Mittwoch, 4. Mai 2016

Zum Muttertag: Merkels Vermächtnis

I.
Am kommenden 8. Mai - ein Sonntag im wunderschönen Monat Mai - fallen mehrere Feiertage zusammen: Frankreich gedenkt - unter der Regie des Front National mit Marine Le Pen als Reinkarnation der Jungfrau von Orléans - seiner "rechten" Nationalheiligen Jeanne d´Arc. In Deutschland gedenkt man - nicht so medienwirksam wie im Vorjahr  - des 8. Mai 1945, den die "Linke", mutmaßlich inspiriert von einem Korps gehorsamer, unbekannter Parteisoldaten der "Linken"-Mitchefin  Katja Kipping, in guter alter DDR-Tradition zum nationalen Gedenktag - oder nicht eher zum arbeitsfreien postproletarischen Feiertag? - erheben möchte.

Zum dritten begeht man USA-, europa- und weltweit (?) den Muttertag. Hierzulande gedenken wir dabei all der Jahre, in denen "die Kanzlerin" Merkel ob ihres umfassend fürsorglich lächelnden Auftretens  als "Mutti" tituliert wurde. Diese Zeiten sind spätestens seit jenem 5. September 2015 vorbei, als "Mother Merkel" sich zur Schutzpatronin der alles Volk, genauer alle gründeutschen Enthusiasten und - innen,  berauschenden "Willkommenskultur" erhob.

II.
Die Folgen der medial befeuerten "Willkommenskultur" sind bekannt: Erdogan diktierte Merkel und "Europa" die eigenen Bedingungen für die  Sperrung der "Ägäis-Route" für alle "refugees", mit Ausnahme derer, die Merkel  vielleicht noch in "ihr Land"  lassen will. Entsprechend hat sich Merkels Physiognomie merklich verändert:  Statt mit dem einst allmütterlichem Lächeln wird sie in den Print- und Netzmedien derzeit hauptsächlich mit steifer Oberlippe und verschlossener Kinnlade abgebildet.

Dass sich ihre Miene wieder aufhellt, ist nicht zu erwarten. Der Eindruck entspringt keineswegs der bekanntermaßen Merkel-misslaunigen Stimmung des Bloggers. Eine so nüchterne wie zutreffende, zugleich ironisch-kaustische Abrechung mit der politischen Lebensleistung der als Kohls "Mädchen" zur Königsmörderin gereiften CDU-Chefin und Kanzlerin - jene von mir mehrfach skizzierte Mischung aus Machtinstinkt und -kalkül, aus Opportunismus und Prinzipienlosigkeit, von deutscher Vorzeigemoral und sprachlicher Insuffizienz - war in der gestrigen FAZ auf der ersten Seite des Feuilletons -  illustriert mit einem mit "der Kanzlerin" in  liebevoller Predigerinnenpose - zu lesen. Der Titel: "Merkels neue Kleider".  Der Autor Wolfgang Streeck, ehedem Direktor am Max-Planck-Institut  für Gesellschaftsforschung in Köln, wird von der Redaktion als "ein Merkel-Kritiker von links" vorgestellt.
Ich empfehle Streecks Aufsatz dem Publikum zum Muttertag:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/regierungsstil-merkels-neue-kleider-14212048.html

III.
Dass in den "Qualitätsmedien" die großkoalitionäre Merkel-Hofberichterstattung tendenziell einer kritischeren Betrachtung ihrer performance gewichen ist, war bereits vor dem Integrationsfest (Silvesternacht 2015/16) auf der Kölner Domplatte zu beobachten. Die Tendenz hat über die Monate hin - auch im Hinblick auf die Wahlerfolge der AfD - deutlich zugenommen. Heute (in der FAZ v. 04.05.2016, S.1 unter der Überschrift "Merkel: Kein Kurswechsel der CDU wegen AfD") wird Merkel bezüglich ihrer Zurückweisung der Suggestion, sie könne ihren Regierungsstil etwas mehr ins National-Konservative ändern, mit folgenden - zitierwürdigen - Worten zitiert: "Es gibt keinerlei neue Strategie, sondern es gibt die Aufgabe, die noch entschiedener angegangen werden muss, aus uns selber heraus darzustellen, was wir wollen, wohin wir gehen und welche Überzeugungen uns tragen." Bezüglich der EU-kritischen AfD bekundet Merkel ihre Überzeugung so: "Mich trägt zum Beispiel die Überzeugung, dass wir Europa stärken müssen." Der FAZ-Kurzbericht zu Merkels Überzeugungen schließt wie folgt:  "So könnten ´die Menschen´ überzeugt werden."

Eine kleine Anthologie Merkelscher Worte beglückt uns alle so in "ihrem Land"  zum Muttertag 2016. Ob Merkel ihre bis dato größtkoalitonär gestützte Kanzlerschaft bis zu den nächsten Bundestagswahlen 2017 durchsteht, ob ein Kanzlerinnensturz oder ein kurzzeitig inszenierter Koalitionsbruch bevorsteht,  sei als Spekulation in den Raum zwischen Kanzleramt und Bundestag (im Reichstag) gestellt. Bei Merkel ist alles möglich. Eine historische Leistung hat "die Kanzlerin" , nach fast 11 Jahren im Amt, jedenfalls schon vollbracht: Sie hat es geschafft, zu schaffen, was nicht sein durfte: eine neue Partei rechts von der CDU.