Samstag, 3. Januar 2015

Danzig, Donezk, Dresden. Dazu das Positive zum Neuen Jahr 2015

I.
"Navigare necessum est - vivere non necesse". Dieser Sinnspruch, dessen grammatikalische Inkongruenz als erstes ins Auge fällt,  ziert ein Gebäude unweit des Goldenen Tors zu Danzig, wo der Blogger  ein paar Tage zur Jahreswende verbrachte, um sein Geschichts- und Gegenwartsbild  ästhetisch  zu vertiefen und zu aktualisieren  Daher das Positive fürs Neue Jahr vorweg: Das im kurzen 20. Jahrhundert von nationalistischen Emotionen, von Verfeindung, von  Krieg. Mord und Terror, sodann von Heimatverlust geprägte Verhältnis zwischen den beiden Nationen in der Mitte Europas hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in einen Zustand verwandelt, der an die langen Jahrhunderte fruchtbar-friedlichen Nebeneinanders und wechselseitiger Durchdringung des alten Römisch-Deutschen Reiches und des Königreichs Polen erinnern mag.

 Mit  Stolz  erinnert man  heute in Gdánsk nicht nur an den Streik auf der (seit Jahren stillgelegten) Leninwerft 1981, der aus polnischer Sicht das Ende des Sowjetimperiums und der Teilung Europas einläutete, sondern an die Monumente gemeinsamer deutsch-polnischer Geschichte im Ostseeraum. Symbolisch steht dafür das Stadtwappen: zwei Kreuze des Deutschen Ordens unter der Krone des polnischen Königs. Gleich zweifach - in polnischer und deutscher Sprache - verweisen Wappen und Inschriften auf die zwei Episoden der Freien Stadt Danzig - die erste unter Napoleon 1807-1814, die zweite unter dem Völkerbund 1920-1939.

II.
Mal sehen, wie man hierzulande die Gedenktage zum 70. Jahrestag des Kriegsendes (8. und/oder 9. Mai 1945)  und zur Potsdamer Konferenz (17.Juli - 2. August 1945), sodann zur staatlichen Wiedervereinigung des 1947/1949 geteilten Restdeutschland mit EU-europäisch eingefärbten Gedenk- und artikeln historisch aufbereitet. Es besteht Grund, für derlei Zwecke an  historischem Grundwissen nicht allzuviel vorauszusetzen: In dem zu Reisezwecken entliehenen Bädeker "Polnische Ostseeküste. Danzig. Masuren" erläutert der Autor die polnische "Westverschiebung" historisch wie folgt: "Schon auf den Konferenzen von Jalta 1943 und Teheran 1944 beschlossen die Alliierten eine europäische Nachkriegsordnung (Hervorh. im Orig.). Sie sah die Westverschiebung Polens bis an die Oder und Lausitzer Neiße vor; die Gebiete östlich von Bug und San sollten an die Sowjetunion fallen." (S.41)


III.
Die im obigen Zitat erkennbare indocta ignorantia steht kennzeichnend für die deutsche (oder bundesrepublikanische) Gesellschaft  anno 2015. Wo elementare historische Fakten nicht mehr in Erinnerung sind, durcheinandergeworfen oder - nach Art der derzeit populären historischen Fernsehfilme - beliebig arrangiert werden können, ist es mit der historischen Identität einer "Nation" nicht mehr weit her. Mehr noch, das aus  Geschichte und Kultur abgeleitete politische Selbstbewußtsein einer "Nation" evaporiert. Mit derlei historischem Unwissen und Desinteresse verschwindet indes auch die zu Staatszwecken mobilisierte historisch-emotionale Bindung der Bürger an ihr Gemeinwesen.

In concreto: Welche Relevanz hat die institutionalisierte Erinnerung an die NS-Verbrechen in einer - von ahistorischer Konsumkultur geprägten, "globalistisch" auf "events" ausgerichteten Gesellschaft? Was bedeutet es für eine societas politica und/oder die "Nation",  in der sich  zum einen die Deutschen - im selbstverächtlichen taz-Grünen-Jargon die "Biodeutschen", in soziologischer Diktion die  "Mehrheitsgesellschaft" - ihre Geschichte nahezu ausschließlich als negative, mehr oder weniger lästige Erinnerung empfinden, zum anderen die sich durch unverminderte, ungesteuerte Einwanderung ("Migration" anstelle semantisch richtig "Immigration") rapide verändernde Gesellschaft als "Gesellschaft" für das im wesentlichen auf die NS-Ära bezogene deutsche Geschichtsbild nicht im geringsten empfänglich zeigt - warum sollte sie auch?

Der - parallel zur Erinnerung an den Holocaust - beschworene Bezug auf die Transzendenz der unteilbaren -  indes nachweislich interpretierbaren - Menschenrechte erweist sich im Falle globaler, regionaler und nationaler Verteilungs- und Machtkämpfe keineswegs als Kohäsion vermittelndes, den politisch-sozialen Minimalkonsens garantierendes Medium, sondern als analytisch und politisch real unzureichendes Abstraktum.  Dieses factum brutum ist nicht allein dem Werk des Denkers Panajotis Kondylis (1943-1998) zu entnehmen. Wie schnell die von Machtrealitäten bestimmte  Historie - anstelle der universal realpolitisch nicht durchsetzbaren, aber uns europäisch einenden westlichen "Werte"  - in der Komplexität des Politischen zur Geltung kommen kann, werden wir in den absehbaren neuen Auseinandersetzungen um die Rolle Griechenlands in der EU sowie im Euroraum erleben.  

Des weiteren: 1) Wenn es in den nächsten Wochen doch  zu einer "Lösung" in der blutigen Ukrainekrise kommen sollte, so wäre dies als Erfolg der westlichen Sanktionen sowie als Folge des sinkenden Ölpreises zu werten.  Der "Erfolg" wäre indes mutmaßlich kaum mehr als ein mühselig ausgehandelter politischer Kompromiß, keineswegs die Durchsetzung der Menschenrechte auf der Krim, im Donbas, in Moskau, auch nicht in Kiew. Die  dereinst vom Taurischen Fürsten Potemkin für seine Zarin eroberte Krim wird Putin kaum wieder herausrücken. Unbeschadet davon dürfte er mangels Alternativen im Verhältnis zu Europa sein Eurasien-Konzept weiter verfolgen.  2) Wenn es irgendwann noch zu einem Ende der vom hochgejubelten "arabischen Frühling" ausgelösten, realiter  historisch, machtpolitisch und kulturell-religiös bedingten - absehbaren (vgl. H.A., Blog-Eintrag vom 8. August 2013) Massaker im nahöstlichen Krisenbogen kommen sollte, so resultierte ein solch "positives"  Ergebnis aus schieren Machtmöglichkeiten, nicht aus humaner Einsicht. 3) Die von Krieg, Mord, Überlebensangst, Hunger, Not,  (falscher?) Hoffnung  und Verbrechen ("Schleuserbanden") verursachten Flüchtlingsströme nach Europa, insbesondere nach Deutschland, erfordern verantwortliches, mutiges und humanes politisches Handeln, nicht Lamentieren und moralische Entrüstung über "Pegida". Adnote: Das Flüchtlingselend in Syrien hat andere Ursachen als das in Somalia, die Flucht aus Eritrea hat wiederum andere als die "militant migration" aus anderen Regionen Afrikas. Was tun?

IV.
In den Medien erfährt der von Angela Merkel vermittels einer in der "Affäre Edathy" inszenierten, an großes  Drama - oder billiges Schmierentheater, je nachdem  - erinnernden Ranküne des - damals noch prospektiven - SPD-Koalititonspartners zum Landwirtschaftsminister degradierte CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich keinerlei Unterstützung. Warum auch?  Friedrich kritisiert - von herausfordern kann keine Rede sein  - die Kanzlerin ob ihres kühl exerzierten Verzichts auf die ehedem von der "christlichen Volkspartei" CDU (y compris CSU) hochgehaltenen traditionellen "bürgerlichen" Werte: Familie, Volk und Nation. Völlig obsolet.

In ihrer Neujahrsansprache (zitiert in der gestrigen FAZ) ) an die "lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger" - selbst in der Anrede ignorieren die Frauen hierzulande die vom Gleichheitsprinzip (und der Logik) her gebotene Reziprozität - empfahl  Merkel als positives Beispiel gelungener Flucht und Integration einen Kurden, der vor Jahren aus dem Irak geflohen war und Deutschland dankbar sei dafür, dass "seine Kinder hier ohne Furcht aufwachsen können". Dies sei auch das Motiv derer gewesen, die  vor 25 Jahren in der DDR auf die Straße gegangen seien (inklusive Merkel?, H.A). Hingegen diagnostizierte sie bei den Organisatoren der Dresdner "Pegida"-Veranstaltungen  "Vorurteile, Kälte, ja sogar Hass in deren Herzen".

Das ist nicht auszuschließen, auch wenn es aus den Verlautbarungen der biographisch "bunten" Protestriege bis dato nicht unzweideutig hervorgeht. Der eine oder andere Kommentator hat bemerkt, dass einige der "Pegida-Forderungen" eigentlich zum Regierungsprogramm gehören.

V.
Mit moralischen Appellen allein sind  weder die durch globales Unheil erzeugten Fluchtbewegungen ("Migration")  zu lösen, noch ist  mit moralischer Entrüstung der in weiten Kreisen der "Mehrhheitsbevölkerung" erkennbaren Besorgnis hinsichtlich der rapiden Auflösung ihrer Lebenswelt zu begegnen.

"Die uns vertraute Welt ist aus den Fugen geraten", schreibt Gerd Appenzeller" im gestrigen Tagesspiegel. Er fährt mit ein paar kritischen Worten fort: "Die Politiker, die wir gewählt haben, können aber im Gegensatz zu den sektiererischen Randgruppen diese Wirklichkeit nicht ausblenden. Dennoch müssen sie damit aufhören, das jeweilige Regierungshandeln als alternativlos hinzustellen. Wer nicht ertrinken will, muss schwimmen - das ist alternativlos. [...] Man kann Kriegsflüchtlingen [Frage H.A.: in bliebiger Zahl?]  eine Arbeitserlaubnis geben - oder abgelehnte Asylbewerber schneller in die Heimat zurückschicken. Man kann eine Energiepolitik unter Beibehaltung von Atomkraftwerken vertreten - oder noch mehr auf die Kohle setzen." Der Leser  (Blogger)  rubriziert derlei  Kritik  an der als  "alternativlos" ausgebenen, mit hoher Moral  und hochmütiger Distanz  zum "Volk"- betriebenen  Konzeptionslosigkeit unserer Regierenden  unter den positiven Phänomenen unseres  Politalltags im Jahre 2015. Der beschwörende Nachsatz mit dem abgegriffenen Verbum ("Politik kann, muss immer noch gestalten") erinnert schon wieder an die von Merkel et. al. repräsentierte Wirklichkeit.