Donnerstag, 7. Mai 2015

Notizen zum 8./9.Mai

I. Der angekündigte Beitrag zum 8./9.Mai - eine Art historischer Rückblick auf das im politischen Bildungskanon mit der "großen" Weizsäcker-Rede assoziierte Gedenken vor 30 Jahren - steht noch aus.

II. Auf die Gefahr hin, endgültig ins Lager der "Putin-Versteher" abgeschoben zu werden, verweise ich auf den Artikel von Wladimir Putin in der heutigen FAZ ("Das Leben ist so einfach und so grausam", in: FAZ v. 7.Mai 2015, S.11) zum Kriegsende vor 70 Jahren. Putin berichtet von seinen Eltern, die, obgleich sie - wie unzählige andere Russen - im Krieg gegen die deutschen Invasoren  furchtbares Leiden erfahren hatten, keinen kollektiven Hass gegen "die Deutschen" hegten. Entgegen dem in der Nachkriegszeit in Büchern und Filmen vermittelten  Bild der Deutschen als eines Volkes von mörderischen Barbaren hätte ihn seine Eltern im Sinne der Versöhnung erzogen. Putin zitiert die Worte seiner Mutter über die deutschen Soldaten: "Was will man denn von ihnen? Sie waren fleißige Arbeiter wie wir auch. Man hat sie einfach an die Front getrieben."

Erstaunlich, dass die FAZ, wo Putin gewöhnlich nur als autoritärer Verächter  westlicher Werte sowie als kaltblütiger Aggressor behandelt  wird, dem russischen  Präsidenten einen Platz auf der ersten Seite des Feuilletons eingeräumt hat. Geht es der Redaktion um den ostentativen Nachweis ihrer Liberalität oder um einen Beitrag zur Auflösung des im Gefolge des Ukraine-Konflikts wiedererrichteten Feindbildes "Russland unter Putin"?

III. Soeben stieß ich  in  welt-online auf die Kolumne des früheren Chefredakteurs Thomas Schmid. Unter dem Titel "Der hohle Klang deutschen Gedenkens zum Kriegsende" reflektiert Schmid über die psychologischen, anthropologischen und historischen Grenzen der deutschen "Gedenkkultur" sub specie von Auschwitz.

Der im Gedenken angemahnte Blick in die Abgründe der deutschen Geschichte eröffnet keine Lehren für "uns Nachgeborene". und für die heutige Generation.  Im Blick auf derzeitige und kommende Kriege und Kriegsgefahren schreibt Schmid: "In der Tat, es gibt in Europa – vom großen Rest der Welt zu schweigen – 70 Jahre nach Hitlers Tod und ein Vierteljahrhundert nach dem Untergang der Ordnung von Jalta keine gemeinsame Deutung der Geschichte des Kontinents im vergangenen Jahrhundert. Wir sitzen nicht auf dem großen, wärmenden Kissen einer von allen geteilten Großerzählung. Auf böse Weise ist alte Geschichte zurückgekehrt: Krieg ist – wir hatten das vergessen – möglich, Geopolitik ist möglich, Diplomatie kann an ihre Grenzen stoßen, Verträge können Makulatur werden." Eine Art - von vielen Deutschen ungewollter - Rückruf in die historisch-politische Realität.