Dienstag, 11. November 2014

Leseempfehlung: Am 10. November ´89 im "Christlichen Hospiz"

Gleichsam als dokumentarischen Nachtrag zu dem von mir in Globkult "Zum Jubiläum des Mauerfalls: Drei Sozialdemokraten über die ungeraden Wege zur deutschen Einheit" besprochenen Buch druckte die FAZ ( v. 10. Nov. 2014, S. 3) die Aufzeichung eines Gesprächs ab, das am Abend des 10. November 1989 im "Christlichen Hospiz" in der Albrechtstraße in Ost-Berlin( heute: "Hotel Albrechtshof"  stattfand.

Nach der großen Kundgebung am Schöneberger Rathaus am frühen Abend des 10.11.1989 waren Willy Brandt und Hans-Jochen Vogel nach Ost-Berlin gefahren, um Vertreter der vier Wochen vor dem Mauerfall gegründeten SDP näher kennenzulernen. Das Gespräch mit den Pfarrern Martin Gutzeit (Sprachenkonvikt Berlin), Peter Hilsberg (Golgatha- und S. Philippus-Apostelkirche), Hans Simon (Zionskirche)  sowie Ibrahim Böhme  fand unter Medienpräsenz - ein ZDF-Fernsehteam und eine FAZ-Fotografin - statt.

Im Rückblick - genauer:  im Hinblick auf die Rolle des "Geschäftsführers" Ibrahim Böhme als Stasi-Emissär - wirkt das Gespräch sehr erhellend.  Ibrahim (eigentlich: Manfred) Böhme (1944-1999)  eröffnet die Runde mit der Anrede: "Lieber Genosse Brandt!", was unter den Oppositionellen von damals eigentlich verpönt war. Willy Brandt fand hingegen, "Freund zu sein und sich auch so anzureden, ist nicht weniger als den traditionellen Begriff  ´Genosse´zu verwenden". Er fügte hinzu, "dass bei  mir die Freundinnen mit gemeint seien, wenn ich ´Freunde´sage." - Unter heutigen GenossInnen würde er für derlei ungegenderte Sprache Empörung ernten...

Aufschlussreich sind andere Passagen des Gesprächs: Böhme präsentiert sich als Sprecher der breiteren Opposition, nicht allein der SDP. Vor dem Hintergrund der in Scharen nach Western "wegmachenden" Bevölkerung, nicht zuletzt der Facharbeiter, klingen die von Gutzeit und Böhme geäußerten Besorgnisse über den Zusammenbruch des DDR-Staates plausibel. Vogel teilt die Besorgnis, verweist aber auf das - von den DDR-"Ausreisern" laut Grundgesetz (n.b.: als Inhaber der deutsche Staatsbürgerschaft laut Reichsgesetz von 1913) in Anspruch genommene - Grundrecht der Freizügigkeit.

Das Gespräch dreht sich sodann um Runde Tische und freie Wahlen. Böhme liegt sichtlich der Fortbestand der DDR am Herzen. Er glaubt, dass  "dieses kleine Land mit seinen vielleicht noch 15,5 Millionen Einwohnern die Chance hat, einen wirklich echten Parlamentarismus zu trainieren." Er sollte sich offenbar um ein Dauertraining handeln, bei dem auch die SED mitmachen sollte. Damit nicht die Gefahr eines "Machtvakuums" aufkomme, und dann keiner wisse, "wo es hingeht",  interpretiert Böhme die Position der SDP so, "dass - wir beide (?) haben heute darüber diskutiert - wir favorisieren würden (sic) sogar die Teilhabe der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands an der Macht (sic!) in dem Maße, wie es (!) in einer Übergangssitutation aufgrund stabiler Bevölkerungsbefragungen (!), repräsentativer Bevölkerungsbefragungen, beteiligt sein muss."

Das Thema "deutsche Einheit" wird von Brandt und Vogel forciert. Brandt warnt vor dem Zeitverlust, der durch eine Verfassunggebende Versammlung in der DDR entstehen würde. Brandt: "Wir haben doch jetzt Einheit erlebt, gestern und heute. Das ist auch ´ne Form von Einheit, dass die Menschen zusammenströmen." Vogel, der zuvor gesagte hatte: "Hergott nochmal, ihr habt doch dasselbe in den Köppen wie wir", brachte die Formel von  Hoffmann von Fallersleben" ins Spiel, "dass für diese Zeit Recht und Freiheit und Einigkeit wichtig ist".