Dienstag, 28. Oktober 2014

Stabilisierte Begriffskoordinaten

In einer hochkomplexen Welt, in der laut dem bundesrepublikanischen Staatsphilosophen J.H. seit längerem eine "neue Unübersichtlichkeit" herrscht, sich geistig zurechtzufinden, bedarf einiger Anstrengung. Um einfache Gemüter intellektuell nicht zu überfordern, um uns im tautologischen Raum der "globalisierten Welt" die Orientierung zu erleichtern, stellt der herrschende Diskurs ein schlichtes Begriffspaar zur Verfügung: links - rechts.

Dass bei mancherlei  Phänomenen -warum sind die radikalsten Nationalisten (n.b.: Nationalismus = rechts) in Katalonien ausgerechnet  bei der Esquerra Republicana zu finden ? -  das begriffliche Scheidemesser kaum taugt, die Wirklichkeit klar zu durchtrennen,  tut dem Gebrauch der einfachen Formel keinen Abbruch. Wer sich im Besitz der Wahrheit und der höheren Moral weiß, braucht sich um Logik nicht zu scheren. Was kümmert es die "Linke" - gemeint ist die Schar um Ulla Jelpke, M. Riexinger e tutti quanti -, wenn sie, die Protagonisten (sc.-Innen)  atheistischer Aufklärung, des radikal "linkesten" europäischen Traditionsstranges, sich um die Religion, das Opium des Volkes (Marx: gen. poss.; Lenin: gen. obj.) besorgte Schutzherren (sc. -Herrinnen) des Islam, selbst in seinen "rechtesten" Spielarten des "Islamismus", empfehlen? Zugleich versteht sich die "Linke" als Sachwalterin der linksnationalistischen PKK. Allein Allah mag an derlei  begriffsstarker Ideologieakrobatik Gefallen finden.

Zuweilen gerät das Begriffsgerüst angesichts der Wirklichkeit für einen Augenblick ins Wanken, so beim Aufmarsch der Hooligans - es handelt sich um gewöhnlich verfeindete, prügelstarke Fangemeinden in der Nord- oder Südkurve unserer säkularen Fußballstadien - unter dem abendländischer Werbesprache angelehnten Kampfnamen HoGeSa (= Hooligans gegen Salafismus) im heiligen Cöln. (In Kölle residierte vor Jahren schon mal ein "Kalif von Köln", der - damals noch - nach langem Hin und Herr aus der Domstadt und der Bundesrepublik ausgewiesen wurde.) Ehe die auf 4800 Mann (!) bezifferten Hooligans, versammelt  aus ganz Deutschland und verstärkt durch namentlich bekannte Neonazis (u.a. "SS-Siggi"), gegen die Polizei sowie gegen die in sicherer Distanz versammelte, von der "Linken" und "Verdi" aufgerufenen Truppe der "Antifa" in Aktion trat, hatten sich den Hooligan-"Antisalafisten" auch eine Gruppe Kurden beigesellt. Von den durch den drohenden Fall von Kobane gegen das IS-Salafisten-Kalifat mobilisierten Kurden war in der Berichterstattung indes kaum irgendwo die Rede.

Von Interesse scheint daher folgender, unter dem direkten Eindruck der Ereignisse entstandener  online- Bericht in  Süddeutsche.de v. 26. Oktober 2014, 17.11 h, der nachfolgend auszugsweise zitiert sei:

"Wir stehen nicht hier, weil wir Sympathien für die Frauen- und Demokratiefeindlichkeit von Salafisten hätten", sagt Heidrun Abel von Verdi. Man sei hier, um gegen die "Rattenfänger" von der anderen Seite zu demonstrieren, die gegen alle Andersdenkenden und Ausländer seien.

Auf der anderen Seite stehen mitten unter den Hooligans auch Kurden mit ihrer Flagge, die sie fröhlich schwenken. Zumindest zu Beginn, vor den Krawallen. Es ist eine seltsame Gemengelage in Köln, weil Hooligans auf einmal so tun, als würden sie das Abendland verteidigen. "Hooligans gegen Salafisten" (HoGeSa) nennt sich die Gruppierung, die zu der Kundgebung aufgerufen hat.
Die meisten Hooligans sind bisher nicht durch politische Beiträge aufgefallen. Die Szene definierte Freund und Feind streng entlang der Anhängerschaft zu einem Fußballverein. Das hat sich mit dem Feindbild des Salafismus nun geändert. Nach Köln kamen Anhänger aus Dortmund und Schalke. Ein Leitspruch der HoGeSa ist: "Unsere Fahne, unser Land, maximaler Widerstand." Es stehen Mitglieder der rechtsextremen Rockband Kategorie C auf der Bühne, die schon mehrmals Auftrittsverbot erhielten. Es ist eine Art Unplugged-Konzert, "Hooligans gegen Salafisten, sonst wird Deutschland ein Massengrab", heißt es in einem Lied. Dazu wird viel Dosenbier getrunken.
Die Hooligans sagen selbst oft, sie würden Distanz zu rechten Parteien und Organisationen wahren. In Köln wurde die Demo am Sonntag ursprünglich aber von Dominik Roeseler angemeldet, einem Mitglied der rechtsextremen Partei Pro-NRW. Später hat er sich von der Veranstaltungsleitung zurückgezogen.
Am Sonntag sieht man aber auch viele Leute, die nicht sehr rechts aussehen, eher wie Autonome mit Palästinenser-Tüchern. Dazu Rocker und Kurden. Von einem klassischen Links-rechts-Schema könne nicht mehr die Rede sein, hatte die Polizei vorher gesagt. Eines war dann aber doch wie immer: Es hat sich keine neue Bewegung formiert in Köln, wie manche glaubten. Es waren rechte Hooligans, die Biersaufen und Prügeln als Werte sehen, die es zu verteidigen gilt."

Die Szenerie auf dem Kölner Bahnhofsplatz wird in dem Bericht sehr anschaulich. Auch scheint der Reporter angesichts der bunten Versammlung ("Leute, die nicht sehr rechts aussehen")  in seinem Begriffssystem vorübergehend unsicher geworden zu sein. Durch den Verweis  auf die "Werte" der "rechten Hooligans"  wurden die Koordinaten  wieder stabilisiert. Wohin aber gehörten die - nur anfangs? - mit ihrer Fahne inmitten der Hooligans fröhlich  präsenten Kurden?