Samstag, 19. September 2020

Klima und Tesla

Von Politikern (hier: genderneutraler Begriff pars pro toto) zu verlangen, alle Weltprobleme zu analysieren, zu verstehen und sodann zu "lösen", ist zuviel verlangt. Sie sind auf Expertisen aus der Wissenschaft angewiesen. Nun gehen auch in der Wissenschaft  - nicht nur in der dismal science der Wirtschaftswissenschaft - Theorien, Thesen und Meinungen oft auseinander, bisweilen streitet man sich wie die Fischweiber. Gemäßigte Zeitgenossen unterscheiden zwischen Mehrheits- und Minderheitsmeinungen, radikalere operieren mit den Begriffen Wahrheit und Lüge. In einer hochmoralischen Gesellschaft wie der deutschen laden sich Kontroversen mit der apokalyptischen Unterscheidung von Gut und Böse auf. Entsprechend geht es im Zeichen der Klima-, Corona- und Flüchtlingskrisen in politicis zu. Mit der Sorge um Toleranz und die Bewahrung "demokratischer Werte" gut kaschiert, unterliegt das Spiel um letzte Wahrheiten in Krisenzeiten dem Freund-Feind-Schema.

Zur Corona-Krise - derzeit laut Statistik und besorgter Proklamationen in einer zweiten Welle über uns gekommen - werde ich mich nicht äußern, außer dass ich nicht zu den "Corona-Leugnern" gehöre und auch nicht an dem Auftrieb der Massen an der Siegessäule oder gar auf den Reichtstagsstufen beteiligt war. Es heißt abwarten, bis entweder ein Impfstoff gefunden ist oder a) dank verschärftem Lockdown oder b) langsamer Durchseuchung und fortschreitender Resistenz die Krise bewältigt ist. Im übrigen schützt man sich als Angehöriger der Risikogruppe vor dem Schlimmsten durch Zweckoptimismus.

Meine Meinung ("Haltung") zur permanenten Flüchtlingskrise ist bekannt. Solange die Pull-Faktoren ("Willkommenskultur" und Milliardenprogramme für Diversität oder wahlweise Integration) das politische Klima in diesem unserem Lande bestimmen, braucht man sich um eine Minderung der Push-Faktoren (Bürgerkriege, Unterdrückung, reales Elend oder relative Armut, last but not least enormes Bevölkerungswachstum samt Umweltzerstörung) nur wenig Gedanken zu machen. In der Bundesrepublik Deutschland erschöpft sich der diesbezügliche öffentliche Disput in einem Wettstreit von realer oder gespielter politischer Naivität, überhöht von Moral (im buchstäblichen Sinne von Hyper-Moral) . 

Der Klimawandel ist seit etwa dreißig oder schon vierzig Jahren erkennbar. In diesem Punkt erscheint die deutsche Verachtung für den "Klimaleugner" Donald Trump als empirisch-wissenschaftlich fundiert und moralisch berechtigt. Wenn es sich indes um die menschengemachten Ursachen der globalen Erwärmung handelt, kommt man an dem heiklen Thema Bevölkerungswachstum und Umweltzerstörung - nicht nur in Brasilien unter Jair Bolsonaro, sondern vor allem in Afrika - nicht vorbei.

Schuld am Klimawandel ist nach weitgehender Mehrheitsmeinung die CO2-Emission aufgrund des mit der Industriellen Revolution einsetzenden, im 20. Jahrhundert ins Zigfache gesteigerten Verbrauchs fossiler Energien, obenan Kohle und Erdöl. Es war die Katastrophenprophetin Greta Thunberg, die in einem unbedachten Moment den Gedanken äußerte, den Ausweg aus der globalen Klimakrise eröffne die Rückkehr zur Atomenergie. Angesichts allgemeiner Empörung hat sie ihre Position diesbezüglich offenbar revidiert. Inzwischen äußert immerhin auch der eine oder andere grüne Protagonist diesen ketzerischen Gedanken. Zugegeben: Selbst die vom deutschen Atomausstieg vernachlässigte Entwicklung von "modernen" Reaktormodellen bergen - erheblich verminderte - Risiken bei der Endlagerung. Nichtsdestoweniger denkt man in den östlichen Nachbarländern, selbst nicht in Schweden, nicht im mindesten an einen Ausstieg aus der nuklearen Engergiegewinnung. Unbeeindruckt von westlichen Ängsten, basiert der ökonomisch-technische Aufstieg Chinas zur (derzeit noch) zweiten Weltmacht auf Energiegewinnung aus Kohle- und Atomkraftwerken. 

Wir im Westen hingegen wollen der globalen Selbstzerstörung durch erneuerbare Energien entgegenwirken, insbesondere in Deutschland: Wir schaffen das! Ganz "problemlos" , etwa ohne Widerstände auf dem reaktionären platten Land - lässt sich der grüne Umstieg biogenährter Menschen aufs Fahrrad - und von Senioren/innen tunlichst zu meidende Radschnellwege in Berlin und anderswo - zwar politisch nicht schaffen. Den rettenden Ausweg aus der Klimakrise sollen jedoch die wiederum kräftig subventionierten Elektroautos bieten. (Siehe etwa "Elektroauto Spezial", 12-seitige Beilage zur FAZ v. 19/20.09.2020.) Nicht nur halb Brandenburg - außer den vergeblich protestierenden Waldschützern -, sondern das ganze grüne Deutschland freut sich über die Bau der riesigen Produktionsstätte des Tesla-Tycoons Elon Musk bei Grünheide im Südosten der Hauptstadt.

Wer sich seit langem angesichts der Landschaftszerstörung durch immer zahlreichere, immer höhere Windräder romantisch-sentimentale Gedanken macht, wer - im Hinblick auf die umweltzerstörerische Extraktion von Mineralien in der einstigen "Dritten Welt", auf die Produktionsabläufe sowie den akkumulativen Input von Energie - als "Laie" Zweifel an dem umweltrettenden Umstieg aufs Elektromobil und auf "saubere" Energiequellen, obenan die nur zwanzig Jahre tauglichen Windräder in schönster Landschaft hegt, sieht sich durch wissenschaftliche Studien bestätigt. Ich verweise auf eine detaillierte Kritik des herrschenden EEG-Positivismus in einem online-Aufsatz von Mark P. Wills: "Mines, Minerals and ´Green´ Ernergy: A Reality Check", https://www.manhattan-institute.org/mines-minerals-and-green-energy-reality-check

 

P.S.:

Eine Art Kommentar zu meiner Kolumne "Klima und Tesla" (auf Globkult sowie auf The European):
welt.de
Energie: Niederlande planen Rückkehr zur Atomkraft - Deutschland unter Druck - WELT




Montag, 14. September 2020

Betrübliche Realität und gründeutsche Moral

Während Corona vorübergehend (?) an politischer Akutalität eingebüßt hat, ist die permanente  "Flüchtlingskrise" (a.k.a. globale Migration/Immigration ins grüne Willkommensland) erneut ins mediale Interesse gerückt. Dass Hilfe geboten ist, steht nicht zur Debatte, wohl aber wie und  mit welcher rationalen Maßgabe. In diesem unserem gründeutschen Lande wird nicht nach verantwortungsethischen Prinzipien geurteilt, entschieden und gehandelt, sondern in von interessierter Seite emotional aufgeladener Atmosphäre mal so oder mal so. 

Noch einmal: Die Zustände in den Flüchtlings- und/oder Migrantenlagern auf Lesbos oder anderswo verlangen nach humaner Abhilfe.  Diese setzt jedoch nüchterne, ideologiefreie Analyse der wenn  nicht schon seit den 1980er Jahren anhaltenden globalen Flucht- und Migationsbewegungen (push and pull) sowie der politischen Handlungmöglichkeiten voraus. 

Ich darf die Leser/innen meines Blogs auf meinen von "Moria" angestoßenen Kommentar auf Globkult verweisen: https://www.globkult.de/politik/welt/1940-9-11-moria-und-moral

Nachtrag 16.09.2020: Ein weiterer erhellender Lagebericht über die Zustände auf Lesbos von Rebecca Sommer: https://www.reitschuster.de/post/moria-einheimische-bedroht-von-marodierenden-migranten/?fbclid=IwAR3Z8IWR-Bk2vzuZssU-4QGhGjCYA1dsmkW2Soe5phzaaabIqs4nXOWSRzo 

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Montag, 31. August 2020

Die tusk-Biographie von Eckard Holler

Der auch als Globkult-Autor hervorgetretene Eckard Holler hat eine Biographie von tusk, dem ehedem in jugendbewegten Kreisen berühmten Eberhard Koebel, verfasst. Das Buch ist aus vielerlei Gründen empfehlenswert. In der Biographie Koebels tritt die deutsche Jugendbewegung in all ihren Phasen exemplarisch hervor. Sie erinnert an die Entstehung der "Wandervögel" um 1900, an das von jugendbewegt romantischer Unschuld getragene Bekenntnis zu freiem, selbstbestimmtem Leben auf dem Hohen Meißner 1913 und an den Umschwung von antiwilhelminischem Friedensbekenntnis zu Kriegsbegeisterung im Ersten Weltkrieg. 

Eberhard Koebels jugendbewegtes Lebens setzt in der nationalistisch erregten Nachkriegszeit ein. Es ist die Zeit der vielfältigen Jugendbünde, die von einem neuen "Reich" träumen. In der Endphase Weimars treffen wir auf die nationalrevolutionären Strömungen, in denen tusk - vor und nach seiner Konversion zur KPD und seiner strategisch-taktischen (?) Kehrtwendung 1933 - eine herausragende Rolle spielte. 

In der Nachkriegszeit, als sich die Jugendbewegung nach den Verheerungen durch Nazismus, HJ und Kriegskatastrophe in den diversen Pfadfinderbünden, in sozialistischen Jugendgruppen sowie in der "linken" Deutschen Jungenschaft regenerierte, waren die Namen tusk und seiner dj.1.11 noch vielen  Jungen ein Begriff. Indes hatte tusks Ruhm - als gequälter Widerständler und Emigrant - dank seines wenig heldenhaften Auftretens in der DDR unter westdeutschen "Bündischen" einigen Schaden genommen. Heute ist sein Name vergessen.

Eberhard Koebel starb mit nur 48 Jahren am 31. August 1955.

Nachfolgend der Link zu meinem Rezensionsessay: https://globkult.de/geschichte/rezensionen/1932-eckard-holler-auf-der-suche-nach-der-blauen-blume-die-gro%C3%9Fen-umwege-des-legendaeren-jugendfuehrers-eberhard-koebel


Freitag, 14. August 2020

Vorgesehener Titel: Alma mater benigna dolorosa

Ich darf die geneigten Leserinnen (sc. auch die ohne weibl. Suffix) und die diversen weniger Geneigten, auf meine Glosse zu dem unerwarteten Wiederauftauchen der  Plagiate in Doctor Franciska Giffeys Dissertation an einem exzellent europäisch forschenden Institut am OSI der FU hinweisen. Der Text erschien soeben auf der "Achse des Guten" unter einem treffenden Titel. Als Titel für den Text - ich bitte um Nachsicht für einen nicht von mir, sondern offenbar von einem Algorithmus veursachtern Syntax -Schnitzer ("kam...ins Gerede kam") sowie einen Tipp-Fehler (muss unten heißen "wird´s") um Nachsicht - war die obige Überschift vorgesehen. Die "Achsen-Redaktion" hat die Reprise der Berliner Farce mit dem alljährlichen Wiederauftauchen des Ungeheuers in Schottland in Verbindung gebracht: Siehe https://www.achgut.com/artikel/franciska_giffey_und_ihre_doktorarbeit_als_ungeheuer_von_loch_ness

Donnerstag, 6. August 2020

Katastrophen, politische Bildung und deutsche Grammatik am 6. August 2020

I.
Die Frühstückslektüre (FAZ v. 6.August 2020) bietet wenig Erfreuliches. Auf der ersten Seite erfahren wir vom (erneuten) Geständnis des wegen Mordes an dem von Fremdenhaß getriebenen Hauptangeklagten Stephan E. an dem Kasseler  Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Darüber, illustriert durch ein Bild der Trümmerstätte, kündet der Aufmacher von der Explosionskatastrophe in Beirut. Der Kommentar spricht vom "Ende des alten Libanons". Wir dürfen spekulieren, was hinter der gewaltigen Explosion in Beirut steckte, die bis dato 135 Menschen das Leben kostete, Zigtausende Verletzte hinterließ, den Hafen und ein ganzes Stadtviertel zertrümmerte. War es nichts als die Folge jahrelanger Schlamperei, was hatte der auf Zypern residierende russische Schiffseigner mit der seit Jahren im Hafen liegenden Schiffsladung im Sinn, handelte es sich um ein bei Bedarf anzuzapfendes Sprengstofflager der Hisbollah? Wie immer die Antworten lauten, wir dürfen uns bereits auf eine neue Fluchtwelle aus dem Libanon einstellen.

Der hierzulande bereits vergessene Bürgerkrieg im Land der biblischen Zeder 1975-1980 brachte den Zuzug der unsere Großstadtleben bereichernden "Großfamilien" mit sich. Wenn sich nun, im Sommer und Herbst 2020, im failing state an der Levante verarmte Familien, jetzt auch noch wohnungslos und hungernd, auf den Weg machen und Schlepperbanden anvertrauen, so ist dies immerhin verständlich. Zu fragen bleibt nur, ob sodann die lila Galeere "Seawatch" des Ratsvorsitzenden  Bedford-Strohm von der libyschen Küste in Richtung Libanon umsteuert, um diese Unglücklichen aufzunehmen, oder ob man die Rettungsaktion der Bundesregierung samt der kontinuierlich unerreichten EU-Quotierung für Flüchtlinge ("Geflüchtete") überlässt.

II.
Am 6. August gedenkt man in Japan und auch "im Westen" des Abwurfs der ersten Atombombe in Hiroshima: In Japan gedenkt man mehr der Opfer von Hiroshima und Nagasaki sowie der  nachfolgenden Kapitulation des Kaisers, im Westen denkt man mehr über Gefahren nach, die der Welt aus der wachsenden Zahl von über Atomwaffen verfügenden Mächten erwachsen. Der Herausgeber Berthold Kohler erinnert daran, dass Barack Obama ehedem zwar die Abschaffung aller Atomwaffen als Ziel prokamierte, aber selbst nicht glaubte, dieser Traum werde sich zu seinen Lebzeiten erfüllen.

Seit der Ära des Kalten Krieges lag der Zweck der angehäuften, durch allerlei Abkommen zwischen den "Supermächten"  beschränkten Atomwaffen im System der wechselseitigen Abschreckung. Der Nuklearschirm der USA verhieß den nichtnuklearen Nato-Verbündeten, obenan die alte Bundesrepublik, "Sicherheit". Ob diese Rechnung im Blick auf die Gegenwart noch aufgeht, hängt vom Verhältnis des wiedervereinten Deutschland zu seiner unter Präsident Trump reizbar erscheinenden Hegemonialmacht ab. An der Problemlage dürfte sich auch im Falle eines Wahlsiegs des  Demokraten Joe Biden wenig ändern. Nicht nur, dass die Deutschen - auch im Rahmen ihrer zunehmenden peace enforcing missions - wieder mehr zahlen und aufrüsten müssen - ein Austritt aus der Nato ist undenkbar, tauglich allenfalls als rhetorische Figur beim Schaulaufen jugendlich "linker" Karrierepolitiker. Anders als zu Zeiten des Kalten Krieges sind angesichts der Weltlage des 21. Jahrhundert die Sicherheitsrisiken für Deutschland und Europa schwerer zu kalkulieren. Atomare Risiken sind unter neuen Bedingungen wiedergekehrt. Die multiplen Teufel in die Flasche zurückzustoßen, scheint ein vergebliches, hoffnungsloses Unterfangen. Doch derlei Überlegungen eignen sich nicht für Wahlkämpfe, auch kaum für unsere auf den "Kampf gegen Rechts" fixierte politische Bildung.

III.
Im Zeichen von Corona brechen die alten Bildungsprobleme auf allen Ebenen - von den Kitas über die Sekundarschulen bis zur Bologna-Universität, von den bildungsfernen Schichten bis zu den linksliberal privilegierten, von Numerus-clausus-Nöten gestressten Akademikerhaushalten - verschärft auf. Es geht um Fragen wie die richtige Sitzordnung in den Klassenräumen, um Frontalunterricht mit Masken für die Lehrenden oder nur für die Lernenden und/oder Lernwilligen, um peripatetische Lernbegleitung oder autoritären Lehrergestus mit desinfizierten Wegwerfhandschuhen. Last but not least:  Wie lässt sich Bildungsgerechtigkeit in dem System des deutschen Bildungsföderalismus erreichen? Und wie erlangen wir die von den Bildungsexperten der OECD geforderte Abiturierienden- und/oder Studierendenquote von 50 Prozent pro Jahrgang? Bislang nähern sich bundesweit nur Berlin, Hamburg und Bremen dem erstrebten Ziel.

Dass mehr Bildungsgerechtigkeit durch  Minderung des Lern- und Leistungswissens zugunsten der Lernkompetenz zu erzielen sei, ist unter Bildungsforschern unumstritten. Zu den unnötigen, dank digitalen Lernens obsoleten Kompetenzen, gehört die Kursivschrift, ehedem in der Volksschule eingeübt mit mehr oder weniger kalligraphischer Eleganz. Heute genügt selbst in hessischen Gymnasien die Blockschrift, denn wozu sollte man es den Eleven (m/w/d//d/w/m//w/d/m) unnötig schwer machen.

Während im akademischen Bologna-Betrieb  Gender*sternchen unverzichtbar sind - das Fehlen der entsprechenden Gerechtigkeitssymbole kann Punkte bei der Benotung kosten -, kommt es auf die alte deutsche Grammatik nicht mehr so an. Den jüngsten Beleg finden wir auf der FAZ-Gedenkseite zu Hiroshima in der Zwischenüberschrift zu einem Porträt eines  Kriegsveteranen: "Der 92 Jahre alte Koji Hayakawa überlebte 1944 den Untergang der Musashi, dem Flaggschiff der japanischen Marine."

Mittwoch, 22. Juli 2020

Notiz zum Berliner Schildersturm


Vorerst wird also nichts mit der Umbenennung des U-Bahnhofs "Mohrenstraße". Dabei hat die U-Bahn-Station im Bezirk Mitte, eröffnet anno 1908 unter dem Namen „Kaiserhof“, schon einige historisch bedingte Namenswechsel hinter sich. Mit der DDR verblich auch die U-Bahn-Erinnerung an Otto Grotewohl - ein Name, der außer alten SED-Genosssen vielleicht noch Kevin Kühnert geläufig sein könnte. Die U-Bahn-Station "Mohrenstraße erhielt ihre derzeitige Bezeichnung erst 1991, just in der Phase, so weiß wikipedia, als man in Berlin daranging, „im Kontext einer umfassenderen Debatte über möglicherweise historisch belastete Straßennamen auch eine Umbenennung der Mohrenstraße und der gleichnamigen U-Bahn-Station“ zu diskutieren. In den herrschenden Diskursen heißt Diskutieren soviel wie Sich-Durchsetzen. Im Politologenjargon heißt dies "agenda setting".
 
Der erste massive geschichtsmoralische Vorstoß gegen die Mohrenstraße kam von der natur- und geschichtsverbundenen Naturfreundejugend. Im Laufe der Zeit fanden die hauptstädtischen Naturfreunde Unterstützung bei den  Grünen (ehedem Alternative Liste), bei der in Sachen Namenstausch versierten Partei „Die Linke“ sowie mutmaßlich bei „linken“ Sozialdemokraten, nicht zu vergessen die moralischen Minderheiten in den Berliner Bildungsstätten. 
 
Trotz derlei politisch machtvoller Allianz, die schon seit Jahren dabei ist, mit teils plausiblen, teils ideologisch schlichten Argumenten sämtliche Straßenschilder im Afrikanischen Viertel des Berliner Wedding abzuräumen, hielt sich die demokratische Volkswut gegen die Mohrenstraße bis dato in Grenzen. 

Zu berichten ist hier von einer Episode, sich vor ein, zwei Jahren in der U 2 zutrug. Als sich der voll besetzte Zug der betreffenden Station näherte, hielt es eine Dame Ende dreißig/Anfang vierzig für ihre Pflicht, ihre Empörung über die soeben ausgerufene Bezeichnung zu bekunden. Ein etwas älterer Fahrgast äußerte Widerspruch und verwies auf  Denker und Dichter, darunter selbst Goethe, die im Falle einer Generalbereinigung deutscher Straßenschilder eliminiert werden müssten. Derlei Einwand eines Mannes mit Bildungshintergrund trieb die moralische Entrüstung der Dame zu kämpferischem Widerstand. Nein, „mit Leuten wie Ihnen“ - könne sie nicht länger in der U-Bahn fahren. Sie stieg aus, womöglich gerade noch an der Mohrenstraße.

Durch derlei Aktionen aufgeschreckt, bekundeten die Berliner Verkehrsbetriebe – wer immer dort für public relations und/oder politische Bekenntnisse zuständig sein mag – in gelben Lettern alsbald ihre moralische Entschlossenheit: „Viel zu lange trug unser (sic!) Bahnhof diesen Namen. Wir setzen dem ein Ende und benennen ihn um. („Mohren“ rot durchgestrichen.) Nächster Halt: Glinkastraße“. 
 
Die moralisch gut gemeinte Aktion der BVG ging daneben. Ein paar aufmerksame Bürger, darunter der frühere Welt-Redakteur Thomas Schmid, verwiesen auf problematische Flecken im biographischen Erscheinungsbild des russischen Komponisten. Der rot-rot-grüne Senat stoppte den moralischen Eifer seiner Verkehrsbetriebe. Womöglich steht jetzt gar die Glinkastraße – in den 1950ern beschildert als Zeichen deutsch-sowjetischer Freundschaft – auf dem Programm unserer neuen Namensgeber. Die auf dem Russischen Friedhof in Berlin-Tegel aufgestellte Grabplatte des in Berlin verstorbenen Michail Glinka (1804-1857) dürfte den Berliner Geschichtsaktivisten indes kaum bekannt sein und somit vor  Ikonoklasmus geschützt sein.

Der Kampf um die U-Bahn-Station "Mohrenstraße" ist somit weiterhin offen. Allerdings hat inzwischen ein Berliner Basketballprofi den Kampf gegen "Onkel Toms Hütte" (Endstation U 3) aufgenommen. Historische Grundkenntnisse sind unseren Schilderkämpfern so fremd wie der Sinn für Ironie.

Mittwoch, 24. Juni 2020

Radebeul: Zum Kulturkampf in diesem unseren Lande

I.

Die Bilder von den jüngsten Gewaltszenen in Stuttgart bringen in der politisch-medialen Ausdeutung die üblichen Kommentare hervor: teils entrüstet, teils verständnisvoll interpretierend, durchsetzt mit Kritik an der aus ihrer Saturiertheit aufgeschreckten "Mehrheitsgesellschaft". Die zugrundeliegende Thematik bleibt dabei unkommentiert.

Es geht in nuce um das die Zukunft Europas bestimmende Thema Einwanderung, in der lingua politica ohne Präfix benannt als "Migration". Es betrifft nicht nur Deutschland. Vor allem hier jedoch, in dem ehedem von teils verständlichem, teils hybridem Stolz auf die eigene Kultur erfüllten Land, findet seit Jahren um dieses Thema - in Politik und Medien begrifflich gemieden und faktisch ignoriert -  ein Kulturkampf statt. Die Auseinandersetzungen betreffen - wenn auch wesentlich anders als dereinst vor 150 Jahren unter dem Reichsgründer Bismarck - im engeren Sinne die Religion, im umfassenderen, grundsätzlichen Sinne die Zivilreligion.

An der  Oberfläche geht es um Aspekte der zum tagespolitischen Klischee verkommenen Integration. Dieser - im Hinblick auf bereits vorhandene Einwanderungsgruppen sowie auf die anhaltende, von Staat und aktivistischen Gruppen und Institutionen der  "Zivilgesellschaft" forcierte Einwanderung (Im-Migration) - positiv-integrierend, auf "Eingliederung" zielende Begriff wird derzeit von dem Schlagwort "diversity" überformt und ersetzt. Beide Begriffe verhüllen oder negieren das in unterschiedlicher Kultur, Tradition und Religion angelegte Konfliktpotential. Bereits eine solche Aussage wird im Rahmen der politisch verengten Diskurse von "linken" Protagonisten unbeschränkter Einwanderung zurückgewiesen, als "rechts" oder "neurechts" perhorresziert. Dabei wissen längst nicht nur aufgeklärte Marxisten, dass in historischen Prozessen, in Politik und Gesellschaft, der kulturelle Überbau vielfach wichtiger ist als die Basis.

Was sind - außer dem schnöden Mammon und der spezifischen Attraktivität des deutschen Sozialstaats - die Bindekräfte, die eine politische Gesellschaft, genauer: eine historisch entstandene "moderne" Nation, zusammenhalten? Die "richtige" Antwort - ursprünglich formuliert von Dolf Sternberger, sodann adaptiert von Jürgen Habermas, heute proklamiert von Katja Kipping, Katrin Göring-Eckardt, Sawsan Chebli etc.  -  lautet: Verfassungspatriotismus, die Bindung an die Werte des Grundgesetzes. Die Antwort ist nicht allein aufgrund des fehlenden Bezugs auf Kultur und Geschichte semantisch flach, sondern in doppelter Hinsicht  - historisch und theoretisch - unzutreffend. Zum einen schufen die "Mütter und Väter" - so die neuerdings übliche Sprechformel  - im Namen des "Deutschen Volkes" das Grundgesetz vor dem historischen Hintergrund des in Schrecken und Zerstörung untergegangenen NS-Reiches. Zum anderen manifestieren sich in den Verfassungsprinzipien (obenan der stets zitierte Artikel 1 GG "Die Würde des Menschen ist unantastbar") spezifisch westliche ("abendländische") - aus Antike, Christentum und Aufklärung - abzuleitende Kulturtraditionen.

Dieselbe Feststellung gilt für das Mantra der Menschenrechte - ein revolutionäres Konzept aus der "westlichen" Tradition des säkularen Naturrechts. In der Radikalität des Begriffs ist der historisch-kulturelle Kontext "unserer" politischen Metaphysik zwar nicht mehr zu erkennen, tritt in der politischen Gegenwart jedoch stets dann hervor, wenn  außerhalb Europas auf Einhaltung der Menschenrechte gepocht wird. Für Machthaber wie Xi Jinping handelt es sich um lästiges ideologisches Begleitgepäck westlicher Geschäftspartner oder Konkurrenten. Zu deren nachhaltigen Irritation halten sodann den westlichen Menschenrechtlern die islamischen Gelehrten der Universität Al Azhar in Kairo ein eigenes Konzept entgegen. Längst wird - losgelöst von der Menschenrechtsthematik -  die Problematik: säkularer Rechtsstaat oder innerislamische Rechtsprechung bzw. Clan-Justiz in den communities in den Einwanderervierteln handgreiflich:  (Dazu als Beispiel: https://rp-online.de/nrw/staedte/duisburg/duisburg-marxloh-todesdrohungen-gegen-polizei-einsatz-gegen-clans_aid-51592625?fbclid=IwAR0zSR2TYLNQ-rlnBE5osNotazzNzGQsamCdunLsR90hXyhvct6rH-XNdII )

Was die kulturelle "Integration" der undifferenziert und pauschalisierend als "Migranten" Einwanderungsgruppen betrifft, so liegt dem Konzept der "weltoffenen" Einwanderungsgesellschaft ein eklatanter Widerspruch zugrunde. Die auf  "Wertevermittlung" zielende politische Sozialisation von Kindern und Jugendlichen gründet in diesem unserem Lande in erster Linie auf der Auseinandersetzung mit der Ära des Nationalsozialismus. Wie danach selbst junge ethnisch Deutsche ("Biodeutsche") nach jüngster Empfehlung des Bundespräsidenten "Deutschland  noch mit gebrochenem Herzen lieben" können (oder sollen), ist für sich genommen fragwürdig genug. Dass die "migrantischen"  Jugendlichen sich - im Sinne eines geschichtsbewussten "Verfassungspatriotismus" -  mit der deutschen Geschichte identifizieren könnten, ist erst recht nicht anzunehmen. Es handelt sich um eine latente und evidente Konflikte kaschierende Wunschvorstellung.

II.

Nur für eine kurze Phase - im Gefolge der 2015 von der Kanzlerin Merkel unter der Parole "Wir schaffen das!" durchgesetzten Aufnahme von 1,5 Millionen Menschen aus Nahost und anderswo  - drängte die - kulturelle, eben nicht nur soziale - Einwanderungsproblematik ins politische Bewusstsein der Bundesrepublik. Eine Anzahl von  Bürgern (m/w) trat mit der von der früheren DDR-Bürgerrechtlerin und langjährigen Bundestagsabgordneten (zuerst Bündnis ´90/ die Grünen, dann CDU) Vera Lengsfeld initiierten "Erklärung 2018" hervor. Naturgemäß stieß derlei Kritik an der Regierungspolitik in der etablierten "öffentlichen Meinung" auf vehemente Ablehnung. Die Kritik wurde mit der probaten Allerweltsformel "rechts" abgewehrt.

Unter den prominenten Unterzeichnern der "Erklärung 2018" befand sich der mit Literaturpreisen ausgezeichnete Schriftsteller und Lyriker Jörg Bernig. Bereits im September 2016 hatte Bernig in einer Rede in der Lessingstadt Kamenz die faktische Einschränkung freier Meinungsbildung in Deutschland beklagt. Mehr noch:  „Wenn unkonventionelle Meinungen bis zur Existenzvernichtung des anderen bekämpft werden, läuft es aufs Gehorchen hinaus. Das ist das Gegenteil von Aufklärung.“ Seine Rede stellte er unter das Kantsche Diktum "Habe Mut..." Bernig fand nichts dabei, auch in Publikationen, denen das Odium "rechts" anhaftet, mit Essays hervorzutreten.
(Merke: In diesem unserem Lande kommt es nicht auf das "Was", sondern auf das "Wo" an. Leider kriegt man auf den Plätzen der res publica nicht überall Zutritt.)

Als Bernig, früher bereits von der Stadt Radebeul mit einem Kulturpreis ausgezeichnet,  Anfang Juni vom Stadtrat, genauer: von einer über die Stimmen von CDU und AfD hinausgehenden Mehrheit zum Kulturbeauftragten der Stadt Radebeul gewählt wurde, waren die Konsequenzen abzusehen. Eine Empörungswelle gegen den "neurechten" Autor schlug los, ausgelöst von einem Jazzmusiker, der Unterschriften unter protestierenden "Kulturschaffenden" (Terminus LTI) sammelte. Sogleich sprangen die landesüblichen Medien (Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel etc.) auf den Kampagnenwagen. Die Vorsitzende des deutschen PEN-Clubs (Eintritt/Beitritt nur durch Kooptation möglich) forderte Bernig zum Austritt aus dem Verein auf. 

Die Folgen sind bekannt: Der Oberbürgermeister von Radebeul legte ein Veto gegen die Wahl ein. Bernig verzichtete auf einen neuerlichen Wahlgang. Als Kulturbeauftragte gewählt wurde mangels Konkurrenz die bei der Erstwahl Unterlegene. Im deutschen Kulturkampf  der Karl-May-Stadt Radebeul hatten die guten "Linken" über einen bösen "Rechten" einen Sieg errungen.

III.
Das online-Magazin "Globkult" (Herausgeber Gunter Weißgeber, langähriger Bundestagsabgeordneter [1990-2009] und 2019 ausgetretenes Mitglied der SPD),  versteht sich - nomen est signum -  als Forum der Information und Meinungsbildung zu den kulturellen Prozessen und zum politischen Geschehen auf dem Globus, naturgemäß also auch in diesem unserem Lande, in dem wir -  dixit Merkel - "gut und gerne leben".

Wenn man wegen eigenständiger, nonkonformer Meinungsäußerungen öffentlich angegriffen wird und befürchten muss, wegen politischer Unbotmäßigkeit Besuch von Tante Antifa zu kommen, lebt es sich in diesem Land immer weniger gut. Ein Klima der Unfreiheit, des Zwangs zur Anpassung, der Unterwerfung unter verordnete Denkgebote breitet sich aus.

Das liberale - auf freie Meinungsbildung verpflichtete - Magazin "Globkult" bot dem Autor Lutz Götze das Forum zu einer Polemik gegen den "neurechten" Bernig und zur Rechtfertigung des gegen ihn inszeniertenVerfahrens (https://globkult.de/gesellschaft/identitaeten/1904-vom-missbrauch-der-aufklaerung). Dass Götze sich als eigentlicher Aufklärer versteht und zur Selbststärkung den einschlägigen Passus aus Kants "Antwort auf die Frage: Was ist Aufklärung?" zitiert, entbehrt nicht der Ironie. Schlichte Polemik gegen "Bernigs Säulenheiligen Samuel P. Huntington und sein Werk »Kampf der Kulturen«, in dem der Amerikaner, ähnlich wie Frankreichs Bestsellerautor Michel Houellebecq, die Islamisierung Europas vorhersieht," genügt Götze als Argument.

Immerhin hat Bernig in der gegen ihn geführten "erfolgreichen" Kampagne einige couragierte Unterstützer gefunden. Eine davon ist die einstige DDR-Bürgerrechtlerin Heidi Bohley. Sie schrieb Anfang Juni in einem "Offenen Brief" an die Mitglieder des Stadtrats, darunter Oberbürgermeister Wendsche: "Menschen, die sich selbst Kulturschaffende nennen, verlangen von Ihnen, dass Sie eine Wahl rückgängig machen, demokratische Regeln über Bord werfen und stattdessen den Erwartungen einer durch keine Wahl legitimierten, kleinen aber lautstarken Menge folgen." Ihren "Offenen Brief"  hat sie in einem Artikel für "Globkult" mit Details des  - für die deutsche Kulturlandschaft exemplarischen - Verfahrens zu Radebeul ergänzt.

Es bleibt zu hoffen, dass dank Internet und social media Heidi Bohleys Aufsatz (https://globkult.de/gesellschaft/identitaeten/1905-demokratiesache-bernig)  breite Beachtung findet.  Es ist ein mutiger Beitrag zur Erhellung des in diesem unseren Lande stattfindenden Kulturkampfes. 





 





Freitag, 12. Juni 2020

Notiz zu meinem Beitrag zum Tod von George Floyd

Nur eine Kurznotiz an meine Blog-Fans und /oder Followers:
Von meinem Globkult-Mitstreiter Ulrich Schödlbauer wurde ich mahnend  daran erinnert, dass seit meinem letzten Blog-Eintrag vom und zum 8. Mai 2020 nichts Neues mehr auf meiner Kolumne zu finden ist. Um diesem Manko abzuhelfen, verweise ich auf meinen Globkult-Artikel zu der durch den Tod von George Floyd ausgelösten Rassismus-Debatte:https://www.globkult.de/gesellschaft/identitaeten/1898-polizeigewalt-und-andere-ursachen-zum-tod-von-george-floyd 
Der Aufsatz ist jetzt auch auf The European zu lesen:

Freitag, 8. Mai 2020

Leseempfehlungen zum 8. Mai 2020

Realgeschichte, Geschichtsschreibung, Geschichtspolitik - i.e. von Historikern produzierte, von Politikern angewandte "Narrative" -, historisch-politisches Geschichtsritual einerseits, persönliches Erleben samt subjektiver - somit selektiver - Erinnerung andererseits, klaffen naturgemäß auseinander. Sofern der Begriff der Dialektik nicht zur Aufhebung in den Hegelschen Himmel dient,  halte ich die Rede von der "Dialektik der Befreiung" für brauchbar. Nicht aufhebbar ist darin Tod und Vernichtung, Leiden und Sterben von Millionen, Abermillionen Menschen.

Anstelle eines eigenen Kommentars zum heutigen Berliner Feiertag empfehle ich den Lesern meines Blogs den soeben veröffentlichten "Nachtrag" zum 8. Mai 2020. 
 https://globkult.de/blogs/ulrich-siebgeber-der-stand-des-vergessens/1883-8-mai-ein-nachtrag
Zudem verweise ich auf eine "Miszelle", die ich zu besagtem Datum vor einigen Jahren verfasste. Der Text hat m.E. nichts an Aktualität verloren. Allerdings müssen die seinerzeit im Präsens getroffenen Aussagen ins Präteritum gesetzt, die Zeitangaben um vier Jahre verändert werden.
https://herbert-ammon.blogspot.com/2016/05/zum-89mai-1945-eine-schachmiszelle.html

Was die "objektive" Betrachtung des Geschichtsdatums betrifft, empfehle ich den Essay von Michael Wolffsohn. Auch er spricht - auf der Ebene historischer Abstraktion - von der "Dialektik der Befreiung": https://www.theeuropean.de/michael-wolffsohn/weltgeschichtliche-betrachtungen-zum-8-mai-1945/


Dienstag, 28. April 2020

Kommentar zum Grundrecht auf Meinungsfreiheit (gemäß Art. 5 GG)

Darf man in diesem unserem Land noch dürfen oder lieber nicht? Man darf, außer man gerät in die Verdachtzone. Im übrigen gilt: Wer nicht im grünen, merkelfrommen Chor mitsingt, hat in der pluralistischen, will sagen: realkonformistischen  Gesellschaft nur geringe Chancen, Gehör zu finden.

Zur Klarstellung: Von der politisch-medialen Corona-Epidemie bzw. Endemie habe ich mich nicht anstecken lassen. Ich weigere mich auch nicht, Mund und Nase zu verhüllen, wenn ich in meinen überschaubaren Edeka-Markt gehe, genauer: wenn ich, ohne rechte innere grün-korrekte Überzeugung, mit dem Rad zum Einkaufen fahre. Ich weise zugleich Maskenverweigerer nicht zurecht, und ich halte mich von Berliner Massenveranstaltungen - wie integrationsförderliche Beerdigungen, Corona-Doppel-Demos auf dem Rosa-Luxemburg-Platz oder Kreuzberger Klassenkämpfe ("Myfest") - fern. Bezüglich des vertrackten Syndroms von Infektions- und Sterberisiken, ökonomischem Niedergang, Kollaps unseres vorbildlichen (nur von einigen "Linke"-Funktionären angezweifelten) Sozial-und Gesundheitssystems bekenne ich, nicht zu wissen, welche Maßnahmen denn die richtigen sind (oder wären). Soll man darüber spekulieren, zu welchem Termin in diesem unserem Land der Shutdown/Lockdown wieder aufgehoben wird? Ob und wie die avisierte Anti-Corona-Anleihen-Injektion den notorischen Schuldnerstaaten wieder auf die Beine hilft?

Ich möche mich auch nicht am feuilletonistischen Streit über Wolfgang Schäubles eigenwillig autoritative Interpretation des Grundgesetzes beteiligen, wonach die Würde des Menschen über dem ultimativen Lebensrecht des Menschen stehen soll. Schäuble hat insofern recht, als im Kriegsfall - und bei allgemeiner Wehrpflicht - Regierungen und militärische Befehlshaber nicht dem Lebensrecht der Rekrutierten vor politisch-militärischen Entscheidungen den Vorzug geben. Den Toten bleibt dann die Würde auf den Soldatengräbern, sofern nicht die besonders wertebewusste, pazifistisch-würdevolle Tante Antifa ihren Begriff von Menschenwürde zum Ausdruck bringt. Aktuell geht es Schäuble mehr um die Abwägung der ökonomischen und sozialpolitischen Risiken eines prolongierten Shutdown, also um ein eminent politisches Thema. Über die Probleme eines landwirtschaftlichen Familienbetriebs mit dem Ausgesinde sinnierte dereinst Helmut Qualtinger. Satire ist beim Thema Corona indes unangebracht, im Blick auf die eigene Zukunft im Pflegeheim irgendwie pietätlos.

Man darf also über vieles nachdenken, aber nicht alles aussprechen. Nun gibt es Gottseidank - außer dem in sozialer (und politischer) Isolation verfassten Blog - noch ein paar Medien, die dem freien Bürger demokratisch freie Meinungsbildung (Art. 5 GG) ermöglichen, z.B. die "Achse des Guten". Über dieses Medium schreibt - unter der Überschrift: "Unsere Liste der Guten" - der Ramadan-Verweigerer Hamed Abdel-Samad: „Die Achse-Autoren haben Kante und Biss und keine Angst, falsch zu liegen. Das macht sie beliebt und verhasst zugleich. Viele mögen die Achse nicht und lesen sie trotzdem heimlich. Das muss man erstmal schaffen.“