Sonntag, 5. Mai 2013

Vom Umgang mit appropriiertem historischen Erbe



Was in Zeiten wie diesen in diesem unseren Lande bereits nahezu  undenkbar scheint, sprach in einem Leserbrief an die FAZ (02.05.2013, S.34) der polnische Historiker Dr. Roman Zeminski aus: Dass es im Hinblick auf die  leidvolle Geschichte  zwischen Deutschen und Polen auch auf polnischer Seite  an kritischer Selbstbefragung fehlt, nicht zuletzt  an Sensibilität im Umgang mit dem deutschen historischen Erbe.

Gegenstand des Leserbriefs war der so eigennützige wie gedankenlose Umgang der Universität Stettin (Sczeczin)   mit dem - aus deutschen Mitteln - zum Zwecke deutsch-polnischer Begegnungen sowie als Wissenschaftszentrum restaurierten Herrenhaus Külz aus dem einstigen pommerschen Besitz der Bismarcks. Anscheinend unbekümmert  von  vertraglichen Fixierungen, hob die Universität die Begegnungsstätte auf und stellte das Schloss zur Aufbesserung der  Finanzen zum Verkauf.

Dr. Zeminski schrieb dazu folgendes: "Der Fall Külz ist nicht nur eine Frage des Stils, ganz abgesehen von Geld und von juristischen Fragen. Das ist eine Frage der heutigen und künftigen deutsch-polnischen Verständigung. Wir als Polen, bemühen uns nicht. Wir möchten, wir fordern, wir nehmen, aber geben nicht. Uns wurde gegeben. Hinter- und Vorpommern auch. Auch Niederschlesien. Sechshundert Burgen, Herrenhäuser und Schlösser in Niederschlesien, die den Deutschen gehörten, stehen ruiniert. Aber wem werden wir diese Karte zeigen, den Deutschen? [...] Ich schäme mich, aber ich hoffe. Ich hoffe sehr stark, dass es in Deutschland viele Leute gibt, die daran glauben, dass es in Polen eine dünne Schicht von Leuten gibt, die geben wollen... Ich glaube an jüngere Generationen und ich hoffe, dass der Fall Külz einer der letzten war."

Für solche Worte gebühren dem Verfasser Respekt und Dank.  Es steht indes zu befürchten, dass seine Hoffnung auf unverkrampfte Verständigung letztlich  fehlgeht, und zwar deshalb, weil auf deutscher Seite, jene "Schicht von Leuten", die sich des geschichtlichen Erbes in Pommern, in der Neumark und Schlesien noch erinnern, genauer: erinnern wollen, allem Anschein nach  noch dünner ist als die von Dr. Zeminski erwähnte Bildungsschicht in Polen. Unter jüngeren Deutschen besteht kaum noch eine Erinnerung an die Geschichte der einstigen deutschen Ostgebiete, sofern - jenseits der Rocky-Krimi-Hitler-Horror-Talk-and-Picture-Show-Szenarien - überhaupt noch ein existenzielles und/oder ästhetisches Interesse an Geschichte, id est an komplexer Historie, anzutreffen ist. In deutschen Seminaren, Medien  und Feuilletons geht seit langem lineare curriculare Unterweisung in  Geschichtsmoral einher mit  geschichtspolitischer  Beflissenheit.

Wie unter derlei Umständen  auf beiden Seiten der Oder  jenes Maß an unapologetischer, (selbst-)kritischer  Offenheit zu erreichen ist, wie es den zitierten Leserbrief auszeichnet, bleibt somit insbesondere von deutscher Seite - jenseits der üblichen europäisch eingekleideten Verständigungsrituale - leider nur noch zu erhoffen.