Donnerstag, 20. März 2014

Berliner Willkommenskultur

Während Putins erfolgreicher Coup auf der Krim derzeit unser aller Interesse okkupiert,  geraten die Mühen des lokalpolitischen Alltags in der Hauptstadt etwas aus dem Blick. Hier erzeugt das Dauerthema BER sowie die Frage nach der mutmaßlich frühestmöglichen  Fertigstellung des hauptstädtischen Großprojekts angesichts der von Tag zu Tag wachsenden Mängelliste nur noch Langeweile. Und wen schert schon eine jüngst gegründete "Bürgerinitiative" zur Abwahl  des stets lebensfrohen Bürgermeisters Wowereit?

Da erreicht uns inmitten der selbstgenügsam administrierten multikulturellen Langeweile frohe Kunde:
Der Berliner Senat freut sich,  in größtkoalitionärem Einvernehmen mit der einer CDU-Familie entstammenden grünen Kreuzberg-Friedrichshainer Bürgermeisterin Monika Herrmann, eine gütliche Einigung mit den basisdemokratisch selbsternannten Sprechern  jener ca. 300 Personen, Flüchtlinge und/oder "Migranten" auf dem Oranienplatz erzielt zu haben.

Die auf  Bleiberecht in Deutschland (nicht etwa in Italien oder sonstwo in der EU) pochenden Migranten, aus allen möglichen Motiven und Ländern der Welt,  hauptsächlich aus Afrika über Lampedusa in die "Festung Europa", sodann aus diversen deutschen Städten in einer Art Migrationskarawane in die Hauptstadt gelangt, hatten vor  über einem Jahr auf dem Kreuzberger Oranienplatz  ein "Protestcamp" bezogen. Im Hinblick auf Hygiene sowie gewisse Umgangsformen hatten die Lebensumstände der nach Kreuzberg  Immigrierten zu allerlei Friktionen mit der angestammten Wohnbevölkerung, vornehmlich anatolischer Herkunft, geführt. Das von  einerseits radikal antikapitalistischem Geist ("Fight capitalism!") beseelten ,  andererseits radikal globalistisch orientierten Unterstützern ("Kein Mensch ist illegal!") betreute Camp soll nun freiwillig geräumt, den dauercampenden Asylbewerbern Wohnraum verschafft sowie ungeachtet ihres bisherigen Status ein neues Verfahren gewährleistet werden. Die allenthalben begrüßte Problemlösung hat noch einen Haken, denn, so liest man,  eine  Minderheit von ca. 80 Personen weigert sich dank Unterstützung der Unterstützer, die Vereinbarung zu akzeptieren.

An der somit noch andauernden Episode treten sämtliche mit der globalen Migrationsproblematik verknüpften Fragen hervor, für die es weder eine widerspruchsfreie  Ursachenanalyse noch einfache Antworten gibt. Wer einfache Lösungen bevorzugt, mag sie in der jüngsten Rede unseres Bundespräsidenten Gauck vor einem Migranten-Publikum in Berlin-Wedding finden. Der ehedem für westdeutsche Ohren erstaunlich deutschnational klingende  Gauck pflegt nunmehr die erwünschte Rhetorik von der kulturellen Bereicherung "unserer Gesellschaft" durch Immigration. Er wünscht sich darum von der Stammbevölkerung mehr "Weltoffenheit"sowie die Förderung einer "Willkommenskultur".

Nicht zufällig kommt der Begriff  "Integration" in derlei Reden kaum noch vor, ebensowenig wie die Frage nach der Vereinbarkeit der gesellschaftlich bereichernden Multikultur mit der national verengten "Gedenkkultur"  (= Synonym für postdeutsche "Leitkultur"). Dies mündet in folgende Überlegung:  Was die Zukunft der historischen Gesellschaften Europas betrifft, vulgo der Völker, so scheint es ratsam, daran lieber nicht zu denken, erst recht nicht, das Gedachte öffentlich zu bedenken zu geben. Das Risiko, über Nacht in die  öffentliche, d.h. mediale Gefahrenzone sowie  in den nachhaltig ausgelegten Aktionsradius nächtlicher, schwarzgewandeter Einsatzgruppen zu geraten, will bedacht sein. Jüngst widerfuhr dies wieder mal einem Berliner  Journalisten, dem BZ-Kolumnisten Gunnar Schupelius, der Widerspruch gegen die am Oranienplatz demonstrierte Praxis gelungener Migration erhoben hatte.