Dienstag, 25. März 2014

Scholl-Latour: Welterfahrung eines 90jährigen

Peter Scholl-Latour feierte unlängst seinen 90. Geburtstag. Er repräsentiert einen Typus von Journalisten, der exzellente Bildung, Beobachtungsgabe und in der Biographie begründetes Selbstbewusstsein in seiner   Person vereint. Konsequent hat er sich den vorherrschenden Konformismen entgegengestellt, nicht zuletzt durch  Beiträge in der lange ostrakisierten Wochenzeitung "Junge Freiheit". In allen Krisen und Kriegen der Welt unterwegs, zeichnen sich Scholl-Latours Reportagen und Bücher durch profundes Wissen und souveräne Urteilskraft aus.

Für jenen Teil meiner  community, der nicht zum Leserstamm des Berliner Blattes "Der Tagesspiegel" gehört, stelle ich  folgende  Auszüge aus dem unterhaltsamen Geburtstagsinterview (Orig. in: Der Tagesspiegel vom Sonntag, 23. März 2014) ins Netz:



Interview mit Peter Scholl-Latour
„Ich verstehe mich gut mit Ganoven“

Herr Scholl-Latour, eigentlich mögen Sie keine Geburtstage. Nun sind Sie 90 geworden …
… und das habe ich gefeiert. Mein Verlag hat alles organisiert. Ich habe persönliche Bekannte eingeladen, und Helmut Schmidt hat sich bereit erklärt, ein Grußwort zu sprechen. Extrem liebenswürdig. Das ist man nicht so gewohnt bei ihm. Auch Angela Merkel hat mir einen sehr freundlichen Brief geschrieben. Dass sie meine Analysen schätzt.
[...]
Sind Sie nach wie vor unterwegs?

Neulich war ich an der türkisch-syrischen Grenze. In Kürze werde ich nach N’Djamena aufbrechen, der Hauptstadt des Tschad. Ich bin lange nicht mehr dort gewesen, es hat sich alles total verändert. Das letzte Mal war es noch recht primitiv und chaotisch, jetzt gibt es ein Kempinski Fünf-Sterne-Hotel. Ich habe mit dem deutschen Botschafter telefoniert, der einen sehr netten Eindruck macht. Zu weit herumfahren werde ich nicht. Das alte deutsche Kamerun liegt gleich nebenan, da ist gerade jemand entführt worden.

Andere Leute in Ihrem Alter gehen auf Kreuzfahrt

Habe ich auch mal gemacht. Ich hatte die Fahrt auf dem Bundespresseball gewonnen. Sie führte in die Ägäis, die kannte ich da noch nicht. Diese Veranstaltungen an Bord wie Captain´s Dinner waren der nackte Horror. Ich habe mit meiner damaligen Lebensgefährtin immer nur mit der Mannschaft zusammengesessen. Wir veranstalteten unsere Gelage in dem Raum, wo die Särge standen. Die Gäste auf Kreuzfahrten sind ja meist etwas älter, darauf hatten die sich vorsorglich eingestellt.
[...]
Im Moment schaut alle Welt auf die Krim. Wie verfolgen Sie das Geschehen dort, was sind Ihre Informationsquellen?

Ich bin selber eine Quelle. 70 Jahre bin ich aktiv, das war ein permanentes Studium. 
Abgesehen davon, dass ich einen Abschluss in Sciences Politiques in Paris habe. Als die Sudankrise hochkam, war von Stämmen im Süden die Rede, die sich bekriegen. Da wusste ich noch aus der Studienzeit, dass das die Dinka, die Schilluk und die Nuer sind. Auch die Ukraine kenne ich. Und was jetzt alles geschrieben wird, da stehen mir die Haare zu Berge.

Im Buch „Russland im Zangengriff“ von 2007 behaupten Sie, der Westen wolle Russland einkreisen. Der Investor George Soros und andere hätten die „Orange Revolution“ massiv finanziell unterstützt.

Ich weiß gar nicht, warum man Russland besiegen will. Es ist eine Groß-, aber keine Weltmacht mehr. Was soll der Quatsch? Wen will man denn an die Stelle von Putin setzen? Für die russischen Verhältnisse ist der sehr geeignet. Wir haben ja den Versuch der Demokratie dort erlebt unter Jelzin und dem in Deutschland so bewunderten Gorbatschow. Ich war damals in Moskau, so elend, arm und verkommen ist Russland nie gewesen.

Beim jetzigen Maidan-Aufstand sehen Sie wieder Europäer und Amerikaner als Hintermänner?

Da kann ich nur sagen: Fuck the EU! Jetzt reden sie nicht mehr nur von einer wirtschaftlichen Assoziierung der Ukraine, sondern von einem Beitritt. Rumänien und Bulgarien waren schon überflüssig, wir hätten an den Grenzen des alten Osmanischen Reiches Schluss machen sollen mit der Konstruktion Europas. Wenn die mal auf die Landkarte gucken würden! Ich war in der Ostukraine, bis zur russischen Grenze, da ist man noch 300 Kilometer von Stalingrad entfernt. Das sollte einem doch zu denken geben. Wenn Europa überleben will, muss es sich auf ein paar starke Staaten konzentrieren. Da die Engländer voll auf die Amerikaner ausgerichtet sind, gibt es drei Länder, die dafür infrage kommen: das sogenannte Weimarer Dreieck aus Deutschland, Frankreich, Polen.

Gerade die Polen unterstützen doch die Entwicklung in der Ukraine.

Sie haben 300 Jahre lang unter russischer Knute gestanden, da kann man ihnen das nicht übelnehmen. [Anmerkung H.A.: Hier irrt Scholl-Latour. Die erste polnische Teilung datiert erst von 1772. Im 17. Jahrhundert wurden umgekehrt die Russen von den Polen mehrfach malträtiert. Von der russischen "Knute" kann man erst vom Regierungsantritt des  Zaren Nikolai I. (1825-1855) an sprechen.] Was man von uns nicht behaupten kann. Im Gegenteil: Die Russen haben unter uns gelitten. Wäre ich Russe, hätte ich auch nicht gern die Amerikaner an meiner Südküste. Das ist eine strategische Position. Und da spielen die USA verrückt im Moment. Die führen den Kalten Krieg fort.

Es war Putin, der mit der Annexion der Krim das Völkerrecht gebrochen hat.

Die Amerikaner müssen vom Völkerrecht reden! Wer Leute mit Drohnen ermorden lässt! Die sind selber in genügend Länder einmarschiert. Und im Irak haben sie uns total angeschmiert. Putin hat hundertmal recht [H.A.: orthographische Entgleisung in:  "Der Tagesspiegel"] auf die Krim. Die Menschen dort sind prorussisch.

Vor Jahren haben Sie den nun aus dem Amt gejagten ukrainischen Präsidenten Janukowitsch getroffen. Wie hat er auf Sie gewirkt? 
Besteht die Gefahr eines Kriegs?

Ernsthaft Krieg führen können die Amerikaner ja doch nicht. Seit Vietnam haben sie alles verloren. Und die EU? Ich bin oft in Afghanistan gewesen und habe die Bundeswehr aus der Nähe erlebt. Unter uns gesagt: Für die jetzige Form der Kriegsführung, für den asymmetrischen Krieg und die Counterinsurgency, ist sie nicht geeignet. Die Bundeswehr ist stehen geblieben bei den großen Abwehrschlachten in der norddeutschen Tiefebene.

Eine amüsante Episode. Ich war in Donezk und wohnte in einem Luxushotel, das natürlich Achmetow gehörte, dem reichsten Mann der Ukraine. Der fand mich sympathisch und hat mich an seinen Tisch gebeten. Ich bin in Bochum geboren, die haben eine Städtepartnerschaft mit Donezk. Da sagt der Achmetow: Mensch, werden Sie doch Mitglied in meinem Fußballklub Schachtar! Er hat mir gleich einen Trainingsanzug verpasst, hielt den an einen seiner Leibwächter, der so groß war wie ich. Und neben ihm stand ein Riesenkerl, der nicht besonders intelligent wirkte. Sagt Achmetow: Ich stelle Ihnen Herrn Janukowitsch vor, den künftigen Präsidenten der Ukraine. So läuft das da. Im Westen ist es nicht anders: Die Timoschenko, die Gasprinzessin, ist auch eine Oligarchin.

Den Trainingsanzug haben Sie noch?

Meine Frau hat ihn weggeschmissen. So wertvoll war das orangene Ding nicht.

Herr Scholl-Latour …

… eines will ich noch sagen. Wir regen uns zu Recht über die NSA auf. Aber man musste schon sehr naiv sein, um nicht zu wissen, dass diese Überwachung stattfindet. Das größere Problem sind Fabriken der Desinformation, ob sie sich nun in North Carolina, London oder Israel befinden. Die zielen auf deutsche und europäische Medien. Und das klappt. Von der „taz“ bis zur „Welt“ – ein Unisono, was die Ukraine betrifft. Oder Syrien: Als man die Aufständischen als die Guten und die anderen als die Bösen dargestellt hat. Dabei waren weder die einen noch die anderen gut oder böse. Wir leben mit so vielen Lügen. Wenn es heißt, Indien sei die größte Demokratie der Welt. Ja, Scheiße! Das Kastensystem ist schlimmer, als das Apartheidsystem in Südafrika je gewesen ist. Indien ist das grauenhafteste Land der Welt.

Ist Edward Snowden für Sie Verräter oder Held?

Der Begriff Held ist mir fremd. Als Verräter würde ich ihn auch nicht bezeichnen. Er ist ein Amerikaner, die haben manchmal ein sensibles Gewissen. Wahrscheinlich hat er das aus wahrer Überzeugung getan. Und dass er nach Russland gegangen ist – ja, wo sollte er denn sonst hin? Wenn die Deutschen ihm Asyl gewährt hätten, hätten ihn die Amis hier umgebracht.

Warum sind Sie mit Russland nachsichtig und gehen mit den USA so hart ins Gericht?

Ich bin auch mit den Amerikanern nachsichtig.

Lassen Sie uns zurückblicken auf Ihre 70 Jahre als Reporter, Reisender und politischer Beobachter. Was war die heikelste Situation in Ihrem Leben?

Ich stand mal an der Erschießungsmauer, das war nicht ganz ungefährlich. Vielleicht hatten sie gar nicht vor, uns abzuknallen, aber es sah so aus.

Das war in einem Prager Gefängnis zur Nazi-Zeit. Sie hatten aus dem Land fliehen wollen.

Ich hatte zwei Mal erfolglos versucht, an der Westfront durchzukommen. Dann wollte ich mich Titos Partisanen anschließen. Dabei habe ich mich nicht geschickt genug angestellt.

Sie sind katholisch erzogen, Ihre Mutter stammt aus einer jüdischen Familie. Haben Sie sich mal auf die Suche nach Ihren jüdischen Wurzeln begeben?

Überhaupt nicht. Meine Großmutter habe ich ungeheuer geliebt, sie war die warmherzigste Frau, die ich kannte. Aber ich habe sie nie in Zusammenhang mit dem Judentum gebracht. Unter den Nazis hat sie sich das Leben genommen.

1945 wurden Sie Soldat bei den Franzosen. Warum wollten Sie wieder in den Krieg?

Der Kolonialkrieg in Indochina war doch ein Abenteuer. Was sollte ich denn in Deutschland hängen bleiben, in diesem zerstörten Land, wo die Leute hungerten und traumatisiert waren? Und mich womöglich auf meine Leiden unter den Nazis berufen, um eine privilegierte Position [im Tagesspiegel-online-Originaltext "priviligierte Position", womöglich gemäß  neuester toleranter Rechtschreibreform]  zu bekommen? Das hätte ich als unwürdig betrachtet.
[...]
Sie haben Indochina mal als ein großes erotisches Abenteuer beschrieben.

Es war eine der angenehmsten Facetten meines Lebens. Das vermisst man ein bisschen mit 90.

Sie waren Fallschirmjäger. Ein amerikanischer MG-Schütze, der sich während des Massakers in My Lai seinen Kameraden entgegenstellte, hat erzählt, dass er nach dem Vietnamkrieg zehn Jahre brauchte, um wieder für ein bürgerliches Leben zu taugen.

Das ist eben eine sehr sensible Natur gewesen. Solche Probleme hatte ich nie. Ich habe ja auch keine My Lais veranstaltet! Auf wehrlose Frauen und Kinder hätte ich nie geschossen.

Später, als Reporter, haben Sie viele Staatschefs getroffen. Darunter auch Diktatoren. Wer war der schlimmste?

Ich habe das Talent, mich mit den Ganoven ganz gut zu verstehen.

Keiner, wo Sie dachten: Widerwärtig!

Laurent-Desiré Kabila, den die Amerikaner auf dem Gewissen haben, war eine fiese Type. Charakterlos. Che Guevara wollte mit ihm einen Partisanenkrieg führen, aber Kabila hat sich dauernd nur besoffen und Puffs besucht. Persönlich habe ich ihn nicht als unangenehm empfunden, aber das ist jemand, den ich nicht besonders schätzte.

Und Papa Doc in Haiti, dessen Regime 30 000 Menschen zum Opfer gefallen sein sollen?

Der hatte mich irgendwie ins Herz geschlossen. Ich zeige Ihnen was. Hier, er hatte so ein kleines rotes Büchlein verfasst, primitiv halt, so wie Gaddafi sein grünes Buch herausgebracht hat. Er hat mir eine sehr lustige Widmung hineingeschrieben: „A mon éminent collègue, le professeur Pierre Scholl-Latour de la France immortelle“, und dann seine Unterschrift.
[...]

Beim „Stern“ sind Sie gescheitert, nicht mal ein Jahr sind Sie dort Chef gewesen. Was bereuen Sie?

Die „Stern“-Leute hatten eine ganz andere Mentalität als ich. Damals ging es um die Frage der Nachrüstung. Ich war dafür, 300 Mann waren dagegen. Und dann gab es viele in gestörtem Zustand. Niklas Frank, der Sohn des einstigen deutschen Generalgouverneurs von Polen, saß da zum Beispiel. Ich habe zum Vorstandsvorsitzenden Gerd Schulte-Hillen gesagt: Ich habe den Eindruck, ich bin hier nicht Chefredakteur, sondern Vorsitzender einer psychiatrischen Anstalt. [...]

Herr Scholl-Latour, Sie leben unglaublich aktiv. Haben Sie Angst, eines Tages gebrechlich zu sein?

Ich habe keine Angst, ich weiß, dass es passieren wird. Ich kann morgen einen Schlaganfall bekommen, oder man kann bei mir in einer Woche Demenz diagnostizieren.

Gunter Sachs hat sich beim ersten Anzeichen von Alzheimer erschossen.

Ich verstehe das. Ich möchte auch gern in Würde sterben. Aber wenn es nicht sein soll: Ich bin sehr katholisch erzogen, Selbstmord würde mir schwerfallen. Ich habe eine Patientenverfügung. Jahrelang an Schläuchen zu hängen, das ist auch nicht der Wille Gottes, das kann man mir nicht einreden.
[...]

Ihre politischen Prognosen wirken sehr düster.

Geben Sie mir einen Grund zu großer Heiterkeit, ich will gerne einstimmen.

Sehen Sie eine positive Entwicklung?

Was in China passiert ist, ist ein Wunder. Das ärmste Land der Welt ist zu einer wirtschaftlichen Macht herangewachsen. Den Leuten geht es besser und besser, entgegen den Behauptungen unserer Medien. Verglichen mit der Industrialisierung Großbritanniens, die grauenhaft war, ging die in China sehr human vonstatten.

Was war Ihr größter politischer Irrtum?

Ich habe gedacht, dass die Fußball-WM in Südafrika im Chaos enden würde. Und die verlief fabelhaft. Sonst erkenne ich keinen Irrtum an.

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/interview-mit-peter-scholl-latour-ich-verstehe-mich-gut-mit-ganoven/9652136.html