I.
Der Blogger hatte sich mit einem Kollegen zu einem Besuch des DHM (Deutsches Historisches Museum) im Schlüterschen Zeughaus verabredet, wo eine Sonderausstellung zu "Königgrätz" (s. https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/07/koniggratz-notizen-zu-einem-vergessenen.html) zu sehen ist. Das Foyer des DHM hat seit der Eröffnung anno 2006 eine kräftige Umgestaltung erlebt. Längst hat man das großflächige Tableau, auf dem die seit Auflösung des Römischen Reiches variierenden Grenzen Europas sowie in dessen Zentrum (nicht ganz fehlerfrei (s. H.A.: DHM-Selbstbild einer Nation ohne Eigenschaften http://themen.iablis.de/2006/ammon06.html) aufleuchteten, aus der Eingangshalle entfernt. Die Einführung in die historisch-politische Kartographie findet nunmehr zu Beginn des Rundgangs auf einer Wand in der ersten Etage statt.
Den Besucher begrüßen am Eingang stattdessen zur Rechten die Statue des Reichsgründers Bismarck (sitzend), zur Linken eine gewaltige Bronzeplastik des Revolutionärs Lenin (stehend; von deutschen Truppen anno 1941 vor Leningrad geraubt und durch Zufall vor dem Einschmelzen zwecks Kanonenherstellung bewahrt) sowie ein noch monumentalerer Recke des Dritten Reiches (schreitend; laut Erklärung nicht von Arno Breker). Im oberen Stockwerk fällt der Blick auf die von Albrecht Dürer 1514 gemalten Kaiserporträts Karls d. Gr. und Sigismunds (1411/33-1437), daneben das mächtige Steinrelief des fränkischen Imperator Romanorum.
Weitere Exponate und Erläuterungen zum Frankenreich sucht man im DHM derzeit vergebens. Stattdessen setzt - mutmaßlich unter dem Aspekt des interkulturellen Dialogs - die (n.b.!) deutsche Geschichte jetzt gleich mit den Kreuzzügen ein. Auf dem Richtung Königgrätz verfolgten Weg durch die Jahrhunderte verweilen die beiden Besucher einen Augenblick beim Zeitalter der Entdeckungen. Eindrucksvoll ragt neben Martin Behaims Globus von 1492 ein ca. drei Meter hohes, verziertes Steinkreuz auf. Derlei Kreuze wurden von den Portugiesen auf ihrer Suche nach dem Seeweg nach Indien entlang der Küsten Afrikas errichtet und dienten als nautische Merkzeichen auf der Route zum Kap und darüber hinaus. Das Kreuz im DHM stand in der Gegend von Swakopmund und wurde zu kaiserlichen Kolonialzeiten von Südwestafrika nach Deutschland gebracht.
Auf der erklärenden Tafel wird der Besucher vermittels eines pädagogischen Fragekatalogs belehrt: Wohin gehören derartige, von ihrem originalen Standort entfernte historische Monumente? Nicht doch an den angestammten Ort, von wo sie von den Kolonialherren abtransportiert wurden? Wer kommt eigentlich als der rechtmäßige Eigentümer in Frage - das Land Portugual, der junge Staat Namibia oder die Bundesrepublik als Nachfolgerin des Deutschen Reiches? Keine Frage, es geht um unser historisches Gewissen (als Deutsche). - Was den zweieinhalb Meter hohen Lenin im Foyer betrifft, ist die Frage des richtigen Ortes und des rechtmäßigen Besitzes zur Zeit offenbar irrelevant.
II.
Die Erwartung, im Zentrum des Deutschen Historischen Museums eine dem deutschen - oder deutsch-deutschen und/oder deutsch-österreichischem - Schicksalsdatum angemessene, umfangreiche Ausstellung zu sehen, wird enttäuscht. Über die Details des preußisch-österreichischen Zwists um die erst 1864 im Deutsch-Dänischen Krieg gewonnenen Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg erfährt man nur wenig. Der von Bismarck inszenierte Streit um Reformen im Deutschen Bund - die provokante Forderung nach einer gewählten Nationalvertretung - wird nicht weiter expliziert.
Zu betrachten sind die Bilder der Kontrahenten - links Bismarck, sein König Wilhelm I., dazu Roon und Moltke, gegenüber der österreichische Staatsminister Anton von Schmerling (1861-1865) -, die schlachtentscheidende Bewaffnung (modernes Zündnadelgewehr contra antiquierten Vorderlader) sowie mitten im Raum die mächtige Statue einer trauernden Germania.
Wir erfahren etwas über die Schlacht von Kissingen, weniger über die von Langensalza und die Rolle der hannöverschen Welfen im österreichischen Exil. Die historischen Schlußfolgerungen des deutsch-deutschen Krieges bleiben dem Betrachter überlassen. Vielleicht ist das auch gut so.
III.
Vor einem der Bilder auf dem Weg zur Reichsgründung - war´s die trotzige Germania mit blankem Schwert? - kommen wir ins Gespräch über die deutschen Zustände - damals und heute. Beiläufig fragt mich mein Kollege, ob ich über das jüngste "event" in Straßburg im Bilde sei. Laut - spärlichen - Medienberichten stach ein naturgemäß psychisch gestörter jüngerer Mann auf der Straße einen etwa Sechzigjährigen nieder, von dessen Kippa auf dem Kopf er sich provoziert fühlte. Es war zu erfahren, dass derselbe Mann bereits vor fünf Jahren in einem ähnlichen Anfall geistiger Erregung, womöglich aus überschießender Religiosität, einen anderen Mitmenschen mit einer Eisenstange traktiert hatte. Meinem Informationsbedürfnis war die Gewalttat in Straßburg entgangen, womöglich hatte ich die Sache unter "Vermischtes" überlesen. Oder die der Aufklärung des Bürgers/der Bürgerin verpflichteten Medien hatten es für ratsam gehalten, den Vorfall niedrig zu hängen...
An diesem Punkt gesellte sich entschuldigend ein Herr von Anfang vierzig hinzu. Er stellte sich als promovierter Unternehmer aus der Umgebung von Frankfurt am Main vor. Mit seiner aus Brasilien stammenden Lebensgefährtin wollte er das im DHM präsentierte historische Selbstbild der Deutschen betrachten. Jetzt hakte er sich in das Gespräch über die reduzierte Berichterstattung bei heiklen Ereignissen ein. Seit langem ärgere er sich über den Merkel-frommen Konformismus in der gesamten Medienlandschaft, nicht zuletzt in der FAZ. Völlig abwegig sei etwa das Interview zum Thema "Islam und Migration" gewesen, das unlängst FAZ-Redakteure mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller und der Stellvertretenden Sprecherin Sawsan Chebli im AA (s. https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/08/kurze-orientierungshilfe-der-weg-zu-gott.html geführt hätten. Unwidersprochen hätte die als Sprecherin der "Muslime in der SPD" fungierende Chebli kritische Vorbehalte gegen den Islam als Religion unter "Rassismus" rubrizieren dürfen. Über den richtigen Gebrauch des Begriffs könne sie seine dunkelhäutige Freundin aufklären. Diese, seit Jahren in Deutschland lebend, erfahre erst jetzt, seit dem Zustrom von "Flüchtlingen" aus aller Welt, fragende, zuweilen ablehnende Blicke, zuvor nie....
Eine ernstzunehmende Opposition zum Zickzack-Kurs Merkels - in beliebigen zentralen Fragen - sei innerhalb der politischen Klasse nicht existent. Vor diesem Hintergrund habe er in seiner Stadt eine Parteiversammlung der AfD besucht, wo er zwei angesehene ehemalige CDU-Leute antraf. Er selbst habe zuvor schon das Parteiprogramm der AfD studiert, darin aber nur Konzepte aus den 1980er Jahren gefunden. Dennoch... Vor dem Lokal hatten sich etwa 15jährige Schüler aufgebaut, die ihm trutzig ihr Schild mit der Kampfparole "Vielfalt statt Einfalt!" ( s.auch:https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/04/durch-einfalt-zur-vielfalt.html) entgegenhielten. Unter Hinweis auf Funktion und Karriere bat er einen der jungen Protestierer um eine Definition des Begriffs "Einfalt". - Verlegenes Stottern, dann Schweigen...
IV.
Vor zwei Wochen, als sich die Ouvertüre zur epochalen "Flüchtlingskrise" erstmals jährte, machte selbst die staatstragende Wochenzeitung Die Zeit mit großem Titel "Als Deutschland die Kontrolle verlor..." und umfangreicher Chronologie im Mantel auf. Den stets moralischen und weltoffenen Hamburger Protagonisten der "Willkommenskultur" war offenbar die unfreiwillige Pointe ihres Titels entgangen: Nicht "Deutschland" hatte die Kontrolle verloren, sondern eine Regierung, die seit langen Jahren ihren grundgesetzlichen Regierungsauftrag mit alle Welt frappierender Nonchalance exerziert.
À propos Königgrätz: Vielleicht wird noch in diesem Jubiläumsjahr die historische Malaise der gewöhnlich zu füllig geratenen Dame Germania durch beherztes politisches Vorgehen Österreichs behoben.
Samstag, 27. August 2016
Freitag, 19. August 2016
Zum Tode von Ernst Nolte
I.
In der gestrigen ARD-Tagesschau wurde die Nachricht vom Tode Ernst Noltes erwartungsgemäß mit Vokabeln wie "der umstrittene Historiker" und "Vordenker der Neuen Rechten" bedacht. Des weiteren wurde der Bericht von Wolfgang Benz kommentiert, der Nolte erneut als Protagonisten eines verhängnisvollen Revisionismus kennzeichnete. Die Bücher des Verstorbenen reichten nicht an die Maßstäbe seriöser Forschung heran. Punkt.
Eine vorurteilsfreie Würdigung des Werkes des Historikers Nolte - er begriff seine Arbeiten als die eines Geschichtsdenkers - scheint in Deutschland noch immer kaum möglich. Immerhin liegt mit der Biographie von Siegfried Gerlich ein Buch vor, an dem auch ideologische Gegner des Verstorbenen keine "revisionistische" Spur finden können. Und es entbehrt nicht der Ironie, dass der Begriff des "Weltbürgerkriegs" im 20. Jahrhundert heute in allen Feuilletons ohne Bezug auf seinen Urheber Nolte (im Schlußkapitel des "Europäischen Bürgerkriegs") gehandelt wird.
Ich selbst hege gewisse Vorbehalte gegen Noltes Deutung des nazistischen Judenmords. Bedurfte es - trotz aller chronologischen Evidenz - erst der mörderisch-revolutionären Praxis der Bolschewiki, um die Mordinstinkte im nazistischen "Radikalfaschismus" (Nolte) freizusetzen? Zudem hat - aus meiner Sicht - Nolte in seiner Fixierung auf die totalitären Antagonisten im "Europäischen Bürgerkrieg" die gegen all die anderen "Minderwertigen" gerichtete, darwinistisch begündete Rassenideologie der Nationalsozialisten unterbewertet. Auch scheint mir der wertneutrale Faktor "Macht" - etwa in den so beliebigen wie zweckrationalen Konstellationen und Allianzen seit der Geburtshilfe des Ancien Regime für die (gemäß Nolte) "linke" Amerikanische Revolution bis hin zu den Weltkriegen - in Noltes auf die Macht der Ideologien gerichteten Reflexionen nicht hinreichend gewichtet. Womit ich wenig anfangen kann, ist Noltes Definition des Faschismus als des "Angriffs auf die praktische Transzendenz" bzw. auf das - aus dem Heidegger-Seminar entlehnte - eînai. Mir hat nie ganz eingeleuchtet, dass das von den beiden totalitären Bewegungen attackierte "Liberale System" eben dessen Ausdruck sei.
II.
Anstelle eines Nachrufes auf den im deutschen Krisenjahr 1923 geborenenen Historiker stelle ich nachfolgend einen Artikel vor, den ich anläßlich des 90. Geburtstags Ernst Noltes für die "Junge Freiheit" schrieb ("Einheit oder Vielfalt" in: JF 04/18.01.2013). (Ergänzend verweise ich auf meine Rezension von Noltes 2006 erschienenen Buches "Die Weimarer Republik. Demokratie zwischen Lenin und Hitler", in: JF 41/06.10.2006 https://jungefreiheit.de/service/archiv .)
III.
Am 11. Januar beging Ernst Nolte seinen 90. Geburtstag. Der andernorts hochgeehrte, in Deutschland jedoch verfemte Geschichtsdenker wurde in der Jungen Freiheit gewürdigt, ebenso in der FAZ. Auch dort wird der akademisch-medial genährte Argwohn gegen Nolte klar abgewiesen. Anders als der Frankfurter Sozialphilosoph Jürgen Habermas, der anno 1986 den absurden „Historikerstreit“ eröffnete, war Nolte in Jugendjahren gegen die Suggestionen des Nazismus gefeit. Wenn es ihm in oft eigenwilligen Zuspitzungen darum ging, „Auschwitz verstehbar“ zu machen, so gehörte Nolte trotz seines Festhaltens am „Prius“ des Klassenmordes der Bolschewiki und dem „kausalen Nexus“ nie zu den Verharmlosern, geschweige denn Leugnern des NS-Rassenmordes. Im Gegenteil: In spezifischer Denkweise verficht Nolte die These von der „Einzigartigkeit“ der NS-Verbrechen.
Hier ist nicht der Ort, die unendliche Debatte fortzusetzen. Angemerkt sei, daß die parallel zur Aufhebung des Nationalstaats sowie zur „multikulturellen“ Transformation betriebene Fixierung auf die historische Schande der Deutschen als Volk dem vermeintlich auf Freiheit und Gleichheit aller Individuen gerichteten linksliberalen Universalismus entgegensteht.
Übersehen wird von Noltes Feinden zudem, daß auch ihm im Ausblick auf das 21. Jahrhundert eine in partikularer Vielfalt geeinte Menschheit vor Augen steht. Das „linke“ Prinzip des Universalismus und dessen „rechte“ Negation, der Partikularismus, kämen am Ende zu einer friedlichen Synthese. Das Vehikel dieser Bewegung sieht Nolte in der Globalisierung.
Nicht im Einklang mit derlei Friedensvisionen stehen anno 2013 die weltpolitischen Fakten. Partikularismen, Machtansprüche, Antagonismen bestehen fort. Siehe Nahost: Wer will, wer vermag das Konfliktknäuel aufzulösen? Amerika, die EU, Israel, die Türkei? Daß die USA Universalismus mit Eigeninteresse verknüpfen, ist historisch nichts Neues. Ob die EU durch „noch mehr Einheit“ (Schäuble, Habermas etc.) Ungleichgewichte und Interessendivergenzen ausgleichen kann, ist die eine Frage; wie sie sich als Machtgebilde im globalen Spiel behaupten würde, die andere. Über die Projektionen der kapitalistisch erstarkten Han-Chinesen dürfen wir spekulieren. Und Rußland wird sich auch fürderhin westlichen Zumutungen nicht einfach fügen.
Mittwoch, 17. August 2016
Die reale Opposition: Stimmen der Vernunft (III)
I.
Zu den freiheitsichernden Einrichtungen der parlamentarische Demokratie, so steht es in den Lehrbüchern, gehört das Wechselspiel von Regierung und Opposition. In einer Großen Koalition, wie wir sie seit zig Jahren in der Bundesrepubik Deutschland erleben, fällt die Oppositionsrolle im Parlament naturgemäß schwächer aus, was wiederum das Regieren leichter macht. Mehr noch, in der Ära Merkel beoabachten wir eine Art Allparteienkoalition, die von den formal als Oppositionspartei fungierenden Grünen (und ihren medialen Followern/followers/Metagonist_inn*?!en) inspiriert und/oder dirigiert wird. (Die "Linke" ist zu vernachlässigen, so sehr sich die Truppe um Gregor Gysi, Ulla Jelpke und Katja Kipping bei ihren medialen Auftritten auch anstrengen mag.)
Die Erkärung dafür ist einfach: Kein Mensch in Deutschland, schon gar kein Politiker (m.), möchte als unökologisch, menschenverachtend und/oder den Menschenrechten (in breitestmöglicher Ausformung) abgeneigt, kurz unmenschlich und/oder undemokratisch erscheinen. Jeder ist ipso facto grün, jede sowieso. Die deutsch-demokratisch sozialisierte CDU-Kanzlerin Angela Merkel hat diese bundesrepublikanische Grundbefindlichkeit etwa ab anno 1990 erkannt und zur Maxime ihrer Politik gemacht. Nicht von ungefähr zielt sie für 2017 auf eine schwarz-grüne Koalition unter ihrer Ägide.
Wo keine reale Opposition im Parlament anzutreffen ist - von halbherzigen CSU-schwesterparteilichen Widerreden aus der bayerischen Landeshauptstadt einmal abgesehen -, fällt die Rolle der Opposition den verachtenswerten - und eben darum allseits verachteten - Populisten zu. Populisten genießen einen schlechten Ruf, obwohl der irgendwie lateinisch klingende Begriff aus den USA kommt und bis vor ca. drei Jahren hierzulande bis auf ein paar Politologen oder Lehrstuhlinhabern für US-amerikanische Geschichte noch unbekannt war. Wer hat in diesem unseren Lande je von Tom Watson oder Huey Long gehört? William Jennings Bryan? (Bundesrepublikanische Geschichtskenntnisse reichen trotz Christopher Clarks Bestseller allenfalls bis zum irgendwie mißglückten "Griff nach der Weltmacht" zurück, gründen im wesentlichen auf ein bißchen Weimar, auf dem Nazismus und auf 1968.)
Es gibt naturgemäß fast nur rechte Populisten, dazu ein paar linke wie Sarah Wagenknecht und ihren Saarländer Gatten, die aber nach wie vor für die "Linke" unentbehrlich erscheinen. Der "Linke"-MdB Gregor Gysi gehört seit einiger Zeit nicht mehr zu den Populisten.
II.
Wo es keine nennenswerte parlamentarische Opposition gibt, kommt unerwünschter Widerspruch nur noch von ein paar selbständig Denkenden innerhalb und außerhalb der All-Parteienkoalition. Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen Boris Palmer, als Sohn eines schwäbischen Querkopfes aus dem Remstal bei den Grünen einst hochgeschätzt, gehört zu den wenigen, die frühzeitig die Grenzen - und den inhärenten Widersinn - der von Merkel inaugurierten, von einem jugendfrohen Jubelchor begleiteten "Willkommenskultur" erkannt haben. Mit seinen Überlegungen zu den Grenzen unbegrenzter Migration - er argumentiert als Mathematiker - stößt er überall dort, wo gründeutsche Emotionen die Analyse ersetzen, auf Unverständnis, gepaart mit moralischer Entrüstung. (S.: https://herbert-ammon.blogspot.de/2015/10/grune-stimme-der-vernunft-ii-boris.html. Zum Dauerthema verfehlter gründeutscher Politik in der Ära Merkel s.a.: H.A..http://www.globkult.de/politik/deutschland/1057-fluechtlingsstroeme-einspruch-gegen-die-leichthaendige-behandlung-eines-schwierigen-themas;
Zu den wenigen anderen Stimmen der Vernunft, die in der von der größtmöglichen Merkel-Koalition ausgelösten "Flüchtlingskrise" Widerspruch gegen naive - oder geplante? - Planlosigkeit eingelegt haben, gehört der Theologe und Philosoph Richard Schröder, ehedem SPD-Fraktionsvorsitzender der letzten (und ersten frei gewählten) Volkskammer der DDR. (Zur Erinnerung: Innerhalb der wiedervereinten SPD kam er seinerzeit in den 1990er Jahren als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten nicht zum Zug.) Im Herbst 2015 wandte er sich gegen eine Politik, welche die von der für politisches Handeln grundlegenden Unterscheidung von herzensreiner Gesinnung und der Pflicht zur Verantwortung für die res publica ignorierte. (S. https://herbert-ammon.blogspot.de/2015/11/richard-schroder-eine-evangelische.html
Schröders jüngster Aufsatz mit dem Titel "Was wir Migranten schulden - und was nicht" zerlegt in präziser Analyse die von Begriffsverwirrung, gutgemeintem Aktivismus und Realitätsverweigerung geprägte Debatte um "Flüchtlinge" , "Migration", "Integration" - und "Leitkultur" ("...ob das nun Leitkultur oder sonst wie genannt wird"). Nahezu jeder Passus seines Artikels (in der FAZ v. 15.08.2016, S.6 http://www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart/fluechtlingskrise-was-wir-migranten-schulden-und-was-nicht-14387586.html) erscheint zitierwürdig, u.a. die Kritik an der "zivilgesellschaftlichen" Organisation Oxfam: "Das Argument [von Oxfam], arme Länder würden viel mehr Flüchtlinge aufnehmen als reiche, ist doppelt schief. Arrm und reich macht hier nicht den Unterschied, sondern Nähe und Ferne." Schröder korrigiert auch die von Oxfam propgagierte "Lösung", die Flüchtlinge hierher zu holen. Von dem Geld, das wir monatlich für jeden Migranten ausgeben, könnte in den Herkunftsländern fünfzig Menschen geholfen werden.
Unter Bezug auf das in unserer Kultur eingewurzelte Bild des barmherzigen Samariters verweist Schröder auf die notwendige Unterscheidung von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Hätte der Samariter auf seinem Wege nicht einen Elenden, sondern ein oder zwei weitere Opfer vorgefunden, wäre er an die Grenzen seiner spontanen Hilfsbereitschaft gestoßen.
Barmherzigkeit zeichnet den Einzelnen als Menschen aus. "Der Staat aber darf nicht barmherzig sein, weil er gerecht sein muss. Er muss nach Regeln verfahren und die Folgen bedenken. Wenn er Ausnahmen machte, wäre er korrupt." Fazit: "Der Ausdruck ´Willkommenskultur´ war und ist irreführend."
Allen Lesern von "Globkult" sei der Aufsatz empfohlen, darüberhinaus all jenen, die sich aus christlicher Nächstenliebe unterschiedslos als Träger der "Willkommenskultur" betätigen. Ob Schröder unter protestantischen Protagonisten unbefleckter Gesinnungsethik Gehör findet, muß offen bleiben. (Zur frommen Denkungsart siehe bspw.: https://herbert-ammon.blogspot.de/2015/09/von-elend-und-streben-nach-gluck-in-der.html ) Immerhin hat inzwischen auch der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm erkannt, dass "wir nicht alle aufnehmen können", oder so ähnlich.
Zu den freiheitsichernden Einrichtungen der parlamentarische Demokratie, so steht es in den Lehrbüchern, gehört das Wechselspiel von Regierung und Opposition. In einer Großen Koalition, wie wir sie seit zig Jahren in der Bundesrepubik Deutschland erleben, fällt die Oppositionsrolle im Parlament naturgemäß schwächer aus, was wiederum das Regieren leichter macht. Mehr noch, in der Ära Merkel beoabachten wir eine Art Allparteienkoalition, die von den formal als Oppositionspartei fungierenden Grünen (und ihren medialen Followern/followers/Metagonist_inn*?!en) inspiriert und/oder dirigiert wird. (Die "Linke" ist zu vernachlässigen, so sehr sich die Truppe um Gregor Gysi, Ulla Jelpke und Katja Kipping bei ihren medialen Auftritten auch anstrengen mag.)
Die Erkärung dafür ist einfach: Kein Mensch in Deutschland, schon gar kein Politiker (m.), möchte als unökologisch, menschenverachtend und/oder den Menschenrechten (in breitestmöglicher Ausformung) abgeneigt, kurz unmenschlich und/oder undemokratisch erscheinen. Jeder ist ipso facto grün, jede sowieso. Die deutsch-demokratisch sozialisierte CDU-Kanzlerin Angela Merkel hat diese bundesrepublikanische Grundbefindlichkeit etwa ab anno 1990 erkannt und zur Maxime ihrer Politik gemacht. Nicht von ungefähr zielt sie für 2017 auf eine schwarz-grüne Koalition unter ihrer Ägide.
Wo keine reale Opposition im Parlament anzutreffen ist - von halbherzigen CSU-schwesterparteilichen Widerreden aus der bayerischen Landeshauptstadt einmal abgesehen -, fällt die Rolle der Opposition den verachtenswerten - und eben darum allseits verachteten - Populisten zu. Populisten genießen einen schlechten Ruf, obwohl der irgendwie lateinisch klingende Begriff aus den USA kommt und bis vor ca. drei Jahren hierzulande bis auf ein paar Politologen oder Lehrstuhlinhabern für US-amerikanische Geschichte noch unbekannt war. Wer hat in diesem unseren Lande je von Tom Watson oder Huey Long gehört? William Jennings Bryan? (Bundesrepublikanische Geschichtskenntnisse reichen trotz Christopher Clarks Bestseller allenfalls bis zum irgendwie mißglückten "Griff nach der Weltmacht" zurück, gründen im wesentlichen auf ein bißchen Weimar, auf dem Nazismus und auf 1968.)
Es gibt naturgemäß fast nur rechte Populisten, dazu ein paar linke wie Sarah Wagenknecht und ihren Saarländer Gatten, die aber nach wie vor für die "Linke" unentbehrlich erscheinen. Der "Linke"-MdB Gregor Gysi gehört seit einiger Zeit nicht mehr zu den Populisten.
II.
Wo es keine nennenswerte parlamentarische Opposition gibt, kommt unerwünschter Widerspruch nur noch von ein paar selbständig Denkenden innerhalb und außerhalb der All-Parteienkoalition. Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen Boris Palmer, als Sohn eines schwäbischen Querkopfes aus dem Remstal bei den Grünen einst hochgeschätzt, gehört zu den wenigen, die frühzeitig die Grenzen - und den inhärenten Widersinn - der von Merkel inaugurierten, von einem jugendfrohen Jubelchor begleiteten "Willkommenskultur" erkannt haben. Mit seinen Überlegungen zu den Grenzen unbegrenzter Migration - er argumentiert als Mathematiker - stößt er überall dort, wo gründeutsche Emotionen die Analyse ersetzen, auf Unverständnis, gepaart mit moralischer Entrüstung. (S.: https://herbert-ammon.blogspot.de/2015/10/grune-stimme-der-vernunft-ii-boris.html. Zum Dauerthema verfehlter gründeutscher Politik in der Ära Merkel s.a.: H.A..http://www.globkult.de/politik/deutschland/1057-fluechtlingsstroeme-einspruch-gegen-die-leichthaendige-behandlung-eines-schwierigen-themas;
Zu den wenigen anderen Stimmen der Vernunft, die in der von der größtmöglichen Merkel-Koalition ausgelösten "Flüchtlingskrise" Widerspruch gegen naive - oder geplante? - Planlosigkeit eingelegt haben, gehört der Theologe und Philosoph Richard Schröder, ehedem SPD-Fraktionsvorsitzender der letzten (und ersten frei gewählten) Volkskammer der DDR. (Zur Erinnerung: Innerhalb der wiedervereinten SPD kam er seinerzeit in den 1990er Jahren als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten nicht zum Zug.) Im Herbst 2015 wandte er sich gegen eine Politik, welche die von der für politisches Handeln grundlegenden Unterscheidung von herzensreiner Gesinnung und der Pflicht zur Verantwortung für die res publica ignorierte. (S. https://herbert-ammon.blogspot.de/2015/11/richard-schroder-eine-evangelische.html
Schröders jüngster Aufsatz mit dem Titel "Was wir Migranten schulden - und was nicht" zerlegt in präziser Analyse die von Begriffsverwirrung, gutgemeintem Aktivismus und Realitätsverweigerung geprägte Debatte um "Flüchtlinge" , "Migration", "Integration" - und "Leitkultur" ("...ob das nun Leitkultur oder sonst wie genannt wird"). Nahezu jeder Passus seines Artikels (in der FAZ v. 15.08.2016, S.6 http://www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart/fluechtlingskrise-was-wir-migranten-schulden-und-was-nicht-14387586.html) erscheint zitierwürdig, u.a. die Kritik an der "zivilgesellschaftlichen" Organisation Oxfam: "Das Argument [von Oxfam], arme Länder würden viel mehr Flüchtlinge aufnehmen als reiche, ist doppelt schief. Arrm und reich macht hier nicht den Unterschied, sondern Nähe und Ferne." Schröder korrigiert auch die von Oxfam propgagierte "Lösung", die Flüchtlinge hierher zu holen. Von dem Geld, das wir monatlich für jeden Migranten ausgeben, könnte in den Herkunftsländern fünfzig Menschen geholfen werden.
Unter Bezug auf das in unserer Kultur eingewurzelte Bild des barmherzigen Samariters verweist Schröder auf die notwendige Unterscheidung von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Hätte der Samariter auf seinem Wege nicht einen Elenden, sondern ein oder zwei weitere Opfer vorgefunden, wäre er an die Grenzen seiner spontanen Hilfsbereitschaft gestoßen.
Barmherzigkeit zeichnet den Einzelnen als Menschen aus. "Der Staat aber darf nicht barmherzig sein, weil er gerecht sein muss. Er muss nach Regeln verfahren und die Folgen bedenken. Wenn er Ausnahmen machte, wäre er korrupt." Fazit: "Der Ausdruck ´Willkommenskultur´ war und ist irreführend."
Allen Lesern von "Globkult" sei der Aufsatz empfohlen, darüberhinaus all jenen, die sich aus christlicher Nächstenliebe unterschiedslos als Träger der "Willkommenskultur" betätigen. Ob Schröder unter protestantischen Protagonisten unbefleckter Gesinnungsethik Gehör findet, muß offen bleiben. (Zur frommen Denkungsart siehe bspw.: https://herbert-ammon.blogspot.de/2015/09/von-elend-und-streben-nach-gluck-in-der.html ) Immerhin hat inzwischen auch der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm erkannt, dass "wir nicht alle aufnehmen können", oder so ähnlich.
Donnerstag, 11. August 2016
Kurze Orientierungshilfe - der Weg zu Gott
I.
Interkulturelles Lernen ist die Voraussetzung für das Gedeihen unserer modernen/postmodernen Gesellschaft bei ihrem "Rendezvous mit der Globalisierung" (W. Schäuble), wie es in spezifischer Ausprägung derzeit in der "Flüchtlingskrise" anzutreffen ist. Hauptthema des Crash-Kurses sind die Inhalte und Varianten des Islam. Seit dem Auftritt einer "Sharia Police" in Wuppertal ist die Scharia - der Rechtskanon der muslimischen Umma - dem bis dato ignoranten Bundesbürger (sc. -r B-in) wenigstens als Begriff geläufig. An demokratischem Grundwissen fehlt es in der bundesrepublikanischen Multi- und Integrationskultur noch weithin.
Zur Erhellung der Problematik erklärt Sawsan Chebli,seit 2014 stellvertretende Sprecherin des AA und Initiatorin des Arbeitskreises "Muslime in der SPD", folgendes: "Wir dürfen die Integrationsdebatte nicht mit der Diskussion über Muslime und Islam oder Religion insgesamt vermengen. Mein Vater ist ein frommer Muslim, spricht kaum Deutsch, kann weder lesen noch schreiben, ist aber integrierter als viele Funktionäre der AfD, die unsere Verfassung in Frage stellen." Die stellvertretende Sprecherin im weltoffenenen AA am Werderschen Markt verzichtet auf Namensnennungen und spricht generalisierend, womöglich stellvertretend oder antizipatorisch für diensteifrige VS-Beamte in NRW. Ihr Vater, Erzeuger von zwölf Bundesneubürgern, darunter fünf kopftuchtragende Schwestern, hat womöglich im Alter das Grundgesetz (in Letztversion) ähnlich memoriert wie seine Tochter in Kindesjahren den Koran.
Die stellvertretende Sprecherin - sie entstammt einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie und wurde 1978 in Berlin geboren - klärt interkulturell noch unzureichend gebildete Bundesbürger sodann über die in Verruf geratene Scharia auf: "Alle reden über Scharia, aber keiner weiß, was Scharia bedeutet. Scharia heißt auf Deutsch: Weg zur Quelle, also der Weg zu Gott. Sie regelt zum größten Teil das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen." (S. FAZ v. 03.08.2016, S. 3)
II.
Fromme Demokraten werden dieser Definition nur beipflichten können. Indes erheben sich zuweilen noch Zweifel an der gottgefälligen Praxis des Weges (gr. methodos, f.), etwa bei Nachrichten aus Indonesien, wo der ob seiner (relativen) religiösen Toleranz vielfach gelobte größte islamische Staat auf Erden für die von sezessionistischer Unruhe geplagten Provinz Aceh auf Sumatra eine Sonderregelung bezüglich der an der Scharia orientierten Rechtspraxis zuließ. In Aceh gibt es eine reguläre Scharia-Polizei, die sich um die Einhaltung des richtigen Weges zu Gott kümmert. Unlängst wurde eine 18jährige Büßerin, den Hidschab tief im Gesicht, mit neun Stockhieben bestraft, weil sie in ihrem Zimmer mit einen 16jährigen Jungen angetroffen ("erwischt") wurde. Während die Vollstreckung der Strafe einem Mann zugewiesen wurde, untersteht die Rechtspflege der Scharia-Polizei einer im Rahmen der Regionalkultur emanzipierten Frau.
Amnesty International registrierte for 2015 in Aceh 108 Fälle von öffentlichen Auspeitschungen. Den Bericht über die unlängst eröffnete "Phase der Bestrafung" - sie folgte einer "Phase der Eingewöhnung" -
illustriert ein Bild einer weißgewandeten Frau, der vor einer Moschee öffentlich Stockhiebe verabreicht werden, weil sie ein Rendezvous vermittelt hatte.(Berliner Morgenpost v. 11.08.2016, S.5). Der interkulturell noch wenig geübte deutsche Bio-Bundesbürger gewinnt daraus eine wichtige Erkenntnis: Ein Rendezvous ist etwas grundsätzlich anderes als die einst auch in Europa von Heiratsvermittlerinnen betriebene Praxis der Eheanbahnung.
Interkulturelles Lernen ist die Voraussetzung für das Gedeihen unserer modernen/postmodernen Gesellschaft bei ihrem "Rendezvous mit der Globalisierung" (W. Schäuble), wie es in spezifischer Ausprägung derzeit in der "Flüchtlingskrise" anzutreffen ist. Hauptthema des Crash-Kurses sind die Inhalte und Varianten des Islam. Seit dem Auftritt einer "Sharia Police" in Wuppertal ist die Scharia - der Rechtskanon der muslimischen Umma - dem bis dato ignoranten Bundesbürger (sc. -r B-in) wenigstens als Begriff geläufig. An demokratischem Grundwissen fehlt es in der bundesrepublikanischen Multi- und Integrationskultur noch weithin.
Zur Erhellung der Problematik erklärt Sawsan Chebli,seit 2014 stellvertretende Sprecherin des AA und Initiatorin des Arbeitskreises "Muslime in der SPD", folgendes: "Wir dürfen die Integrationsdebatte nicht mit der Diskussion über Muslime und Islam oder Religion insgesamt vermengen. Mein Vater ist ein frommer Muslim, spricht kaum Deutsch, kann weder lesen noch schreiben, ist aber integrierter als viele Funktionäre der AfD, die unsere Verfassung in Frage stellen." Die stellvertretende Sprecherin im weltoffenenen AA am Werderschen Markt verzichtet auf Namensnennungen und spricht generalisierend, womöglich stellvertretend oder antizipatorisch für diensteifrige VS-Beamte in NRW. Ihr Vater, Erzeuger von zwölf Bundesneubürgern, darunter fünf kopftuchtragende Schwestern, hat womöglich im Alter das Grundgesetz (in Letztversion) ähnlich memoriert wie seine Tochter in Kindesjahren den Koran.
Die stellvertretende Sprecherin - sie entstammt einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie und wurde 1978 in Berlin geboren - klärt interkulturell noch unzureichend gebildete Bundesbürger sodann über die in Verruf geratene Scharia auf: "Alle reden über Scharia, aber keiner weiß, was Scharia bedeutet. Scharia heißt auf Deutsch: Weg zur Quelle, also der Weg zu Gott. Sie regelt zum größten Teil das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen." (S. FAZ v. 03.08.2016, S. 3)
II.
Fromme Demokraten werden dieser Definition nur beipflichten können. Indes erheben sich zuweilen noch Zweifel an der gottgefälligen Praxis des Weges (gr. methodos, f.), etwa bei Nachrichten aus Indonesien, wo der ob seiner (relativen) religiösen Toleranz vielfach gelobte größte islamische Staat auf Erden für die von sezessionistischer Unruhe geplagten Provinz Aceh auf Sumatra eine Sonderregelung bezüglich der an der Scharia orientierten Rechtspraxis zuließ. In Aceh gibt es eine reguläre Scharia-Polizei, die sich um die Einhaltung des richtigen Weges zu Gott kümmert. Unlängst wurde eine 18jährige Büßerin, den Hidschab tief im Gesicht, mit neun Stockhieben bestraft, weil sie in ihrem Zimmer mit einen 16jährigen Jungen angetroffen ("erwischt") wurde. Während die Vollstreckung der Strafe einem Mann zugewiesen wurde, untersteht die Rechtspflege der Scharia-Polizei einer im Rahmen der Regionalkultur emanzipierten Frau.
Amnesty International registrierte for 2015 in Aceh 108 Fälle von öffentlichen Auspeitschungen. Den Bericht über die unlängst eröffnete "Phase der Bestrafung" - sie folgte einer "Phase der Eingewöhnung" -
illustriert ein Bild einer weißgewandeten Frau, der vor einer Moschee öffentlich Stockhiebe verabreicht werden, weil sie ein Rendezvous vermittelt hatte.(Berliner Morgenpost v. 11.08.2016, S.5). Der interkulturell noch wenig geübte deutsche Bio-Bundesbürger gewinnt daraus eine wichtige Erkenntnis: Ein Rendezvous ist etwas grundsätzlich anderes als die einst auch in Europa von Heiratsvermittlerinnen betriebene Praxis der Eheanbahnung.
Freitag, 5. August 2016
Lotterie mit hohen Gewinnchancen
I.
Am 18. September 2016 wird in Berlin gewählt. Aus der Sicht des Bloggers bedürfte es nicht all des plakatierten Aufwands zur Mobilisierung des überwiegend passiven Souveräns, denn: das Ergebnis ist bereits abzusehen. Im Herbst - das genaue Datum richtet sich nach der Verhandlungsdauer über den neuen Koalitionsvertrag - kriegen die Berlinerinnen und B- (demokratisches Nullsuffix) eine neue Regierung. Der rot-schwarzen Koalition, so ist zu erfahren, erging es zuletzt wie einer langweiligen Ehe oder einer unter Dauerstress stehenden eingetragenen Partnerschaft: Sie hat sich "auseinandergelebt". Der Grund für die bevorstehende Trennung liegt in den üblichen Querelen, zuletzt in der Affäre um den CDU-Innensenator Frank Henkel. Dieser wollte sich mit der Räumung der seit Jahren von autonomen, mietfreien Lebens- und Gesellschaftsreformern besetzten Rigaer Straße 94 im linksgrünen Teilbezirk Friedrichshain als kompromißloser Rechtswahrer bei besorgten Berliner Bürgern einen Wahlbonus verschaffen.
Der Innensenator kam dem Wunsch des bis dato unbekannten Eigentümers der Immobilie Rigaer 94 - womöglich eine Diskretion bevorzugende Gesellschaft - nach, endlich für geordnete Rechtsverhältnisse zu sorgen und das Gebäude für gewinnbringende, aber auch wohltätige Zwecke zu restituieren. In einem Teil des Gebäudes sollten gemäß Merkels Peuplierungsprogramm - auf Senatskosten - Flüchtlingsmigrationsfamilien Herberge finden. Was der philanthropische Immobilienbesitzer für seine globalethische Pflicht halten mochte, stieß bei den sonst für Weltoffenheit bekannten Bewohnern ("Refugees welcome!" "No borders!" "Kein Mensch ist illegal!") offenbar auf ethnozentrisches Unverständnis. Jedenfalls scheiterte der Räumungsversuch am erbitterten Widerstand der bürgerlich-kapitalistischen Eigentumsbegriffen zutiefst abgeneigten, autonomen "Rigaer". Über die exakte Zahl der z.T. schwerverletzten Polizisten (gewöhnlich zwischen zwanzig bis hundert) ist der Blogger nicht im Bilde.
Für den Innensenator erwies sich die mißglückte Zwangsräumung noch in weiterer Hinsicht als kontraproduktiv, denn für die polizeiliche Durchsetzung von Rechtsnormen - sie stieß auch bei gentrifizierungsfeindlichen Nachbarn von "Riga 94" auf Unverständnis - fehlte die richterliche Anordnung. Mit Entrüstung mußte die Berliner Öffentlichkeit - selbst in den bürgerlichen Restvierteln - konstatieren, dass bei Henkels Aktion Recht nicht durchgesetzt, sondern übergangen wurde. Zur Erhellung der Gesamtproblematik: Soeben hat die grüne, bekennende Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann - gleichfalls aus Sorge um ihr nicht mehr ganz so alternatives Kreuzberger grünes Wahlvolk - die Räumung der Gerhard-Hauptmann-Schule von den restlichen, dort seit ca. 18 Monaten residierenden refugees angeordnet.
II.
Rot-Schwarz ist also am Ende. Mutmaßlich werden in den Berliner Wettbüros bereits Wetten über die Postenverteilung im prospektiven rot-rot-grünen Senat plaziert. Immerhin kommt es bei der Neubesetzung des Senats - weiterhin unter Führung des unter Berliner "Linken" als "rechter Sozialdemokrat" geltenden Regierenden Bürgermeister Michael Müller - auch auf die Sitzverteilung im Roten Rathaus und auf die Prozentzahlen bei den Wahlen an.
Demokratie darf nicht populistisch ausarten, aber sie soll "spannend" sein. Die spannende Frage am 18. September wird sein, mit welcher Zahl von Sitzen die AfD ins Rote Rathaus einzieht, um fortan auch in der Hauptstadt ihrer Rolle als Schlagzeilenlieferant für die Medien gerecht zu werden. Ob die FDP mit ihrer "klandestin rechten", an Bürgerängste appellierenden Parole "Wir organisieren Sicherheit statt organisiertes Verbrechen" (oder so ähnlich) wieder mal ins Stadtparlament kommt, ist alllenfalls arithmetisch, bezüglich der Sitzverteilung, von Belang. Und ob die ursprünglich aufs jugendfrisch digitale Publikum spezialisierten "Piraten" - dank ihrer womöglich von Draghis EZB inspirierten Wahlgleichung "Wissen verdoppeln durch Teilen!" und ihrer plötzlichen Besorgnis über wachsende Altersarmut - als Hilfstruppe der künftigen Koalition fungieren können, sei dahingestellt. Alle Zeichen stehen auf Rot-Rot-Grün und solide Regierungsverhältnisse, ungeachtet der unkorrigierbar expandierenden Kosten für den Airport BER, für die Staatsoper Unter den Linden, für "Projekte" aller Art etc.
III.
Scheint die Sache somit bereits entschieden, könnte der bloggende Wahlbürger aus spätbourgeoiser Bequemlichkeit geneigt sein, auf den Sonntagsurnengang oder die Briefwahl zu verzichten. Auch sein Gewissen als citoyen bliebe gänzlich unbeunruhigt, gäbe es da nicht den Wahl-O-Mat, der ihn zu demokratischer Verantwortung ruft.
Es handelt sich um ein digitales Geduldspiel, welches, 1989 in den Niederlanden ersonnen, anno 2002 von der Bundeszentrale für politische Bildung per Lizenz erworben wurde. Für die Wahl am 18. September hat sich der Chef der Berliner Bildungszentrale zusammen mit einem Team von "engagierten" Jungwählern (Alter 18-26 Jahre) ein Puzzle ausgedacht, das sich aus 38 Thesen und 21 Parteien, d.h. den laut Wahlgesetz teilnahmeberechtigten Parteien, Sekten und Partikeln, zusammensetzt.
Der mündige Spieler-Bürger kann jeweils aus drei Antworten ("Stimme zu" - "neutral" - "Stimme nicht zu") eine wählen, die Frage überspringen oder doppelt gewichten. These Nummer 1 lautet: "Private Wohnungen sollen vollständig als Ferienwohnung vermietet werden dürfen". Die These gehört zu den "sozialen Themen", die laut Thomas Gill, dem Berliner Bildungschef, den Wählern besonders am Herzen liegen. Entsprechend heißt es in These 2: "Berlin soll weitere Flüchtlinge aufnehmen". These 3 zielt auf ein anderes Berliner Herzensanliegen: "Alle Spätverkaufsstellen (´Spätis´) sollen auch sonntags öffnen dürfen." (Die These orientiert sich offenbar an den wahlrelevanten Alkoholbedürfnissen Berliner Pastoren.) An für den Wahlausgang mutmaßlich weniger entscheidende Kunstbeflissene richtet sich These 7: "Freier Eintritt an allen staatlichen Museen Berlins!"
Dank der Schlichtheit der Fragen - sie erinnern an gewisse Techniken der politischen Soziologie (s. https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/06/german-polspeak-and-german-empirical.html) - könnte der engagierte Bürger geneigt sein, jede der Thesen zu "überspringen". Überdies müßte er sich vorab die Mühe machen, sämtliche Verlautbarungen der erwähnten 21 Parteien zu analysieren, um sodann seine Wahl-O-Mat-Entscheidung zu treffen. Unter den Spielelementen tauchen Bezeichnungen wie die "Grauen Panther", "Die Violetten", Tierschützer, Gesundheitsforscher, eine "Bergpartei" [etwa Nachfahren der Montagnards? - H.A.] sowie Kürzel wie ALFA, PSD, DKP [lebt noch] BüSo usw. auf. Nur Kenner der Materie, beispielsweise von Berufs wegen damit befaßte Verfassungsschützer, sind mit den Etiketten vertraut. BüSo steht für die "Bürgerrechtsbewegung Solidarität". Für Berlin fordert BüSo "u.a. die Integration der Stadt in die Bewegung der Neuen Seidenstraße und die Aufgabe des Hauptstadtflughafens BER". Gewiß doch, für und gegen den Fortschritt kämpft seit Jahrzehnten Helga Zepp-LaRouche, Ex-Trotzkistin und Gattin des Texas-Milliardärs Lyndon La Rouche. PSG steht - wie auch anders - für "Partei Soziale Gerechtigkeit". Es handelt sich um einen unverzagt für Menschen-, nicht so sehr für Bürgerrechte kämpfenden, die Weltrevolution samt Weltfrieden ansteuernden Trupp von Trotzkisten.
IV.
Damit sich ein Wahl-O-Mat-Spieler nicht überfordert fühlt, hat die Bildungszentrale seine Wahlmöglichkeiten vorsorglich auf acht Parteien eingeschränkt. In einem Artikel der "Berliner Morgenpost" (v. 03.08.2026, S. 10) erfahren wir, dass das demokratische Gewinnspiel vor allem bei Jungwählern beliebt sei. Kein Wunder, denn in These 20 geht´s um den Anbau von Cannabis für den Eigenbedarf, in These 25 um Genderstudien (mutmaßlich mit garantiertem Master/Mistress-Abschluß), außerdem um Projekte gegen (nicht für) Rechtsextremismus sowie um "Wählen ab 16 Jahre!" (leider vorerst nur fürs Berliner Abgeordnetenhaus).
Der bei der Herstellung des Berliner Wahl-O-Mat mitwirkende Christian Stärk (22 J.) steht zu seinen demokratische Überzeugungen: "Ich fand es wichtig, dass die Themen nah dran waren an der Lebenswelt der Jugendlichen." Aus politischer Verantwortung testeten auch Berliner Spitzenpolitiker die Chancen ihrer Partei vermittels der Wahl-O-Mat-Lotterie. Der Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) erzielte ansehnliche 91,3 Prozent Übereinstimmung mit den Präferenzen seiner Partei, verwies jedoch zur Erklärung seiner weitreichenden Sympathien (76 Prozent) für Aussagen der AfD auf deren "heuchlerisches Programm". SPD-Chef Raed Saleh erreichte immerhin 98,8 Prozent. Knapp darunter lag der "Piraten"-Chef mit 93,5 Prozent, und dies gleich doppelt. Er gewann mit demselben Ergebnis bei der PSG. Dank demokratischer Standfestigkeit gelang dem bekennenden Klaus Lederer, Vorsitzender der Berliner "Linken", ein hundertprozentiger Gewinn. Einen Treffer von 100 Prozent erzielte auch der Grünen-Chef Wesener. Zur Vervollständigung des junggrün ausgestatteten Wahl-O-Mats hätte er sich indes noch "eine Frage zum Radverkehr gewünscht."
Für alle Nutzer im Netz: Das Spiel ist etwas zeitraubend, aber egal - jeder Demokrat kann gewinnen. Gewonnen hat auf jeden Fall der Lizenzgeber.
Am 18. September 2016 wird in Berlin gewählt. Aus der Sicht des Bloggers bedürfte es nicht all des plakatierten Aufwands zur Mobilisierung des überwiegend passiven Souveräns, denn: das Ergebnis ist bereits abzusehen. Im Herbst - das genaue Datum richtet sich nach der Verhandlungsdauer über den neuen Koalitionsvertrag - kriegen die Berlinerinnen und B- (demokratisches Nullsuffix) eine neue Regierung. Der rot-schwarzen Koalition, so ist zu erfahren, erging es zuletzt wie einer langweiligen Ehe oder einer unter Dauerstress stehenden eingetragenen Partnerschaft: Sie hat sich "auseinandergelebt". Der Grund für die bevorstehende Trennung liegt in den üblichen Querelen, zuletzt in der Affäre um den CDU-Innensenator Frank Henkel. Dieser wollte sich mit der Räumung der seit Jahren von autonomen, mietfreien Lebens- und Gesellschaftsreformern besetzten Rigaer Straße 94 im linksgrünen Teilbezirk Friedrichshain als kompromißloser Rechtswahrer bei besorgten Berliner Bürgern einen Wahlbonus verschaffen.
Der Innensenator kam dem Wunsch des bis dato unbekannten Eigentümers der Immobilie Rigaer 94 - womöglich eine Diskretion bevorzugende Gesellschaft - nach, endlich für geordnete Rechtsverhältnisse zu sorgen und das Gebäude für gewinnbringende, aber auch wohltätige Zwecke zu restituieren. In einem Teil des Gebäudes sollten gemäß Merkels Peuplierungsprogramm - auf Senatskosten - Flüchtlingsmigrationsfamilien Herberge finden. Was der philanthropische Immobilienbesitzer für seine globalethische Pflicht halten mochte, stieß bei den sonst für Weltoffenheit bekannten Bewohnern ("Refugees welcome!" "No borders!" "Kein Mensch ist illegal!") offenbar auf ethnozentrisches Unverständnis. Jedenfalls scheiterte der Räumungsversuch am erbitterten Widerstand der bürgerlich-kapitalistischen Eigentumsbegriffen zutiefst abgeneigten, autonomen "Rigaer". Über die exakte Zahl der z.T. schwerverletzten Polizisten (gewöhnlich zwischen zwanzig bis hundert) ist der Blogger nicht im Bilde.
Für den Innensenator erwies sich die mißglückte Zwangsräumung noch in weiterer Hinsicht als kontraproduktiv, denn für die polizeiliche Durchsetzung von Rechtsnormen - sie stieß auch bei gentrifizierungsfeindlichen Nachbarn von "Riga 94" auf Unverständnis - fehlte die richterliche Anordnung. Mit Entrüstung mußte die Berliner Öffentlichkeit - selbst in den bürgerlichen Restvierteln - konstatieren, dass bei Henkels Aktion Recht nicht durchgesetzt, sondern übergangen wurde. Zur Erhellung der Gesamtproblematik: Soeben hat die grüne, bekennende Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann - gleichfalls aus Sorge um ihr nicht mehr ganz so alternatives Kreuzberger grünes Wahlvolk - die Räumung der Gerhard-Hauptmann-Schule von den restlichen, dort seit ca. 18 Monaten residierenden refugees angeordnet.
II.
Rot-Schwarz ist also am Ende. Mutmaßlich werden in den Berliner Wettbüros bereits Wetten über die Postenverteilung im prospektiven rot-rot-grünen Senat plaziert. Immerhin kommt es bei der Neubesetzung des Senats - weiterhin unter Führung des unter Berliner "Linken" als "rechter Sozialdemokrat" geltenden Regierenden Bürgermeister Michael Müller - auch auf die Sitzverteilung im Roten Rathaus und auf die Prozentzahlen bei den Wahlen an.
Demokratie darf nicht populistisch ausarten, aber sie soll "spannend" sein. Die spannende Frage am 18. September wird sein, mit welcher Zahl von Sitzen die AfD ins Rote Rathaus einzieht, um fortan auch in der Hauptstadt ihrer Rolle als Schlagzeilenlieferant für die Medien gerecht zu werden. Ob die FDP mit ihrer "klandestin rechten", an Bürgerängste appellierenden Parole "Wir organisieren Sicherheit statt organisiertes Verbrechen" (oder so ähnlich) wieder mal ins Stadtparlament kommt, ist alllenfalls arithmetisch, bezüglich der Sitzverteilung, von Belang. Und ob die ursprünglich aufs jugendfrisch digitale Publikum spezialisierten "Piraten" - dank ihrer womöglich von Draghis EZB inspirierten Wahlgleichung "Wissen verdoppeln durch Teilen!" und ihrer plötzlichen Besorgnis über wachsende Altersarmut - als Hilfstruppe der künftigen Koalition fungieren können, sei dahingestellt. Alle Zeichen stehen auf Rot-Rot-Grün und solide Regierungsverhältnisse, ungeachtet der unkorrigierbar expandierenden Kosten für den Airport BER, für die Staatsoper Unter den Linden, für "Projekte" aller Art etc.
III.
Scheint die Sache somit bereits entschieden, könnte der bloggende Wahlbürger aus spätbourgeoiser Bequemlichkeit geneigt sein, auf den Sonntagsurnengang oder die Briefwahl zu verzichten. Auch sein Gewissen als citoyen bliebe gänzlich unbeunruhigt, gäbe es da nicht den Wahl-O-Mat, der ihn zu demokratischer Verantwortung ruft.
Es handelt sich um ein digitales Geduldspiel, welches, 1989 in den Niederlanden ersonnen, anno 2002 von der Bundeszentrale für politische Bildung per Lizenz erworben wurde. Für die Wahl am 18. September hat sich der Chef der Berliner Bildungszentrale zusammen mit einem Team von "engagierten" Jungwählern (Alter 18-26 Jahre) ein Puzzle ausgedacht, das sich aus 38 Thesen und 21 Parteien, d.h. den laut Wahlgesetz teilnahmeberechtigten Parteien, Sekten und Partikeln, zusammensetzt.
Der mündige Spieler-Bürger kann jeweils aus drei Antworten ("Stimme zu" - "neutral" - "Stimme nicht zu") eine wählen, die Frage überspringen oder doppelt gewichten. These Nummer 1 lautet: "Private Wohnungen sollen vollständig als Ferienwohnung vermietet werden dürfen". Die These gehört zu den "sozialen Themen", die laut Thomas Gill, dem Berliner Bildungschef, den Wählern besonders am Herzen liegen. Entsprechend heißt es in These 2: "Berlin soll weitere Flüchtlinge aufnehmen". These 3 zielt auf ein anderes Berliner Herzensanliegen: "Alle Spätverkaufsstellen (´Spätis´) sollen auch sonntags öffnen dürfen." (Die These orientiert sich offenbar an den wahlrelevanten Alkoholbedürfnissen Berliner Pastoren.) An für den Wahlausgang mutmaßlich weniger entscheidende Kunstbeflissene richtet sich These 7: "Freier Eintritt an allen staatlichen Museen Berlins!"
Dank der Schlichtheit der Fragen - sie erinnern an gewisse Techniken der politischen Soziologie (s. https://herbert-ammon.blogspot.de/2016/06/german-polspeak-and-german-empirical.html) - könnte der engagierte Bürger geneigt sein, jede der Thesen zu "überspringen". Überdies müßte er sich vorab die Mühe machen, sämtliche Verlautbarungen der erwähnten 21 Parteien zu analysieren, um sodann seine Wahl-O-Mat-Entscheidung zu treffen. Unter den Spielelementen tauchen Bezeichnungen wie die "Grauen Panther", "Die Violetten", Tierschützer, Gesundheitsforscher, eine "Bergpartei" [etwa Nachfahren der Montagnards? - H.A.] sowie Kürzel wie ALFA, PSD, DKP [lebt noch] BüSo usw. auf. Nur Kenner der Materie, beispielsweise von Berufs wegen damit befaßte Verfassungsschützer, sind mit den Etiketten vertraut. BüSo steht für die "Bürgerrechtsbewegung Solidarität". Für Berlin fordert BüSo "u.a. die Integration der Stadt in die Bewegung der Neuen Seidenstraße und die Aufgabe des Hauptstadtflughafens BER". Gewiß doch, für und gegen den Fortschritt kämpft seit Jahrzehnten Helga Zepp-LaRouche, Ex-Trotzkistin und Gattin des Texas-Milliardärs Lyndon La Rouche. PSG steht - wie auch anders - für "Partei Soziale Gerechtigkeit". Es handelt sich um einen unverzagt für Menschen-, nicht so sehr für Bürgerrechte kämpfenden, die Weltrevolution samt Weltfrieden ansteuernden Trupp von Trotzkisten.
IV.
Damit sich ein Wahl-O-Mat-Spieler nicht überfordert fühlt, hat die Bildungszentrale seine Wahlmöglichkeiten vorsorglich auf acht Parteien eingeschränkt. In einem Artikel der "Berliner Morgenpost" (v. 03.08.2026, S. 10) erfahren wir, dass das demokratische Gewinnspiel vor allem bei Jungwählern beliebt sei. Kein Wunder, denn in These 20 geht´s um den Anbau von Cannabis für den Eigenbedarf, in These 25 um Genderstudien (mutmaßlich mit garantiertem Master/Mistress-Abschluß), außerdem um Projekte gegen (nicht für) Rechtsextremismus sowie um "Wählen ab 16 Jahre!" (leider vorerst nur fürs Berliner Abgeordnetenhaus).
Der bei der Herstellung des Berliner Wahl-O-Mat mitwirkende Christian Stärk (22 J.) steht zu seinen demokratische Überzeugungen: "Ich fand es wichtig, dass die Themen nah dran waren an der Lebenswelt der Jugendlichen." Aus politischer Verantwortung testeten auch Berliner Spitzenpolitiker die Chancen ihrer Partei vermittels der Wahl-O-Mat-Lotterie. Der Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) erzielte ansehnliche 91,3 Prozent Übereinstimmung mit den Präferenzen seiner Partei, verwies jedoch zur Erklärung seiner weitreichenden Sympathien (76 Prozent) für Aussagen der AfD auf deren "heuchlerisches Programm". SPD-Chef Raed Saleh erreichte immerhin 98,8 Prozent. Knapp darunter lag der "Piraten"-Chef mit 93,5 Prozent, und dies gleich doppelt. Er gewann mit demselben Ergebnis bei der PSG. Dank demokratischer Standfestigkeit gelang dem bekennenden Klaus Lederer, Vorsitzender der Berliner "Linken", ein hundertprozentiger Gewinn. Einen Treffer von 100 Prozent erzielte auch der Grünen-Chef Wesener. Zur Vervollständigung des junggrün ausgestatteten Wahl-O-Mats hätte er sich indes noch "eine Frage zum Radverkehr gewünscht."
Für alle Nutzer im Netz: Das Spiel ist etwas zeitraubend, aber egal - jeder Demokrat kann gewinnen. Gewonnen hat auf jeden Fall der Lizenzgeber.
Donnerstag, 21. Juli 2016
de propaganda fidei: Deutschland kann das
I.
Die Zivilreligion, id est die für Rousseaus république und insbesondere für die Bundesrepublik funktional unverzichtbaren Glaubensvorstellungen des Bürgers, bedarf eines dogmatischen Gerüsts, einer funktionstüchtigen Organisation sowie eines rituellen Rahmens. Das Ganze erinnert nicht zufällig an das ältere, jenseitsbezogene politische Vorbild: die Congregatio de propaganda fidei. Deren zeitgenössisch moderne Institutionalisierung erfährt der mündige Bürgerkonsument (sc. -e B-in) allabendlich in den TV-news sowie in den vermeintlich auf Pluralismus - einer der zentralen Glaubenssätze der religio civilis - ausgerichteten Talkshows.
Zweifel an der Zivilreligion - sie sichert im demokratischen Staatswesen den Einklang zwischen den Regierenden und den Regierten oder umgekehrt die Identität zwischen dem Souverän der Theorie und dem Souverän der Praxis - sind unerwünscht, bei Rousseau gar bei Todesstrafe verboten. Über derlei Praxis sind wir in der Bundesrepublik Gottseidank seit 1948/49 hinaus.
Ganz ohne Zuchtinstrumente zur Befestigung der Glaubenstreue der Bürger und -innen kommt indes auch Merkels Bundesregierung nicht aus. Dies geschieht durch die Verbreitung von staatsbürgerlichem Optimismus: "Wir schaffen das!" Wer an derlei Dogmen zweifelt, verfällt der demokratischen Verachtung. Die Einsamkeit des von der moralischen Mehrheit mit Ausschluß Bestraften erkannte bereits Tocqueville in seinem Werk über die Demokratie in Amerika.
II.
In einer Anzeige in der Ausgabe des FAZ am 20. Juli 2016 - und mutmaßlich in manch anderen Blättern - verbreitete die Bundesregierung ihren Appell zu staatsbürgerlichem Optimismus in ungewohnt patriotischem Tonfall: "Deutschland kann das." Was Deutschland kann, ist "Integration, die allen hilft". Eine junge Frau, die einem angejahrten, immerhin noch lächelnden Herrn im Rollstuhl an Schulter und Unterarm faßt, lächelt den Leser an. Darunter der Text: "Siba Wardeh kümmert sich als ´Bufdi´ liebevoll um Senioren in Hof/Bayern. Pflegeheim-Leiterin Sabine Dippold freut sich über die Hilfe der jungen Syrerin. Die Bundesregierung fördert neue Stellen im Bundesfreiwilligendienst zur Integration von Flüchtlingen. Erfahren Sie mehr darüber und über das neue Integrationsgesetz: www.deutschland-kann-das.de"
Der Betrachter der Werbeanzeige bekennt gewisse Zweifel bezüglich der Festigkeit seiner Zivilreligion: Wer war der im Dienste der Bundesregierung knipsende Werbefotograf, welcher PR-Fritze hat sich einen solchen Werbetext ausgedacht? Wie gelingt es in der politisch korrekten Massendemokratie, Zynismus, Moral, Hypokrisie, ein peinliches Bild und peinliche Prosa werbetechnisch zu kombinieren? Um zu demonstrieren, wie geschmacklos Propaganda sein muß, um die Fragwürdigkeit von Politik, zuletzt Merkels verhängnisvolle Einladung an alle Welt, zu kaschieren? - Die PR-Abteilung der Bundesregierung glaubt anscheinend, sie könne das - mit den dafür im Budget ausgewiesenen Steuergeldern.
Die Zivilreligion, id est die für Rousseaus république und insbesondere für die Bundesrepublik funktional unverzichtbaren Glaubensvorstellungen des Bürgers, bedarf eines dogmatischen Gerüsts, einer funktionstüchtigen Organisation sowie eines rituellen Rahmens. Das Ganze erinnert nicht zufällig an das ältere, jenseitsbezogene politische Vorbild: die Congregatio de propaganda fidei. Deren zeitgenössisch moderne Institutionalisierung erfährt der mündige Bürgerkonsument (sc. -e B-in) allabendlich in den TV-news sowie in den vermeintlich auf Pluralismus - einer der zentralen Glaubenssätze der religio civilis - ausgerichteten Talkshows.
Zweifel an der Zivilreligion - sie sichert im demokratischen Staatswesen den Einklang zwischen den Regierenden und den Regierten oder umgekehrt die Identität zwischen dem Souverän der Theorie und dem Souverän der Praxis - sind unerwünscht, bei Rousseau gar bei Todesstrafe verboten. Über derlei Praxis sind wir in der Bundesrepublik Gottseidank seit 1948/49 hinaus.
Ganz ohne Zuchtinstrumente zur Befestigung der Glaubenstreue der Bürger und -innen kommt indes auch Merkels Bundesregierung nicht aus. Dies geschieht durch die Verbreitung von staatsbürgerlichem Optimismus: "Wir schaffen das!" Wer an derlei Dogmen zweifelt, verfällt der demokratischen Verachtung. Die Einsamkeit des von der moralischen Mehrheit mit Ausschluß Bestraften erkannte bereits Tocqueville in seinem Werk über die Demokratie in Amerika.
II.
In einer Anzeige in der Ausgabe des FAZ am 20. Juli 2016 - und mutmaßlich in manch anderen Blättern - verbreitete die Bundesregierung ihren Appell zu staatsbürgerlichem Optimismus in ungewohnt patriotischem Tonfall: "Deutschland kann das." Was Deutschland kann, ist "Integration, die allen hilft". Eine junge Frau, die einem angejahrten, immerhin noch lächelnden Herrn im Rollstuhl an Schulter und Unterarm faßt, lächelt den Leser an. Darunter der Text: "Siba Wardeh kümmert sich als ´Bufdi´ liebevoll um Senioren in Hof/Bayern. Pflegeheim-Leiterin Sabine Dippold freut sich über die Hilfe der jungen Syrerin. Die Bundesregierung fördert neue Stellen im Bundesfreiwilligendienst zur Integration von Flüchtlingen. Erfahren Sie mehr darüber und über das neue Integrationsgesetz: www.deutschland-kann-das.de"
Der Betrachter der Werbeanzeige bekennt gewisse Zweifel bezüglich der Festigkeit seiner Zivilreligion: Wer war der im Dienste der Bundesregierung knipsende Werbefotograf, welcher PR-Fritze hat sich einen solchen Werbetext ausgedacht? Wie gelingt es in der politisch korrekten Massendemokratie, Zynismus, Moral, Hypokrisie, ein peinliches Bild und peinliche Prosa werbetechnisch zu kombinieren? Um zu demonstrieren, wie geschmacklos Propaganda sein muß, um die Fragwürdigkeit von Politik, zuletzt Merkels verhängnisvolle Einladung an alle Welt, zu kaschieren? - Die PR-Abteilung der Bundesregierung glaubt anscheinend, sie könne das - mit den dafür im Budget ausgewiesenen Steuergeldern.
Freitag, 15. Juli 2016
14 Juillet: Säkularisten in der europäischen Zirkuskuppel ratlos
I.
Am gestrigen Abend, während des großen Feuerwerks auf der Promenade des Anglais in Nizza anläßlich des Festes der Großen menschheitsvereinenden Revolution, verkehrte ein 31jähriger Lkw-Fahrer, französischer citoyen nordafrikanischer Herkunft mit mutmaßlich spezifischen Glaubensüberzeugungen, den Nationalfeiertag am 14 Juillet in einen gedenkwürdigen Staatstrauertag. Von den allseits fälligen Solidaritäts- und Betroffenheitsbekundungen sei die Reaktion der deutschen Bundeskanzlerin, derzeit zu Staatsbesuchen und Gipfeltreffen im Fernen Osten, zitiert. Sie sprach für "alle Menschen in Deutschland", die zusammen "mit den Menschen in Frankreich" trauerten. Weiter: "Deutschland steht im Kampf gegen den [sc. begriffsneutralen] Terrorismus an der Seite Frankreichs, vereint mit vielen anderen." Ich bin sehr überzeugt, dass wir trotz aller Schwierigkeiten den Kampf gewinnen werden." (In Parenthese: Mit ähnlichen Worten eröffnete George W. Bush anno 2001 den "Krieg gegen den Terror mit allen bekannten Folgen.)
Merkel scheint wie stets, wenn schon sprachlich nicht sehr überzeugend, von ihrem politischen Agieren sehr überzeugt. Mit den Folgen ihrer Überzeugungen - "Wir schaffen das. Wir sind ein starkes Land" (dixit Merkel) - schlagen sich spätestens seit dem 5. September 2015 die deutschen Kommunen und die europäischen Nachbarn herum...
II.
Ebenfalls gestern, gewann eine Rechtsreferendarin muslimischen Glaubens vor dem Augsburger Verwaltungsgericht einen Rechtsstreit gegen den Freistaat Bayern, der das Tragen eines Kopftuches mit der Ausführung "hoheitlicher Tätigkeiten mit Außenwirkung" für unvereinbar erklärt hatte. Soweit das Urteil in der Presse zitiert wurde, ist daraus abzuleiten, dass der Dame nicht nur das Recht auf Vollendung ihrer juristischen Ausbildung, sondern auch der spätere Eintritt in den Staatsdienst nicht mehr zu verwehren sei. Denn, so die erfolgreiche Klägerin, es hänge alles doch nur von den Noten ab.
Aqilah Sandhu, gebürtig in Deutschland, beherrscht nicht nur das juristische Fachwissen fürs erste - und mutmaßlich auch fürs zweite - Staatsexamen, sondern- für bundesrepublikanische Integrationskonzepte unentbehrlich - auch den Jargon der Emanzipation: Musliminnen mit Kopftuch sollten "als vollwertige Persönlichkeiten, nicht als unterdrückte Wesen wahrgenommen werden, die für sich selbst sprechen und die nicht ferngesteuert sind." Die noch bestehenden staatlichen Einschränkungen bezüglich von Kopftuchträgerinnen beträfen "Frauen, die einen Beruf ergreifen wollen, die sich emanzipieren und auf eigenen Beinen stehen." (FAZ v. 15.07.2016, S.4).
Noch liegen der staatsdienlichen Karriere der kopftuchbewehrten Juristin ein paar Steine im Weg. Das bayerische Justizministerium hat Berufung gegen das Augsburger Urteil angekündigt. Falls der Freistaat in der Berufung obsiegen sollte, steht Aqilah (und ihren integrationspolitischen Förderern) noch ein längerer Weg durch die Instanzen - mutmaßlich bis nach Luxemburg - bevor. Derzeit setzt sie ihre Ausbildung zur Volljuristin als Referendarin im Auswärtigen Amt zu Berlin fort - mutmaßlich dank verständnisvoller Beamten (sc. -innen) aus der Ära Fischer (Joschka).
III.
Selbstverständlich haben wir aufgeklärten, kulturhistorisch bewanderten Bürger unseres säkularen Staates gelernt, begrifflich und inhaltlich sorgsam zu trennen zwischen der Religion des Propheten und den emotionalen Verirrungen seiner islamistischen Bekenner. Gewiss, dank endloser Wiederholung kennt man inzwischen den Text, auch einige Verfasser aus dem Olymp der Eliten und der "Zivilgesellschaft". Frei von Ironie sei konzediert, dass die Adepten von Al Quaida, IS und Nusra-Front, nicht zu vergessen einige Mullahs und deren Pasdaran, innerhalb der muslimischen Welt eine Minderheit darstellen, ja die Ausnahme bilden. Gleichwohl: Das Loblied auf die muslimische Toleranz im andalusischen Reich der Omajadaden klingt fern, allzu fern aus mittelalterlichen Zeiten, verfehlt überdies weithin die historische Wirklichkeit. (S. dazu etwa den Leserbrief "Die ganze Geschichte des Islams beachten" in der heutigen FAZ, 15.07.2016, S. 21, in Replik auf unkritische Stellungnahmen am 11.07.2016)
Das Grundproblem bezüglich der - soeben per Gesetz im Bundestag erneut bekräftigten - "Integration" - bleibt von der politisch korrekten Begriffsscheidung unberührt - und ungelöst: Wie gelingt es in den westlichen säkularen, religiös indifferenten, weithin offen atheistischen Gesellschaften mitsamt ihrem - existenziell eher dürftigen - zivilreligiösen, von Doppelmoral durchzogenem Überbau, eine wachsende Anzahl von "Migranten" mit grundsätzlich anderen, voraufklärerischen Glaubensvorstellungen und monistischen Überzeugungen - von allen sonstigen Kulturtraditionen abgesehen - in ihre vermeintlich universale, realiter spezifisch "westliche" Kultur einzubinden? Die von wohlmeinenden "Experten" oder Dialogpartnern besetzten "Diskurse" zum "interreligiösen Dialog" berühren selten die evidenten Phänomene kulturell-sozialer Differenz - von separat verfassten "Parallelgesellschaften" bis hin zu politischen Machtansprüchen diverser communities -, klammern insbesondere die Grundsatzproblematik aus:Wie kann der von existenzieller Sinnleere - materiell unter den Bedingungen der "Globalisierung", ideell im Zeichen der Postmoderne - gekennzeichnete "Westen" - das Abendland oder Europa - dem von ungebrochenem religiös-kulturellen Selbstbewusstsein geprägten Millionen Immigranten begegnen? Mit der Kampfansage gegen den "Terrorismus" und permanenten Proklamationen "unserer Werte" ist den Relitäten jedenfalls nicht beizukommen.
Dienstag, 5. Juli 2016
Politische Bildung mit Yahoo! (Forts.)
Dem Publikum ist meine an
eine Zwangsehe erinnernde e-mail & social media connection zu
Yahoo! bereits nachhaltig (!) bekannt. Aus ästhetischen Gründen und
moralischer Rücksicht auf die Reputation von Globkult stelle ich
meine Beziehung zu Yahoo! nicht auf der dortigen
Titelseite vor, sondern in aller gebotenen Zurückhaltung nur auf meinem
Blog.
Gleichwohl: Die auf Yahoo!
präsentierten news verdienen eine über Yahoo!-Nutzer/-innen/-xyz
hinausgehende breitere Aufmerksamkeit. Deshalb nachfolgend meine
heutigen Lesefrüchte in Schlagzeilen oder im Extrakt:
Unterhalb einer
Edeka-Reklame („Ran an den Grill!“) steht auf leuchtend rotem
Grund die besorgte „Eilmeldung: Ungarn will sich gegen
EU-Flüchtlingsquote stemmen“. Darunter kommen die mit Fotos
versehenen Flash-Meldungen des Tages: „Tweet von Justizminister
(darüber das Konterfei von Heiko Maas) begeistert DFB-Held. Während
Söder von der CSU ins Özil-Fettnäpfchen getreten ist, macht Maas
von der SPD alles richtig.“) Gut so. (Adnote zu deutscher
Rechtschreibung und Grammatik: Seit einiger Zeit fallen selbst in den Qualitätsmedien gewisse
Endungen nicht allein in Überschriften
weg. Beispiel: „Merkel ist sich mit dem Präsident Erdogan darin
einig, dass...“).
Es folgt die für alle Leser wichtige Frage:
"Wessen Frauenname ziert Özils Schuh?“ Sodann: „Nach heftiger
Kritik: Neumann redet Klartext.“ Neumann? Womöglich eine Politikerin? Will die Dame etwa die
Briten Mores lehren? In Parenthese: Für Elmar Brok („EU-Urgestein“
in Straßburg, CDU), so war gerade noch welt-online zu entnehmen, gibt es gar kein Problem, denn: das Mehrheitsvotum „Leave!“ der
Brexiteers gilt gar nicht. Es habe sich am am 23. Juni im UK um nichts anders gehandelt als um ein
„beratendes Referendum“. Richtig, so verfährt man als
überzeugter Verfechter der parlamentarischen Demokratie mit der vox
populi. Der Revolutionär
Thomas Jefferson, Sohn der Aufklärung, sah die Sache noch anders .
„The voice of the people ist the voice of God.“
Weiter mit Yahoo!
Deutschland: Gerade wird „die heißeste EM-Spielerfrau“
vorgestellt, schon flattern weitere Bilder und Meldungen vorbei: „So heiß ist
Fergie“. Fergie? - Fehlanzeige. Danach: „Dieses Sternzeichen gehen (sic!)
fremd“. Und wenn schon, auf den
Plural kommt es an! Danach eine andere Frage von Yahoo!
ans Publikum: „Übertreibt es
Heidi damit endlich?“. Heidi ? - Zur Beruhigung des Yahoo!-Konsumenten die nachfolgende Erfolgsmeldung: „Deutschland hat den
MacDonald´s der Zukunft“.
Dass die Republikaner Donald Trump nicht verhindern können/konnten und dadurch der ungeliebten Hillary zum Sieg verhelfen werden, ist die Meinung
selbst jener wohlgesitteten und wohlbetuchten amerikanischer citizens, die
gewöhnlich republikanisch wählen. Ähnlich empört zeigt sich
Yahoo! über Trumps
jüngste Rüpeleien: „US-Präsidentschaftskandidat Trump hat
Rivalin Hillary Clinton gleich doppelt und übelst beleidigt“.
Gleich doppelt und übelst – selbst in Berlin, wo inzwischen der
Wahlkampf für den September eingesetzt hat, geht es – ungeachtet
brennender Themen wie Rigaer Straße, Müllabfuhr, Fahrradwege und
Willkommensklassen – rein sprachlich gesehen weniger übel zu.
Freitag, 1. Juli 2016
Königgrätz: Notizen zu einem vergessenen Geschichtsdatum
I.
Wer in der Bundesrepublik Deutschland das Faktum konstatiert, dass sich - in Ergänzung zu politisch-permanenten Bekenntnissen zu dem gerade dank Brexit leicht erschütterten EU-Europa - die Pflege des historischen Selbstverständnisses des Landes auf die bilderreiche Erinnerung an die NS-Diktatur und die Nazi-Verbrechen reduziert, handelt sich Ärger ein. Gereizte Ablehnung seitens der Diskursverwaltung ist die mildeste Reaktion. Gefährlicher ist die damit einhergehende Suggestion, mit einer solchen - "natürlich völlig unzutreffenden" - Behauptung- solle der von den Deutschen exekutierte Zivilisationsbruch überspielt, ja verharmlost werden. Im übrigen könne von einem geschichtlichen Reduktionismus keine Rede sein.
In der Tat, es gibt Ausnahmen von der Regel. Das Gedenkjahr 2014 gehörte dazu, als Christopher Clark mit seinem ins Deutsche übersetzten Buch "The Sleepwalkers" unter den mit gewissen historischem Bildungsansprüchen Ausgestatteten Irritationen auslöste. Die Erschütterung des maßgeblich von Fritz Fischer 1959/1961 etablierten Geschichtsbildes der Bundesrepublik scheint mittlerweile überstanden. Unlängst hat Gerd Krumreich, der zuvor als gemäßigter Revisionist bezüglich 1914-18 und 1919 (Versailles) hervorgetreten war (s. http://herbert-ammon.blogspot.de/2014/07/kriegsschulddebatte-fortsgerd-krumeich.html), mit einer "Wieder lesen!" übertitelten Rezension in der FAZ (v.18.05.2016) einer von dem Clark-Antipoden John G.C.Röhl herausgegebenen Sammlung von Briefen Kurt Riezlers an seine Geliebte und spätere Frau Käthe Liebermann die durch Clark verschobene Perspektive wieder geradegerückt. Was Riezler aus dem im August/September 1914 - noch nach dem Rückzug an der Marne - von Siegeslaune und hochfliegenden Annexionsgelüsten beseelten kaiserlichen Hauptquartier berichtet, bestätige die aus dem "Septemberprogramm" abgeleiteten Fischer-Thesen. Der begründete Einwand, aus dem Septemberprogramm seien keine Rückschlüsse auf Ursprung und Verlauf der Julikrise 1914 zu ziehen, kommt in Krumreichs neuer (oder älteren) Sicht der Dinge nicht mehr vor.
II.
Die jüngste Ausnahme von der Regel ist die Erinnerung an ein in der Bundesrepublik gänzlich vergessenes Geschichtsdatum: an das Jahr 1866, genauer: an die Schlacht bei Königgrätz am 3. Juli 1866. Progammatisch betitelt Die Zeit (Nr.28/30.06.2016) einen lesenswerten Aufsatz von Hilmar Sack mit "Ein deutscher Vernichtungskrieg". Ging es auf preußischer und österreichischer Seite um einen klassischen Machtkonflikt der rivalisierenden Hegemonialmächte im Deutschen Bund, so wurden in der "öffentlichen Meinung" ideologisch-religiöse Schlachten geschlagen: Auf beiden Seiten beschwor man die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg. In Preußen - die Ausnahme bildeten die altpreußischen Konservativen - ging es um den nachzuholenden Sieg der protestantischen Sache, in Österreich entdeckte man die alte katholisch-universal gefärbte Reichsidee wieder und warnte vor dem "Bruderkrieg". Die Nationalbewegung war seit 1848/49 gespalten, die bürgerlichen Liberalen neigten mehrheitlich zu Preußen, die großdeutschen Demokraten eher zu Österreich - dies zur Ergänzung.
Leicht befremdlich, von altbundesrepublikanischen Urteilen über den preußisch-deutschen Nationalstaat und dessen Verfehlungen geprägt, wirken Sacks Wertungen bezüglich der von "Tragikstolz" und nationalen Minderwertigkeitsfgefühlen, Nostalgie und Hybris insprierten Nationalbewegung: "Hier zeigt sich, wie nachhaltig sich die Erfahrungen extremer Gewalt und nicht verarbeiteter Schuld (sic! - Nonsens, H.A.) auf die politische Kultur in der nationalen Findungsphase auswirkten. Das offenbart insbesondere die konfessionelle Intonation der Kriegsauslegung." Die Kritik des Autors zielt auf die "erstaunliche religiöse Überfrachtung der Auseinandersetzung zwischen Österreich und Preußen". Daran knüpft er einen pädagogisch-kritisch gemeinten Schlußsatz: "Diesem Befund sollten wir uns gerade in heutiger Zeit stellen, da wir nicht selten mit einer Attitüde kultureller Überlegenheit auf andere Religionen und Weltregionen schauen." - Gewiß, Hybris ist unangebracht, nicht aber ein nüchterner Blick auf die real existierenden kulturellen Unterschiede und deren politische Manifestationen...
III.
In Kontrast zu dem skizzierten FAZ-Artikel entdeckt der aus dem Süddeutschen stammende Historiker und Publizist Eberhard Straub in seinem Aufsatz über den "Scheidungskrieg" (in der "Jungen Freiheit" nr. 27/01.07.2016, S.19) in der durch den "deutschen Bruderkrieg" revolutionierten mitteleuropäischen Geschichtslandschaft mancherlei ansprechende Züge. Dank Bismarcks auf Ausgleich mit dem besiegten Österreich bedachten Politik sei ein geradezu idealer Zustand begründet worden, in dem der Wechselbezug der Deutschen im neuen kleindeutschen Reich und der Deutschen im Vielvölkerstaat der Donaumonarchie eine kulturell ungemein fruchtbare Epoche hervorgebracht habe. Die auf ganz Europa ausstrahlende politisch-kulturelle Symbiose sei 1914 erschüttert worden, habe antithetisch - aufgespalten in (groß-)deutsch an Kant, Hegel und Marx geschulte Sozialisten und in einer älteren deutschen Reichsidee verpflichtete Legitimisten und/oder ständestaatlich orientierte Katholiken - noch nach dem Ende des Habsburgerreichs fortgewirkt. Ein Historiker wie Straub weiß, was hierzulande immer weniger - weniger als in der rot-weiß-roten Republik - wissen: Erst "nach 1945 schieden sich endgültig Deutsche und Österreicher".
Über die Österreicher von heute schreibt Straub: "Sie sind Österreicher ohne Heimweh nach einer fernen Geschichte, nicht einmal nach der Geschichte der Donaumonarchie. Sie genießen in ihren Bundesländern die Welt als Heimat. Denken sie sich an Feiertagen ins Weite, dann mit freundlichen Redensarten vom Westen und ´unserer´ europäischen ´Wertegemeinschaft´. Darin gleichen sie den Deutschen als Westdeutschen wie ein Zwilling."
Straub fährt fort: "Deutschland wiederum kommt sich sehr mondän vor, weltoffen und welthaltig. Doch es ist endgültig als Westdeutschland Provinz geworden. Mitteleuropa fehlt und wird nicht einmal vermißt. Die Deutschen schmoren im eigenen Saft, schecht gelaunt oder vorlaut, meist beides zur gleichen Zeit. Sie haben kein Hinterland mehr wie einst zusammen mit Österreich-Ungarn. Sie sind zu Fremden in Mitteleuropa, in Europa überhaupt geworden, seit sie etwas sein wollen, was sie nie waren, nämlich Westeuropäer und nur noch Westdeutsche." Treffender läßt sich der Bewußtseinszustand der Bundesrepublik nicht beschreiben. Auf historische Herausforderungen, die im Gefolge der Brexit-, EU- und Immigrationskrise unweigerlich auf sie zukommen, sind die Westdeutschen nicht vorbereitet.
Wer in der Bundesrepublik Deutschland das Faktum konstatiert, dass sich - in Ergänzung zu politisch-permanenten Bekenntnissen zu dem gerade dank Brexit leicht erschütterten EU-Europa - die Pflege des historischen Selbstverständnisses des Landes auf die bilderreiche Erinnerung an die NS-Diktatur und die Nazi-Verbrechen reduziert, handelt sich Ärger ein. Gereizte Ablehnung seitens der Diskursverwaltung ist die mildeste Reaktion. Gefährlicher ist die damit einhergehende Suggestion, mit einer solchen - "natürlich völlig unzutreffenden" - Behauptung- solle der von den Deutschen exekutierte Zivilisationsbruch überspielt, ja verharmlost werden. Im übrigen könne von einem geschichtlichen Reduktionismus keine Rede sein.
In der Tat, es gibt Ausnahmen von der Regel. Das Gedenkjahr 2014 gehörte dazu, als Christopher Clark mit seinem ins Deutsche übersetzten Buch "The Sleepwalkers" unter den mit gewissen historischem Bildungsansprüchen Ausgestatteten Irritationen auslöste. Die Erschütterung des maßgeblich von Fritz Fischer 1959/1961 etablierten Geschichtsbildes der Bundesrepublik scheint mittlerweile überstanden. Unlängst hat Gerd Krumreich, der zuvor als gemäßigter Revisionist bezüglich 1914-18 und 1919 (Versailles) hervorgetreten war (s. http://herbert-ammon.blogspot.de/2014/07/kriegsschulddebatte-fortsgerd-krumeich.html), mit einer "Wieder lesen!" übertitelten Rezension in der FAZ (v.18.05.2016) einer von dem Clark-Antipoden John G.C.Röhl herausgegebenen Sammlung von Briefen Kurt Riezlers an seine Geliebte und spätere Frau Käthe Liebermann die durch Clark verschobene Perspektive wieder geradegerückt. Was Riezler aus dem im August/September 1914 - noch nach dem Rückzug an der Marne - von Siegeslaune und hochfliegenden Annexionsgelüsten beseelten kaiserlichen Hauptquartier berichtet, bestätige die aus dem "Septemberprogramm" abgeleiteten Fischer-Thesen. Der begründete Einwand, aus dem Septemberprogramm seien keine Rückschlüsse auf Ursprung und Verlauf der Julikrise 1914 zu ziehen, kommt in Krumreichs neuer (oder älteren) Sicht der Dinge nicht mehr vor.
II.
Die jüngste Ausnahme von der Regel ist die Erinnerung an ein in der Bundesrepublik gänzlich vergessenes Geschichtsdatum: an das Jahr 1866, genauer: an die Schlacht bei Königgrätz am 3. Juli 1866. Progammatisch betitelt Die Zeit (Nr.28/30.06.2016) einen lesenswerten Aufsatz von Hilmar Sack mit "Ein deutscher Vernichtungskrieg". Ging es auf preußischer und österreichischer Seite um einen klassischen Machtkonflikt der rivalisierenden Hegemonialmächte im Deutschen Bund, so wurden in der "öffentlichen Meinung" ideologisch-religiöse Schlachten geschlagen: Auf beiden Seiten beschwor man die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg. In Preußen - die Ausnahme bildeten die altpreußischen Konservativen - ging es um den nachzuholenden Sieg der protestantischen Sache, in Österreich entdeckte man die alte katholisch-universal gefärbte Reichsidee wieder und warnte vor dem "Bruderkrieg". Die Nationalbewegung war seit 1848/49 gespalten, die bürgerlichen Liberalen neigten mehrheitlich zu Preußen, die großdeutschen Demokraten eher zu Österreich - dies zur Ergänzung.
Leicht befremdlich, von altbundesrepublikanischen Urteilen über den preußisch-deutschen Nationalstaat und dessen Verfehlungen geprägt, wirken Sacks Wertungen bezüglich der von "Tragikstolz" und nationalen Minderwertigkeitsfgefühlen, Nostalgie und Hybris insprierten Nationalbewegung: "Hier zeigt sich, wie nachhaltig sich die Erfahrungen extremer Gewalt und nicht verarbeiteter Schuld (sic! - Nonsens, H.A.) auf die politische Kultur in der nationalen Findungsphase auswirkten. Das offenbart insbesondere die konfessionelle Intonation der Kriegsauslegung." Die Kritik des Autors zielt auf die "erstaunliche religiöse Überfrachtung der Auseinandersetzung zwischen Österreich und Preußen". Daran knüpft er einen pädagogisch-kritisch gemeinten Schlußsatz: "Diesem Befund sollten wir uns gerade in heutiger Zeit stellen, da wir nicht selten mit einer Attitüde kultureller Überlegenheit auf andere Religionen und Weltregionen schauen." - Gewiß, Hybris ist unangebracht, nicht aber ein nüchterner Blick auf die real existierenden kulturellen Unterschiede und deren politische Manifestationen...
III.
In Kontrast zu dem skizzierten FAZ-Artikel entdeckt der aus dem Süddeutschen stammende Historiker und Publizist Eberhard Straub in seinem Aufsatz über den "Scheidungskrieg" (in der "Jungen Freiheit" nr. 27/01.07.2016, S.19) in der durch den "deutschen Bruderkrieg" revolutionierten mitteleuropäischen Geschichtslandschaft mancherlei ansprechende Züge. Dank Bismarcks auf Ausgleich mit dem besiegten Österreich bedachten Politik sei ein geradezu idealer Zustand begründet worden, in dem der Wechselbezug der Deutschen im neuen kleindeutschen Reich und der Deutschen im Vielvölkerstaat der Donaumonarchie eine kulturell ungemein fruchtbare Epoche hervorgebracht habe. Die auf ganz Europa ausstrahlende politisch-kulturelle Symbiose sei 1914 erschüttert worden, habe antithetisch - aufgespalten in (groß-)deutsch an Kant, Hegel und Marx geschulte Sozialisten und in einer älteren deutschen Reichsidee verpflichtete Legitimisten und/oder ständestaatlich orientierte Katholiken - noch nach dem Ende des Habsburgerreichs fortgewirkt. Ein Historiker wie Straub weiß, was hierzulande immer weniger - weniger als in der rot-weiß-roten Republik - wissen: Erst "nach 1945 schieden sich endgültig Deutsche und Österreicher".
Über die Österreicher von heute schreibt Straub: "Sie sind Österreicher ohne Heimweh nach einer fernen Geschichte, nicht einmal nach der Geschichte der Donaumonarchie. Sie genießen in ihren Bundesländern die Welt als Heimat. Denken sie sich an Feiertagen ins Weite, dann mit freundlichen Redensarten vom Westen und ´unserer´ europäischen ´Wertegemeinschaft´. Darin gleichen sie den Deutschen als Westdeutschen wie ein Zwilling."
Straub fährt fort: "Deutschland wiederum kommt sich sehr mondän vor, weltoffen und welthaltig. Doch es ist endgültig als Westdeutschland Provinz geworden. Mitteleuropa fehlt und wird nicht einmal vermißt. Die Deutschen schmoren im eigenen Saft, schecht gelaunt oder vorlaut, meist beides zur gleichen Zeit. Sie haben kein Hinterland mehr wie einst zusammen mit Österreich-Ungarn. Sie sind zu Fremden in Mitteleuropa, in Europa überhaupt geworden, seit sie etwas sein wollen, was sie nie waren, nämlich Westeuropäer und nur noch Westdeutsche." Treffender läßt sich der Bewußtseinszustand der Bundesrepublik nicht beschreiben. Auf historische Herausforderungen, die im Gefolge der Brexit-, EU- und Immigrationskrise unweigerlich auf sie zukommen, sind die Westdeutschen nicht vorbereitet.
Donnerstag, 23. Juni 2016
22. Juni: Gedenken vor dem Sowjetischen Ehrenmal
I.
Der Deutsche Bundestag, sonst um große Gesten nicht verlegen, verzichtete gestern - aus offenkundig tagespolitischen Gründen - auf eine offizielle Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag des 22. Juni 1941. Es war das Datum, an dem Hitler den Krieg gegen die Sowjetunion unter seinem bisherigen Verbündeten Stalin eröffnete. In den Motiven des NS-Diktators vermengten sich die militärisch-strategischen Zielsetzungen - er steckte seit Mitte 1940 in der Napoleon-Falle - mit rassenideologischen Vorstellungen, die nicht erst uns Nachgeborenen nicht allein als zutiefst unmenschlich, sondern als wahnhaft erscheinen.
Wie von Hitler in einer Rede Ende März 1941 vor willfährigen Generälen der Wehrmacht angekündigt, wurde der Krieg von Anbeginn auf eine Weise geführt, die den von Clausewitz her bekannten Begriff des "Vernichtungskrieges" sprengt. Nach zuletzt unter Präsident Michail Gorbatschow in den 1980er Jahren fundiert geschätzten Zahlen kamen unter den Völkern der Sowjetunion im "Großen Vaterländischen Krieg" an die 27 Millionen Menschen ums Leben. War der deutsche nationalsozialistische Diktator der befehlsgebende Urheber des alsbald ungehemmten Tötens, Ausplündern und Mordens, so tragen die Deutschen als Volk und Nation die historische Verantwortung für jenes millionenfache Leiden und Sterben, das mit Hitlers "Rußlandfeldzug" über Stalins Sowjetunion hereinbrach.
Bereits in den 1950er Jahren fanden Szenen der Versöhnung zwischen den vermeintlich tödlich verfeindeten Völkern statt, so am 21. August 1955, als 80 000 Zuschauer im Moskauer Stadium bei einem Fußballspiel die westdeutsche Weltmeister-Elf bejubelten, sodann knapp drei Wochen später, als Bundeskanzler Adenauer bei seinem Besuch in Moskau 1955 auf dem Balkon des Bolschoi-Theaters den Ministerpräsidenten Nikolai Bulganin umarmte. Deutsche, die seither - noch Jahrzehnte vor dem Mauerfall - die Sowjetunion besuchten oder bereisten, zeigten sich immer wieder überrascht und beeindruckt, wie wenig Haß, sondern freundliche, ja herzliche Gefühle man ihnen bei ihren Begegnungen im Sowjetreich entgegenbrachte.
II.
Bundeskanzlerin Angela Merkel, bekannt als Moral- und Gedenkpolitikerin, fehlte bei den Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag des Angriffs auf die Sowjetunion. Immerhin hielt Bundestagspräsident Lammert im Rahmen einer vom Deutsch-Russischen Museum in Berlin Karlshorst angesetzten Gedenkfeier eine Rede im Innenhof des Deutschen Historischen Museums. Zur Erinnerung: Es handelt sich um den Ort, an dem anno 1943 einer der zahlreichen Attentatsversuche auf den Führer ins Verderben scheiterte.
Eine - cum grano salis, s.u. - eindrucksvolle Gedenkveranstaltung fand vor dem sowjetischen Ehrenmal auf der Straße des 17. Juni statt. Vor dem Ehrenmal mit dem siegreichen Sowjetsoldaten hatte sich eine Anzahl von Aktivisten der "neuen Friedensbewegung" mit Transparenten samt übergroßen Friedenstauben, die gegen die von der NATO ausgehenden Kriegsgefahr die deutsch-russische Friedensallianz beschworen, aufgestellt. Zu sehen waren auch zwei, drei rote Fahnen mit Hammer und Sichel sowie ein Endfünfziger mit einer großen Fahne des zum "Bund der AntifaschistInnen" erweiterten VVN. Ein Mittfünfziger dokumentierte antifaschistische Gesinnung auf seiner Lederjacke durch Zugehörigkeit zu dem mit Sowjetstern verzierten "Motorrad-Club Kuhle Wampe". Die Zahl der Teilnehmer, bis auf ein paar zufällig anwesende jugendliche Touristen (oder auch Neubürger?) allesamt bereits ergraut, war überschaubar, nach grober Schätzung max. 1500 bis 2000. Allein beim Anblick der Veteranenversammlung drängte sich die Frage auf, wie die postnationale Bundesrepublik als Einwanderungsland künftighin ihre spezifisch nationale Erinnerungskultur zu pflegen gedenkt. (S.dazu u.a. http://www.globkult.de/politik/deutschland/985-fragen-zu-deutschem-gedenken-unter-den-bedingungen-einer-neuen-gesellschaft ; http://herbert-ammon.blogspot.de/2015/10/zur-deutschen-jubelfeier-am-3-oktober.html )
Die Veranstaltung - mit dem sich auf der Fußball-"Fanmeile" unentwegt drehenden Riesenrad als alles überragender Kulisse - war offenbar einer SPD-Initiative zu verdanken, denn im Tribünenhintergrund standen auf rotem Grund unter dem Motto "Befreiung - Frieden - Versöhnung" die Parteiinitialen. Unter den Anwesenden befanden sich der frühere Regierende Bürgermeister Walter Momper sowie der Rußland-Experte Gernot Erler.
In ihrer Eröffnungsansprache begrüßte die einstige Grünen-Politikerin Antje Vollmer unter den Anwesenden die - offenbar spärlich erschienenen - Bundestagsabgeordneten (ohne Partei- und Namensnennung). Danach forderte Günter Morsch, Gedenkstellenleiter in Sachsenhausen-Oranienburg, zur Unterstützung einer Initiative auf, die sich die Errichtung eines im Gedenkensemble am Rande des Tiergartens noch ausstehenden deutschen Mahnmals zur Erinnerung an die sowjetischen Opfer des deutschen Vernichtungskrieges zum Ziel gesetzt hat.
III.
Was die Veranstaltung erinnernswert macht, war die Rede des fast neunzigjährigen Erhart Eppler. Er sah es als seine Pflicht zu sprechen, "nicht für seine Partei, nicht für die Kirche oder einen Verein", sondern für sich allein, als einer der letzten der Kriegsgeneration - und für seine Urenkel. In den letzten Kriegstagen erfuhr Eppler als siebzehnjähriger Flakhelfer aus dem Munde von älteren Obergefreiten, alles andere als fanatische Nazis, die grauenvolle Wirklichkeit des Rußlandkrieges. Im Winter 1941 hätten sie ein paar sowjetische Gefangene kurzerhand erschossen, um an deren wärmende Filzstiefel heranzukommen. Diese Erzählung habe ihn sein Leben lang verfolgt."Wer solche und allzu ähnliche Geschichten mit sich herumträgt, kommt nie in die Versuchung, über Russen aus der Position moralischer Überlegenheit zu reden. Aber genau dies ist wieder Mode geworden."
Epplers politisches Ethos, sein friedenspolitischer Appell entsprang stets einer - von heutigen angegrünten Jüngeren als befremdlich befundene, wenn nicht degoutiert zurückgewiesene - patriotischen Leidenschaft, frei vom geringsten Anschein von Nationalismus. In seiner Rede warnte er vor einer Zukunft, in der Deutschland und die EU nichts anderes mehr darstellten als "einen amerikanischen Brückenkopf" im Konflikt mit einem russisch-chinesischen Zweckbündnis. Ungeachtet der russischen Völkerrechtsverletzung bei der Annexion der Krim müsse man endlich mit Putins Rußland, einem europäischen Land, das "gemeinsame Haus Europa" errichten und bewahren. Im übrigen habe auch Michail Gorbatschow, der "uns Deutschen die Einheit geschenkt hat", erklärt, er hätte in der Ukraine-Krise und in der Krimfrage nicht anders gehandelt als Putin. Nichts sei für uns Deutsche so dringlich wie eine - wenn auch in schwierigem Einklang mit Polen und der Ukraine anzustrebende - Politik des Friedens und der Freundschaft mit Rußland.
Wäre der physisch ungebrochen wirkende Eppler noch aktiv als Teilnehmer im Spiel der bundesrepublikanischen classe politique, er hätte an "wertorientierten" Feindinnen und Feinden keinen Mangel. Wer sich hierzulande besorgt an die Zukunft seiner Kinder, Enkel oder Urenkel - und an das eigene Land - denkt, hängt nach herrschender opinio "rechten" Vorstellungen nach.
IV.
Zum Abschluß der Gedenkveranstaltung hatte der Hanns-Eisler-Chor seinen Auftritt. Die gesanglichen Darbietungen sowie eine Brecht-Rezitation entstammten dem Repertoire des patentierten Antifaschismus der - dank Gorbatschow - historisch entschwundenen DDR. Die der Sakralmusik entlehnten politisch-religiösen Hymnen mögen für die eigenen Ohren feierlich, für andere antiquiert sentimental klingen. Weniger Nachsicht verdienen die alten, in stampfendem Marschrhythmus vorgetragenen Kampfgesänge. Deren Lautstärke nach zu urteilen, scheint die Frage, inwieweit Theorie und Praxis des revolutionären Klassenkampfes zu Weimarer Zeiten Aufstieg und Machtergreifung des NS-Faschismus beförderten, das gute (und bessere) Gewissen der - gleichfalls bereits grauhaarigen - Choristen nicht zu beunruhigen. Denkbar immerhin, dass einige der Sänger und -innen zuweilen der Frage nachhängen, warum die proletarischen Klassenkämpfer anno 1941 - mit geringen Ausnahmen - bereitwillig und/oder gehorsam in Hitlers Vernichtungskrieg gegen Rußland mitzogen.
Der Deutsche Bundestag, sonst um große Gesten nicht verlegen, verzichtete gestern - aus offenkundig tagespolitischen Gründen - auf eine offizielle Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag des 22. Juni 1941. Es war das Datum, an dem Hitler den Krieg gegen die Sowjetunion unter seinem bisherigen Verbündeten Stalin eröffnete. In den Motiven des NS-Diktators vermengten sich die militärisch-strategischen Zielsetzungen - er steckte seit Mitte 1940 in der Napoleon-Falle - mit rassenideologischen Vorstellungen, die nicht erst uns Nachgeborenen nicht allein als zutiefst unmenschlich, sondern als wahnhaft erscheinen.
Wie von Hitler in einer Rede Ende März 1941 vor willfährigen Generälen der Wehrmacht angekündigt, wurde der Krieg von Anbeginn auf eine Weise geführt, die den von Clausewitz her bekannten Begriff des "Vernichtungskrieges" sprengt. Nach zuletzt unter Präsident Michail Gorbatschow in den 1980er Jahren fundiert geschätzten Zahlen kamen unter den Völkern der Sowjetunion im "Großen Vaterländischen Krieg" an die 27 Millionen Menschen ums Leben. War der deutsche nationalsozialistische Diktator der befehlsgebende Urheber des alsbald ungehemmten Tötens, Ausplündern und Mordens, so tragen die Deutschen als Volk und Nation die historische Verantwortung für jenes millionenfache Leiden und Sterben, das mit Hitlers "Rußlandfeldzug" über Stalins Sowjetunion hereinbrach.
Bereits in den 1950er Jahren fanden Szenen der Versöhnung zwischen den vermeintlich tödlich verfeindeten Völkern statt, so am 21. August 1955, als 80 000 Zuschauer im Moskauer Stadium bei einem Fußballspiel die westdeutsche Weltmeister-Elf bejubelten, sodann knapp drei Wochen später, als Bundeskanzler Adenauer bei seinem Besuch in Moskau 1955 auf dem Balkon des Bolschoi-Theaters den Ministerpräsidenten Nikolai Bulganin umarmte. Deutsche, die seither - noch Jahrzehnte vor dem Mauerfall - die Sowjetunion besuchten oder bereisten, zeigten sich immer wieder überrascht und beeindruckt, wie wenig Haß, sondern freundliche, ja herzliche Gefühle man ihnen bei ihren Begegnungen im Sowjetreich entgegenbrachte.
II.
Bundeskanzlerin Angela Merkel, bekannt als Moral- und Gedenkpolitikerin, fehlte bei den Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag des Angriffs auf die Sowjetunion. Immerhin hielt Bundestagspräsident Lammert im Rahmen einer vom Deutsch-Russischen Museum in Berlin Karlshorst angesetzten Gedenkfeier eine Rede im Innenhof des Deutschen Historischen Museums. Zur Erinnerung: Es handelt sich um den Ort, an dem anno 1943 einer der zahlreichen Attentatsversuche auf den Führer ins Verderben scheiterte.
Eine - cum grano salis, s.u. - eindrucksvolle Gedenkveranstaltung fand vor dem sowjetischen Ehrenmal auf der Straße des 17. Juni statt. Vor dem Ehrenmal mit dem siegreichen Sowjetsoldaten hatte sich eine Anzahl von Aktivisten der "neuen Friedensbewegung" mit Transparenten samt übergroßen Friedenstauben, die gegen die von der NATO ausgehenden Kriegsgefahr die deutsch-russische Friedensallianz beschworen, aufgestellt. Zu sehen waren auch zwei, drei rote Fahnen mit Hammer und Sichel sowie ein Endfünfziger mit einer großen Fahne des zum "Bund der AntifaschistInnen" erweiterten VVN. Ein Mittfünfziger dokumentierte antifaschistische Gesinnung auf seiner Lederjacke durch Zugehörigkeit zu dem mit Sowjetstern verzierten "Motorrad-Club Kuhle Wampe". Die Zahl der Teilnehmer, bis auf ein paar zufällig anwesende jugendliche Touristen (oder auch Neubürger?) allesamt bereits ergraut, war überschaubar, nach grober Schätzung max. 1500 bis 2000. Allein beim Anblick der Veteranenversammlung drängte sich die Frage auf, wie die postnationale Bundesrepublik als Einwanderungsland künftighin ihre spezifisch nationale Erinnerungskultur zu pflegen gedenkt. (S.dazu u.a. http://www.globkult.de/politik/deutschland/985-fragen-zu-deutschem-gedenken-unter-den-bedingungen-einer-neuen-gesellschaft ; http://herbert-ammon.blogspot.de/2015/10/zur-deutschen-jubelfeier-am-3-oktober.html )
Die Veranstaltung - mit dem sich auf der Fußball-"Fanmeile" unentwegt drehenden Riesenrad als alles überragender Kulisse - war offenbar einer SPD-Initiative zu verdanken, denn im Tribünenhintergrund standen auf rotem Grund unter dem Motto "Befreiung - Frieden - Versöhnung" die Parteiinitialen. Unter den Anwesenden befanden sich der frühere Regierende Bürgermeister Walter Momper sowie der Rußland-Experte Gernot Erler.
In ihrer Eröffnungsansprache begrüßte die einstige Grünen-Politikerin Antje Vollmer unter den Anwesenden die - offenbar spärlich erschienenen - Bundestagsabgeordneten (ohne Partei- und Namensnennung). Danach forderte Günter Morsch, Gedenkstellenleiter in Sachsenhausen-Oranienburg, zur Unterstützung einer Initiative auf, die sich die Errichtung eines im Gedenkensemble am Rande des Tiergartens noch ausstehenden deutschen Mahnmals zur Erinnerung an die sowjetischen Opfer des deutschen Vernichtungskrieges zum Ziel gesetzt hat.
III.
Was die Veranstaltung erinnernswert macht, war die Rede des fast neunzigjährigen Erhart Eppler. Er sah es als seine Pflicht zu sprechen, "nicht für seine Partei, nicht für die Kirche oder einen Verein", sondern für sich allein, als einer der letzten der Kriegsgeneration - und für seine Urenkel. In den letzten Kriegstagen erfuhr Eppler als siebzehnjähriger Flakhelfer aus dem Munde von älteren Obergefreiten, alles andere als fanatische Nazis, die grauenvolle Wirklichkeit des Rußlandkrieges. Im Winter 1941 hätten sie ein paar sowjetische Gefangene kurzerhand erschossen, um an deren wärmende Filzstiefel heranzukommen. Diese Erzählung habe ihn sein Leben lang verfolgt."Wer solche und allzu ähnliche Geschichten mit sich herumträgt, kommt nie in die Versuchung, über Russen aus der Position moralischer Überlegenheit zu reden. Aber genau dies ist wieder Mode geworden."
Epplers politisches Ethos, sein friedenspolitischer Appell entsprang stets einer - von heutigen angegrünten Jüngeren als befremdlich befundene, wenn nicht degoutiert zurückgewiesene - patriotischen Leidenschaft, frei vom geringsten Anschein von Nationalismus. In seiner Rede warnte er vor einer Zukunft, in der Deutschland und die EU nichts anderes mehr darstellten als "einen amerikanischen Brückenkopf" im Konflikt mit einem russisch-chinesischen Zweckbündnis. Ungeachtet der russischen Völkerrechtsverletzung bei der Annexion der Krim müsse man endlich mit Putins Rußland, einem europäischen Land, das "gemeinsame Haus Europa" errichten und bewahren. Im übrigen habe auch Michail Gorbatschow, der "uns Deutschen die Einheit geschenkt hat", erklärt, er hätte in der Ukraine-Krise und in der Krimfrage nicht anders gehandelt als Putin. Nichts sei für uns Deutsche so dringlich wie eine - wenn auch in schwierigem Einklang mit Polen und der Ukraine anzustrebende - Politik des Friedens und der Freundschaft mit Rußland.
Wäre der physisch ungebrochen wirkende Eppler noch aktiv als Teilnehmer im Spiel der bundesrepublikanischen classe politique, er hätte an "wertorientierten" Feindinnen und Feinden keinen Mangel. Wer sich hierzulande besorgt an die Zukunft seiner Kinder, Enkel oder Urenkel - und an das eigene Land - denkt, hängt nach herrschender opinio "rechten" Vorstellungen nach.
IV.
Zum Abschluß der Gedenkveranstaltung hatte der Hanns-Eisler-Chor seinen Auftritt. Die gesanglichen Darbietungen sowie eine Brecht-Rezitation entstammten dem Repertoire des patentierten Antifaschismus der - dank Gorbatschow - historisch entschwundenen DDR. Die der Sakralmusik entlehnten politisch-religiösen Hymnen mögen für die eigenen Ohren feierlich, für andere antiquiert sentimental klingen. Weniger Nachsicht verdienen die alten, in stampfendem Marschrhythmus vorgetragenen Kampfgesänge. Deren Lautstärke nach zu urteilen, scheint die Frage, inwieweit Theorie und Praxis des revolutionären Klassenkampfes zu Weimarer Zeiten Aufstieg und Machtergreifung des NS-Faschismus beförderten, das gute (und bessere) Gewissen der - gleichfalls bereits grauhaarigen - Choristen nicht zu beunruhigen. Denkbar immerhin, dass einige der Sänger und -innen zuweilen der Frage nachhängen, warum die proletarischen Klassenkämpfer anno 1941 - mit geringen Ausnahmen - bereitwillig und/oder gehorsam in Hitlers Vernichtungskrieg gegen Rußland mitzogen.
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