Freitag, 17. Juni 2016

German Polspeak and German empirical sociology


I.
Die satirische Qualität von Merkels Polspeak ist inzwischen selbst einigen medialen Merkel-Anhängern aufgegangen, nicht allein dem als einstiger „Ossi“ an der Geistesverfassung der Bundesrepublik (ver)zweifelnden Michael Klonovsky. Dessen auch in Buchform („Acta diurna“) vorliegenden Sprachanalysen der Verlautbarungen der in Templin (ehedem Bezirk Neubrandenburg, heute Bundesland Brandenburg) zu einem DDR-Einser-Abitur – damals noch mit Deutsch als Erstsprache - gelangten Pastorentochter bieten inmitten unseres sonst tristen Politalltags vergnügliche Lektüre.

In der heutigen FAZ wird der Leser (sc. -eXYZ-in) erneut mit stilistischen Hervorbringungen unserer Kanzlerin beglückt. Unter Bezug auf eine  Umfrage der Universität Leipzig, die  correcto modo wachsende Vorurteile gegen Homosexuelle diagnostizerte, forderte Merkel  in einer "offenen und freien" Gesellschaft "Respekt" gegenüber dem (m.) jeweils anderen, "egal, was er glaubt [gilt nicht für Ludendorffer, H.A.], egal, wie er aussieht [gilt auch für Burka-Träger, m., H.A., s.a: http://herbert-ammon.blogspot.de/2014/06/beichtspiegel-und-burka.html.], und egal, wen er (m.) liebt". (Die Ergänzung des Bloggers: " gilt mithin auch für Hundeliebhaber/Kynophile" unterliegt der Selbstzensur; H.A.] Mutmaßlich  im Hinblick auf die angestrebte großgründeutsche, schwarz-grün-gelbe Koalition, sodann anläßlich des vom Massaker in Orlando, Fla.,  überschatteten CSD, eines der höchsten Feiertage unserer Zivilreligion, verlieh Merkel in folgenden Worten ihren Überzeugungen Ausdruck: „Ich bin überzeugt, dass unsere Gesellschaft stark genug ist, auch diesen bedrückenden Hass zu überwinden und zu überstehen." Frage: Sind wir  "stark genug", Merkels Erfolge als Willkommenskulturalistin zu überstehen, insbesondere auch ihre rhetorischen Leistungen hinreichend zu würdigen? Schaffen wir das? (Siehe auch: H.A.http://herbert-ammon.blogspot.de/2015/09/historisch-politische-bilanz-der.html)

II.
In derselben Ausgabe der Qualitätszeitung darf sich als „Fremde Feder“ Katrin Göring-Eckardt, die unvollendete Theologin und Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, zum Thema „Für einen sozialen Aufbruch" äußern. Wer soll mit wem wohin aufbrechen? Da das Proletariat sich realsoziologisch und begrifflich bereits in den 1950er Jahren dank wachsendem Wohlstand in der kapitalistischen Industriegesellschaft aufgelöst hat und das jüngere Prekariat als Adressat grüner sozialer Fürsorglichkeit nicht in Frage kommt, gilt Göring-Eckardts Sorge allen, die "keine Chance auf Aufstieg haben, auf ein anderes Leben". Dazu gehören "der  Kurierfahrer genauso wie diejenigen mit Uniabschluss und Auslandserfahrungen." Doch nicht nur das akademische Prekariat gehört zu  Göring-Eckardts grünen Sorgenkindern: "Armut, gerade von Kindern, hat nicht abgenommen, und sie trifft besonders Kinder von Alleinerziehenden, meist Frauen." 

Dass Göring-Eckardts Aufbruch in die bessere Zukunft  - "ein sozialer Aufbruch kann gelingen, wenn wir klarmachen , dass mehr Gerechtigkeit sich für alle lohnt" - nur durch bessere Bildung gelingen wird, versteht sich von selbst: "Die nächste Gründerin eines Dax-Unternehmens könnte heute in Duisburg-Marxloh zur Kita gehen, aber nur, wenn wir sie früh genug fördern, wird sie ihren Weg gehen können."

Für Göring-Eckardt geht es beim Aufruf zum letzten deutschen Aufbruch "aber nicht um Arm und Reich, sondern darum, dass sich alle nach ihren Möglichkeiten an der Finanzierung des Gemeinwesens beteiligen. [...] Wirksam wird nur en stimmiger Mix sein, der es schafft, bröckelnden Arbeitseinkommen und der fortschreitenden Konzentration von Megavermögen gleichsam zu begegnen." Quasi.

III.
Naturgemäß geht es unseren bundesrepublikanischen Sozialforschern darum, in der „Mitte“ unserer Gesellschaft „rechte“, für die pluralistisch-demokratische Werteordnung brandgefährliche Sentiments und Tendenzen offenzulegen und als „erschreckende“ Mahnung in den medialen Diskurs einzuspeisen. Der empirisch-wissenschaftliche Befund stützt sich in der Regel auf Fangfragen („loaded questions“) sowie auf Aussagesätze ("items" oder „statements“), denen der Befragte ob ihrer geistigen Schlichtheit ("Sehen Sie für die Zukunft schwarz? - Ja/ein bißchen/Nein") rat- und hilflos gegenübersteht. Ich darf vermerken, dass ich dergleichen „empirisch-wissenschaftliche“ Verfahren bereits anno 1981 bezüglich einer damals „aufsehenerregenden“ SINUS-Studie („13 Prozent der Deutschen: ´Wir sollten wieder einen Führer haben´“) in Zweifel gezogen habe. Was eine jüngste alarmistische Studie eines Leipziger Instituts (s.o.) betrifft – es ging wieder mal um die kryptonazistische Seele der Ethno-Deutschen -, so empfehle ich dem Publikum folgenden Aufsatz: http://www.rolandtichy.de/kolumnen/alexander-wallasch-heute/studie/

Dazu noch ein Zitat des stets vergnüglich zu lesenden Harald Martenstein: „Immer wenn ich Nazivergleiche lese, denke ich: Da sind jemandem die Argumente ausgegangen. Da war jemand intellektuell ein bisschen überfordert, deshalb musste er Adolf Hitler zu Hilfe rufen. Wenn man es in Deutschland verbieten würde, in Debatten seinen jeweiligen Widerpart mit den Nazis zu vergleichen, würde dies sofort zu einer Niveausteigerung in den Feuilletons führen.“ (Harald Martenstein, ZEIT)