Mittwoch, 25. Juni 2014

Beichtspiegel und Burka

I.
Der Titel "Chrismon. Das evangelische Magazin" des Druckerzeugnisses, das laut Impressum  allmonatlich der "Welt", der "Zeit" der FAZ,  der "Leipziger Volkszeitung" und der SZ - beiliegt, entstammt als Urkundenannex  der mittelalterlichen Diplomatik. Womöglich aber  verdankt er seinen Namen - gedacht als PR-Gag - der Kontraktion des Adjektivs "christlich(e/r)" und des Nomens "Monat" - oder  eher der "Monatsbeilage"? Als Herausgeberin fungiert neuerdings  neben den hochrangigen bischöflichen Amtsträgern und der ex-bischöflichen Margot Käßmann die im November 2013 "überraschend" als "Kompromisskandidatin" (s. wikipedia) zur Präses (lat. =Vorsitzende, -r) der Synode der EKD gekürte Dr. Irmgard Schwaetzer.

Für die Wahl qualifizierte sich die protestantische Vorsitzende, von Haus aus Apothekerin,  durch eine säkulare Karriere als  FDP-Politikerin. Ab 1982 im Bundestag,  wurde sie  - als Nachfolgerin des beim Kanzlersturz Helmut Schmidts, inszeniert von Genscher,  zur SPD übergewechselten Günter Verheugen - unverzüglich  FDP-Generalsekretärin, im Zweifelsfall durch Protektion Hans-Dietrich Genschers. Sie saß dem Arbeitskreis für Gesundheit, Soziales, Familie, Frauen etc. vor und wurde anno 1987 zur Staatsministerin im Außenministerium berufen. 1991 wirkte sie als Bauministerin  im dritten Kabinett Kohl. Nach Genschers mysteriös gesundheitsbedingtem Rücktritt 1992 - vor ca. einem halben Jahr  sah der Blogger den einst des "Genscherismus" Verdächtigten bei offenbar guter Gesundheit lustwandelnd Unter den Linden  - blieb der Politikerin der Aufstieg zu Höherem verwehrt. Parteifreund Graf Lambsdorff verhinderte sowohl die Wahl zur Parteivorsitzenden als auch die Berufung zur Außenministerin.  Unvergesslich sind dem Blogger die bitteren Tränen der als "Frau" einst geförderten, sodann nach eigener Deutung als "Frau" gestürzten Politikerin sowie ihre christlichen Worte an den Parteifreund (der Adressat mag auch der 2003 durch Fallschirmsuizid geendete Jürgen Möllemann gewesen sein): "Du intrigantes Schwein."

Danach wandte sich Schwaetzer als Vorsitzende des "Deutschen Komitees Katastrophenvorsorge e.V." dem mehr Caritativen sowie als Vorsitzende des Domkirchenkollegiums am evangelischen Berliner Dom (2004-2013) dem Spirituellen zu. Die ergänzenden Daten zum  Privatleben der pensionierten Politikerin - einst apostrophierte sie Herbert Wehner unter Mißachtung ihres (ersten) Ehenamens Adam-Schwaetzer schlicht als "Frau Schwaetzer" - entnehmen wir der unfehlbaren Quelle  Wikipedia, weitere Klatsch-Details zum öffentlichen Privatleben ("Reif für die Ehe") sind über die dort angegebenen "Spiegel"-Links zu ermitteln.

II.
a) In der jüngsten Ausgabe von "Chrismon" findet das auf  Umweltsünde(n) reduzierte Sündenbewußtsein des Lesers  unter dem Titel "Ich brauche nun mal ein Auto!"   eine Art Beichtspiegel, der ihn zur Reue gemahnend auf acht Seiten  klarmacht,  dass er mit billigen Ausreden vor dem CO 2 -Weltgericht nicht davonkommt. Zugleich wird das gründeutsche, subventionierte Landschaftsverschönerungsprojekt nicht nur für sündenfrei erklärt, sondern, in den Worten eines Potsdamer Klimaforschers, zum deutschen (!) universalen Heilsversprechen erhoben: "...Wenn wir zum Beispiel Windkraftanlagen produzieren können, die so effizient und billig sind, dass China dafür auf die schmutzige Kohle verzichten kann und seinen Energiehunger auf erneuerbarem Wege stillen kann, dann hat Deutschland eine sehr, sehr große Rolle."  Da erhebt sich die nationale Seele, nur Antifa empört sich...

b) Angetan mit violettem Büßerschal stellt sich nun auch  Frau Schwaetzer  im "evangelischen Magazin"  mit einem eigenen Beitrag vor. Sie nimmt - mutmaßlich als "engagierte Christin" - Anstoß am Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs, der den Ausschluss einer jungen Migrantin, die zu einen Berufsvorbereitungskurs (?) nur in keuscher Verhüllung  erscheinen wollte, für rechtens befand. Laut Schwaetzer wollte die Aspirantin ja nur ihren "Niqab, den Gesichtsschleier, der nur die Augen freilässt, tragen."

Die Argumente der Synodalpräses zugunsten des religiösen (& naturgemäß demokratischen) Rechts auf einen Gesichtsschleier - sowie  in Konsequenz auf eine blaue, graue oder schwarze Burka -  sind in ihrer Schlichtheit beeindruckend:  "Zweifellos wirken die schwarzen Schleier fremd. Aber ist das ein Argument? In unserem freien Land hat jeder das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, auf freie Religionsausübung." Wer meint, der verschleierten Jungfrau gehe es auf Befehl männlicher  Traditions- und Religionshüter nicht um die Entfaltung, sondern um die schwarzgewandete Verschließung ihrer Persönlichkeit, wird von der liberalen Ex-Politikerin eines anderen belehrt.  Es gehe um - zu ergänzen:das in Reformation und Aufklärung geborene (H.A.) -  Recht auf Selbstbestimmung.. "Jeder jungen Frau, die aus dem europäisch kulturellen Kontext stammt, trauen wir (sic!) diese Selbstbestimmung zu. Auch junge evangelische Christen [sic!-ungegendert] werden mit ihrer Konfirmation im Alter von 14 Jahren religionsmündig.[...] Warum trauen wir  einer jungen Frau, die in Deutschland aufgewachsen ist und einen Gesichtsschleier tragen möchte, diese Mündigkeit nicht zu?" - Ja, warum wohl nicht? Nachgedanke: Die Konfirmanden (sc. K-en u- K-innen) sind mit 14 etwa so religionsmündig wie die "Jugendweihlinge" (= Originalbezeichnung aus dem freidenkerischen Bildungsfundus Walter Ulbrichts)   in den ehedem evangelischen mittleren und östlichen Regionen des Landes.

Als nächstes kommt das numerische Argument: Es handle sich ja nur "um eine sehr kleine Minderheit von Frauen, die in Deutschland den Gesichtsschleier trägt." Irrtum. Es dürfte sich in den Städten mittlerweile um eine größere Minderheit handeln als bei dem Häuflein derjenigen, die, als Neonazis kostümiert und  tätowiert, uns tagtäglich mit Furcht vor dem Untergang der Demokratie erfüllen.

Zum Schluss gedenkt Frau Schwaetzer die Niquab-Frage durch protestantische Seelsorge zu lösen. Sie möchte "mit den verschleierten Frauen" über "religiöse Identität und den Wunsch nach Integration in die Gesellschaft " reden, "auch über ihre Ängste und Hoffnungen, ihre Lebensvorstellungen". Die geistliche Zurüstung für derlei Gespräche findet sie beim Apostel Paulus, Gal. 5, 22-23a.

Den Niqab-Trägerinnen wäre derlei interkulturelle Bibellektüre fraglos zu empfehlen. Hingegen empfindet nicht allein der  Blogger -  der als Kirchensteuerzahler derartigen gedruckten Irrsinn mitfinanzieren hilft -, sondern jeder noch  mit gesundem Menschenverstand ausgestattete Bundes- und Europabürger Frau Schwaetzers Chrismon-Bibelstunde als geistige Zumutung.