Mittwoch, 22. Oktober 2014

Verursacherprinzip für Nahost

Henry M. Broder ist ein Autor, der sich  die Freiheit nimmt, mit Ironie, meist  zugespitzt zu satirischer Schärfe, sich zu unbequemen Themen zu äußern wie im  Lande des hermetischen Konformismus  kaum jemand sonst. Mit Vorliebe macht er sich über die herrschende Hypermoral lustig.

In einem Essay (in: Die Welt v. 21.10.2014) unter dem Titel "Nicht jedes Elend ist unsere Schuld" über das durch das mörderische Chaos ("Bürgerkrieg") in Nahost verursachte Flüchtlingselend verzichtet er weithin auf den ironischen Gestus. Er nennt die Dinge, die sich anscheinend jeglicher Analyse, geschweige denn Lösung, entziehen, beim Namen: An die 10 Millionen Menschen befinden sich laut UNHCR im Raum Syrien, Irak, Jordanien, Libanon, Türkei auf der Flucht. Broder: "Es ist eine Jahrhundertkatastrophe, ein Völkermord."

Broder mokiert sich diesmal nicht, wenn er den Schauspieler Benno Fürmann  zitiert,  der nach Lampedusa reiste, um einer Aktion von Amnesty International "ein Gesicht" zu geben. Fürmann: "Als Deutsche und als Europäer sind wir in der Schuld." Broder widerlegt den Satz, indem er die - aus seiner Sicht wesentlichen - Ursachen des Horrors benennt. Schuld seien nicht die Europäer und deren kolonialistische Expansion, sondern der ewige, auf Gewalt gegründete Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten. Versagt hätten "wir" - die Europäer, die Nato, die USA, die Uno - allenfalls insofern, als sie das blutige Drama nach Ausbruch nicht unverzüglich durch militärische Intervention beendet hätten.

Es sei dahingestellt, ob damit das ganze Ursachengeflecht des Dramas erfaßt ist und ob eine Intervention -
etwa zugunsten der sog. FSA oder zugunsten der einen oder anderen Partei im Irak? - die Gewaltzustände in Nahost unter Kontrolle gebracht hätten. Recht hat Broder, wenn er den diversen islamischen Organisationen, von der Arabischen Liga bis zur Organisation der Islamischen Konferenzen (OIC) vorhält, nicht das mindeste zur Verhinderung oder Linderung der Katastrophen getan zu haben oder zu tun.  Ihr politischer Beitrag bestehe darin, auf "pompösen Konferenzen...zum Widerstand gegen die um sich greifende Islamophobie in Eruopa" aufzurufen.

Er hätte hinsichtlich der hunderte von  migrantischen und biodeutschen (taz-speak) Bundesbürgern, die zum Dschihad nach Nahost aufgebrochen sind - deutsche Politiker denken derzeit noch laut über "Ausreiseverbote" nach - hinzufügen sollen, dass der Nährboden - und die Finanzquelle - des derzeitigen Dschihadismus vornehmlich  im wahabitischen Saudi-Arabien zu finden ist. Er hätte auch erwähnen können, dass eine Debatte über das Verhältnis zur Gewalt in der islamischen Friedensbotschaft, wie sie vor Jahren noch der evangelische Bischof Wolfgang Huber sowie Papst Benedikt führen wollten, von wohlmeinend pseudoliberalen Universalisten abgewürgt wurde.

Broder plädiert - entgegen dem von der Meinungsindustrie  ins Normative erhobenen Faktischen  - für die Aufnahme und Integration der Flüchtingsmassen in der nahöstlichen Region, womöglich als "Zwischenlösung". Sodann schreibt er Sätze, die den Moral- und Diskursfürsten  in den Ohren dröhnen müssten: "Sie (die Flüchtlinge) allen Schwierigkeiten zum Trotz in Europa anzusiedeln, wäre nicht nur ein kulturell und klimatisch riskantes Vorhaben, das allein der boomenden Helferindustrie zugute käme."

Als Realitätsverweigerung  erklärt Broder die Idee von "Brüsseler Bürokraten wie Martin Schulz, der glaubt, das Problem durch eine ´Reform unserer Einwanderungsgesetze´ lösen zu können." Zum Schluß wiederholt er seine - leider auch vergebliche - Forderung, des Problems solle man sich dort annehmen, "wo es generiert wurde." Und er kehrt zu seinem bekannten Stil zurück: "Wer meint, das sei nicht geng, der möge sein Häuschen in Bogenhausen oder im Grunewald einer Flüchtlingsfamilie zur Verfügung stellen.Und garantieren, dass er sich die nächsten zehn Jahre um sie kümmern wird."