Alle Welt - von London bis Wien, von Brüssel bis Berlin, von Paris bis Rom - erwartet mit Spannung den Ausgang der Europawahlen genannten Wahlen zum EU-Parlament. Wie schlägt die FPÖ-Party in Ibiza, der Eklat in Wien, der Aufenthalt Steve Bannons in einem Pariser Luxushotel auf die Wahlergebnisse in den 28 EU-Ländern (still includig the UK, mind you) durch? Ist es vorbei mit dem Vormarsch der Rechtspopulisten? Wie hoch ist die Wahlbeteiligung, Barometer demokratischen Bewusstseins in Deutschland und sonstwo?
Wer sich die Abende nicht durch TV-Talkshows verderben will, ist am Tag danach auf die Kommentierung in den online-Medien angewiesen, in der Hoffnung, dass der/die Kommentator/-in nicht die falsche Brille aufgesetzt hat. Bei Tichys Einblick ist für den deutschen Demokraten Vorsicht geboten, denn das liberal-konservative Magazin steht im Verdacht, Zweifel am größtkoalitionären, gründeutschen Wertekanon zu säen.
Unter derlei Vorbehalt ist die Nachlese der letzten Anne-Will-Show von Alexander Wallasch zu empfehlen: https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/alexander-wallasch-heute/katarina-barley-rechts-von-uns-die-anderen/?fbclid=IwAR0wT28TD_QPhcT-2lo1EAIFiglaN0evDkdUnQjiXN_DyWzbtI8aj6xYJfs. Nein, es geht nicht darum, des Autors Kritik am Auftritt Katarina Barleys zu teilen - ich habe die Show ja selbst nicht gesehen -, sondern um eine spezifische Passage im Text. Es handelt sich um ein - meist nur in Kurzversion bekanntes - Zitat aus dem Talkshow-Geplappere der Grünen-Politikerin, unvollendeten Theologin und einstigen EKD-Funktionärin (Präses der Synode) Karin Göring-Eckardt bei einer früheren Anne-Will-Sendung.
Darin tat Göring-Eckardt folgendes kund: „Dieses Land wird sich verändern. Und es wird sich ziemlich drastisch
verändern. Und es wird ein schwerer Weg sein, aber dann glaube ich,
können wir wirklich ein besseres Land sein. Und daran zu arbeiten, das
mit Begeisterung zu machen, die Leute mitzunehmen, auch die, die Angst
haben (..) das ist eigentlich die historische Chance in der wir sind.
Das ist wahrscheinlich sogar noch mehr als die deutsche Einheit, was wir
da erreichen können. Was die Kanzlerin gemacht hat, ist eine große Idee
davon, was es heißt, dieses Land neu zu denken. (…) Die Arbeitgeber
scharren längst mit den Füßen und sagen: Wir brauchen diese Leute. (..)“
Wenn die "Populisten" - in Deutschland die AfD, längst nicht mehr die "Linke" um Katra Kipping, Petra Pau, und Bodo Ramelow - am kommenden Sonntagabend trotz des FPÖ-Skandals in und um Österreich auf peinlich hohe Prozentzahlen kommen sollten, so liegt die Erklärung im obigen Zitat.
Dass sich "das Land" vor allem in der Ära Merkel "drastisch" verändert hat wie nie zuvor, ist ein unübersehbares Faktum. Keine der "etablierten" Parteien verfügt über ein tragfähiges Konzept, wie die daraus erwachsenen Probleme zu beheben seien. Es ist die Mischung aus Ignoranz und Arroganz derer, die "daran arbeiten", auf dem "schweren Weg" "die Leute mitzunehmen".
Dass "die Leute", vulgo das "Volk", in der Regel einen leichteren Weg bevorzugen, liegt in des Menschen Natur. Dass sich immer mehr Leute weigern, sich auf einen Weg in eine Zukunft "mitnehmen" zu lassen, die alles andere als beglückend sein wird, ist der Grund für den Aufstieg der "Populisten". Daran wird auch der termingerechte Fall der FPÖ nichts ändern.
Dienstag, 21. Mai 2019
Mittwoch, 15. Mai 2019
Politisch progressives Bewusstsein im Zentrum Europas
Anstelle eines zeitraubenden Kommentars zur fortschreitenden amentia (siehe auch lat. dementia) in unserem im Zentrum Europas gelegenen Lande genügt für heute ein Auszug aus einem Leserbrief (in der FAZ nr. 112 v. 15. Mai 2019, S. 6):
"[...] Die Ministerin Barley hat im Hinblick auf die Entziehung der deutschen Staatsbürgerschaft ein schlechtes Argument verwendet. In der Sache hat sie die bestehende Rechtslage verteidigt. Die SPD hat ebenso wie die CDU/CSU mit ihrer Migrationspolitik große Teile ihrer Mitglieder (sic!) in die Arme der AfD getrieben. Deshalb war aber diese Politik nicht falsch.
Wenn ein Migrant nach den Gesetzen seines Landes mehrere Frauen haben darf, dürfen unsere Einwanderungsgesetze von Migranten nicht verlangen, dass sie sich von einem Teil ihrer Frauen trennen für die sie ja eine Verantwortung haben. Das spielt es keine Rolle, was ´die Deutschen´ umtreibt, die nur eine Frau haben."
Die Leserin/der Leser/die des Lesens noch Kundigen dürfen spekulieren, ob die Leserbrief-Redaktion die obige Evaporation des postdeutschen Volksgeistes unter der Überschrift "SPD-Politik nicht falsch" ganz ohne Hintergedanken oben an erster Stelle hingesetzt hat.
"[...] Die Ministerin Barley hat im Hinblick auf die Entziehung der deutschen Staatsbürgerschaft ein schlechtes Argument verwendet. In der Sache hat sie die bestehende Rechtslage verteidigt. Die SPD hat ebenso wie die CDU/CSU mit ihrer Migrationspolitik große Teile ihrer Mitglieder (sic!) in die Arme der AfD getrieben. Deshalb war aber diese Politik nicht falsch.
Wenn ein Migrant nach den Gesetzen seines Landes mehrere Frauen haben darf, dürfen unsere Einwanderungsgesetze von Migranten nicht verlangen, dass sie sich von einem Teil ihrer Frauen trennen für die sie ja eine Verantwortung haben. Das spielt es keine Rolle, was ´die Deutschen´ umtreibt, die nur eine Frau haben."
Die Leserin/der Leser/die des Lesens noch Kundigen dürfen spekulieren, ob die Leserbrief-Redaktion die obige Evaporation des postdeutschen Volksgeistes unter der Überschrift "SPD-Politik nicht falsch" ganz ohne Hintergedanken oben an erster Stelle hingesetzt hat.
Dienstag, 14. Mai 2019
Exzellente Wissenschaft in und für Europa
"Exzellent" - geschrieben trotz permanenter Rechtschreibreformen derzeit mit "z", nicht wie noch zu Goethes Zeiten mit "c" - gehört zu jenen Vokabeln, mit denen der Sprecher - oder heute mehr die Sprecherin - signalisiert, eine anspruchsvollere Diktion zu pflegen als die lieben Kollegen und/oder Konkurrentinnen. Auch in politisch-medialen Debatten ist die Vokabel zuweilen gebräuchlich, wenn etwa die Leistungen (performances) von Ministerinnen wie Ursula von der Leyen oder von deren unlängst entlassenen, langjährig für die Beschaffung exzellenter Rüstungsgüter zuständigen Staatsekretärin Katrin Suder zu beurteilen sind. "Exzellent" klingt vornehmer, gebildeter als die grünen Gebrauchsvokabeln "toll" oder "finde ich irgendwie total gut".
Ob ihrer Leistungen als Bezirksstadträtin für Bildung, sodann als Bürgermeisterin im Berliner "Problembezirk" Neukölln - wer erinnert sich noch an ihren so tatkräftigen wie illusionslosen Vorgänger Heinz Bukowsky? - genießt Franziska Giffey einen guten, in den Augen ihrer Genossinnen und Genossen einen exzellenten Ruf. Dank ihrer Bewährung an der Problemfront gelangte Giffey ins Amt der Familienministerin (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) im vierten Kabinett Merkel. Mutmaßlich erfüllt sie dort ihre Aufgaben - nicht zuletzt im gesetzlich erweiterten Begriffsfeld "Familie" - zu "vollster Zufriedenheit" (Terminus für "gute" Leistungen in Arbeitszeugnissen) ihrer Kanzlerin.
Kritische Worte, hässliche Bemerkungen, läppische Witzchen über Giffey waren im Berliner Politbetrieb bis dato nicht zu hören. Seit ein paar Tagen ist das anders. Die CDU-Vorsitzende und prospektive Merkel-Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer nimmt Anstoß an Giffeys mit deren Politlaufbahn verquickten akademischen Leistung. Anno 2009 war Giffey als Dozentin an der Verwaltungsakademie Berlin tätig, außerdem Europabeauftragte des Bezirks Neukölln. Zugleich schrieb sie an einer Dissertation zum Thema "Europas Weg zum Bürger - die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft" - im Blick auf die olympischen Aspekte europäischer Politik und die nur von populistischer Propaganda beklagten ("hochgepuschten") demokratischen Defizite der EU ein grundlegend wichtiges Forschungsthema. Drei Monate, nachdem Giffey (verh.) ihren Sohn zu Welt brachte, reichte sie ihre Dissertation am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin ein.
Die digitale Revolution hat als neuen Unternehmenszweig die Durchleuchtung von wissenschaftlichen Forschungsarbeiten hervorgebracht. Eines davon ist die auf Plagiate spezialisierte Internet-Plattform "Vroniplag" (Etymologie fragwürdig). Ob Vroniplag aus reinem Wissenschaftsethos heraus am Ruin von politischen Titelträgern (sc. -innen) arbeitet oder aus materiellem Interesse in diesem Bereich unternehmerisch tätig geworden ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls stieß "Vroniplag" in Giffeys wissenschaftlichem Werk auf zahlreiche Passagen (angeblich auf jeder dritten Seite), die den Kriterien streng wissenschaftlicher Arbeit nicht entsprechen.
An diesem Punkt akademischen Streits überschneiden sich Wissenschaft und Politik. Da in früheren Fällen (Karl-Theodor von und zu Guttenberg, CSU, sowie Annette Schavan, CDU) sich die politischen Gegner (SPD, Grüne etc.) die Chance zur akademischen Desavouierung der Konkurrenz nicht entgehen ließ, beschwört nun Kramp-Karrenbauer die Einhaltung der Maßstäbe strenger Wissenschaft für die SPD-Ministerin Giffey. Im Volksmund ist derlei bekannt als "Retourkutsche".
Was immer der wissenschaftliche Wert der besagten Dissertation, die Aufregung um Giffeys Promotion hat noch einen realen politischen, nicht nur wissenschaftspolitischen Aspekt. Es geht um den von FUB, HUB und TUB erstrebten Exzellenzstatus, der die drei Berliner Universitäten aus dem minderrangigen Einerlei der deutschen Universitätslandschaft herausheben soll. Die politisch - auch europapolitisch - erhellenden Details der Affäre entnehmen wir der FAZ: "Die Doktormutter Giffeys, die Politik- und Sozialwissenschaftlerin Tanja A. Börzel, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, bei Giffeys Dissertation allzu großzügig verfahren zu sein und mögliche Plagiate nicht genau geprüft zu haben. Pikanterweise ist sie amtierende Direktorin des Exzellenzzentrums "The EU and its citizens" und Sprecherin des neuen Exzellenzclusters "Contestations of the Liberal Script", also unmittelbar mit dem Verfahren verbunden." ("Ohne Ansehen der Person", in: FAZ v. 14.o3.2019, S. 3).
Ob ihrer Leistungen als Bezirksstadträtin für Bildung, sodann als Bürgermeisterin im Berliner "Problembezirk" Neukölln - wer erinnert sich noch an ihren so tatkräftigen wie illusionslosen Vorgänger Heinz Bukowsky? - genießt Franziska Giffey einen guten, in den Augen ihrer Genossinnen und Genossen einen exzellenten Ruf. Dank ihrer Bewährung an der Problemfront gelangte Giffey ins Amt der Familienministerin (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) im vierten Kabinett Merkel. Mutmaßlich erfüllt sie dort ihre Aufgaben - nicht zuletzt im gesetzlich erweiterten Begriffsfeld "Familie" - zu "vollster Zufriedenheit" (Terminus für "gute" Leistungen in Arbeitszeugnissen) ihrer Kanzlerin.
Kritische Worte, hässliche Bemerkungen, läppische Witzchen über Giffey waren im Berliner Politbetrieb bis dato nicht zu hören. Seit ein paar Tagen ist das anders. Die CDU-Vorsitzende und prospektive Merkel-Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer nimmt Anstoß an Giffeys mit deren Politlaufbahn verquickten akademischen Leistung. Anno 2009 war Giffey als Dozentin an der Verwaltungsakademie Berlin tätig, außerdem Europabeauftragte des Bezirks Neukölln. Zugleich schrieb sie an einer Dissertation zum Thema "Europas Weg zum Bürger - die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft" - im Blick auf die olympischen Aspekte europäischer Politik und die nur von populistischer Propaganda beklagten ("hochgepuschten") demokratischen Defizite der EU ein grundlegend wichtiges Forschungsthema. Drei Monate, nachdem Giffey (verh.) ihren Sohn zu Welt brachte, reichte sie ihre Dissertation am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin ein.
Die digitale Revolution hat als neuen Unternehmenszweig die Durchleuchtung von wissenschaftlichen Forschungsarbeiten hervorgebracht. Eines davon ist die auf Plagiate spezialisierte Internet-Plattform "Vroniplag" (Etymologie fragwürdig). Ob Vroniplag aus reinem Wissenschaftsethos heraus am Ruin von politischen Titelträgern (sc. -innen) arbeitet oder aus materiellem Interesse in diesem Bereich unternehmerisch tätig geworden ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls stieß "Vroniplag" in Giffeys wissenschaftlichem Werk auf zahlreiche Passagen (angeblich auf jeder dritten Seite), die den Kriterien streng wissenschaftlicher Arbeit nicht entsprechen.
An diesem Punkt akademischen Streits überschneiden sich Wissenschaft und Politik. Da in früheren Fällen (Karl-Theodor von und zu Guttenberg, CSU, sowie Annette Schavan, CDU) sich die politischen Gegner (SPD, Grüne etc.) die Chance zur akademischen Desavouierung der Konkurrenz nicht entgehen ließ, beschwört nun Kramp-Karrenbauer die Einhaltung der Maßstäbe strenger Wissenschaft für die SPD-Ministerin Giffey. Im Volksmund ist derlei bekannt als "Retourkutsche".
Was immer der wissenschaftliche Wert der besagten Dissertation, die Aufregung um Giffeys Promotion hat noch einen realen politischen, nicht nur wissenschaftspolitischen Aspekt. Es geht um den von FUB, HUB und TUB erstrebten Exzellenzstatus, der die drei Berliner Universitäten aus dem minderrangigen Einerlei der deutschen Universitätslandschaft herausheben soll. Die politisch - auch europapolitisch - erhellenden Details der Affäre entnehmen wir der FAZ: "Die Doktormutter Giffeys, die Politik- und Sozialwissenschaftlerin Tanja A. Börzel, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, bei Giffeys Dissertation allzu großzügig verfahren zu sein und mögliche Plagiate nicht genau geprüft zu haben. Pikanterweise ist sie amtierende Direktorin des Exzellenzzentrums "The EU and its citizens" und Sprecherin des neuen Exzellenzclusters "Contestations of the Liberal Script", also unmittelbar mit dem Verfahren verbunden." ("Ohne Ansehen der Person", in: FAZ v. 14.o3.2019, S. 3).
Donnerstag, 18. April 2019
Varia Europaea
I.
Von allerlei Imponderabilien hängt die Brüsseler Zukunft des bayerischen "Spitzenkandidaten" Manfred Weber, eines Mannes mit offenbar gefestigter, historisch unbeschädigter Identität - er ist nach eigenen Worten "Bayer und Europäer, dann erst Deutscher" -, bei den EU-Wahlen ab. Ob ihm als "Spitzenkandidat" die Juncker-Nachfolge ins Amt des EU-Kommissionspräsidenten gelingt, steht dahin. Wie kriegt er nach dem 26. Mai die entsprechende Mehrheit zusammen, wenn sich in der vermeintlich konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) Risse auftun, wenn es (wohl mehr rechte als linke) wegen des befürchteten Anwachsens der vermaledeiten Populisten nicht zu einer Mehrheit reicht? Werden sich etwa die mutmaßlich umfassend blessierten Sozialdemokraten mit den Liberalen zusammentun oder die Liberalen vielleicht doch mit den Konservativen?
Überhaupt: welche Arithmetik geht auf? Wir dürfen auch nach den EU-Wahlen noch bis in den September hinein rätseln.Was wird aus den britischen Stimmen im EU-Parlament, wenn denn das Vereinigte Königreich nicht noch rechtzeitig aus der EU ausscheidet oder aber auf Teilnahme an den Wahlen verzichtet? Unser bayerischer "Spitzenkandidat" Weber fände es ungehörig, wider den europäischen Anstand, wertegefährdend, wenn die Briten zuerst mit ihren 73 Abgeordneten ins Europaparlament - genauer: ins EU-Parlament - einzögen, anfangs noch mitbestimmten und sich sodann aus der Versammlung wieder verabschiedeten.
II.
Die Frage, wie und warum es überhaupt zum - womöglich doch noch abzuwendenden oder zu widerrufenden - Brexit kommen konnte, wurde in der nun bereits fast drei Jahre währenden Debatte seit dem Referendum kaum je ernsthaft diskutiert. Man ist sich einig: Schuld daran sind "Populisten" wie Nigel Farage, Tory-Exzentriker wie Boris Johnson und Jacob Mees-Rogg, dazu die ergraute und ungebildete einstige Arbeiterklasse in England und Wales, die "Abgehängten", die noch immer ihrem linksradikalen Labour-Führer Jeremy Corbyn anhängen, soweit sie inzwischen nicht von "rechten" nationalistischen Ressentiments beseelt sind.
Dass es - aus Sicht der Briten - plausible Gründe für den von Theresa May - wider eigene Überzeugung - betriebenen Brexit geben könnte, ist ein Gedanke, den "überzeugte Europäer", sprich: Anhänger der Idee einer "ever closer union", d.h. eines zentralistisch organisierten Bundesstaates, gar nicht erst an sich herantreten lassen. In all den Jahren, als die Briten - in erster Linie die Engländer - sich gegen die kontinuierliche Preisgabe ihrer Souveränität sperrten, wurden ihre Einwände als "Rosinenpicken" oder als Obstruktion am Bau Europas abgetan. Als May daranging, den "Volkswillen" des Abschieds vom Kontinent ins Werk zu setzen, fehlte es an konstruktiven Vorschlägen, wie der Brexit womöglich noch vermieden werden könnte. Erforderlich gewesen wäre ein Nachdenken über flexible Alternativen zu der in den Verträgen von Maastricht (1992/1993) bis Lissabon (2007/2009) fixierten Konstruktion.
Ein unvoreingenommener Europäer, der Schweizer Staats- und Völkerrechtler Lucius Wildhaber, hat die für Außenstehende im Detail - vom backstop an der Grenzlinie zwischen Nordirland und der südlichen Republik einmal abgesehen - kaum verständliche Auseinandersetzung um den Brexit wie folgt kommentiert: "Betrachtet man, was in den letzten zwei Jahren passiert ist, muss man feststellen: Man kann die Einstellung der Briten begreifen. Das zeigte nur schon die Wahl des Verhandlungsführers auf EU-Seite: Michel Barnier ist ein frankofoner Prinzipienreiter. Alleine das erweckt schon den Eindruck, dass die EU den Briten eine Lektion verpassen wollte. Das wird auch der EU zu schaffen machen." Auf die Frage, was die EU hätte tun sollen, antwortete er: "Die Idee der europäischen Integration, auf die sich die EU stets beruft, stammt aus den fünfziger Jahren. Sie ist unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs entstanden. Man kann nicht ernsthaft erwarten, dass daran auch nach sechzig Jahren nicht gerüttelt werden darf. Europa hat sich gewandelt, und die EU reagiert darauf nicht. Sie hätte den Briten von Anfang an, noch vor Camerons Referendum, mehr anbieten müssen als ein paar schöne Worte. Sie hat es damals nicht getan und seither ebenso wenig. Sie ist damit für die heutige Situation mitverantwortlich." (NZZ v.16.04.2019: https://www.nzz.ch/schweiz/wildhaber-man-haette-russland-damals-nicht-aufnehmen-sollen-ld.1469237?fbclid=IwAR0cV9zitX4SNH8pmELxPK6xYYc39-Mwy1_2PHP_Gmyy8TOKBpv2TaFkcSc)
III.
Naturgemäß werden derlei Fragen - kritische Anfragen an Form und Inhalt der Machtstrukturen der EU - in den Wochen bis bis zu den EU-Parlamentswahlen vom 23.-26.Mai nirgendwo behandelt. In Wahlkämpfen geht es darum, den Souverän (id est das Volk/Wahlvolk, lingua politica die Wählerinnen und Wähler) in seine demokratische Pflicht zu nehmen, zugleich das Wahlvolk vor intellektuellen Anstrengungen zu schützen. Unvermeidlich mischen dabei seit einigen Jahren die populistischen Spielverderber mit. Ob auch die MLPD (=Marxistisch-Leninistische Partrei Deutschlands) zu den Populisten zählt, ist eine Geschmacksfrage. Sie appelliert direkt an den demokratischen Urinstinkt des Volkes, indem sie proklamiert: "Revolution ist kein Verbrechen!" Die populistische AfD hat - aus verständlichen Gründen - ihre Plakate möglichst hoch aufgehängt, um das Volk an seine bzw. ihre Heimatliebe zu erinnern.
Unter den staatstragenden Parteien fordert die inzwischen nicht-populistische Partei "Die Linke" die Enteignung der Miethaie und empfiehlt sich - wie dereinst in vergessenen SED-Tagen - als Partei des Friedens. Was die CDU dem Wahlvolk anbietet, ist dem Verfasser entfallen, im Zweifelsfall: "mehr Europa". Die SPD weiß dagegen Genaueres: "Europa ist die Antwort". Mit der Frage "Worauf?" wollte die PR-Profis der Partei den Wähler/die Wählerin nicht weiter belasten. Die Grünen versprechen wie alle anderen - mit Ausnahme der FDP, die nicht zulassen will, dass Deutschland bei der Digitalisierung abgehängt wird - ein "soziales Europa". Sie wissen auch, wie man das Klima am besten schützt. Dazu proklamieren sie in grüner Semantik "Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit". Für Brüder, Männer, Adoleszenten, junge Knaben sind Freiheit und Gleichheit erst nach - zumindest ideeller - Geschlechtsumwandlung verfügbar. Wer´s noch nicht wissen sollte: Klima kennt keine Grenzen. Während wir vor der für 2050 angekündigten Apokalypse erschrecken sollen, versichern die Grünen: "Eine mutige Gesellschaft braucht vor der Zukunft keine Angst zu haben" (oder so ähnlich). In der postheroischen Ära gehört Mut nicht mehr zu den klassischen Tugenden des einzelnen freien Bürgers, sondern wird wie Crystal Meth bei der Perma-Party im Berghain an die ganze europäische (?) Gesellschaft verabreicht, um sie für den Kampf gegen die Klimakatastrophe und für die Elektromobilität aufzumöbeln.
IV.
Zum Schluss: Dass es eine gemeinsame europäische Kultur gibt, zeigte die Brandkatastrophe in Notre Dame von Paris. Zahllose Europäer, gleich welcher Nation, Religion oder politischer Konfession verfolgten - hierzulande nur über N-TV - mit Betrübnis die aus dem Dach schlagenden Flammen, erlebten den Einsturz des Vierungsturmes, bangten um die Stabilität der beiden Haupttürme. Mit Erleichterung vernahmen sie die Botschaft, dass die Gesamtstruktur der Kathedrale gerettet werden konnte.
Ohne das Bewusstsein einer gemeinsamen Kultur - umfasst sie nur das westliche Abendland oder nicht auch die östliche Orthodoxie? - bleiben die politischen Anstrengungen für eine friedliche, humane Zukunft des gemeinsamen Hauses Europa ungewiss.
Von allerlei Imponderabilien hängt die Brüsseler Zukunft des bayerischen "Spitzenkandidaten" Manfred Weber, eines Mannes mit offenbar gefestigter, historisch unbeschädigter Identität - er ist nach eigenen Worten "Bayer und Europäer, dann erst Deutscher" -, bei den EU-Wahlen ab. Ob ihm als "Spitzenkandidat" die Juncker-Nachfolge ins Amt des EU-Kommissionspräsidenten gelingt, steht dahin. Wie kriegt er nach dem 26. Mai die entsprechende Mehrheit zusammen, wenn sich in der vermeintlich konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) Risse auftun, wenn es (wohl mehr rechte als linke) wegen des befürchteten Anwachsens der vermaledeiten Populisten nicht zu einer Mehrheit reicht? Werden sich etwa die mutmaßlich umfassend blessierten Sozialdemokraten mit den Liberalen zusammentun oder die Liberalen vielleicht doch mit den Konservativen?
Überhaupt: welche Arithmetik geht auf? Wir dürfen auch nach den EU-Wahlen noch bis in den September hinein rätseln.Was wird aus den britischen Stimmen im EU-Parlament, wenn denn das Vereinigte Königreich nicht noch rechtzeitig aus der EU ausscheidet oder aber auf Teilnahme an den Wahlen verzichtet? Unser bayerischer "Spitzenkandidat" Weber fände es ungehörig, wider den europäischen Anstand, wertegefährdend, wenn die Briten zuerst mit ihren 73 Abgeordneten ins Europaparlament - genauer: ins EU-Parlament - einzögen, anfangs noch mitbestimmten und sich sodann aus der Versammlung wieder verabschiedeten.
II.
Die Frage, wie und warum es überhaupt zum - womöglich doch noch abzuwendenden oder zu widerrufenden - Brexit kommen konnte, wurde in der nun bereits fast drei Jahre währenden Debatte seit dem Referendum kaum je ernsthaft diskutiert. Man ist sich einig: Schuld daran sind "Populisten" wie Nigel Farage, Tory-Exzentriker wie Boris Johnson und Jacob Mees-Rogg, dazu die ergraute und ungebildete einstige Arbeiterklasse in England und Wales, die "Abgehängten", die noch immer ihrem linksradikalen Labour-Führer Jeremy Corbyn anhängen, soweit sie inzwischen nicht von "rechten" nationalistischen Ressentiments beseelt sind.
Dass es - aus Sicht der Briten - plausible Gründe für den von Theresa May - wider eigene Überzeugung - betriebenen Brexit geben könnte, ist ein Gedanke, den "überzeugte Europäer", sprich: Anhänger der Idee einer "ever closer union", d.h. eines zentralistisch organisierten Bundesstaates, gar nicht erst an sich herantreten lassen. In all den Jahren, als die Briten - in erster Linie die Engländer - sich gegen die kontinuierliche Preisgabe ihrer Souveränität sperrten, wurden ihre Einwände als "Rosinenpicken" oder als Obstruktion am Bau Europas abgetan. Als May daranging, den "Volkswillen" des Abschieds vom Kontinent ins Werk zu setzen, fehlte es an konstruktiven Vorschlägen, wie der Brexit womöglich noch vermieden werden könnte. Erforderlich gewesen wäre ein Nachdenken über flexible Alternativen zu der in den Verträgen von Maastricht (1992/1993) bis Lissabon (2007/2009) fixierten Konstruktion.
Ein unvoreingenommener Europäer, der Schweizer Staats- und Völkerrechtler Lucius Wildhaber, hat die für Außenstehende im Detail - vom backstop an der Grenzlinie zwischen Nordirland und der südlichen Republik einmal abgesehen - kaum verständliche Auseinandersetzung um den Brexit wie folgt kommentiert: "Betrachtet man, was in den letzten zwei Jahren passiert ist, muss man feststellen: Man kann die Einstellung der Briten begreifen. Das zeigte nur schon die Wahl des Verhandlungsführers auf EU-Seite: Michel Barnier ist ein frankofoner Prinzipienreiter. Alleine das erweckt schon den Eindruck, dass die EU den Briten eine Lektion verpassen wollte. Das wird auch der EU zu schaffen machen." Auf die Frage, was die EU hätte tun sollen, antwortete er: "Die Idee der europäischen Integration, auf die sich die EU stets beruft, stammt aus den fünfziger Jahren. Sie ist unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs entstanden. Man kann nicht ernsthaft erwarten, dass daran auch nach sechzig Jahren nicht gerüttelt werden darf. Europa hat sich gewandelt, und die EU reagiert darauf nicht. Sie hätte den Briten von Anfang an, noch vor Camerons Referendum, mehr anbieten müssen als ein paar schöne Worte. Sie hat es damals nicht getan und seither ebenso wenig. Sie ist damit für die heutige Situation mitverantwortlich." (NZZ v.16.04.2019: https://www.nzz.ch/schweiz/wildhaber-man-haette-russland-damals-nicht-aufnehmen-sollen-ld.1469237?fbclid=IwAR0cV9zitX4SNH8pmELxPK6xYYc39-Mwy1_2PHP_Gmyy8TOKBpv2TaFkcSc)
III.
Naturgemäß werden derlei Fragen - kritische Anfragen an Form und Inhalt der Machtstrukturen der EU - in den Wochen bis bis zu den EU-Parlamentswahlen vom 23.-26.Mai nirgendwo behandelt. In Wahlkämpfen geht es darum, den Souverän (id est das Volk/Wahlvolk, lingua politica die Wählerinnen und Wähler) in seine demokratische Pflicht zu nehmen, zugleich das Wahlvolk vor intellektuellen Anstrengungen zu schützen. Unvermeidlich mischen dabei seit einigen Jahren die populistischen Spielverderber mit. Ob auch die MLPD (=Marxistisch-Leninistische Partrei Deutschlands) zu den Populisten zählt, ist eine Geschmacksfrage. Sie appelliert direkt an den demokratischen Urinstinkt des Volkes, indem sie proklamiert: "Revolution ist kein Verbrechen!" Die populistische AfD hat - aus verständlichen Gründen - ihre Plakate möglichst hoch aufgehängt, um das Volk an seine bzw. ihre Heimatliebe zu erinnern.
Unter den staatstragenden Parteien fordert die inzwischen nicht-populistische Partei "Die Linke" die Enteignung der Miethaie und empfiehlt sich - wie dereinst in vergessenen SED-Tagen - als Partei des Friedens. Was die CDU dem Wahlvolk anbietet, ist dem Verfasser entfallen, im Zweifelsfall: "mehr Europa". Die SPD weiß dagegen Genaueres: "Europa ist die Antwort". Mit der Frage "Worauf?" wollte die PR-Profis der Partei den Wähler/die Wählerin nicht weiter belasten. Die Grünen versprechen wie alle anderen - mit Ausnahme der FDP, die nicht zulassen will, dass Deutschland bei der Digitalisierung abgehängt wird - ein "soziales Europa". Sie wissen auch, wie man das Klima am besten schützt. Dazu proklamieren sie in grüner Semantik "Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit". Für Brüder, Männer, Adoleszenten, junge Knaben sind Freiheit und Gleichheit erst nach - zumindest ideeller - Geschlechtsumwandlung verfügbar. Wer´s noch nicht wissen sollte: Klima kennt keine Grenzen. Während wir vor der für 2050 angekündigten Apokalypse erschrecken sollen, versichern die Grünen: "Eine mutige Gesellschaft braucht vor der Zukunft keine Angst zu haben" (oder so ähnlich). In der postheroischen Ära gehört Mut nicht mehr zu den klassischen Tugenden des einzelnen freien Bürgers, sondern wird wie Crystal Meth bei der Perma-Party im Berghain an die ganze europäische (?) Gesellschaft verabreicht, um sie für den Kampf gegen die Klimakatastrophe und für die Elektromobilität aufzumöbeln.
IV.
Zum Schluss: Dass es eine gemeinsame europäische Kultur gibt, zeigte die Brandkatastrophe in Notre Dame von Paris. Zahllose Europäer, gleich welcher Nation, Religion oder politischer Konfession verfolgten - hierzulande nur über N-TV - mit Betrübnis die aus dem Dach schlagenden Flammen, erlebten den Einsturz des Vierungsturmes, bangten um die Stabilität der beiden Haupttürme. Mit Erleichterung vernahmen sie die Botschaft, dass die Gesamtstruktur der Kathedrale gerettet werden konnte.
Ohne das Bewusstsein einer gemeinsamen Kultur - umfasst sie nur das westliche Abendland oder nicht auch die östliche Orthodoxie? - bleiben die politischen Anstrengungen für eine friedliche, humane Zukunft des gemeinsamen Hauses Europa ungewiss.
Donnerstag, 4. April 2019
Reflexionen zum NATO-Jubiläum
Die NATO, das Verteidigungsbündnis
unter Führung der USA, feierte am 4. April 2019 ihr 70jähriges
Bestehen. Das historisch bedeutsame Datum findet in Deutschland –
ein Land, das sich in der Rolle des europäischen Musterlandes
gefällt - außerhalb der Medien kaum Beachtung. Die in etwa
gleichen Teilen moralistisch, pazifistisch, alarmistisch,
hedonistisch oder egoistisch gestimmten Deutschen entrüsten sich
allenfalls über den ach so primitiven US-Präsidenten Donald Trump
sowie dessen Botschafter in Berlin, wenn diese Amerikaner – wie
eben zuvor schon der demokratische Präsident Obama - einen höheren
Beitrag der Bundesrepublik zu den Bündniskosten fordern.
Historisch-politische Zusammenhänge
sind den Deutschen, genauer: denen, „die schon länger hier leben“
(A. Merkel), längst aus dem Blick geraten. Was die
bereichernde Diversität betrifft: Für neudeutsche Staatsbürger ist
die deutsche Geschichte und politische Geographie nur insoweit
relevant, wie sie sich mit jeweils eigenen historischen Erinnerungen
sowie heutigen Interessen berühren. Was wissen die autochthonen, was
die migrationshintergründigen Deutschen von der Genese und raison
d´être der NATO im Kalten Krieg: „To keep the Russians out,
to keep the Americans in, and to keep the Germans down“ (dixit Lord
Ismay, erster NATO-Generalsekretär 1952-1957)? Alt- und Neubürger wissen davon natürlich nichts. In der
grünen Gesamtschule kommt Interessenpolitik (implicite Machtpolitik)
als Unterrichtsthema nicht mehr vor.
Das ist auch nicht mehr nötig. Denn
alle jüngeren Autochthonen fühlen grün, also global
friedenspolitisch, außer wenn - nein, gerade wenn es um die militärische
Durchsetzung der Menschenrechte geht. Ach ja: Womöglich hätte
Hillary Clinton dem mörderischen Treiben eines Baschar al-Assad ein
Ende bereitet und hätte in Syrien die Demokratie und Menschenrechte
durchgesetzt, wenn nicht dieser Trump usw. Andererseits: Gerhard
Schröder tat anno 2003 recht, als er sich dem Kriegszug des
US-Präsidenten George W. Bush gegen Saddam Hussein verweigerte. Usw.
usw.
Widersprüche bleiben in gründeutschem
Gefühlsdenken unterhalb der Bewusstseinsschwelle. Das gilt
offenkundig auch für die Wahrnehmung des – zumindest militärisch
- wiedererstarkten Russland und seines Präsidenten Putin. Gegen die
aggressiven Aktionen und bedrohlich imperialen Absichten der
Moskowiter ist europäische Wachsamkeit geboten. Dafür braucht man
indes wieder die NATO und die ungeliebte amerikanische Führungsmacht.
An ein auf die EU-Staaten beschränktes Militärbündnis ist –
ungeachtet aller deutsch-französischer Gemeinschaftsunternehmen in
Mali - nicht zu denken. Zwar mag Merkels Verteidigungsministerin von
der Leyen von einem deutschen – oder deutsch-französischen -
Flugzeugträger träumen. Ein deutsches Ansinnen auf gemeinsame
Befehlsgewalt über die force de frappe kommt
für die Franzosen nicht in Frage. Bleibt also wiederum nur die
NATO als letzte deutsche Sicherheitsgarantie. Außerdem haben „wir
Deutschen“ eine besondere Verantwortung für die in Moskaus
Schatten existierenden ostmitteleuropäischen Staaten.
Die
Faktenlage scheint somit einfach und moralisch klar. Gab es nach dem Mauerfall, gibt es in der
Gegenwart Alternativen zu der ungewissen - von neuem Wettrüsten
gefährdeten - Sicherheitslage? An der Notwendigkeit der NATO und der
von Putin ausgehenden Gefahr zweifeln doch nur die Partei, die sich „Die
Linke“ nennt, sowie ihr „rechtes“ Gegenstück, die AfD, dazu
vielleicht noch ein paar suspekte Putin-Versteher...
Vor
diesem Hintergrund verdient ein Aufsatz des Historikers Michael
Stürmer – ein unverdächtiger, amerikafreundlicher Autor - in der
„Welt“
(https://www.welt.de/debatte/kommentare/article191302767/70-Jahre-Nato-Deutschland-ist-nicht-mehr-buendnisfaehig.html?fbclid=IwAR0K5BBeP6zV1kqZZUpxL0jgxDdO-JYkSxYVRirfIXlc23qOm9LXuQ0Fc1E
Interesse. Er schreibt:
„Mit der Osterweiterung der Nato in
den Neunzigerjahren indes hat sich das Bündnis auf eine Politik
eingelassen, deren politische Kosten noch immer steigen. Russland
erschien damals schwach, Rücksichtnahme auf imperiale Nostalgie in
Moskau und Sankt Petersburg entbehrlich.
Maßgeblich getrieben von amerikanischer Innenpolitik und dem
Interesse der Rüstungsindustrie, ließ sich das Bündnis, statt
finnische oder österreichische Lösungen auszuloten, auf
Erweiterungen im postsowjetischen Raum ein, die den russischen
Phantomschmerz angesichts des zerbrochenen eurasischen Imperiums
steigerten.Zugleich fehlte es, auch von europäischer und deutscher Seite, an konstruktiven Strategien der Gefahrenabwehr mit Russland, von nuklearer Proliferation über konventionelle Rüstungskontrolle bis Terrorabwehr und Klimarettung. Die Nato hat eine Agenda, für die sie nicht gemacht ist.“
Gefragt sind „konstruktive Strategien“. d.h. konzeptionelle Alternativen zum derzeitigen, von Sanktionen geprägten konfrontativen Umgang mit Russland. Stürmer bezieht sich auf „den in Sachen Russland erfahrenen“ einstigen Kohl-Vertrauten und Wegbereiter der Wiedervereinigung Horst Teltschik als Ideengeber. In der ausgehenden Ära Merkel, in der von der Einheitsparole „Mehr Europa“ übertönten politischen Landschaft der Bundesrepublik, gehört Teltschik zu den verachteten „weißen alten Männern“.
Mittwoch, 20. März 2019
Vom Fortschritt der Freiheit und des Geistes
Anstelle eines Kommentars zu den Weltläuften - Brexit/No Brexit/Delay, Maduro-Guaidó, deutsche Wahlumfragen und die Atemnot der SPD, Trump-Bolsonaro, Gelbe Westen und Schwarzer Block auf den Champs Elysées etc. - gestatte ich mir nur einen kurzen Nachtrag zu meinem vorletzten Blog-Eintrag (https://herbert-ammon.blogspot.com/2019/02/von-religion-und-identitaten.html). Es ging darin erstens um den sich ins Uferlose auswachsenden Anspruch auf "Gleichstellung" von "linken" Protagonisten immer neuer Identitäten sowie zweitens um die für 2050 von säkular-religiösen Propheten, genauer: Prophetinnen angekündigte globale Klimaapokalypse. Der von den Doomsday-Predigerinnen ausgerufene freitägliche Kinderkreuzzug findet inzwischen mit dem Segen der ewigen Kanzlerin und unseres Bundespräsidenten statt.
ad 1) Zur Erhellung der Zustände an den Universitäten und Colleges den USA, in the land of the free, zitiere ich aus dem Interview des Historikers Niall Ferguson, Ehemann von Ayaan Arsi Hirsli, in der NZZ: "Der Rahmen des Sagbaren im akademischen und öffentlichen Raum hat sich in den letzten Jahren drastisch verengt. Evidenzbasierte Argumente spielen keine Rolle mehr. Es gewinnt, wer die lautesten Unterstützer hat, und es verliert, wer um seine Reputation fürchten muss. [...] Die Logik geht so: Wer gegen die politisch korrekte Orthodoxie ist, ist ein Rassist. Und wer einen Rassisten unterstützt bzw. sich nicht deutlich von ihm abgrenzt, ist selber ein Rassist." Auf den Einwurf des Interviewer, er klinge ziemlich resigniert, repliziert Ferguson mit Blick auf die Zukunft: "Keineswegs. Ich analysiere bloss nüchtern. Ich habe es ja irgendwie geschafft, ich kann frei reden und Ihnen ein Interview geben. Aber jüngere konservative und liberale Kollegen werden es – so brillant und klug sie auch sein mögen – in der Akademie nicht mehr weit bringen. Und um sie tut es mir leid." (https://www.nzz.ch/feuilleton/niall-ferguson-als-rechter-bist-du-ein-potenzieller-nazi-sozialisten-und-kommunisten-hingegen-sind-moralisch-einwandfreie-sozialdemokraten-ld.1467954?mktcid=nled&mktcval=107&kid=_2019-3-20)
An deutschen Universitäten - Fallbeispiele HUB, Bremen, Siegen - geht´s zunehmend ähnlich zu. Immerhin kriegen freie Geister unter den "Studierenden", die sich nicht um das genderistische * scheren, von ihren - anscheinend noch nicht von allen - Professoren/Korrektoren zur Strafe einen Punktabzug. Beim Kampf um die credit points läppert sich das zusammen. Wie auch immer: Der Fortschritt des Geistes im Bewusstsein der Freiheit ist offenbar auch hierzulande nicht aufzuhalten. Was indes Hegel - ungeachtet des frischen Lehrbeispiels des Jakobinismus - nicht sehen mochte: Die Dialektik mündete in Totalitarismus.
ad 2) Soeben hat die unvollendete Theologin Karin Göring-Eckardt die - von ihren Eltern oder sonstwem berufene - schwedische Klimaretterin Greta Thunberg zur Prophetin erklärt. Greta trete auf wie eine mutige Nachfahrin des "kleinen Propheten" Amos, der dem König Jerobeam II. (781-742 v. Chr.) den Untergang seines Nordreiches Israel ankündigte.
Nun hatte Greta unlängst eine Eingebung, die den von unzähligen Windrädern gestützten deutschen Himmel verdüstern könnte: Wenn es unter gegebenen Umständen - dachte sie etwa an die Rolle von Kohle und Öl im energiehungrigen China? - nicht möglich sei, den CO2-Ausstoß klimarettend zu drosseln, könne man womöglich nicht auf klimaschonende Atomeenergie verzichten.
Diese jüngste geistvolle Botschaft der Prophetin Greta war anscheinend nicht mit der Grün-Theologin Göring-Eckardt abgesprochen.
P.S. Greta soll ihre Idee von der Klimarettung durch Atomkraftwerke schon wieder zurückgezogen haben.
ad 1) Zur Erhellung der Zustände an den Universitäten und Colleges den USA, in the land of the free, zitiere ich aus dem Interview des Historikers Niall Ferguson, Ehemann von Ayaan Arsi Hirsli, in der NZZ: "Der Rahmen des Sagbaren im akademischen und öffentlichen Raum hat sich in den letzten Jahren drastisch verengt. Evidenzbasierte Argumente spielen keine Rolle mehr. Es gewinnt, wer die lautesten Unterstützer hat, und es verliert, wer um seine Reputation fürchten muss. [...] Die Logik geht so: Wer gegen die politisch korrekte Orthodoxie ist, ist ein Rassist. Und wer einen Rassisten unterstützt bzw. sich nicht deutlich von ihm abgrenzt, ist selber ein Rassist." Auf den Einwurf des Interviewer, er klinge ziemlich resigniert, repliziert Ferguson mit Blick auf die Zukunft: "Keineswegs. Ich analysiere bloss nüchtern. Ich habe es ja irgendwie geschafft, ich kann frei reden und Ihnen ein Interview geben. Aber jüngere konservative und liberale Kollegen werden es – so brillant und klug sie auch sein mögen – in der Akademie nicht mehr weit bringen. Und um sie tut es mir leid." (https://www.nzz.ch/feuilleton/niall-ferguson-als-rechter-bist-du-ein-potenzieller-nazi-sozialisten-und-kommunisten-hingegen-sind-moralisch-einwandfreie-sozialdemokraten-ld.1467954?mktcid=nled&mktcval=107&kid=_2019-3-20)
An deutschen Universitäten - Fallbeispiele HUB, Bremen, Siegen - geht´s zunehmend ähnlich zu. Immerhin kriegen freie Geister unter den "Studierenden", die sich nicht um das genderistische * scheren, von ihren - anscheinend noch nicht von allen - Professoren/Korrektoren zur Strafe einen Punktabzug. Beim Kampf um die credit points läppert sich das zusammen. Wie auch immer: Der Fortschritt des Geistes im Bewusstsein der Freiheit ist offenbar auch hierzulande nicht aufzuhalten. Was indes Hegel - ungeachtet des frischen Lehrbeispiels des Jakobinismus - nicht sehen mochte: Die Dialektik mündete in Totalitarismus.
ad 2) Soeben hat die unvollendete Theologin Karin Göring-Eckardt die - von ihren Eltern oder sonstwem berufene - schwedische Klimaretterin Greta Thunberg zur Prophetin erklärt. Greta trete auf wie eine mutige Nachfahrin des "kleinen Propheten" Amos, der dem König Jerobeam II. (781-742 v. Chr.) den Untergang seines Nordreiches Israel ankündigte.
Nun hatte Greta unlängst eine Eingebung, die den von unzähligen Windrädern gestützten deutschen Himmel verdüstern könnte: Wenn es unter gegebenen Umständen - dachte sie etwa an die Rolle von Kohle und Öl im energiehungrigen China? - nicht möglich sei, den CO2-Ausstoß klimarettend zu drosseln, könne man womöglich nicht auf klimaschonende Atomeenergie verzichten.
Diese jüngste geistvolle Botschaft der Prophetin Greta war anscheinend nicht mit der Grün-Theologin Göring-Eckardt abgesprochen.
P.S. Greta soll ihre Idee von der Klimarettung durch Atomkraftwerke schon wieder zurückgezogen haben.
Montag, 4. März 2019
Demokratische Volksbelehrung
Über
den kommunikativen Nutzen der digitalen Medien kann man geteilter
Meinung sein. Als Nutzer ("User") und Gastautor auf der "Achse des
Guten" neige ich zu einem eher positiven Urteil. Ohne die online-Medien
wären wir der politisch-moralischen Dauerberieselung durch die
öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ausgesetzt. Selbst in den
Qualitätszeitungen bekommt man fast flächendeckend nur noch die
gleichen durchgrünten Meinungen vorgesetzt. Kritik am herrschenden
Politik- und Parteienbetrieb (Groko unter Angela aeterna) ist selten,
Widersprüche in Reden und Handeln der "Eliten" werden nur selten
aufgespießt. Wo bleibt beispielsweise die demokratische Entrüstung über
die großzügige Vergabe - in Millionenhöhe - von Aufträgen an Beratungsunternehmen (zuletzt
für Beratungs-Beratungen) im Verteidigungsministerium unter Ursula von
der Leyen? Von derlei Praktiken erfährt man nahezu ausschließlich über
die social media, in denen die angeblich populistisch korrumpierte
Volksseele nichts als ihre Ressentiments auslebt.
Doch zum Missfallen der politisch-medialen Klasse trifft weithin das Gegenteil zu: Ohne das Internet (social media
inklusive) und die digital gespeicherten Informationen wären wir
weniger informiert, würde uns die politische Faustregel "Was geht mich
mein Geschwätz von gestern an" weniger Ärger - oder weniger
sardonisches Vergnügen - bereiten. Über eine e-mail-Adressenkette
erhielt ich eine politisch erheiternde Information über zwei
demokratische Kernaussagen aus dem Munde der Justizministerin Katarina
Barley, SPD-Spitzenkandidatin für die EU-Wahlen im Mai 2019:
1) "Mit 16 ist man so erwachsen, dass man weitreichende politische Entscheidungen fällen kann."
2) "Mit 20 Jahren kann man unmöglich die Folgen seines Handelns
abschätzen und darf darum vor Gericht nicht wie ein Erwachsener
behandelt werden."
Donnerstag, 28. Februar 2019
Von Religion und Identitäten
Seit etwa 10 - 15 Jahren drehen sich die Debatten der "offenen Gesellschaften" West-Europas - maßgeblich inspiriert vom Siegeszug vermeintlich "linker" Ideologien an amerikanischen Universitäten und Colleges - kaum noch um Klassenunterschiede und soziale Fragen, sondern um zwei auf den ersten Blick separate Themen: um den Klimawandel sowie um die Gleichberechtigung von Identitäten. Wie "offen" es inzwischen an deutschen Universitäten zugeht, ist etwa an der Expansion von Gender studies quer durch die Fakultäten - noch ziemlich unberührt die exakten Wissenschaften - abzulesen. Alle communities und Definitionen des je höchsteigenen Ich - man denke etwa an die jüngste Erweiterung der Abkürzung LGBT auf LGBTI - beanspruchen im Namen der demokratischen und/oder universellen Gleichheit die gleichen Rechte und die Institutionalisierung dieser Rechte. Insofern alle politischen, medialen und akademischen Diskurse mittlerweile grün - den Weltfrieden hat man zugunsten menschenrechtsbedingter Interventionen in der Agenda derzeit ziemlich weit nach hinten geschoben - eingefärbt sind, kommt es zur Synthese der beiden Themenbereiche. Übers Klima und über die Identitäten kommt die Religion ins Spiel: a) es geht um die Rettung des Planeten vor der ab 2050 hereinbrechenden Apokalypse b) es gilt aus Ehrfurcht vor der verletzbaren menschlichen Seele jede Identität zu schützen und zu entfalten.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich gehöre nicht zur Kategorie der "Klimaleugner" (gemeint: zu den Zweiflern am Klimawandel). Im Gegenteil: Ich vermisse die schneereichen Winter von gestern und die ehedem (fast) alljährlich zugefrorenen Berliner Seen. Ich bin nur in Maßen erleichtert, wenn dann im März noch ein später Wintereinbruch daherkommt. Als Nichtklimatologe halte ich mich an die Erkenntnisse der Wissenschaft, soeben erneut belehrt von dem Philosophen Mathias Frisch, der den von einer Minderheit von Experten genährten Zweifel als zweckgerichtete Fake News - analog der langjährigen Verharmlosung der Gesundheitsschäden durch die Tabakindustrie - zurückweist ("Wissenschaftler sind keine Glaubensbrüder", in: FAZ v. 27.02.2018, S. N1). Ich beharre angesichts der offenbar schwer erreichbaren Klimaziele auf einfacher Logik: Wenn man - abgesehen von den realen Klimakosten bei der Produktion und Entsorgung von Abertausenden von Windrädern - die Emissionen senken will, müsste man auf die - fraglos risikoreiche - in vielen Ländern des Globus unvermindert ausgebaute Kernenergie zurückgreifen. Das aber verbietet die grüne Religion.
Im Zuge der Migration kommt ein höchst reales religiöses Problem auf die säkularen und - vom Klima-Credo abgesehen - zunehmend areligiösen, zumindest kirchenfernen (west-)europäischen Gesellschaften hinzu. Die Migranten - und nicht nur die "Islamisten" - scheinen glaubensfester zu sein als die Indigenen.Was bedeutet all dies für unsere Demokratie? Zu dieser Thematik lud Bundespräsident Steinmeier Experten und Publikum zu seinem "Forum Bellevevue". Steinmeier selbst hielt die heutige deutsche Gesellschaft nicht für areligiös, sondern für "pluri-religiös", was man daran erkenne, dass im selben Viertel, "Kreuz, Kopftuch und Kippa" aufeinanderträfen. (Zur Verifizierung dieser schönen These sollte Steinmeier einen unbegleiteten Ausflug in die entsprechenden Viertel - und die dortigen Schulen - unternehmen. Er kennt Neukölln vor allem aus jenen Tagen, da er als Kanzlerkandidat auf Stimmenfang mit dem Clan-affinen Rapper Bushido rappte.) Steinmeier steht derzeit wegen seiner Glückwünsche ans iranische Mullah-Regime unter christlich-jüdischer Kritik.
Dass sich fromme Muslime - gleich welcher Richtung und/oder Rechtsschule - nicht allein aufgrund ihrer Vorstellung von der umma mit der Demokratie und ihrer Zivilreligion schwer tun, wird spätesten dann sichtbar, wenn die entsprechenden Dialogforen oder Islamkonferenzen ergebnislos bleiben. Unausgesprochen bleibt das schlichte Faktum, dass es den diversen Verbänden - ob nun Ditib oder Ahmadyyia - unter dem Vorwand gleichberechtigter Partizipation um Macht geht. Auf dem "Forum Bellevue" ging es anscheinend auch um theologische Fragen. Der Religionssoziologe Hans Joas meinte - womöglich im Blick auf die heutige Kirchenlandschaft -, von einer Rückkehr der Reliigion könne man zwar nicht sprechen, aber auch nicht mehr von der unaufhaltsamen Säkularisierung. (Siehe den Artikel "Plurireligiös", ibid. S. 9.) Was aber dann?
Offenbar vermied man den Hinweis auf die Rolle der grünen Ersatzreligion im postchristlichen Kontext. (Dazu jüngst Josef Kraus: https://www.tichyseinblick.de/meinungen/fasten-fuer-den-klimagott/?fbclid=IwAR0D2gAR-lwzrHgRvwktmH5N5TuW5bxYrFNCF6ZsPHuwPvv5Sg3prlfv2tU) Aus dem Publikum kam der kritische Hinweis, der Islam - zu ergänzen: als hermetische Offenbarungsreligion - sei gar nicht reformierbar. Der von den Islamverbänden wegen seiner historisch-kritischen Herangehensweise an den Koran angefeindete Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide vertrat die These, bei den Muslimen - anscheinend undifferenziert im Kollektiv - gehe es heute weniger um Spiritualität als um Identität.
Damit gelangt die Debatte um die Gretchenfrage zurück zur Frage nach "Identität". Wo mit religiöser Inbrunst auf "Identitäten" (beliebig diffundierend im Plural) insistiert wird, löst sich das Konzept der pluralen Wertegemeinschaft und dem politisch-ethischen Grundkonsens der säkularen Demokratie in ideologisch-politischen Machtkämpfen auf.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich gehöre nicht zur Kategorie der "Klimaleugner" (gemeint: zu den Zweiflern am Klimawandel). Im Gegenteil: Ich vermisse die schneereichen Winter von gestern und die ehedem (fast) alljährlich zugefrorenen Berliner Seen. Ich bin nur in Maßen erleichtert, wenn dann im März noch ein später Wintereinbruch daherkommt. Als Nichtklimatologe halte ich mich an die Erkenntnisse der Wissenschaft, soeben erneut belehrt von dem Philosophen Mathias Frisch, der den von einer Minderheit von Experten genährten Zweifel als zweckgerichtete Fake News - analog der langjährigen Verharmlosung der Gesundheitsschäden durch die Tabakindustrie - zurückweist ("Wissenschaftler sind keine Glaubensbrüder", in: FAZ v. 27.02.2018, S. N1). Ich beharre angesichts der offenbar schwer erreichbaren Klimaziele auf einfacher Logik: Wenn man - abgesehen von den realen Klimakosten bei der Produktion und Entsorgung von Abertausenden von Windrädern - die Emissionen senken will, müsste man auf die - fraglos risikoreiche - in vielen Ländern des Globus unvermindert ausgebaute Kernenergie zurückgreifen. Das aber verbietet die grüne Religion.
Im Zuge der Migration kommt ein höchst reales religiöses Problem auf die säkularen und - vom Klima-Credo abgesehen - zunehmend areligiösen, zumindest kirchenfernen (west-)europäischen Gesellschaften hinzu. Die Migranten - und nicht nur die "Islamisten" - scheinen glaubensfester zu sein als die Indigenen.Was bedeutet all dies für unsere Demokratie? Zu dieser Thematik lud Bundespräsident Steinmeier Experten und Publikum zu seinem "Forum Bellevevue". Steinmeier selbst hielt die heutige deutsche Gesellschaft nicht für areligiös, sondern für "pluri-religiös", was man daran erkenne, dass im selben Viertel, "Kreuz, Kopftuch und Kippa" aufeinanderträfen. (Zur Verifizierung dieser schönen These sollte Steinmeier einen unbegleiteten Ausflug in die entsprechenden Viertel - und die dortigen Schulen - unternehmen. Er kennt Neukölln vor allem aus jenen Tagen, da er als Kanzlerkandidat auf Stimmenfang mit dem Clan-affinen Rapper Bushido rappte.) Steinmeier steht derzeit wegen seiner Glückwünsche ans iranische Mullah-Regime unter christlich-jüdischer Kritik.
Dass sich fromme Muslime - gleich welcher Richtung und/oder Rechtsschule - nicht allein aufgrund ihrer Vorstellung von der umma mit der Demokratie und ihrer Zivilreligion schwer tun, wird spätesten dann sichtbar, wenn die entsprechenden Dialogforen oder Islamkonferenzen ergebnislos bleiben. Unausgesprochen bleibt das schlichte Faktum, dass es den diversen Verbänden - ob nun Ditib oder Ahmadyyia - unter dem Vorwand gleichberechtigter Partizipation um Macht geht. Auf dem "Forum Bellevue" ging es anscheinend auch um theologische Fragen. Der Religionssoziologe Hans Joas meinte - womöglich im Blick auf die heutige Kirchenlandschaft -, von einer Rückkehr der Reliigion könne man zwar nicht sprechen, aber auch nicht mehr von der unaufhaltsamen Säkularisierung. (Siehe den Artikel "Plurireligiös", ibid. S. 9.) Was aber dann?
Offenbar vermied man den Hinweis auf die Rolle der grünen Ersatzreligion im postchristlichen Kontext. (Dazu jüngst Josef Kraus: https://www.tichyseinblick.de/meinungen/fasten-fuer-den-klimagott/?fbclid=IwAR0D2gAR-lwzrHgRvwktmH5N5TuW5bxYrFNCF6ZsPHuwPvv5Sg3prlfv2tU) Aus dem Publikum kam der kritische Hinweis, der Islam - zu ergänzen: als hermetische Offenbarungsreligion - sei gar nicht reformierbar. Der von den Islamverbänden wegen seiner historisch-kritischen Herangehensweise an den Koran angefeindete Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide vertrat die These, bei den Muslimen - anscheinend undifferenziert im Kollektiv - gehe es heute weniger um Spiritualität als um Identität.
Damit gelangt die Debatte um die Gretchenfrage zurück zur Frage nach "Identität". Wo mit religiöser Inbrunst auf "Identitäten" (beliebig diffundierend im Plural) insistiert wird, löst sich das Konzept der pluralen Wertegemeinschaft und dem politisch-ethischen Grundkonsens der säkularen Demokratie in ideologisch-politischen Machtkämpfen auf.
Dienstag, 19. Februar 2019
Res omissa
I.
Jedesmal, wenn den Abonnenten der Zweifel überkommt, ob sich das FAZ-Abonnement für die Frühstückslektüre denn noch lohne, findet er einen Beitrag, der den Zweifel an der Zeitung für eine Zeitlang wieder unterdrückt. Dies war in der letzten Wochenendausgabe bei der Lektüre eines ausführlichen Interviews der Fall, das der Herausgeber Jürgen Kaube und Simon Strauß mit dem Althistoriker Christian Meier anläßlich dessen 90. Geburtstags führten (FAZ nr. 40 v. 16.02.2019, S. 11, 13).
Christian Meier, geboren 1929 in Stolp/Pommern (heute Słupsk), spricht über seinen eher zufälligen Weg zur Alten Geschichte in der Nachkriegszeit. Vor dem Hintergrund des Ende der Weimarer Republik schrieb er seine Dissertation über den Untergang der römischen Republik. Seine Habilitationsschrift trug den Titel "Res publica amissa" ("Die aufgegebene Republik"). Sein langjähriger Gesprächspartner war der ob seiner unrühmlichen Rolle im "Dritten Reich" verpönte Carl Schmitt. Der bis heute - wegen seines Freund/Feind-Begriffs des Politischen - verpönte Carl Schmitt vermittelte Christian Meier - anstelle der vorherrschenden Begriffe von Staat und Gesellschaft - einen distanzierten, "realistischen" Blick auf die Welt der griechischen Polis - deren Charakter stellte er anno 1970 in dem bedeutsamen Suhrkamp-Bändchen "Entstehung des Begriffs ´Demokratie´" dar - sowie auf die römische Res Publica.
Das Wesen der attischen Demokratie, genauer: das Selbstverständnis der politeia, war ihr Begriff von "Freiheit" (eleuthería), gewonnen aus dem Sieg über die Perser, sowie die umfassende bürgerliche Teilhabe am politischen Geschehen, getragen von Selbstbewußtsein, von Können und Kritik. Wer dahinter wiederum den Begriff des Politischen erkennt - zuerst gerichtet nach außen, sodann gegen Machtkonkurrenten innerhalb der hellenischen Welt, schließlich wieder gegen das Perserreich -, liegt richtig. Heute, so wäre zu folgern, tritt die - stets abgeleugnete, moralisch verdammte - Schmittsche Dichotomie erneut - wie ehedem vor dem Mauerfall - in zwiefacher Weise hervor: in wiedergewonnenen Feindbildern nach außen hin (Putin und das russische Imperium, seit 2016 auch Trump, dazu im EU-Inneren Viktor Orbán), im Kampf gegen reale und imaginäre Verfassungsfeinde im Innern.
II.
Anno 1965 - drei Jahre vor dem heiligen westdeutschen Jahr 1968 - hielt Christian Meier einen Vortrag in der Evangelischen Studentengemeinde Freiburg. Unter dem Schatten der Frankfurter Auschwitz-Prozesse zog er eine negative Bilanz der deutschen Geschichte und erntete dabei Widerspruch mit Verweisen auf die Bombardierung Dresdens und die Vergehen der Roten Armee.
Daß die von Deutschen begangenen Schrecken der Geschichte sich nicht aufrechnen lassen, war ehedem noch nicht ins allgemeine Bewußtsein gedrungen - womöglich trotz allen Bemühens noch heute nicht allenthalben. Indirekt zollt Meier den "68ern" und ihrer moralischen Selbstlegitimation Tribut. Es gilt indes zu erinnern, daß jener Generation, großzügig im Umgang mit dem "Faschismus"-Begriff, die antiimperialistischen Befreiungskämpfe weithin mehr am Herzen lagen als die Konfrontation mit der bedrückenden Geschichte und Gegenwart ihres eigenen, geteilten Landes.
1985 fiel Christian Meier die Aufgabe zu, den Internationalen Historikertag zu eröffnen. Es war das Jahr der Eklats um den Besuch Helmut Kohls und des US-Präsidenten Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg sowie um den "Historikerstreit". In einer Rede, die er Anfang 1986 an der Universität Tel Aviv hielt, wandte sich der Althistoriker Meier gegen jeglichen Versuch, mit Hilfe simplifizierender Ideologien - wie des von vielen - nicht allen - "68en" instrumentalisierten Faschismus-Begriffs, aber auch des in der Nachkriegszeit vorherrschenden Totalitarismus-Begriffs nach Fluchtwegen aus der deutschen Geschichte zu suchen, der Wahrnehmung "des von uns zwischen 1933 und 1945 Angerichteten", "der Einzigartigkeit der Verbrechen, zu entrinnen."
Gleichwohl bezog Meier im Blick auf die Protagonisten des "Historikerstreits" eine vermittelnde Position: "Gewiß sollten wir wieder ein bewußteres, geordneteres Verhältnis zu unserer Geschichte haben. Es müßte uns ermöglichen, diese wieder mit den Augen der Identität zu sehen." Sodann: Im Blick auf "die damaligen Verhältnisse" und den damaligen "Wissensstand" "brauchten wir uns unserer Eltern und Großeltern zumeist nicht zu schämen. Wir werden sie uns allerdings nur in relativ wenigen Fällen zum Vorbild nehmen können."
III.
In dem FAZ-Interview spricht Christian Meier vom Faktum der geistigen Erschöpfung der antiken Kultur, von sich unmerklich hinziehenden Krisen sowie - mit einem Zitat von Robert Musil - von den "Mutationen" der Menschen - im Gegensatz zum Abstraktum "der Mensch". Sodann äußert er politisch unerwünschte Kritik am moralisierenden Umgang mit der Wirklichkeit. "Menschen mögen es nicht, dass sie (und ihre Gemeinwesen) wehrlos sind. [...] Ich vermute, dass wir irgendwann dazu kommen werden, doch wieder mehr von Interessen als von den vielbeschworenen Werten zu sprechen. Was machen Sie, wenn auf einmal eine Million Afrikaner bei uns zuwandern? Wollen Sie dann noch von Werten reden?" Den derzeitigen Luxus gerne selbstlos teilen werde wohl kaum einer...
Eingangs fragen die Interviewer den Neunzigjährigen nach seinen Wahrnehmungen als sechzehnjähriger Flakhelfer - als preußisch geprägter junger Mensch wollte er "eigentlich Offizier werden" - bei Kriegsende. "Aufs Ganze gesehen war ich in diesen Tagen wie betäubt." Trotz - angedeuteter - Distanz zum Regime habe man das Kriegsende als Niederlage erlebt. Erst nach und nach habe sich der Blick für Ausmaß und Charakter des maßlosen Verbrechens geweitet.
In dem Interview fällt auch der Name des Kollegen und Neuzeithistorikers Reinhart Koselleck (gleichfalls ein von Carl Schmitt geprägter Denker). Koselleck (1923-2006) erwähnte mehrfach, daß er in den Kriegsjahren als Soldat von den NS-Verbrechen keine Vorstellung hatte. Erst als er sich als Kriegsgefangener in Auschwitz befand, sei er bei einem Wutausbruch eines Aufsehers blitzartig zur Erkenntnis der grauenvollen Wahrheit gekommen.
Im Hinblick auf die Gegenwart, wo weithin das Bild kollektiven Zusehens angesichts der vermeintlich vor aller Augen vollzogenen Verbrechen vermittelt wird, hätte die Eingangsfrage des Interviews um die Frage erweitert werden müssen: "Was haben Sie und Ihre [deutschnationalen] Eltern von den Verbrechen wahrgenommen oder erfahren?"Die Interviewer unterließen die Frage. Res omissa.
Jedesmal, wenn den Abonnenten der Zweifel überkommt, ob sich das FAZ-Abonnement für die Frühstückslektüre denn noch lohne, findet er einen Beitrag, der den Zweifel an der Zeitung für eine Zeitlang wieder unterdrückt. Dies war in der letzten Wochenendausgabe bei der Lektüre eines ausführlichen Interviews der Fall, das der Herausgeber Jürgen Kaube und Simon Strauß mit dem Althistoriker Christian Meier anläßlich dessen 90. Geburtstags führten (FAZ nr. 40 v. 16.02.2019, S. 11, 13).
Christian Meier, geboren 1929 in Stolp/Pommern (heute Słupsk), spricht über seinen eher zufälligen Weg zur Alten Geschichte in der Nachkriegszeit. Vor dem Hintergrund des Ende der Weimarer Republik schrieb er seine Dissertation über den Untergang der römischen Republik. Seine Habilitationsschrift trug den Titel "Res publica amissa" ("Die aufgegebene Republik"). Sein langjähriger Gesprächspartner war der ob seiner unrühmlichen Rolle im "Dritten Reich" verpönte Carl Schmitt. Der bis heute - wegen seines Freund/Feind-Begriffs des Politischen - verpönte Carl Schmitt vermittelte Christian Meier - anstelle der vorherrschenden Begriffe von Staat und Gesellschaft - einen distanzierten, "realistischen" Blick auf die Welt der griechischen Polis - deren Charakter stellte er anno 1970 in dem bedeutsamen Suhrkamp-Bändchen "Entstehung des Begriffs ´Demokratie´" dar - sowie auf die römische Res Publica.
Das Wesen der attischen Demokratie, genauer: das Selbstverständnis der politeia, war ihr Begriff von "Freiheit" (eleuthería), gewonnen aus dem Sieg über die Perser, sowie die umfassende bürgerliche Teilhabe am politischen Geschehen, getragen von Selbstbewußtsein, von Können und Kritik. Wer dahinter wiederum den Begriff des Politischen erkennt - zuerst gerichtet nach außen, sodann gegen Machtkonkurrenten innerhalb der hellenischen Welt, schließlich wieder gegen das Perserreich -, liegt richtig. Heute, so wäre zu folgern, tritt die - stets abgeleugnete, moralisch verdammte - Schmittsche Dichotomie erneut - wie ehedem vor dem Mauerfall - in zwiefacher Weise hervor: in wiedergewonnenen Feindbildern nach außen hin (Putin und das russische Imperium, seit 2016 auch Trump, dazu im EU-Inneren Viktor Orbán), im Kampf gegen reale und imaginäre Verfassungsfeinde im Innern.
II.
Anno 1965 - drei Jahre vor dem heiligen westdeutschen Jahr 1968 - hielt Christian Meier einen Vortrag in der Evangelischen Studentengemeinde Freiburg. Unter dem Schatten der Frankfurter Auschwitz-Prozesse zog er eine negative Bilanz der deutschen Geschichte und erntete dabei Widerspruch mit Verweisen auf die Bombardierung Dresdens und die Vergehen der Roten Armee.
Daß die von Deutschen begangenen Schrecken der Geschichte sich nicht aufrechnen lassen, war ehedem noch nicht ins allgemeine Bewußtsein gedrungen - womöglich trotz allen Bemühens noch heute nicht allenthalben. Indirekt zollt Meier den "68ern" und ihrer moralischen Selbstlegitimation Tribut. Es gilt indes zu erinnern, daß jener Generation, großzügig im Umgang mit dem "Faschismus"-Begriff, die antiimperialistischen Befreiungskämpfe weithin mehr am Herzen lagen als die Konfrontation mit der bedrückenden Geschichte und Gegenwart ihres eigenen, geteilten Landes.
1985 fiel Christian Meier die Aufgabe zu, den Internationalen Historikertag zu eröffnen. Es war das Jahr der Eklats um den Besuch Helmut Kohls und des US-Präsidenten Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg sowie um den "Historikerstreit". In einer Rede, die er Anfang 1986 an der Universität Tel Aviv hielt, wandte sich der Althistoriker Meier gegen jeglichen Versuch, mit Hilfe simplifizierender Ideologien - wie des von vielen - nicht allen - "68en" instrumentalisierten Faschismus-Begriffs, aber auch des in der Nachkriegszeit vorherrschenden Totalitarismus-Begriffs nach Fluchtwegen aus der deutschen Geschichte zu suchen, der Wahrnehmung "des von uns zwischen 1933 und 1945 Angerichteten", "der Einzigartigkeit der Verbrechen, zu entrinnen."
Gleichwohl bezog Meier im Blick auf die Protagonisten des "Historikerstreits" eine vermittelnde Position: "Gewiß sollten wir wieder ein bewußteres, geordneteres Verhältnis zu unserer Geschichte haben. Es müßte uns ermöglichen, diese wieder mit den Augen der Identität zu sehen." Sodann: Im Blick auf "die damaligen Verhältnisse" und den damaligen "Wissensstand" "brauchten wir uns unserer Eltern und Großeltern zumeist nicht zu schämen. Wir werden sie uns allerdings nur in relativ wenigen Fällen zum Vorbild nehmen können."
III.
In dem FAZ-Interview spricht Christian Meier vom Faktum der geistigen Erschöpfung der antiken Kultur, von sich unmerklich hinziehenden Krisen sowie - mit einem Zitat von Robert Musil - von den "Mutationen" der Menschen - im Gegensatz zum Abstraktum "der Mensch". Sodann äußert er politisch unerwünschte Kritik am moralisierenden Umgang mit der Wirklichkeit. "Menschen mögen es nicht, dass sie (und ihre Gemeinwesen) wehrlos sind. [...] Ich vermute, dass wir irgendwann dazu kommen werden, doch wieder mehr von Interessen als von den vielbeschworenen Werten zu sprechen. Was machen Sie, wenn auf einmal eine Million Afrikaner bei uns zuwandern? Wollen Sie dann noch von Werten reden?" Den derzeitigen Luxus gerne selbstlos teilen werde wohl kaum einer...
Eingangs fragen die Interviewer den Neunzigjährigen nach seinen Wahrnehmungen als sechzehnjähriger Flakhelfer - als preußisch geprägter junger Mensch wollte er "eigentlich Offizier werden" - bei Kriegsende. "Aufs Ganze gesehen war ich in diesen Tagen wie betäubt." Trotz - angedeuteter - Distanz zum Regime habe man das Kriegsende als Niederlage erlebt. Erst nach und nach habe sich der Blick für Ausmaß und Charakter des maßlosen Verbrechens geweitet.
In dem Interview fällt auch der Name des Kollegen und Neuzeithistorikers Reinhart Koselleck (gleichfalls ein von Carl Schmitt geprägter Denker). Koselleck (1923-2006) erwähnte mehrfach, daß er in den Kriegsjahren als Soldat von den NS-Verbrechen keine Vorstellung hatte. Erst als er sich als Kriegsgefangener in Auschwitz befand, sei er bei einem Wutausbruch eines Aufsehers blitzartig zur Erkenntnis der grauenvollen Wahrheit gekommen.
Im Hinblick auf die Gegenwart, wo weithin das Bild kollektiven Zusehens angesichts der vermeintlich vor aller Augen vollzogenen Verbrechen vermittelt wird, hätte die Eingangsfrage des Interviews um die Frage erweitert werden müssen: "Was haben Sie und Ihre [deutschnationalen] Eltern von den Verbrechen wahrgenommen oder erfahren?"Die Interviewer unterließen die Frage. Res omissa.
Dienstag, 29. Januar 2019
Geschäftsmodell: Leserkommentar zur nicht nur berlinischen Bildungsmisere
Nachfolgend ein ergänzender Kommentar zu meinem Globkult-Artikel (https://globkult.de/gesellschaft/modelle/1727-fachkraeftemangel-und-volksbildung-in-berlin) zur nicht nur Berliner Bildungsmisere. Es handelt sich um eine - von dem Anonymus "MsFreigeist" - verfasste Leserzuschrift zu zu meinem auch auf The European (https://www.theeuropean.de/herbert-ammon/15312-bildungsmisere-und-fachkraeftemangel-anno-2019 ) publizierten Artikel:
"Wer
ernsthaft meint, mit dem erfolgreichen Abschluß irgendeines
Genderstudiums mehr Geld als ein Klempner zu verdienen, muss schon auf
einer Bremer Waldorfschule gewesen sein.
Abgesehen davon, dass er, sie oder was auch immer das intellektuell nicht schaffen könnte.
Aktuell gibt es knapp 20.000 Studiengänge in D.
Warum?
Die unis (sic!) und Akademien habe[n] da ihr Geschäftsmodell, entwickeln immer blumiger Studiengänge, nix sind sie wert.
Verschwendete Zeit und Geld.
Bitter für die ahnungslosen Studenten.
Hatte das Vergnügen, eine angehende Gesamtschulabiturientin als Praktikantin zu erleben.
Also Deutsch findet sie doof, Englisch erst recht. NATURWISSENSCHAFTEN Nein danke. Geschichte: Keine Ahnung.
Will Medizin studieren....
Nach langem Fragen, ja von Pädagogik würde sie was verstehen....
Wunderbar. Unsere akademische Zukunft.
Für jede Lehre unterqualifiziert.
Also, irgendwas studieren.
Und dann?"
Abgesehen davon, dass er, sie oder was auch immer das intellektuell nicht schaffen könnte.
Aktuell gibt es knapp 20.000 Studiengänge in D.
Warum?
Die unis (sic!) und Akademien habe[n] da ihr Geschäftsmodell, entwickeln immer blumiger Studiengänge, nix sind sie wert.
Verschwendete Zeit und Geld.
Bitter für die ahnungslosen Studenten.
Hatte das Vergnügen, eine angehende Gesamtschulabiturientin als Praktikantin zu erleben.
Also Deutsch findet sie doof, Englisch erst recht. NATURWISSENSCHAFTEN Nein danke. Geschichte: Keine Ahnung.
Will Medizin studieren....
Nach langem Fragen, ja von Pädagogik würde sie was verstehen....
Wunderbar. Unsere akademische Zukunft.
Für jede Lehre unterqualifiziert.
Also, irgendwas studieren.
Und dann?"
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