Mittwoch, 17. Februar 2016

Bilder und Berichte aus Syrien: zweierlei Opfer

I.
Ein Ende des "Bürgerkriegs"  in Syrien ist nicht abzusehen. Entgegen der auf der Münchner Sicherheitskonferenz zwischen den Außenministern Lawrow und Kerry, den Vertretern der am nahöstlichen Chaos von Anbeginn beteiligten "Konfliktpartner" Rußland und USA,   für den 1. März vereinbarten Feuerpause wird das mörderische Spiel weitergehen. Als indirekt - und durch die "Flüchtlingskrise" direkt - betroffene Bundes- und EU-Bürger verfügen wir leider weder über Mittel noch Wege, den Fortgang des blutigen Geschehens zu beenden.

Hingegen verfügt Bundeskanzlerin Merkel, die durch Aufklärungsflugzeuge ihren Verbündeten und EU-Partner Hollande unterstützt, der wiederum seit Anbeginn für die "demokratischen Rebellen" mit Bombern Partei ergriff, jetzt anscheinend über ein  Konzept, das sie in Merkelsche Worte faßte: "In der jetzigen Situation wäre es hilfreich, wenn es dort ein Gebiet gäbe, auf das keine der Kriegsparteien Angriffe fliegt - also eine Art Flugverbotszone". Leider spricht Merkel im Irrealis.  Und selbst wenn sich Assad, Putin, Hollande (nicht auch Obama?) auf Merkels Vorstellung "einer Art Flugverbotszone" einigen könnten, gingen die Kämpfe zu Boden fraglos noch ungehindert weiter: Erdogan fliegt Raketenangriffe und beschießt mit Kanonen über die Grenze hinweg die Kurden, die ihrerseits offenbar erfolgreich (mit amerikanischer und russischer Unterstützung) vorrücken. Wenn die kurdische YPG ihr Terrain ausweiten und sichern kann, wird Erdogan vermutlich direkt mit türkischen Truppen intervenieren. Auch wird es noch eine Weile dauern, bis Assad  mit russischer Hilfe sämtliche Aufständische - vom IS bis zu den "demokratischen Rebellen" - besiegt hat (oder auch nicht, wenn die Saudis ihre frommen Verbündeten nicht fallen lassen wollen).

II.
Die Sache ist kompliziert, und so hüten wir uns vor einfacher Parteinahme. (Ich verweise die Leser auf meine diesbezüglichen Kommentare, u.a.meine frühen Einträge: Rupert Neudecks Ruf zu humanitärer Waffenhilfe; des weiteren: http://www.globkult.de/herbert-ammon/866-zum-unfrieden-in-nahost-unbequeme-faktenlage, http://herbert-ammon.blogspot.de/2016/02/mein-globkult-beitrag-vom.html, zuletzt h.A.: Kritik an der Kritik einer Syrien-Beschreibung: http://herbert-ammon.blogspot.de/2016/02/mein-globkult-beitrag-vom.html ) Als mündige Bürger sind wir  zwecks Urteilsbildung auf unsere medialen Informationen angewiesen. Zu Wochenbeginn präsentierten die Medien Bilder eines  laut Berichterstattung von russischen Raketen zerstörten Krankenhauses in einer Stadt nahe des umkämpften Aleppo. Die betrübliche, maßgeblich von "Médecins Sans Frontières" verbreitete Nachricht nannte eine Opferzahl von mindestens sieben Toten.

In der heutigen FAZ (v. 17.02.2016), S.2: "Gegenangriff der Rebellen") referiert  Rainer Hermann ein Telefongespräch mit dem römisch-katholischen Bischof in Aleppo Georges Abu Khazen. Der Bischof berichtete von einer Gegenoffensive der Rebellen auf christliche und andere Viertel. Durch Raketen seien zuletzt die armenisch-protestantische Kirche sowie  ein katholisches Gemeindezentrum zerstört worden. Es seien acht Christen getötet worden. Unter den Christen - von den einst 180 000 in Aleppo sind bereits mehr als die Hälfte  geflüchtet - befürchte man, dass die Rebellen demnächst Chlorgas einsetzen könnten...

Was in der Berichterstattung unserer am Wunschbild der "demokratischen Rebellen"  orientierten "Leitmedien"  kaum je - schon gar nicht in den headlines - zur Sprache kommt,  geht aus den Worten des zitierten Bischofs hervor: Es gebe keine "gemäßigte Opposition", wie selbst US-Präsident Obama festgestellt habe, das sei alles "Phantasie". Heute (!?) seien die meisten Assad-Gegner nichts als Dschihadisten, bewaffnet von den prowestlichen Ländern Türkei und Saudi-Arabien. Für Minderheiten sei in in deren Ideologie kein Platz.  Bischof Georges verteidigte die russische Intervention, da allein Russland eine säkulare (besser: religiös plurale) Ordnung in Syrien sichern könne.

III.
In dem Bericht aus Aleppo verkündet der Bischof nichts Neues. Er widerspricht lediglich erneut der in westlichen Medien noch stets mehrheitlich gepflegten Vorstellung einer "demokratischen Opposition" gegen den blutigen Tyrannen Assad. Dass dessen Regime seinerseits von  einem demokratischen Idealbild weit entfernt war, tut nichts zur Sache. Festzuhalten bleibt, dass die westlich-liberale Brille von Anbeginn den Blick auf  die Realität im Nahen Osten getrübt hat. Nicht zuletzt hat die westliche Medienöffentlichkeit, geleitet vom  Wunschbild des "arabischen Frühlings" und einer "demokratischen Opposition" in Syrien, kaum je das Schicksal der orientalischen Christen im Auge gehabt. Aus dieser Wahrnehmung resultiert auch die mediale Gewichtung der Opferzahlen. Wer den politischen - und politisch-ethischen - Akzent anders setzt, ist gemäß der prävalenten gründeutschen Ideologie ein "Kulturalist", "Rassist", "Essentialist" etc.etc.etc.