Montag, 6. Oktober 2014

Ein weiterer Beitrag zum Revisionismus im Gedenkjahr

I.
Im Zuge der von Christopher Clarks Bestseller "Die Schlafwandler"  (The Sleepwalkers, 2011) ausgelösten Revisionismus-Debatte zu den Ursachen des I. Weltkrieges ist - zum Ärger der letzten Vertreter des deutschen "Sonderwegs" - von den lange vorherrschenden Thesen Fritz Fischers vom deutschen "Griff nach der Weltmacht" kaum mehr  übriggeblieben als das sträfliche Versagen der Reichsführung in der von allen Seiten -  Österreich, Frankreich, Rußland, Serbien - zugespitzten Julikrise. Die Debatte hat starken Widerhall außerhalb Deutschlands gefunden, vor allem in England und in den  USA, wo  in den 1960er Jahren Fischer bei seinen akademischen Auftritten ein Publikum vorfand, das teilweise bereits durch ältere Werke - namentlich die Bücher des im II. Weltkrieg und danach als Deutschlandexperten fungierenden amerikanischen Historikers Bernadotte E. Schmitt (The Coming of the War 1914, 2 Bde., 1930) und des italienischen Journalisten Luigi Albertini  (It. Orig.1942-43, engl. Origins of the War of 1914, 3 Bde.1953) auf die deutsche Kriegsschuld eingestimmt war.

Außer Clark und  Herfried Münkler (Der Goße Krieg. die Welt 1914-1918, 2013)  haben der Amerikaner Sean McMeekin (The Russian Origins of the First World War, 2011; July 1914. Countdown to War, 2013) sowie die Briten Gerry Docherty und Jim MacGregor (Hidden History. The Secret Origins of the First World War, 2013) das von den  Fischer-Thesen dominierte Geschichtsbild zum Einsturz gebracht.

Auch die englische Politik anno 1914 geriet  spätestens durch Clarks Buch ins Licht der Revision. Seit langem, d.h. seit 1906, existierte in London eine aus Militärs und Politikern zusammengesetzte Führungsgruppe, die - im Gegensatz zu der bis zum Abschluß der Entente Cordiale 1904 distanziert wohlwollend pro-deutschen Linie - den Aufstieg des Deutschen Reiches mit Ablehnung verfolgte und im militärischen Bündnis mit Frankreich die deutsche  Hegemonialmacht  auf dem Kontinent verhindern wollte. Exponent der in der Julikrise im  Kabinett Asquith als  Kriegspartei agierenden Gruppe war Außenminister Edward Grey. Der liberale Imperialist Grey  war -  wie seine Kollegen in dem von Sidney und Beatrice Webb gegründeten  "Coefficients Club", darunter Kriegsminister Richard Haldane, Alfred Lord Milner, Arthur Balfour sowie der Schriftsteller H.G. Wells  - von den Ideen des Geopolitikers Halford Mackinder, Mitglied der "Coefficients",  inspiriert.

Von  Grey  werden hauptsächlich seine Worte am Abend des 3. August, dem Tag der britischen Kriegserklärung an Berlin zitiert, wonach "the lamps are going out all over Europe. We shall not see them lit again in our lifetime." Die resignativ klingenden Worte entsprachen durchaus nicht seiner eigenen Rolle bei der  Eröffnung der Tragödie.

II.
Ein weiterer Beitrag zur kritischen Revision der britischen Politik vor 1914 liegt nun aus der Feder von David Owen vor, dem früheren britischen Außenminister (1976-77 im Labour-Kabinett unter James Callagahan) und pro-europäischen Gründers der kurzlebigen Social Democratic Party:
David Owen: The Hidden Perspective. The Military Conversations 1906-1914, Haus Publ. Ltd. 2014.

Siehe dazu die Rezensionen von
Andrew Roberts: "The Hidden Perspective",
http://online.wsj.com/articles/book-review-the-hidden-perspective-by-david-owen-1412356055

Charles Crawford: "Diplomacy´s Hidden Perspectives",
http://www.diplomatmagazine.com/issues/2014/february-march/950-may-june/851-diplomacy-s-hidden-perspectives.html

III.
 Ich verweise auf meine bisherigen Kommentare zum Thema im Blog:

- "Nichts als Überfälle" (04.08.2014)
- "Kriegsschulddebatte (Forts).." (05.07.2014)
- "Zur Neuverteilung der Kriegsschuldanteile" (02.06.2014)
- "Herfried Münkler zum großen Gedenkjahr des Großen Krieges" (03.01.2014)
- "Revisionismus: Chr. Clark, Fritz Fischer, Egmont Zechlin" (17.12.2013)