Samstag, 6. Februar 2016

Kritik an der Kritik einer Syrien-Beschreibung

Mein Globkult-Beitrag vom 14.12.2015 (http://www.globkult.de/herbert-ammon/1058-fluechtlingsstroeme-einspruch-gegen-die-leichthaendige-behandlung-eines-schwierigen-themas.html) enthielt im dritten Teil die Besprechung eines von der NDR-Redakteurin  Anja Reschke herausgegebenen Sammelbandes zur "Flüchtlingskrise".  Mein Gesamturteil fiel eher negativ aus. Das Buch trägt m.E. nichts wesentlich Neues zur Erhellung der Problematik bei, enthält auch keinen plausiblen Ansatz zur Lösung oder auch nur Steuerung der Masseneinwanderung (s.a.http://herbert-ammon.blogspot.de/2015/07/the-great-migration.html)

Mit Erstaunen stieß ich in der FAZ  auf eine ausführliche, im Tenor gegensätzliche Besprechung (laut Unterschrift ein "hilfreicher Sammelband zur öffentlichen Debatte über Flüchtlinge in Deutschland") aus der Feder des Mainzer Historikers Adreas Rödder ("Ohne Realismus schafft man gar nichts", in: FAZ  v. 02.02.2016,  S.6).

Rödder verweist auf einen  in der Tat informativen - von mir ausgesparten - Bericht  von Mohamed Amjahid über die Zustände in türkischen Flüchtlingslagern und den über Smartphone von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, übermittelten Stand der "Willkommenskultur" in Deutschland. Es geht darin um die von Merkels Regierung ausgesandten, wechselnden Impulse auf die dem syrischen Chaos Entkommenen. Der Bericht illustriert die Mechanismen des "Pull"-Faktors - wechselnde Signale der deutschen Politik, Chancen des "Durchkommens" auf der "Balkanroute etc. - inmitten des Flüchtlingselends.

Immerhin stimmt  Rödder in der Wertung der polemisch aufgeladenen Artikel von Gabriele Gillen und Daniela Dahn mit meinem Urteil überein. Gänzlich anders, als "informativ und eingängig" beurteilt er den Beitrag der langjährigen Syrien-Korrespondentin Kristin Hellberg. Die Beschreibung des Assad-Regimes sowie der konkurrierenden Rebellen-Gruppen vermittle ein zutreffendes Bild der Lage. Zugleich sieht  Rödder in Hellbergs Forderung, Flugverbots- und Schutzzonen einzurichten sowie aus diesen Zonen "großzügige Kontingente, mit denen man die Menschen nach humanitären Kriterien aussuchen und geregelt nach Deutschland bringen könnte", eine plausiblen - letztlich indes nur partiellen  und temporären (H.A.) - Lösungsansatz. Er teilt Hellbergs Warnung, den Gewaltherrscher Baschar Assad als  das kleinere Übel zu akzeptieren.

Aus meiner Sicht weist der von Rödder gelobte Aufsatz einige Defizite auf. Es fehlt - außer der chronologischen Darstellung des 2011 - im Gefolge des "arabischen Frühlings" - durch blutige Repression von Demonstrationen ausgelösten "Bürgerkriegs" die tiefere Analyse des vor und während des syrischen bellum omnium contra omnes  angelagerten Konfliktensembles. (S. dazu http://www.globkult.de/herbert-ammon/866-zum-unfrieden-in-nahost-unbequeme-faktenlage)

Die Autorin läßt stattdessen einzelne Stimmen zu Wort kommen, die als Vertreter der "demokratischen Kräfte" allesamt dem Lager der Assad-Feinde zugehören. Auch wenn darunter ein Alawit zitiert wird - warum wird das Faktum des anno 1970 von Assad Sr. per Putsch etablierten Alawiten-Regimes, das in den 1980er Jahren Aufstände der sunnitischen Mehrheit, initiiert von der Moslem-Bruderschaft, in einem Blutbad erstickte, nicht deutlich herausgearbeitet? Die politisch-religiöse Zerrissenheit der nahöstlichen Landschaft rückt nicht ins Bild, der die Lage seit  Jahrzehnten prägende Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten wird unterbewertet, nicht anders der regionale Großmachtkonflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien. Last but not least  gerät der geopolitische Aspekt - einerseits die Achse Teheran-Damaskus samt der mit seinem (noch einzigen)  - Marinestützpunkt am Mittelmeer interessierten Großmacht Russland, andererseits  die Strategien der Saudis und Erdogans im Bündnis mit den USA  - aus dem Blick.

Wie will man zu einer "Lösung" des unendlichen "Bürgerkriegs" kommen, wenn man zuvörderst den Machthaber Assad, soeben dank russischer Unterstützung wieder auf dem Vormarsch, beseitigen will? Wie unterscheiden sich die Saudis, alles andere als Parteigänger der "vom Westen" geförderten "demokratischen Kräfte" von Assad, unter dessen "säkularem" Regime zumindest Ruhe zwischen den Religionen und Konfessionen herrschte? Zielte Baschar al-Assad bei seiner Machtübernahme tatsächlich nur auf eine "Modernisierung" Syriens, ohne am ererbten Gewaltregime das geringste ändern zu wollen? Oder folgt die Autorin mit dieser These nicht vielmehr nur der Wahrnehmung ihrer Zeugen aus der "gemäßigten" Opposition?

Ob die von Hellberg geforderte Flugverbotszone die Massaker hätte beenden können, ist angesichts der allseits mit Waffen im Überfluß ausgestatteten Bürgerkriegsparteien zweifelhaft. Fraglos würde sie Assad schwächen, dafür die nicht minder rabiaten "Rebellen" stärken.

Wir mögen angesichts der Zustände in Nahost ratlos sein. Aber zumindest sollte man in der Analyse nüchterne Distanz wahren und nicht allein Assad als den einzigen - oder auch nur hauptsächlichen -  Schurken im blutigen Spiel benennen. Meine Kritik an dem betreffenden Aufsatz halte ich entgegen Rödders Urteil aufrecht.