Dienstag, 29. April 2014

Wissenschaft und Meinungsmacht im Kampf um "Zwischeneuropa"

Die im vorangegangenen Blog konstatierte Diskrepanz zwischen veröffentlichter Meinung und öffentlicher Meinung - letztere  von der classe politica sowie den ihr assistierenden  Meinungsbildnern meist als Nährboden des verächtlichen  Populismus  abgetan - sei an dieser Stelle noch einmal bekräftigt. Die "Leitmedien" sind sich hinsichtlich der Persönlichkeit des Ex-KGB-Mannes Putins, seiner entsprechend sinistren Herrrschaftspraxis - nach Bekunden von Russlandkennern hat sich   unter Putin trotz mancher schlimmen Taten  die Rechtsstaatlichkeit stetig gefestigt -    und seiner  neoimperialen Strategien  auf der Krim und im Donez-Becken einig: Das Böse lauert an  den östlichen Grenzen der westlichen Wertegemeinschaft. Und so zeigt sich nicht nur Richard Herzinger in der "Welt" empört darüber, dass Gerhard Schröder seinen 70. in St. Petersburg mit Putin und Freunden noch einmal nachgefeiert hat. Nicht nur, dass Schröder sich  mit seinem Freund Putin in den Armen liegt. "Erschreckend ist aber auch, dass wohl viele Deutsche dafür Verständnis haben."  Immerhin war außer dem deutschen Botschafter Freiherr von Fritsch auch der CDU-Außenpolitiker Philipp Mißfelder mit von der Partie, was ihn in die unmittelbare Verdachtzone der  "Rußland-Versteher" rückt.

Auch die FAZ-Redakteure entrüsten sich über Putin, der  als Drahtzieher hinter all den  Separatisten auf der Krim und in der Ost-Ukraine sowie ähnlichen Manifestationen in Odessa und Transnistrien stehe. Sie sehen nicht nur Gefahren für die baltischen Staaten, sie sehen die Gefahren des Krieges zwischen Putins Reich und dem Westen heraufziehen, wohl wissend, dass ein solcher nicht stattfinden wird.

Nun ist sich die FAZ ihrer Bedeutung als Leitorgan, verpflichtet zu anspruchsvoller Information sowie pluraler Meinungsbildung, bewusst. Gestern  (FAZ v. 28.04.2014, S. 4)  erschien ein Aufsatz des Leipziger Historikers Jan Zofka zur Krim-Thematik ("Zurück zum Mutterland"). Der Autor zeichnet  nicht nur detailgenau den Hintergrund der qua Referendum plus Annexion beendeten Krimkrise, sondern vermittelt in seiner Analyse ein völlig anderes Bild als die von der FAZ-Redaktion gepflegte Vorstellung von gezielter, ungezügelter Aggression. Wer im Westen erinnert sich schon an den Namen Jurij Meschkow, des kurzzeitigen Präsidenten der Krim (1994)? Zu Sowjetzeiten Bürgerrrechtler ("Memorial"), war Meschkow in den 1990er Jahre nicht nur führender "Separatist", sondern ein "lupenreiner" Liberaler.

Der von einem Wissenschaftler stammende Aufsatz - er bietet eine nüchterne Darstellung der von historischen sowie allen möglichen persönlichen, materiellen und machtpolitischen Interessen bewegten Konfliktmomente - steht in deutlichem Kontrast zu der in Politik und Feuilleton der FAZ vorgetragenen Meinung zu der am Schwarzen Meer stattfindenden Auseinandersetzung zwischen  USA samt EU und Russland um "Zwischeneuropa".

Addendum: Mit Genugtuung liest man heute (FAZ v. 29.04. 2014)  im Feuilleton-Teil den von der vorherrschenden Meinung abweichenden Artikel "Was sie in die Knie zwingt" von Klaus von
Dohnanyi. Er fragt: "Und geht es nicht auch um "Obama-Versteher", wenn man die Ukraine-Krise richtig beurteilt?" Man wird ja noch fragen dürfen.