Dienstag, 15. Juli 2014

Nach all dem Jubel in Rio und Berlin, Berlin

Das Positive zuerst: Über das Auftreten "unserer" Fußballtruppe in Brasilien, wo gemäß der von  Auguste Comte verkündeten historischen Gesetzlichkeit   ordem e progreso herrschen soll,  dürfen wir uns freuen. Unsere Mannschaft  - in Schwarz-Weiß-Rot (!!!???) - kämpfte durchwegs wacker, gegen Brasilien  fulminant und im Finale noch  siegreich, ganz ohne Elfmeterschießen. Dass allenthalben die Fairness der Deutschen gerühmt wird,  hört man gern. Jogi Löws Mannschaft  weckte Sympathien nicht nur auf dem Spielfeld (und auf der Reservebank),  sondern auch nach den Spielen in den von den Interviewern abgeforderten Kommentaren. Wer Mats Hummel in druckreifen Sätzen sprechen hörte, konnte nicht umhin, dessen Diktion mit dem vorgefertigten Phrasenkatalog zu vergleichen,  über den die Mehrheit unserer classe politica verfügt

Spätestens, wenn die Großen dieser Welt auf der Ehrentribüne Platz nehmen, ist es mit der Phrase, Sport sei die wichtigste Nebensache der Welt, vorbei. Ach, wie durften  wir uns mitfreuen, als Angela Merkel und Joachim Gauck in patriotischem Jubel die Arme hochwarfen! Warum Cristina Kirchner - angeblich krankheitshalber  - dem Endspiel fernblieb, entzieht sich unserer Kenntnis. Womöglich hatte sie eine Vorahnung. Dafür saß ihr jüngster Verbündeter Wladimir Putin direkt neben Angela Merkel, jedenfalls eine Zeitlang, als Dilma Rouseff (noch oder bereits wieder) abwesend war.  Sport verbindet, aber dass die beiden in  derlei kurzer Zeit zu einer diplomatischen Übereinkunft in der  Ukraine-Krise hätten gelangen können, war angesichts der macht- und geopolitisch hochkomplexen Konfliktlage - soeben erließ Putin Cuba zig Milliarden Schulden und sah sich nach Stützpunkten auf dem amerikanischen Subkontinent um - leider von vornherein auszuschließen. Zur Linken Merkels hatte der Bundespräsident Platz genommen, neben ihm der mit zahlreichen Frauen gesegnete, von barbusigen Femen unbehelligte Jacob Zuma. Gauck hätte den Kollegen aus Südafrika fragen können, ob die deutschen Investitionen in der RSA so sicher seien wie die in Putins Russischer Föderation.

Wie es heute mit dem nationalen Jubel in Berlin auf der "Fanmeile" weiterging, entnahm der Blogger bislang nur  den Morgennachrichten. Unser Regierender Bürgermeister Wowereit erklärte, dass auch er sich über den großen sportlichen Erfolg "riesig" freue, oder so ähnlich. Insgeheim freut er sich gewiss auch, dass er angesichts der Berliner Parteienlandschaft eine Abwahl  nicht zu befürchten hat. Mit ihm dürfen sich  oben auf dem Podest am Brandenburger Tor über den Massen vielleicht auch noch andere "Spitzenpolitiker" über den deutschen Endsieg in Rio freuen.

Bei all dem Jubel  nährt  der Blogger gegenüber dem patriotischen Juhu gewisse Zweifel. Die vielen Fahnen und sonstigen  schwarz-rot-goldenen Accessoires made in China werden alsbald wieder aus den Straßen, Tankstellen, Kneipen und  Edeka-Märkte verschwinden. Der politische Alltag hat mit der von den Sozialdemokraten europatriotisch mitgetragenen Wahl des christsozial-konservativen "Spitzenkanidaten" Jean-Claude Juncker bereits begonnen. Angesichts der nur verschleppten Schuldenkrise in den "Südstaaten" und der französischen Wirtschaftslage kann die Eurokrise jederzeit wieder hervorbrechen.

Was den inneren Zustand dieses unseres Landes  - die  Medien witzelten mal wieder über "-schland" - betrifft, so äußern sich alle befriedigt über die von Jogi Löws Team demonstrierten Fortschritte der Integration. Man mag von Nationalhymnen halten, was man will - immerhin sind die Verse der deutschen im Vergleich zu vielen anderen friedlich und unblutig. Ob jemand mitsingen will oder nicht, ist seine Sache. Dass der Oberschlesier Podolski - anders als Klose - ein gewisses Identitätsproblem hat, scheint verständlich. Hingegen illustriert die ostentative  emotionale Abstinenz von  in Deutschland geborenen WM-Siegern wie Khedira, Özil und Boateng die ideologischen Tiefenschichten der "Integration" - die  innere, bewusste Dazugehörigkeit zu dem mit seiner spezifischen Nationalgeschichte ausgestatteten "Einwanderungsland" Deutschland.

Spätestens wenn die islamistischen "Gotteskieger" (unlängst noch ein Unwort")  wieder in  ihr mitteleuropäisches  Geburtsland zurückreisen, stellt sich das Thema neu. Unterdesssen  protestieren arabische (sowie mutmaßlich noch andere muslimisch-migranitsche)  Jugendliche in Frankfurt und Berlin gewaltsam mit Steinen und Molotowcocktails gegen die Gewalt in Israel/Palästina...