Anlässlich des Todes von Egon Bahr (1922-2015) habe ich einen Nachruf verfasst, der demnächst in "Globkult" erscheinen wird. Ich bitte die Leser des Blogs (und/oder von Globkult) um Geduld.
P.S. 23.08.2015:
Der Nachruf ist soeben in "Globkult" erschienen:
Der Realist und Patriot Egon Bahr (1922-2015).
Samstag, 22. August 2015
Mittwoch, 29. Juli 2015
Was wirklich links ist. Eine Begriffsklärung
Beim "Browsen" stieß ich über ein Zitat, das mir zugeschrieben, in Wirklichkeit von einer Autorin stammte, die wiederum in einem Beitrag zur politischen Bildung ( Legitim? Herrschaft durch Sprache in Politik und Wissenschaft ) meinen Aufsatz Politische Semantik: Zur Durchsetzung von Begriffen im herrschenden Diskurs (in Globkult. v.. 24.3.2008) als Beleg anführte, auf eine Kritik der herrschenden Sprachverwirrung.
Sie stammt von Günter Ropohl, emerierter Professor für für Wissenschafts- und Technikphilosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. In einem Aufsatz über Politische Korrektheit: Wider den Aufstand der Gutmenschen für "Novo Argumente" schrieb er folgendes:
«Die Pathologie des Moralismus hat mit politischen Orientierungen überhaupt nichts zu tun. Daran können gleicherweise Linke und Rechte leiden. Doch in der jüngeren Vergangenheit ist der Moralismus besonders in Kreisen ausgebrochen, die sich selbst zuschreiben, fortschrittlich und links zu sein. Aber mit den Grundsätzen wirklich linken Denkens haben sie nur wenig gemein. Die grundlegende Devise der Linken ist die „Befreiung des Menschen von den unbegriffenen und unkontrollierten Mächten der Gesellschaft und der Natur“. So hat Rudi Dutschke 1968 das Programm der antiautoritären Linken auf den Punkt gebracht, [6] und er konnte sich auf Karl Marx und Friedrich Engels berufen, für die „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. [7] „Freiheit“ ist der Grundgedanke der Linken, und eigentlich wären sie die wahren Liberalen, die sich bloß nicht so nennen wollen, weil der alte Wirtschaftsliberalismus über der Freiheit der Besitzenden die Freiheit aller anderen vergessen hat.
„Politische Korrektheit“ aber ist der Versuch, wieder einmal Herrschaft zu etablieren: diesmal über die Sprache und damit über das Denken. Sie ist eine neue unbegriffene Macht der Gesellschaft, und wer wirklich links denkt, muss sich dem widersetzen. Wer Herrschaft über die Sprache ausüben will, kann nicht links sein. Wenn beträchtliche Teile der Sozialdemokratie und der grünen Bewegung mit abwegiger Moralisierung die Sprache vergewaltigen, beweisen sie damit nur, dass sie längst nicht mehr zur Linken gehören, sondern das Diktat eines kleinbürgerlichen Moralismus errichten wollen. Was Wunder, wenn unabhängige Geister jenes moralinsaure Gebräu dann spöttisch als Gutmenschentum etikettieren! Es ist sehr verwunderlich, dass gewisse Zeitgeistauguren das dann auch noch mit linkem Denken verwechseln. [8]»
Sie stammt von Günter Ropohl, emerierter Professor für für Wissenschafts- und Technikphilosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. In einem Aufsatz über Politische Korrektheit: Wider den Aufstand der Gutmenschen für "Novo Argumente" schrieb er folgendes:
«Die Pathologie des Moralismus hat mit politischen Orientierungen überhaupt nichts zu tun. Daran können gleicherweise Linke und Rechte leiden. Doch in der jüngeren Vergangenheit ist der Moralismus besonders in Kreisen ausgebrochen, die sich selbst zuschreiben, fortschrittlich und links zu sein. Aber mit den Grundsätzen wirklich linken Denkens haben sie nur wenig gemein. Die grundlegende Devise der Linken ist die „Befreiung des Menschen von den unbegriffenen und unkontrollierten Mächten der Gesellschaft und der Natur“. So hat Rudi Dutschke 1968 das Programm der antiautoritären Linken auf den Punkt gebracht, [6] und er konnte sich auf Karl Marx und Friedrich Engels berufen, für die „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. [7] „Freiheit“ ist der Grundgedanke der Linken, und eigentlich wären sie die wahren Liberalen, die sich bloß nicht so nennen wollen, weil der alte Wirtschaftsliberalismus über der Freiheit der Besitzenden die Freiheit aller anderen vergessen hat.
„Politische Korrektheit“ aber ist der Versuch, wieder einmal Herrschaft zu etablieren: diesmal über die Sprache und damit über das Denken. Sie ist eine neue unbegriffene Macht der Gesellschaft, und wer wirklich links denkt, muss sich dem widersetzen. Wer Herrschaft über die Sprache ausüben will, kann nicht links sein. Wenn beträchtliche Teile der Sozialdemokratie und der grünen Bewegung mit abwegiger Moralisierung die Sprache vergewaltigen, beweisen sie damit nur, dass sie längst nicht mehr zur Linken gehören, sondern das Diktat eines kleinbürgerlichen Moralismus errichten wollen. Was Wunder, wenn unabhängige Geister jenes moralinsaure Gebräu dann spöttisch als Gutmenschentum etikettieren! Es ist sehr verwunderlich, dass gewisse Zeitgeistauguren das dann auch noch mit linkem Denken verwechseln. [8]»
Dienstag, 28. Juli 2015
The Great Migration
I.
The Great Migration lautet der eine in englischsprachigen Geschichtsbüchern noch gebräuchliche Terminus für die germanische Völkerwanderung; der andere "barbarian invasions". Im 21. Jahrhundert verläuft die Bewegung in umgekehrter Richtung als ehedem in der Zeit des Niedergangs Roms. Sie geht hauptsächlich von Süden nach Norden. Das Land, in dem man sich über den Ansturm aus aller Welt (und aus Ländern innerhalb und außerhalb EU-Europas) am wenigsten distanziert Gedanken machen darf, ist zweifellos Deutschland. Sonst gerät man in Teufels Küche.
Das beginnt mit der Begriffsverwirrung: Flüchtlinge aus politischen Gründen, für die das Asylrecht nach Artikel 16a GG, ante revisionem Art. 16(2) gedacht ist - niemand dachte anno 1949 an die Zahlen von heute, auch nicht an die permanente begriffliche Ausweitung -, werden mit "Migranten" in einen Topf geworden, die wiederum als "Wirtschaftsflüchtlinge" auf das Mitleid der Migrationsbeauftragten, der Sozialindustrie, last but not least der Wirtschaftsverbände zählen dürfen, abgesehen von den staatlich alimentierten "linken" Klassenkämpfern, die für den revolutionären Endsieg eine Reservearmee von "refugees" benötigen.
II.
Blickt man nach Syrien, Irak und Afghanistan oder Eritrea, so scheint die Asylproblematik eindeutig. Verständnis und Sympathie überwiegen angesichts des Schreckens gegenüber der Skepsis hinsichtlich der Motive eines jeden einzelnen. Damit ist die Frage nach der Anzahl der Aufzunehmenden - und Integrierbarkeit mancher Gruppen - indes nicht beantwortet. Allein die Frage nach der Quantität der gebotenen Humanität ist bereits wieder tabuisiert.
Der "Spiegel" (Druckausgabe), 27.07.15) - das Titelblatt geziert von einer Afghanin in rosa Kopftuch - macht mit Entsetzen auf: "Deutscher Fremdenhass", oder so ähnlich. Nicht zufällig wird die Frage, wie und warum es zu den genannten Massenfluchten gekommen ist, in der gegenwärtigen Debatte, soweit sie überhaupt seriös geführt wird , weithin ausgeblendet. Es könnten die alten und neuen politischen Sünden - in vielen Fällen ununterscheidbar von imperialer Arroganz und gigantischer Dummheit - zur Sprache kommen. Wer weiß hierzulande etwas vom Sykes-Picot-Geheimabkommen von 1916, wer will sich noch an die mörderische Absurdität des Irak-Krieges 2003 sowie an die Beseitigung des Diktators Muammar al Gaddafi erinnern? Widerspruchlos gelangten die um ihre Ehre besorgten "Großfamilien" aus Nahost ins Land, z.T. schon vor dem "Bürgerkrieg" im Libanon. Wen kümmern die realen Folgen des Geschwätzes von der "Facebook-Revolution" ? Usw. usw. Wer zog die Strippen beim womöglich noch "erfolgreichen" Versuch, den Stabilitätsgaranten Assad Jr. zu stürzen? Denkt die NATO bei ihren derzeitigen Konsultationen etwa im Ernst daran, den Bündnispartner Erdogan zur Räson zu bringen?
III.
Auf dem Weg ins Traumland Europe/Germany befinden sich parallel zu den Flüchtlingen aus Nahost Abertausende von "Migranten" aus Pakistan, Indien, Bengalen und sonstwo. Der Hauptstrom kommt derzeit aus Afrika, selbst wenn die Statistiken für Deutschland derzeit auf den Kosovo verweisen..
Soweit Eritrea als Herkunftsland mit schlimmer Diktatur genannt wird, gilt es wiederum, nach den Ursachen der heillosen Geschichte zu fragen. Ursächlich war der alte Ost-West-Konflikt an einem seiner Schauplätze am Horn von Afrika. Man komme im Falle Eritreas nicht mit der Kolonialgeschichte. Vor Jahrzehnten lernte der Blogger in Erlangen einen jungen Eritreer als Flüchtling (?) kennen, der ihm erzählte, sein Vater sei vom italienischen Faschismus in der Kolonie recht angetan gewesen.
Der Dauerkrieg zwischen Äthiopien iund Eritrea begann, als das von den Sowjets - und der DDR-Stasi - gestützte "progressive" Schreckensregime des Diktarors Haile Mariam Mengistu von diversen ethnischen "Befreiungsbewegungen" zum Kollaps gebracht wurde. Kaum war die Unabhängigkeit Eritreas konzediert, ging der Krieg um ein paar Quadratkilometer Wüste seitens Eritreas von neuem los. Eine unendliche Geschichte. Warum hat bislang keiner der westlichen Staatsmänner daran gedacht, mit dem Regime in dem failing yet warring state am Roten Meer so zu verfahren wie mit Gaddafi? Wie wär´s mit einer peace enforcing mission ?
Bei seiner Afrika-Tour hat Obama Eritrea gemieden. Ihn zog es ins Land seines unbekannten Vaters, nach Kenya. Für den Präsidenten Uhuru Kenyatta, Sohn des alten Yomo Kenyatta, Chef der Kikuyus, brachte der Luo-Abkömmling Obama eine erstaunliche Botschaft mit: "Afrikas Zukunft liegt in Afrikas Händen." Auf eine Spezifizierung der Botschaft, jenseits der Aufforderung zu demokratischen Reformen, verzichtete der Präsident. Umso mehr lag ihm das Schicksal der in Afrika ungelittenen Homosexuellen am Herzen. Solange denen diverse postkoloniale Staaten üble Strafen angedeihen lassen, liegen für die Helfer-Industrie hierzulande wiederum reichlich schwer zu widerlegende Asylgründe vor.
IV.
Die Bevölkerung Afrikas beträgt derzeit schätzungsweise eine Milliarde Menschen, eher noch mehr. In einigen Jahrzehnten dürfte sich die Zahl vedoppelt haben. Wieviele Millionen davon weiterhin ihr Glück jenseits des Mittelmeers suchen werden, ist nicht abzusehen. Wie indes die Abermillionen in Europa dann - von der Natur der Sache her "multikulturell" - zu integrieren sind, wissen die, die davon in schönen Worten reden, mit Sicherheit selbst nicht.
Das Thema Afrika brachte der deutsche Staatsbürger Prinz Asfa-Wossen Asserate, dem Lande, das ihm nach dem blutigen Coup des o.g. Mengistu Asyl gewährte, bis heute dankbar, in der FAZ vom 17.Juli im Titel seines Beitrags auf den Punkt: Afrikas Hoffnung verlässt den Kontinent". Es sind nicht die Verfolgten oder die Elenden, die ihre Herkunftsregionen verlassen, sondern die, die ihre Chancen kalkulieren können. Bezüglich der nach Europa hereindrängenden Massen sagte Asserate, " [wir] werden bald nicht mehr von Migration sprechen, sondern von einer Völkerwanderung".
Montag, 20. Juli 2015
Zum 20. Juli: Werte für die Bundeswehr
I.
Welche Bedeutung im
Zeichen der totalen (Post-)Moderne allgemein in Europa noch
irgendwelchen Traditionen zukommt, bedürfte einer weit ausgreifenden Untersuchung. Mutmaßlich gehört zu den am dürftigsten mit „gelebten“ Traditionen
ausgestatteten Ländern in Europa die Bundesrepublik
Deutschland, ablesbar u.a. an den alljährlichen Kirchenaustritten -
sofern konfessionelle Zugehörigkeit im vergangenen Jahrhundert - unter Vorbehalt - noch
als Indikator für (christliche) Traditionsbindung gelten konnte.
Indes kommt unter dem - in
öffentlicher Rede gemiedenen - Aspekt der Zivilreligion kein
Staatswesen ganz ohne Traditionen aus (wenngleich
bundesrepublikanische Verfassungspatrioten den Glauben an ihre res
publica allein aus der abstrakten und/oder deliberativen,
real und spezifisch höchsteigenen Vernunft ableiten möchten). Am schwierigsten
haben´s dabei die – per Revision des Grundgesetzes - für ihren
Wertedienst gleichgestellten, syntaktisch bevorzugten Soldatinnen, sodann die
Soldaten. Ihnen müsste im Hinblick auf die euro-atlantische
Wertegemeinschaft sowie auf die Einwanderungsgesellschaft bei der
Eidleistung („Recht und Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu
verteidigen“) etwas unbehaglich zumute sein. Wo steht jeweils „Recht
und Freiheit“ auf dem Spiel, und zu welchen bündnispolitischen
Zwecken sollen sie - nach Abzug vom Hindukusch – demnächst ihr
Leben riskieren?
II.
Der Begründung und
Festigung bundesrepublikanischer Tradition dient seit einigen Jahren
die Vereidigung von neuen Wehrwilligen am Abend des 20. Juli im
Bendlerblock zu Berlin. Ausreichend bereitgestellte Polizei sorgt
dafür, dass die Zeremonie nicht von lautstarken „linken“,
vermeintlich pazifistischen, tatsächlich meist „antideutsch“
gestimmten Protestierern gestört wird.
Bei der diesjährigen
Veranstaltung hält Klaus von Dohnanyi, Sohn des ermordeten
Widerstandskämpfers im Amt Canaris Hans von Dohnanyi, eine Rede.
Die Frage drängt sich
auf, inwieweit – von den Überzeugungen des Redners Dohnanyi
abgesehen – die heutige, für globale Einsätze vorgesehene
Bundeswehr noch in irgendeiner Traditionslinie zum 20. Juli zu sehen
ist. Die „vaterländischen Gefühle“ (Peter York von Wartenburg),
welche die Männer - und (phraseologiefrei) Frauen – um
Stauffenberg im Bendlerblock bewegten, sind – als eine der
Spätfolgen des Scheiterns von Attentat und Staatsstreich - teils
historisch obsolet, teils politisch inkorrekt geworden. Die
militärische – medial ans „deutsche Volk“ übermittelte -
Traditionsstiftung der Berliner Republik zielt an der sozialen
Wirklichkeit und der politischen Kultur der Bundesrepublik vorbei.
III.
Für Soldaten geht es
zudem um praktische Fragen: Wie, d.h. mit welchen Waffen, sollen sie den
Frieden bewahren (oder schaffen), der Freiheit, dem Recht usw.
dienen? Für derlei Fragen ist, berufen von der Ministerin Ursula von der Leyen,
die neue Staatsekretärin („Ich als Beamtin“) im
Verteidigungsministerium Dr. Katrin Suder zuständig. Aus ihrer
früheren Rolle als Direktorin bei McKinsey Consulting hat sie
Begriffe des Business English als Equipment fürs neue Büro
mitgebracht, beispielsweise „deep dive“ und „commitment“.
Katrin Suder, Physikerin und Theaterwissenschaftlerin, hält die
dreifache Bedeutung des Wortes im Deutschen (Hingabe, Verpflichtung
oder Engagement) für geeignet, „um die Beziehung des Soldaten zu
seinem Beruf zu beschreiben“, so der Autor des Porträts der
Staatssekretärin (in: FAZ v.
17.07.2015).
Entsprechend beeindruckt
zeigt sich die Rüstungssekretärin („Ich als oberste Rüsterin“) von der
besonderen Berufsauffassung der Soldat(sc.-inn)en. Für Katrin Suder
ist Soldat sein auch eine „sehr emotionale, sehr wertegebundene
Aufgabe“. Eine Spezifizierung der Emotionen und Werte ist dem
Artikel nicht zu entnehmen. Den aus dem Wortlaut des Grundgesetzes
abzuleitenden konventionellen – oder eben bloß traditionellen -
Werten von Ehe und Familie (Art. 6;1: " Ehe und Familie stehen unter
dem besondern Schutze der staatlichen Ordnung") ist die
Staatssekretärin auf spezifische Weise verpflichtet (engl. committed
to): „Mutter zweier Kinder, in
gleichgeschlechtlicher Partnerschaft lebend.“ Welche Emotionen bei
den Soldaten vermittels besserer Ausrüstung zu stärken sind, ist
dem Bericht aus dem einstigen kaiserlichen Reichsmarineamt nicht zu
entnehmen.
IV.
Klar,
wenn die deutschen Soldatinnen und Soldaten wieder an die Front
sollen, brauchen sie bessere Waffen, z.B. Panzer mit Sitzen, die auch
für hochschwangere Soldatinnen gut abgefedert sind. Um den deutschen
Panzerbau, bislang bei Kraus Maffei Wegmann (KMW) in besten Händen,
sorgt sich auch Rainer Arnold, verteidigungspolitischer Sprecher der
SPD im Bundestag. Er fordert (als „Fremde Feder“ in der FAZ
v.
08.07.2015, s. 8): „Ausverkauf
deutscher Panzer an Frankreich verhindern!“.
Der Blogger reibt sich die Augen. Gefährdet derlei „Forderung“ nicht
a) die deutsch-französische Freundschaft als Kern der Europäischen
Union b) die Rüstungskooperation auf möglichst vielen Gebieten, zum
Zwecke vereinheitlichter Standards, Kaliber und globaler
Einsatzfähigkeit c) den Kampf gegen jede Art von Nationalismus?
Arnold warnt vor einer Fusion mit dem französischen staatlichen
Rüstungsunternehmen Nexter. Im Blick auf deutsche mittelständische
Zulieferungsunternehmen schreibt er weiter: „Der französische
Konzern Thales ist ein direkter Konkurrent, und die französische
Politik versteht die nationalen Interessen zu wahren.“
Incroyable! Welche
Töne! Bewegen den SPD-Verteidigungsexperten am Ende gar
„vaterländische Gefühle“? Mitnichten. Es geht darum, den
Verlust von Arbeitsplätzen zu verhindern, im Falle einer Fusion
wandert „die auch mit Steuermitteln aufgebaute Technologie ins
Nachbarland ab. Deutschland würde seinen Spitzenplatz
unwiederbringlich verlieren. Und der ´Leopard der Zukunft´ würde
ein Franzose.“
Man
sieht: Auch hier geht es um nationale Werte, wenngleich mehr um
materielle. Es bleibt die bedrängende Frage, ob auch Frau Suder mit
allem ihrem bei McKinsey erworbenen Verständnis für die Materie,
nicht zuletzt bei ihrem deep dive in die Seele und die Sorgen der Truppe gegenüber derlei nationalen Emotionen
Verständnis zeigt.
Dienstag, 14. Juli 2015
Non-Grexit und seine tiefere Bedeutung
I.
Seit dem 5. Juli 2011
steht Christine Lagarde, la plus américaine des Françaises,
als Direktorin dem Internationalen Währungsfonds (IMF) vor. Nachdem
sie vor einer Woche, unmittelbar nach dem überwältigenden
OXI der von Tsipras zu
patriotischem Widerstand aufgerufenen Hellenen, angekündigt hatte,
man befürworte einen Schuldenschnitt und sei seitens des IMF zu weiteren Krediten samt Schuldenstreckung
bereit, war die Marschrichtung in der Griechenland-Krise klar:
Non-Grexit.
Schäuble,
Juncker, Martin Schulz et. al. mochten danach noch so verärgert über
Alexis sein, doch der hatte im
politischen Euro-Poker von vornherein die besseren Karten . Den kompletten Grexit, den
Austritt/Ausschluss der Griechen aus dem Euro wollte keiner, nicht
einmal Schäuble mit seinem Fünfjahresplan für eine temporäre
Parallelwährung. Nachdem das Grundsätzliche ziemlich klar war,
konnte Tspiras mit seinen Reformvorschlägen – so unbefriedigend
sie Schäuble und anderen derzeit noch erscheinen mögen –
zusätzlich Punkte bei seinen wirklichen Sympathisanten in der Euro-EU
sammeln.
II.
Ob
Tsipras mit seinem Vorhaben und Versprechen, endlich den bislang de
facto – und de jure Graecorum – von Steuerzahlungen
unbehelligten Reichen/Superreichen mit ihren stolzen Yachten an den
Küsten von Hellas ans Konto (im Ausland) zu gehen, Ernst macht und
ob er damit durchkommt, tut wenig zur Sache. Sein letzter, nach dem
Referendum der Troika offerierter Reformplan will das maritime
Vergnügen nunmehr bereits von der Fünf-Meter-Yacht an aufwärts
(statt wie beim letzten Plan von zehn Meter von Bug bis Heck)
verteuern.
Auch das zuletzt selbst von den EU-Oberen kritisierte
Verteidigungsbudget dürfte ihm keine großen Kopfschmerzen bereiten.
Denn der NATO-Generalsekretär warnt angesichts all der von neuem aus
Osten heraufziehenden Gefahren vor Einsparungen bei Militär und
Waffen. Damit sind nicht nur die vorübergehend friedenstrunkenen
Deutschen gemeint, sondern auch das seit Leonidas, Rigas Pheraios,
Metaxas (Oxi), Papagos, Thyella und Markos ob seiner andreía
gerühmte Volk der freien Hellenen an der Südostflanke der
atlantischen Wertegemeinschaft. (Etwaige Zweifel an der Lauterkeit deren Protegés in Kiew beseitigen diese derzeit in Gefechten mit
ihrem „Rechten Sektor“. )
III.
Tsipras´
Flirt mit Putin war am Ende doch nicht so ernst gemeint wie
befürchtet. Immerhin hat sich der Ausflug nach Moskau gelohnt. Von der geschmähten Troika bekommt er jetzt glatt 30
Milliarden € mehr – und im Zweifel noch mehr - als die bescheiden
beantragten 54 Milliarden.
Leider
eignet sich der seit 2010 erkannte und stets aufs neue verschleppte
griechische Staatsbankrott nicht als Stoff für eine Komödie.
Große Teile der Bevölkerung müssen darunter leiden, dass „wir
Europäer“ das Gebaren der politischen Klasse zu Athen über
Jahrzehnte hin akzeptiert, ja gefördert haben - vermittels
reichlicher Subventionen aus diversen EG/EU-Fonds, durch großzügige
Kooptation in den Euro, durch permanente Kreditvergaben (zu
Niedrigstzinsen, dem vermeintlichen Heilmittel der 2008
aufgebrochenen Finanzkrise) sowie freundliche Ermahnungen.
Im
vorerst letzten Akt des endlosen Dramas um Staatsbankrott und Grexit wurden auf der europäischen Bühne noch ganz andere Handlungsfäden erkennbar. Plötzlich wurden aus der historischen Requisitenkammer alte
Feindbilder hervorgeholt. Zumindest fürs leicht erregbare Publikum
taugten die als Hitler und Nazis in Uniform ausstaffierten Figuren
Merkel und Schäuble. Das mag zwar allen vernünftigen Beobachtern
als geschmacklos, dumm und primitiv erschienen sein, beweist indes,
dass im Falle ernstlicher Interessenkonflikte im EU-vereinten Europa
die unselige Historie jederzeit als politisches Zweckinstrument zu
verwenden ist. Aus „lieben Freunden“ werden dann unversehens die
für überholt geglaubten Stereotypen. In solchem Spiel haben´s die
Deutschen wirklich schwer, während die anderen auf der Bühne ihre
unbeschädigten Selbstbilder vorzeigen.
IV.
Sichtbar
wurde noch ein anderer, politisch gravierender Aspekt der
europäischen Familienverhältnisse. Deren Zentrum bildet die mit
unterschiedlichen Zwecken verfolgte Liebesehe zwischen Deutschland,
dem vermeintlichen EU-Hegemon, und Frankreich, der Führungsmacht
gemäß eigenem Selbstverständnis. Unversehens kehrte Hollande seine
Führungsrolle im Euro-Drama hervor, als er – die Rede garniert
mit der Beschwörung der im antiken Mutterland begründeten Werte der
Demokratie - den Grexit, selbst Schäubles Para-Grexit auf
Zeit, kategorisch ausschloss.
Hinter
den derzeitigen Euro-politischen Unstimmigkeiten zwischen Paris und
Berlin steckt ein grundsätzlicher, wenngleich meist verdeckter
Dissens in Fragen der politischen Ökonomie. Die Mehrheit der
französischen classe politique verfolgt - unbeschadet von den
längst allenthalben missachteten Maastricht-Kriterien - seit
der Einführung des Euro das Konzept einer weichen Währung. Mit dieser
Zielsetzung trifft sie sich in der Theorie mit jenen „linken“
Keynesianern, die wachsende Staatsschulden noch nie als Problem
betrachteten. Ferner passt das Konzept zu den politischen
Zielsetzungen all jener Staaten und deren Eliten, die aus der EU endlich eine
offene, d.h. vertraglich fixierte Transferunion machen wollen – à
conto des deutschen Steuerzahlers.
Derlei
Absicht und Durchsetzung bedeutete womöglich noch nicht den Eklat
der EU als Interessengemeinschaft, solange jedenfalls der Geist des „Populismus“
die ganze Konstruktion nicht gefährden kann. Ernst wird die
unendliche Geschichte von Schulden, Krediten (= de facto
Schuldenerlass), Hilfsprogrammen (=Transfers) und whatever it
takes (Draghi) erst, wenn die deutsche Produktions- und
Exportmaschine ins Stocken gerät. Wie die Bundesrepublik dann in einer
Generation allein ihre binnenstaatlichen Sozialtransfers – und manch
andere Konflikte - bewältigen soll, steht auf einem anderen Blatt.
Sonntag, 5. Juli 2015
Internet-Erfahrungen, Aussichten der res publica, Non-Grexit
Ungeachtet der den Klimawandel (→ global warming; S.Gabriel und die Braunkohle; Seehofer und die Nord-Süd-Megawatt-Trasse; Emissionshandel; gesamtgrüne Koalition) begünstigenden Sommertemperatur sieht sich der Blogger zum Bloggen genötigt. Aus folgenden Gründen:
1) Der Fluch des Internet (s. Eintrag vom 22.06.20; http://herbert-ammon.blogspot.de/2015/06/globkult-etc-von-fluch-und-segen-des.html )
Über Google+, den unentbehrlichen Popularisator meiner Kommentare zur Weltlage, gelangt man zu jener Unzahl von Follower (Kapitälchen, ohne gramm. sinnvolles Plural -s) und „Freunden“ sowie von deren „Freunden“, die man mit wenigen Ausnahmen weder kennt noch als „friends“ zu schätzen wüsste. Von der Fülle der ins Netz gestellten Welterklärungen, Weltbeglückungen, Seelenstrip-Shows, Verschwörungstheorien sowie Moralkeulen droht man regelrecht erschlagen zu werden, während die eigenen Verlautbarungen im Handumdrehen in die ungelesenen unteren Rubriken rutschen.
Beim „Browsen“ (= stöbern, beim Lesen überfliegen, Zeit totschlagen) in Google (ohne +) stieß ich auf folgenden Eintrag: Kritik der Tragödie - Download free ebooks, pdf & etc. Files www.fluffebook.org/1r5ba8_pdf-book-kritik-der-trag-ouml-die.pdf If you want to get Kritik der Tragödie pdf eBook copy write by good author ... Zivilreligion aus dem Geist der Tragödie von Herbert Ammon I. Die Kritik der. - Pech für den Blogger: Seine „Kritik der deutschen Zivilreligion aus dem Geist der Tragödie“ http://www.globkult.de/herbert-ammon/567-eine-kritik-der-deutschen-zivilreligion-aus-dem-geist-der-tragoedie findet derzeit auch das Interesse einer community von confidence tricksters. Ich empfehle den Essay gleichwohl der Aufmerksamkeit meiner Leser (sc. -/innen/XXYZ).
Und
doch: Besser jedenfalls, von einem Betrüger hereingelegt zu werden,
als in einen shitstorm (=
neudt. für Denunziation, Anzeige, Attacke) zu geraten, wie es
derzeit an der Humboldt-Universität dem Politikwissenschaftler
Herfried Münkler und dem Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski
widerfährt. Immerhin, die HU-Oberen sowie einige, nicht alle,
Kollegen haben die Angegriffenen - die anonymen Aktivisten
(„Münkler-watch“) werfen ihnen das denunziatorisch Übliche:
Sexismus, Eurozentrismus, u. dergl., dazu schwer verständliche,
arrogante Wissenschaftsrethorik vor – und deren Lehrfreiheit
verteidigt. Die tapferen Widerstandskämpfer anno 2015 hingegen
verteidigen ihre Vorgehensweise mit der Furcht vor schlechten
Zensuren seitens der unter „linke“ Beobachtung Gestellten. Fazit:
Die zu NS-Zeiten blühende Blockwartkultur zeigt ihre Stärke noch 70
Jahre danach - als Bereicherung der kulturellen Vielfalt.
2)
Die Bild-Zeitung, Zentralorgan des Volkes, liefert heute eine
wichtige Ergänzung zu meinen Überlegungen zum richtigen Umgang mit
der direkten Demokratie
http://herbert-ammon.blogspot.de/2015/06/vom-richtigen-umgang-mit-direkter.html
. Auf der Titelseite verkündet Bild
das
Resultat des „Bild-Referendums“: „89
Prozent stimmen für Nein!“ Gemeint
ist natürlich nicht das von Tsipras empfohlene OXI
zu
den in schwer verständliches Griechisch übersetzten politischen
Zumutungen der Trojka,
sondern
das „Nein!“ der vox populi Teutonici, d.h. der Bild-Leser.
Immerhin: Dem Druck der von Bild
veröffentlichten Mehrheitsmeinung der deutschen Bild-Bürger,
einem Beispiel geglückter direkter Demokratie, wird sich selbst
Merkel – man sagt ihr, der versatilen „mächtigsten Frau in
Europa“, bereits Nachgiebigkeit in Sachen (Non-)Grexit nach –
kaum entziehen können. Auf Merkel ist Verlass!
Die
angestrebte Liebesheirat bedürfte, um mehrheitsfähig zu werden, nach
einem prognostischen Kalkül des Bloggers noch eines dritten
Partners. Für eine solche ménage
à trois käme
allein die FDP in Frage, die in den polls
bereits
wieder um die 5 % gehandelt wird. Die Sache hat nur noch einen Haken:
Falls die AfD (ehedem Lucke-Partei) unter ihrer neuen Vorsitzenden
Frauke Petry, der es nichts ausmacht, sich als „Nazi“ beschimpfen
zu lassen, den Sprung in den Bundestag (im Reichstag) schafft,
beginnt das Rechnen und Koalitionsverhandeln aufs neue.
4)
Der erwartete Kommentar zum Non-Grexit, egal ob OXI
oder
NAI,
steht aus. Er kommt vielleicht bei späterer Gelegenheit. Zum Thema nur soviel: Die
Griechen, genauer: die Mehrheit der für ihren Lebensunterhalt hart arbeitenden, sind schon seit langem nicht zu beneiden. Aber wer könnte
oder sollte ihnen den richtigen Rat geben?
Montag, 29. Juni 2015
Vom richtigen Umgang mit direkter Demokratie
I. Womöglich habe ich mich geirrt, und der Grexit findet - gänzlich losgelöst vom Ausgang des von Tsipras prestissimo angesetzen Referendums - doch noch statt. So oder so führt mutmaßlich kein Weg an einem Schuldenschnitt vorbei, andernfalls droht das Abdriften der Hellenen in Richtung Putin. Das gilt es mit allen Mitteln, mit politischem Druck und finanzieller Nothilfe, zu verhindern. Immerhin: die EU als unantastbare Werteunion hat - nicht nur im Gefolge der Griechenland-Krise - einige Kratzer bekommen.
Wir müssen vorerst den Dingen ihren Lauf lassen. Am morgigen 30. Juni 2015 geht´s ins Endspiel: Im Falle der Verweigerung einer weiteren Milliardenspritze scheint der Staatsbankrott in Athen unausweichlich. Sodann - falls Tsipras sich die Sache nicht noch mal überlegt - steht am Wochenende das Referendum ins Haus. Das Volk der Hellenen darf - wie dereinst die Männer von Athen - über das für ihre politeia Gute oder das für Europa Schlechte entscheiden - oder auch umgekehrt
II. Ja, verkünden die Spitzeneuropäer, die Griechen dürfen ihrer Verfassung gemäß per Referendum über ihre Zukunft entscheiden. Es gehe dabei ja auch nicht um Grexit Ja/Nein, sofern in den EU-Verträgen ein Austritt aus der Währungsunion gar nicht vorgesehen ist. Andererseits hätten die Griechen ein Referendum über ihre Liebe zu Europa samt Euro schon in einer früheren Phase, irgendwann zu Beginn der Finanzkrise, bekunden sollen. Jetzt komme das Referendum - vom Wortlaut mal abgesehen - jedenfalls zu spät, zu überstürzt ohnehin.
Man sieht: Die Eliten - alle, die dazu gehören und/oder dazugehören wollen - tun sich schwer mit Begriff und Praxis der direkten Demokratie. Vor zwei Wochen, als die "doch so katholischen Iren" per Volksabstimmung (60 : 40 bei 60 % Wahlbeteiligung = 36 % des Wahlvolks, id est des "Volkes") für die bedingungslose Home-Ehe votierten, zeigten sich die Interpreten der Demokratie positiv überrascht, ja enthusiasmiert, und attestierten dem populus Hiberniae demokratische Reife, ohne dass irgendwo die Vokabel "Populismus" zu hören war.
Insbesondere die ehedem "basisdemokratischen" Grünen erweisen sich von Mal zu Mal (s. Irland-Referendum) als Meister des demokratischen Doppelspiels: Wo es politisch in den Kram passt, zeigt man sich dem Prinzip der direkten Demokratie durchaus aufgeschlossen, ja geradezu verpflichtet. Da im übrigen jedoch bei den Profis der Parteien das "Volk" im Verdacht steht, anders zu denken und anderes zu wollen als sie selbst, lehnt man bei allen anderen Fragen die Befragung des "Volkes", des von populistischen Parolen allzu leicht verführbaren Wahlvolkes (sonst apostrophiert als "unsere Wählerinnen und Wähler") aus tiefstinnerster Überzeugung ab.
Was - mit oder ohne Bezug auf Art.20, 2 GG - dem Volk zur Abstimmung überlassen bleiben soll, bestimmt letztlich die classe politica in eigener Regie. Im richtigen Umgang mit dem Prinzip eignen sich fürs Volk Fragen wie "Flughafen Tempelhof Ja/Nein", Randbebauung des aufgelassenen Flughafens Ja/Nein, Tempo 30 in meiner Wohnstraße Ja/Nein u. dergl. Spätestens bei der Frage nach der ein paar Zehntausende (?) Euro erforderlichen Umrüstung der Verkehrsampeln von - derzeit noch sexistisch ausschreitenden Männekens - auf lesbisch-grüne Ampelmännchen hört die radikaldemokratische Bereitschaft zur Befragung des Volkes auf. So verfährt man stets richtig, ja souverän mit dem Souverän.
Wir müssen vorerst den Dingen ihren Lauf lassen. Am morgigen 30. Juni 2015 geht´s ins Endspiel: Im Falle der Verweigerung einer weiteren Milliardenspritze scheint der Staatsbankrott in Athen unausweichlich. Sodann - falls Tsipras sich die Sache nicht noch mal überlegt - steht am Wochenende das Referendum ins Haus. Das Volk der Hellenen darf - wie dereinst die Männer von Athen - über das für ihre politeia Gute oder das für Europa Schlechte entscheiden - oder auch umgekehrt
II. Ja, verkünden die Spitzeneuropäer, die Griechen dürfen ihrer Verfassung gemäß per Referendum über ihre Zukunft entscheiden. Es gehe dabei ja auch nicht um Grexit Ja/Nein, sofern in den EU-Verträgen ein Austritt aus der Währungsunion gar nicht vorgesehen ist. Andererseits hätten die Griechen ein Referendum über ihre Liebe zu Europa samt Euro schon in einer früheren Phase, irgendwann zu Beginn der Finanzkrise, bekunden sollen. Jetzt komme das Referendum - vom Wortlaut mal abgesehen - jedenfalls zu spät, zu überstürzt ohnehin.
Man sieht: Die Eliten - alle, die dazu gehören und/oder dazugehören wollen - tun sich schwer mit Begriff und Praxis der direkten Demokratie. Vor zwei Wochen, als die "doch so katholischen Iren" per Volksabstimmung (60 : 40 bei 60 % Wahlbeteiligung = 36 % des Wahlvolks, id est des "Volkes") für die bedingungslose Home-Ehe votierten, zeigten sich die Interpreten der Demokratie positiv überrascht, ja enthusiasmiert, und attestierten dem populus Hiberniae demokratische Reife, ohne dass irgendwo die Vokabel "Populismus" zu hören war.
Insbesondere die ehedem "basisdemokratischen" Grünen erweisen sich von Mal zu Mal (s. Irland-Referendum) als Meister des demokratischen Doppelspiels: Wo es politisch in den Kram passt, zeigt man sich dem Prinzip der direkten Demokratie durchaus aufgeschlossen, ja geradezu verpflichtet. Da im übrigen jedoch bei den Profis der Parteien das "Volk" im Verdacht steht, anders zu denken und anderes zu wollen als sie selbst, lehnt man bei allen anderen Fragen die Befragung des "Volkes", des von populistischen Parolen allzu leicht verführbaren Wahlvolkes (sonst apostrophiert als "unsere Wählerinnen und Wähler") aus tiefstinnerster Überzeugung ab.
Was - mit oder ohne Bezug auf Art.20, 2 GG - dem Volk zur Abstimmung überlassen bleiben soll, bestimmt letztlich die classe politica in eigener Regie. Im richtigen Umgang mit dem Prinzip eignen sich fürs Volk Fragen wie "Flughafen Tempelhof Ja/Nein", Randbebauung des aufgelassenen Flughafens Ja/Nein, Tempo 30 in meiner Wohnstraße Ja/Nein u. dergl. Spätestens bei der Frage nach der ein paar Zehntausende (?) Euro erforderlichen Umrüstung der Verkehrsampeln von - derzeit noch sexistisch ausschreitenden Männekens - auf lesbisch-grüne Ampelmännchen hört die radikaldemokratische Bereitschaft zur Befragung des Volkes auf. So verfährt man stets richtig, ja souverän mit dem Souverän.
Montag, 22. Juni 2015
Globkult etc: Von Fluch und Segen des Internet
Liebe community,
um den Level (m., aus welchen Gründen neudeutscher Grammatik auch immer; s.a. -s Niveau, -r Pegel, -e Frequenz ) der Blogaufrufe stabil zu halten, sieht man sich kontinuierlich zu Einträgen genötigt, auch wenn einem bei der Frühstückslektüre und dem Politalltag - die ewige Wiederkehr des Gleichen - nichts mehr einfällt. Es muss gebloggt/ruminiert werden.
So bitte ich hinsichtlich der nachfolgenden, banal anmutenden Bemerkung über Fluch und Segen des Internet um Nachsicht. Das globale Medium bereitet Ärger, wenn der Google-Konsument - stets wird er von Yahoo! animiert, die Konkurrenz-Suchmaschine als dauerhaften Zugang zum weltweiten Wissen www. einzurichten und Google auszustechen - auf Einträge und Bilder ("Unangemessene Bilder melden" "Wir danken für die Rückmeldung") stößt, die geeignet sein könnten, das global-positive Erscheinungsbild des Bloggers zu lädieren. Wie kann ich mich dagegen wehren, dass in der mir ad libitum zugeordneten Bilderfolge auch die düstere Physiognomie des adligen Namensvetters und Nazi-Schreibtischtäters Wilhelm von Ammon erscheint? Jeglicher Kampf gegen die digitale Verdächtigung wäre vergeblich.
Ärger kocht hoch, wenn der Blogger per Zufall auf geistigen Diebstahl stößt. Da hat irgendein(e) obskure(r) Volksaufklärer(in) meinen Iablis-Essay "Geopolitik -zur Wiederkehr eines verloren geglaubten Begriffs im 21. Jahrhundert" schlichtweg kopiert und ohne jegliche Quellenangabe als eigenes Gedankenprodukt zur Weltlage ins Netz gestellt. Nach Auskunft von Juristen dürfte ein rechtliches Vorgehen gegen den/die ruchlosen Diebe "schwierig" sein. Da bleibt eben nur der Ärger, dazu ein hilfloser Fluch.
Anlass zu Freude gibt danach eine weitere Entdeckung im www.: Das mir bis dato unbekannte Portal bssb.de veröffentlichte am 19. 06.2015 unter der Rubrik Baltic-Black-Sea Texts mit Quellenangabe und Namensnennung den ersten Teil meines Globkult-Aufsatzes "Aus historischer Distanz - eine Kritik zur Vernünftigkeit des Wirklichen" unter dem Titel "Eine Kritik der Vernünftigkeit des Wirklichen".
Bei derlei unerwarteter Beglückung will ich gerne darüberhinwegsehen, dass der/die Betreiber des Portals es weder mit den von ihnen selbst beanspruchten Urheberrrechten noch mit der Grammatik so genau nehmen. In einem schwarzen Kasten heißt es:
© bssb.be
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Website darf ohne schriftliche
Genehmigung des Autors weder kopiert, noch verändert und auf anderen
Web-Sites verwendet werden.
Was immer das Interesse von bssb.be erweckte, ich möchte die Leser der "Unz(w)eitgemäßen Betrachtungen" bei dieser Gelegenheit auf meinen letzten Globkult-Beitrag hinweisen, sofern sie ihn dort nicht bereits gelesen haben: "Aus historischer Distanz: Eine Kritik der Vernünftigkeit des Wirklichen".
um den Level (m., aus welchen Gründen neudeutscher Grammatik auch immer; s.a. -s Niveau, -r Pegel, -e Frequenz ) der Blogaufrufe stabil zu halten, sieht man sich kontinuierlich zu Einträgen genötigt, auch wenn einem bei der Frühstückslektüre und dem Politalltag - die ewige Wiederkehr des Gleichen - nichts mehr einfällt. Es muss gebloggt/ruminiert werden.
So bitte ich hinsichtlich der nachfolgenden, banal anmutenden Bemerkung über Fluch und Segen des Internet um Nachsicht. Das globale Medium bereitet Ärger, wenn der Google-Konsument - stets wird er von Yahoo! animiert, die Konkurrenz-Suchmaschine als dauerhaften Zugang zum weltweiten Wissen www. einzurichten und Google auszustechen - auf Einträge und Bilder ("Unangemessene Bilder melden" "Wir danken für die Rückmeldung") stößt, die geeignet sein könnten, das global-positive Erscheinungsbild des Bloggers zu lädieren. Wie kann ich mich dagegen wehren, dass in der mir ad libitum zugeordneten Bilderfolge auch die düstere Physiognomie des adligen Namensvetters und Nazi-Schreibtischtäters Wilhelm von Ammon erscheint? Jeglicher Kampf gegen die digitale Verdächtigung wäre vergeblich.
Ärger kocht hoch, wenn der Blogger per Zufall auf geistigen Diebstahl stößt. Da hat irgendein(e) obskure(r) Volksaufklärer(in) meinen Iablis-Essay "Geopolitik -zur Wiederkehr eines verloren geglaubten Begriffs im 21. Jahrhundert" schlichtweg kopiert und ohne jegliche Quellenangabe als eigenes Gedankenprodukt zur Weltlage ins Netz gestellt. Nach Auskunft von Juristen dürfte ein rechtliches Vorgehen gegen den/die ruchlosen Diebe "schwierig" sein. Da bleibt eben nur der Ärger, dazu ein hilfloser Fluch.
Anlass zu Freude gibt danach eine weitere Entdeckung im www.: Das mir bis dato unbekannte Portal bssb.de veröffentlichte am 19. 06.2015 unter der Rubrik Baltic-Black-Sea Texts mit Quellenangabe und Namensnennung den ersten Teil meines Globkult-Aufsatzes "Aus historischer Distanz - eine Kritik zur Vernünftigkeit des Wirklichen" unter dem Titel "Eine Kritik der Vernünftigkeit des Wirklichen".
Bei derlei unerwarteter Beglückung will ich gerne darüberhinwegsehen, dass der/die Betreiber des Portals es weder mit den von ihnen selbst beanspruchten Urheberrrechten noch mit der Grammatik so genau nehmen. In einem schwarzen Kasten heißt es:
Was immer das Interesse von bssb.be erweckte, ich möchte die Leser der "Unz(w)eitgemäßen Betrachtungen" bei dieser Gelegenheit auf meinen letzten Globkult-Beitrag hinweisen, sofern sie ihn dort nicht bereits gelesen haben: "Aus historischer Distanz: Eine Kritik der Vernünftigkeit des Wirklichen".
Freitag, 19. Juni 2015
Europäische Manöver
In den Feuilletons ging es
dieser Tage um die letzte große Schlacht und Niederlage des
Empereur bei Waterloo/Belle Alliance/Mont Saint Jean. Napoleons
spezifisches Konzept zur Einigung Europas – so seine auf Sankt
Helena konzipierte Selbstinterpretation – war an den Mächten
Europas, de facto bereits am 22. Juni 1812 beim Angriff auf die
zuvor noch verbündete europäische Großmacht Russland, gescheitert.
Auf dem Wiener Kongress schufen die souveränen Mächte
(einschließlich des besiegten Frankreichs) jene Friedensordnung, die
ungeachtet mancherlei Erschütterungen, trotz diverser Revolutionen,
trotz Krimkrieg, trotz der italienischen und deutschen Einigungskriege,
insgesamt bis 1914 Bestand hatte.
Spätfolgen der von den „Schlafwandlern“ (Chistopher Clark) im August 1914 losgetretenen Katastrophe treten derzeit erneut in der Griechenlandkrise sowie in der Ukrainekrise hervor. Während Tspiras, angeblich ideologisch befeuert von seiner kommunistisch sozialisierten Jugendliebe und Lebensgefährtin, erneut nach Moskau reist, um Putins Unterstützung im Kampf gegen die antihellenische Verschwörung von Troika, Brüssel und Wolfgang Schäuble zu gewinnen, spielen einige Nato-Staaten (einschließlich deutscher Bundeswehr) auf dem dank der historischen Wechselfälle des 20. Jahrhunderts von Polen akquirierten preußisch-deutschen Militärgelände bei Sagan, Niederschlesien, Manöver. Die Blauen, die Verteidiger, also die Guten, sind naturgemäß in der Nato, wer der Feind, also die Roten oder die Bösen, sein soll, ist unschwer zu erraten. Im Gegenzug führen die bösen Russen zusammen mit den derzeit wieder zweckverbündeten Chinesen ein Seemanöver im östlichen Mittelmeer vor.
Wenn Tspiras sich enger
mit Putin liierte und dies die transatlantische community
„nachhaltig“
erschüttern würde, dürfte am 30. Juni 2015, wenn erneut eine
griechische Zinsrate fällig wird und/oder der Staatsbankrott droht, ein weiterer Kredit/de facto Schuldenschnitt nachgeschoben werden. Den
Grexit als beste Notlösung des Problems fordern nach wie vor nur ein
paar ungeliebte Ökonomen wie Hans-Werner Sinn, andere halten mit
Verve dagegen. Die Wissenschaft von der political economy gleicht
wieder mal dem „schwarzen Schwan“. Man weiß nie, in welche
Richtung er/sie schwimmen wird.
Eine Wette auf Euro oder
Drachme möchte der Blogger nicht abschließen. Sein sensus
politicus sagt ihm, dass die Wertegemeinschaft ein paar weitere
Milliardenwerte für Hellas locker machen wird, „whatever it
takes“(Draghi). Was irritiert, ist der Umgang unserer "Eliten“
mit dem Thema. Kaum einer spricht vom (macht-)politischen Kern der
Sache. Von der komplexen ökonomischen Materie dürften ohnehin die
meisten nicht allzu viel verstehen. Man hält sich lieber an die
Experten – oder an die Medien. Die Experten wiederum denken nicht bloß ökonomisch, sondern eben auch politisch (s.o.)
Dem mündigen Bürger
(und Steuerzahler) bleibt die Rolle des gequälten Zuschauers im
neudeutschen Regietheater. Zum Amüsement gereicht immerhin der
Auftritt der grünen Ko-Vorsitzenden Göring-Eckardt. Die
unvollendete Theologin zeigt sich entrüstet, dass Bundeskanzlerin
Merkel in diesen Euro-kritischen Tagen nicht ihren alternativlosen
Standardsatz der letzten Jahre („Scheitert der Euro, scheitert
Europa“) wiederholt hat. Doch vernimmt man aus der grünen Ecke
auch noch andere Worte. Jürgen Trittin, ehedem "linke" Führungsfigur im
engeren grünen Machtzirkel mit Aspirationen aufs Finanzministerium, warnte angesichts des letzten Nato-Manövers vor
der in Washington angekündigten Stationierung neuer Waffen - und
Militäreinheiten? - in Ost- und Südosteuropa.
Montag, 15. Juni 2015
Notizen zum Berliner Richtfest sowie zu "Memories of Dachau"
I.
Das Berliner Schloss, in deutsch-kosmopolitischer Absicht zum Humboldt-Forum erhoben, feierte vorgestern, Samstag, den 14.Juni 2015, sein Richtfest. Wenngleich der hellgraue Betonrohbau derzeit noch mehr durch massige Wucht denn durch schlichte Schönheit beeindruckt, lässt er die erneuerte Barockgestalt immerhin schon erahnen. Und selbst jene, die sich mit historisch-ästhetischen Argumenten, genauer: aus ideologisch höchst unterschiedlichen Motiven gegen Francesco Stellas Rekonstruktion des Hohenzollern-Schlosses gesperrt haben, müssen eingestehen, dass die von der deutschen - nicht ausschließlich preußisch-deutschen - Geschichte malträtierte Hauptstadt dabei ist, ihr Zentrum und Gesicht wiederzugewinnen.
Das Ziel des Bloggers war am vergangenen Samstag indes nicht der große Publikumsauftrieb zur Bekränzung der von einem anyonymen Spender ermöglichten Kuppel des Betonbaus, sondern eine weniger spektakuläre Attraktion: das Monbijoutheater gegenüber dem Bodemuseum. Der als Freilichttheater konstruierte kleine Holzbau, mit nach oben gezogenen Zuschauerrängen samt pit in der Mitte, mit einer kleinen Bühne sowie der für Balkonszenen aller Art nutzbaren Galerie auf der Rückseite, ist nicht zufällig Shakespeares Globe Theatre nachempfunden. Über dem mit rotem Plüsch verhängten Eingang ist eine mutmaßlich aus Plastik "getriebene" Plakette mit dem Porträt des Dichters angebracht. Die kleine Theatertruppe - ohne die Biertheke nebenan wären die Einnahmen gewiss noch bescheidener - spielt mit derbem Enthusiasmus vornehmlich Shakespeares Komödien, demnächst indes auch Hamlet.
Auf dem Programm stand Molières "Tartuffe", in deutsch verfremdeter (oder reformgemäß aktualisierter) Schreibweise "Tartüff". Pünktlich um 19.30 quälte sich eine mit prächtig rotem Kostüm ausstaffierte Figur die hinteren Stufen zur Bühne hoch. Doch aus dem Fest klassischer Komik wurde nichts. Als der längst dräuende Wolkenbruch losbrach, fiel das Stück ins Wasser. Abbruch, Karten gültig für eine spätere Vorstellung!
II.
Die Flucht vor den Fluten führte in die Hackeschen Höfe. Dort war, terminlich gerade noch erreichbar, in einem der Kinos "Desert Inspiration" angekündigt. Der Film spiegelt die Impressionen des Gypsy-Jazz-Gitarristen Lulo Reinhardt von einer Reise zu den Berbern im Südosten Marokkos sowie von seiner Begegnung mit dem Musikerkollegen und Freund Cherif el Hamri.
Der Film zeigt die Wahrnehmungen des sich einer Nomaden-Kultur zurechnenden Reinhardt - er erinnert sich an seine Kindheit im Wanderzirkus seiner Familie sowie an die Erzählungen der Alten - in der im Umbruch zur "Moderne", zur technisch-digitalen Gegenwart, begriffenen Lebenswelt der Bewohner der Wüstenregion. Was die mit ihren Herden umherziehenden Hirten betrifft, so ist ihre Lebensweise nach wie vor die von Nomaden. Für die Bauern aus der kleinen Oasenstadt Agdzh - mit einer unlängst restaurierten Kasbah -, die Reinhardt bei ihrer Feldarbeit in einer palmería angetroffen hat, scheint der Begriff schwerlich anwendbar. Immerhin sprach der mit der Restauration betraute Historiker und Architekt davon, das Innere der weitläufigen Burg (=Kasbah), wo die Räume ineinander übergehen und beliebig genutzt werden konnten, sei der Anordnung von Nomadenzelten nachgebildet.
In Azgdh findet seit einigen Jahren ein Musikfestival mit Gästen aus aller Welt statt. Die Freundschaft mit Cherif el Hamri, Musiker, Instrumentenbauer und Kalligraph, entstand bei solcher Begegnung. In der Berbern der Wüstenregion glaubt der Besucher Lulo Reinhardt noch den Einklang ihrer Existenzweise mit der Natur zu erkennen - eine Harmonie, die ihren Ausdruck in Musik und Tanz finde. Ob der ursprünglich religiöse Charakter der Tänze der Berbergemeinschaften mit dieser Deutung getroffen wird, mag offenbleiben. Nicht anders sind Zweifel angebracht, ob die von Reinhardt angenommene Synthese von Tradition, Popmusik und Handy-Moderne tatsächlich stattfindet und Frucht tragen wird.
III.
Statt einer bloßen Filmvorführung war vorweg jedoch ein Konzert mit Lulo Reinhardt, dem Großneffen des "großen" Django Reinhardt, zu erleben. Er spielte die Guitarre - sowie ein ihm von El Hamri geschenktes Instrument - teils solo, teils im Konzert mit El Hamri sowie einem Rhythmus-Instrumentalisten. In leicht rheinhessischem Tonfall gab der Künstler zu seinen Stücken - die Motive durchziehen auch den Film "Desert Inspiration" - einige Erläuterungen.
"Memories of Dachau" lautet der Titel von fünf Kompositionen, die Lulo Reinhardt seinem Onkel gewidmet hat. Der Onkel, so war zu hören, kämpfte "unter Rommel bei El Alamein". Danach, offenbar auf Heimaturlaub, erhielt er ein Schreiben mit der Aufforderung zum Erscheinen bei einer Dienststelle. Statt der erwarteten Ordensverleihung wurde er von zwei SS-Schergen verhaftet und nach Dachau deportiert.
Wirklichkeit und Vorstellung eines Konzentrationslagers legten eine Komposition in Moll nahe, so Reinhardt. Diese fünf Stücke habe er jedoch in Dur geschrieben. Sein Onkel und seine Eltern hätten überlebt, die Dankbarkeit darüber habe er in Dur ausgedrückt. Doch seien auch Passagen in Moll eingestreut...
Das Berliner Schloss, in deutsch-kosmopolitischer Absicht zum Humboldt-Forum erhoben, feierte vorgestern, Samstag, den 14.Juni 2015, sein Richtfest. Wenngleich der hellgraue Betonrohbau derzeit noch mehr durch massige Wucht denn durch schlichte Schönheit beeindruckt, lässt er die erneuerte Barockgestalt immerhin schon erahnen. Und selbst jene, die sich mit historisch-ästhetischen Argumenten, genauer: aus ideologisch höchst unterschiedlichen Motiven gegen Francesco Stellas Rekonstruktion des Hohenzollern-Schlosses gesperrt haben, müssen eingestehen, dass die von der deutschen - nicht ausschließlich preußisch-deutschen - Geschichte malträtierte Hauptstadt dabei ist, ihr Zentrum und Gesicht wiederzugewinnen.
Das Ziel des Bloggers war am vergangenen Samstag indes nicht der große Publikumsauftrieb zur Bekränzung der von einem anyonymen Spender ermöglichten Kuppel des Betonbaus, sondern eine weniger spektakuläre Attraktion: das Monbijoutheater gegenüber dem Bodemuseum. Der als Freilichttheater konstruierte kleine Holzbau, mit nach oben gezogenen Zuschauerrängen samt pit in der Mitte, mit einer kleinen Bühne sowie der für Balkonszenen aller Art nutzbaren Galerie auf der Rückseite, ist nicht zufällig Shakespeares Globe Theatre nachempfunden. Über dem mit rotem Plüsch verhängten Eingang ist eine mutmaßlich aus Plastik "getriebene" Plakette mit dem Porträt des Dichters angebracht. Die kleine Theatertruppe - ohne die Biertheke nebenan wären die Einnahmen gewiss noch bescheidener - spielt mit derbem Enthusiasmus vornehmlich Shakespeares Komödien, demnächst indes auch Hamlet.
Auf dem Programm stand Molières "Tartuffe", in deutsch verfremdeter (oder reformgemäß aktualisierter) Schreibweise "Tartüff". Pünktlich um 19.30 quälte sich eine mit prächtig rotem Kostüm ausstaffierte Figur die hinteren Stufen zur Bühne hoch. Doch aus dem Fest klassischer Komik wurde nichts. Als der längst dräuende Wolkenbruch losbrach, fiel das Stück ins Wasser. Abbruch, Karten gültig für eine spätere Vorstellung!
II.
Die Flucht vor den Fluten führte in die Hackeschen Höfe. Dort war, terminlich gerade noch erreichbar, in einem der Kinos "Desert Inspiration" angekündigt. Der Film spiegelt die Impressionen des Gypsy-Jazz-Gitarristen Lulo Reinhardt von einer Reise zu den Berbern im Südosten Marokkos sowie von seiner Begegnung mit dem Musikerkollegen und Freund Cherif el Hamri.
Der Film zeigt die Wahrnehmungen des sich einer Nomaden-Kultur zurechnenden Reinhardt - er erinnert sich an seine Kindheit im Wanderzirkus seiner Familie sowie an die Erzählungen der Alten - in der im Umbruch zur "Moderne", zur technisch-digitalen Gegenwart, begriffenen Lebenswelt der Bewohner der Wüstenregion. Was die mit ihren Herden umherziehenden Hirten betrifft, so ist ihre Lebensweise nach wie vor die von Nomaden. Für die Bauern aus der kleinen Oasenstadt Agdzh - mit einer unlängst restaurierten Kasbah -, die Reinhardt bei ihrer Feldarbeit in einer palmería angetroffen hat, scheint der Begriff schwerlich anwendbar. Immerhin sprach der mit der Restauration betraute Historiker und Architekt davon, das Innere der weitläufigen Burg (=Kasbah), wo die Räume ineinander übergehen und beliebig genutzt werden konnten, sei der Anordnung von Nomadenzelten nachgebildet.
In Azgdh findet seit einigen Jahren ein Musikfestival mit Gästen aus aller Welt statt. Die Freundschaft mit Cherif el Hamri, Musiker, Instrumentenbauer und Kalligraph, entstand bei solcher Begegnung. In der Berbern der Wüstenregion glaubt der Besucher Lulo Reinhardt noch den Einklang ihrer Existenzweise mit der Natur zu erkennen - eine Harmonie, die ihren Ausdruck in Musik und Tanz finde. Ob der ursprünglich religiöse Charakter der Tänze der Berbergemeinschaften mit dieser Deutung getroffen wird, mag offenbleiben. Nicht anders sind Zweifel angebracht, ob die von Reinhardt angenommene Synthese von Tradition, Popmusik und Handy-Moderne tatsächlich stattfindet und Frucht tragen wird.
III.
Statt einer bloßen Filmvorführung war vorweg jedoch ein Konzert mit Lulo Reinhardt, dem Großneffen des "großen" Django Reinhardt, zu erleben. Er spielte die Guitarre - sowie ein ihm von El Hamri geschenktes Instrument - teils solo, teils im Konzert mit El Hamri sowie einem Rhythmus-Instrumentalisten. In leicht rheinhessischem Tonfall gab der Künstler zu seinen Stücken - die Motive durchziehen auch den Film "Desert Inspiration" - einige Erläuterungen.
"Memories of Dachau" lautet der Titel von fünf Kompositionen, die Lulo Reinhardt seinem Onkel gewidmet hat. Der Onkel, so war zu hören, kämpfte "unter Rommel bei El Alamein". Danach, offenbar auf Heimaturlaub, erhielt er ein Schreiben mit der Aufforderung zum Erscheinen bei einer Dienststelle. Statt der erwarteten Ordensverleihung wurde er von zwei SS-Schergen verhaftet und nach Dachau deportiert.
Wirklichkeit und Vorstellung eines Konzentrationslagers legten eine Komposition in Moll nahe, so Reinhardt. Diese fünf Stücke habe er jedoch in Dur geschrieben. Sein Onkel und seine Eltern hätten überlebt, die Dankbarkeit darüber habe er in Dur ausgedrückt. Doch seien auch Passagen in Moll eingestreut...
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