Dienstag, 7. Mai 2013

Joschka (Joseph M.) Fischer als Geschichtsdenker

Joseph M. Fischer als Geschichtsdenker

Ich empfehle dem geneigten Publikum die Lektüre der dreispaltigen Besprechung (FAZ v. 06.05.2013) von Gregor Schöllgen  des bei C.H. Beck erschienenen Zwiegesprächs zwischen dem  Historiker Fritz Stern und dem grünen Erfolgsmenschen Joschka Fischer über die Weltläufte, zentriert um die  deutsche Geschichtskatastrophe. Beachtung verdient zum einen die  Reminiszenz  des in jungen Jahren  aus Breslau geflüchteten Stern  an seinen ersten noch  "voller Misstrauen" unternommenen Besuch in Nachkriegsdeutschland im Jahre 1950. Er traf, anders als erwartet,  bei seinen Gesprächspartnern (aus den "Eliten") auf keine Neigung zu billiger Apologetik, auch  nicht auf antisemitische Tendenzen. Diese Erfahrung unterscheidet sich von Hannah Arendts frühen Reiseeindrücken nach dem Krieg, wonach sich die Deutschen vor allem als Opfer stilisierten. Selbst wenn es sich um Sterns subjektive Wahrnehmungen handelte, so stehen diese in Widerspruch zu dem geläufigen Bild einer starrsinnigen, noch stark NS-imprägnierten Gesellschaft. Sie kontrastieren  mithin auch mit dem edlen Selbstbild der von Fischer repräsentierten "Achtundsechziger", erst ihre Generation habe mit der Nazi-Vergangenheit aufgeräumt...

Was noch mehr Erstaunen erweckt, ist die gänzlich ironiefreie Wiedergabe der Ausführungen  des von Selbstzweifeln  unbeschadeten ehemaligen Grünen-Außenministers und jetzigen multiplen Aufsichtsrats (männl.) Joschka Fischer. Offenbar weiß Schöllgen  den historischen Fundus des "Autodidakten", - nach stolzem Bekenntnis hat sich bereits der Knabe Fischer durch die Gemeindebibliothek seines Heimatortes (Langenburg im Fränkisch-Hohenloheschen) gelesen -  zu schätzen. Überdies scheint der als  konservativ geltende Erlanger Emeritus Schöllgen den Politiker Fischer - dieser bekennt sich ohne Umschweife zu seiner Liebe zur Macht - auch den Rang  eines Geschichtsdenkers  zuzuerkennen, wenn er schreibt:

"Man merkt, dass Fischer nichts mehr werden muss. - Auch nicht Historiker. Sein Blick auf die deutsche Geschichte, die den Dreh- und Angelpunkt des Gespräches bildet, ist erfrischend frei von Umwegen und Kompromissen, und in aller Regel kann man ihm dabei folgen. So hat Fischer keinen Zweifel, dass die eigentliche Ursache für den - so gesehen - unvermeidlichen Weg Europas in die Katastrophe zweier Weltkriege in der Reichsgründung des Jahre 1871 zu suchen ist. Und es war ein Versäumnis der alliierten Sieger, dass sie diesen Fehler nicht schon 1919, sondern erst 1945 ´rückgängig´ machten."

Schöllgen leitet von dieser "äußeren Demontage"  zu Fischers Beitrag zum  großen "Reinemachen im Innern" über, wozu die von Fischer inszenierte, von willigen Historikern unternommene Purgation der Geschichte des AA gehörte. Die in Bezug auf das europäische Zentrum unumgängliche Frage, wie wohl eine geglückte großdeutsche, ab 9. Nov. 1848  nur noch kleindeutsche (die Reichsgrenzen von 1871 - mit nationalen Schmerzen vermindert um Elsass-Lothringen - antizipierende) Revolution mit der deutschen Geographie, mit der Frage des europäischen Gleichgewichts, mit den Flügelmächten sowie mit den seit 1792 ringsum erblühten Nationalismen fertig geworden wäre, stellt sich für Denker wie Fischer nicht.  Das liegt gewiss nicht an seiner Herkunft aus dem schönen Ungarland: Auch mit dem von  Schwarzenberg anvisierten  Mitteleuropa unter österreichischer  Hegemonie wäre das europäische Mächtespiel entbrannt...

Dass Fischer mit seinem schlichten Geschichtsbild ("Gründungsmythos Auschwitz"; "unsere Väter, diese Säcke") reüssieren konnte, fällt auf die von ihm - ohne erkennbaren weiblichen Widerstand - okkupierte feministische  Partei zurück und ist  im Hinblick auf  die deutsche Politiklandschaft nicht allzu verwunderlich. Indes verwundert, dass der Historiker Schöllgen dem  Geschichtsdenker Fischer auf dessen geistigen Pfaden anscheinend ohne Widerspruch folgt.