Donnerstag, 6. August 2020

Katastrophen, politische Bildung und deutsche Grammatik am 6. August 2020

I.
Die Frühstückslektüre (FAZ v. 6.August 2020) bietet wenig Erfreuliches. Auf der ersten Seite erfahren wir vom (erneuten) Geständnis des wegen Mordes an dem von Fremdenhaß getriebenen Hauptangeklagten Stephan E. an dem Kasseler  Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Darüber, illustriert durch ein Bild der Trümmerstätte, kündet der Aufmacher von der Explosionskatastrophe in Beirut. Der Kommentar spricht vom "Ende des alten Libanons". Wir dürfen spekulieren, was hinter der gewaltigen Explosion in Beirut steckte, die bis dato 135 Menschen das Leben kostete, Zigtausende Verletzte hinterließ, den Hafen und ein ganzes Stadtviertel zertrümmerte. War es nichts als die Folge jahrelanger Schlamperei, was hatte der auf Zypern residierende russische Schiffseigner mit der seit Jahren im Hafen liegenden Schiffsladung im Sinn, handelte es sich um ein bei Bedarf anzuzapfendes Sprengstofflager der Hisbollah? Wie immer die Antworten lauten, wir dürfen uns bereits auf eine neue Fluchtwelle aus dem Libanon einstellen.

Der hierzulande bereits vergessene Bürgerkrieg im Land der biblischen Zeder 1975-1980 brachte den Zuzug der unsere Großstadtleben bereichernden "Großfamilien" mit sich. Wenn sich nun, im Sommer und Herbst 2020, im failing state an der Levante verarmte Familien, jetzt auch noch wohnungslos und hungernd, auf den Weg machen und Schlepperbanden anvertrauen, so ist dies immerhin verständlich. Zu fragen bleibt nur, ob sodann die lila Galeere "Seawatch" des Ratsvorsitzenden  Bedford-Strohm von der libyschen Küste in Richtung Libanon umsteuert, um diese Unglücklichen aufzunehmen, oder ob man die Rettungsaktion der Bundesregierung samt der kontinuierlich unerreichten EU-Quotierung für Flüchtlinge ("Geflüchtete") überlässt.

II.
Am 6. August gedenkt man in Japan und auch "im Westen" des Abwurfs der ersten Atombombe in Hiroshima: In Japan gedenkt man mehr der Opfer von Hiroshima und Nagasaki sowie der  nachfolgenden Kapitulation des Kaisers, im Westen denkt man mehr über Gefahren nach, die der Welt aus der wachsenden Zahl von über Atomwaffen verfügenden Mächten erwachsen. Der Herausgeber Berthold Kohler erinnert daran, dass Barack Obama ehedem zwar die Abschaffung aller Atomwaffen als Ziel prokamierte, aber selbst nicht glaubte, dieser Traum werde sich zu seinen Lebzeiten erfüllen.

Seit der Ära des Kalten Krieges lag der Zweck der angehäuften, durch allerlei Abkommen zwischen den "Supermächten"  beschränkten Atomwaffen im System der wechselseitigen Abschreckung. Der Nuklearschirm der USA verhieß den nichtnuklearen Nato-Verbündeten, obenan die alte Bundesrepublik, "Sicherheit". Ob diese Rechnung im Blick auf die Gegenwart noch aufgeht, hängt vom Verhältnis des wiedervereinten Deutschland zu seiner unter Präsident Trump reizbar erscheinenden Hegemonialmacht ab. An der Problemlage dürfte sich auch im Falle eines Wahlsiegs des  Demokraten Joe Biden wenig ändern. Nicht nur, dass die Deutschen - auch im Rahmen ihrer zunehmenden peace enforcing missions - wieder mehr zahlen und aufrüsten müssen - ein Austritt aus der Nato ist undenkbar, tauglich allenfalls als rhetorische Figur beim Schaulaufen jugendlich "linker" Karrierepolitiker. Anders als zu Zeiten des Kalten Krieges sind angesichts der Weltlage des 21. Jahrhundert die Sicherheitsrisiken für Deutschland und Europa schwerer zu kalkulieren. Atomare Risiken sind unter neuen Bedingungen wiedergekehrt. Die multiplen Teufel in die Flasche zurückzustoßen, scheint ein vergebliches, hoffnungsloses Unterfangen. Doch derlei Überlegungen eignen sich nicht für Wahlkämpfe, auch kaum für unsere auf den "Kampf gegen Rechts" fixierte politische Bildung.

III.
Im Zeichen von Corona brechen die alten Bildungsprobleme auf allen Ebenen - von den Kitas über die Sekundarschulen bis zur Bologna-Universität, von den bildungsfernen Schichten bis zu den linksliberal privilegierten, von Numerus-clausus-Nöten gestressten Akademikerhaushalten - verschärft auf. Es geht um Fragen wie die richtige Sitzordnung in den Klassenräumen, um Frontalunterricht mit Masken für die Lehrenden oder nur für die Lernenden und/oder Lernwilligen, um peripatetische Lernbegleitung oder autoritären Lehrergestus mit desinfizierten Wegwerfhandschuhen. Last but not least:  Wie lässt sich Bildungsgerechtigkeit in dem System des deutschen Bildungsföderalismus erreichen? Und wie erlangen wir die von den Bildungsexperten der OECD geforderte Abiturierienden- und/oder Studierendenquote von 50 Prozent pro Jahrgang? Bislang nähern sich bundesweit nur Berlin, Hamburg und Bremen dem erstrebten Ziel.

Dass mehr Bildungsgerechtigkeit durch  Minderung des Lern- und Leistungswissens zugunsten der Lernkompetenz zu erzielen sei, ist unter Bildungsforschern unumstritten. Zu den unnötigen, dank digitalen Lernens obsoleten Kompetenzen, gehört die Kursivschrift, ehedem in der Volksschule eingeübt mit mehr oder weniger kalligraphischer Eleganz. Heute genügt selbst in hessischen Gymnasien die Blockschrift, denn wozu sollte man es den Eleven (m/w/d//d/w/m//w/d/m) unnötig schwer machen.

Während im akademischen Bologna-Betrieb  Gender*sternchen unverzichtbar sind - das Fehlen der entsprechenden Gerechtigkeitssymbole kann Punkte bei der Benotung kosten -, kommt es auf die alte deutsche Grammatik nicht mehr so an. Den jüngsten Beleg finden wir auf der FAZ-Gedenkseite zu Hiroshima in der Zwischenüberschrift zu einem Porträt eines  Kriegsveteranen: "Der 92 Jahre alte Koji Hayakawa überlebte 1944 den Untergang der Musashi, dem Flaggschiff der japanischen Marine."

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