Historisches Gedenken in ahistorischer Gesellschaft
Heute, am 22. Februar 2023 - Höhepunkt des Faschings- und Karnevalstreibens in "unserem" Land - ist des Tages vor achtzig Jahren zu gedenken, an dem die Geschwister Scholl und Christl Probst, von Freislers "Volksgerichtshof" ein paar Stunden zuvor zum Tode verurteilt, im Zuchthaus München-Stadelheim unter dem Fallbeil starben. Gedenken - in zivilreligiöser Terminologie remembrance - gedenkwürdiger Ereignisse ist dem historischen Prozess unterworfen und dient den jeweiligen ideellen Tendenzen und geschichtspolitischen Zwecken.
Wenn daher das
Gedenken an den Widerstand gegen das verbrecherische NS-Regime im Zeichen der "Weißen Rose", den Hans und
Sophie Scholl, Christl Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf, Kurt
Huber und Hans Leipelt mit ihrem Leben bezahlten, zum
historisch-ethischen Selbstverständnis der Bundesrepublik
Deutschland, so steht derartiges Gedenken in tendenziellem Widerspruch zur ahistorischen Gesellschaft des "modernen Einwanderungslandes Deutschland". Nicht nur für Jüngere muten die Worte, die Sophie Scholl mit ungebrochener seelischer Kraft dem "Volksgerichtshof" entgegenhielt, geschichtlich weit entrückt und politisch ungeeignet an: "Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich
gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine
Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner
Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen."
Vor allem die Biographien von Hans und Sophie Scholl haben
eine ganze Anzahl von Autoren und Autorinnen gefunden. Nachfolgend stelle ich meine Rezension des biographischen Essays vor, den der Historiker Klaus-Rüdiger Mai Sophie Scholl gewidmet hat.
Ricarda Huchs Konzept eines Gedenkbuches
Im Sommer 1946 entdeckte die Cellistin Susanne Hirzel in der Zeitung
einen Aufruf von Ricarda Huch Zeugnisse für ein Buch zum Gedenken
der „Heldenmütigen“ zu sammeln, die den Versuch gewagt hatten,
das „klug gesicherte Schreckensregiment“ zu stürzen. Die
Schriftstellerin, über ihren Schwiegersohn Franz Böhm dem
Widerstand des 20. Juli verbunden, hatte es sich „zur Aufgabe
gemacht, Lebensbilder dieser für uns Gestorbenen“ für ein solches
Gedenkbuch aufzuzeichnen, „damit das deutsche Volk daran einen
Schatz besitze, der es mitten im Elend noch reich macht.“
Die Ulmer Pfarrerstochter Susanne Hirzel, seit 1935 mit der
gleichaltrigen Sophie Scholl befreundet, war im zweiten „Weiße
Rose“-Prozess des „Volksgerichtshofs“ unter Roland Freisler,
der Kurt Huber, Alexander Schmorell und Willi Graf im April 1943 zum
Tode verurteilte, mit einer halbjährigen Strafe davongekommen. Sie
antwortete der Schriftstellerin - die das geplante Werk vor ihrem Tod
(1947) selbst nicht vollenden konnte - mit einem langen Brief, in dem
sie an den Todesmut ihrer Freundin Sophie Scholl erinnerte. Im Januar
1943 habe ihr Sophie von den Flugblattaktionen ihres Münchner
Freundeskreises erzählt. Einer müsse den Mut haben, anzufangen.
„Wenn ich Gelegenheit hätte, Hitler zu erschießen, so müßte ich
es tun, auch als Mädchen.“
Diktatur und „Eigensinn“
Mit seinem biographischen Essay zu Sophie Scholl legt Klaus-Rüdiger
Mai ein Buch vor, das – ungeachtet einiger lässlicher
Ungenauigkeiten - inmitten der reichhaltigen Literatur über die
„Weiße Rose“ über das Gedenkjahr 2023 hinaus Beachtung
verdient. Auch in diesem schmalen Buch geht es um das Grundthema
aller Scholl-Biographien (siehe zuletzt:
https://globkult.de/geschichte/rezensionen/2151-fritz-schmidt-juergen-reulecke-hans-scholl
) – von der anfänglichen Hitler-Begeisterung über Abwendung von der
NS-Diktatur hin zu offenem, todesmutigen Widerstand. In seinem
Sophie-Scholl-Porträt vertieft der Historiker Mai - unter anderem
Verfasser einer Biographie der Märtyrerin Edith Stein - das im
Lebensweg angelegte Thema auf vielschichtige Weise. Da geht es zum
einen durch die Einordnung des NS-Regimes in dessen historische
Bedingungen, zum anderen um die Willkürerfahrungen von
selbstbewussten - „eigensinnigen“ - jungen Menschen wie der
Scholls und ihrer Freunde mit totalitärer Praxis. Das psychologische
Motiv verknüpft Mai mit – im Hinblick auf die Bedeutung des
französischen Rénouveau catholique und des Münchner
„Hochland“-Kreises um Carl Muth und Theodor Haecker
philosophiegeschichtlich weit ausgreifenden - Reflexionen über die
christlich-religiösen Ressourcen, aus denen Sophie Scholl, ihre
Geschwister und ihre Freunde schöpften.
Die politische Atmosphäre Deutschlands in der Endphase der Weimarer
Republik kennzeichnet Mai mit erhellenden Zitaten. Das eine stammt
von dem im italienischen Faschismus verwurzelten Schriftsteller
Curzio Malaparte, der anno 1931 beobachtete, dass Hitler sich
anschickte, die „gefährliche Rolle des Catilina aufzugeben und die
ungefährlichere eines plebiszitären Diktators zu übernehmen.“
Andere Beobachtungen hielt 1931 der französische Sozialist Pierre
Viénot in einem Buch „Ungewisses Deutschland“ fest. Er
registrierte den Zusammenbruch der bürgerlichen Ordnung sowie einen
„krankhaften Hang [der Deutschen] zur Selbstanalyse“. Er
stellte zugleich eine tiefe Verwurzelung der Idee de „Fürsorgestaats“
fest, „der gewiss nicht der bürgerlichen Kultur [angehört]. Hier
treten wir in das weite Gebiet des Sozialismus ein.“
Es handelte sich um das Verlangen nach Volksgemeinschaft, in der
aller Parteienstreit, Klassenkonflikte und Klassenschranken
überwunden seien. In den „Bünden“ der bürgerlichen
Jugendbewegung verschmolzen Naturromantik, Nationalromantik und
Sozialromantik. Den Traum von einem „Neuen Reich“ verkündete
1927 der in der bündischen Jugend verehrte Stefan George in einem
Gedicht. Mit derlei Emotionen bewegten sich die „Bünde“ in enger
Nähe zum Nationalsozialismus. Der Jubel über die „Machtergreifung“
Hitlers am 30. Januar 1933 erfasste auch den jungen
Reichswehroffizier Stauffenberg bei einem SA-Aufmarsch in Bamberg.
Der spätere NS-Gegner Ernst Forsthoff proklamierte 1933 in seinem
Buch „Der totale Staat“: Das bürgerliche Zeitalter wird
liquidiert“. Für „die Verheißung einer besseren Zukunft“
komme es darauf an, „die letzten Reserven aus dem Volk
herauszuholen.“
Inspiriert von ihrem Umfeld – Schule, Kirche und Altersgenossen -
teilten die Scholl-Geschwister, obenan die älteste Tochter Inge mit
einem Hitler-Bild an der Wand, die nationalen Hochgefühle. Der Ulmer
Stadtpfarrer Oehler nannte im Religionsunterricht den Tag von Potsdam
(21.März 1933) „ein wunderbares Ereignis“. Inge Scholl konnte
es nicht erwarten, dass Bruder Hans mit seinem „Verein“ - dem
Jungvolk des Ulmer CVJM - geschlossen in die Hitler-Jugend übertreten
würde. Sie selbst avancierte alsbald als erste der Geschwister zur
BDM-Führerin.
Die HJ-Begeisterung der jungen Geschwister war Teil des pubertären
Ablösungsprozesses vom Elternhauses. Mit dem agnostischen,
pazifistisch und antinazistisch gesinnten Vater Robert Scholl geriet
insbesondere Hans in einen häuslichen Dauerkonflikt, was indes den
engen Familienzusammenhalt, gestärkt durch die pietistisch geprägte
Mutter Magdalena Scholl, zu keiner Zeit gefährdete. Die Familie gab
den emotionalen Rückhalt an allen Stationen des Wegs in den
Widerstand.
Zu Recht betont Mai, dass Antisemitismus im Hause der Scholls keinen
Platz hatte. Starker Eigenwille und intellektuelle Neugier zeichnete
den draufgängerischen Hans („Feuerkopf“) aus, musische
Begabungen und poetische Sensibilität die als „Buben-Mädel“ im
BDM zunächst nicht minder engagierte Sophie. Von ihr zitiert Mai den
Satz: „Wer Heinrich Heine nicht kennt, kennt die deutsche Literatur
nicht.“
„Bündische
Umtriebe“
Befördert wurden derlei Dispositionen durch die Aspirationen und
Ausdrucksformen der Jugendbewegung, wie sie insbesondere in der von
Eberhard Koebel (tusk) 1929 gegründeten d.j.1.11. gepflegt
wurden. Nicht von ungefähr unterhielt die Familie Scholl persönliche
Beziehungen zu - dem nach seiner Verurteilung im Ulmer
Rechswehrprozess 1930 vom NS zum Nationalkommmunismus konvertierten -
Richard Scheringer. Allerdings fehlt in Mais Essay ein Hinweis auf
diesen die frühe Widerständigkeit der Scholls erhellenden
biographischen Aspekt. Auch das patriotische Motiv, („Ich
bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade
jetzt für mein Volk tun konnte...") tritt nur beläufig hervor.
Die Ideale und Gefühlsmomente der „Bündischen“ beschrieb
Susanne Hirzel in ihrem oben erwähnten Brief: Letzten Endes ging es
um die ´Freíheit. Diesem Ziel wollten wir unser Leben weihen,
hätten jedoch niemandem genauer sagen können, was das ist
´Freiheit´“. Die Interpretation liefert Autor Mai: Es war die
Gefühlswelt des Sturm und Drang. Mai hat seinem Buch eine Passage
aus dem Beat-Kultbuch „On the Road“ vorangestellt, wo Jack
Kerouac von den „Verrückten, die verrückt sind aufs Leben...
schreibt und fragt: „Wie nannte man solche jungen Leute in Goethes
Deutschland?“ „Freiheit“ schrieb Sophie Scholl zweimal auf die
Rückseiten der ihr am Tag vor der Hinrichtung ausgehändigten
Anklageschrift. „Es lebe die Freiheit!“ rief Hans auf dem Weg zum
Schaffott.
Die spezifisch bündischen Tendenzen – von Baldur von Schirach
bereits 1933 scharf abgelehnt - wurden innerhalb der HJ noch bis 1935
toleriert, ab 1936 unter der Rubrik „bündische Umtriebe“
strafrechtlich verfolgt. Im Gestapo-Verhör im Februar 1943
begründete Sophie ihre Entfremdung von BDM und Nationalsozialismus
„in erster Linie“ mit ihrer und ihre Geschwister Verhaftung
„wegen sog. bündischer Umtriebe“ im Herbst 1937. Die „Umtriebe“
wurden mit Anklagen gegen Hans Scholl und Inges Freund Ernst Reden
wegen Verstoßes gegen § 175 unterlegt. Unter Verweis auf
homoerotische Anwandlungen in Pubertätsjahren widerlegt Autor Mai
den Theologen Robert Zoske, der – zeitgeistgemäß - in seinen
Biographien Hans Scholl für bisexuelle Prägung und Sophie für
latent lesbische Neigungen vereinnahmen möchte.
Der christliche
Glaube
Zum tragenden Motiv des ins Martyrium führenden Widerstands wird –
für Hans und Sophie auf unterschiedliche Weise – ihr christlicher
Glaube. Als Hans – kurz vor seiner eigenen Festnahme – von der
Verhaftung seiner Geschwister erfährt, bedankt er sich bei seiner
Mutter für den Trost in einem „wunderbaren“ Bibelwort: „Es
half mir, wieder meine alte Fassung zurückzugeben.“ Über Bruder
Werners katholischen Freund Otl Aicher, dem wegen seiner Weigerung,
der HJ beizutreten, die Zulassung zum Abitur verweigert wird, kamen
die Scholl-Geschwister 1939/40 mit der Geisteswelt des französischen
Rénouveau catholique – mit Namen wie Georges Bernanos, Paul
Claudel und Jacques Maritain - in Berührung. Über den
glaubensstarken, auf Konversion der Geschwister sinnenden Aicher,
gelangten Hans und Sophie in den reformkatholischen Kreis der inneren
Emigration um Carl Muth.
Autor Mai mindert die Bedeutung des Münchner Kreises nicht, wenn er
die Geschwister, die vor ihrem Henkertod am späten Nachmittag des
22. Februar 1943 das Abendmahl einnahmen, in die protestantische
Tradition der Gewissenspflicht stellt. Im Unterschied zu Luther auf
dem Reichstag zu Worms mussten diese jungen Menschen in den Tod
gehen, weil ihnen in Hitlers Reich eine schützende Hand fehlte.
Klaus-Rüdiger Mai: Ich würde Hitler erschießen.
Sophie Scholls Weg in den Widerstand, Paderborn (Bonifatius Verlag)
2023, 192 Seiten, 18 €
Postscript
Ich freue mich über die Resonanz, die meine Besprechung des Sophie-Scholl-Essays von K.-R. Mai auf der "Achse des Guten" (19.02.2023) gefunden hat:
"Vielen Dank für den Text und das Bild. Ich kann aus vielen Familiengesprächen bestätigen, daß Lisa Remppis zu dem damaligen Zeitpunkt die große Liebe von Hans Scholl und - umgekehrt war. Freundschaftliche Beziehungen zu Sophie Scholl inbegriffen. - Ich hatte das alles ad akta gelegt. Selbst für meine Großmutter war diese Zeit sehr turbulent, höflich ausgedrückt,und nicht ungefährlich. - Lisa Remppis war die Cousine meines Vaters."