Freitag, 1. Juli 2016

Königgrätz: Notizen zu einem vergessenen Geschichtsdatum

I.
Wer in der Bundesrepublik Deutschland das Faktum konstatiert, dass sich - in Ergänzung zu politisch-permanenten Bekenntnissen zu dem gerade dank Brexit leicht erschütterten EU-Europa - die Pflege des historischen Selbstverständnisses des Landes auf die bilderreiche Erinnerung an die NS-Diktatur und die  Nazi-Verbrechen reduziert, handelt sich Ärger ein. Gereizte Ablehnung seitens der Diskursverwaltung ist die mildeste Reaktion. Gefährlicher ist die damit  einhergehende Suggestion, mit einer solchen - "natürlich völlig unzutreffenden" - Behauptung- solle der von den Deutschen exekutierte Zivilisationsbruch überspielt, ja verharmlost werden. Im übrigen könne von einem geschichtlichen Reduktionismus keine Rede sein.

In der Tat, es gibt Ausnahmen von der Regel. Das Gedenkjahr 2014 gehörte dazu, als Christopher Clark mit seinem ins Deutsche übersetzten Buch "The Sleepwalkers" unter den mit gewissen historischem Bildungsansprüchen Ausgestatteten Irritationen auslöste. Die Erschütterung des maßgeblich von Fritz Fischer 1959/1961 etablierten Geschichtsbildes der Bundesrepublik scheint mittlerweile überstanden. Unlängst hat Gerd Krumreich, der zuvor als gemäßigter Revisionist bezüglich 1914-18 und 1919 (Versailles) hervorgetreten war (s. http://herbert-ammon.blogspot.de/2014/07/kriegsschulddebatte-fortsgerd-krumeich.html),  mit einer "Wieder lesen!" übertitelten Rezension in der FAZ (v.18.05.2016) einer von dem Clark-Antipoden John G.C.Röhl herausgegebenen Sammlung von Briefen Kurt Riezlers an seine Geliebte und spätere Frau Käthe Liebermann die durch Clark verschobene Perspektive wieder geradegerückt. Was Riezler aus dem im August/September 1914  - noch nach dem Rückzug an der Marne -   von Siegeslaune  und  hochfliegenden Annexionsgelüsten beseelten kaiserlichen Hauptquartier berichtet, bestätige die aus dem "Septemberprogramm"  abgeleiteten Fischer-Thesen. Der begründete Einwand, aus dem Septemberprogramm seien keine Rückschlüsse auf Ursprung und Verlauf der Julikrise 1914 zu ziehen, kommt in Krumreichs neuer (oder älteren) Sicht der Dinge nicht mehr vor.

II.
Die jüngste Ausnahme von der Regel ist die Erinnerung an ein in der Bundesrepublik gänzlich vergessenes Geschichtsdatum: an das Jahr 1866, genauer: an die Schlacht bei Königgrätz am 3. Juli 1866.  Progammatisch betitelt Die Zeit (Nr.28/30.06.2016) einen lesenswerten Aufsatz von Hilmar Sack mit "Ein deutscher Vernichtungskrieg". Ging es auf preußischer und österreichischer Seite um einen  klassischen Machtkonflikt der rivalisierenden Hegemonialmächte im Deutschen Bund, so wurden in der "öffentlichen Meinung"  ideologisch-religiöse Schlachten geschlagen: Auf beiden Seiten beschwor man die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg. In Preußen  - die Ausnahme bildeten die altpreußischen Konservativen - ging es  um den nachzuholenden Sieg der protestantischen Sache, in Österreich entdeckte man die alte katholisch-universal gefärbte Reichsidee wieder und warnte vor dem "Bruderkrieg". Die  Nationalbewegung war seit 1848/49 gespalten, die bürgerlichen Liberalen neigten mehrheitlich zu Preußen, die großdeutschen Demokraten eher zu Österreich - dies zur Ergänzung. 

Leicht befremdlich, von altbundesrepublikanischen Urteilen über den  preußisch-deutschen Nationalstaat und dessen Verfehlungen geprägt, wirken Sacks Wertungen bezüglich der von "Tragikstolz" und nationalen Minderwertigkeitsfgefühlen, Nostalgie und Hybris insprierten Nationalbewegung: "Hier zeigt sich, wie nachhaltig sich die Erfahrungen extremer Gewalt und nicht verarbeiteter Schuld (sic! - Nonsens, H.A.) auf die politische Kultur in der nationalen Findungsphase auswirkten. Das offenbart insbesondere die konfessionelle Intonation der Kriegsauslegung." Die Kritik des Autors zielt auf die "erstaunliche religiöse Überfrachtung der Auseinandersetzung zwischen Österreich und Preußen". Daran knüpft er einen pädagogisch-kritisch gemeinten Schlußsatz: "Diesem Befund sollten wir uns gerade in heutiger Zeit stellen, da wir nicht selten mit einer Attitüde kultureller Überlegenheit auf andere Religionen und Weltregionen schauen." - Gewiß, Hybris ist unangebracht, nicht aber ein nüchterner Blick auf die real existierenden kulturellen Unterschiede und deren politische Manifestationen...

III.
In Kontrast zu dem skizzierten FAZ-Artikel  entdeckt der aus dem  Süddeutschen stammende Historiker und Publizist  Eberhard Straub in seinem Aufsatz über den "Scheidungskrieg" (in der "Jungen Freiheit" nr. 27/01.07.2016, S.19) in der durch den "deutschen Bruderkrieg" revolutionierten mitteleuropäischen Geschichtslandschaft mancherlei ansprechende Züge. Dank Bismarcks auf Ausgleich mit dem besiegten Österreich bedachten Politik sei ein geradezu idealer Zustand begründet worden, in dem der Wechselbezug der Deutschen im neuen kleindeutschen Reich und der Deutschen im Vielvölkerstaat der Donaumonarchie eine kulturell ungemein fruchtbare  Epoche hervorgebracht habe. Die auf ganz Europa ausstrahlende politisch-kulturelle Symbiose sei 1914 erschüttert worden, habe antithetisch  - aufgespalten in  (groß-)deutsch an Kant, Hegel und Marx geschulte Sozialisten und in einer älteren deutschen Reichsidee verpflichtete Legitimisten und/oder ständestaatlich orientierte Katholiken - noch nach dem Ende des Habsburgerreichs fortgewirkt. Ein Historiker wie Straub weiß, was hierzulande immer weniger - weniger als in der rot-weiß-roten Republik - wissen: Erst "nach 1945 schieden sich endgültig Deutsche und Österreicher".

Über die Österreicher von heute schreibt Straub: "Sie sind Österreicher ohne Heimweh nach einer fernen Geschichte, nicht einmal nach der Geschichte der Donaumonarchie. Sie genießen in ihren Bundesländern die Welt als Heimat. Denken sie sich an Feiertagen ins Weite, dann mit freundlichen Redensarten vom Westen und ´unserer´ europäischen  ´Wertegemeinschaft´. Darin gleichen sie den Deutschen als Westdeutschen wie ein Zwilling."

Straub fährt fort: "Deutschland wiederum kommt sich sehr mondän vor, weltoffen und welthaltig. Doch es ist endgültig als Westdeutschland Provinz geworden. Mitteleuropa fehlt und wird nicht einmal vermißt. Die Deutschen schmoren im eigenen Saft, schecht gelaunt oder vorlaut, meist beides zur gleichen Zeit. Sie haben kein Hinterland mehr wie einst zusammen mit Österreich-Ungarn. Sie sind zu Fremden in Mitteleuropa, in Europa überhaupt geworden, seit sie etwas sein wollen, was sie nie waren, nämlich Westeuropäer und nur noch Westdeutsche." Treffender läßt sich der Bewußtseinszustand der Bundesrepublik nicht beschreiben. Auf historische Herausforderungen, die im Gefolge der Brexit-, EU- und Immigrationskrise unweigerlich auf sie zukommen, sind die Westdeutschen nicht vorbereitet.