Samstag, 28. Oktober 2017

Zur Lage: Catalunya, Alemania

I.
 Im griechischen Restaurant (also nicht am  allnazi-verdächtigen deutschen Stammtisch, dem einzigen Ort, wo außerhalb des Internet überhaupt noch freier Meinungsaustausch in diesem unserem Lande stattfindet), kam ein paar Wochen - vor dem gestrigen Eklat in Barcelona und in Madrid - die Rede auf die Lage in Spanien nach dem Referendum in Katalonien am 1. Oktober. Ein  alter Bekannter in der Runde, einst als antikommunistischer Sozialdemokrat in Berlin (vor und nach dem Mauerbau) sozialisiert, kinderlos, ausgestattet mit guter Rente, hatte sich vor den Septemberwahlen - wegen "der Mieten und der Renten" als Wähler der Linkspartei bekannt ("geoutet"). Jetzt bekundete er seine Abneigung gegen den "Nationalismus" der Katalanen.

Die Geschichte Spaniens wie - mit Ausnahme der filmreich bekannten Nazi-Schreckensgeschichte sowie der einst verabscheuten Mauer  - die Geschichte allgemein  gehört nicht zu seinen Interessengebieten. Selbst die bei "Linken" zu erwartende historische Leidenschaft für den Spanischen Bürgerkrieg ist bei dem Bekannten nicht anzutreffen. Da kein Fußballfan, sind ihm die demonstrativen Aktionen - Aufstehen und Fahnenschwenken - um Punkt 17.14 h der katalanischen "Massen" im Barca-Stadion fremd geblieben. Wenn er, reisefreudig in Europa weit herumgekommen, auch bereits einmal in Barcelona war, so sagt ihm der Straßenname Lluis Campanys  - die Straße, über die  gestern abend die jubelnden Massen strömten - nichts.

Von Deutschland - der geschichtslosen, geschichtsfixierten, gründeutschen Bundesrepublik - ist im Hinblick auf die verfahrene Lage auf der iberischen Halbinsel insofern zu reden, als "die Deutschen", genauer: ihre classe dirigente  - naturgemäß dank geschichtlicher Erfahrung - jeglichem Nationalismus abgeneigt ist. Man - stellvertretend genannt seien Protagonisten wie Elmar Brok, Karin Göring-Eckardt, Martin Schulz, Günther Oettinger, irgendwie auch Angela Merkel - man ist "bekennender" Europäer. Wie der Chefkommissar Jean-Claude Juncker. Wie Jean Asselborn. Wie Guy Verhofstadt. Wie Frans Timmermans. Wie alle, die sich außer dem zuletzt 2007 (Lissabon) ) vertraglich fixierten Zustand Europas nichts anderes vorstellen können - ein Zustand, den einige davon gerne in Richtung Bundesstaat bewegen möchten. Womöglich sehen sie dieses Ziel mit dem ehedem für unmöglich erachteten, nunmehr unausweichlichen Brexit sogar näher gerückt.

"Nationalismus" - eine negativ aufgeladene Chiffre für historisch begründete Identitäten, für deren politisch akute Virulenz.  Die reale Existenz von Nationen ist auch nach ihrer  "Dekonstruktion" durch Benedict Anderson als "imaginary communities" nicht aus der Welt zu schaffen. Diejenigen Katalanen - eine exakte Anzahl der "Patrioten"/"Nationalisten" unter den 7 Millionen Einwohner wäre durch ein "freies", von Madrid und der Guardia Civil  unbehindertes Referendum zu ermitteln gewesen -, welche die gestrige Unabhängigkeitserklärung feiern, weisen den Verdacht, einer teils antiquierten, teils gefährlichen Phantasie nachzujagen, zurück. Sie tun dies unter Bezug auf ihre Geschichte als Freiheitswahrer gegen kastilischen Hochmut, gegen bourbonische Machtanmaßung - und gegen Franco. Sie betonen ihre "Weltoffenheit" und ihre Liebe zu Europa. Eine Liebe, die in Brüssel, Berlin, Paris und anderswo keine Gegenliebe findet.

Aus der deutschen Lage heraus den Katalanen Ratschläge, gar Maßregeln zu erteilen, erscheint überheblich, schulmeisterlich. Ein Schlaumeier machte den nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag, Katalonien solle sich nach dem Vorbild  der DDR (Beitritt zur Bundesrepublik nach Art. 23 GG anno 1990) einfach an das Fürstentum Andorra - immerhin keine Republik - anschließen, womit ihm der ganze Ärger mit der EU erspart bliebe. Auch Macron als Co-Staatspräsident des Zwergstaates könne sich diesem "Anschluss" schwer verschließen...

Uns - uns allen - bleibt die Hoffnung auf den Sieg der Vernunft - auf beiden Seiten.  Dass Madrid auf dem Buchstaben der Verfassung beharrt und  die staatliche Souveränität - notfalls mit Gewalt ? - durchzusetzen gedenkt, erscheint  nicht nur als  staatstheoretisch interessante Frage. Es ist faszinierender politischer Anschauungsunterricht, knapp achtzig Jahre nach dem Ende der zweiten Spanischen Republik.

II.
Dass wir in Merkels Republik längst nicht mehr auf einer Insel der Seligen - der Wohlhabenden, der multikulturell Bereicherten  und der lupenreinen Demokraten -  leben, ist nicht erst seit dem Einzug der AfD im Bundestag manifest geworden. Wer von den - nach Merkels Belieben auch auf  Monate auszudehnenden -  Verhandlungen auf ein glückliches "Jamaika" in grüner Idylle  hofft, könnte noch enttäuscht werden.

Für den kritischen, engagierten, demokratisch besorgten usw. Bürger bleibt zu hoffen, dass uns das grüne Merkel-Paradies - durch ein Platzen der Verhandlungen - erspart bleibt. Vielleicht kommt´s am Ende gar zu Neuwahlen, wie soeben vom gescheiterten Merkel-Herausforderer Schulz verlangt. Spekulationen über den Fortgang der Dinge - gar über Neuwahlen - sind erlaubt, vorerst leider müßig.