Dienstag, 1. März 2016

Karriereplanung: Meßdiener der Zivilreligion

I.
Die letzten Äußerungen des SPD-Vizekanzlers Gabriel zur Immigrationspolitik seiner Koalitionspartnerin verdienen aufgrund ihres wahlkampfbedingten und rechtspopulistischen Tenors auf unserem Blog nur eine kurze Bemerkung. Im Einklang mit dem um immigrationsbedingte Etatlücken besorgten Finanzminister Schäuble, der Gabriels provokativ ethnizistisch eingefärbten Worte, man müsse sich auch um die einheimische Bevölkerung kümmern, für "erbarmungswürdig" erklärte, sowie mit Kanzlerin Merkel, die mit ihrer Fürsorglichkeit für all die "Menschen, die zu uns kommen" (oder so ähnlich) Gabriels Wortmeldung als  "nicht hilfreich" (oder so ähnlich) zurückwies, erklärt der Blogger derlei parteipolitischen Egoismus bei der  Behandlung der Flüchtlingskrise für politisch-moralisch inakzeptabel.

Nur am Rande sei auch Merkels Talkshow-Auftritt (sola Angela, herrschaftsreicher Monolog) bei Anne Will erwähnt, den der Blogger aus intellektuellem Hochmut  - nota bene: es handelt sich um die schlimmste der Sieben Todsünden - ignoriert hat. Aus dem Internet ist zu erfahren, dass Merkel zur Rechtfertigung ihrer germanozentrischen welcome policy  im 14-Sekunden-Takt das Personalpronomen "Ich"  bzw. das Possessivpronomen "mein" verwendete. Eine umfangreiche Blütenlese von Merkels Rhetorik in Wills Sonntagsabend-Show  finden die interessierten Leser des Blogs in der heutigen FAZ v. 1.März 2016, S.3.). Über etwaige Differenzen zur CDU-Kollegin Julia Klöckner, Spitzenkandidatin für die Wahlen in Rheinland-Pfalz am 13. März),  und deren Plan A 2 befragt, antwortete Merkel: "Wenn es sich um eine Obergrenze handeln sollte, eine fixe, dann gibt es da einen Unterschied. Aber ansonsten sind wir da sehr gemeinsam unterwegs."

II.
Kultur- und integrationspolitisch bedeutsam scheint eine Aufführung des Schauspiels Köln, wo das Stück "Glaubenskämpfer" des Autors Nuran David Calis zur Darbietung gelangt ist.  Fraglos war die Inszenierung eines demokratisch versöhnenden interreligiösen Dialogs - sc. zwischen Repräsentanten der drei abrahamitischen Religionen  - nach der politisch-moralisch unziemlichen Silvesterparty im heiligen Köln längst geboten.

Zu den (echten) Laienschauspielern, die von der Regie zum Dialog mit professionellen Schauspielern auf die Bühne gebracht wurden, gehört Dominic Musa Schmitz. Die FAZ (v. 27.02.2016, S.7; Autorin: Leonie Feuerbach) widmete seiner beim Bühnenauftritt offenbarten Karriere einen fünfspaltigen Artikel. Dominic Schmitz, 28 Jahre, in jugendlich frischer Aufmachung (Sneakers, Jeans, Kapuzen-Sweater) stellt sich dem Publikum wie folgt vor: "Mein Name ist Musa, und ich war Salafist." Musa hat sich von dem allzu strengen Glauben, zu dem er mit 17 Jahren dank Überzeugungsarbeit eines marokkanischen Bekannten bekehrt wurde, nach langen Jahren wieder losgesagt. Hilfreich  erwies sich dabei die Liebe zu einer Frau, die ihn nach der Trennung von seiner ihm im Alter von 19 Jahren nach islamischem Recht zugesellten Gattin (gleichfalls Konvertitin) wieder auf den  Weg demokratischer Tugend brachte. "Sie machte ihm klar, dass Männer nicht besser sind als Frauen, dass auch Frauen nicht keusch sind, sondern sexuell Lust empfinden", schreibt L. Feuerbach.

Der Weg der Erkenntnis war für Dominic Musa Schmitz, typisches Opfer bundesrepublikanischer Ruhrpott-Sozialisation (getauft [?]) als Dominic mit "c", Scheidungskind, Kiffer, Abbrecher einer Ausbildung, immerhin  mit Realschulabschluss) lang und fraglos schmerzlich.  Außer der Freundin half ihm ein Sozialarbeiter aus Texas (!?), der ihm bei einem vom Arbeitsamt (Agentur für Arbeit, AfA) verordneten Bewerbungstraining für Langzeitarbeitslose vorgesetzt wurde, auf den richtigen Weg. Der Mann aus Texas überzeugte ihn, er solle sich nicht als Salafist "abschotten, sondern als deutscher Muslim eine vermittelnde Rolle zwischen seinen Landsleuten und seiner in Verruf geratenen Religion einnehmen" (ibid.)

Dominic Musa Schmitz blieb dem Propheten und seiner Religion, nunmehr demokratisch rechtgläubig, verbunden. "Ich habe Nazis gehasst, aber wurde selbst zum Faschist (sic), indem ich die Welt in gläubig und ungläubig aufgeteilt habe."  Die Abkehr von der reinen Salafisten-Lehre ermöglichte eine engere Verbindung zum Verfassungsschutz, der ihn seither zur Aufklärung in Schulklassen einsetzt. Auch ein Buch hat Dominic Musa - mutmaßlich mit einem verfassungstreuen Ghostwriter, zumindest m.E. (= mit Einhilfe) - verfasst. Titel: "Ich war ein Salafist. Meine Zeit in der islamistischen Parallelwelt".

Dominic Musa Schmitz, 28, hat jetzt endlich auch eine klare Berufsperspektive. Er will das Abitur nachholen, "um dann richtig für den Verfassungssschutz arbeiten zu können" (L.F.). Da die Beherrschung der deutschen Grammatik, etwa der Gebrauch des Akkusativs bei gewissen aus dem Lateinischen abgeleiteten  oder aus dem Politjargon bekannten Nomina (bspw.: "Chantal schwärmt jetzt für den Präsident" oder: "Ich wurde selbst zum Faschist" , s.o.) für den Erwerb der Hochschulreife kaum noch vorausgesetzt wird, steht Dominic Musas Karriereplanung nur noch wenig im Wege. Aufgrund seiner bisherigen Sozialisation bringt er alle Voraussetzungen für einen Meßdiener der neudeutschen Zivilreligion mit.