-Klausel im Parteiengesetz zu ändern, kommt in diesem September für die FDP wahrscheinlich zu spät.

Aber wer weiß? Vielleicht gelingt der Berliner FDP doch noch der Sprung über die Hürde. Vielleicht existiert noch ein Wählerpotential in den besseren Vierteln, wo die Bürger (m/w/d)  statt die Grünen  oder die CDU - bürgerlich-liberal wählen. In Zehlendorf hängen Wahlplakate mit dem schönen Dreiklang "Sauberkeit und Recht und Freiheit". In Kreuzberg-Friedrichshain, in Neukölln, Moabit und anderswo hat die FDP damit keine Chance. Aber vielleicht können sich trotzdem hinreichend "Linke" (aller Couleur), denen die schon lange die deutsche Nationalhymne -  selbst die dritte Strophe - missfällt, für die Parole erwärmen? Dann hätte die FDP wieder alle Chancen, in Berlin, in Bund und Ländern, in der Mitte mitzumischen. 

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Montag, 8. Juni 2026

Fußballpatriotische Stimmung vor dem Sommerloch

Noch werden die Tage länger, aber ab 21. Juni werden sie kürzer, zunächst kaum spürbar,  wenngleich oft abendlich schwül. Das Fußballvolk fiebert der WM in Nordamerika entgegen und stattet sich trotz aller Bedenken des Ex-Ministerpräsidenten Ramelow - angeblich "fremdelt" das Volk, vor allem das junge, in unserer Demokratie mit der deutschen 1848er Trikolore -   mit in Bangladesh, China (People´s Republic) oder sonstwo produzierten Deutschlandfahnen/-fähnchen sowie schwarz-rot-goldenen Schals und Überziehern  für die Außenspiegel aus. Einige Fußballpatrioten, ausgerüstet mit entsprechenden, Antifa-resistenten Baseballcaps, berechnen per Smartphone die Unterschiede zwischen den Spielterminen in Calgary,  Los Angeles oder Guadalajara und der hiesigen Sommerzeitzone (MESZ).  Die Zeitdifferenz - Fanmeilen wird es anno 2026 nicht geben - könnte den Umsatz der Fanartikel-Verkäufer (m/w/d)  mindern. Hingegen werden sich die Inhaber von Spätis über den Bierkonsum der Fußballpatrioten freuen, solange Nagelmanns Truppe deren Hoffnungen auf den Endsieg nicht zu früh enttäuscht. 

Gegen Ende Juli gönnen sich Regierung und Bundestag die alljährliche Sommerpause, und das Volk fährt in den Urlaub, sofern es sich dies in Zeiten sinkender Wirtschaftsdaten - die für 2026 prognostizierte BIP-Wachstumsrate  wurde jüngst  nach unten auf 0,5 Prozent korrigiert - bedrohter Arbeitsplätze, hoher Benzinpreise, teurer Ferienwohnungen oder Campingplätze noch leisten kann. Ein Ende des Ukrainekriegs ist trotz Schröders Reise nach Moskau nicht in Sicht. Putin glaubt an seinen Endsieg, Selenskyi - dank treffsicherer Drohnen und beliebig verfügbarer EU-Kredite - an den seinen. Sollte sich also nichts Spektakuläres ereignen - etwa der Einsturz einer maroden Autobahnbrücke,  ein Herzinfarkt der Abstinenzler Trump oder Putin oder eine von "Rechten" verübte Gewalttat - fälllt die politisch-mediale Klasse ins Sommerloch. 

Spätestens Ende August, wenn im nördlichen Deutschland die ersten Herbststürme für Abkühlung sorgen, steigen  in der Hauptstadt die politischen Temperaturen. Wengleich die für 2050 angekündigte Klimaapokalypse vom Weltklimarat höchstselbst soeben vertagt wurde, werden die Klimaforscher  und TV-Meterologen erneut den weltweit heißesten Sommer seit Aufzeichnung der Temperaturen registrieren. 

Nicht nur die Grünen können sich danach über weitere Zugewinne bei den anstehenden Herbstwahlen freuen. Derzeit liegen sie - je nach Umfrageinstitut - zwischen 14 und 16 Prozent.  Jeder Abiturjahrgang - im Vorjahr  2025 mit 259 (?) gemeldeten 1,0-Absolventen (w/m/d) allein in Berlin - sorgt für Stimmenzuwachs. Die mutmaßlichen Stimmenverluste in Berlin -   einige hintere Listenplätze werden am 20. September wegfallen - können sie dank starker Präsenz in der städtischen Bürokratie verkraften. Sorgen machen müssen sich die Grünen jedoch um den Ausgang der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Womöglich bleiben sie unter fünf Prozent und fallen als Grundpfeiler  "unserer Demokratie" zumindest im Osten erstmal weg.  

Hingegen kann sich die mit den Grünen im Bachelor-Milieu konkurrierende, gegen islamophoben Rassismus, für die quotengerechte Repräsentation der anno 2025 in Höchstzahl eingebürgerten Migranten kämpfende Partei "Die Linke" - unter Heidi Reichinnek endgültig demokratisch geadelt - auf den Wahlherbst freuen.  Sie hat in den Umfragen  in einigen Bundesländern bereits  die  SPD überholt und ist in Bund und Ländern für jede Art von  Regierungsbildung   - unter Ausschluss der AfD, versteht sich -  unentbehrlich geworden. 

Soll man eine Prognose riskieren? Trotz aller Siegeshoffnungen der AfD in Sachsen-Anhalt sehe ich den des Spitzenkandidaten Siegmund noch nicht im Amt des Ministerpräsidenten. Zum einen dürfte es für eine absolute Mehrheit der Brandmauer-Partei am Ende  nicht reichen, wenn die ehemalige Arbeiterpartei  SPD am Wahlabend des 6. September mit fünf bis sechs Prozent überlebt. Falls die SPD dennoch aus dem Magdeburger Landtag fliegt, kann sie sich bei  Bärbel Bas´ für deren offenes Bekenntnis zur  angestrebten Ethnomorphose in deutschen Landen bedanken. Falls wider Erwarten die AfD dennoch ans Ruder kommen sollte, droht ihr der "Bundeszwang" gemäß Art. 37 GG. Vermutlich sind Verfassungsschützer (m/w/d) und Juristen (w/m/d)  für eine derartige Exegese des Grundgesetzes bereits an der Arbeit. 

Ob  die FDP unter Kubicki und Linda Teuteberg, von einer - bisher einzigen - Wahlumfrage von 5,0 Prozent ermutigt, aus der Sommerpause gestärkt hervorgeht und  als mehrheitsbeschaffender Faktor im Parteienstaat erhalten bleibt, ist eine weitere Frage für die Auguren. Auf andere Weise als die SPD hat sie  - mit dem Eintritt in die Ampel 2021 und Lindners verspätetem Austritt 2024 - ihren Niedergang selbst verschuldet. Überlebenschancen hat sie letztlich nur dann, wenn sie - längst vergessene  - nationalliberale Töne anschlägt und sowohl der AfD  wie der CDU Stimmen abnimmt. 

So oder so, das alte Parteiensystem ist im Herbst 2026 an sein Ende gelangt. Auch der Union von CDU/CSU  steht das Schicksal der SPD bevor, sobald  sie in den Umfragen  bundesweit unter 20 Prozent rutscht. Eingespannt in die Koalition mit der SPD - und abhängig vom Wohlwollen der in allen politisch relevanten Fragen dominanten Grünen - ist an einen  von Merz im Wahljahr 2025 mit großer Fanfare angekündigten  Kurswechsel nicht mehr zu denken. Im Zeichen des  wirtschaftlichen Niedergangs sowie der Bevölkerungskrise ist die - nicht erst in der Ära Merkel -  beschädigte res publica kaum mehr zu heilen. Immerhin ist ein gewisser  Aufschwung aus der depressiven Stimmungslage denkbar, falls die zur Nationalmannschaft rückbenannnte Fußballtruppe noch siegreich bis in die Endrunde gelangt. 

 

 

Samstag, 6. Juni 2026

Wo sind die Ursachen der Misere zu suchen?

Soeben ist meine Besprechung des Essays "Der gelähmte Westen" von Ferdinand Knauß in doppelter Ausführung: Globkult (s.o.: https://www.globkult.de/politik/besprechungen/2492-noch-nicht-alle-hoffnung-fahren-lassen-%20-sind-nur-die-68er-an-der-misere-schuld) und auf AchGut (https://www.achgut.com/artikel/rettung_fuer_den_gelaehmten_westen-) erschienen. Auf der "Achse" gab es dazu bereits einige Leserbriefe. Zwei davon scheinen mir gedanklich weiterführend bzw. Anlass zur Vertiefung der Diskussion über die Ursachen der sich - aus diversen Gründen: Wirtschaft, Migration, Ideologie - kontinuierlich vertiefenden Misere.

ad 1) Der Leser Lutz Hermann fertigt meine Rezension in zwei kurzen Sätzen ab: "Väterlose Generation. Schuldprotestantismus. Gibt es in vielen westlichen Staaten nicht. Taugt als Erklärung somit nicht."  Diese Pauschalkritik verdient eine Antwort. 

Zunächst ein Zugeständnis: Ja, ich habe einen wichtigen, womöglich den zentralen Faktor der 68er-Kulturrevolution nicht explizit benannt: Sex. Ein Hauptthema der global-westlichen Achtundsechziger - ich lasse Japan und Zengakuren hier außer acht - war  die sexuelle Repression, für anspruchsvollere Gehirne freudomarxistisch unterlegt, für schlichtere Gemüter von Wilhelm Reich aufbereitet. Die sexuelle Befreiung - ein zeitlos utopisches Ziel  - war in erster Linie gegen die  "repressive", im paulinischen Christentum verankerte Sexualmoral gerichtet. Mit der Pille war sie  technisch realisierbar geworden. 

Ob mit oder ohne geistige Anstrengungen im Bereich der Theorie, protestierten die amerikanischen Hippies und die in Woodstock gipfelnde flower-power-Bewegung gegen den puritanisch-protestantischen Grundzug der damaligen amerikanischen Kultur. Der Protest fiel zusammen mit der US-Bürgerrechtsbewegung, die wiederum im Sündenbewusstsein der weißen Amerikaner eine bedeutende Triebkraft fand. Die aus den USA als "befreiend" wahrgenommene Protestkultur - und selbst der Rock´n roll eines Elvis Presley  - hatte eine in Deutschland meist unerkannte religiöse Komponente. 

Was für die USA - und den aus der Bürgerrechtsbewegung hervorgegangenen Wokeismus - gilt, trifft im Hinblick auf den britischen Kolonialismus auch auf Großbritannien zu. Douglas Murray hat dies am Beispiel eines durchgeknallten Nachfahren des Freibeuters und Sklavenhändlers John Hawkins veranschaulicht. Was den "Pariser Mai" betrifft, so handelte es sich um den Ausbruch jener bürgerlichen Jugend, die dem Algerienkrieg dank später Geburt entkommen war. Die Alten, ob einstige Collabos oder - meist spät berufene -  Résistants taugten nicht als Identifikationsfiguren. Man hielt es mit dem protestantischer Familie und deutscher Ideologie entstammenden Sartre.

In Bezug auf die deutschen 68er bedarf meine These - umfassend Vaterlose aus schuldbeladenem protestantischem Milieu - keiner weiteren Explikation. 

ad 2) Die nachfolgende Kritik des Lesers A. Ostrovsky zielt auf die ökonomisch-materielle Basis der kaum noch zu behebenden deutschen Zustände. Ich zitiere sie ob ihres analytischen Gehalts in voller Länge:

 


Sonntag, 31. Mai 2026

In eigener Sache: corrigenda

Anstelle eines längst überfälligen - leider stets  wirkungslosen - Kommentars zur Weltlage aus der Weltprovinz, a.k.a. "unsere Demokratie", nutze ich meinen Blog in eigener Sache, genauer: zu Gewissenserleichterung. Gewiss, nobody is perfect. Doch es ist ärgerlich und "irgendwie" belastend, bei Wiederlesen eigener Texten  auf den den einen oder anderen Fehler zu stoßen. Da es sich bei den nachstehend zitierten, auch anderswo publizierten Globkult-Texten um PdF-Dateien handelt, die ich mühselig öffnen müsste, um sie zu bearbeiten, mache ich es mir mit folgenden Hinweisen einfacher:

1. In meinem Aufsatz über die "Rote Kapelle" (https://www.globkult.de/geschichte/zeitgeschichte/1268-die-rote-kapelle-im-schatten-der-deutschen-widerstandsgeschichte   ) erscheint Alexander Korotkow,  der  sowjetische Kontaktmann Arvid Harnacks, als NKWD-Agent (Abschnitt III, vorletzter Absatz). Aufgrund späterer Lektüre zum Thema "sowjetische Geheimdienste" bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass es sich um einen Angehörigen des militärischen Geheimdienstes GRU - nicht um einen Vertreter des dem Inenministerium zugeordneten NKWD - gehandelt haben muss. - In der Literatur  stößt man nach wie vor auf die betreffende Fehlangabe.

2. In meiner  Buchbesprechung zu Kurt Lehnstaedts Studie zur Entstehungsgeschichte der NSDAP in Gröbenzell, einem Vorort von München (https://www.globkult.de/geschichte/rezensionen/2379-kurt-lehnstaedt-groebenzell-in-den-jahren-1933-bis-1945), bezeichnete ich eine Gruppe von "Endsieg"-Fanatikern als eine "versprengte Wehrmachtstruppe". Der Autor Lehnstaedt korrigierte diese Darstellung (im drittletzten Absatz meines Textes), es habe sich um  dahin eine Gruppe von SS-Leuten gehandelt, die sich - mit welchen Absichten immer - Wehrmachtsuniformen zugelegt hatten. 

Zu meiner Rechtfertigung: Der "Fehler" resultierte nicht aus ungenauer Lektüre, sondern entsprang einer missverständlichen Formulierung im Buch selbst.

P.S. Errare humanum est. Ich hoffe, meine Korrekturen landen nicht im gleichgültigen Nirwana des Internet, sondern über KI im Erkentnisraum von Globkult.

Mittwoch, 29. April 2026

Der aufgeschobene Compte rendu

Anno 1781 legte Jacques Necker, der Finanzminister Ludwigs XVI., seinem König den als Compte rendu bekannten Finanzbericht vor, in dem er mit einem prognostizierten Überschuss der - durch Krieg (Hilfsgelder und -truppen für die USA) und Hofhaltung belasteten - Staatsfinanzen Optimismus verbreitete. Wenige Jahre später, erneut Finanzminister, empfahl Necker zur Lösung der kontinuierlich aufgeschobenen Finanzkrise die Einberufung der Generalstände. Bekanntlich mündete die Staatspleite in die Französische Revolution 1789, weshalb die Franzosen auch im Krisenjahr 2026 am 14. Juli  ihren Nationalfeiertag feiern werden. In Deutschland sieht der Geschichtskalender etwas anders aus.

Wie die Feiern im EU-Nachbarland in einem Jahr, nach den Präsidentschaftswahlen im April 2027, ausfallen, ist eine Frage an die Auguren. Sie geht aber - im Hinblick auf den EU-Superstruktur, den Haushalt Brüssels und die Solidarität der "Europäer" bei neuen Krediten für die Ukrane - auch uns an. 

Optimismus zu verbreiten gehört zum Geschäft der Regierung. Bundeskanzler Merz ist bestrebt, mit  Redestil und Körpersprache  - mit abgehackten Worten und starken Adjektiven - Tatkraft zu demonstrieren. Nichtsdestoweniger ist nicht zu übersehen, dass nicht er, sondern andere den Takt vorgeben. Offenkundig wird seine Führungsschwäche im Umgang mit den - durch "Sondervermögen", sprich: Schulden  - ausgeweiteten Staatsausgaben und den ständigen Streitigkeiten innerhalb der Koalition.

Was Mißstimmung im Wahlvolk -  und Sympathiezuwachs für die AfD - erzeugt, ist die Tatsache, dass stets angekündigte "Reformen" nicht in Gang kommen. Im sechsten Jahr einer schweren Rezession befindet sich Deutschland in einem Zustand krisenhafter Stagnation. Während eine tiefgreifende Debatte über die evidenten Fehlentwicklungen seit der Ära Merkel  in den deutschen Qualitätsmedien nicht stattfindet, liefert immerhin "Der andere Blick" in der NZZ einen nüchternen Lagebericht. 

Der Redakteur  Morten Freidel benennt vier zentrale - miteinander verknüpfte -  Punkte des mit Parteirhetorik  übertönten Politikversagens in Deutschland:  1. das bei der Rentendebatte überspielte, im letzten Jahr erneut verstärkte Geburtendefizit in der alternden Gesellschaft. 2. die ausgebliebenen Reformen im Wirtschafts- und Sozialbereich im Hinblick auf Veränderungen in der Weltwrtschaft, die den Sozialstaat unterhöhlende irreguläre Migration, das brüchige Rentensystem sowie das überlastete Gesundheitswesen, die über Jahre vernachlässigte Infrastruktur, der Zustand der Bundeswehr,  last but not least  - die  dirigistische Energiewende. (Hinzuzufügen wäre die Auswanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften.) 3. die Hemmnisse politischen Handels seitens der Gerichte, nicht zuletzt des EuGH hinsichtlich der deutschen Asylgesetzgebung. 4. die Brandmauer zur AfD, wodurch notwendige Reformen jenseits des reformunwilligen, großen, links-grünen de-facto-Bündnisses blockiert sind.

 "Während die etablierten Parteien miteinander streiten, verliert die Öffentlichkeit die Geduld, und die AfD wartet ab, bis ihr noch mehr Wähler zulaufen," schreibt Freidel. In ein paar Jahren kann es für eine Umkehr des deutschen Niedergangs zu spät sein. Welcher Politiker (m/w/d) möchte eine solch düstere Botschaft  gerne hören oder gar dem Wahlvolk zumuten? Nichtsdestoweniger ist ein ungeschönter Compte rendu nicht beliebig lange ungestraft aufzuschieben.  





Mittwoch, 22. April 2026

Timmy und die Zukunft "unserer Demokratie"

In "unserer Demokratie" ist der mündige Bürger (m/w/d) Träger der res publica. Um sich -  frei nach Kant - seiner Mündigkeit zu versichern und - ungetrübt von populistischen Emotionen - verantwortungsbewusst an der politischen Willensbildung im Parteienstaat teilzunehmen, bedarf er umfassender, kritischer Information über die Weltläufte, die Lebensumstände.  Bis zum Siegeszug der Populismus schürenden "sozialen Medien" - Facebook, Instagram, Telegram, Tiktok, X, youtube, Chatgroups etc. - sowie der zahllosen Internetportale geschah dies vermittels Presse, Radio und Fernsehen sowie an Stammtischen. 

Für traditionsbewusste deutsche Demokraten findet die Meinungs- und Willensbildung nach wie vor  über die gewohnten - mit zig Milliarden beitragspflichtiger Bürger finanzierten - Medien, in ARD-Tagesschau und ZDF-Tagesthemen (zusätzlichTalkshows) statt. Die politisch bedeutsamen Themen, die den Bundesbürger (m/w/d) aktuell beschäftigen, sind die Preise von Benzin, Diesel und Kerosin, von Mieten und Immobilien, die Zahl von 27 000 Insolvenzen seit Jahresbeginn - dieser Tage traf es einen alteingesessenen, auf Lampen spezialisierten Familienbetrieb im Berliner Südwesten -, das erneut gegen Null tendierende Wachstum des BIP, der Rückgang registrierter Straftaten - dank teilweiser Freigabe von Cannabis unter der Ampel - sowie der Asylsuchenden, der Anstieg von Gewalttaten (namentlich Vergewaltigungen), sodann Trumps und Netanyahus Krieg gegen den Iran am und um den Persischen Golf sowie gegen Hisbollah, der Fortgang und die Opferzahl im Ukrainekrieg, nicht zuletzt  das Schicksal von "Timmy" in der sandbankreichen Ostsee sowie die Siegestreffer von Bayern München zum Gewinn der xten Deutschen Meisterschaft der Bayern und ihrer Chancen in der Champions League. 

Den Abschluss des abendlichen Bildungserlebnisses   bildet  auf fast allen Kanälen der Krimi mit der richtigen Rollenverteilung  migrantisch/indigen, good cops (w/m), vs. bad guys (m). Das Ganze angereichert mit ein paar Sexszenen.

Die an den Korrespondenten (m/w) in Brüssel, Istanbul, Kairo oder Kiew gerichtete Frage der Nachrichtensprecherin ("Elmar, wie ordnet man in Washington Trumps Ausfälle gegen den Papst politisch ein?") für sich zu beantworten, gehört auch zu den Aufgaben des mündigen Bürgers und TV-Konsumenten. Mehr noch, er ist gehalten, aus dem skizzierten Abendprogramm den historisch-politisch relevanten Zusammenhang zu erkennen und zu bewerten. "Timmy, was machen sie bloß mit dir?" fragt "Bild" heute (22. April 2026) auf der ersten Seite. 

Wir fragen weiter: Ist "Timmys" Leben auch durch die auf dem Grund der Ostsee rostenden Gasgranaten gefährdet? Sollen/dürfen wir uns bei "Timmys" Tragödie auch an die über 7000 Toten der am 16. April 1945 versenkten "Goya" erinnern? Erinnert sich  angesichts der doppelten Blockade der Straße von Hormuz  in Berlin noch jemand  - außer Chrupalla - an die Sprengung von Nordstream 2? Warum aber wurde die durch die Ukraine und Polen gen Westen führende - im Krieg beschädigte - Pipeline "Druschba" soeben repariert? Reichen der aus Frankreich importierte Atomstrom sowie die  flächendeckenden Windräder zur Energieversorgung  deutscher Industrien - im fünften Jahr einer schweren Rezession befindlich - etwa doch nicht aus? Ferner: Wie hoch wird Ungarns Wahlsieger Peter Magyar für die erhoffte Fügsamkeit mit Milliarden aus Brüssel belohnt? Sind wir angesichts aller Imponderabilien des Ukrainekriegs sowie wehrunwilliger linker und rechter Jugendlicher - die Zukunft unserer Demokratie: hie Reichinnek, hie Höcke - bis  2029 kriegstüchtig ? Zuletzt: Wird die Senkung der Steuern auf klimagefährdendes Benzin/Diesel noch rechtzeitig - im Hinblick auf das Kurzzeitgedächtnis des Bürgers (m/w/d) - vor den Landtagswahlen im Herbst (siehe H.A.:https://herbert-ammon.blogspot.com/2026/03/fragen-eines-wahlburgers-im.html) durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer kompensiert? 

Vertrauen in die Regierung - mit Aussicht auf eine größtmögliche Koalition zur Bewahrung der Brandmauer - gehört zu den transzendentalen Voraussetzungen unserer Demokratie. Immerhin: Die - populismusresistente  - emotionale Basis der res publica scheint noch intakt. Denn die Hauptsorge der mündigen Bürger (m/w/d) - nicht allein der werte- und umweltbewussten Grünen - ist derzeit auf "Timmy" gerichtet: Wie schafft es der Buckelwal - im Falle seines Überlebens - zurück in die windparkreiche Nordsee? 

 

 


Mittwoch, 8. April 2026

Protestantisches Prinzip als Antwort auf den „Tod Gottes“?

Die Negativdaten sprechen für sich: leere Kirchen, über vierhunderttausend Kirchenaustritte jährlich, Verkauf oder Abriss von Kirchengebäuden, mehr Bestattungen als Taufen in der alternden Gesellschaft. Und leben wir nicht längst in einer postchristlichen Gesellschaft? „Wo sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht Grüfte und Grabmäler Gottes sind?“ fragte Nietzsche, der Verkünder des Todes Gottes. Eine Antwort findet der als Philosoph promovierte Publizist Alexander Grau in einem dem Nietzsche-Zitat vorangestellten Logion aus dem apokryphen Thomas-Evangelium: „Jesus spricht: ´Werdet Vorübergehende´.“

In dem vorliegenden Essay zur Zukunft des Protestantismus in der „Spätmoderne“ - als Epochenbegriff so fragwürdig wie die „Postmoderne“ - , klingt Grau weniger kulturpessimistisch als sonst. Gewiss, der Transzendenzverlust – nach Max Weber die Entzauberung der Welt - sei in der von Rationalität, Wissenschaft, Technik geprägten Welt irreversibel, aber kein Grund zur Trauer. Denn es war das (paulinische) Christentum, das in der Antike „der Welt den ersten Schub der Entzauberung bescherte,...Gott in die Transzendenz abschob“ und dem Einzelnen den Weg in die Freiheit eröffnete. (16f.) Gegenüber einem allenfalls noch von katholischen Traditionalisten konservierten Antimodernismus – es fehlt der Verweis auf die fundamentalistischen „Evangelikalen“ im protestantischen Lager – argumentiert Grau als Protagonist der Säkularisierungsthese, und dies in radikaler Zuspitzung: „Ohne Christentum kein Humanismus, keine Aufklärung, keine Französische Revolution, kein Liberalismus, kein Sozialismus. Und ohne Christentum keine Säkularisierung und Atheismus.“ (17) Als maßgebliche Autorität für derartige Sätze bezieht er sich nicht auf Ernst Troeltsch, den Hauptvertreter - neben Adolf von Harnack - des liberalen Protestantismus im Kaiserreich, sondern auf den britischen Schriftsteller Tom Holland und dessen Werk Dominion. The Making of the Western Mind (dt. 2021), der die Welt – ungeachtet ihrer bestehenden kulturellen und religiösen Unterschiede – vom Siegeszug westlicher Kultur durchdrungen sieht. (22f.)

Die Auflösung des institutionalisierten Christentums und die „modernen“ Formen von Sinnsuche bedeuten für Grau nicht den „Niedergang christlicher und protestantischer Religiosität, sondern ihr(en) finalen Triumph.“ (18) Immerhin liegt noch ein gewisses Bedauern in der Feststellung, „die nach Orientierung und Sinn suchenden Gesellschaften (sic!) der Moderne sind unempfänglich geworden für die Bilder und Sprache des Christentums.“ (19) Und nicht ganz widerspruchsfrei klingt die These, das Verschwinden des Christentums aus der Alltagskultur sei zu akzeptieren, wenn Grau als „aufgeklärter“ Protestant sich – hier zu Recht - über die auf körperliches Wohlbefinden zielenden „Spiritualitätsmoden“ der Gegenwart, über gefühligen Kirchentagskitsch und die Rolle der EKD als grüner NGO erregt. (12).

In drei Kapiteln (übertitelt mit„Rettungsversuche“, „ Gottes Sterben“, „Gottes Tod“) skizziert Grau die Stufen der Säkularisierung, genauer: die Entmythologisierung christlichen Glaubens im Protestantismus. Die Aufklärung begründete die historische Bibelkritik, Kant reduzierte Gott zum Postulat der Vernunft. Hegel identifizierte Gott teils transzendent, teils weltimmanent als „absoluten Geist“, Feuerbach entdeckte in Gott das im Menschen verborgene Ich-Ideal. Der Hegelianer David Friedrich Strauß eröffnete die Leben-Jesu-Forschung, welche den „historischen Jesus“ ins historische Dunkel entrückte. Albrecht Ritschl, der im Christentum die vollendete geistige und sittliche Religion sah, begründete in der Göttinger Schule ein radikal weltliches – auf Nächstenliebe und Pflichterfüllung gegründetes – Verständnis vom „Reich Gottes“, das bis in die Gegenwart fortwirke. Die vom Linksprotestantismus kultivierte „Anbetung der ´Zivilgesellschaft´“ trage deutliche Züge eines Links-Ritschlianismus. (50)

Im Erste Weltkrieg zerbrachen die vom Kulturprotestantismus vermittelten, christlich eingefärbten Gewissheiten des Bürgertums. Aus der den liberalen Protestantismus erschütternden „Krise des Historismus“ (Troeltsch) gab es zwei Auswege: den eines radikalen Aufgehens in der Kultur oder die von Karl Barth proklamierte Absage an diffuse Religiosität zugunsten „absoluter Weltjenseitigkeit“, d.h. durch radikale Erneuerung des Glaubens an einen „verborgenen Gott“ und dessen Offenbarung. Grau anerkennt Barths Verdienst, das protestantische Christentum gegen „katholischen Zinnober“, gegen äußerlich praktizierte Religion sowie gegen „alle Arten weltlicher Religiosität in Stellung“ gebracht zu haben. (103).Mit Barths revolutionärer Pose, in der sich „kalvinistische Unbedingtkeit mit romantischer Jugendbewegtheit und existenziellem Pathos (mischte)“ (65), kann er sich jedoch nicht anfreunden. Auch Bultmanns Intention, hinter dem entmythologisierten Christentum die „Idee“ des christlichen Mythos zur Geltung zu bringen, stellt er in Frage: „Doch was, wenn diese Idee ein Anachronismus ist?“ (74) Schon bei dem Göttinger Kollegen Rudolf Otto verflüchtigte sich die traditionelle Gottesvorstellung in das „Numinose“.

In seiner Polemik gegen „die Religiösen“ stand Dietrich Bonhoeffer in geistiger Nähe zu Karl Barth, während er sich von dessen „Offenbarungspositivismus“ ironisch distanzierte. Für Grau sind Bonhoeffers Gefängnistexte die wichtigsten Zeugnisse für eine illusionslose Bejahung der Säkularisierung, sprich: des Todes Gottes. Die einschlägigen Begriffe Bonhoeffers sind der „Verzicht auf die Arbeitshypothese Gott“, sowie die Mündigkeit des Menschen in einer völlig religionslosen Zeit. Die Einschränkung, dass Bonhoeffers Reflexionen über Gott changierten, dass er sich in einem Brief an Eberhard Bethge über die Radikalität seines Denkens „erschreckt“ zeigte, fehlt in Graus Essay. Dorothee Sölle, die unter Berufung auf Bonhoeffer proklamierte, „atheistisch an Gott zu glauben“, und den christliche Glauben in Ethik und diese in politischem Aktivismus auflöste, erregte ehedem die Konservativen. Inzwischen sei die von Sölle inaugurierte Polittheologie protestantischer Mainstream, „zumindest im offiziellen Gremienprotestantimus“. „Übrig bleibt politisches Engagement, das von vermeintlich höheren Weihen umwabert wird.“ (95)

Spirituell aufgeladener Aktivismus ignoriere die Konsequenzen der Säkularisierung, d.h. die reale metaphysische Obdachlosigkeit des Menschen. Er bedeute das Gegenteil eines auf „weltlichen Sinnverzicht“ gegründeten „modernen Christentums“ (106). Allen christlich – oder postchristlich – ummäntelten Sinnkonstruktionen hält Grau das „protestantische Prinzip“ entgegen: eine geistige Haltung, die „letztlich im einzelnen und seiner Sehnsucht nach Freiheit, Selbstbestimmung und Individualität wurzelt.“ (10) Für das protestantische Prinzip – sehr viel älter als der Protestantismus selbst – stehe eine lange Reihe von Protagonisten von Epikur über Petrarca, Diderot bis zu Kierkegaard und natürlich Nietzsche. Seine eigene Position – unter dem Symbol des Kreuzes und des von Gott verlassenen Christus – bestimmt Grau mit Schleiermachers „Geschmack fürs Unendliche“, mit Paul Tillichs „unbedingtem Ergriffensein“ sowie mit ins Mystische zielenden Sätzen Ludwig Wittgensteins und Ernst Tugendhats.

Gegen Ende seines Buches zitiert der Autor den emeritierten Theologen Ulrich Barth: „Protestantismus – das ist der Traum einer Religion für freie Geister.“ (140). Es bleibt zu fragen, ob derlei elitäre Attitüde bei schwächeren Gemütern – beim verbliebenen Kirchenvolk – glaubwürdig ankommt. Fragwürdig bleibt auch der von Grau verfochtene - von Luther begründete - protestantische Subjektivismus. Die Abwege, auf die der „moderne“ Protestantismus post mortem Dei geriet - maßgeblich bei dem Göttinger Theologen Emanuel Hirsch als spiritus rector der Deutschen Christen -, bleiben in Graus Essay unerwähnt. Ob der von ihm verfochtene Protestantismus - es handelt sich um eine weitere Ausformung des Kulturprotestantismus – eine Zukunft hat, ist ungewiss. Und die Fragen nach den letzten Dingen bleiben ungelöst.

Alexander Grau: Die Zukunft des Protestantismus. München (Claudius Verlag) 2025,150 Seiten

Meine Besprechung des Essays von Alexander Grau erschien am Ostersonntag unter dem Titel "Der Sieg der Sinnsuche" auf AchGut :https://www.achgut.com/artikel/der_sieg_der_sinnsuche Im dort publizierten Text ist mir ein Lapsus unterlaufen. Ich verwechselte den von Grau erwähnten Göttinger Theologen Rudolf Otto (1969-1937)  mit dem - auch von Bonhoeffer rezipierten - Königsberger Altphilologen und Religionsphilosophen Walter F. Otto (1874-1958). 


Samstag, 21. März 2026

Fragen eines Wahlbürgers im Superwahljahr 2026

Wir befinden uns im Superwahljahr 2026. Ja, wir wissen, in "unserer Demokratie" ist jeder mündige Bürger - genauer: jede/r Bürger:in (mit Click-Hiatus unter Ausschluss von Diversen)  -  verantwortlich für das politische Geschehen in seinem/ihrem Land. Er -  fortan aus Bequemlichkeitsgründen im Text nur noch patriarchalisch ungegendert - ist der Souverän, anders ausgedrückt: Ich bin das Volk. Meine Stimme entscheidet bei Wahlen über die Bestellung der Regierung und damit über die Zukunft unserer Republik. (Näheres zum Thema s. H.A.: Die Entmachtung des Demos in "unserer" Demokratie, https://www.globkult.de/geschichte/rezensionen/2488-die-entmachtung-des-demos-in-%E2%80%9Eunserer%E2%80%9C-demokratie)

Gut, es sei eingeräumt, in derlei Sätzen kommt ein  leicht naives Verständnis der Institutionen und Funktionsmechanismen des demokratischen Verfassungsstaates (nach Art. 2 GG) - oder nicht vielmehr des  Parteienstaates? - zum Ausdruck. Dass Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten, lautet der alte, den Anarchisten zugeschriebene Kalauer. Klar, so einfach sind die Dinge auch wieder nicht. Damit wir unsere selbstverantwortliche Wahlentscheidung treffen können, kommt es vor jeder Wahl zu dem, was in den USA als  "October surprise" bekannt ist: Die Wahlkampfmanager der einen oder anderen Seite bringen in der letzten Phase noch einen Joker ins Spiel, um beim Wahlvolk moralische Empörung über den jeweiligen Gegner auszulösen. Meistens geht es dabei um Sex-Affären, was im Falle Donald Trump jedoch seine "konservativen" Anhänger nicht abschreckte, ihn zu wählen.

Sex oder Sex-Affären spielten in deutschen Wahlkämpfen bis vor kurzem kaum eine Rolle. Das änderte sich erst bei der letzten Landtagswahl in Baden-Württemberg, als die Grünen dem CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel dessen romantische Erinnerungen an die rehbraunen Augen einer Realschülerin als sexistische Verfehlung auslegten. Womöglich brachte die Suggestion - und Hagels zerknirschtes Eingeständnis - dem Grünen Cem Özdemir, genauer: seiner Partei, beim pietistischen Wahlvolk  den entscheidenden Vorsprung von  0,5 Prozent ein. Gibt´s diesbezüglich bereits Umfragen? Und was hätte sich bei einem minimalen Wahlsieg der CDU im Ländle geändert, außer der Rollentausch an der Spitze? Ist die CDU im Südwesten nicht längst so grün wie in NRW oder Schleswig-Holstein? Immerhin, Cem Özdemir bemüht sich um ein ähnlich konservatives Erscheinungsbild wie der bisherige MP Kretschmann. Aus Rücksicht auf die Wählerschaft hat er noch schnell seine Freundin geheiratet.

Am morgigen Sonntag wird in Rheinland-Pfalz gewählt. Die CDU hofft, den noch von seiner Vorgängerin Malu Dreyer ins Amt gebrachten Minsterpräsidenten  Alexander Schweitzer (SPD) ablösen zu können. Laut Umfragen liegen die beiden -  in jenem Bundesland noch als solche existierenden - "Volksparteien" gleichauf. In letzter Minute hat nun die CDU bei dem SPD-Rivalen Schweitzer gewisse - als Begünstigung oder Ämterschacher verdächtige - Techniken der Herrschaftsausübung aufgedeckt. Ob derlei Vorwürfe beim Wähler (m/w/d) das Verhalten in der Wahlkabine noch beeinflussen können?  Wie auch immer:  Diesseits der Brandmauer - der AfD haben ähnlich gelagerte Nepotismus-Vorwürfe in den Umfragen bislang nicht geschadet - blieben dem CDU-Kandidaten Gordon Schnieder wiederum nur die Grünen oder die SPD als Koalitionspartner. Ändern wird sich also wenig. Blickt man im Bundesland an Rhein und Mosel, im Hunsrück und in der Eifel auf die einst schöne Landschaft. so ist sie bereits mit grünen - nachts rot aufleuchtenden - Windkraftwerken übersät. Ändern lässt sich daran selbst unter schwarzer Ägide nichts mehr. Oder was meinen die Pfälzer dazu?  

Am 6. September steht das Schicksal unserer Demokratie auf dem Spiel, denn es droht ein Triumph der AfD in Sachsen-Anhalt. Wird es dort die mehr oder weniger "gesichert rechtsextreme" Partei zu einer absoluten Mehrheit - und damit zum ersten Ministerpräsidenten in einem Bundesland - bringen, wie sich deren Parteigrößen und Stammwähler (m/w/d) erhoffen? Nein, die einst stolze Arbeiterpartei SPD kommt laut Umfragen noch auf acht Prozent. Auch nach Wegfall der paar grünen Stimmen wird es im einstigen Kernland des Reformation zu einer Art Volksfront gegen die AfD noch reichen. Natürlich wird das Entsetzen über die knapp vierzig Prozent für die AfD groß sein. Aber wer  hat sich in "unserer Demokratie" je wirklich für die ehedem in der Zone deutsch-national - mental monoethnisch - zurückgebliebenen Ossis interessiert?

Am 20. September stehen Doppelwahlen in Mecklenburg-Vorpommern - welcher Demokrat besitzt  eigentlich noch keine Ferienwohnung in Meck-Pomm? - und in Berlin an. Gewiss, in beiden Ländern bereitet die erwartbar hohe Stimmenzahl für die AfD allerlei Ärger, aber klar, keine Frage:  In Schwerin wird es qua Addition für Manuela Schwesig zum Weiterregieren reichen, worüber sich die SPD freuen darf.

Zuletzt: Wo soll ich als Berliner Wahlbürger am 20. September mein Kreuz machen? Per Briefwahl oder in der Wahlkabine? Gute Fragen, aber eigentlich überflüssig, denn: Mutmaßlich wird Kai Wegner wegen seines entspannenden Tennisspiels während des linksrevolutionären Stromausfalls im bürgerlichen Südwesten Stimmen verlieren, während die islamophilen Parteien SPD und "Die Linke" sich wegen der Vorfälle im sexuell und rassistisch unterdrückten Neukölln keine Sorgen zu machen brauchen. 

Bis zum 20. September sind die brutalen - brutal unterdrückten - migrantisch-kulturellen Tatsachen schon fast wieder vergessen, wenn nicht, reicht es auch so zu einer demokratischen Mehrheit: Entweder regiert Wegner weiter oder er wird von einem noch glaubensfesteren Demokraten  abgelöst, womöglich gar von einem der - nur in Teilen antisemitischen - Partei "Die Linke". Die Mietpreisbremse bringt der "Linken" Stimmen, die Mißstimmung der AfD. Die SPD sucht derzeit noch nach einem namhaften Kandidaten (m/w/d). Nochmal Giffey? So oder so, an den Zuständen in der Hauptstadt wird sich wenig ändern: Müll, Schmierereien ("Grafitti"), Schlaglöcher, Baustellen (ohne erkennbare Bauarbeiten) und Straßensperren allerorten,  periodisch defektes Verkehrsnetz, Obdachlose, überstrahlt von grün-roter Ideologie.  Was  kann ich mit meiner Stimme daran ändern? 


Sonntag, 8. März 2026

Poem (A.D. 2025)

 

 

Alles was noch der Fall ist

 

Alles, was der Fall ist,

haben weit vor unsrer Zeit

die Denker und Dichter, die Weisen,

kraft hellen Sinnes erfahren,

erfasst, bewegt, erwogen, widerlegt,


gesagt und in Sätze gefasst.

Manche Texte, einst gehütet von Mönchen,

sind in Teilen, gesteh´ ich, noch ungelesen.

Manches verstaubt in den Bücherständen,

doch zuhanden, und in Teilen verstanden.


Und alles, was jetzt über Gut und Böse, Frieden und Krieg,

Mensch und Natur so zu hören man kriegt,

von Virtuosen der Tugend, erregten Actricen,

von Hegemonen und Hypokriten.

Das schlägt aufs Gemüt.


Alles. Mit verschlissenen Dogmen,

und polierten Begriffen, entleert von Ideen,

belehren sie dich, mich und den dêmos,

den sie verachten: Seht nur, seht her, wir stehn

schon wieder vor des Vergangnen Wiederkehr

 

Wir aber, geboren in Bitterkeit

wir wissen, was wirklich war und voll Leid.

Alles, was ist, was wird, was ihr seid,

ist im Fluss. Unlängst entließ man den Lotsen,

der im Strom uns lenkte hin zu den Toten.


Kannte alles im All,

und was sonst noch der Fall ist. 

 

                                       Poem zum Geburtstag eines Freundes (02.02.2025),                                                                                    Herbert Ammon

                                             

Samstag, 31. Januar 2026

Rhetorik der Machtpolitik und machtbasierte Realität

In meinem Globkult-Beitrag (https://www.globkult.de/politik/welt/2486-internationales-recht-und-internationale-anarchie) unter dem Titel "Internationales Recht und Internationale Anarchie" behandelte ich das im Staatenverkehr angelegte Spannungsverhältnis von realpolitisch begründeten Machtverhältnissen und moralpolitischen Bekenntnissen zu "regelbasierter Politik". In seiner jüngsten Regierungserklärung verkündete nun Bundeskanzler Merz, Europa müsse lernen, "die Sprache der Machtpolitik zu sprechen". Dass in derlei Aussagen stets auch moralpolitische Ansprüche - als ideologische Überhöhungen der Machtpolitik -   mitschwingen, blieb in den durchwegs zustimmenden Kommentaren der Medien ungesagt. 

Gegenüber Merz´ Proklamation, in der er das von ihm geschlossene Freihandelsbakommen (samt Fachkräfteanwerbung) mit Indien sowie das - dank Zusammenspiels von Rechten und Linken im EU-Parlament  - vorerst suspendierte EU-Mercosur-Abkommen als Beleg anführte, erheben sich gewisse Fragen. Die wichtigste betrifft das von Merz - hier als Sprachrohr für die politische Klasse der Bundesrepublik - als Handlungseinheit vorgestellte Europa. Tatsächlich bleibt zu fragen, inwieweit die EU (Brüsseler Synonym für Europa) - ungeachtet aller zentralistischen, in Richtung Bundesstaat zielenden Bestrebungen - bereits  einen geschlossenen, politisch einheitlichen  Machtkomplex darstellt.

Zumindest im Militär- und Sicherheitsbereich bestehen politisch wirksame  Divergenzen fort, solange a) die USA mit ihrer atomar gestützten Präsenz - selbstverständlich auch aus fortbestehendem Eigeninteresse -  als der letztlich maßgebliche Sicherheitsgarant fungieren, und b) eine einheitliche europäische Militärstruktur jenseits der NATO, erst recht eine gesamteuropäische force de frappe, nach wie vor in weiter Ferne liegt. Gerade im Hinblick auf den Ukrainekrieg und das Verhältnis zu Russland liegen die unterschiedlichen Interessen der skandinavischen und baltischen Staaten sowie Polens einerseits, von Staaten wie Tschechien, Slowakei und Ungarn andererseits offen zutage.

Bei allen Überlegungen bezüglich machtpolitischer Realitäten kommt die - nicht zuletzt das gesamte politische System tragende - Wirtschaftspotenz in Spiel. Es ist ein banales Faktum, dass die politische, soziale und - im Hinblick auf die angestrebte immense Aufrüstung - militärische Stabilität der EU von der Wirtschaftsmacht Deutschlands abhängt. Am Ende ist und bleibt die Wirtschaft unser Schicksal. Wie Deutschland aus der anhaltenden Rezession - und der zu deren  Bewältigung erhobenen exorbitanten Schuldenlast - herauskommen soll, ist angesichts der krisenhafte Zustände im Mittelstandsbereich, im Bildungssektor sowie in den Sozialsystemen ungewiss. 

Immerhin haben auch deutsche Politiker (m/w/d), die bis dato die Welt allein durch die moralische Brille betrachteten, erkannt, dass Begriffe wie Großmachtpolitik, Geopolitik und Geostrategie - Machtinteressen im allgemeinen - zum Verständnis der internationalen Beziehungen vonnöten sind. Zu dieser Erkenntnis beigetragen haben einerseits der verhasste russische Machthaber Wladimir Putin, andererseits der ob seiner rüpelhaften Manieren und  Sprunghaftigkeit verachtete US-Präsident Donald Trump. Als respektablen Partner in globalen Machtverhältnissen hat Bundeskanzler Merz jetzt auch den indischen Präsidenten Modi umworben, ohne dessen Hindu-Nationalismus anstößig zu finden. Anders verhält es sich mit der Wahrnehmung Chinas unter Xi Jinping, der soeben seine Machtposition durch Ablösung der gesamten Militärführung diktatorisch gefestigt hat. Kann sich die deutsche Wirtschaft von China als wichtigstem Handelspartner und Besitzer kritischer Rohstoffe lösen, und wie? Und kann sich Deutschland - und/oder EU-Europa - einen Dauerkonflikt mit Russland leisten?

Wie sich die internationalen Beziehungen  - sprich: die globalen Machtverhältnisse - in der Zukunft, nach einem ersehnten Ende des Ukrainekriegs, entwickeln, liegt in ungewisser Zukunft. Die damit verbundenen Fragen sind jedoch zu gravierend, als dass sie anno 2026 zu Fensterreden oder billigen Wahlkampfthemen taugen. 

 


Freitag, 16. Januar 2026

Leseempfehlungen statt eines Kommentars zum Berliner Politalltag sowie zur Bundeswehr auf Grönland

An all jene (m/w/d), die sich für meine Blog-Einträge interessieren, ohne zuerst auf das Internet-Portal  Globkult aufzurufen, hier nur eine kurze Glosse sowie drei Lesehinweise:

Berlinisches

 Ein Blick auf den Berliner Politalltag genügt: Blackout in den Vierteln der "Reichen" (aber nicht am Prenzlauer Berg),  Reichinneks "linker" Verdacht, Tennismatch zweier (auch  menschlich liierter) Berliner Politprofis (m/w), neuer Berliner "Gedenktag gegen Moslemfeindlichkeit"  (oder gegen "antimuslimischen Rassismus", was weiß ich) an den Iden des März, ewige Baustellen an diversen U-Bahn-Strecken, durch dauerhafte Absperrungen blockierte Straßen, kaputte Brücken, Verwahrlosung usw. usw. 

Im Herbst sind auch in der Hauptstadt Wahlen. Da weiß der Berliner Bürger schon jetzt: Es wird sich nichts ändern, außer dass unter linksrot-grünrot-rosarot das Farbenspektrum noch berlinischer wird, und dass die AfD - politisch folgenlos - ihre Stimmenzahl mindestens verdoppeln wird. 

...und die globale Unordnung

Die Welt ist  aus den Fugen, nicht zum ersten Mal. Wie wäre sie  - nach Vorstellung unserer moralisch unfehlbaren politischen Klasse - zu kitten? Und was sollen/können "wir Deutschen" noch gegen Trump sagen, was gegen ihn tun? Genügt der Einsatz von dreizehn Bundeswehrsoldaten (ohne -innen) auf  Grönland zur Zurückweisung seiner  Annexionsabsichten oder besser zur Abwehr der Angriffe der wegen der Klimaerwärmung besonders reizbaren Eisbären? Wer rettet die Robben vor den fell- und fleischhungrigen Inuit? Wer die Arktis vor russischen und chinesischen Kriegs- und Handelsschiffen?

Statt einfacher Antworten empfehle ich meinen jüngsten Aufsatz auf Globkult.  Daraus eine Passage, die Ungewissheit der Entwicklung im Iran betreffend:

"Last but not least ein Blick auf die Lage im Iran: Hinsichtlich des möglichen Erfolgs - oder eines opferreichen Misserfolgs - der Aufstände in den iranischen Städten gegen das mörderische Mullah-Regime versagt unser Kategoriensystem. Ist ein - wünschenswerter - regime change in Teheran wahrscheinlich, und wenn ja, wie - mit welchen Mitteln - wäre er von außen - etwa mit amerikanischen und israelischen Militärschlägen - zu bewerkstelligen? Selbst im Falle extremer Unterdrückung und Rechtsverletzungen eines Staates bedeutete die einseitige Intervention einzelner Mächte eine Souveränitätsverletzung und wäre vom internationalen Recht nicht gedeckt. "

https://www.globkult.de/politik/welt/2486-internationales-recht-und-internationale-anarchie 

Zur Ergänzung verweise ich auch meinen Globkult-Aufsatz vom September 2022:      

https://www.globkult.de/politik/welt/2239-zur-aktualitaet-eines-begriffs-geopolitik-in-geschichte-und-gegenwart?start=1

sowie auf den soeben erschienenen Artikel zum Ukrainekrieg von Thorsten Hinz:

https://jungefreiheit.de/politik/ausland/2026/die-ukraine-verschleisst-sich-in-qualvoller-stellvertretung/ 

 

 

 

 

Donnerstag, 25. Dezember 2025

Mein Jahresrück- und vorblick

Das Jahr begann - es war Wahlkampf - im Januar wie stets vor Wahlen: Kanzlerkandidat Merz machte mit Getöse Ankündigungen zur Eindämmung der Migration, zur Erhellung der Finanzquellen der -  in "unserer Demokratie" als eine Art alternativer Souverän fungierenden NGOs - sowie zur Beibehaltung der Schuldenbremse. Nach den Februarwahlen, die der CDU/CSU magere 28 Prozent Stimmen gebracht hatten, ging es weiter wie erwartet: In einem für ihn peinlichen zweiten Wahlgang zum Kanzler einer kleinen GroKo gewählt, tat Merz das Gegenteil von dem, was er versprochen hatte. 

Die Brandmauer wurde verstärkt abgedichtet, die Schuldenbremse nicht nur - mit Unterstützung  der nach wie vor diskursbeherrschenden Grünen sowie der demokratisch geadelten "Linken" - aus dem Grundgesetz gekippt, sondern mit einer gigantischen Schuldenaufnahme von einer Billion Euro ins Gegenteil verkehrt.  Zum Jahresende kamen noch einmal  90 Milliarden Kriegssoforthilfe für die Ukraine hinzu, die zwar nicht direkt allein dem deutschen Steuerzahler aufgeladen werden, wohl aber die in den EU-Verträgen noch ausgeschlossenen Eurobonds in die Welt setzen, für deren Bonität im Zweifelsfall dann doch wieder hauptsächlich die Deutschen geradestehen müssen.

Der Umgang der  Regierung mit der Migrationsproblematik erinnert an die Echternacher Springprozession: zwei Schritte vor, einer zurück (oder umgekehrt). Zwar agiert Innenminister Dobrindt (CSU) als Protagonist strikter Gesetzesanwendung - und einiger medienwirksamer Abschiebungen - zur Kontrolle der Dauerimmigration (Neologismus "Zuwanderung"), aber  am Gesamtbild hat sich wenig geändert. Weit über 100 000 Migranten gelangten trotz aller ernsthaften oder eben nur halbherzigen Bemühungen zur Kontrolle der "unsere Demokratie" grundlegend verändernden Einwanderung ins gelobte Land, denn Familiennachzug (und sei´s die Zweitfrau) unterliegt nach wie vor den allen juristischen Hürden oder sozialpolitischen  Erwägungen übergeordneten Menschenrechten, selbst wenn in deren Katalog Einwanderung ins Land bester Wahl gar nicht vorgesehen ist. 

Im Zweifelsfall gibt es hinreichend  pressure groups, obenan die EKD, die "unser reiches Land" durch Aufnahme von - aus beliebigen Gründen (Klima, Hunger, Kriege, Queerness, Wehrpflicht etc.) - Geflüchteten (Partizip Perfekt) bereichern wollen. Dass die Kirchen seit Jahren immer leerer werden, so dass man sie jetzt  als event locations, Fitness-Studios oder nach Abriss als Baugrundstücke veräußern muss, stört die Kirchenoberen nur wenig. Entscheidend ist ihre Führungsrolle in Sachen Moralpolitik. Für dieses Ziel hat man im Hinblick auf den Ukrainekrieg die einstige pazifistische Grundlinie (Friedenserziehung) dogmatisch korrigiert. 

Bundeskanzler Merzens Erkenntnis, dass sich das Stadtbild aller Groß- Mittel- und Kleinstädte in den letzten Jahren auf eine Weise verändert hat, dass jetzt die Indigenen als Minderheit auffallen, löste einen Sturm moralischer Entrüstung aus. Im Zweifelsfall präsentieren die Medien stets ein beruflich nützliches und erfolgreiches Beispiel gelungener Integration, was am realen Stadtbild leider nichts ändert. Zum Stadtbild gehören nicht nur bärtige Männer und - in unterschiedlichem Grade - verhüllte Mütter aus dem Morgenland, sondern die zahllosen Obdachlosen unter S-Bahn-Brücken, überdachten Bushaltestellen und Hauseingängen. 

Immerhin,  Berlin, die Hauptstadt der  bunten Republik, will das von migrantischen Fachkräften  und indigenen Konsumenten  verursachte Negativbild des Görliter Parks ("Görli") - pars pro toto im Stadtbild - durch einen ästhetisch überzeugenden Zaun einrahmen. Aber: Gut Ding will Weile haben. Dafür ist die Hauptstadt bekannt. Vollständigkeitshalber seien noch die unaufhaltsam zunehmenden Schmierereien an Häuserfronten, Friedhofsmauern, Brunnen oder Statuen sowie der Müll auf den Straßen und Grünanlagen erwähnt. 

Dass Deutschland, ehedem bewundert ob seines Bildungssystems - insbesondere das duale System im handwerklich-technischen Bereich - im Leistungsvergleich mit anderen Ländern von Jahr zu Jahr zurückfällt, wird "von der Politik" zwar registriert. Aber außer Geld für mehr Fachkräfte (!)  für frühkindliche Sprach- und Intelligenzförderung fällt den Bildungsexperten nicht viel ein. Dass das Zeugnis der Mittleren Reife (nach zehnjährigem Schulbesuch) vielerorts nicht einmal mehr das Papier wert ist, stellt für die Bildungsforscher/innen kein Problem dar. Soziale Kompetenz (!?) steht über Grundrechungsarten, Sprachbeherrschung und Schreibfertigkeit. 

Wenn schon keine Lösung -  nicht zuletzt hinsichtlich der ökonomischen Folgen -  in Sicht ist, dürfen keinesfalls Analysen angestellt werden, die unabweisbar Thilo Sarrazins Diagnose - und Prognose - von 2010 bestätigen. Derlei Erkenntnisse könnten ja Wasser auf die Mühlen der AfD lenken und die Brandmauer unterspülen. Dass deutsche Gymnasien in den MINT-Fächern nur noch hohe Quoten von Studienabbrechern hervorbringen, ist ein statistisch belegtes Faktum. Hingegen expandieren die auf Soziokultur, Gendergerechtigkeit, queerness - und politische Karrieren im Parteienstaat -  ausgelegten Studienfächer (mit Bachelor-Garantie).  

Welche Aussichten eröffnen sich für 2026? Ob sich die Wirtschaft der Exportnation Deutschland von der Rezession in allen Bereichen - mit Ausnahme des Rüstungssektors - erholen kann, ist höchst ungewiss. Experten sprechen vom schlimmsten Einbruch seit 1953. Dass die Energiekosten einen enormen Negativfaktor in der Produktion - von Bäckereien bis hin zur Chemie- und Stahlindustrie - ausmachen, ist allgemein bekannt. Noch mehr deutsche Restlandschaften zerstörende Windmühlen sollen´s richten. 

So sind wir über das Thema Energie bei Nordstream 2 und dem Ukrainekrieg angelangt. Der verd... Krieg wird leider erst zu Ende gehen, wenn es dem russischen Herrscher Putin gefällt. "Die Europäer" - abzüglich der "Putinversteher" - stehen noch -  mit in den Kamin geschriebenen, auf zwei Jahre ausgelegten Krediten -  in Treue  fest zu Selenskyi.  Ob sich Putin ("Putler": ohne Hitler geht in Deutschland kein "Diskurs") mit Trump,  gewiss nicht mit den "Europäern", noch auf einen Deal einlässt, der nicht nur das Sterben beenden, sondern uns allen zugute käme, steht leider auch 2026 in den Sternen.  

 

Samstag, 20. Dezember 2025

Ein Teppich des Lebens, dunkelfarbig. Poem für einen jugendbewegten Freund

Ein Teppich des Lebens, dunkelfarbig 

Das Muster kenn ich seit Knabenzeit. Erfunden

von einem, des Namen beim Shoppen keiner erkennt

samt dem Greifen an dem Gebäude einst stolzer Bürger.

Von dort zogen singend hinaus sie im Frühtau.

In der Dämmrung jetzt führt mein Weg dahin zurück.


Zu wahrem und schöneren Leben

als jener Satten im kleingroßen Reich -

spät in den Sattel gesetzt zu eitlem Wettstreit

mit den andern längst mächtigen Reichen -

brachen sie auf, frisch, frei und liedreich...


O Mensch! Gib acht! Sprach vom Berge der Gott.

Und sie lauschten - im Bannkreis der Flamme - dem Meister,

der besang die Anmut der Städte an Mosel und Rhein

und Maximins Schönheit in München; und kündete

das Neue Reich, Geheimnis der Edlen aus Hellas.


Längst lagen Schatten über Hesperien.

Da zogen sie, suchten sie jenseits des Tales,

unweit der Zelte, im Reiche

tief drinnen auf mondlichter Flur

die nachtblühend blaue Blume.


Ein junges Geschlecht, freien Muts und reinen Gemüts,

sie schworen sich ewige Jugend. Es brauste der Ruf

von Langemarck. Schrill schrien im Frühling

die Zugvögel über der Insel. Feldgrau verwelkte

des Vaterlands Blüte in Flandern. In Flanders fields


the poppies blow // Take up our quarrel with the foe

schrieb ein andrer und starb für Britanniens Ruhm.

Für sich - und die Jungen des Reichs in der Mitte -

schrieb sein Erlebnis der Leutnant pour le mérite.

Bald ging´s hinaus zu gewinnen endlich das Reich.


In neuen Bünden erblühte die Jugend.

Jung wolln wir sein und frei. Befreiung von Knechtschaft

verhieß Licht aus Osten den einen,

einen friedlichen Ritt gen Westen wagten die andern.

Doch alle, ja alle, warn bereit für den Aufbruch ins Reich.


Bewegt von Träumen der Jugend. Sing, sing...Wer will singen

von dem was geschah? Begraben in Asche lag der fromme Wahn.

Von baltischer Küste flohen die Mütter mit Kindern und Greisen,

in die Reste des Reiches. Nahmen Abschied von Jablonec nad Nisou.

Gegen Kopfläuse kämpften die Frauen in Hütten named Nissen.


Auferstanden aus Ruinen lebte vergessend ein satteres Volk.

Und einmal wieder, Kameraden, standen wir auf. Es lockten

Meere und Wogen. Junge Jäger durchstreiften des Pelions Wälder,

Bis plötzlich hervorbrach ihr Zorn aus verletztem Gemüte,

aus Scham verlorener Unschuld. 

 

Alte Lieder noch singen die Alten. Klagen erklingen

von wilden Schwänen und Schwedens Schären.

Du kennst noch Gesänge von Väterchen Franz?

Queer und gehorsam rappen die Jungen und schwören

auf ewige Werte, nicht ewige Jugend.


                                 Für den Freund Eckard Holler, 

                                               zum 84. Geburtstag am 19.12.2025 in Berlin-Mitte

                                                                            Herbert Ammon


Sonntag, 7. Dezember 2025

Ein Dank an Ulrich Schödlbauer. R.I.P.

Ulrich Schödlbauer und seiner  wenige Wochen vor ihm verstorbenenen  Ehefrau Renate Solbach habe ich als Autor  und als Freund viel zu verdanken. Ich werde später versuchen, diesen Dank in einem angemessenen Nachruf auf meinem von Ulrich eingerichteten Blog  zum Ausdruck zu bringen. 

Aus mancherlei Gründen bin ich in diesen Adventstagen noch nicht selbst zur Abfassung eines solchen post mortem gekommen. Stattdessen zitiere ich für die Leser (sc-. -innen meines Blogs) Auszüge  aus dem so tiefgründigen wie einfühlsamen Essay, den Jobst Landgrebe, von Ulrich noch vor seinem leidvollen Ableben in die redaktionelle Arbeit eingewiesen, soeben auf der "Achse des Guten" (https://www.achgut.com/artikel/wer_war_ulrich_schoedlbauer_zum_tod_eines_literaten_und_denkers) veröffentlicht hat:  

"Als Citoyen (ein Bourgeois war er nicht) der alten Bundesrepublik war Schödlbauer ein klassischer Sozialdemokrat, der sich sein Leben lang die Partizipation aller Bürger an der politischen Willensbildung, aber auch am Wirtschaftswachstum und der Kultur wünschte und sich dafür einsetzte... Schödlbauer  [blieb] als Herausgeber, als Autor und als Literat seinen Vorstellungen und Werten immer treu, während sich im Laufe seines Lebens ein Werteverfall vollzog, der in dieser Geschwindigkeit historisch wohl selten so vorgekommen ist. Das schuf einen Graben zu den Zeitgenossen und führte auch zur Entfremdung von einigen seiner langjährigen Lebenswegbegleiter, die sich dem Zeitgeist anpassten. 

[...] [...]

In einer Landschaft der kulturellen Entdifferenzierung konnte einer wie Schödlbauer daher nicht den großen Erfolg genießen. Er gehörte überhaupt zu der eher seltenen Art Mensch, die in keine Vereinigung hineinpassen – wie Groucho Marx einst sagte „In einem Club, der mich aufnehmen würde, möchte ich kein Mitglied sein.” Ulrich Schödlbauer war ein äußerst liebenswerter und großherziger Mensch, ein Philanthrop, dem das Leben in mancher Hinsicht härter zugesetzt hat als vielen andern, die weniger klug, urteilsstark, sensibel und gewissenhaft sind. Er war ein Original und ein wirklich großartiger Denker, Literat und einer der besten Gesprächspartner, die ich je hatte. Wir, seine Freunde, vermissen ihn auf’s äußerste. Möge er in Zukunft viele Leser finden.

P.S. Inzwischen ist auch von mir ein post mortem  für Ulrich Sch. - leider mit ein paar nichtredigierten Ungenauigkeiten, aber mit einem eindrucksvollen Fotoporträt  - auf open source Berliner Zeitung erschienen:

https://www.berliner-zeitung.de/open-source/ulrich-schoedlbauer-er-ist-zu-frueh-gegangen-und-laechelte-li.10009522 

 

Sonntag, 23. November 2025

Ansichten des Krieges und Aussichten auf einen Frieden

I.

In Brüssel, in der CDU, bei den Grünen sowie in den regierungsfrommen Medien des Landes herrscht moralische Entrüstung über den zwischen Trump und Putin, genauer: zwischen Trumps Emissär Steve Witkoff und Putins Beauftragten Kirill Dmitriev, ausgehandelten - und derzeit noch offenen - 28-Punkte-Plan zur Beendigung des Krieges in der Ukraine. Die Rede ist von "Versailles" und "München". Wie immer bei aus dem Fundus der Historie geschöpften Schlagwörtern, zielt die propagandistische Absicht sowohl an der historischen Wirklichkeit als auch der politischen Gegenwart vorbei. 

Ohne Frage war der  Friedensvertrag von Versailles ein Diktat, welches das Deutsche Reich als allseits isolierter Verlierer des Großen Krieges am 28. Juni 1919 - nach vergeblichen  Protesten, zuletzt gegen den Alleinschuld-Artikel 231 - unterzeichnen musste. Er bildete den Rahmen für das System der Pariser Verträge, welches nach Vorstellung Woodrow Wilsons (1916: "He kept us out of war!") auf einen - durch den Völkerbund zu sichernden - Weltfrieden abzielte, aber - nicht nur in Deutschland - die Keime zu Revanche- oder Revisionskriegen in sich trug. Das in Revolution, Niederlage und Bürgerkrieg gefallene Russland gehörte nicht zu den Signatarmächten. Lenin, die Bolschewiki und die deutschen Kommunisten nutzten "Versailles"  für ihre Zwecke, wenn auch - in Konkurrenz mit den Nazis - vergeblich. 

Das Münchner Abkommen vom 20. September 1938 wurde zwar  von Hitler und den Westmächten - unter "Vermittlung" des faschistischen Diktators Mussolini - der Regierung der CSR aufgenötigt. (Dabei ist bezüglich der Vorgeschichte  zu erwähnen, dass die anhaltend  nationalistische Politik  tschechischer Regierungen seit 1919 den Nährboden für die Radikalisierung der "Sudetendeutschen" - und für Sezessionstendenzen bei den Slowaken - bildete. Nach München holte sich auch Polen mit dem Gebiet von Teschen ein Stück vom Kuchen.)  Das populäre, historisch-moralisch abwertende Bild des britischen Premiers Neville Chamberlain als des naiven Appeasers entspricht jedoch nicht den historischen Tatsachen. Chamberlain ging es darum, mit "peace in our time" eine Zeitspanne für den Wiederaufbau der britischen Armee zu gewinnen, was die RAF in der "Battle of Britain" im August 1940 denn auch  unter Beweis stellte. 

II.

Was die Gegenwart betrifft, so passt weder "Versailles" noch "München" zur Erhellung der Genese des  Ukrainekrieges sowie des der Ukraine - im Falle der Durchsetzung eines "faulen Friedens"  in Gestalt des Trumpschen 28-Punkte-Plans - bevorstehenden politischen Schicksals. Anders als - trotz allem -  die CSR 1938, ist die Ukraine alles andere als ein stabiles Staatsgebilde, das den Namen "Demokratie" verdient. 

Anders als 1938, geht es im Falle der Ukraine nicht um ein Machtspiel zwischen drei europäischen Mächten (GB, Frankreich und Hitler-Deutschland), sondern um ein Spiel mit zwei Großmächten und einer Reihe von Mitspielern mit unterschiedlichen Interessen und Ambitionen. Die USA ist seit der ersten Trump-Regierung dabei,  im geopolitischen Dreieck USA-China-Russland ihre Rolle als "einzige Weltmacht" zurückzunehmen und nach langer  Überanspannung ihrer Kräfte diese zu bündeln. Russland ist bestrebt, seine Rolle - als eine sich mehrfach düpiert fühlende - Großmacht wieder einzunehmen. Die "Europäer" verfolgen - entgegen aller Eintracht und Moral reklamierenden EU-Rhetorik - ihre jeweils eigenen Ziele. Die zentrale Mittelmacht Deutschland hat seit dem Abgang Schröders, sodann unter dem Opportunismus Angela Merkels, auf die Definition eigener Interessen verzichtet. 

Dass auch Russland unter Putin - erkennbar seit dem Eklat auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007, deutlicher seit der Besetzung der Krim 2014 und evident seit 2022 - Krieg wieder als Instrument der Politik einsetzt, wirft die "westlichen" Axiome von "regelbasierter Politik" und der "Unverletzlichkeit der Grenzen" in Europa über den Haufen. Die Empörung darob ist besonders laut in Deutschland, wo man aufgrund der eigenen Geschichtskatastrophe  glaubt, amoralische, interessengesteuerte Kategorien seien im politischen Verkehr für immer außer Kraft gesetzt. Man wähnt sich im Besitz höherer Moral und begnügt sich - von mancherlei EU-Bruderstaaten unter Druck gesetzt - mit  der Rolle des demnächst wieder "kriegstüchtigen", aber zutiefst friedenswilligen Zahlmeisters. 

Wer wollte, konnte den Lauf der Dinge seit den 1990er Jahren  mit offenen Augen beobachten und - wengleich nicht in allen Aspekten - vorhersehen. (Siehe auch meinen Essay vom 3.Februar 2023, H.A.: https://www.globkult.de/geschichte/zeitgeschichte/2273-die-ukraine-und-die-aktualitaet-des-peloponnesischen-kriegesEinen nüchternen Blick öffnet erneut der jüngste Essay von Jobst Landgrebe auf der "Achse des Guten". https://www.achgut.com/artikel/der_sonntags_essay_was_war_der_ukraine_kriegssay   

Wir werden sehen, wie das große Spiel um und in der Ukraine in den Wochen bis zum christlichen Friedensfest weitergeht. Falls Trumps "Deal" - auf Kosten Selenskyis und seiner Oligarchie -  zustandekommt und gar dauerhaft tragen sollte,  so sollte dies auch hierzulande Anlass zu einer "Wende" im politischen Denken geben. Allzu großen Hoffnungen dürfen wir uns diesbezüglich aber nicht hingeben.  Denken im Raum der harten Fakten ist anstrengend. Schwarz-Weiß-Denken ist einfacher und sichert die Überlegenheit der eigenen Moral.  

Sonntag, 16. November 2025

Miszelle zum Volkstrauertag

Seit Deutschland - vermittels eines Schuldenpakets von 500 Milliarden €  und einer binär, d.h.  ungegendert angelegten, sprachsensibel abgeschwächten Form der Wehrpflicht - wieder "kriegstüchtig" werden muss, seit wertebewusste Verteidigungsexperten gar einen großen Krieg mit Putins Russland für 2029 vorhersagen, darf oder muss  im traurigen Monat November auch der Volkstrauertag wieder feierlich begangen werden. In heute-Journal und  Abendschau versammelt sich das Staatsvolk - sofern noch nicht zu den social media abgewandert - vor der Glotze, um  an den Trauerakten teilzuhaben. Das Hauptereignis sieht dann so aus: Seitwärts eines Gefallenendenkmals präsentiert eine Formation der Bundeswehr das Gewehr, Verteidigungsminister Pistorius hält mit kräftiger Stimme eine Gedenkrede,  Bundespräsident Steinmeier ordnet schwarz-rot-goldene Schleifen an den niedergelegten Kränzen, zum Schluss intoniert ein demokratisch diverses Musikkorps noch den "Guten Kameraden". Gesungen wird der Text Ludwig Uhlands nicht, da im Wortlaut nicht  gendersensibel genug. 

Womöglich bekommen wir im  TV zudem Ausschnitte von Predigten zu sehen und zu hören, die  postpazifistischen Pastorinnen oder Pastoren zum säkularen Gedenktag eingefallen sind. Ob auch  Störaktionen  und Schmierereien der "Antifa" ins Bild gerückt werden, bleibt abzuwarten. 

Immerhin könnten derlei Aktionen -  ganz entgegen ihrer "antifaschistischen" Intention - die Fragwürdigkeit des Gedenkens in der postnationalen Bundesrepublik ins Bewusstsein rücken. Denn von ehrendem Angedenken der in zwei Weltkriegen zu Tode gekommenen - gefallen, ermordet, verbrannt, vertrieben, verhungert oder erfroren - Millionen von Deutschen will unsere politisch-mediale Klasse nur wenig wissen. Von den Schrecken des Großen Krieges haben - im Unterschied zu den Franzosen und den Briten - die meisten Deutschen ohnehin kaum noch eine Vorstellung. Was die Opfer des Zweiten Weltkriegs betrifft, so überlagern der Holocaust sowie  - seit der entsprechenden Ausstellung in den 1990er Jahren  - die  Bilder des Vernichtungskrieges die Erinnerung an von Deutschen erfahrenes Leid, Leiden und Unrecht. Derlei "völkische" Erinnerung wird an die AfD und deren Sympathisanten hinter der "Brandmauer" ausgelagert. 

Inwieweit die demographisch schwindende Generation von jüngeren Deutschen sich noch von der im zivilreligiösen Kalender angezeigten  "Volkstrauer"  beeindruckt zeigt, ließe sich durch Umfragen ermitteln. Was die postnationale "moderne Einwandungsgesellschaft" angeht, so erreichen die Rituale  mit Sicherheit nur diejenigen, die in den salbungsvollen Gedenkreden selbst als Opfer gegenwärtiger Kriege und Bürgerkriege angesprochen werden. Die Erinnerungen der  - derzeit noch bestehenden - Mehrheitsgesellschaft ("Kartoffeln" und/oder "Nazis")  dürfte den meisten  so egal sein wie der "Antifa" und/oder den geistig womöglich anspruchsvolleren "Antideutschen".  

Wenn es um die Millionen der Toten beider Weltkriege geht, so werden die Redenschreiber die Sinnlosigkeit ihres Opfers hervorheben. Anders steht es mit dem Gedenken an die Soldaten - waren auch Soldatinnen darunter? -  die bei den Einsätzen der Bundeswehr in Afghanistan und in Mali ums Leben gekommen sind. Angeblich  wurde ab 2001 - so anno 2004 der damalige Verteidigungsminister Peter Struck -  "unsere Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt." Spätestens 2021, nach dem überstürzten Abzug der Bundeswehr im Gefolge der USA,  war klar, dass der Tod der vor der Basis in Kundus gefallenen Soldaten sinnlos war. 

Über Sinn oder Unsinn von Kriegen zu entscheiden, war nie ins Ermessen der Millionen gelegt, die in den zwei Weltkriegen ihr Leben ließen.  Die Entscheidung über Krieg oder Frieden, über "richtige" - Frieden bewahrende oder Frieden erzwingende - Politik liegt auch in "unserer Demokratie" nicht beim Volk oder bei den Soldaten (sc. -innen), sondern bei der machtausübenden Führungsgruppe. 

Wie es im Ukrainekrieg und im neu aufgelegten Kalten Krieg weitergeht, wissen wir nicht. Gleichviel, wir ("gerade wir als Deutsche") müssen wieder "kriegstüchtig" werden.  Bei aller aufgesetzter Trauer am Volkstrauertag gilt es denn auch, patriotisches Pathos, heroisches Gefühl für "unsere Demokratie" ins Spiel zu bringen. Im Lektürekanon der demokratischen Gesamtschule sollte daher Wolfgang Borcherts Nachkriegsdrama "Draußen vor der Tür"auf keinen Fall  mehr vorkommen. Man hört indes, dass auf Podcast und Spotify Reinhard Meys Friedenschanson "Meine Söhne geb´ich nicht" Rekordhöhen erreicht.  


Freitag, 31. Oktober 2025

Reformbedarf im Land der Reformation

In Wahlkämpfen ertönt - gewöhnlich von progressiver Seite, aber auch wie zuletzt im Januar 2025 aus dem Munde des als konservativ betrachteten Friedrich Merz  - der Ruf nach Reformen. Die Wahlversprechen sollen beim Wahlvolk Hoffnungen wecken und  Stimmen bringen.. In den die Regierungsbildung vorbereitenden Koalitionsverhandlungen wird - seit wann eigentlich ? - ein ellenlanger Koalitonsvertrag ausgehandelt, in dem  Reformen - in Wirtschaft und Gesellschaft, seit Putins Krieg auch im Militärbereich - vereinbart werden. Inwiefern die versprochenen  Reformen - Wirtschaftswachstum durch Abbau der Bürokratie und Senkung der Energiekosten,  Minderung der Soziallasten, konsequente Anwendung der Asylgesetze,  alters- und gendergerechter Wiederaufbau einer "kriegstüchtigen" Bundeswehr etc. -  danach realisiert werden, hängt von vielerlei Faktoren,  von  Entschlossenheit und realer Kooperationsbereitschaft der koalierenden Parteien, von  innerparteilichen Macht- und Richtungskämpfen, sodann von externen Faktoren wie divergierenden Interessen in der EU sowie last but not least von globalpolitischen Playern wie Putin, Trump und Xi Jinping ab. 

Am Ende passiert wenig oder nichts. Im vierten Jahr einer Rezession, die alles andere ist als die Abwärtsbewegung in einem  Konjunkturzyklus, trat ein CDU-Politiker mit dem Vorschlag hervor, zur Vermehrung des BIP  und zur Stabilisierung den  Reformationstag am 31. Oktober als  bezahlten Feiertag abzuschaffen und als Arbeitstag zu nutzen. Der Mann verfehlt das Thema gleich doppelt: erstens ist der Reformationstag in Bundesländern wie Berlin schon längst abgeschafft, zweitens hat er nicht die allfällige Empörung der Gewerkschaften bedacht. (Siehe  H.A.: https://herbert-ammon.blogspot.com/2025/06/deutsche-feiertage-in-zeiten-sinkender.html)

Nichtsdestoweniger ist der - auf absehbare Zeit noch  - vergebliche  Reformvorschlag geeignet, einige Assoziationen über den Reformationstag, ehedem Hochfest des  Protestantismus, zu wecken. Der 31. Oktober 1517 wurde  erst  hundert Jahre später anno 1617 - gleichsam im Vorspiel zum Dreißigjährigen Krieg - erstmals im Kurfürstentum Sachsen zum Feiertag erhoben. In seiner welthistorisch epochalen Bedeutung prägte er sich erst im nationalbewegten 19. Jahrhundert ins deutsche und europäische Bewusstsein ein. Für den Philosophen Hegel begründete die Reformation Luthers als deutsche Revolution den Durchbruch zur Freiheit, was im katholischen Frankreich erst durch die Große Revolution Wirklichkeit geworden sei. Umgekehrt gilt - nicht nur  im Nachbarland -  allen konterrevolutionären Denkern seit Joseph des Maistre das Jahr 1517 und La Réforme  als der Sündenfall der Moderne. Von 1517 führte der Weg der gottlosen Neuzeit über die philosophes und das Jahr 1789 zu Lenin und zum Bolschewismus. 

Derlei negative Geschichtstheologie verfehlt - auch geistesgeschichtlich - die Komplexität historischer  Prozesse wie umgekehrt die - auf dem Boden des deutschen Idealismus gewachsene  - liberale  Theologie im Raum des Protestantismus. Alle Gewissheiten eines christlich-ethisch überhöhten Fortschrittsdenkens  zerbrachen im I. Weltkrieg. Mit christlichen Versatzstücken versehene Nationalromantik mündete in die Ideologie der sog. Deutschen Christen, den Weggenossen der  - teils offen atheistischen, teils neopaganen - Nationalsozialisten. In den Anfangsjahren  des Dritten Reiches bewahrten und bewiesen wesentlich mehr Katholiken als Protestanten Distanz gegenüber dem NS-Regime. 

Gegenüber der  "großen Maskerade des Bösen"  (Bonhoeffer) erwiesen sich selbst die Proklamationen der  Bekennenden Kirche  als letztlich unzureichend. Das an die Ökumene gerichtete Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945 benannte zwar die Verfehlungen und Versäumnisse der evangelischen Kirchen, war aber nicht geeignet, deren faktisches Versagen -   vor und nach dem Scheitern des 20. Juli  - zu erklären. Stattdessen wurden in der späteren Nachkriegszeit protestantisch- christliche Schuldbekenntnisse zusehends zu einer Art Anklage, vorgetragen im Gestus moralischer Überlegenheit,  im Sinne einer deutschen Kollektivschuld ausgeweitet und umgedeutet. Nicht wenigen Protestanten diente - mangels theologisch-philosophischer Alternativen -  die aus dem Ost-West-Konflikt resultierende deutsche Teilung als Dogma, als die historische Strafe deutscher Schuld. Vor allem die EKD wurde zum Sprachrohr substanzlos säkularer Proklamationen wie der Erklärung des Weltkirchenrats von Vancouver 1983: Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung. Gewiss doch, aber wie?

Die Hoffnung auf geistige Erneuerung - Reform - nach der maßgeblich von protestantischen Aktivisten in der DDR initiierten Befreiung von bedrückenden, unmenschlichen Machtverhältnissen ist in den Jahren seit dem wundersamen Jahr 1989/90 verflogen. Nach kurzer Zeit durchwehte der alte bundesrepubkikanische,  linksliberale Geist - eine Mischung aus Schuldgefühlen, Selbstverleugnung und universalistischer Hypermoral -  erneut die deutsche Kulturlandschaft. Der Geist  wird bewegt von Intellektuellen, denen die deutsche Geschichte - von Luther über die Nationalbewegung, das  preußisch-protestantische Kaiserreich bis zum Nazireich - nur noch als geistige Negativfolie dient. Abgesehen von den wenigen Frommen im Lande, meist Geistesverwandte der amerikanischen Evangelikalen,  verkündet der zeitgenössische  Protestantismus  kaum mehr als eine Variante links-grüner Ideologie. 

Kein Wunder, dass derlei Botschaft immer weniger Menschen anspricht. Derzeit gehören noch 22 Millionen Menschen in Deutschland der evangelischen Kirche an. Nur zwei Prozent davon sind regelmäßige Gottesdienstbesucher. In wenigen Jahrzehnten wird sich die Zahl halbiert haben.

Reformen in allen Bereichen der deutschen Gesellschaft sind vonnöten. Von den in den diversen Gremien und Institutionen - Rundfunkräten, (staatlich geförderten) NGOs, Ethikräten und Parteien - vertretenen Protestanten sind - da nur Teil der gesellschaftlich-kulturellen Gesamtverfassung - leider keine fruchtbaren Anstöße zu Veränderungen - zu Reformen  in Staat, Gesellschaft und Kultur - mehr zu erwarten. In einem ahistorisch gewordenen Land wird früher oder später auch der Reformationstag einer "Reform" geopfert werden.