Montag, 30. Juni 2014

1914: Von der Einfalt eines Akademiepräsidenten beim Erzählen vom Großen Krieg

I.
Die von Christopher Clark und  Herfried Münkler ausgelöste  Debatte über die Schuldanteile am Ausbruch des Großen Krieges hält an. Soeben (in der  FAZ v. 30.06. 2014, S. 6)  hat Peter Graf Kielmannsegg einen lesenswerten Beitrag beigesteuert, indem er unter dem Titel "Schuld und Halbschuld" die  Frage nach den (Schuld-)Verantwortlichkeiten der Mächte in dreifach differenzierende Perspektive rückt: a) Entscheidungs- und Handlungsablauf gemäß der Chronologie der Julikrise b) Entscheidungspielräume der Akteure c) systemische Entscheidungsbedingungen. Unter letzteren benennt er die  auf den Kontinent gerichtete Machträson Großbritanniens, das - durch Poincarés Staatsbesuch (20.-23.Juli 1914) befestigte - Bündnis Frankreichs mit dem Zarenreich sowie die deutsche Mittellage - ein jahrzehntelang verpönter, seit 1989 als historisch-politischer Faktor - wenn nicht als geopolitische Determinante - wieder hoch aktueller Begriff.

II.
Inmitten der in den Feuilletons mit Eifer geführten Debatte lud Bundespräsident Gauck am 26. Juni europäische Historiker und "Kulturschaffende" ins Schloss Bellevue zu einer Veranstaltung unter dem Thema "Geteilte Erinnerungen, gemeinsame Erfahrung?". Der Untertitel lautete, den historiographischen Modebegriff  "Erzählung" (oder "Narrativ") aufnehmend, "Europa erzählt vom Krieg". Dass die "Erzählungen"  wiederum unter nationalspezifischer Perspektive stehen, wird - entgegen dem Titel "Dieser Krieg hat viele Väter, aber keine Kinder" -  in  dem Tagungsbericht sichtbar. Der FAZ-Berichterstatter Lorenz Jäger vermerkt unter anderem, dass "in der ansonsten exzellenten Gruppe der Historiker" neben Christopher Clark und Herfried Münkler einer - als zusätzlicher "Revisonist" - fehlte: Jörg Friedrich. "Aber er hat sich mit seinem Buch ´14/18. Der Weg nach Versailles´ offenbar aus dem Konsens herausgeschrieben, wenn er die gespenstisch hohen Opfer der alliierten Hungerblockade in Deutschland thematisiert."

Was gewisse deutsche Deutungsweisen des großen Gemetzels betrifft,  so lieferte  Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, bekannt als "engagierter" Künstler und seine Plakate (ursprünglich Rechtsanwalt) einen bemerkenswerten Beitrag. Nachdem Gauck an Franz Marc ("Der Blaue Reiter") erinnert hatte, der zu den vielen gefallenen Kriegsfreiwilligen - aller Nationen - zählt, bekannte Staeck, er habe erst jetzt, auf der Tagung, etwas von der Kriegsbegeisterung unter Künstlern und Dichtern  erfahren.

Wer naive Malerei zu schätzen weiß, beneidet deren Schöpfer ob ihrer begnadeten Einfalt. Dass Vertreter dieser Kunst zu Berliner Akademiepräsidenten berufen werden, ist  trotz Quotenregelung kaum denkbar.