Montag, 1. Juli 2013

Das Erkenntnisproblem der Intellektuellen

Das Erkenntnisproblem: Sehen, nicht was man sieht, sondern was man sehen will

Dass Intellektuelle - diejenigen, die sich für schlauer halten als die verachteten Normalbürger - anfällig für Ideologien sind und entsprechend blind für die Realitäten, gehört zu den bitter-ironischen Erkenntnissen -nicht allein, aber exemplarisch -  des 20. Jahrhunderts.

Beispiele für die Kritiklosigkeit, für Naivität, Blindheit und/oder Verblendung  "kritischer", meist "linker" Intellektueller gab es im letzten Jahrhundert genug. In den 1920er Jahren, sodann während des ersten Fünfjahresplans reisten  die Protagonisten der westlichen Intelligenzija voller Bewunderung durch die Sowjetunion. Die an sich reformerisch-sozialistisch gesinnten Fabians Sydney und Beatrice Webb fanden Gefallen am großen sowjetischen Experiment. Lion Feuchtwanger fand an Stalins Schauprozessen nichts auszusetzen.

Die Geschichte der mit  glänzenden Augen reisenden Revolutionstouristen  wiederholte sich in Castros Cuba - wo´s zugegeben nicht gar so schlimm war  - und erneut während des Großen Aufbruchs von 1968, als die Jüngeren, von der Sowjetunion Enttäuschten sich für Mao, die Kulturrevolution und die Volkskommunen begeisterten (obgleich ein paar Jahre zuvor der "Große Sprung nach vorn"  in eine furchtbare Katastrophe gemündet war). Einer von ihnen war Jan Myrdal, der nur Gutes, geradezu Wundersames aus der Kommune "Roter Oktober" (?) zu berichten wusste ("Bericht aus einem chinesischen Dorf", 1963).

Ein paar Jahre später fand der Sohn des schwedischen Soziologen-Ökonomen-Paares Alva und Gunnar Myrdal  an der mörderischen Rückkehr zum Urkommunismus im Lande der Roten Khmer nichts, was sein Entsetzen hätte auslösen müssen. Ähnlich sahen über Jahre hin, als der Schrecken längst offenkundig war,  Adepten des Maoismus in der Bundesrepublik keinen Grund zum Zweifel an  der im Dschungel von Kampuchea vom "Bruder Nr. 1" Pol Pot und dessen Genossen verwirklichten kommunistischen Utopie. Als Joscha Schmierer, seinerzeit Chef des  KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschland) durchs Land der Roten Khmer reiste, sah er auch nur, "was er sah".

Solches schreibt Schmierer in seiner (in der heutigen FAZ v. 01.07.2013, S. 28) ) abgedruckten Besprechung zweier Bücher über das 1979 von den kommunistischen Vietnamesen beendete Schreckensregime. Das eine Buch stammt von einem überlebenden, heute in Paris lebenden Kambodschaner, das andere von einem schwedischen Autor,  zu dessen Kindheitserinnungen die Begeisterung seiner Eltern am Tage der Einnahme Phnom Penhs (17.04.1975) durch die Roten Khmer gehört.

Grundlegend Neues ist aus der Rezension nicht zu erfahren. Schmierer schreibt: "´Ich sah, was ich sah´, aber warum beunruhigte den Rezensenten [J. Schm.]  dieser Bücher nicht, was er alles nicht sah, was sich dem Augenschein entzog? Wie die schwedischen Freunde besuchte ich als Leiter einer Delegation des Kommunistischen Bundes Westdeutschland Ende 1978, also kurz vor der vietnamesischen Invasion, das Demokratische Kampuchea. Enthusiastisch waren unsere Berichte nicht. Aber wir hatten auch nur  Fortschritte gesehen.""

Niemand verlangt von dem einstigen Protagonisten des ideologischen Wahns  ein  reuevolles Sündenbekenntnis. Gleichwohl: Eine Reflexion über die damalige (?) Anfälligkeit für hermetisch- ideologisches Bewusstsein und allgemein über die Verführbarkeit des vermeintlich kritischen Geistes wäre zu erwarten gewesen. Stattdessen begnügt sich Schmierer mit dem zitierten Satz: "Ich sah, was ich sah". Da macht er sich´s schlicht zu einfach.

Gewiss, heute, anno 2013, im Blick auf die Welt ringsum, sind wir alle, dank der Segnungen des Internet, und aufgeklärt durch you-tube, Google und Facebook,  immun gegenüber Fehlwahrnehmungen und Verführungen des Geistes.