Sonntag, 12. Juni 2016

EM: europäischer Patriotismus ohne Grenzen

Alle zwei Jahre wieder: In den nächsten vier Wochen versammeln sich die Millionen  vor der Glotze, ob zu Hause mit Bier - ggf. aus religiösen Gründen mit oder ohne Mineralwasser - , ob umsatzsteigernd in der bi- oder mononational beflaggten Kneipe, beispielsweise bei dem als Italiener firmierenden Pizza-Albaner, oder – alle  "antifaschistischen" Proteste der weltoffen-teutophoben Grünen Jugend missachtend - fahnenschwingend auf der für Polit-Demos vorübergehend nicht nutzbaren, rucksackfreien "Fanmeile" vor dem Brandenburger Tor. Wenn einer der Millionen teuren Helden ( alle derzeit noch masc.) ins Tor des Gegners trifft, umschlingen sich – je nach Bevölkerungszahl der sechzehn, pardon, zwanzig EM-Teilnehmer – die Millionen, oder Hunderttausende (wie mutmaßlich in Albanien, inkl. Kosovo und westl. Mazedonien).

Das Spektakel wurde mit allerlei Friede, Freundschaft, Eierkuchen signalisierendem Firlefanz eröffnet, dann ging´s mit den Nationalhymnen, mit der von Rumänien und mit Frankreichs blutig-martialischer Marseillaise, richtig los. Ob der stets sorgengeplagte Francois Hollande auf der Tribüne so richtig mitsang oder nicht, war schwer zu erkennen. Wie auch immer, bei der EM tritt der emotional unklare Doppelcharakter der Inszenierung hervor. Angestrebt ist ein (staats-)völkerverbindendes Schauspiel in geographisch unbestimmtem „europäischen“ Rahmen – in der UEFA-Definition reicht Europa (wie bei der OSZE) von Wladiwostok bis Finistère und Guadeloupe. Doch in den Stadien, wo die Nationalmannschaften aufeinandertreffen, auf den Straßen und vor den Bildschirmen manifestieren sich  national(istisch)e Emotionen, die zuweilen bedrohliche Formen annehmen. Wenn es in Marseille zu blutigen Nahkämpfen zwischen Russen und Engländern kommt, wenden wir friedliebenden Europäer (sc. -innen) uns degoutiert ab. Dass sich derlei Prügelszenen auch bei anderer Gelegenheit zwischen „Ultras“ diverser Clubs abspielen, klingt für uns Fußballpazifisten immerhin einleuchtend, sofern es den Vereinen gelingt, ihre sich als Faschos und/oder Neonazis gerierenden Fans/Hooligans aus den Ultra-Blocks zu verbannen. Andererseits: Wenn Barca spielt, stehen die Fans nach 17 Minuten, 14 Sekunden, im Stadion fahnenschwingend auf. Geprügelt wird dort m.W. jedenfalls nicht.

Bei der EM dürfen/sollen – etwas anders als bei der Pegida in Dresden – allen nationalen Gefühlen zum Trotz die Zuschauer europäische Patrioten sein. Gleichwohl steht angesichts der vornehmlich in städtischen Problembezirken hervortretenden Defizite in der Volksbildung (kaum noch geläufiges Synonym für demokratische Kompetenzvermittlung) zu bezweifeln, dass – nicht anders als beim Eurovision Song Contest – die Fans den richtigen, für den Fußball geltenden Begriff für Europa im Kopf haben. Richtig, Albanien gehört noch nicht zur EU, steht in Brüssel indes auf der Kandidatenliste. Mit dem anderen Aspiranten, mit Erdogans Türkei, haben „wir Europäer“ derzeit einige Nöte, so dass zu hoffen bleibt, dass in keinem der Spiele – schon gar nicht etwa im Finale – Jogi Löws bunte Truppe (mit dem Mekka-Pilger Mesut Özil) auf die Mannschaft vom Bosporus (?) trifft. Die Ukraine, „unser“ heutiger Gegner, hat derzeit in Brüssel anscheinend weniger Chancen als Albanien.

Wir Fans wissen, dass die drei im Hexagon auftretenden Teams aus dem vom Brexit bedrohten United Kingdom aus fußballhistorischen Gründen Sonderstatus genießen. Schottland ist nicht mit dabei, allerdings nicht wegen des im Vorjahr gescheiterten Referendums über die Unabhängigkeit. Damit sich unsere politisch unsichere Vorstellung von Europa wenigstens geographisch in etwas sichereren Grenzen hält, sind in den Vorrunden Kasachstan sowie die Kaukasus-Länder, darunter der vergebliche EU-Aspirant Georgien und das Putin-affine Armenien, schon mal ausgeschieden.