Freitag, 15. April 2016

Im Gehäuse der postdeutschen Kunst

I.
Geschichtsschreibung ist ein unsicheres Metier, abhängig von Erkenntnisinteresse  und Quellenlage, von Zeitgeist und politischer Wetterlage. Erst recht gilt dies für die mit dem Anspruch ästhetischen Feinsinns ausgestattete Kunstgeschichte. Dahingestellt sei daher die Frage, ob es ungeachtet der etwa in der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel zu bewundernden  Romantiker  und/oder der Deutschrömer je so etwas wie "deutsche Kunst"  gegeben hat. Im übrigen scheint die Frage erledigt, seit man - aus plausiblen  Gründen - in München  aus dem "Haus der Deutschen Kunst" (Entwurf 1933, Eröffnung 1937) das Attribut samt Kapitälchen gestrichen hat.

Leider scheint der Geist der deutschen Kunst nicht so leicht zu verscheuchen, im Gegenteil. Vergeblich blieb alle Entrüstung  angesichts der geschichtsvergessenen Simulation der Berliner Schlossfassade von Franco Stella. Selbst wenn die Idee als Projektion von einer Französin stammte, der prämierte Entwurf von einem Italiener - unsere postdeutsche Seele fühlt sich durch das Ding an sich gestört, selbst wenn es alsbald in seinem Innern diversity, i.e. den multiplen Geist der Kulturen der Welt, bergen soll.

II.
Es geht  um die richtige Ästhetik für die Berliner Republik, um die Symbolik  postnationaler Weltoffenheit. Von der Mauer, die in der Nacht am 9. November 1989 dank Günter Schabowski (gest. 1.11.2015) und Michail Gorbatschow  zum Einsturz kam, ist (fast) nichts geblieben, aber das will nicht viel heißen. Es geht um die ästhetische Deutung der Bilder vom 9. November 1989 und der Tage, Wochen, Monate danach bis zum 3. Oktober 1990. Immerhin wissen wir als wertebewusste Wessis,  was die mauerstürmenden Ossis und Trabbifahrer damals bewegte: die Lust auf Bananen, die Gier nach der D-Mark, das Verlangen nach schnelleren Autos. Außerdem ging´s ihnen um  Freiheit und/oder Mobilität, sodann um die deutsche Einheit, Leipziger Parolen und Fahnen hin oder her! Gewiss, verdammt lange her...  "History is bunk", wusste schon Heny  Ford. Nichtsdestoweniger  geht es  darum, die reale  Dialektik der Bilder von damals zu ergründen sowie all jene Emotionen, die in den Dezemberwahlen 1990 vorübergehend selbst westdeutsche Grünen-Wähler beseelten, geschichtspädagogisch zu kanalisieren. Für derlei Zwecke bedarf es einer adäquaten Symbolik. Richtig, ein deutsches Denkmal (recte  Denk-mal!)  müsste her!

Zur Erinnerung: Dank der Stimmen der PDS - ein längst vergessener Parteiname - wurde die Hauptstadt von Bonn nach Berlin transferiert. In processu kam dem deutschen Bedürfnis nach schuldbehaftet entsühnender Symbolik die von der Jury - deren Zusammensetzung ist dem Blogger leider nicht erinnerlich  - zunächst die preisgekrönte gläserne  Schüssel Norman Fosters als Dach überm Reichstag am nächsten. Allerdings erwies sich die Glasschale, die Foster - im edlen Bestreben, den finsteren  Geist des Ermächtigungsgesetzes ästhetisch zu widerlegen,  dem Reichstag verpassen wollte,  a) für die Statik des Wallot-Torsos als zu schwer b) als historisch-ästhetisch unbrauchbar, da einer Fehlassoziation  des britischen Architekten entsprungen. Sir Norman war die historische Lokalität und Realität der Kroll-Oper, Schauplatz der parlamentarischen Selbstaufgabe der Weimarer Republik, nicht bekannt. - Mit Rita Süssmuths (ehedem Bundestagspräsidentin, Haupstadtgegnerin, CDU) Segen wurde der Reichstag dann doch noch mit Fosters Ersatzidee, einer Art Eierbecher aus Glas,  gekrönt und im Inneren demokratisch blau bestuhlt.

Die ethno-demokratische Inschrift "Dem Deutschen Volke" über dem Westportal des Gebäudeshatte dereinst schon Kaiser Wilhelm II. missfallen. Eine zeitgemäße Änderung - die Entfernung der Lettern  - kam für die Volksvertretung bei ihrem Umzug  nach Berlin noch nicht in Betracht. Immerhin entschied man sich  anno 2000 mit  Mehrheit für eine - dem Volke und den Hauptstadtbesuchern leider  mehr oder weniger verborgene - Alternative: für einen Riesenfuttertrog mit des nachts aufleuchtender Inschrift "Der Bevölkerung", ersonnen von dem in New York residierenden biodeutschen Konzeptkünstler Hans Haacke (der sich mutmaßlich kunstdidaktisch des bekannten Brecht-Zitats bediente). Das Konzept sah folgendes vor: Die Abgeordneten, i.e. die Volksvertreter, sollten symbolträchtig Eimer mit Erden aus deutschen Landen, genauer: aus ihren Wahlkreisen, in den Hinterhof des begrifflich kontaminierten Gebäudes tragen, um den Schweinetrog aufzufüllen, sodann die Natur durch Wind und Samenflug dem demokratischen Wildwuchs zu überlassen. Der Grünen-Abgeordneten Antje Vollmer gebührt die Ehre, sich dem Konzept verweigert zu haben. Ihr widerstrebte die Idee, "Kitsch in Kübeln" nach Berlin zu tragen.

III.
In ähnlichem Ringen um die Ästhetik der Berliner Republik sollte endlich ein Denkmal für "Einheit und Freiheit", nein: "Freiheit und Einheit",  vor dem Berliner Schloss errichtet werden. Ein gegenständlicher Entwurf zur Erinnerung an die  Nacht vom 9. auf den 10. November 1989, kam - wenn es ihn denn je gab - gar nicht erst zur Vorlage.  Geleitet von hoher historischer Sensibilität, entschied sich die unbekannte Jury für den Entwurf einer doppelseitig oval-weiträumigen, auf einem wie immer verankerten Widerlager aufruhenden Wippe aus Beton. Die ins demokratische Deutschland strömenden Massen aus aller Welt sollten durch ein dialektisch zu deutendes Schaukelspiel sinnlich erfahren, dass es den Deutschen (oder der entsprechenden Bevölkerung) endlich geglückt sei, die in früheren Zeiten (1806? 1814/15? 1848/49? 1871? 1918/19? usw.) jeweils verfehlte historische Aufgabe, Freiheit und Einheit ("Freiheit geht vor Einheit" -  tröstliche Phrase aus den 1980er Jahren) zu realisieren.

Das Projekt verzögerte sich, als sich der Erstentwurf für Rollstuhlfahrer als mutmaßlich ungeeignet erwies -  körperlich beeinträchtigte Patrioten wären womöglich  in die Spree gerollt. Angesichts solcher Bedenken bemühte sich der Künstler und/oder das Künstlerkollektiv um eine statische Nachbesserung, denkbarerweise zusätzlich mit Geländer oder Fangnetz. Sodann sorgten sich Tierschützer und sonstige Gegner der Einheitsschaukel um die im freigelegten Sockel des einstigen Denkmals für den Kaiser wider Willen Wilhelm I.  heimisch gewordenen Fledermäuse. In der letzten Woche befasste sich der Haushaltsausschuss des Bundestages mit dem projektierten Geschichtskunstobjekt. Dessen Errichtung hätte sich nach jüngsten Berechnungen von ca. 10 Millionen € auf 15 Millionen verteuert. Derlei Ausgaben erschienen den Hütern der Finanzen der Republik im Zeichen der aufgeschobenen Eurokrise als  unzumutbar.

Fazit: Im Gehäuse der (post-)deutschen Kunst ist für die Darstellung glücklicher Menschen - für einen Moment historischen Glücks - kein Platz. Zum Glück blieb uns wenigstens die Schaukel erspart.