Dienstag, 26. April 2016

Immer auf der richtigen Seite (mit Gott und/oder der Geschichte)

I.
Zunächst verweise ich das geneigte Publikum bezüglich der an Begriffs- Gefühls- und Zielverwirrung leidenden Nicht-Debatte über Merkels  "Willkommenskultur", über die von ihr - zu Erdogans Bedingungen - plötzlich abgebremsten Flüchtlingsströme (zur Begriffsklärung siehe  die Beiträge in Globkult von Eckhard Stratman-Mertens: http://www.globkult.de/gesellschaft/modelle/1092-fl%C3%BCchtlinge-sch%C3%BCtzen-%E2%80%93-einwanderung-begrenzen,  von Ehrhart Körting: http://www.globkult.de/ulrich-horb-debatte/migration/1063-klarstellungen-zur-fluechtlingspolitik sowie von mir: http://www.globkult.de/gesellschaft/identitaeten/1057-fluechtlingsstroeme-einspruch-gegen-die-leichthaendige-behandlung-eines-schwierigen-themas) 
sowie der damit vermengten Einwanderungsthematik - auch zu diesem Thema gibt es durchaus noch einige Fragen die  Steigerung unserer Exportindustrie, die  Nachfüllung unserer Rentenkassen, last but not least die Ablösung unserer Geschichtslasten betreffend - auf das in der der Welt von heute zu findende Interview mit Richard Schröder.

Mit protestantischer Nüchternheit, die sich wohltuend abhebt a) von Merkels Gefühls- und Politschwankungen b) von Margot Käßmanns Kita-Losungen (der einst West-Berlin geprägte Infantil-Neologismus ist begriffsinhaltlich ausweitbar: von Kindertagesstätten bis hin zu  Kirchentagen) c) von Papst Franziskus´  demutsvoller Symbolpolitik, spricht der Theologe (ehedem SPD-Fraktionsvorsitzender in der letzten DDR-Volkskammer, heute Emeritus der Philosophie an der Humboldt-Universität)  von der unzulässigen Begriffsvermischung (i.e. von real bedrohten Flüchtlingen, von vermeintlichen "Flüchtlingen" und Einwanderern). Er verweist auf das Faktum, dass - im Gegensatz zu den in den letzten Wochen im Gefolge des evidenten Chaos verbreiteten Zahlen - "Abschiebungen" - ein zugegebenermaßen unschöner Begriff - von Immigranten ohne berechtigten Aufenthaltsstatus kaum je stattgefunden haben. Die laxe bundesrepublikanische Praxis wirkt seit langem als Stimulus für die von kriminellen "Schleppern" betriebene Immigration aus Asien und Afrika.

Richard Schröder (s.a. http://herbert-ammon.blogspot.de/2015/11/richard-schroder-eine-evangelische.html) expliziert in klaren Worten die allenthalben - exemplarisch in Merkels wechselvollen Auftritten - verwischte Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik. "Die Kirchen können von ihren Mitgliedern mehr Barmherzigkeit verlangen. Von Barmherzigkeit, vom Herz für die Elenden kann es nicht genug geben. Der Staat aber darf nicht barmherzig sein. Der Staat muss gerecht sein. Er hat nach Regeln zu handeln, und er hat die Folgen zu bedenken. 
Der Barmherzige fragt nicht viel, er hilft. Er sieht in die Augen der Kinder von Idomeni und sagt, ´Kinderaugen lügen nicht´, und will sie hierherholen. Den Politiker mögen die Kinderaugen genauso rühren, er aber muss fragen: Was passiert, wenn ich heute 10.000 Menschen hierherhole?
Dann nämlich sind morgen weitere 10.000 Menschen da, die auch nach Deutschland wollen. Kurzum: Wenn der Staat barmherzig wäre, wäre er korrupt, denn er würde Ausnahmen machen. Der Barmherzige darf das."  Zum Interview s. http://www.welt.de/politik/deutschland/article154741851/Ohne-Strenge-bei-Migranten-machen-wir-uns-zum-Affen.html

II.

Über Barack Obamas historische Leistung ein Urteil zu fällen, sei Historikern überlassen, die sich nach seinem Abgang im nächsten Frühjahr ans Werk machen, um die Karriere und "performance" (engl.= Ausführung, Leistung, auf der Bühne: Darstellung; jetzt akad. neudt.auch: "Performanz") des ersten "farbigen" Präsidenten der USA zu würdigen. Bei seinem Auftritt auf der Hannoverschen Industriemesse machte er jedenfalls nicht den Eindruck, er sei bereits in der Phase der lame-duck-Präsidentschaft  angekommen.

Obama trat den weniger Mächtigen aus dem von ihm nicht etwa als old Europe ridikülisierten, sondern als lebendiger Hort der westlichen Werte gepriesenen Europa lächelnd, locker, dynamisch - und belehrend -  gegenüber. Über den Zweck seines Besuchs und seiner Reden sollte Klarheit bestehen: Es geht ihm zum einen darum, die von unterschiedlichen Kräfte genährten Zweifel an den Segnungen des Freihandels - zu US-amerikanischen Bedingungen (TTIP) - zu entkräften. Zum anderen möchte er "die Europäer", sprich: das bislang transatlantisch verbundene - und eingebundene - EU-Europa auf Kurs halten. Dafür gibt es - nicht nur aus der amerikanischen Interessenlage heraus - gute und weniger gute Gründe. Ein Freund wies mich unlängst auf die politischen - nicht primär wirtschaftlichen Folgen - eines "Brexit" für Deutschland hin: Das ungeliebte große Kind in der Mitte des Kontinents geriete erst recht wieder in die von allen Seiten mit Argwohn beäugte, (halb-)hegemoniale Mittellage...

Obama fand besonders liebevoll lobende Worte für seine Freundin Angela:  Mit ihrer großherzigen "Flüchtlingspolitik" - ihre Herzklappen verengten sich im späten Reflex auf die das Wahlvolk irritierenden  Szenen auf der Kölner Domplatte - habe Merkel vor aller Welt gezeigt, dass "die Geschichte auf ihrer Seite" stehe. Die Worte zierten die Schlagzeilen aller (west-)europäischen Qualitätsmedien sowie der weniger qualitätvollen Bild-Zeitung.

Der Blogger fühlt sich bei derlei Worten an frühere Zeiten und Szenen erinnert. Einst mokierten sich historisch Unbedarfte und Möchtegern-Zyniker über das Signum "Gott mit uns" auf der Gürtelschnalle preußisch-deutscher Soldaten - als wären  nicht andere Heere mit denselben Insignien und Fahnen in den Krieg gezogen. Dass es ohne göttlichen und/oder geistlichen Beistand nicht so leicht geht, junge Männer (heute auch Frauen) in die Schlacht, im Zweifel also in den Tod, zu schicken, wissen auch die kühlsten Zyniker und/oder Rationalisten unter den Politikern. Aus eben diesem Grund lässt beispielsweise selbst die laizistische französische Republik Feldgeistliche (unterschiedlicher Konfession oder Religion) vor und hinter der Front agieren. Das wusste selbst der entlaufene Priester-Seminarist Stalin....

III.
Nun wissen wir seit Hegel, dass hinter allem, d.h  an den einstigen Kriegsfronten sowie in den heutigen asymmetrischen Kriegen,  der Weltgeist,  p.p. Gott oder die Geschichte steht. Auf das künftige Urteil der  Geschichte beriefen sich denn auch Revolutionäre unterschiedlicher Couleur, wenn sie nach - vorläufigem Scheitern - ihrer Absichten vor Gericht landeten. Zu erinnern ist an einen Prozess vor 93 Jahren in München. Auf das Recht der Geschichte berief sich auch der Jesuitenschüler, Jurist und Revolutionär Fidel Castro in Havanna nach seinem  missglückten Sturm auf die Moncada anno 1953 im Kampf gegen den Diktator Fulgencio Batista. Am Neujahrstag 1959 behielt er tatsächlich Recht. Wie die Geschichte des nunmehr 90jährigen Revolutionärs (im Trainingsanzug von "Adidas", presumably made in China)  und des Landes Kuba, dem Obama unlängst einen Besuch abstattete, weitergehen wird, wissen vorerst die Götter. Diesbezüglich ist auch keinem/-r der Kandidaten in den US-Primaries zu trauen...

Somit wissen wir auch nicht, was in der kommenden Generation - womöglich schon in wengen Jahren - aus Angela Merkels Geschichte, genauer: bei ihrem historischen Experiment, herausgekommen sein wird. Womöglich verhüllt Clio dann ihr Antlitz  hinter einem protestantisch-violett bestickten Niqab.